Inobhutnahme bei Kindeswohlgefährdung. Herausforderungen und Probleme anhand eines Fallbeispiels aus der Praxis


Akademische Arbeit, 2021

, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmungen
2.1. Kindeswohl
2.2. Kindeswohlgefährdung
2.2.1 Formen der Kindeswohlgefahrdung

3. Inobhutnahme als Maßnahme bei Kindeswohlgefährdung
3.1 Inobhutnahme
3.1.1 Rechtliche Grundlagen
3.1.2 Ziele der Inobhutnahme
3.1.3 Herausforderungen und Probleme der Inobhutnahme als Maßnahme bei Kindeswohlgefährdungen

4. Fallbeispiel aus der Inobhutnahme Twistringen
4.1 Die Inobhutnahme Twistringen
4.2 Fallbeispiel aus der Praxis - die Geschwister der Familie W
4.2.1 Feststellung der Kindeswohlgefährdung und Einleitung der Maßnahme der Inobhutnahme
4.2.2 Verlauf, Zielsetzung und Beendigung der Maßnahme
4.2.3 Reflexion der Herausforderungen am Beispiel der Geschwister W

5. Fazit

1. Einleitung

„Kaum ein Gedanke führt anfangs in die Tiefe der sozialpädagogischen Anforderungen und Bedingungen, die auf den Handelnden (...) liegen. Dabei stellt die Inobhutnahme gerade aus dieser Sicht eine große Herausforderung dar, um eine festgefahrene und Menschen gefährdende zwischenmenschliche Situation in einer eiligen Aktion zu verändern “ (Manfred Brötz)1

Das Thema der Vernachlässigung und Misshandlung von Kindern findet im Bereich der Öffentlichkeit immer mehr Gehör. Denn setzt die Tatsache, dass es Kindern in Deutschland im internationalen Vergleich in materieller Hinsicht recht gut geht, nicht zwangsläufig voraus, dass es in Einzelfällen nicht zur Verwahrlosung oder Misshandlung kommt. Werden solche Fälle durch die Presse publik, so stellt sich oft die Frage „wie kann so etwas passieren?“ Ein Beispiel hierfür ist der „Fall Kevin" (2006), der in der Öffentlichkeit für Betroffenheit gesorgt hat und die Frage aufkommen ließ, wie es dazu kommen konnte. Die Aufgabe des Jugendamtes ist es in Fällen des Wissens über die Gefährdung eines Minderjährigen beispielsweise durch eine Inobhutnahme einzugreifen, um die Gefahr abzuwenden und eventuell Schlimmeres zu verhindern. Dabei stellt dieser Eingriff sowohl sozialpädagogisch als auch rechtlich gesehen eine Herausforderung für das Jugendamt dar. In der vorliegenden Arbeit soll die Inobhutnahme als mögliche Maßnahme bei Kindeswohlgefährdung beleuchtet und der Frage nachgegangen werden, welche Herausforderungen und Probleme sich in dieser ergeben können. Die beschriebene Thematik wird in dieser Arbeit auf ein Fallbeispiel aus der Praxis der Einrichtung, in der die Autorin tätig ist, bezogen. Hierfür werden im ersten Teil (2. Kapitel) grundlegende Begriffsbestimmungen vorgenommen, die für das Verständnis der behandelten Thematik relevant sind. Darauf aufbauend soll im 3. Kapitel dargestellt werden, wobei es sich bei der Inobhutnahme als Maßnahme bei Kindeswohlgefährdung handelt, welche Ziele sie verfolgt und welche Schwierigkeiten aus ihr hervorgehen können. Im letzten Teil der Arbeit erfolgt die Darstellung des Fallbeispiels und eine Reflexion der beschriebenen Aspekte und der daraus hervorgehenden Problematik.

2. Begriffsbestimmungen

Im Folgenden werden die wesentlich relevanten Begriffe für diese Arbeit erläutert. Da die Inobhutnahme eine Maßnahme bei Kindeswohlgefährdung darstellt, liegt es nahe zu definieren, was genau das Kindeswohl ist, wie sich eine Kindeswohlgefährdung ergibt und was unter einer Inobhutnahme verstanden wird.

2.1. Kindeswohl

Der Begriff Kindeswohl lässt sich in keinem Gesetzestext klar definiert finden, es handelt sich um einen sogenannten unbestimmten Rechtsbegriff.2 Daraus ergibt sich, dass Begriff in der jeweiligen Situation subjektiv und im Einzelfall interpretiert werden muss. Denn „ein am Wohl des Kindes ausgerichtetes Handeln ist dasjenige, welches die an den Grundrechten und Grundbedürfnissen von Kindern orientierte, für das Kind jeweils günstigste Handlungsalternative wählt”.3 Das Wohl des Kindes oder Jugendlichen beschreibt also die Unversehrtheit, sowohl physisch als auch psychisch und die Möglichkeit zur Entwicklung. Zu berücksichtigen dabei sind die altersgerechten Bedürfnisse der Kinder oder Jugendlichen. Ebenso miteinzubeziehen sind Aspekte der Erziehung, sowie ethnische, kulturelle und religiöse Aspekte und Unterschiede.4 Das ist damit zu begründen, dass sich aus diesen Aspekten unterschiedliche Bedürfnisse der jungen Menschen ergeben.

2.2. Kindeswohlgefährdung

Auch bei dem Begriff der Kindeswohlgefährdung handelt es sich um einen sogenannten unbestimmten Rechtbegriff. Der § 1666 des BGB Abs. 1 nähert sich allerdings der Begriffsbestimmung an, indem er definiert, wann das Familiengericht eingreifen darf. Demnach liegt eine Kindeswohlgefährdung vor, wenn „das körperliche, geistige oder seelische Wohl des Kindes oder sein Vermögen gefährdet ist”.5 Der Eingriff des Familiengerichts ist in diesem Fall verpflichtend und muss so gewählt werden, dass die Maßnahme zur Abwendung der Gefährdung für den jungen Menschen dient. Nach einem Beschluss des Oberlandesgerichts Zweibrücken, liegt eine Kindeswohlgefährdung ebenso vor, "wenn unmittelbar bevorstehende Gefahr für die Kindesentwicklung abzusehen ist, die bei ihrer Fortdauer eine erhebliche Schädigung des körperlichen, geistigen oder seelischen Wohls des Kindes mit ziemlicher Sicherheit voraussehen lässt."6

2.2.1 Formen der Kindeswohlgefährdung

Dieser Definition lässt sich entnehmen, dass verschiedene Formen der Kindeswohlgefährdung möglich sind. Garantiert werden soll die körperliche, geistige und seelische Unversehrtheit. Daraus ergeben sich unterschiedliche Ebenen der Gefährdung. Zu nennen sind hier die

- Vernachlässigung (sowohl physische, psychische und emotionale)
- Misshandlung (physische und psychische)
- sexuelle Misshandlung/Missbrauch.

Bei der Vernachlässigung kann es sich um Unterlassungen handeln, die sich auf die Beaufsichtigung des Minderjährigen beziehen, aber auch um Mangel an Kontakt und Unterstützung zu dem Kind oder Jugendlichen. Ebenso handelt es sich um eine Vernachlässigung, wenn es an Bereitschaft fehlt eine Gefahr abzuwenden.7 Die Gefahr für Vernachlässigung steigt somit je jünger das Kind ist, da jüngere Kinder mehr auf die Beaufsichtigung und Fürsorge ihres Erziehungsberechtigten angewiesen sind als Jugendliche. Mit einzubeziehen ist hierbei die Kenntnis über die altersgerechten Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen8, da sich daraus unterschiedliche Indizien für die Vernachlässigung ergeben. Die Misshandlung kann sowohl auf physischer als auch auf psychischer Ebene stattfinden. Wichtig festzuhalten ist hierbei, dass jede Art von physischer Gewalt auch eine Form der psychischen bzw. seelischen Gewalt darstellt.9 Heinz Kindler definiert psychische Misshandlung als „wiederholte Verhaltensmuster der Betreuungsperson oder Muster extremer Vorfälle, die Kinder zu verstehen geben, sie seien wertlos, voller Fehler, ungeliebt, ungewollt, sehr in Gefahr oder nur dazu nütze, die Bedürfnisse eines anderen Menschen zu erfüllen”.10 Feindliche, abweisende oder ignorierende Verhaltensweisen von erziehenden Personen zählen ebenfalls zu psychischer Misshandlung, dabei muss diese als fester Bestandteil der Erziehung festzuhalten sein.11 Zu körperlicher Gewalt lassen sich Schläge, Verbrennungen, das vorsätzliche Aussetzen von Kälte, das Zwingen von oraler Aufnahme von Exkrementen, das Würgen und Vergiften nennen.12 Im §1631 des BGB wird bestimmt, dass Kinder „ein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung” haben.13 In der Regel wird physische Gewalt im Gegensatz zu psychischer Gewalt für außenstehende Personen leichter erkennbar durch Wunden, Hämatome o.ä. und kann dementsprechend durch Lehrer oder Ärzte gemeldet werden. Das Erkennen von psychischer Gewalt für andere Personen ist nicht immer ersichtlich. Als sexueller Missbrauch werden sexuelle Handlungen bezeichnet, die mit, an oder auch vor einem Kind oder Jugendlichen ausgeübt wird. „So werden (...) in der Regel auch sexuelle Handlungen ohne Körperkontakt, wie Exhibitionismus zum sexuellen Missbrauch gezählt".14 Diese Handlungen passieren gegen den Willen des Kindes. Ein weiteres Kriterium des sexuellen Missbrauchs ist die Überlegenheit des Täters. Diese kann sich sowohl in körperlicher, psychischer, kognitiver oder auch in sprachlicher Form äußern und wird aus der Machtposition des Täters heraus für die eigenen Bedürfnisse genutzt.15

3. Inobhutnahme als Maßnahme bei Kindeswohlgefährdung

Im Falle einer bestehenden Kindeswohlgefährdung oder einer absehbaren Gefährdung des Wohls eines Kindes oder Jugendlichen, existieren verschiedene Möglichkeiten für das Eingreifen und Abwenden der Gefährdung. Eine dieser Maßnahmen ist die Inobhutnahme des betroffenen Minderjährigen. Diese bildet in der Regel den letzten Schritt des Jugendamtes im Falle einer Kindeswohlgefährdung.

3.1 Inobhutnahme

Bei der Inobhutnahme handelt es sich um ein Instrument der Jugendhilfe, die die kurzzeitige Unterbringung eines Kindes oder Jugendlichen in einer dafür geeigneten Einrichtung beinhaltet. Nur das Jugendamt ist befugt diese Maßnahme auszuführen, sie zählt daher zu den „hoheitlichen Aufgaben" des Jugendamtes.16 Die Inobhutnahme wird als eine sozialpädagogische Krisenintervention verstanden. Dabei ist das Ziel der Inobhutnahme dem betroffenen Minderjährigen zu helfen und zu schützen. Das soll vor Allem durch die Beratung, Versorgung und die Klärung geschehen. Sie wird auch als eine sogenannte Eilmaßnahme oder Notmaßnahme verstanden, die als vorläufige Lösung gilt.17 Ziel ist eine kurze Verweildauer in der Inobhutnahme Stelle, die Lösung dauert in der Regel einige Stunden, Tage oder Wochen.18 Während dieser Zeit soll die Situation und auch die Perspektive des jungen Menschen möglichst geklärt werden. Die vorläufige Unterbringung bietet oft die Möglichkeit der Einschätzung der Gefahrensituation der Kinder und Jugendlichen, indem die Fachkräfte am Alltag der betroffenen Minderjährigen teilnehmen und durch Gespräche und Beobachten verschiedener Verhaltensweisen eine lösungsorientierte Perspektivplanung einleiten können.19 Die Inobhutnahme stellt im Bereich der Jugendhilfe eine besondere Form der Arbeit dar, daraus ergeben sich Herausforderungen und Probleme seitens der jungen Menschen und der Fachkräfte. Diese sollen in diesem Kapitel unteranderem beleuchtet werden.

[...]


1 vgl. Brötz, M. Die Inobhutnahme als hoheitliche Aufgabe des Jugendamtes - ein komplexes Aufgabenspektrum für den ASD, in: Lewis, G. (Hg.), R. Riehm (hg.), A. Neumann-Witt (Hg.), L. Bohnstengel (Hg.), S. Kostler (Hg.), Inobhutnahme konkret (2018), Walhalla Fachverlag, Regensburg S. 125

2 M. Günderoth, Kindeswohlgefährdung - Die Umsetzung des Schutzauftrages in der verbandlichen Jugendarbeit (2017), Psychosozial-Verlag, Gießen

3 Maywald, J. (2014) S.16, zit. nach Günderoth, M. (2017) S. 38

4 vgl. Günderoth, M. (2017) S. 38

5 vgl. https://www.buergerliches-gesetzbuch.info/bgb/1666.html, letzter Abruf am 19.01.2021

6 vgl. Beschluss vom 03.12.2010-2 UF 59/10, Kunkel (2015) S. 474 zit. Nach Günderoth, M. (2017) S. 40

7 vgl. Günderoth, M. (2017) S. 42

8 vgl. ebd.

9 vgl. Günderoth, M. (2017) S. 44

10 vgl. Kindler, H. (2006) Was ist unter psychischer Misshandlung zu verstehen? in: Kindler H., Lillig,S.,Blüml H., Meysen T. & Werner A. (Hg.). Handbuch Kindeswohlgefährdung nach § 1666 BGB und Allgemeiner Sozialer Dienst (ASD). München: Deutsches Jugendinstitut e.V S.4-1

11 vgl. ebd.

12 vgl. Deegener (2005) S. 37, zit. nach Günderoth, M. (2017) S. 43 ff.

13 vgl. ebd. S. 44

14 vgl. Bange (2004) S.30 zit. nach Kindler, H. (2006) S. 6-2

15 vgl. Bange/Deegener 1996 S.105 zit. nach Kindler, H. (2006) S. 6-3

16 vgl. Brötz, M. Die Inobhutnahme als hoheitliche Aufgabe des Jugendamtes - ein komplexes Aufgabenspektrum für den ASD, in: Lewis, (2018) S. 128

17 vgl. Kindler, H. (2006) S. 84-1

18 Zitelmann, M. Kindeswohlgefährdung und Inobhutnahme, in: Lewis, G. (2018) S.75

19 vgl. Lewis, G. (2018) S.75

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Details

Titel
Inobhutnahme bei Kindeswohlgefährdung. Herausforderungen und Probleme anhand eines Fallbeispiels aus der Praxis
Hochschule
Berufsakademie Lüneburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2021
Katalognummer
V1007273
ISBN (eBook)
9783346391841
ISBN (Buch)
9783346391858
Sprache
Deutsch
Schlagworte
inobhutnahme, kindeswohlgefährdung, herausforderungen, probleme, fallbeispiels, praxis
Arbeit zitieren
Vanessa Feo Ziemann (Autor:in), 2021, Inobhutnahme bei Kindeswohlgefährdung. Herausforderungen und Probleme anhand eines Fallbeispiels aus der Praxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1007273

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