Christian Adam Dann und die Emotionalisierung des Mensch-Tier-Verhältnisses im 19. Jahrhundert


Seminararbeit, 2018

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der württembergische Pietismus und die Rolle der Tiere

3. Christian Adam Dann und die Emotionalisierung des Mensch-Tier-Verhältnisses

4. Fazit

5. Quellen

6. Literatur

1. Einleitung

Für lange Zeit galt die Herrschaft des Menschen über das Tier in der christlichen Religion als unangefochtene Tatsache. Arthur Schopenhauer beschwerte sich noch 1840 lautstark, dass das Christentum die Quelle der „Rechtlosigkeit der Thiere“1 sei und viele Theologen beriefen sich tatsächlich stur auf das Genesis-Kapitel der Bibel, in dem Gott die Erde und ihre Tiere dem Menschen „untertan“ macht2. Auf der Grundlage dieser religiösen Legitimation waren Tiere bis ins 19. Jahrhundert hinein reine Nutztiere: Sie dienten als Nahrung, Zugmaschinen für Ackergeräte oder bewachten Haus und Hof. In den Augen ihrer Besitzer waren sie Gegenstände, keine fühlenden Lebewesen und so wurden sie auch behandelt. Daran, dass es moralisch verwerflich sein könnte, ein Tier zu quälen oder gar zu töten, war lange Zeit kein Gedanke verschwendet worden. Umso erstaunlicher erscheint es, dass die erste Forderung nach Respekt vor der Würde der Tiere ausgerechnet aus der Feder zweier pietistischer Pfarrer stammt. Christian Adam Dann (1758-1837) und Albert Knapp (1798-1864), beide Vertreter des württembergischen Pietismus gelten heute als die Gründerväter der deutschen Tierschutzbewegung. Nachdem Dann 1822 seine Tierschutzwerbeschrift Bitte der armen Thiere, der unvernünftigen Geschöpfe, an ihre vernünftigen Mitgeschöpfe und Herrn, die Menschen verfasst hatte, gründete sein Freund Albert Knapp am 17. Dezember 1837 den ersten deutschen Tierschutzverein in Stuttgart.

Danns Leitgedanke ist der des Mitgefühls gegenüber den Tieren, die er als Kreaturen Gottes unter menschliche Verantwortung stellt. Seine Schrift zielt maßgeblich auf das Erzeugen von Mitgefühl bei seinen Lesern ab und ist somit besonders in emotionswissenschaftlicher Hinsicht von Interesse, wenn man nach emotiver Kommunikation und der hermeneutischen Rekonstruktion von Gefühlswelten fragt. Mit welchen Methoden appelliert Dann an das Mitgefühl seiner Zeitgenossen mit Tieren und welche Rolle spielen die gesellschaftlichen und religiösen Faktoren des 19. Jahrhunderts bei der Erzeugung von Mitleid?

Für die Beantwortung der Fragestellung müssen zunächst die historischen Rahmenbedingungen betrachtet werden, in denen Danns Werk entstanden ist. Hierfür ist ein geschichtlicher Überblick über den württembergischen Pietismus und das gesellschaftliche Mensch-Tier-Verhältnis im 19. Jahrhundert notwendig. In einem zweiten Schritt wird Danns Schrift mit Hilfe emotionswissenschaftlicher Ansätze untersucht. Hauptaugenmerk liegt auf der Frage, welche Rolle Mitleid in seiner Argumentation spielt und wie sich emotionalisierende Elemente in seiner Schrift rekonstruieren lassen. Besonders Fritz Breithaupts Theorie der Empathie als Parteinahme und die von Pascal Eitler analysierte Pädagogisierung des Mensch-Tier-Verhältnisses bieten hier interessante Forschungsansätze. Ein Fazit fasst die Erkenntnisse der Arbeit anschließend zusammen.

2. Der württembergische Pietismus und die Rolle der Tiere

Als Pietismus bezeichnet man heute eine Frömmigkeitsbewegung mit Ursprung im deutschen Protestantismus, die ihre Aufgabe gemäß ihrer lateinischen Bedeutung (pietas, lat. Frömmigkeit, Pflichtgefühl) darin sieht, eine Rückbesinnung zum gottesfürchtigen Lebenswandel herbeizuführen. Ihre Bibelauslegung orientiert sich nah am Urtext3 und bildet eine geistig-religiöse Gegenbewegung zur lutherischen Orthodoxie4. Anders als viele andere theologische Ideen, zeichnet sich der Pietismus vor allem auch als eine soziale Bewegung aus, die aufgrund ihrer lebenspraktischen Frömmigkeit über die Kirche hinaus Einfluss auf das gesellschaftliche und kulturelle Leben des 19.

Jahrhunderts nahm.5 Als geistiger Vater der Bewegung gilt Philipp Jakob Spener (1635-1705), der mit Hilfe guter Beziehungen zum preußischen Königshaus seine Ideen einer praktisch gelebten Frömmigkeit in vielen deutschen Städten populär machte6. Spener gehörte zu den ersten lutheranischen Pfarrern, die auch Tiere in das 5. Gebot „Du sollst nicht töten!“ einbezogen und gemäß Sprüche 12, 10 zur Barmherzigkeit mit nichtmenschlichen Geschöpfen aufriefen7. Denn das so oft zitierte Gebot der Herrschaft über die Tiere8 meint laut der Pietisten keineswegs eine gewissenlose Tyrannei des Menschen über andere Spezies9, sondern ist vielmehr als eine schützende Verantwortung für alle Kreaturen Gottes zu interpretieren10.

Es ist kein Zufall, dass gerade der Pietismus die Grenzen zum Mensch-TierVerhältnis neu definiert. Neben einer vermehrten Rückbesinnung auf die in der Praxis gelebte Frömmigkeit entwickelten sich bald auch radikalisierte Glaubenserscheinungen in der pietistischen Bewegung, die vor allem im Herzogtum Württemberg eine dauerhafte und intensive Prägung hinterließen11. So setzte sich dort der Glaube fest, dass nach den Berechnungen des württembergischen Pietisten Johann Albrecht Bengel (1687-1752) im Jahre 1836 das in der Offenbarung vorhergesagte „Tausendjährige Friedensreich12 “ anbrechen müsse13. Diese Friedenszeit versprach die Rückkehr der Juden in ihr Land, den Frieden unter allen Völkern und das friedvolle Miteinader zwischen Mensch und Tier14. Das Erwarten dieser göttlichen Friedenszeit auf Erden wird als Chialismus bezeichnet. Der Chialismus geht Hand in Hand mit der zweiten radikalen Erscheinungsform des Pietismus, dem Spiritualismus. Diese Frömmigkeitslehre rechnet damit, das Wirken des göttlichen Geistes im Leben erfahren zu können15. Als Konsequenz dieser Glaubenserwartungen musste man sich als Anhänger des Pietismus nun mehr fragen, wie man sich und die Welt auf das kommende Reich Gottes vorbereiten konnte. Und zum ersten Mal in der christlichen Geschichte war es gleichermaßen relevant welche Rolle den Tieren in diesen Zeiten zukommen sollte16. Ins Gewicht fallen hier die folgenden, in Römer 8 erwähnten Verse: „19 Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. 20 Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit - ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat -, doch auf Hoffnung; 21 denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.17 “ Mensch und Tier warten gemeinsam auf die Erlösung der Schöpfung und werden gleichermaßen ins Himmelreich aufgenommen.18 Zudem lässt sich auch eine Zusage über das Schuldverhältnis am Sündenfall der Schöpfung herauslesen: Es war der Mensch, der mit dem Biss in den verbotenen Apfel das Band zu Gott zerstört und Mensch und Tier überhaupt erst in die missliche Lage der Sünde und Vergänglichkeit gestürzt hat. Das in Jes 11 angekündigte tausendjährige Friedensreich Jesu beschreibt ein harmonisches Miteinander von Mensch und Tier und weist auf einen Vegetarismus hin, in dem weder Menschen Tiere essen, noch Tiere sich untereinander als Nahrung betrachten.19

Damit war die als selbstverständlich angenommene Sonderstellung des Menschen gegenüber dem Tier zwar nicht vollständig aufgehoben, hatte aber einen erheblichen Dämpfer erlitten und zumindest in religiösen Kreisen zu einer Sensibilisierung in der Frage beigetragen, ob sich das kommende Friedensreich schon jetzt im Leben der Tiere verwirklichen lässt und somit „von Gottes Gegenwart Zeugnis gibt20 “. Tierquälerei war nicht mehr mit einem christlichen Weltbild zu vereinen, in dem die göttliche Erlösung der Tiere erwartet wurde. Zusammen mit der pietistischen Grundhaltung, nicht bloß passiv auf die kommende Friedenszeit zu warten, sondern durch fromme Taten aktiv an seiner Gestaltung teilzuhaben, kam dem Schutz der Tiere eine neue Stellung zu21: Er wurde zum Zeichen des neuen Gehorsams des mit Gott versöhnten Menschen22.

[...]


1 Schopenhauer, Arthur: Preisschrift über die Grundlage der Moral, in: Lütkehaus, Ludger(Hg.): Arthur Schopenhauers' Werke in 5 Bdn.,Bd. 3, Zürich 1988, S. 596.

2 Gen 1,28; Wise, Steven M.: Animal rights, one step at a time, S. 22-24, in: Sunstein, Cass R./ Nussbaum, Martha C.: Animal rights. Current debates and new directions, Oxford 2004.

3 Köster, Beate: „Mit tiefem Respekt, mit Furcht und Zittern“. Bibelübersetzungen im Pietismus, S. 95, in: Ehmer, Hermann/ Sträter, Udo (Hg.): Pietismus und Neuzeit. Ein Jahrbuch zur Geschichte des neueren Protestantismus, Bd. 24, Festschrift für Gerhard Schäfer und Martin Brecht, Beiträge zur Geschichte des württembergischen Pietismus, Göttingen 1998.

4 Vgl. Baranzke, Heike. Würde der Kreatur? Die Idee der Würde im Horizont der Bioethik, Epistemata, Würzburger wissenschaftliche Schriften, Reihe Philosophie, Bd. 328, Würzburg 2002, S.228.

5 Siehe hierzu Baranzke, Heike: Würde der Kreatur? Die Idee der Würde im Horizont der Bioethik, S. 229 und Jung, Martin H.: Pietismus, Frankfurt am Main 2005, S. 4.

6 Vgl. Baranzke, Heike: Würde der Kreatur? Die Idee der Würde im Horizont der Bioethik, S. 228-229.

7 Spr. 12, 10; Jung, Martin H.: Tierschutzgedanken in Pietismus und Aufklärung. Der Elberfelder Schriftsteller Johann Heinrich Eichholz als früher Vertreter der Tierschutzidee in Deutschland, in: Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins, Bd. 97, Jg. 1995/96, 1997, S. 115.

8 Vgl. Gen 1,28.

9 Zur Entstehung und Prägung des Spezisismusbegriffes in der Tierrechtsdebatte siehe auch Singer, Peter: Animal Liberation. Die Befreiung der Tiere, Hamburg 1996, hier besonders S. 27-58.

10 Janowski, Bernd: Herrschaft über die Tiere, Gen 1, 26-28 und die Semantik von rdh, in: Biblische Theologie und gesellschaftlicher Wandel, Festschrift für Norbert Lohfink, hg. v. Georg Braulig, Walter Groß und Sean S. McEvenue, Freiburg/Basel/Wien 1993, S. 183-198; Baranzke, Heike: Würde der Kreatur? Die Idee der Würde im Horizont der Bioethik S. 232.

11 Vgl. Jung, Martin H.: Pietismus, Frankfurt am Main 2005, S. 26 ff.

12 Apk 20.

13 Vgl. Jung, Martin H.: Pietismus, Frankfurt am Main 2005, S. 26 ff.

14 Röm 8, 19; Röm 6-11, Psa

15 Jung, Martin H.: Pietismus, S. 27.

16 Baranzke, Heike: Würde der Kreatur? Die Idee der Würde im Horizont der Bioethik, S. 236; Jung, Martin H.: Tierschutzgedanken in Pietismus und Aufklärung, S. 117.

17 Röm 8, 19-21.

18 Wilckens, Ulrich: Der Brief an die Römer. Evangelisch-katholischer Kommentar zum Neuen Testament, Bd. 6/2: Röm 6-11, Zürich/Köln/Neukirchen-Vluyn 1980, S. 145-169.

19 Jes 11. Diese Form des Vegetarismus herrschte bereits im Garten Eden vor dem Sündenfall und wird in theologischen Kreisen als „Urvegetarismus“ beschrieben.

20 Vgl. Baranzke, Heike: Würde der Kreatur? Die Idee der Würde im Horizont der Bioethik, S. 236.

21 Jung, Martin H.: Die Anfänge der deutschen Tierschutzbewegung im 19. Jahrhundert, in: Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte, 56. Jg., 1997, S. 226.

22 Jung, Martin H.: Die Anfänge der deutschen Tierschutzbewegung im 19. Jahrhundert, in: Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte, 56. Jg., 1997, S. 226; ders.: Tierschutzgedanken in Pietismus und Aufklärung, S. 115.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Christian Adam Dann und die Emotionalisierung des Mensch-Tier-Verhältnisses im 19. Jahrhundert
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
19
Katalognummer
V1007466
ISBN (eBook)
9783346392398
ISBN (Buch)
9783346392404
Sprache
Deutsch
Schlagworte
christian, adam, dann, emotionalisierung, mensch-tier-verhältnisses, jahrhundert
Arbeit zitieren
Jacqueline Keller (Autor), 2018, Christian Adam Dann und die Emotionalisierung des Mensch-Tier-Verhältnisses im 19. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1007466

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Christian Adam Dann und die Emotionalisierung des Mensch-Tier-Verhältnisses im 19. Jahrhundert



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden