Kriegspropaganda im Kosovo-Krieg


Seminararbeit, 2020

37 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Zerfall Jugoslawiens

3. Der Weg in den Krieg

4. Der Kosovo-Krieg

5. Das Konfliktgebiet
5.1. Bundesrepublik Jugoslawien
5.2. Kosovo

6. Die Konfliktparteien
6.1. Serbien
6.2. NATO
6.3. UCK

7. Kriegspropaganda

8. Prinzipien der Kriegspropaganda,
8.1. Kriegsabsicht wird bestritten
8.2. Schuld wird dem Feind zugewiesen
8.3. Feind wird dämonisiert,
8.4. Beanspruchung moralischer Überlegenheit
8.5. Feind wird Gräueltaten bezichtigt
8.6. Feind wird der Einsatz geächteter Waffen unterstellt
8.7. Geringe eigene, hohe feindliche Verluste
8.8. Unterstützung durch Intellektuelle ,
8.9. Heilige Mission
8.10. Kritik ist Verrat

9. Propaganda im Kosovo-Krieg
9.1. Serbien
9.2. NATO und der Westen
9.3. UCK,

10. Fazit,

11. Abkürzungsverzeichnis

12. Literaturverzeichnis

13. Quellenverzeichnis

Executive Summary Deutsch

Ende der 1990er Jahre kam es zu einem militärischen Konflikt zwischen dem Kosovo und der Republik Serbien, die Teil der Bundesrepublik Jugoslawien war. Der Krieg wurde der mit äußerster Brutalität um die Unabhängigkeit der Region Kosovo und deren ethnischer Zusammensetzung geführt. Der Konflikt stellte die letzte kriegerische Auseinandersetzung auf dem Gebiet der früheren Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien dar und markierte zumindest auf militärischer Ebene das Ende des Zerfalls des einstigen Vielvölkerstaates. Mit zunehmender Gewalt mischte sich auch der Westen in den Kosovo-Krieg ein und intervenierte nach erfolglosen Friedensverhandlungen mit Kampfeinsätzen der NATO. Vor und während des Konfliktes unternahmen alle Kriegsparteien intensive Propaganda-Anstrengungen, um ihre Ziele zu erreichen. Der Kosovo versuchte die Unabhängigkeit zu erreichen, während Serbien die Abspaltung seiner autonomen Region um jeden Preis verhindern wollte. Die NATO unterstützte die Unabhängigkeitsbestrebungen der KosovoAlbaner, verfolgte aber auch geopolitische und wirtschaftliche Ziele. Einen besonderen Stellenwert hatte die Kriegspropaganda in westlich Staaten, da hier ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg der NATO vertretbar gemacht werden musste. Der Krieg endete 1999 mit der faktischen, jedoch nicht offiziellen Unabhängigkeit des Kosovo und der Stationierung internationaler Friedenstruppen.

Executive Summary English

By the end of the 20th century a military conflict broke out between Kosovo and the Republic of Serbia, which was part of the Federal Republic of Yugoslavia. The war was fought for Kosovos independence and its ethnic composition with great brutality. The Kosovo War was the last armed conflict on the former territory of the Socialist Federal Republic of Yugoslavia and marked the end of its forcible disintegration. As the clashes intensified, the Western world joined the conflict. After peace negotiations failed, members of NATO intervened with military actions. Throughout the conflict all parties made intense efforts in war propaganda to reach their goals. While Kosovo tried to gain its independence, Serbia tried to avoid losing its autonomous territory. NATO supported Kosovo's efforts, but also joined the war to reach its own geopolitical and economic goals. Propaganda had special value in the Western world, since a war contrary to international law had to be justified. The war ended in 1999 with the factual, but not official independence of Kosovo and the deployment of international peacekeepers.

1. Einleitung

Mit dem Ausbruch des Kosovo-Krieges im Jahr 1998 begann die letzte militärische Auseinandersetzung am Balkan. Der Konflikt wurde um die Unabhängigkeit des Kosovo geführt und traf vor allem die Zivilbevölkerung. Vorangegangen war dem Krieg ein langer Zeitraum voller Feindseligkeit und Abneigung zwischen der albanischen Bevölkerung des Kosovo auf der einen und der mehrheitlich serbischen Bevölkerung der jugoslawischen Teilrepublik Serbien auf der anderen Seite. Die Kämpfe zwischen serbischen und kosovarischen Kräften stellten insgesamt nur einen kurzen Abschnitt des zuvor hauptsächlich gewaltfrei geführten Konflikts dar. Ursächlich für die letztendliche Eskalation war die zunehmende Diskriminierung des albanischen Bevölkerungsteils, sowie die Einschränkung der Autonomierechte des Kosovo durch serbische Gesetze und Verfassungsänderungen. Um Kriegsverbrechen zu verhindern und die Kampfhandlungen zu beenden, griff die NATO militärisch in den Konflikt ein. Die Intervention erfolgte ohne UN-Mandat, was einen Bruch des Völkerrechts darstellte und den beteiligten Staaten die Kritik der Weltöffentlichkeit einbrachte. Der Krieg und die nachfolgende Stationierung internationaler Friedenstruppen resultierte in einer nicht offiziell anerkannten, jedoch faktischen Unabhängigkeit des Kosovo von der Bundesrepublik Jugoslawien. Vor und während des Konfliktes unternahmen alle Kriegsparteien große Propagandaanstrengungen um die öffentliche Meinung zu beeinflussen und den Gegner zu schwächen. Erstmals spielte das Internet in einem militärischen Konflikt zur Verbreitung von Information und Desinformation eine Rolle. Die Kriegspropaganda basierte auf dem Herabsetzen des Feindes in der Öffentlichkeit und der Stigmatisierung des Gegners als einzig böse Macht. Zu diesem Zweck beschuldigten sich die beteiligten Akteure gegenseitig, Kriegsverbrechen und begangen zu haben. Falschinformationen wurden von allen Seiten in großem Stil verbreitet und trugen in einigen Fällen maßgeblich zur weiteren Eskalation des Konfliktes bei.

2. Der Zerfall Jugoslawiens

Der Niedergang der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien (SFRJ) begann mit der Einführung einer neuen Verfassung im Jahr 1974 und somit schon lange vor den Jugoslawienkriegen der 1990er Jahren. Diese verlagerte viele Kompetenzen der Bundesebene auf die sechs Teilrepubliken, sowie auf die beiden autonomen serbischen Regionen Kosovo und Wojwodina. Die sechs Republiken hatten jeweils eigene Regierungen, Verfassungen und Parlamente. Jede Teilrepublik hatte formell das Recht auf Loslösung vom Staat Jugoslawien, zudem konnten die Verläufe ihrer Grenzen nur dann geändert werden, wenn die jeweiligen Regierungen dem zustimmten.1 Durch die neue Verfassung erfuhren die autonomen Gebiete in Serbien eine Aufwertung zu konstitutiven Teilen der Föderation. Das führte dazu, dass sich die Republik Serbien benachteiligt sah und mitunter von einer Dreiteilung Serbiens die Rede war.2

Der bereits seit der Gründung des Königreichs Jugoslawien im Jahr 1918 bestehende Konflikt um das Wohlstandsgefälle zwischen dem wirtschaftsstarken Nordwesten und dem ärmeren Süden verschärfte sich nach Einführung der Verfassung von 1974 und dem langsamen Scheitern der Arbeiterselbstverwaltung. Die wohlhabenderen Republiken Kroatien und Slowenien sahen sich durch die jugoslawischen Umverteilungsmaßnahmen der Finanzmittel in ihrer Entwicklung behindert und standen diesen immer kritischer gegenüber. Währenddessen störten sich die armen Republiken im Süden, sowie das wirtschaftlich etwas stärkere Serbien am scheinbaren Egoismus der reichen nordwestlichen Staaten.3

Die Kernelemente des sozialistischen Jugoslawiens verloren in den 1980er Jahren an Bedeutung. Mit der Auflösung das Warschauer Paktes wurde die Blockfreiheit hinfällig und das Wirtschaftssystem der Arbeiterselbstverwaltung stand vor dem Kollaps. Als im Mai 1980 der seit 1945 regierende Diktator Josip Broz Tito starb, ging mit ihm zudem die Verkörperung der SFRJ verloren. Der Lebensstandard und die Zufriedenheit der Bevölkerung sanken, Arbeitslosigkeit und Armut nahmen zu und Jugoslawien stand am Rande des Staatsbankrotts. Verunsicherung machte sich breit und die Konflikte um die Kapitalverteilung innerhalb des Bundesstaates spitzten sich zu.4

Der Kosovo und die Wojwodina wurden durch eine Änderung der serbischen Verfassung, die gegen die Bundesverfassung der SFRJ verstieß, im März 1989 in ihrer Autonomie eingeschränkt. Vorangegangen waren Proteste von Kosovo-Albanern, die erneut die Anerkennung ihrer Provinz als siebente jugoslawische Republik forderten. Die Proteste wurden, wie zuvor schon im Jahr 1981, von Armee und Polizei brutal niedergeschlagen. Durch die Einschränkung der Autonomierechte verfügte Serbien plötzlich über drei Stimmen innerhalb der jugoslawischen Bundesorgane. Zusammen mit Montenegro, das den gleichen Kurs vertrat, waren es sogar vier und damit genau so viele, wie alle anderen Republiken gemeinsam besaßen. In weiterer Folge war Serbien in der Lage, alle anderen Republiken in Parteitagen des „Bund der Kommunisten Jugoslawiens“ (BdKJ) zu überstimmen, was zu aufkeimendem Nationalismus und weiteren Zerwürfnissen zwischen den Staaten führte.5

Im Jahr 1990 scheiterten Verhandlungen über eine Neuordnung Jugoslawiens an den gegensätzlichen Interessen der Republiken. Es folgten zahlreiche Volksbefragungen und Referenden, die eine mögliche Loslösung der jeweils betroffenen Gebiete von der SFRJ anstrebten. Ein möglicher Zerfall Jugoslawiens bedrohte die Angehörigen vieler Volksgruppen, die nicht in ihrer jeweiligen Heimatrepublik lebten. Besonders schwierig war die Situation für ethnische Serben, von ihnen lebten damals nur gut 60 Prozent innerhalb Serbiens. Ähnlich verhielt sich die Situation für ethnische Kroaten. Diese beiden Volksgruppen waren daher bestrebt, eine Änderung ihrer Grenzen zu erwirken und stark serbisch oder kroatisch bewohnte Gebiete in ihre Staatsgebiete einzubinden.6

Die Republiken Kroatien und Slowenien erklärten am 25. Juni 1991 ihre Unabhängigkeit, wodurch der Zerfall der SFRJ nicht mehr aufzuhalten war. Es folgte ein zehn Tage andauernder Krieg zwischen JNA und slowenischer Territorialverteidigung (TO), aus dem der neue Staat Slowenien siegreich hervorging. Auch in stark serbisch besiedelten Gebieten Kroatiens kam es zu immer heftigeren Auseinandersetzungen zwischen serbischen Aufständischen und kroatischen Sicherheitskräften. Die Situation eskalierte zu einem offenen Krieg um die mehrheitlich serbischen Gebiete Kroatiens, in dessen Verlauf die Volksarmee Seite an Seite mit paramilitärischen Organisationen und serbischen Polizeieinheiten gegen die Kroaten kämpfte. Im Verlauf des Kroatienkrieges kam es erstmals zu ethnischen Säuberungen, Massenvertreibungen und Kriegsverbrechen.7

Im März 1992 begann ein dritter Unabhängigkeitskrieg um das Gebiet Bosniens. Dieser stellte den wohl intensivsten Konflikt der Jugoslawienkriege dar und zerstörte das Land völlig. Mit zunehmender Dauer der Kampfhandlungen gerieten die bosnischen Regierungstruppen in die Defensive, während Truppen bosnischer Serben mehr als zwei Drittel der Republik einnehmen konnten. Die bosnischen Serben waren gut ausgerüstet und verfügten über schwere Waffen der JNA, die sich bereits im Mai 1992 offiziell in die neu gegründete Bundesrepublik Jugoslawien zurückgezogen hatte. Erst als bosnische und kroatische Truppen gemeinsam gegen bosnisch-serbische Verbände in Kroatien und Bosnien vorgingen, änderte sich die Lage zugunsten der bosnischen Regierungstruppen. Unterstützt wurden sie von Luftangriffen der NATO, die den Auftrag hatte, die in Bosnien stationierten UNPROFOR-Truppen und die Zivilbevölkerung in UN-Schutzzonen vor serbischen Attacken zu schützen.8

Auf Drängen der USA stimmten die Konfliktparteien 1995 einem Waffenstillstand zu, der im Dezember unterzeichnet wurde und Bosnien zwar nicht teilte, jedoch zu einem Land zweier Entitäten machte. Seitdem halten die bosnisch-kroatische Föderation und die Serbische Republik9 jeweils knapp die Hälfte des Territoriums Bosnien-Herzegowinas.10

Mit dem Kosovo-Krieg begann der letzte militärische Konflikt am Gebiet am Balkan. Das Kriegsende im Juni 1999 markierte auch das Ende des Zerfalls der SFRJ.11 Die Bundesrepublik Jugoslawien als einzig verbliebener Rest der einstigen SFRJ fand ihr Ende 2003 mit der Umbenennung des Staatenbundes in Serbien-Montenegro bzw. der montenegrinischen Unabhängigkeit im Jahr 2006.12

3. Der Weg in den Krieg

Schon lange vor dem Krieg waren die im Kosovo lebenden Albaner und Serben verfeindet. Gründe dafür gab es viele, unter anderem war die Feindschaft auf brutal niedergeschlagene, kosovoalbanische Proteste im Jahr 1981 zurückzuführen, als Demonstranten für die Anerkennung des Kosovo als siebente Jugoslawische Republik eintraten. Auch die neue serbische Verfassung des Jahres 1989, die die Autonomie des Kosovo massiv einschränkte, förderte diese Feindschaft.13 Eine friedliche Lösung war schon zu dieser Zeit höchst unwahrscheinlich, jedoch wurde dem Konflikt lange keine Aufmerksamkeit geschenkt, da die Weltöffentlichkeit der 1990er Jahre im Zuge des Zerfalls des SFRJ mit den Kriegen in Slowenien, Kroatien und Bosnien beschäftigt war.14

Es gab bereits damals eine kosovo-albanische Unabhängigkeitsbewegung. Deren Symbolfigur Ibrahim Rugova gründete 1989 die Demokratische Liga des Kosovo (LDK) und leistete gewaltfreien Widerstand gegen die serbische Regierung. Bis 1994 hatte sich die LDK als tragende politische Kraft im Kosovo etabliert. Es existierte mit ihr eine von Belgrad geduldete Schattenregierung. Sie hatte ein albanisches Staatssystem organisiert, das jedoch kaum funktionierte. Da die mehrheitliche albanische Bevölkerung des Kosovo die serbische Regierung in Belgrad nicht akzeptierte, wurden die KosovoAlbaner langsam zu Menschen zweiter Klasse degradiert. Dadurch vertieften sich die Feindseligkeiten weiter, die nach wie vor keine Priorität in der westlichen Welt hatten.15

Die Ungeduld der kosovo-albanischen Bevölkerung wuchs und mit dem Jahr 1996 trat erstmals die selbsternannte Befreiungsarmee des Kosovo (U£K) in Erscheinung, die eine Abspaltung von Serbien bzw. der Bundesrepublik Jugoslawien gewaltsam durchsetzen wollte.16 Es kam zu ersten Anschlägen auf serbische Sicherheitskräfte im Kosovo, die wiederum eine entsprechend gewalttätige Reaktion provozierten. Zunehmen wurden auch Kosovo-Albaner zum Ziel der U£K, wenn der Verdacht bestand, dass diese mit den Serben sympathisierten. Mit dem Erstarken der gewaltbereiten Organisation schwand die Autorität der friedlichen LDK und sie wurde faktisch bedeutungslos. Währenddessen wurden die Vergeltungsaktionen der serbischen Sicherheitskräfte wurden immer brutaler. Durch die heftigen Gegenreaktionen der Serben traten der U£K immer mehr, vor allem junge Kosovo-Albaner bei und die Gewalt steigerte sich weiter.17

Anfang 1998 griffen Mitglieder der U£K eine serbische Patrouille im Kosovo an. Ein Massaker der Serben an einer kosovarischen Familie als Reaktion auf den U^K-Angriff löste am 28. Februar 1998 offiziell den Kosovo-Krieg aus.18

4. Der Kosovo-Krieg

Der Kosovo-Krieg war der letzte militärische Konflikt am Gebiet der früheren Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien (SFRJ). Er begann am 28. Februar 1998 und wurde zwischen Truppen der zur Bundesrepublik Jugoslawien gehörenden Republik Serbien und der kosovarischen U£K geführt. Nachdem Friedensverhandlungen unter westlicher Vermittlung gescheitert waren, trat die NATO dem Konflikt bei und begann im März 1999 mit der Bombardierung von serbischen Zielen.19 Anfang Juni akzeptierte die serbische Führung einen Friedensplan der G8.20 Als Reaktion darauf beendete die NATO am 10. Juni ihre Luftangriffe.21 Mit dem Ende der Angriffe endete auch der Krieg und die Serben zogen sich aus dem Kosovo zurück. Zwei Tage später rückten erste Soldaten der internationalen Friedenstruppe KFOR in das Gebiet ein.22

5. Das Konfliktgebiet

Der Kosovo-Krieg fand sowohl am Gebiet der Republik Serbien als auch im autonomen Kosovo statt. Beide Länder liegen am Balkan und waren einst Teil der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien. Seine Eigenstaatlichkeit erreichte der Kosovo erst nach der Abspaltung von der zur Bundesrepublik Jugoslawien gehörenden Republik Serbien.

5.1. Bundesrepublik Jugoslawien

Die Bundesrepublik Jugoslawien (BRJ) war der Nachfolgestaat der in den 1990er Jahren zerfallenen Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien. Sie existierte von 1992 bis 2003 und bestand aus den Teilrepubliken Serbien und Montenegro, sowie der zu Serbien gehörenden autonomen Region Kosovo. Die BRJ erstreckte sich mit 102.000 Quadratkilometern über knapp die halbe Fläche der früheren SFRJ und zählte 10,6 Millionen Einwohner. Neben Serben, die mit über 60 Prozent die größte Bevölkerungsgruppe bildeten, lebten in den Teilrepubliken vor allem Albaner und Montenegriner. Die BRJ grenzte an die Nachbarstaaten Albanien, Bosnien-Herzegowina, Bulgarien, Kroatien, Mazedonien, Rumänien und Ungarn. Die Hauptstadt des Staates stellte Belgrad in der Republik Serbien dar.23

5.2. Kosovo

Der Kosovo ist ein europäischer Kleinstaat und liegt zwischen Albanien, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien. Seine Fläche beträgt knapp 10.900 Quadratkilometer. Der Kosovo ist de-facto seit 1999 von Serbien unabhängig und erklärte 2008 offiziell seine Eigenstaatlichkeit.24 Völkerrechtlich ist sein Status umstritten, nur 97 der 193 UN-Mitgliedsstaaten erkennen den Kosovo als souveränen Staat an. Zahlreiche weitere Länder, unter ihnen auch Serbien, betrachten das Gebiet weiterhin als autonome serbische Provinz.25 Im Jahr 2020 leben im Kosovo etwa 1.933.000 Menschen, davon 214.000 in der Hauptstadt Pristina. 93 Prozent der Einwohner sind Albaner, die restliche Bevölkerung besteht aus Serben und anderen Minderheiten.26 Aufgrund seiner niedrigen Wirtschaftsleistung gehört der Kosovo zu den Entwicklungsländern.27

6. Die Konfliktparteien

Am Kriegsgeschehen beteiligten sich lokale, aber auch ausländische Akteure. Auf kosovoalbanischer Seite kämpfte die Unabhängigkeitsbewegung U£K, später auch mit Unterstützung der NATO. Die serbische Seite verfügte über die Armee der BRJ, sowie über paramilitärische Einheiten des serbischen Innenministeriums.

6.1. Serbien

Die Serben verfügten im Kosovo-Krieg über verschiedene militärische und paramilitärische Organisationen. Die größte Truppenstärke lag bei der Jugoslawische Armee „Vojska Jugoslavije“ (VJ), die 1992 aus den Resten der Jugoslawischen Volksarmee „Jugoslavenska narodna armija“ (JNA) gegründet wurde. Sie stellte die regulären Streitkräfte der BRJ dar und verfügte über etwa 100.000 aktive Soldaten aus den Teilrepubliken Serbien und Montenegro.28 Weitere paramilitärische Truppenteile unterstanden dem serbischen Innenministerium „Ministarstvo Unutrasnjh Poslova“ (MUP)29 Zu den Truppen des Innenministeriums gehörte mit der „Jedinica za specijalne operacije“ (JSO) eine etwa 1.700 Mann starke Sondereinheit, die vom serbischen Geheimdienst ausgebildet worden war.30 Der JSO werden sowohl in Bosnien und Kroatien als auch im Kosovo Kriegsverbrechen zur Last gelegt.31 So war beispielsweise die JSO Einheit „Scorpions“ im Juli 1995 an der Ermordung muslimischer Zivilisten während des Massakers von Srebrenica im Bosnienkrieg beteiligt.32 Neben der regulären serbischen Polizei existierte mit der gut gerüsteten, paramilitärischen Spezialtruppe „Posebne jedinice policije“ (PJP) eine weitere, dem Innenministerium unterstehende Organisation.33 Sie verfügte mit Artillerie und gepanzerten Fahrzeuge über schwerere Ausrüstung als andere Spezialeinheiten.34 Zu jeder PJP-Einheit gehörte eine Anti-Terror Spezialeinheit.35 Zusammen betrug deren Truppenstärke etwa 7000 Mann.36 Im Kosovo verübte die PJP Kriegsverbrechen und war wegen ihrer Brutalität gefürchtet.37 Die dazugehörige Anti-Terror Spezialeinheit „Specijalna Antiteroristicka Jedinica“ (SAJ) wurde aufgrund wachsender terroristischer Bedrohungen bereits in der SFRJ der 1970er Jahre gebildet.38 Im Kosovo-Krieg war die SAJ maßgeblich daran beteiligt, ermordete Kosovo-Albaner zur Vertuschung der serbischen Kriegsverbrechen aus Massengräbern zu exhumieren und heimlich nach Serbien zu transportieren.39

6.3. NATO

Der Nordatlantik-Pakt (North Atlantic Treaty Organisation, NATO) wurde 1949 von den USA, Kanada, sowie zehn europäischen Staaten gegründet. Das militärische Verteidigungsbündnis richtete sich in seinen Anfangsjahren vor allem gegen die Sowjetunion, die im aufkommenden Kalten Krieg eine besondere Bedrohung für die Staaten Nachkriegs-Europas darstellte. Mit dem Zerfall der Sowjetunion und der Auflösung des Warschauer Paktes verlor die NATO an Bedeutung. Fortan lag das Hauptaugenmerk darauf, Stabilität und Frieden in Europa und zwischen den Bündnisstaaten aufrechtzuerhalten. Das Aufgabengebiet der NATO wurde um Krisenprävention und Krisenmanagement erweitert, womit sie nicht mehr darauf ausgelegt war, auf rein territoriale, militärische Bedrohungen zu reagieren. Andere Sicherheitsbedrohungen wie Terrorismus, Bürgerkriege oder globale Entwicklungen mit Auswirkungen auf die Mitgliedsstaaten rückten in den Mittelpunkt. Dadurch wandelte sich die Nato vom reinen Verteidigungsbündnis zu einem politischen und militärischen Sicherheitsbündnis.40

In den 1990er Jahren zeigte sich dieser Perspektivenwechsel an Einsätzen in Staaten, die nicht der NATO angehörten und keine direkte Bedrohung für das Bündnis darstellten. Luftangriffe auf serbische Stellungen im Bosnienkrieg 1995 waren der erste Einsatz dieser Art. Diesem folgten multilaterale, unter NATO-Kommando stehende IFOR (Implementation Force) und SFOR (Stabilisation Force) Bodentruppen41 in Bosnien-Herzegowina, die die dort seit 1992 stationierte UNPROFOR (United Nations Protection Force) der Vereinten Nationen ablösten.42

[...]


1 Vgl. Sundhaussen, Holm: Jugoslawien und seine Nachfolgestaaten 1943-2011. Eine ungewöhnliche Geschichte des Gewöhnlichen. Wien 2012. S. 199.

2 Vgl. Sundhaussen, Holm: Der Zerfall Jugoslawiens und dessen Folgen. Die Krise der 1980er Jahre. Im Internet: https://www.bpb.de/apuz/31042/der-zerfall-jugoslawiens-und-dessen-folgen?p=1 (eingesehen am 07.07.2020).

3 Vgl. Sundhaussen, Zerfall.

4 Vgl. Sundhaussen, Holm: Der Zerfall Jugoslawiens und dessen Folgen. Die ethnonationale Mobilisierung. Im Internet: https://www.bpb.de/apuz/31042/der-zerfall-jugoslawiens-und-dessen-folgen?p=3 (eingesehen am 07.07.2020).

5 Vgl. Sundhaussen, Zerfall.

6 Vgl. ebda.

7 Vgl. ebda.

8 Vgl. Sundhaussen, Zerfall.

9 Die Serbische Republik als Teil Bosnien-Herzegowinas ist nicht mit der Republik Serbien zu verwechseln.

10 Vgl. Sundhaussen, Zerfall.

11 Vgl. Ivanji, Krieg.

12 Vgl. Nigel, Thomas [u.a.]: The Jugoslav Wars. Bosnia, Kosovo and Macedonia 1992 - 2001, 2 Bde. Oxford 2006. S. 54.

13 Vgl. Sundhaussen, Zerfall.

14 Vgl. Ivanji, Krieg.

15 Vgl. ebda.

16 Vgl. Rabehl, Thomas: Das Kriegsgeschehen 1998. Daten und Tendenzen der Kriege und bewaffneten Konflikte. Leverkusen 1999. S. 211-220.

17 Vgl. Ivanji, Krieg.

18 Vgl. Ivanji, Krieg.

19 Vgl. Rabehl, Kriegsgeschehen.

20 Vgl. ebda.

21 Vgl. Schmidinger, Thomas: Wie vor 20 Jahren der Kosovo-Krieg die Linken und die Grünen entzweite. Im Internet: https://www.derstandard.at/story/2000103137563/wie-vor-20-jahren-der-kosovo-krieg-die-linken-und (eingesehen am 16.10.2020).

22 Vgl. Ridderbusch, Jahrzehnt.

23 Vgl. NN: Bundesrepublik Jugoslawien. Im Internet: https://www.spiegel.de/politik/ausland/bundesrepublik- jugoslawien-zerfallender-vielvoelkerstaat-a-14826.html (eingesehen am 03.07.2020).

24 Vgl. Central Intelligence Agency: The World Factbook. Kosovo. Im Internet: https://www.cia.gov/library/ publications/the-world-factbook/geos/kv.html (eingesehen am 14.10.2020).

25 Vgl. World Population Review: Countries that recognize Kosovo 2020. Im Internet: https://worldpopulationreview.com/country-rankings/coun1ries-1hat-recognize-kosovo (eingesehen am 14.10.2020).

26 Vgl. Central Intelligence Agency, World.

27 Vgl. Laenderdaten.info: Kosovo. Im Internet: https://www.laenderdaten.info/Europa/Kosovo/index.php (eingesehen am 03.07.2020).

28 Vgl. Nigel [u.a.], Wars, S. 32-41.

29 Vgl. Gow, James: The Serbian Project and ist Adversaries. A Strategy of War Crimes. London 2003. S. 86.

30 Vgl. NN: Serbische „Rote Barette“ im Dienst der Mafia. Im Internet: https://www.derstandard.at/story/1271376863722/serbische-rote-barette-im-dienst-der-mafia (eingesehen am 09.07.2020).

31 Vgl. Gow, Project, S. 87.

32 Vgl. Judah, Tim und Sunter, Daniel: How video that put Serbia in dock was brought to light. Im Internet: https://www.theguardian.com/world/2005/jun/05/balkans.warcrimes (eingesehen am 11.07.2020).

33 Vgl. Nigel [u.a.], Wars, S. 43.

34 Vgl. NN: Milosevic's praetorian guards drive British Land Rovers painted white, like aid and TV Vehicles. Im Internet: https://www.irishtimes.com/news/milosevic-s-praetorian-guards-drive-british-land-rovers-painted-white-like-aid-and- tv-vehicles-1.169534 (eingesehen am 13.07.2020).

35 Vgl. Human Rights Watch: War Crimes in Kosovo. New York 2001. S. 78.

36 Vgl. Human Rights Watch, War, S. 86.

37 Vgl. Ristic, Marija: Silence shields killers of Albanian-Americans in Serbia. Im Internet: https://balkaninsight.com/2016/07/08/silence-shields-killers-of-albanian-americans-in-serbia-07-08-2016/ (eingesehen am 13.07.2020).

38 Vgl. Ministarstvo unutrasnjih poslova: Istorijat. Im Internet: http://arhiva.mup.gov.rs/cms_lat/direkcija.nsf/saj- istorijat.h (eingesehen am 15.10.2020).

39 Vgl. Borger, Julian: Kosovo Albanian mass grave found under car park in Serbia. Im Internet: https://www.theguardian.com/world/2010/may/10/kosovo-albanian-mass-grave-serbia (eingesehen am 15.07.2020).

40 Vgl. Morgen, Sven: Die NATO. Deutschland im Bündnis. Im Internet: https://www.bpb.de/politik/grundfragen/deutsche-verteidigungspolitik (eingesehen am 15.07.2020).

41 Vgl. NATO: Operations and missions: past and present. Im Internet: https://www.nato.int/cps/en/natohq/topics_52060.htm (eingesehen am 15.07.2020).

42 Vgl. Government of Canada: United Nations Protection Force (UNPROFOR). Im Internet: https://www.canada.ca/en/department-national-defence/services/military-history/history-heritage/past- operations/europe/canengbat-mandarin-harmony-cavalier-medusa-panorama.html (eingesehen am 15.07.2020).

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Details

Titel
Kriegspropaganda im Kosovo-Krieg
Hochschule
FH Joanneum Graz  (Journalismus & PR)
Veranstaltung
Medien und Gesellschaft
Note
2
Autor
Jahr
2020
Seiten
37
Katalognummer
V1007488
ISBN (eBook)
9783346392275
ISBN (Buch)
9783346392282
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kriegspropaganda, kosovo-krieg
Arbeit zitieren
Paul Jaunegg (Autor), 2020, Kriegspropaganda im Kosovo-Krieg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1007488

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