Enzensberger, Hans Magnus - Der kurze Sommer der Anarchie


Referat / Aufsatz (Schule), 2001
3 Seiten

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„ Der kurze Sommer der Anarchie“ von Hans Magnus Enzensberger

Eine Rezension

„Der kurze Sommer der Anarchie“. Bei genauer Betrachtung des Umschlags dieses Buches stellen sich dem Leser unmittelbar zwei Fragen: Wieso steht auf einem scheinbar historisch begründeten Buch „Roman“ und weshalb hat der Autor diesen Titel gewählt? Auf die erste Frage gibt der Autor selbst eine Antwort. Er sagt nämlich, dass man etwas Vergangenes nicht als die Wahrheit verkaufen kann und darf. Zum Beispiel nimmt jeder Autor bereits schon dadurch Einfluss, dass er sich für dieses und kein anderes Thema oder Ereignis entscheidet.

Hans Magnus Enzensberger macht im Werk selber deutlich, dass ihm die Verzerrung der Realität bewusst ist: “Das Interesse, das sich in seiner Suche [Nacherzähler] verrät, zielt nicht auf Vollständigkeit. Der Nacherzähler hat weggelassen,übersetzt, geschnitten, und montiert und in das Ensemble der Fiktionen, seine eigene Fiktion eingebracht..."

Um dies dem Leser klar zu machen, betitelt er sein Werk als Roman, als erfundene Erzählung. Wenngleich die Regeln, welche für die Gattung Roman Geltung haben würden, gewissermassen ‚anarchisch‘ ebenso nicht eingehalten sind. Die Bezeichnung ‚Roman‘ ist wohl auch deswegen gewählt, weil die Quellenlage eher dünn und zweifelhaft ist.

Um den Titel zu deuten, habe ich meine eigene aktuelle Situation herangezogen. Für mich steht der Sommer für Vergänglichkeit, obwohl ich weiss, dass er immer wieder kommt. Der Sommer steht auch für Ferien ( in den Ferien gelten andere Regeln), nach dem Sommer fällt alles zusammen und der Alltag kehrt wieder ein, es passiert eine Rückkehr vom Aussergewöhnlichen zum Gewöhnlichen. Ernüchterung kommt auf. Man trauert den schönen Ferientagen nach. Dasselbe empfanden wohl die Anarchisten über ihre Herrschaft. Es war ein Ausnahmezustand, es galten andere Regeln. Nachdem die anarchische Herrschaft vorbei war, fiel alles zusammen und die Welt verlor ihre Farben. Die Anarchisten trauerten den schönen Tagen der Herrschaft nach und idealisierten sie. Diesen Aufbruch- und Ausnahmezustand kann man in der Geschichte des 20. Jahrhundert immer wieder erkennen, zum Beispiel im „Pariser Mai“ oder „Prager Frühling“. Der Sommer ist für mich daher eine Metapher für den spanischen Anarchismus.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert: 1. Vorbereitungen für die Revolution; 2. die Herrschaft der Anarchisten und 3. der Untergang der Anarchisten und schildert Ereignisse, die in Spanien um die Jahrhundertwende, d. h. von 1896 bis etwa 1937 angesiedelt sind.

Die zwölf Kapitel des Romans handeln vom Leben und Sterben des spanischen Metallarbeiters Buenaventura Durruti, der nach seiner abenteuerlichen Jugend zur Schlüsselfigur der spanischen Revolution von 1936 wurde. Durutti war ein sehr kluger Mensch und zudem ein brillanter Redner. Daher stieg er schnell an die Spitze der anarchistischen Partei CNT-FAI und führte ein Leben an der Front, um gegen die Faschisten zu kämpfen.

Als Revolutionsführer wird er immer wieder vor schwierige Situationen gestellt und er meistert sie alle mit Bravour vor allem durch seine Überzeugungs- und Begeisterungskraft.

Beispielsweise wollten immer mehr Soldaten von der Front nach Hause gehen. Das durften sie auch, da der Anarchismus den freien Willen eines jeden zu akzeptieren hatte. Diese Soldaten wurden jedoch an der Front dringend gebraucht und Durruti überredete die Zweifelnden immer wieder neu zum Kämpfen an der Front. Das Buch endet mit den sieben Toden Durrutis, die niemals aufgeklärt worden sind. Das heisst es gibt etwa sieben Gerüchte wie Durruti umgebracht worden sei. Einige behaupteten sogar er sei von Leuten in der eigenen Reihe getötet worden.

Die Geschichte wird - auch dies dokumentiert die dürftige Quellenlage - nur durch die Augen der Anhänger Durrutis erzählt. Von der Seite der Kommunisten oder von den Feinden, den Faschisten, gibt es keine Stellungnahmen. Die Darstellung beruht auf zeitgenössischen Broschüren, Flugblättern und Reportagen, auf Reden und Memoiren und auf Interviews mit Augenzeugen, die Durruti gekannt haben.

Auffallend ist, dass zahlreiche Konflikte wie der Klassenkonflikt, der Parteienkonflikt und der Konflikt der sich daraus ergibt, wenn in anarchischen Strukturen Helden geboren werden, im Zentrum des Interesses stehen und beschrieben werden. Spanien war als Agrarland in dieser Zeit von sehr grossen Klassenunterschieden gezeichnet. Auf der Sonnenseite stand die „Bourgeoise“ und in deren Schatten die Bauern und Arbeiter. Der Graben zwischen arm und reich, zwischen mächtig und ohnmächtig, klaffte immer mehr auseinander, bis eine Revolution der Arbeiter nicht mehr zu verhindern war. Diese Entwicklung wurde durch die Unfähigkeit der Bürokraten in jener Zeit noch verstärkt. Folglich wurde der Ruf der Arbeiter nach einer Regierung ohne Staat und ohne Bürokraten - eben nach einer Anarchie - immer lauter. Das ist der Klassenkonflikt. Der zweite Konflikt - welcher schliesslich zur Eskalation führte - war der Parteienkonflikt. Da waren die anarchistischen, die kommunistischen und die faschistischen Parteien, die um die Macht in Spanien kämpften. Die Anarchisten alliierten sich mit den Kommunisten, um gemeinsam gegen den drohenden Faschismus anzukämpfen. Doch mit der Zeit scheiterte diese Allianz an internen Querelen. Der Faschismus schwang oben auf und mit Franco kam schliesslich ein Diktator in Spanien an die Macht. Das ist ein häufiges Phänomen, wenn man die Geschichte der Menschheit betrachtet: Gibt auf der einen Seite des Krieges keinen gemeinsamen Feind mehr so gibt es interne Konflikte. Einen dritten Konflikt stellt das Heldsein des Durruti dar. Denn in einer anarchistischen Regierung kann es vom Selbstverständnis her keine Helden und vor allem keine Führer geben. Aber Durruti hatte für seine Anhänger genau diese Attribute angenommen. Daraus ergibt sich auch der Konflikt des Anarchismus mit der Disziplin: In einer Anarchie darf niemand zu etwas gezwungen werden, doch wie im Roman deutlich wird, kann ohne einen Führer, ohne Disziplin oder ohne Rangordnung kein Krieg gekämpft oder sogar gewonnen werden.

Hans Magnus Enzensberger ist ein deutscher Schriftsteller, der wegen seiner zeitkritischen Lyrik berühmt wurde. Das Buch wurde in den Siebziger Jahren, unmittelbar nach grundlegenden Umwälzungen in Westeuropa geschrieben. Die Menschen orientierten sich neu und stellten alte - zum Teil als faschistisch bezeichnete - Werte und Normen in Frage und lehnten sie ab. Dieser Aufbruchstimmung entspricht auch das Buch. Man kann Parallelen im Lebensgefühl aber auch in der Konfliktlage ziehen zwischen dem spanischen Bürgerkrieg und den Folgen der 68-er Bewegungen, welche unter anderem vor allem in Deutschland die Auseinandersetzung mit dem hitlerischen Faschismus beinhaltete, erkennen.

Das Buch ist dadurch, dass viele verschiedene Personen Bericht erstatten, immer spannend. Man wird durch einen wechselnden Schreibstil unterschiedlich angesprochen. Der Zusammenhang bleibt trotz der verschiedenen Quellen erhalten, da der Autor nach Themen ordnet. Es liegt eine genaue Schilderung des spanischen Bürgerkrieges von den Anfängen bis zum Ende aus Sicht der Anarchisten vor. Es wird aber - wie gesagt - ein einseitiges Bild vermittelt. Dadurch wird Durruti zu einem irrealen, idealisierten Übermenschen und verliert an Glaubwürdigkeit. Es geschieht dasselbe, wie mit der Zeit der Anarchie oder des Sommers: im Rückblick sieht es (zu) schön, toll und erfolgreich aus.

Gelegentlich wird der Leser so in Details einbezogen, dass er den Überblick verlieren kann. Die acht Glossen, in denen der Autor den historischen Kontext darstellt, haben einen wichtigen Stellenwert in diesem Roman. Sie dienen als Anleitung und sind so etwas wie die ordnungsgebende Struktur im Hintergrund, ohne die auch eine Anarchie und schon gar nicht ein literarisches Werk auskommt.

Die literarische Form des vorliegenden ‚Romans‘ steht zwischen Nacherzählung und Rekonstruktion.

Hans Magnus Enzensberger: Der kurze Sommer der Anarchie. Roman. Suhrkamp Verlag, 1977, 303S. , Fr. 16. -.

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Details

Titel
Enzensberger, Hans Magnus - Der kurze Sommer der Anarchie
Autor
Jahr
2001
Seiten
3
Katalognummer
V100776
Dateigröße
330 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Enzensberger, Hans, Magnus, Sommer, Anarchie
Arbeit zitieren
Simon Meier (Autor), 2001, Enzensberger, Hans Magnus - Der kurze Sommer der Anarchie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/100776

Kommentare

  • Gast am 25.6.2002

    hallo.

    Ist das jetz ein richtige Textanalyse???

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Titel: Enzensberger, Hans Magnus - Der kurze Sommer der Anarchie


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