Diese Hausarbeit untersucht, welche Rolle die neurophysiologische Entwicklung von Kindern für den Musikunterricht in der Schule spielt.
Seit kurzer Zeit arbeite ich als PES-Kraft an einer Schwerpunkt–Grundschule in Mainz und unterrichte nach den schon vorgeplanten Unterrichtsstunden der Fachlehrer, unter anderem auch den Musikunterricht. Dabei fällt mir auf, dass viele Inhalte des Musikunterrichts vorrangig die visuelle Sinneswahrnehmung ansprechen, zum Beispiel das Zeichnen von Noten oder das Ablesen von Liedblättern. Eine Ansprache sämtlicher Sinnesorgane erfolgt in diesem Unterricht, vor allem in den mit Tischen und Stühlen beengenden Räumlichkeiten nicht.
Ist es wirklich nur das Noten- und Notenschlüsselmalen in der 4. Klasse oder ein Lied vom Blatt absingen, sich also vorrangig auf das visuelle System berufen, einige Bewegungen im Sitzen dazu zu machen und dies in einem engen Klassenraum, der mit Tischen und Stühlen bestückt ist?
Inhaltsverzeichnis
1. Sinnessysteme im Allgemeinen
1.1. Die Wirkung der Umweltreize auf die Sinnessysteme
1.2. Die Bedeutung der neuronalen Verbindungen
1.3. Reizarmut oder -überforderung der Sinnessysteme und ihre Folgen
2. Wirkung von Musik
3. Die musikrelevanten Sinnessysteme
3.1. Das auditive System
3.1.1. Akustische Verarbeitung im Gehirn
3.1.2. Pränatale Entwicklung des auditiven Systems
3.1.3. Perinatale Entwicklung des auditiven Systems
3.1.4. Allgemeine Leistungen des auditiven Systems
3.2. Das kinästhetische und vestibuläre System
3.3. Das taktile System
3.4. Das visuelle System
4. Musikalische Grundkompetenzen
4.1. Die Frage nach der musikalischen Begabung
4.2. Frühkindliche Stadien der musikalischen Entwicklung
5. Gestaltung des Musikunterrichts in der Grundschule
5.1. Didaktische Grundsätze
5.2. Didaktische Umsetzung
5.2.1. Förderung des auditiven Systems durch Musik
5.2.2. Förderung des kinästhetischen-vestibulären Systems durch Musik
5.2.3. Förderung des taktilen Systems durch Musik
5.2.4. Förderung des visuellen Systems durch Musik
5.3. Beispiel einer sensomotorisch – musikalischen Einheit
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Bedeutung der Forschung zur neurophysiologischen Entwicklung des Kindes für die Gestaltung eines zeitgemäßen Musikunterrichts in der Grundschule. Ziel ist es, Wege aufzuzeigen, wie Musik als Medium zur Förderung grundlegender Sinnessysteme und damit der allgemeinen Persönlichkeitsentwicklung eingesetzt werden kann, insbesondere angesichts der heutigen Erlebniswelt von Kindern, die oft von Reizarmut oder -überflutung geprägt ist.
- Zusammenhang zwischen Sinneswahrnehmung und neuronaler Entwicklung.
- Einfluss von Musik auf psychosoziale und kognitive Fähigkeiten.
- Die Rangordnung der musikrelevanten Sinnessysteme.
- Didaktische Konzepte zur sinnesorientierten Gestaltung des Musikunterrichts.
- Praktische Umsetzungsmöglichkeiten im Schulalltag.
Auszug aus dem Buch
1.3. Reizarmut oder -überforderung der Sinnessysteme und ihre Folgen
Auch in unserem Kulturkreis wachsen viele Kinder aufgrund unterschiedlichster Rahmenbedingungen einerseits in reizarmer, andererseits in reizüberflutender Umgebung auf. Manche Sinne werden überfordert, andere verkümmern.
Wie in der Einleitung bereits erwähnt, erfahren das visuelle und auditive System im Besonderem sowohl eine Reizüberflutung, als auch -verarmung. Visuelle Reize können durch das Augenschließen ausgeblendet werden, auditiven Reizen kann man jedoch nicht so einfach entrinnen. Durch diese Überreizung und gleichzeitigem Mangel an gezielten Anregungen, wie z.B. dem Fokussieren auf ein Geräusch oder dem Selektieren von Geräuschen und Tönen, können sich Symptome wie Hyperaktivität, Unruhe und Konzentrationsstörungen herausbilden (vgl. Juliane Ribke, 1995, S. 69)
Auch Kükelhaus beschreibt das Defizit, das sich auf den ganzen Organismus auswirkt, sobald ein Sinnessystem vernachlässigt wird. Betrachte man sich als Beispiel nochmals die Deprivation des Berührungssystems im Säuglings- und Kleinkindalter, so sind Reduzierungen anderer sensorischer Aktivitäten, wie beispielsweise der Wahrnehmung verschiedener Temperaturen, Gerüche, Helligkeit, Farben oder Geräusche festzustellen (vgl. ebd. S. 69). Gleichzeitig wirkt sich die Deprivation in diesem Sinnessystem hemmend auf die Entwicklung des Urvertrauens aus. Häufig leiden solche Kinder später ebenso an Konzentrationsschwäche, Unruhe und erhöhter Aggressionsbereitschaft. Sie haben Schwierigkeiten mit ihrer Identitätsfindung (vgl. Juliane Ribke, 1997, S.69)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Sinnessysteme im Allgemeinen: Erläutert die Bedeutung neuronaler Vernetzungen für die kindliche Entwicklung und die negativen Auswirkungen von Reizarmut oder Reizüberflutung.
2. Wirkung von Musik: Beschreibt Musik als essentielles psychosoziales Erfahrungsfeld, das gezielt zur Persönlichkeitsbildung eingesetzt werden kann.
3. Die musikrelevanten Sinnessysteme: Analysiert die Hierarchie der Sinne in der Musik, wobei das auditive System an oberster Stelle steht.
4. Musikalische Grundkompetenzen: Diskutiert die Frage der musikalischen Begabung und die Bedeutung frühkindlicher Entwicklungsstadien.
5. Gestaltung des Musikunterrichts in der Grundschule: Vermittelt didaktische Grundsätze und konkrete Methoden zur Förderung einzelner Sinnessysteme durch musikalische Aktivitäten.
6. Fazit: Resümiert die Erkenntnisse und reflektiert die Herausforderungen bei der Umsetzung eines sinnesorientierten Musikunterrichts in der Realität der Grundschule.
Schlüsselwörter
Neurophysiologische Entwicklung, Sinnessysteme, Musikunterricht, Grundschule, Musikalische Grundkompetenzen, Sensorische Integration, Wahrnehmung, Auditives System, Kinästhetik, Taktiles System, Visuelles System, Persönlichkeitsbildung, Elementare Musikpädagogik, Didaktik, Reizverarbeitung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Hausarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, wie aktuelle Erkenntnisse über die neurophysiologische Entwicklung von Kindern genutzt werden können, um den Musikunterricht in der Grundschule ganzheitlicher und effektiver zu gestalten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die Rolle der Sinneswahrnehmung für das Lernen, die Auswirkungen von Musik auf die kindliche Entwicklung sowie didaktische Konzepte zur Förderung von Sinneskompetenzen durch Musik.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Musikunterricht über die reine Wissensvermittlung hinaus als Medium zur gezielten Förderung der Basiskompetenzen und Sinnesorgane genutzt werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Autorin nutzt eine hermeneutische Untersuchung, indem sie theoretische Literatur und fachwissenschaftliche Erkenntnisse analysiert und in Beziehung zu ihren eigenen Erfahrungen aus der Schulpraxis setzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung zu Sinnessystemen und Musikwirkung sowie einen praktischen Teil, der didaktische Grundsätze und methodische Ansätze für den Grundschul-Musikunterricht detailliert beschreibt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Neurophysiologie, sinnesorientierter Musikunterricht, ganzheitliche Musikerziehung, Basiskompetenzen und Elementare Musikpädagogik charakterisieren.
Warum ist laut der Arbeit die Förderung des auditiven Systems für Grundschulkinder so wichtig?
Das auditive System ist laut Autorin die Basis für das Musiklernen; eine unzureichende Förderung kann zu Konzentrationsschwächen und Lernproblemen führen, weshalb das gezielte Hören und Unterscheiden von Klängen essenziell ist.
Wie soll laut Autorin mit „musikbegabten“ Kindern im Unterricht umgegangen werden?
Diese Kinder sollen nicht isoliert als „Musiker“ gefördert werden, sondern ebenso in ihren Sinneswahrnehmungen gestärkt werden, wobei sie ggf. als Hilfspersonen für schwächere Schüler eingesetzt werden können.
- Arbeit zitieren
- Simone Gerber (Autor:in), 2018, Musikrelevante Sinnessysteme bei Kindern. Bedeutung für die Gestaltung des Musikunterrichts in der Grundschule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1007799