Die narrative Struktur der Geschichte. Untersuchung über das Prinzip poetischer Charaktere bei Giambattista Vico


Masterarbeit, 2020

63 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Giambattista Vico zur Einführung
2.1 Sensus Communis
2.2 Metaphysik
2.3 Rezeption

3. Über die Poetische Weisheit
3.1 Welterfahrung und Sprache
3.2 Poetische Charaktere
3.3 Herkules und Homer

4. Ein kurzer Rückblick

5. Der Heros in tausend Gestalten
5.1 Die heroische Abenteuerfahrt

6. Von Geist und Geschichte

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die heroische Abenteuerfahrt der wahren Philosophie in einer Welt, deren Fortbestand vom technisierenden Blick der Akademisierung bedroht wird und in der bereits alles erforscht zu sein scheint, führt nach Innen. Zur Unternehmung aufgerufen durch die Frage nach der Verfasstheit des eigenen Seins und dem Wunsch nach universaler Erkenntnis über den menschlichen Geist, gilt es die eigenen Kräfte zu bündeln, weise Ratgeber zu versammeln und den Übertritt der Schwelle ins intelligible Reich der kreativen Fantasie zu wagen, um die Suche nach dem Ursprung uralter poetischer Begriffe anzutreten. Jenseits der Schwelle verbergen sich unbekannte Prüfungen und gesichtslose Mühsal, die darauf lauern den Suchenden vom Weg abzubringen und seine Reise zu einem vorzeitigen Ende zu bringen. Nur die Hoffnung das Elixier an sich zu bringen, welches das Denken vor dem drohenden Rückfall durch die sich ewig windenden Kreise der Zeit schützen könnte, erleichtert den hermetischen Schritt geflügelter Füße auf der Straße zum Verstehen der eigenen Vergangenheit, um die Gegenwart zu meistern und sich für die Zukunft zu rüsten. Dieses Stück heiliger Magie, soll seinen Weg zurück in die diesseitige Welt des Alltäglichen finden, die es selbst hervorgebracht hat, um der Menschheit in gefährlichen Zeiten als Werkzeug gegen den herannahenden Sturz in die lichtlose Barbarei zu dienen. Ob sich seine Kraft entfalten kann, wird schließlich nur die Geschichte wissen.

Als ich zum ersten Mal von Vicos Ideen hörte, war ich fasziniert; als ich die Scienza Nuova schließlich las, war ich gefesselt. Trotz der Schwierigkeiten, die Vico seinem Leser bei der Lektüre macht, gab es für mich kein Entrinnen mehr. Meine Gedanken kreisten von da an unaufhaltsam um die mythischen Geschichten von Göttern und Helden, die sich herausforderten, gegeneinander auflehnten, liebten und hassten. Die verborgenen Bedeutungen der Worte, die sich in ihnen über Jahrtausende erhalten haben und ihre mythologischen Ursprünge nicht verleugnen können, standen mir plötzlich gegenüber und begannen ihre ganz eigene Geschichte zu erzählen. Jede neue Information, die ich fand, schien jedoch nicht von außen auf mich einzuwirken, sondern vielmehr etwas längst Vorhandenes zum Klingen zu bringen. Vico nahm meine Hand, um mich, wie ein Reiseleiter durch die Menschheitsgeschichte, auf die wichtigsten Aspekte dieser narrativen Welt aufmerksam zu machen. Vor meinem inneren Auge entstand die Geschichte der Zivilisation, dokumentiert und vermittelt durch ihre poetischen und mythischen Bilder. Schließlich verstand ich, dass die Untersuchung dieser kulturellen Artefakte nicht von der Erforschung des menschlichen Geistes zu trennen ist, da er sie geboren hat. Sie sind nicht logische, aber notwendige Folgen menschlicher Welterfahrung.

Der Wert dieser Arbeit besteht darin Vicos wichtigste Erkenntnisse prägnant zusammenzutragen und so eine Basis für eine Theorie über die Transformation menschlichen Denkens darzulegen. Das Herz dieser Untersuchung ist daher das Prinzip poetischer Charaktere, dessen Stellenwert in der Verbindung mit dem Sensus Communis und Vicos Metaphysik deutlich gemacht werden soll. Prinzip meint hier die Art der Entstehung, sowie ihre Funktion für Vicos Weltbild. Zu Beginn findet eine grundständige Einführung in Vicos Werk statt, um eine lückenlose Argumentation zu ermöglichen. Außerdem biete ich eine kurze Rezeptionsgeschichte seines Hauptwerkes an, um seine Wirkungsgeschichte in diese Untersuchung einzubeziehen und etwaige blinde Flecken der vergangenen Forschung benennen zu können. Zum Ende der Arbeit verbinde ich das Prinzip poetischer Charaktere mit Joseph Campbells Theorie vom Monomythos, der entdeckt hat, dass den mythischen Erzählungen der Vorzeit eine Struktur gemein ist, die, wie ich später argumentieren werde, daher eine besondere Rolle für das poetische Denken einnimmt.1

Bei dieser Unternehmung unterstützen mich durch ihre Werke vor allem die Herren Löwith2, König3, Verene4, Otto5, Burke6, Amoroso7, Auerbach8 und Trabant9. Karl Löwith hat in dem hier zitierten Werk eine ausführliche Ausdeutung des Vico-Axioms vorgenommen, auf die ich mich im Folgenden berufen werde. König, Burke, Otto und Amoroso haben mir zum einen ermöglicht Vicos Arbeit geschichtlich einzuordnen und zum anderen seine Gedanken zu Metaphysik und Poesie zu deuten. Für die folgende kurze Rezeptionsgeschichte waren diese Autoren ebenfalls unverzichtbar. Auerbach wird hier zwar selten explizit herangezogen. Aber seine Übersetzung der Nuova Scienza, half mir komplizierte Gedanken des Werkes durch das Vergleichen zweier sprachlicher Darstellungen klarer zu fassen. Im Folgenden zitiere ich Vicos Hauptwerk in der Version von Hösle und Jermann, die im Felix Meiner Verlag erschienen ist.10 Jürgen Trabants Werk ‚Giambattista Vico – Poetische Charaktere‘, das während meiner Arbeit erschienen ist, kam mir sehr gelegen, forderte mich aber durchaus heraus. Da sich die thematischen Ausrichtungen unserer Arbeiten sehr ähneln, konnte ich von den Überlegungen eines erfahrenen Forschers profitieren. Allerdings wollte ich nun in meiner Arbeit über die bloße Arbeit an den poetischen Charakteren hinausgehen, da diese bereits von Trabant geleistet worden ist.

Daher entschied ich mich, in der Hoffnung etwas Lesenswertes und Neues hervorzubringen, die zentralen Entdeckungen aus Joseph Campbells ‚Der Heros in tausend Gestalten‘ mit diejenigen aus Giambattista Vicos ‚Prinzipien einer neuen Wissenschaft über die gemeinsame Natur der Völker‘11 zu vereinen. Das Ergebnis dieser Unternehmung zielt darauf ab zu zeigen, wie die poetische Verarbeitung der kollektiven Welterfahrung durch die menschliche Kultur die Struktur des Geistes dahingehend geprägt hat, dass sie selbst im Kern narrativ ist.

Hierzu beginne ich mit der Darstellung der Grundlagen von Vicos Philosophie, um anschließend seine Rezeptionsgeschichte darzulegen. In Kapitel drei wird es um das Konzept der poetischen Weisheit und damit ausführlich um die poetischen Charaktere und ihren Stellenwert für Vicos System gehen. Exemplarisch werden dann Homer und Herkules in ihrer kulturellen Funktion betrachtet, um die in ihnen zum Vorschein kommenden Stufen menschlicher Entwicklung zu zeigen. Kapitel vier bietet einen Rückblick und eine Kontextualisierung der bis dahin gefunden Ergebnisse. In Kapitel fünf werden Joseph Campbells Forschung und ihre Ergebnisse eingeführt, um sie in Kapitel sechs mit denjenigen Vicos zu vereinen.

2. Giambattista Vico zur Einführung

Vicos grundlegendes Axiom, aus dem heraus sich seine Arbeit überhaupt nur verstehen lässt, lautet verum et factum convertuntur: ‚ Das Wahre ist das Geschaffene‘.12 Diese vereinfachte Übersetzung der Formel gibt ihren Sinn aber nicht ausreichend wieder, denn das Wort convertuntur markiert die Umkehrbarkeit der in der Formel getroffenen Aussage, die für das umfassende Verständnis ihrer Implikation für Vicos Philosophie immens ist. Der Versuch einer Übertragung ins Deutsche sollte also etwa ‚Das Wahre ist das Geschaffene und was geschaffen ist, ist wahr‘ ergeben, auch wenn er sprachlich eher stolpernd daherkommt. Das bedeutet, dass nicht logische Schlüsse den Weg zur Wahrheit pflastern, sondern die sich verdinglichende menschliche Kreativität. Die methodische Beobachtung dieser kulturellen Phänomene rückt in Vicos Werk damit in den Fokus seiner erkenntnistheoretischen Untersuchung. Karl Löwith widmete dieser, wie er sie nennt, „theologischen Prämisse“13 gebührende Aufmerksamkeit und präsentierte der Heidelberger Akademie der Wissenschafteneinen 1967 einen erhellenden Vortrag, mit besonderem Augenmerk auf ihre säkularen Konsequenzen. Löwith wird uns weiter unten helfen Vicos Behauptungen über die politische Welt der Menschen und ihre Entstehung in den notwendigen Kontext zu setzen.

Dieses Verhältnis von Wahrheit und Schöpfung wird bereits in der poetischen Sprache der Bibel als Grundprinzip der Schöpfung deklariert. Bei der göttlichen Schöpfung in Genesis 1 existiere kein Unterschied zwischen Logos und Verbum. Das göttliche Wort sei ein schaffendes Befehlswort und so gebe es zwischen Gottes Wissen und seinem Wollen keinen Unterschied.14 Gott formt in diesem allegorischen Bild die natürliche Welt nach seinem Willen, indem Wort und Tat als Eins gelten. Die Elemente finden zueinander und trennen sich voneinander, um die Spezifika der Welt hervorzubringen. So entstünden die Gestirne, der Raum, sowie Tag und Nacht und die Gesetze, durch die sie alle miteinander verbunden sind.

Der Mensch hingegen ist nicht der göttlichen Gabe der Schöpfung fähig, welche die materielle Welt – res extensa – aus dem Nichts entstehen lässt. Und dennoch schafft auch der Mensch eine Welt durch das Wort; die sittliche Welt der Menschen entsteht aus den Spezifika des menschlichen Geistes – res cogitans – also durch das Wort. Die biblische Darstellung der göttlichen Schöpfung kann selbst als ein, in poetischer Sprache gefasstes, Spiegelbild, der, dem Menschen innewohnenden, poetischen Schaffenskraft betrachtet werden. Aus dem Wort wird das Sein und was ist, das ist wahr. Dieses Verhältnis in dem sich Wort, Schöpfung und Wahrheit zueinander befinden bildet Vicos Formel „ verum esse ipsum factum“ ab.15

Im Folgenden Abschnitt kommt Vicos Axiom eindrücklich zur Anwendung. Die grundlegende Erkenntnis, aus der sich Vicos politische Metaphysik in der Scienza Nuova entfaltet, findet sich in Abschnitt 331 seines Hauptwerkes:

Doch in solch dichter Nacht voller Finsternis, mit der die erste von uns so weit entfernte Urzeit bedeckt ist, erscheint dieses ewige Licht, das nicht untergeht, folgender Wahrheit, die auf keine Weise in Zweifel gezogen werden kann: daß die politische Welt sicherlich von den Menschen gemacht worden ist; deswegen können (denn sie müssen) ihre Prinzipien innerhalb der Modifikationen unseres eigenen menschlichen Geistes gefunden werden.16

Er glaubt die politische und kulturelle Welt, der mondo civile 17, sei ganz gewiss von den Menschen gemacht worden. Somit könne der Mensch, eben weil er sie hervorgebracht hat, zu wahrer Erkenntnis gelangen, was sie betrifft. Das bedeutet, dass "folglich auch das entfernteste Altertum – seine Sprache und Rechtsverfassung, seine Kultur, Götter und Heroen – als eine Abwandlung unseres menschlichen Geistes verstanden werden […] müssen."18 Löwiths prägnant formulierter Gedanke über die Abwandlungen des menschlichen Geistes, die sich in der Welt zeigen, legitimiert den Versuch dieser Arbeit von kulturellen narrativen Artefakten auf den Geist dahinter schließen zu wollen. Wie sich diese Abwandlungen zeigen, beantwortet Vico zunächst mit seinem analytischen Blick auf die Sprachen der Völker. Löwiths Annahme findet sich in Vicos gesamtem Werk nämlich dergestalt bestätigt, dass er an den verschiedensten Stellen Gebrauch macht von etymologischen Herleitungen und so Wortursprünge und urtümliche Bedeutungen zu enthüllen versucht. Die bezeichneten Abwandlungen des Geistes vermutet Vico also in der Sprache. Er findet sie in Form der poetischen Charaktere, die hier weiter unten ausführlich behandelt werden.

Diese Arbeitsweise liegt ihm als Professor der Rhetorik nah. Aber es handelt sich hierbei um mehr als nur um eine bloße Vorliebe. Die Vermittlung und Erschaffung des mondo civile vollziehe sich nur durch die Rhetorik. Dieser kommt, laut Vico, eine systematisierende Funktion zu. Sie durchziehe jedes Gebiet, auf dem Wissen überhaupt möglich sei, da sich Erkenntnisse stets nur sprachlich zeigen könnten.19 Somit könne nur die Rhetorik oder eine ihr zugehörige Teildisziplin, die von ihm getaufte topica sensibile 20, zu universellen Wahrheiten führen. Allein die Sprache sei das Medium, durch welches sich der Erkenntnisgewinn und -austausch vollziehen lasse.21 Sie sei weiterhin ein Bestandteil des gesamten Feldes menschlicher Erkenntnis. Wissen und Sprache formen sich nicht nur gegenseitig, vielmehr enthalten sie sich. Es handele sich bei der Rhetorik also nicht nur um die Betrachtung der Versprachlichung von Gedanken, sondern um einen Schlüssel, der den Zugang zur Geschichtlichkeit unseres menschlichen Geistes eröffnen kann:

[Das] menschliche Wahre [ist] das, was der Mensch, während er Kenntnis von ihm gewinnt, zusammenfügt und zugleich auch schafft: auf diese Weise wird Wissenschaft zur Erkenntnis der Art oder der Modalität, in der die Sache zur Entstehung kommt, zu einer Erkenntnis, in der der Geist, während er diese Modalität begreift, weil er die Elemente der Sache zusammenfügt, die Sache erschafft.22

Vico erkennt die Sprache also als Medium für die Erkenntnisse der Menschheit schlechthin. In ihr und durch sie begibt er sich auf die Suche nach Beweisgründen für seine Argumentation. Er findet diese in einzelnen Worten, die ihre ursprüngliche Bedeutung verborgen noch immer bei sich tragen, in Sprichwörtern, aber vor allem in überlieferten Geschichten. Diese haben besonderes Potential für Vicos Forschungsmethode, da sich "[i]n allen mythischen Texten [die Lebenden] (d.h. die Rezipienten und Initianden) als die Nachfahren einer anfänglichen symbolischen Verbindung der Geschlechter [konfigurieren]. Der Symbolismus hingegen wird durch das Medium der Sprache gewährleistet, die poetisch-göttlich debütiert."23 Die zunächst mündlich überlieferten Geschichten verhandeln die Beziehung vom Menschen zu seiner Umwelt, bieten Deutungsmöglichkeiten für verschiedene Phänomene und stellen den Weg der Menschheit sinnbildlich dar. Durch diese Geschichten, die Mythen, wird ein Kollektiv überhaupt erst geschaffen, dass sich nur durch das Berufen auf geteilte Geschichten als solches verstehen lernt:

Kultur wäre demnach die materiale Anstrengung, heimisch zu werden in dieser Welt. Symbolische Materialisierung schafft einzeln wie zusammen ein Dasein, das nicht naturaliter gegeben ist. (Selbst-)Verkörperung wäre also die verzweifelte Anstrengung, durch Kultur Zugang zu einer Welt zu finden, die ansonsten fremd, sinnleer, abweisend ist.24

In der Sprache ist in Form der Mythen Teilhabe und Selbstverkörperung gegeben. An ihr könne somit, mittels des richtigen Verfahrens, die Ideengeschichte der Menschheit abgelesen und rekonstruiert werden, wie Vico in der Scienza Nuova demonstriert. Der Mensch muss also seine eigenen Werke betrachten, seine eigene Kultur untersuchen, um die Grundlegung seines ganz eigenen Seins erfassen zu können. Diese Auseinandersetzung mit den kulturellen Artefakten folgt notwendig aus Vicos Grundsatz des verum ipsum factum, wenn es das Ziel sein soll zu universeller Erkenntnis zu gelangen. Denn unter allen menschlichen Handlungen und Schöpfungen, hinter jeder neuen Idee liege ein göttliches Urprinzip, welches sich stetig weiter entfalte.25 Um dieses aber betrachten zu können, muss eine philosophische Untersuchung sich auf die von den Menschen gemachten Dinge richten. Eine bloß geistige Untersuchung wäre auf einem Auge blind, da sie die für den Menschen so wichtige Sinnlichkeit vernachlässigen würde. So könnte Vicos Kritik an Descartes‘ Ergebnissen seiner ‚Meditationes de prima philosophia‘ stark vereinfacht zusammengefasst werden.

Das hier angesprochene Urprinzip umfasst das Verhältnis von Welt und Mensch. In ihm zeigt sich, wie ihre jeweilige materielle Natur Grenzen setzt, Verhältnisse schafft und Freiheiten in Aussicht stellt. So, wie der Mensch an eine Vielzahl von körperlichen Notwendigkeiten gebunden ist, ist auch die ihn umgebende Welt auf eine konkrete Weise materiell gegeben. Diese zeigt sich in entdeckbaren Naturkonstanten und -gesetzen, welche die Schöpfung formgebend beeinflussen. Menschlicher Erfindungsreichtum kann sich stets nur innerhalb der gesetzten Grenzen entfalten. Zwar ist es keinem Menschen naturaliter gegeben den Erdboden aus eigener Kraft zu verlassen und sich in der Luft fortzubewegen, aber durch die Analyse der ihn umgebenden Welt und der Neukombination der entdeckten Elemente ist es der Menschheit schließlich möglich geworden zu fliegen. Doch kein Flieger kann den Gesetzen der materiellen Existenz entwischen. Das Urprinzip, auch wenn es irgendwo seinen Anfang genommen hat, ist eine immerfort wirkende, unendliche große Kraft, welcher der Mensch nicht entrinnen kann. In ihm ist alles, was lebt und Masse hat. Außer ihm ist schlicht Nichts.

Diese technische Darstellung sollte illustrieren, auf welche Weise der Mensch und die ihn umgebende Welt aneinandergebunden sind. Die Gegebenheiten bestimmen, was hervorgebracht wird und was erreichbar ist. Kulturell funktioniert dieses Verhältnis ähnlich, wenn auch weniger präzise. Die Tatsache, dass der Mensch geboren wird und sich fortpflanzen muss, verleiht den Rollen von Vater und Mutter gesellschaftliche Signifikanz. Es ist also nur natürlich, wenn diese die ersten Archetypen autoritärer göttlicher Wesen werden, da sie doch in der Lage sind gemeinsam Leben hervorzubringen. Die Interpretation vorhandener Verhältnisse und das Deuten der Gegebenheiten bringt eine bestimmte Form menschlicher Gesellschaft hervor. Diese wird sich in ihren Grundzügen stets ähneln, da der Mensch fundamental auf die gleiche Weise in der Welt ist. Die kulturelle Existenz der Menschheit und ihre Entwicklung ist daher identisch mit dem sich entfaltenden Urprinzip. Vico weiß um diesen Umstand und errichtet deshalb seine Wissenschaft auf einem Fundament aus ideellen und materiellen Entdeckungen, indem er Philologie und Philosophie gemeinsam verstanden wissen will.

Um sein Verständnis der Verbindung von philologischer und philosophischer Arbeit zu illustrieren, nehmen wir eine entscheidende Zeile aus ‚Liber metaphysicus‘ zur Hand: "Weiter sind, so wie die Worte Symbole und Zeichen der Ideen, die Ideen Symbole und Zeichen der Dinge."26 Dieser Ausspruch bindet die ausdrückliche Darstellung einer Idee durch das Wort oder das Werk zurück an das Ding, für welches die Idee symbolisch steht. Akzeptiert man die Wahrheit dieses Satzes, so darf es keine Trennung zwischen Philosophie – der Wissenschaft der Ideen und Symbole – und Philologie – Wissenschaft der Dinge – geben. Vollzieht man sie aber doch, schafft man eine Kluft zwischen Verstandesdenken und sinnlichem Erleben, die das Subjekt auf der Suche nach der universellen Menschlichkeit in die Irre führen muss. "Die Philosophie betrachtet die Vernunft, aus der die Wissenschaft des Wahren hervorgeht;“27 sie sei die entfaltete und gewachsene Vernunftfähigkeit des Menschen, sein Vermögen aus Begriffen Neue zu bilden und ihre Beziehungen untereinander zu verstehen. „[D]ie Philologie beobachtet die Autorität des menschlichen Willens, aus der das Bewußtsein des Gewissen hervorgeht", sie erkenne, wie sich das Streben des Menschen in der Welt verdinglicht und seine Wirkung entfaltet.28 So wie im Menschen Erleben und Denken vereint und ohneeinander nicht denkbar sind, können auch diese Disziplinen nur gemeinsam zu wahren und gesicherten Annahmen führen.

Vico schlägt durch sein Werk eine notwendige Brücke zwischen zwei bisher getrennt verstandenen Disziplinen und entwickelt so eine Methode, die ihn wahren Erkenntnissen zum Ursprung der Menschlichkeit näherbringt. "Der fruchtbare Keim, […] aus dem Zusammentreffen von Philologie und Philosophie […], ist eine 'neue kritische Kunst', die in der Lage ist, den Skeptizismus zu überwinden [...], indem sie sich auf die Topik und demnach auf die Erzeugnisse des Ingeniums, des Wahrscheinlichen, der Kreativität gründet."29 Mit dieser topica sensibile hat Vico einen Zugang zu universellen Erkenntnissen entwickelt. Er nimmt mit dieser Methode die Schöpfungen der Menschheit in den Blick. Von der natürlichen Welt oder in anderen Worten, von der göttlichen Schöpfung sei sogar keine wahre Wissenschaft möglich, da sie nicht vom Menschen gemacht worden sei.30 Gerade in diesem Hinwenden zur menschlichen Welt, liegt Vicos kühnster Kniff. Er benutzt den neueröffneten Zugang zu den kulturellen Werken vergangener Zeit und gelangt so zu den Elementen, welche der menschlichen Welt zu Grunde liegen. "Vicos Hermeneutik ist in diesem Sinne vor allem eine philosophische Erkenntnistheorie, deren Ziel es ist, durch Analyse und Studium der historischen Welt, jene Prinzipien der Wahrheit zu prüfen, die der Metaphysik des Geistes angehören."31 Die Erforschung des metaphorischen Charakters der Mythologien wird so eine Leiter ins Reich der Metaphysik, da sich in ihr die Aktivität der fantasia zeigt.32 Hier lernen wir die Wahrheit kennen, die die Existenz des Menschen begleitet und ihn im Innersten zusammenhält.

[...]


1 Joseph Campbell, Der Heros in tausend Gestalten (Berlin: Insel Verlag, 2019).

2 Karl Löwith, Vicos Grundsatz: verum et factum convertuntur: Seine theologische Prämisse und deren säkulare Konsequenzen (Heidelberg: Winter, 1968).

3 Peter König, Giambattista Vico (München: Verlag C. H. Beck, 2005); Peter König (ed.), Vico in Europa zwischen 1800 und 1950, Beiträge zur Philosophie. Neue Folge (Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 2013).

4 Donald P. Verene, Vicos Wissenschaft der Imagination: Theorie und Reflexion der Barbarei (München: Fink, 1987).

5 Stephan Otto, Giambattista Vico: Grundzüge seiner Philosophie, Kohlhammer Urban-Taschenbücher, Bd. 410 (Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer, 1989).

6 Peter Burke, Vico: Philosoph, Historiker, Denker einer neuen Wissenschaft (Berlin: Wagenbach, 1987).

7 Leonardo Amoroso, Erläuternde Einführung in Vicos "Neue Wissenschaft" (Würzburg: Königshausen & Neumann, 2006).

8 Erich Auerbach, Literatursprache und Publikum in der lateinischen Spätantike und im Mittelalter (Bern: Francke, 1958).

9 Jürgen Trabant, Giambattista Vico: Poetische Charaktere (Berlin: De Gruyter, 2019); Jürgen Trabant, Sabine Marienberg and Horst Bredekamp, ‘Die Sprache der Götter, Helden und Menschen. Zur Aktualität von Giambattista Vico an seinem 350. Geburtstag’, Leviathan, 47.1 (2019), 54.

10 Giambattista Vico, Vittorio Hösle and Christoph Jermann, Prinzipien einer neuen Wissenschaft über die gemeinsame Natur der Völker: Band I und II, Philosophische Bibliothek (Hamburg: Felix Meiner Verlag, 2017).

11 Ab hier mit Scienza Nuova abgekürzt.

12 Vgl. Giambattista Vico, Stephan Otto and Helmut Viechtbauer, Liber metaphysicus Risposte (De antiquissima Italorum sapientia liber primus), Die Geistesgeschichte und ihre Methoden (München: Fink Verlag, 1979), S. 35.

13 Löwith, S. 5.

14 Vgl. Löwith, S. 8.

15 Vico, Otto and Viechtbauer, S. 35. Für eine nähere Betrachtung dieser Formel empfehle ich einen Blick in meine Hausarbeit mit dem Titel ‚Vicos Methode in der Neuen Wissenschaft‘. Hier werden diese Formel und ihr Ursprung ausführlich erörtert.

16 Vico, Hösle and Jermann, S. 142.

17 Mondo civile wird in dieser Arbeit als ‚die Welt der Menschen‘ aufgefasst. Diese umfasst nicht nur die politische Welt, wie civile nahelegt, sondern auch die kulturelle Welt. Sie enthält somit alle erdenklichen Kunstwerke, da diese von Menschenhand hervorgebracht wurden und somit auch ihre Prinzipien, dem oben dargelegten Axiom folgend, im menschlichen Geist auffindbar sein müssen.

18 Löwith, S. 5.

19 Amoroso, S. 11.

20 Vico, Otto and Viechtbauer, S. 9.

21 Vgl. Vico, Otto and Viechtbauer, S. 9.

22 Vico, Otto and Viechtbauer, S. 37.

23 Wolfgang Müller-Funk, Die Kultur und ihre Narrative: Eine Einführung (Wien: Springer, 2008), S. 7.

24 Müller-Funk, S. 9.

25 Vgl. König, Giambattista Vico, S. 66.

26 Vico, Otto and Viechtbauer, S. 35.

27 Vico, Hösle and Jermann, S. 92.

28 Vico, Hösle and Jermann, S. 92.

29 Matthias Kaufmann and Giuseppe Cacciatore, Metaphysik, Poesie und Geschichte (Berlin: De Gruyter, 2002), S. 69.

30 Vgl. Löwith, S. 6.

31 Kaufmann and Cacciatore, S. 68. Hervorh. im Original.

32 Verene, S. 195.

Ende der Leseprobe aus 63 Seiten

Details

Titel
Die narrative Struktur der Geschichte. Untersuchung über das Prinzip poetischer Charaktere bei Giambattista Vico
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Philosophy)
Note
2,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
63
Katalognummer
V1007978
ISBN (eBook)
9783346395559
ISBN (Buch)
9783346395566
Sprache
Deutsch
Schlagworte
poetische Charaktere, Vico, Giambattista, Campbell, Heros in tausend Gestalten, fantastische Allgemeinbegriffe
Arbeit zitieren
M. A., M. Ed. Felix Krenke (Autor:in), 2020, Die narrative Struktur der Geschichte. Untersuchung über das Prinzip poetischer Charaktere bei Giambattista Vico, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1007978

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