Im Folgenden Essay wird die Folge Anbieterwechsel aus der NDR Comedy-Serie Der Tatortreiniger und ihr möglicher Beitrag zu einer Debatte über die Konstitution von Religion diskutiert. Die verschiedenen Perspektiven der Gesprächspartner -Schotty der Tatortreiniger und Frau Krüger- auf die Frage nach dem Sinn des Glaubens, stehen stellvertretend für zwei grundlegende Haltungen in der Betrachtung der Religion und werden hier exemplarisch miteinander verhandeln.
Schottys Einsatzort ist die, von Frau Krüger geführte, Agentur Astrum, deren Geschäftsmodel es ist ihren Kunden einen Überblick über die Angebotspalette der möglichen Religionen zu geben und ihnen die passende zu vermitteln . Darüber hinaus gibt es auch die Möglichkeit neutrale Gegenstände zu erwerben, die mit eigenen religiösen Gefühlen besetzt werden können, um ein eigenes, ganz persönliches Glaubenssystem zu erschaffen. Anlass der Folge ist die Verschmutzung der Geschäftsräume mit Tierblut und dem Schriftzug „Zur Hölle mit“ über zwei Wände. Während der Handlung diskutieren die Gesprächspartner Religionen, Erwartungen an den Tod, Bedürfnisse im Leben und die Frage danach was Wahrheit ist und ob sie überhaupt relevant ist.
Schotty stellt während des Gesprächs fest, dass er sich am ehesten als Atheist bezeichnen würde und begründet diese Haltung im Folgenden mit der steten Angst vor Enttäuschungen, die er als einzige Konstante im Leben empfindet. Wer hofft, werde enttäuscht und wer glaubt werde mit hoher Wahrscheinlichkeit falsch liegen. Sein Ausweg aus dieser Misere ist das Nichtglauben. Der Glaube könne nur „von Oben“ kommen und nicht frei gewählt werden. Aus dieser Argumentation wird deutlich, dass der Protagonist versucht sein Handeln und Fühlen danach auszurichten, was er für unbezweifelbar hält. Am Begriff der Enttäuschung wird seine Haltung, gegen die seiner Gesprächspartnerin schärfer kontrastiert; wer sich entscheidet etwas zu glauben, schaffe selbst die Bedingung der Möglichkeit der Enttäuschung (da er sich zunächst selbst getäuscht habe) und ist somit für sein eigenes Unglück verantwortlich, wenn es zur Enthüllung der Wahrheit kommt. Zeitpunkt dieser Enthüllung sei der Tod, da hier jede Selbsttäuschung über die Natur der Welt enden muss. Schotty beginnt seine Überlegungen zur Religion und ihrer Legitimation also beim Tod.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und theoretische Einordnung
1.1 Religion als Angebot und Designerreligion
1.2 Die Perspektive des Atheismus: Tod und Enttäuschung
1.3 Durkheims Religionsdefinition und die Rolle der Gemeinschaft
1.4 Modelle der Religiosität: Sui generis vs. Ascription model
1.5 Klarsichtigkeit und die Dringlichkeit des Lebens
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht anhand der Folge "Anbieterwechsel" aus der Serie "Der Tatortreiniger" die Konstitution von Religion. Dabei wird die philosophische Debatte zwischen einem atheistischen Weltbild, das Sinnhaftigkeit im Diesseits sucht, und einem konstruktivistischen Religionsverständnis, das Religion als individuelles oder kollektives Sinnangebot begreift, analysiert.
- Konstitution von Religion in modernen Medien
- Gegenüberstellung von atheistischem Pessimismus und religiösem Sinnangebot
- Die Rolle der sozialen Gemeinschaft für die Etablierung von Religion
- Analyse von Durkheims Religionsbegriff und Taves' Modellen der Religiosität
- Die Bedeutung von Lebenszeit und Vergänglichkeit für religiöse Fragestellungen
Auszug aus dem Buch
Die Konstitution von Religion durch den Glaubensakt
Frau Krüger beschreibt, wie eine Geschichte über einen Mythos zur Religion wird. Die Designerreligion werde wirklich, wenn sich eine Gemeinschaft um ihre Lehre versammle und an sie glaube. Der Glaubensakt des Einzelnen konstituiert, in der Gruppe vollzogen und als Grund eben dieser sozialen Strukturen, die Religion. Diese manifestiert sich durch die Menschen, indem sie Institution und somit Teil der materiellen Welt wird. Krüger und Durkheim sind sich hierin einig: „ […] [T]he idea of religion is inseparable from that of the Church […] it [becomes] clear that religion should be an eminently collective thing.”
Ann Taves, aufbauend auf Durkheim, unterscheidet zwei Modelle mittels derer sich die Realisierung von Religiosität an einem Ding kategorisieren lässt; das „sui generis model“ und das „ascription model“. In Ersterem liege die Religiosität einem Ding inne und zeige sich so an ihm, in Letzterem werde sie dem Ding -vom Menschen- zugesprochen. Der Fall Designerglaubenssystem, fällt offenkundig in die zweite Kategorie. Der Akt des Zusprechens ist durch die Religionsmaklerin gegeben, die ein System auf Wunsch erstellt. Schottys Idee der Religiosität, die „von Oben kommen“ müsse, lässt darauf schließen, dass er dem Model sui generis zugeneigt wäre. Nach der Präsentation der Grundzüge des persönlichen Glaubenssystem verschweigt Krüger nicht, dass für die Realisierung als Religion die oben erwähnte Gemeinschaft fehle. Gäbe es diese, könne ein vormalig individuelles Glaubenssystem aber durchaus unter die Religionsdefinition nach Durkheim gefasst werden. Lediglich die soziale Vermittlung und Teilhabe derjenigen, die sich für diesen Glauben entschieden haben, wären hierfür noch notwendig.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und theoretische Einordnung: Die Arbeit führt in die Konfrontation zwischen dem Protagonisten Schotty und der Religionsmaklerin Krüger ein, um zwei grundlegende Haltungen zur Religion zu kontrastieren.
1.1 Religion als Angebot und Designerreligion: Dieser Abschnitt thematisiert Krügers Geschäftsmodell, bei dem Religionen als Produkte und persönliche Glaubenssysteme angeboten werden.
1.2 Die Perspektive des Atheismus: Tod und Enttäuschung: Hier wird Schottys Position analysiert, der den Glauben als Flucht vor der Enttäuschung begreift und den Tod als Grenze sinnvoller Existenz sieht.
1.3 Durkheims Religionsdefinition und die Rolle der Gemeinschaft: Der Abschnitt vergleicht Krügers Ansatz mit Durkheims soziologischem Verständnis, das Religion zwingend an eine Gemeinschaft (Kirche) bindet.
1.4 Modelle der Religiosität: Sui generis vs. Ascription model: Auf Basis von Ann Taves wird geklärt, ob Religion ein innewohnendes Phänomen ist oder dem Objekt durch den Menschen zugeschrieben wird.
1.5 Klarsichtigkeit und die Dringlichkeit des Lebens: Das Kapitel schließt mit Schottys Epiphanie über die Sinnlosigkeit des Jenseitsglaubens und dem Fokus auf das tatsächliche Leben.
Schlüsselwörter
Religion, Der Tatortreiniger, Anbieterwechsel, Émile Durkheim, Designerreligion, Atheismus, Ann Taves, Sui generis Modell, Ascription Modell, Glaubenssystem, Enttäuschung, Epiphanie, Kollektive Religion, Sinnstiftung, Lebenswelt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Folge "Anbieterwechsel" der Serie "Der Tatortreiniger" unter dem Aspekt, wie Religion definiert wird und welche Rolle sie für das menschliche Bedürfnis nach Sinnstiftung spielt.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die Abgrenzung zwischen atheistischer Lebenshaltung und konstruierten Glaubenssystemen, die Rolle des Marktes für religiöse Produkte sowie die sozialwissenschaftliche Definition von Religion.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die philosophische Debatte über die Konstitution von Religion am Beispiel eines fiktiven Dialogs zu verhandeln und zu prüfen, wann ein individuelles Glaubenssystem als Religion im wissenschaftlichen Sinne gelten kann.
Welche wissenschaftlichen Theorien werden verwendet?
Die Untersuchung stützt sich primär auf Émile Durkheims Definition von Religion sowie die Kategorisierungsmodelle von Ann Taves.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die theoretische Einordnung der Dialoge zwischen Schotty und Frau Krüger in bestehende religionswissenschaftliche Modelle sowie die Reflexion über den Tod als Ankerpunkt für religiöse Fragen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören "Designerreligion", "Sui generis Modell", "Ascription Modell", "Atheismus" und "religiöse Erfahrung".
Warum spielt der Begriff "Designerreligion" eine so zentrale Rolle?
Der Begriff verdeutlicht die Kommerzialisierung und Individualisierung von Religion, wie sie in der Serie durch die Figur der Frau Krüger als Produktangebot dargestellt wird.
Wie unterscheidet sich Schottys Religionsverständnis von dem der Frau Krüger?
Schotty vertritt eine Position, die Religion als feststehende Wahrheit ("von Oben") begreift, während Krüger einen funktionalistischen Ansatz verfolgt, bei dem Religion als soziales Konstrukt zur Trostspende dient.
- Arbeit zitieren
- M. A., M. Ed. Felix Krenke (Autor:in), 2019, Was konstituiert Religion? Religiöse Gefühle in "Der Tatortreiniger", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1008000