Der Werte und Normen-Unterricht zwischen ethischer Indoktrination und der Vermittlung sozial notwendiger Kompetenzen


Essay, 2015

6 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

In § 2 des niedersächsischen Schulgesetzes wird der Bildungsauftrag der Schulen deklariert, demzufolge die Schulen die „Persönlichkeit der Schüler und Schülerinnen (SuS) auf der Grundlage des Christentums, des europäischen Humanismus und der Ideen der liberalen, demokratischen und sozialen Freiheitsbewegungen“ weiterentwickelt werden soll.1 Diesem Anspruch an die schulische Bildung schließt sich die Forderung an, die SuS in die Lage zu versetzen „nach ethischen Grundsätzen zu handeln sowie religiöse und kulturelle Werte zu erkennen und zu achten“.2 Dieser, im Schulgesetz formulierte Bildungsauftrag, geht weit über die bloße fachliche Unterweisung in wissenschaftlichen Disziplinen hinaus. Er kann ohne weiteres als Erziehungsauftrag verstanden werden, wenn die Schulen im Gesetzestext angehalten werden ihre SuS dazu zu befähigen „ihre Beziehungen zu anderen Menschen nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit, der Solidarität und der Toleranz sowie der Gleichberechtigung der Geschlechter zu gestalten.“3 Im schulischen Bildungsauftrag sowie im gesellschaftlichen Zusammenleben nehmen diese Kompetenzen einen zentralen Stellenwert ein, welcher schlicht nicht überschätzt werden kann. Die Notwendigkeit dieser Kompetenzen für das tatsächliche, außerschulische Leben steht außer Frage. Somit sollte die Umsetzung dieser Ansprüche an die Schulbildung unbedingt gewährleistet sein und eine hohe Priorität haben. Allerdings gestaltet sich die Vermittlung dieser Kompetenzen für naturwissenschaftliche und sprachliche Fächer meist als sehr schwer. Fächer mit gesellschaftswissenschaftlichem Bezug eröffnen dahingehend mehr Möglichkeiten. Ein Nebenfach jedoch, welches unglücklicherweise an vielen Schulen ein geradezu karges Schattendasein führt, ist der Vermittlung dieser Kompetenzen verschrieben; der Werte- und Normen-Unterricht. Er schafft einen Raum im schulischen Kontext in dem „unterschiedliche Weltanschauungen und Wahrheitsauffassungen im Sinne einer prinzipiellen Pluralität berücksichtigt“ und diskutiert werden können.4 Außerdem sollen die SuS „für die moralischen und sittlichen Dimensionen menschlichen Handelns“ sensibilisiert werden und die „Anwendung der Kriterien ethischer Argumentationsweisen“ erlernen.5 Aus diesen, im Kerncurriculum formulierten Zielen, leitet sich seine Notwendigkeit für die schulische Bildung eines jeden/r SuS ab, wenn das Niedersächsischen Schulgesetzes im Schulalltag tatsächliche Gültigkeit haben sollen.

Abseits des Problems der Wertigkeit des Faches im Fächerkanon steht der Werte- und Normen-Unterricht vor dem gleichen didaktischen Problem wie jedes andere Fach; wie soll vermittelt werden, was vermittelt werden soll? Die spezifische Beschaffenheit der Unterrichtsinhalte macht eine einfache Antwort auf diese Frage nahezu unmöglich. Das Kerncurriculum nennt Kompetenzen „ Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten, aber auch Bereitschaften, Haltungen und Einstellungen, über die Schülerinnen und Schüler verfügen müssen, um Anforderungssituationen gewachsen zu sein“.6 Erstere können vermittelt werden, während letztere eingenommen und geformt werden müssen. Der Lehrer im Werte- und Normen- Unterricht steht also vor der Aufgabe bei selbstbestimmten Individuen, die das „Recht [haben ihre] Persönlichkeit frei und eigenverantwortlich zu entfalten“ eine demokratische und egalitäre Grundhaltung herbeizuführen.7 Im folgenden werden zwei traditionell gewählte Wege vorgestellt wie eine moralische Erziehung, die einen großen Teil des W&N Unterrichts ausmacht, gesichert werden sollte. Aus dem Vergleich sollen sich notwendige Konsequenzen ergeben, die auf den aktuellen Unterricht angewendet werden können.

Die moderne Form des Kulturübertragungsansatzes, die auf Émile Durkheim zurückgeht, vermittelt dem Heranwachsenden „neben den wissenschaftlichen Erkenntnissen auch Werte, Normen, Regeln und Traditionen, die sich über Jahre hinweg in einer bestimmten Kultur bewährt haben“ direkt und explizit.8 Gegebenenfalls werden bestimmte Verhaltensweisen an- oder abtrainiert. Die Lehrer haben hier „als 'Agenten' des Staates die Aufgabe, den Kindern das Einhalten bestimmter Gruppenregeln anzuerziehen, die dann von diesen ohne weitere Überwachung eingehalten werden“.9 Die SuS sind hier lediglich passive Rezipienten die auf ein erwünschtes Verhalten hin trainiert werden. Die Werte werden „in Form von Regeln [oder Merksätzen] und nicht als universelle moralische Prinzipien formuliert.“10 Diesem Ansatz liegt ein äußerst passives Menschenbild zu Grunde. Die SuS werden so geformt, wie es von der Instanz die die Lehrpläne erstellt und ausgibt (Land, Staat, etc.) gewünscht und als gut erachtet wird. Auf Seiten der Schüler findet eine bloße Übernahme der Werte statt, weshalb dieser Ansatz auch als Indoktrinationsmethode bezeichnet wird.11 Der Ansatz basiert auf der Vorstellung, dass sich „der moralische Charakter aus einem 'Bündel von Tugenden' zusammensetzt“, bei dem es sich um, „von der Gesellschaft als wünschenswert angesehen[e]“ Merkmale wie Höflichkeit, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und dergleichen handelt.12 Dieser Ansatz kann einzelne Tugenden fördern, wird aber den im Schulgesetz geforderten Kompetenzen in keinster Weise gerecht. Es wird hier zu Grunde gelegt, dass die vermittelten Werte einen Konsens widerspiegeln und durch die gesamte Gesellschaft hindurch anerkannt sind. Diese Annahme krankt am Problem der verschiedenen möglichen Perspektiven, welche nicht weiter betrachtet werden. Eine Protestbewegung kann, je nach Perspektive, als Ausdruck von Idealismus und Mut oder aber als Verantwortungs- und Respektlos gewertet werden.13 Die Möglichkeit mehrerer parallel existierender Wertesysteme verschiedener Kulturen werden nicht betrachtet. In der Indoktrinationsmethode werden 'richtig' und 'falsch' vorgegeben und die SuS müssen diese Wertigkeit lediglich übernehmen.

In krassem Gegensatz zum oben beschriebenen Ansatz steht die romantische Schule oder das Gewährenlassen in der sozial-moralischen Erziehung. Hier soll der Erzieher die Entwicklung des Kindes fördern und der Mensch soll „in Eintracht mit natürlichen Gesetzen leben, die als gut voraus gesetzt werden.“14 Da der Erzieher hier kaum Einfluss nimmt, werden dem Kind keine direkten Werte vermittelt. Soziale Tugenden und das Selbst sollen sich frei entfalten können. Dies führt dazu, dass Werte und Meinungen gleichwertig sind. Jedes Individuum setzt seine eigenen Werte und das Hauptziel ist es, „dass sich jeder Mensch seiner eigenen Werte bewusst wird, ohne dass irgendein Wert als minderwertig betrachtet wird.“15 Kernaspekt dieser Methode ist die Toleranz gegenüber anderen Wertesystemen, die sehr erfolgreich vermittelt werden kann. Der Nachteil findet sich in der Abwesenheit allgemeiner, geteilter Vorstellungen. Durch die Vielzahl der unterschiedlichen Vorstellungen bietet dieser Ansatz keine Orientierungshilfe, wie sie der Werte- und Normen-Unterricht bieten soll. Dieser Ansatz ist, wie der vorige, wenn auch aus anderen Gründen, für den Werte- und Normen- Unterricht zurückzuweisen.

Wie also soll ein sinnvoller Werte- und Normen-Unterricht nun aussehen? Es genügt nicht vorgestellte Werte zu verinnerlichen und sich strikt an gegebene Normen zu halten, die von der Gesellschaft als nützlich erachtet werden. Ebenfalls genügt es nicht die SuS ihre persönlichen Werte erkennen und selbst setzen zu lassen. Im ersten Fall ist spielt die Persönlichkeitsentwicklung der SuS kaum eine Rolle, im zweiten fehlen tatsächliche Regeln und ein eigentlich möglicher philosophischer Unterbau.

Der Werte- und Normen-Unterricht muss vor allen anderen eine Kompetenz vermitteln, die Jürgen Rekus mit Werturteilsfähigkeit beschreibt. „Werten heißt danach zu fragen, was etwas für mich bedeutet, nicht was etwas ist, auch nicht, wie ich jetzt handeln soll“, auch wenn diese letzte Frage an späterer Stelle im Unterricht eine Rolle spielt.16 Ähnlich wie in der romantischen Schule der sozial-moralischen Bildung werden die persönlichen Werte betont. Allerdings spielt der Weg zu einem Urteil die größere Rolle, als die Frage wie dieses Urteil ausgefallen ist. Ziel des Unterrichts muss es sein die Schüler in die Lage zu versetzen Handlungen selbstständig bewerten zu können und somit nach eigenem Maßstab 'Gutes' und 'Schlechtes' unterscheiden zu können. Die Vermittlung eines gefällten Urteils, wie in der Indoktrination der Fall, tut für diese Kompetenz nichts. Die angestrebte Urteilsfähigkeit wird durch die Konfrontation mit verschiedenen Wertesystemen gewährleistet, indem sich die SuS den präsentierten moralischen Vorstellungen und Normen gegenüber durch ihren Urteilsprozess selbst verorten. Durch diesen Ansatz erprobt und festigt der Werte- und Normen-Unterricht die ethischen Vorstellungen der Lernenden und ihre Persönlichkeit. Dieser Unterricht „wird [weiterhin] nicht verschweigen dürfen, dass vor allem im Philosophieren die Menschen Suchende sind, dass weniger philosophische Wahrheiten vermittelt werden können, sondern das Philosophieren selbst zu lernen ist“.17 Ein so geleiteter Unterricht betont die Vielfältigkeit möglicher Urteile und formuliert keinen Wahrheitsanspruch, sondern lehrt diesen Anspruch ebenfalls nicht zu erheben. Die SuS sind im Unterricht mit verschiedenen moralischen Vorstellungen konfrontiert und sind angehalten Toleranz zu üben und sich gegenseitig zu respektieren während sie ihre sprachlichen und argumentativen Fähigkeiten im Diskurs erproben können.

[...]


1 Niedersächsisches Kultusministerium (Hg.): Niedersächsisches Schulgesetz. Hannover 2015. §2

2 Ebenda

3 Ebenda

4 Niedersächsisches Kultusministerium (Hg.): Kerncurriculum für die Hauptschule. Jahrgänge 5 – 10. Werte und Normen. Hannover 2015

5 Ebenda

6 Ebenda

7 Ebenda

8 Schläfli, A. (1986). Förderung Der Sozial-moralischen Kompetenz: Evaluation, Curriculum Und Durchführung Von Interventionsstudien. S.9

9 Ebenda

10 Ebenda

11 Vgl. Ebenda

12 Schläfli, A. S. 10

13 Vgl. Schläfli, A. S. 13

14 Schläfli, A. S. 14

15 Schläfli, A. S. 16

16 Rekus, J., & Göllner, R. (1991). Schulfach Und Ethik: Fachdidaktische Beiträge Zur Moralischen Erziehung Im Unterricht. S. 22

17 Heitger, M. Tugend ist nicht lehrbar! PÄD-Forum: unterrichten erziehen 37/28 (2009) 2, S. 52-55

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Der Werte und Normen-Unterricht zwischen ethischer Indoktrination und der Vermittlung sozial notwendiger Kompetenzen
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Theoretische und praktische Überlegungen zur Unterrichtsgestaltung im Philosophie/Werte und Normen Unterricht
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
6
Katalognummer
V1008005
ISBN (eBook)
9783346395504
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Werte und Normen, Indoktrination, soziale Kompetenz
Arbeit zitieren
M. A., M. Ed. Felix Krenke (Autor), 2015, Der Werte und Normen-Unterricht zwischen ethischer Indoktrination und der Vermittlung sozial notwendiger Kompetenzen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1008005

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