Biopsychosoziale Barrieren der körperlichen Aktivität bei Jugendlichen mit Diabetes-Typ-1. Eine biografische Analyse


Masterarbeit, 2021

130 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Aufbau der Arbeit

2 Forschungsstand
2.1 Aktuelle Forschungslage
2.2 Forschungsdefizit und Fragestellung

3 Diabetes und körperliche Aktivität
3.1 Definition und Klassifikation des Diabetes
3.1.1 Diabetes mellitus Typ 1
3.1.2 Diabetes mellitus Typ 2
3.2 Therapie
3.2.1 Therapie bei Diabetes-Typ-1
3.2.2 Therapie bei Diabetes-Typ-2
3.3 Epidemiologie
3.4 Pathophysiologie
3.5 Die Rolle der körperlichen Aktivität
3.6 Bewegungsempfehlung für Menschen mit Diabetes
3.6.1 Umfang der Aktivität
3.6.2 Intensität
3.7 Auswirkungen körperlicher Aktivität bei Typ-1-Diabetes
3.7.1 Kurzfristige Auswirkungen
3.7.2 Langfristige Auswirkungen

4 Entwicklung und Stabilisierung des Verhaltens im Lebenslauf
4.1 Lebenslaufperspektive: Wendepunkte und Übergänge von Typ-1-Diabetikern
4.2 Sozial kognitive Theorie von Bandura
4.3 Biopsychosoziales Modell
4.3.1 Biopsychosoziales Modell aus medizinischer sicht
4.3.2 Biopsychosoziales Modell aus sportwissenschaftlicherSicht

5 Methodik: DieThematik im Rahmen derqualitativen Forschung
5.1 EigeneVerbundenheit
5.2 Studiendesign und methodologische Herangehensweise
5.3 Bestimmung der Stichprobe
5.4 Datenerhebung
5.4.1 Interviews
5.4.2 Biografische Mappings
5.5 Untersuchungsdurchführung
5.6 Datenauswertung
5.6.1 Narrationsanalyse nach Schütze (Teil 1)
5.6.2 Auswertung einzelner Kategorien der Mappings mittels eines Klassifikationssystems (Teil 2)
5.7 Gültigkeit derqualitativen Forschung
5.8 Darstellung der Ergebnisse
5.8.1 Analytische Beschreibungen und Rekonstruktionen (Teil 1)
5.8.2 Kategorische Auswertung der Mappings (Teil 2)

6 Diskussion
6.1 Überprüfung Forschungsstand
6.2 Interpretation der Ergebnisse (Teil 1)
6.3 Interpretation der Ergebnisse (Teil 2)
6.4 Limitationen

7 Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Geschlechterspezifische Formulierung

ln dieserArbeitwird aus Gründen der besseren Lesbarkeit das generische Maskulinum verwendet. Weibliche und anderweitige Geschlechteridentitäten werden dabei ausdrücklich mitgemeint, soweit es für die Aussage erforderlich ist.

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Beispielhafter zusammenhang biologischer, psychologischerund sozialer Barrieren

Abb. 2: Barrieren körperlicher Aktivität, welchevon den Teilnehmern der Studie von Kennedy etal. aufgeführtwurden

Abb. 3: Blutzuckerwerte

Abb. 4: Klassifikation Diabetes

Abb. 5: Funktion eines CGM-Systems

Abb. 6: Zyklische Auswirkungen biopsychosozialer Faktoren aufdie Stoffwechselkontrolle bei Typ-1-Diabetikern

Abb. 7: Zeitverlaufder Inzidenzvon Typ-1-Diabetes

Abb. 8: Verlaufder Ketonkörper während körperlicher Aktivität bei absolutem Insulinmangel

Abb. 9: Gesundheitliche Vorteile körperlicher Aktivität bei Typ-1 und Typ-2- Diabetes

Abb. 10: Zusammenhang zwischen HbA1c-Werten und Trainingszeit pro Woche

Abb. 11: Schaubild Banduras sozial kognitiveTheorie

Abb. 12: Wechselwirkungen zwischen den Komponenten der ICF (= internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit)

Abb. 13: Beispiel für Interviewaussagen der Person 4 aus dem Mapping- Prozess

Abb. 14: Darstellung der Mittelwerte derjeweiligen Kategorien zu unterschiedlichen Zeitabschnitten

Abb. 15: Wechselwirkungen biopsychosozialer Barrieren körperlicher Aktivität bei Jugendlichen mit Diabetes-Typ-1

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Beispiel eines individuellen biopsychosozialen Patientenmodells

Tab. 2: Allgemeine Angaben zu teilnehmenden Personen

Tab. 3: Klassifikationssystem

Tab. 4: Klassifikationssystem bis ein Jahr vor der Diagnose

Tab. 5: Klassifikationssystem zum Zeitpunkt der Diagnose

Tab. 6: Klassifikationssystem bis zwei Jahre nach der Diagnose

1 Einleitung

Regelmäßige körperliche Aktivität ist für die physische und psychische Gesundheit aller Menschen von essentieller Bedeutung (vgl. Michalszyn & Faulkner, 2010). Körperliche Aktivität wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert als jede körperliche Bewegung, die von Skelettmuskeln erzeugt wird und Energieverbrauch erfordert (vgl. WHO, 2020).

Laut den nationalen Mindestempfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung bei Erwachsenen, gilt es, um die Gesundheit zu erhalten und zu fördern, mindestens 150 Minuten/Woche aerobe körperliche Aktivität mit moderater Intensität oder mindestens 75 Minuten/Woche aerobe körperliche Aktivität mit höherer Intensität durchzuführen (vgl. Rütten & Pfeifer, 2016). Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren sollten bei der täglichen Bewegung auf eine Zeit von mindestens 90 Minuten kommen (vgl. Rütten & Pfeifer, 2016). Allerdings geht die heutige Lebensweise unserer Gesellschaft mit einerzunehmend geringeren körperlichen Aktivität in Beruf und Freizeit einher (vgl. Behrens et al., 2017). Dabei wird Bewegungsmangel von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als der viertwichtigste Risikofaktor für Mortalität bezeichnet (vgl. Behrens et al., 2017). Der stetig zunehmende Bewegungsmangel ist bereits bei Kindern und Jugendlichen zu beobachten (vgl. Arzu et al., 2006).

Die Adoleszenzperiode stellt den Übergang von der Kindheit zum Erwachsenenalter dar, und Lebensgewohnheiten, wie regelmäßige Bewegung werden normalerweise in dieser Zeit geprägt. Untersuchungen weisen jedoch auf, dass die körperliche Aktivität in den Jugendjahren stetig abnimmt (vgl. Arzu et al., 2006). Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass die meisten Jugendlichen einen sitzenden Lebensstil führen. Tatsächlich erreichten nur 8% der Jugendlichen das empfohlene Aktivitätsniveau (vgl. Michalszyn & Faulkner, 2010). Die Folgen des Bewegungsmangels sind unter anderem die Ursache dafür, dass in zunehmendem Maße Übergewicht mit Konsequenzen, wie Typ-2-Diabetes, unser Gesundheitssystem belastet (Thurm & Gehr, 2018).

Körperliche Aktivität wird häufig beim Typ-2-Diabetes thematisiert, dabei ist regelmäßige Bewegung gerade auch für Typ-1-Diabetiker von essentieller Bedeutung. Immer mehr Patienten mit einem Typ-1-Diabetes messen den Vorteilen regelmäßiger körperlicher Aktivität weniger Bedeutung bei (vgl. DDG, 2019).

Diabetes ist eine Gruppe von chronischen Stoffwechselerkrankungen, die durch Hyperglykämien gekennzeichnet sind. Sie beruhen auf Defekten der Insulinsekretion, der Insulinwirkung oder beidem (ADA, 2010). Diabetes mellitus gilt als eine Modellerkrankung in der Verhaltensmedizin, da die Interaktion von medizinischer Behandlung, physiologischen Faktoren und behavioralen wie psychologischen Faktoren für den Behandlungserfolg entscheidend ist (vgl. Ehlert, 2016). Keine andere chronische Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen schreitet mit so einer Dynamik fort wie der Typ-1-Diabetes. In Deutschland steigt die Rate neuer Fälle jährlich um 4 %, was bedeutet, dass sie sich in den letzten 25 Jahren verdoppelt hat. DieserTrend hält an (vgl. DDG, 2020).

Für gesunde Menschen bedeutet Sport Freizeitgestaltung und Fitness, für Menschen mit Typ-1-Diabetes ist Sport ein wichtiger Bestandteil der Therapie. Je besser der Diabetes eingestellt ist, umso höher ist die Lebensqualität und Lebenserwartung. Dabei sind ein normales Körpergewicht, Blutdruckwerte unter 140/80 mmHg, Blutfettwerte unter 200 mg% und ein Blutzuckerspiegel niedriger als 180 mg/dl Teil einer guten Diabeteseinstellung. Regelmäßige körperliche Aktivität kann dazu beitragen, diese Werte zu verbessern (vgl. Thurm & Gehr, 2018).

Das Diabetesmanagement ist in sozialer, psychologischer und wirtschaftlicher Hinsicht komplex und kostspielig, sodass eine Behandlung täglich mehrere Insulininjektionen und eine gezielte Auseinandersetzung mit der Ernährung, inklusive Kohlenhydratüberwachung, erfordert. Neben der Ernährung und der Medikation stellt regelmäßige Bewegung eine der Säulen der Diabetestherapie dar und ist somit ein wichtiger Bestandteil der Behandlung (vgl. Schmeisl, 2001).

Eine gesteigerte körperliche Aktivität führt unter anderem zu positiven metabolischen und kardiovaskulären Effekten, sowie zu einer Verbesserung der psychischen Gesundheit (vgl. Chimen et al., 2011; Behrens et al., 2017). Insbesondere für Patienten mit Typ-1-Diabetes ist regelmäßige körperliche Aktivität mit signifikanten gesundheitlichen Vorteilen verbunden, einschließlich einer erhöhten kardiorespiratorischen Fitness (vgl. Soedamah-Muthu et al., 2006), eines verringerten Insulinbedarfs, eines niedrigeren Serumcholesterins (vgl. Chimen et al. 2011), einer verbesserten Endothelfunktion (vgl. Fuchsjager-Mayrl, 2002) sowie einer Verbesserung der Insulinsensitivität (vgl. Ramalho et al., 2006). Diese Vorteile sind besonders hervorzuheben, da Menschen, die an Diabetes mellitus Typ 1 erkrankt sind, mindestens ein doppelt so hohes Risiko haben, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu erkranken, im Vergleich zu Menschen ohne Diabetes (vgl. Quirk et al., 2014). Zusammengenommen sind diese Vorteile mit einem geringeren Risiko für Komplikationen und einer erhöhten Lebenserwartung bei Patienten mit Typ-1-Diabetes verbunden (vgl. Yardley et al., 2013).

Trotz dieser genannten Vorteile zeigen Untersuchungen, ähnlich wie in der Allgemeinbevölkerung, dass die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen mit Typ-1- Diabetes die nationalen Mindestempfehlungen für körperliche Aktivität nicht erfüllen (vgl. Tully et al., 2016). Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes sind mehr als 10 Stunden am Tag sitzend und unterscheiden sich nicht signifikant von gesunden Gleichaltrigen (vgl. Tully et al., 2016). Darüber hinaus haben Selbstberichte zum Erreichen von 60 Minuten körperlicher Aktivität pro Tag bei Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes im Vergleich zu gesunden Kontrollgruppen signifikant niedrigere Häufigkeiten gezeigt (2,8 ± 2,5 gegenüber 3,6 ± 1,9 Tagen, p < 0.001) (vgl. Michalyszn & Faulkner, 2010). Als Folge dessen waren in einer durchgeführten Studie Jugendliche mit Typ-1-Diabetes im Vergleich zu gesunden Kon- trollpersonen signifikant stärker übergewichtig (24 % gegenüber 10 %, p < 0.001). Dieser Befund wurde in allen Altersgruppen und bei beiden Geschlechtern beobachtet (vgl. Michalszyn & Faulkner, 2010). Des Weiteren hat die Mehrheit der Diabetiker Bluthochdruck und etwa 60 % haben Dyslipidämien (vgl. Riddell et al., 2017). Um den Bewegungsmangel und die damit assoziierten gesundheitlichen Risiken zu vermeiden, gilt es, diesen Aktivitätsmangel durch bewusste körperliche Aktivitäten auszugleichen. Die konkreten Gründe für geringe oder fehlende körperliche Aktivität können dabei sehr unterschiedlich sein. Warum sich insbesondere Diabetiker weniger körperlich betätigen, soll in der folgenden Problemstellung geschildert werden.

1.1 Problemstellung

Es gibt viele Faktoren, die die Teilnahme an körperlicher Aktivität beeinflussen. Dazu gehören demografische Variablen, Kenntnisse, Einstellungen und Überzeugungen zu körperlicher Aktivität, aber auch Faktoren wie Zeitmangel und physische Aspekte bestimmen das Bewegungsverhalten der Allgemeinbevölkerung (vgl. Behrens et al., 2017). Es gibt zwei kognitive Variablen, die für die körperliche Aktivität verantwortlich sind: wahrgenommene Vorteile und wahrgenommene Barrieren. Wahrgenommene Vorteile können positiv sein, Barrieren können die Teilnahme an Aktivitäten negativ beeinflussen. In den letzten Jahren wurde die Untersuchung der wahrgenommenen Barrieren für körperliche Aktivität als wichtig angesehen, um zur Problematik der körperlichen Inaktivität in Stichproben von Jugendlichen beizutragen (vgl. Arzu et al., 2006).

„You can't just jump on a bike and go” (Quirk et al., 2014, S. 5) so beschreibt eine Mutter eines Typ-1-Diabetikers einen wichtigen Bestandteil des Lebens eines Diabetikers. Im Hinblick auf körperliche Aktivität müssen Diabetiker das Management gut beherrschen, da es ansonsten zu Komplikationen kommen kann. Aus diesem Grund treten insbesondere bei Patienten mit Typ-1-Diabetes oftmals weitere, zum Teil schwerwiegende Barrieren auf. Bei richtiger Einstellung kann körperliche Aktivität gute Stoffwechseleffekte induzieren, während es bei schlecht Eingestellten zu Stoffwechselentgleisungen, wie schwere Hypo- oder Hyperglykämien (Unter- und Überzucker) kommen kann (vgl. Esefeld et al., 2017). Neben schwerwiegenden Stoffwechselentgleisungen können diabetesbedingte Komorbiditäten und chronische Krankheitsverhalten, darunter auch Verhaltensweisen von körperlicher Zurückhaltung, Vertrauensverlust in die eigenen Körperfunktionen und Verlust des Selbstwertgefühls umfassen. Auch wenn der grundsätzliche Anstieg des Hypoglykämierisikos überwiegend nicht aus den Stoffwechselkontrolldaten zur körperlichen Aktivität von Typ-1-Diabetiker abgeleitet werden kann, wird die Sorge um eine Hypoglykämie als Verringerung oder Mangel an körperlicher Aktivität genannt und stellt somit die häufigste genannte Barriere dar (vgl. Behrens et al., 2017).

Barrieren für körperliche Aktivität lassen sich in verschiedene Kategorien gliedern, darunter zählen externe (biologische) und interne (psychologische und soziale) Faktoren (vgl. Kennedy et al., 2018). Diese Faktoren sind von großer Bedeutung, da verschiedene wahrgenommene Barrieren möglicherweise zu einer aversiven Erfahrung führen, die wiederum zur Vermeidung von Aktivitäten führt. Zum besseren Verständnis soll im Folgenden ein beispielhaftes Phänomen dargestellt werden, wie es zur Wechselwirkung biologischer, psychologischer und sozialer Barrieren kommt und wie diese sich gegenseitig beeinflussen können. Demzufolge können akut auftretende Stoffwechselentgleisungen (z.B. Hy- pogklykämien) u.a. ein Hindernis für die Ausübung körperlicher Aktivität darstellen. Entweder die Angst davor eine zu erleiden oder die Erfahrung, bereits eine (oder mehrere) Entgleisungen erlebt zu haben, können ein Grund für eine biologische Barriere darstellen. Diese negative Erfahrung kann dazu führen, dass nun Furcht vor erneuter Entgleisung besteht (psychologische Barriere) und aus diesem Grund auf körperliche Aktivität verzichtet wird, was letztendlich zum Rückzug aus Sportgruppen/ Sportvereinen führen kann (soziale Barriere) (siehe Abb. 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: BeispielhafterZusammenhangbiologischer, psychologischerundsozialerBar- rieren

Folgende Zitate von Typ-1-Diabetikern sollen ein besseres Verständnis der wechselseitigen Einflüsse auf körperliche Aktivität vermitteln:

Völlig aus dem Rhythmus kam ich durch einen Auslandsaufenthalt, der dann auch leider durch die Diabetesdiagnose beendet wurde. Nach der Diagnose wagte ich mich erst nach ein paar Monaten wieder ins Fitnessstudio. Die ersten Versuche waren eine Katastrophe, bis hin zu schweren Hypoglykämien auf dem Laufband, bei denen ich sogar Fremdhilfe benötigt habe. Aus diesem Grund habe ich dann nur noch in Begleitung meiner Mutter oder meines Vaters das Studio besucht. (Thurm & Gehr, 2018, S. 279)

Aufgrund dieser aversiven Erfahrungen von Hypoglykämien, kann diese Person nicht mehr alleine zum Sport gehen.

Ein weiterer Erfahrungsbericht verdeutlicht, dass es aufgrund negativer biologischer Erfahrungen zu psychologisch determinierten Hindernissen kam: „Die Diabetesberaterin ermunterte mich auch immer wieder, trotz Diabetes Sport zu treiben. Ich war allerdings ein diabetischer Tiefflieger und traute mich einfach nicht. Zu häufig hatte ich mit Unterzuckerungen (bis hin zur Bewusstlosigkeit und Krampanfall) zu kämpfen“ (Thurm & Gehr, 2018, S. 318).

In Bezug auf die genannten Probleme, welche bei Typ-1-Diabetikern im Zusammenhang mit körperlicher Aktivität auftreten können, soll die Frage, welche biologischen, psychologischen und sozialen Barrieren bei Jugendlichen mit Diabe- tes-Typ-1 im Hinblick auf körperliche Aktivität bestehen und wie diese in Wechselwirkung zueinanderstehen, untersucht werden.

Des Weiteren soll herausgefunden werden, wie sich die Barrieren der körperlichen Aktivität im Lebensverlauf, mit Fokus auf dem Lebensereignis der Diagnose Diabetes-Typ-1, zu den Zeitabschnitten vor der Diagnose, zum Zeitpunkt der Diagnose und danach verändern.

1.2Aufbau derArbeit

Im ersten Teil der Arbeit wird der Forschungsstand (Kap. 2.1) mit dem Forschungsdefizit sowie der Präzisierung der Forschungsfrage (Kap. 2.2) dargestellt. Um ein tiefgreifendes Verständnis für die Krankheit des Diabetes mellitus zu vermitteln, werden im dritten Kapitel die theoretischen Grundlagen ausgeführt. Hierzu wird die Krankheit im Allgemeinen (Kap. 3.1) sowie eine Definition und Klassifikation vorgestellt, dabei wird zwischen Diabetes mellitus Typ 1 (Kap. 3.1.1) und Diabetes mellitus Typ 2 (Kap. 3.1.2) unterschieden. Anschließend werden die Therapiemöglichkeiten der beiden Typen erläutert (Kap. 3.2). Um die Häufigkeit und damit auch die Wichtigkeit des Diabetes klar zu machen, wird in Kapitel 3.3 die Epidemiologie dargestellt. Die Ausführung zur Pathophysiologie (Kap. 3.4) dient dazu, dass verstanden wird, inwieweit sich der Diabetes auf den Körper auswirkt und was die Hormone Insulin und Glukagon im Körper bewirken. Bezüglich der Rolle der körperlichen Aktivität (Kap. 3.5), gab es in der Diabetesgeschichte verschiedene Auffassungen, so konnten bereits 1919 Forscher herausfinden, dass körperliche Aktivität die Blutzuckerwerte senkt. In welchem Umfang und Maße ein Mensch mit Diabetes körperlich aktiv sein sollte, wird in Kapitel 3.6, der Bewegungsempfehlung für Menschen mit Diabetes, erklärt. Dieses Kapitel wird nochmals in Umfang (Kap.3.6.1) und Intensität (Kap. 3.6.2) von körperlicher Aktivität unterteilt. Als letzter Unterpunkt des dritten Kapitels (Kap. 3.7) werden die Auswirkungen körperlicher Aktivität bei Personen mit Diabetes beschrieben. Hierbei wird zwischen kurzfristigen Auswirkungen (3.7.1), welche für diese Arbeit von besonderer Bedeutung sind, und zwischen langfristigen Auswirkungen (Kap. 3.7.2) unterschieden. Im vierten Kapitel, „Entwicklung und Stabilisierung des Verhaltens im Lebenslauf“, wird zunächst der theoretische Rahmen abgesteckt. Dies beginnt mit der Vorstellung der Lebenslaufperspektive (Kap. 4.1), gefolgt von der sozial kognitiven Theorie von Bandura (Kap. 4.2). Am Ende wird das biopsychosoziale Modell, welches aus medizinischer Sicht (Kap. 4.3.1) und aus sportwissenschaftlicher Sicht (Kap. 4.3.2) betrachtet wird, vorgestellt. Das fünfte Kapitel „Methodik“ gliedert sich in sieben Unterkapitel. Kapitel 5.1 befasst sich mit der Rolle des Forschers, der hier vorliegenden Untersuchung. Kapitel 5.2 bezieht sich auf das Studiendesign, woraufhin anschließend die Bestimmung der Stichprobe erfolgt (Kap. 5.3). Im nächsten Kapitel (Kap. 5.4), werden die Mittel, welche zur Erhebung der Daten genutzt wurden, vorgestellt. Hierbei handelt es sich zum einen um Interviews (Kap. 5.4.1) und zum anderen um biografische Mappings (Kap. 5.4.2). Anschließend wird beschrieben, wie die Untersuchung durchgeführt wurde (Kap. 5.5). Die Datenauswertung gliedert sich in zwei verschiedene Methoden. In Kapitel 5.6.1 wird die Narrationsanalyse nach Schütze beschrieben, woraufhin in Kapitel 5.6.2 die Auswertung der einzelnen Kategorien der Mappings mittels eines Klassifikationssystems nähergebracht wird. Anschließend folgt die Gültigkeit der qualitativen Forschung (Kap. 5.7). Die Darstellung der Ergebnisse (Kap. 5.8) rundet das fünfte Kapitel ab. Hierbei werden zwei Ergebnisteile herangezogen. Teil 1 bezieht sich auf die analytischen Beschreibungen und Rekonstruktionen (Kap. 5.8.1), Teil 2 bezieht sich auf die kategorische Auswertung der Mappings (Kap. 5.8.2). Es folgt Kapitel 6 mit der Diskussion. Hier wird zunächst der Forschungsstand überprüft (Kap. 6.1), gefolgt von der Interpretation des ersten (Kap. 6.2), sowie des zweiten Auswertungsteils (Kap. 6.3). Zum Schluss werden die Limitationen dieser Arbeit aufgeführt (Kap. 6.4). Als letztes Kapitel erfolgt eine Zusammenfassung sowie ein Ausblick für weitere Forschungsvorhaben (Kapitel 7).

2 Forschungsstand

Als Einstieg in das Thema „Biopsychosozialer Barrieren körperlicher Aktivität bei Jugendlichen mit Diabetes-Typ-1“ soll zunächst ein Überblick über die bestehenden Forschungen in diesem Bereich gegeben werden. Im Anschluss erfolgt das Fazit zum Forschungsdefizit mit den Fragestellungen dieser Arbeit.

2.1 Aktuelle Forschungslage

Zur besseren Übersicht werden die einzelnen Studien nach thematischen Gesichtspunkten gegliedert.

Chronische Erkrankungen

Das Paper von Fereday und Kollegen von 2009 berichtet über Kinder und Jugendliche mit einer chronischen Krankheit sowie über ihre Wahrnehmungen und Erfahrungen mit körperlicher Aktivität. Die Wahrnehmungen und Erfahrungen ihrer Eltern wurden ebenfalls untersucht. Die chronischen Krankheiten waren Typ- 1-Diabetes, Asthma und Mukoviszidose. Die Ergebnisse dieser Studie legen nahe, dass für diese Kinder und Jugendlichen eine chronische Krankheit nicht als Hindernis für die Teilnahme an organisierten Sport- und Freizeitaktivitäten angesehen wurde. In dieser Studie wurden jedoch keine einzelnen Barrieren untersucht. Als methodische Mittel wurden mehrere qualitative Datenerfassungstechniken wie Fokusgruppen, Fotos, Karten und Ampelplakate benutzt (vgl. Fereday et al., 2009).

Außenstehende Personen

Die Autoren MacMillan et al. (2014) sowie Quirk et al. (2014) widmen sich in ihrer Untersuchung der Unterstützung von außenstehenden Personen bei Kindern und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes bezüglich körperlicher Aktivität.

Ziel der Studie von MacMillan et al. (2014) war es, die Wahrnehmung von Moderatoren und Hindernissen für körperliche Aktivität bei Jugendlichen mit Typ-1-Di- abetes zu untersuchen und herauszufinden, wie Schulen diesen Personen helfen können, körperlich aktiv zu sein. Interviews und Fokusgruppen wurden mit Jugendlichen Typ-1-Diabetikern und ihren Eltern, Diabetesfachleuten und Lehrern durchgeführt. Die Unterstützung für Diabetiker war in den Schulen unterschiedlich. Das Wissen über Diabetes war bei allen Lehrern begrenzt. Die Teilnehmer waren der Ansicht, dass Diabetes als Ausrede für das Aussetzen aus dem Sportunterricht dienen könnte und dass die Befürchtungen der Lehrer dies erleichtern könnten (vgl. MacMillan et al., 2014).

Quirk et al. (2014) untersuchten die Eltern als außenstehende Personen. Ziel war es, Aspekte zur Wahrnehmung der Eltern zu erheben, was körperliche Aktivität von Kindern mit Typ-1-Diabetes beeinflusst. Zu den Themen, die aufkamen, gehören der Konflikt zwischen Planung und spontaner Aktivität; Probleme bei der Kontrolle des Blutzuckers; das Erkennen der Bedeutung körperlicher Aktivität; die Entschlossenheit der Eltern; Kinder, die sich bei der Bewältigung körperlicher Aktivität auf ihre Eltern verlassen und die Bedeutung eines guten Unterstützungssystems. Diese Studie zeigt, dass Eltern als Torhüter für die körperliche Aktivität von Kindern dienen. Die Ergebnisse geben einen Einblick in die Notwendigkeit von Typ-1-Kenntnissen und Kompetenzen für Personal, das an der Überwachung der körperlichen Aktivitäten von Kindern beteiligt ist. Gesundheitsdienstleister sollten mit Familien Zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass diese verstehen, wie sie mit körperlicher Aktivität umgehen können. Die Ergebnisse sensibilisieren Fachkräfte für die Probleme, mit denen Kinder mit Typ-1-Diabetes und ihre Eltern konfrontiert sind, sowie für die Methoden, mit denen Kinder und ihre Familien Hindernisse für körperliche Aktivität überwinden.

Angehörige von Gesundheitsberufen, die mit Kindern mit Typ-1-Diabetes arbeiten, spielen eine wichtige Rolle bei der Beratung und Unterstützung der Kontrolle des Blutzuckerspiegels in Bezug auf körperliche Aktivität. Daher berichten Quirk et al. (2015), ähnlich wie im zuvor beschriebenen Paper, über die Wahrnehmung von medizinischen Fachangestellten, um zu verstehen, was die körperliche Aktivität bei Kindern mit Typ-1-Diabetes beeinflusst (vgl. Quirk et al., 2015). Die Faktoren, von denen angenommen wird, dass sie die Teilnahme an körperlicherAktivität beeinflussen, werden als fünf Hauptthemen und elf Unterthemen dargestellt. Zu den Themen gehören der positive Einfluss der sozialen Unterstützung, die Motivation des Kindes aktiv zu sein, das Potenzial formeller Organisationen wie Schule und Diabetes-Klinik, körperliche Aktivität zu unterstützen, die Herausforderungen für Menschen mit Typ-1-Diabetes und die wahrgenommenen Hindernisse für medizinische Fachangestellte, die ihre Rolle bei der Förderung körperlicher Aktivität erfüllen (vgl. Quirk et al., 2015).

Entwicklung einer Trainingsintervention

Die Forschungsuntersuchungen von Faulkner und Kollegen (2010) sowie Quirk und Kollegen (2018) weisen im Hinblick auf die Entwicklung einer Trainingsintervention für Typ-1-Diabetiker Gemeinsamkeiten auf, kommen jedoch zu anderen Erkenntnissen.

In einer explorativen Studie testeten Faulkner et al. (2010) die Machbarkeit einer personalisierten Trainingsintervention auf der Grundlage des aktuellen Fitnessniveaus von Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes. Die Beziehungen zwischen der Wahrnehmung von Vorteilen und Hindernissen für Bewegung, der Selbstwirksamkeit von Bewegung und der Unterstützung der Familie bei der Einhaltung von Übungen und Veränderungen der kardiovaskulären Fitness, der Lebensqualität und der Blutzuckerkontrolle wurden untersucht.

Pretest- und Posttest-Messungen der Selbstwirksamkeit, des Nutzens und der Hindernisse für Bewegung, der Unterstützung der Familie und des Diabetes wurden abgeschlossen. Bei der Untersuchung von Wahrnehmungsfaktoren, die die Einhaltung von Übungen beeinflussen können, konnten keine konsistenten, starken Assoziationen mit Hindernissen oder Vorteilen von körperlicher Aktivität festgestellt werden (vgl. Faulkner et al., 2010).

Quirk et al. (2018) beschäftigen sich mit der Entwicklung und Durchführbarkeitsbewertung einer Intervention bei körperlicher Aktivität für Kinder mit Typ-1-Dia- betes. Die genannten Barrieren in der Studie weisen eine andere Richtung als die bisherigen auf. Hier wurden Barrieren der Eltern genannt, z.B. weshalb es nicht immer möglich war zu den Gruppensitzungen zu kommen. Darunter wurden ein beschäftigter Lebensstil sowie die weite Distanz genannt. Eine Mutter implizierte, dass das Leben mit Diabetes es schwierig mache, sich die Zeit für zusätzliche Aktivitäten am Wochenende zu leisten (vgl. Quirk et al., 2018).

Hypoglykämie als häufigste genannte Barriere

Die häufigste Barriere für körperliche Aktivität bei Typ-1-Diabetikern stellt die Hypoglykämie dar, weshalb eine Vielzahl von Studien nur auf diese eine Barriere eingeht (Hasan et al., 2018; Tansey et al., 2006; Metcalf et al., 2014). Verschiedene Übersichten (Cockroft et al., 2019; Taplin et al., 2010) beschreiben auch die Prävalenz, eine durch körperliche Betätigung verursachten Hypoglykämie, sowie die Strategien, die zur Vorbeugung und Behandlung verwendet werden können.

Auch Jabbouret al. (2016) kommen zu ähnlichen Forschungserkenntnissen, die zeigen, dass Hypoglykämien in verschiedenen Altersgruppen eine Barriere darstellen. Sie unterscheiden dabei zwischen jüngeren (< 12 Jahre) und älteren (> 12 Jahre) Typ-1-Diabetikern. Bei jüngeren Personen waren die höchsten Barrierewerte bei den Faktoren Verlust der Kontrolle über den Diabetes, Angst vor Hypoglykämie, Arbeitsplan und Außentemperatur ersichtlich. In der älteren Gruppe (> 12 Jahre) waren Angst vor Hypoglykämie, Außentemperatur, Verlust der Kontrolle über den Diabetes und niedrige Fitness am wichtigsten. Die Ergebnisse wurden mittels eines Fragebogens erhoben.

Die Autoren um Michalak et al. (2018) widmen sich dem Thema der körperlichen Fitness von Kindern mit Typ-1-Diabetes. Diese wird im Cooper-12-Minuten-Lauf- test bewertet, um die Sicherheit des Tests in Bezug auf diabetesbedingte akute Komplikationen unter realen Bedingungen zu bewerten. Als mögliche Barriere wurde eine Hypo- sowie eine Hyperglykämie angegeben. Zusammenfassend lässt sich jedoch sagen, dass der Cooper-Test bei Kindern mit Diabetes sicher angewendet werden kann, um ihre körperliche Leistungsfähigkeit zu beurteilen. Jugendliche mit Typ-1-Diabetes zeigen eine ähnliche Fitness wie gesunde Kinder, weisen jedoch häufiger einen erhöhten Body-Mass-Index und Adipositas auf. Die Studie zeigt, dass eine kurzfristige, übermäßige Anstrengung während des Cooper-Tests nicht zu einem sofortigen Abfall der Blutzuckerkonzentration führte. Dies steht im Einklang mit dem aktuellen Kenntnisstand, da der Cooper- Test extreme, submaximale Anstrengungen hervorrufen soll, die anaerober Natursind und die Glykämie selten verringern. Das einstündige Follow-up nach dem Test wurde entwickelt, um die Bedingungen am Schultag wie im realen Leben zu reproduzieren. Nach Abschluss des Cooper-Tests können Kinder während den folgenden Lektionen, laut Aussagen von Michalak et al., an leichten körperlichen Aktivitäten teilnehmen (vgl. Michalak et al., 2018).

Im Unterschied zu den bisher genannten Studien haben Michaud et al. in ihrer 2016 erschienenen Publikation zwar auch die Barrieren für körperliche Aktivität bei Typ-1-Patienten untersucht, jedoch im Zusammenhang mit der Insulinbehandlung (Pumpe vs. Injektion). Dabei konnten keine Unterschiede festgestellt werden (vgl. Michaud et al., 2016).

Erwachsene Teilnehmer

In den folgenden Studien handelt es sich bei allen Probanden um erwachsene Teilnehmer.

Thomas und Kollegen (2004) gingen in ihrer Studie zwei Fragen nach: (1) Wie viel körperliche Aktivität haben Patienten mit Diabetes? (2) Welche wahrgenommenen Faktoren hindern Patienten daran, sich mehr körperlich zu betätigen? Dabei ist zu beachten, dass das Durchschnittsalter bei 56,5 Jahren lag. Die Hauptgründe für Inaktivität waren wahrgenommene Schwierigkeiten bei der Teilnahme an Übungen, Müdigkeit und Ablenkung durch etwas Gutes im Fernsehen. Zeitmangel und Mangel an lokalen Einrichtungen trugen ebenfalls dazu bei.

Die Publikation von Lascar et al. aus dem Jahr 2014 weist Gemeinsamkeiten mit der vorherigen Studie auf. Es wurden Einstellungen, Hindernisse und Erleichterungen für das Training bei Patienten mit Typ-1-Diabetes untersucht. Dabei überschneiden sich die von Thomas et al. untersuchten Hindernisse.

Es wurden sechs Haupthindernisse für die Ausübung festgestellt: Zeitmangel und arbeitsbedingte Faktoren; Zugang zu Einrichtungen; Mangel an Motivation; Verlegenheit und Körperbild; Wetter und diabetesspezifische Barrieren (geringe Kenntnisse überden Umgang mit Diabetes und seine Komplikationen im Zusammenhang mit körperlicher Betätigung). Es wurden vier Motivatoren für das Training identifiziert: körperliche Vorteile durch Training; Verbesserungen im Körperbild; Freude und die soziale Interaktion des Trainings im Fitnessstudio oder in Gruppen. Es wurden drei Moderatoren für das Training identifiziert: freier oder reduzierter Eintritt in Fitnessstudios und Pools, Hilfe beim Zeitmanagement sowie Beratung und Ermutigung beim Umgang mit Diabetes für das Training. Viele der Hindernisse für die Ausübung von Menschen mit Typ-1-Diabetes werden mit der nicht-diabetischen Bevölkerung geteilt (vgl. Lascar et al., 2014).

Zum selben Ergebnis bezüglich der Barrieren wie Lascar et al. (2014) und Thomas et al. (2004) kommen auch Kennedy et al., welche 2017 eine Studie veröffentlichten, die die Einstellungen und Hindernisse für die Ausübung bei Erwachsenen mit neu auftretendem Typ-1-Diabetes untersuchten. Rund die Hälfte der Teilnehmer berichtete über einen Rückgang des Aktivitätsniveaus zum Zeitpunkt der Diagnose. 21 verschiedene Hindernisse für die Erhöhung des Trainingsniveaus wurden genannt. Am häufigsten Hypoglykämien und Arbeitsverpflichtungen. Die Barrieren fielen in vier Kategorien, welche in Abbildung 2 aufgeführt sind. Darunter zählen entweder externe Faktoren (medizinische, Zeit, Arbeit und Umwelt) oder interne Faktoren (soziale, persönliche und psychologische). Die Teilnehmer neigten dazu, eine Vielzahl externer Faktoren zu nennen, wobei nur wenige interne Barrieren diskutierten (vgl. Kennedy et al., 2017).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Barrieren körperlicherAktivität, welche von den Teilnehmern derStudie von Kennedyetal. aufgeführtwurden (Kennedyetal., 2017, S. 5)

Plotnikoff et al. (2006) legten den Fokus lediglich auf demografische Barrieren. Bei Personen mit Typ-1-Diabetes waren höhere körperliche Aktivitätswerte mit einem jüngeren Alter verbunden. Als Gründe hierfür wurden als folgende Punkte aufgeführt, dass sie ledig waren, ein höheres Einkommen auswiesen, eine geringere wahrgenommene Behinderung aufwiesen und nicht rauchten.

Dubé und Kollegen (2005) entwickelten einen Fragebogen zur Messung der wahrgenommenen Hindernisse für körperliche Aktivität bei Diabetes-Typ-1. Dieses validierte Instrument sollte nützlich sein, um die wichtigsten Hindernisse für die Ausübung körperlicher Aktivität zu identifizieren und somit gezieltere Interventionen zu ermöglichen, um diese Hindernisse zu überwinden. Dieser Fragebogen istjedoch speziell für erwachsene Diabetiker entwickelt worden.

2.2 Forschungsdefizit und Fragestellung

Aufgrund des dargestellten Forschungsstands lässt sich erkennen, dass sich der Großteil der Arbeiten zwar auf Barrieren körperlicher Aktivität bezieht, jedoch in den meisten Fällen die Barrieren nur als Nebenprodukt behandelt wurden. Des Weiteren berichten einige Studien nur über Erwachsene, dabei lässt sich feststellen, dass diese subjektiv andere Hindernisse wahrnehmen als Kinder und Jugendliche. Im Allgemeinen sind die Barrieren für körperliche Aktivität bei Typ-1- Diabetikern relativ gut bekannt, die biologischen, psychologischen und sozialen Determinanten wurden jedoch nicht ausreichend untersucht. Des Weiteren besteht eine Vielzahl der hier genannten Forschungen aus quantitativen Untersuchungen.

Studien, bei der biologische, psychologische und soziale Barrieren in Wechselwirkung für körperliche Aktivität bei Typ-1-Diabetikern, bei Erwachsenen sowie bei Kindern und Jugendlichen, untersucht wurden, konnten nicht gefunden werden. Aufgrund dessen kann gesagt werden, dass für den Bereich des biopsychosozialen Konstrukts bisher keine Studien oder Untersuchungen vorliegen. Obwohl die Literatur aus verschiedenen Disziplinen wichtige Fragen zu den Perspektiven des Lebensverlaufs aufwirft, gibt es nur begrenzte Informationen, die die Erfahrungen chronischer Erkrankungen mit ihrem Lebensweg verknüpfen oder herausfinden, was einen Wendepunkt für den Einzelnen bedeutet (vgl. Rasmussen et al., 2007).

Aus den oben genannten Gründen ergibt sich die Forschungsfrage: Welche biologischen, psychologischen und sozialen Barrieren bestehen bei Jugendlichen mit Diabetes-Typ-1 bezüglich körperlicher Aktivität und wie stehen diese in Wechselwirkung zueinander?

Zusätzlich soll untersucht werden, wie sich die Barrieren der körperlichen Aktivität im Lebensverlauf mit Fokus auf dem Lebensereignis der Diagnose Diabetes- Typ-1, zu den Zeitabschnitten bis ein Jahr vor der Diagnose, zum Zeitpunkt der Diagnose und bis zwei Jahre nach der Diagnose verändern.

Das Ziel der vorliegenden Untersuchung ist es nun, mit Hilfe eines qualitativen Ansatzes und dem Forschungszugang der Lebenslaufperspektiven, Erkenntnisse über das biopsychosoziale Konstrukt bezüglich Barrieren der körperlichen Aktivität bei Jugendlichen mit Diabetes-Typ-1 zu erlangen und so einen Beitrag zur Schließung der identifizierten Forschungslücke zu leisten.

Um herauszufinden, wie sich der Diabetes-Typ-1 auf das Verhalten körperlicher Aktivität auswirkt, wird davon ausgegangen, dass ein wesentlicher Aspekt bei der Aufdeckung dieses Verhaltens die Analyse der Biografien von Menschen mit Typ-1-Diabetes darstellt. Biografische Analysen können Aufschluss über die Vielzahl negativer diabetesbedingter Ereignisse bei Menschen mit Typ-1 im Laufe ihres Lebens geben und damit zeigen, ob diese Erfahrungen mit geringer körperlicher Aktivität Zusammenhängen. In der vorliegenden Arbeit soll die Untersuchung darin erfolgen, dass ein Rückblick auf das Leben der Teilnehmer mit relevanten, einschneidenden Ereignissen erhoben wird. In dieser Hinsicht konzentriert sich die biografische Forschung auf die subjektive Wahrnehmung des Betroffenen. Aufgrund dessen werden die Barrieren für körperliche Aktivität bei Jugendlichen mit Diabetes-Typ-1 aus einer rekonstruktiven, biografischen Perspektive untersucht (vgl. Thiel et al., 2020).

3 Diabetes und körperliche Aktivität

Um den Hintergrund dieser Arbeit zu verstehen, wird zunächst die Krankheit „Diabetes mellitus“ genauer beschrieben. Da es relevante Unterschiede zwischen Diabetes-Typ-1 und Diabetes-Typ-2 gibt, werden diese ebenso erläutert.

Der Begriff Diabetes mellitus kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „honigsüßer Durchfluss“ (vgl. Reinwein & Benker, 1992). „Unter Diabetes Mellitus versteht man chronische Stoffwechselerkrankungen mit akuten Stoffwechselkrisen und chronischen Komplikationen, denen eine unzureichende Insulinproduktion und/oder -Wirkung zugrunde liegt (...)“ (Reinwein & Benker, 1992, S. 219).

Bei einem Diabetes mellitus liegt eine Stoffwechselstörung vor, bei der kein eigenes Insulin aus der Bauchspeicheldrüse gebildet werden kann, dies ist auch als Typ-1-Diabetes bekannt. Bei einem Typ-2-Diabetes dagegen kann das an sich anfänglich genügend vorhandene Insulin nicht bedarfsgerecht freigesetzt werden oder aber auch aufgrund einer Zellstörung nicht zur Wirkung gelangen (vgl. Schmeisl, 2001). Ab einem Blutzuckerwert von unter 70 mg/dl spricht man von einer sogenannten Hypoglykämie (Unterzucker). Wird die Nierenschwelle überschritten, was ab einem Blutzuckerwert von 180 mg/dl die Regel ist, wird der überflüssige Zucker durch den Urin ausgeschieden, es besteht eine Hyperglykämie (Überzucker). Der absolute Insulinmangel führt zu einem vermehrten Abbau von Fett in Fettsäuren. Diese Fettsäuren werden unvollständig zu Ketonkörpern wie Azeton abgebaut, häufen sich im Körper an und führen so zu einer Übersäuerung (Ketoazidose). Wird diese Übersäuerung nicht umgehend behandelt, kann sie zu einem diabetischen Koma und letztlich zum Tod führen (vgl. Schmeisl, 2001). In Abbildung 3 sind die Blutzuckerwerte schematisch dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Blutzuckerwerte (modifiziertnach Hofmann, 2017, S. 4)

Zu den Folgeerkrankungen des Diabetes mellitus gehören Schäden der mikro- und makrovaskulären Blutgefäße (Schäden an den kleinen und großen Blutgefäßen). Bei einer Makroangiopathie kommt es häufig zu einer koronaren Herzerkrankung sowie zur peripheren arteriellen Verschlusskrankheit. Mikroangiopathien beziehen sich im Wesentlichen auf die Augen (diabetische Retinopathie) sowie auf die Nieren (diabetische Nephropathie). Damit ist das Risiko für Schlaganfälle, Herzinfarkt und die arterielle Verschlusskrankheit drastisch erhöht. Des Weiteren stellt sich der Krankheitsverlauf bei Diabetikern wesentlich komplizierter dar, was mit einer erhöhten Mortalität verbunden ist (vgl. Hien & Böhm, 2001). Je besser der Langzeitblutzucker eingestellt ist, desto weniger besteht das Risiko an den Folgeerkrankungen zu leiden. Der Langzeitblutzucker, auch HbA1c genannt, gibt den Blutzuckergehalt der letzten 8-12 Wochen an. Ein generell niedrigerer HbA1c (< 6,5 %) deutet dabei auf eine gute Stoffwechseleinstellung hin (vgl. Zarenga, 2018).

3.1 Definition und Klassifikation des Diabetes

Derzeit unterscheidet die Amerikanische Diabetesgesellschaft (ADA) die Erkrankung „Diabetes mellitus“ in vier Haupttypen (ätiologische Klassifikation, siehe Abb. 4). In dieser Arbeit wird jedoch nur auf den Typ-1-Diabetes, sowie teilweise auf den Typ-2-Diabetes — um Vergleiche zu ziehen — eingegangen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Klassifikation Diabetes (modifiziertnach DDG, 2018, S. 7)

3.1.1 Diabetes mellitus Typ 1

Unter einem Typ-1-Diabetes versteht man eine Autoimmunerkrankung der Langerhans-Inseln der Bauchspeicheldrüse (Pankreas). Er ist gekennzeichnet durch eine progrediente Zerstörung der insulinproduzierenden Betazellen des Pankreas. Es kommt zu einem Insulinmangel mit einem sogenannten Insulinmangelsyndrom, welches durch typische Anzeichen, wie Polyurie (vermehrtes Wasserlassen), Polydipsie (vermehrter Durst), Ketoazidose sowie Gewichtsverlust gekennzeichnet ist. Schubweise führt dies zu einer vollkommenen Zerstörung der insulinbildenden Betazellen (vgl. DDG., 2003). Der Typ-1-Diabetes tritt weitestgehend im Kindes- und Jugendalter, eventuell noch im frühen Erwachsenenalter bis etwa dem 20. Lebensjahr auf. Nichtsdestotrotz kann er sich in allen Lebensaltern manifestieren (vgl. Reinwein & Benker, 1992).

Die genaue Ursache des Typ-1-Diabetes ist bis heute noch nicht genau geklärt. Man vermutet jedoch ein Zusammenwirken von Erbfaktoren, Virusinfekten und einer Autoimmunerkrankung. Der Ort der vererbten Merkmale ist bekannt und befindet sich auf einem kurzen Arm des 6er Chromosoms. Allerdings hat sich herausgestellt, dass viele Personen diese Erbinformation besitzen, ohne jemals an Diabetes zu erkranken. Daher wird ein Virusinfekt als möglicher Auslöser angenommen, welcher eine Autoimmunkrankheit auslöst, bei der der Körper Antikörper gegen körpereigenes Gewebe (in diesem Falle die Inselzellen des Pankreas) bildet. Die Betazellen des Pankreas werden destruiert. Allerdings tritt die Erkrankung mit ihren Symptomen erst auf, wenn bereits 80 % der Betazellen zerstört sind. Da auch im weiteren Verlauf alle Betazellen zerstört werden und somit kein Eigeninsulin mehr produziert werden kann, muss der Patient umgehend mit Insulin versorgt werden. Der Typ-1-Diabetes ist bis heute nicht heilbar (vgl. Schmeisl, 2001).

Die Manifestation erfolgt meist dann, wenn Infekte oder Traumen eine Stresssituation begünstigen, dabei wird diese bei den meisten Jugendlichen als schwere Stoffwechselkrise (Manifestationskoma) wahrgenommen. Sie entwickelt sich meist über Wochen hinweg. Diese, unter Umständen lebensbedrohlichen Stoffwechselkrisen, welche im Koma enden, können bereits bei der Erstmanifestation sowie auch im späteren Verlauf auftreten (vgl. Schmeisl, 2001).

3.1.2 Diabetes mellitus Typ 2

Bei einem Typ-2-Diabetes liegt kein, wie bei einem Typ-1-Diabetes absoluter Insulinmangel vor. Hierbei handelt es sich lediglich um eine Glukosestoffwechselstörung (vgl. Häring et al., 2011). Aufgrund einer Insulinresistenz, sprich die Unempfindlichkeit auf das eigene Insulin, sowie einer gestörten Beta-Zellfunktion, kommt es zu einer Dysfunktion zwischen Insulinangebot und Insulinbedarf (vgl. Schmeisl, 2001). Der Typ-2-Diabetes tritt häufig nach dem 35. Lebensjahr auf. Dabei steigen Inzidenz und Prävalenz mit dem Lebensalter an. Eine Ursache, welche eine Insulinresistenz begünstigen kann, ist z. B. eine Adipositas, die mit vermehrter Fetteinlagerung in den Leberzellen einhergeht. Aufgrund des Übergewichts, verbunden mit den entsprechenden Fettstoffwechselstörungen, wirkt das eigene Insulin nicht mehr an den Stellen, an denen es gebraucht wird. Der Körper versucht zunächst mit einer Mehrproduktion des Insulins das verminderte Ansprechen der Organe auszugleichen. Dies führt letztendlich jedoch zu einer Erschöpfung seiner Funktion (vgl. Schmeisl, 2001). Wie der Diabetes therapiertwerden kann, wird im Folgenden erläutert.

3.2 Therapie

Diabetes ist eine der häufigsten Todesursachen weltweit (vgl. WHO, 2020), darum gilt es so gut wie möglich Stoffwechselentgleisungen zu vermeiden und eine langfristig gute Blutzuckereinstellung zu erreichen.

3.2.1 Therapie bei Diabetes-Typ-1

Beim Typ-1-Diabetes sollte die Therapie auf der Grundlage, eine diabetesbedingte Minderung der Lebensqualität zu vermeiden, basieren. Die Gestaltung der Therapie besteht darin, Stoffwechselentgleisungen, wie schwere Hypoglykämien und/oder schwere Hyperglykämien mit Ketoazidose oder Koma, zu vermeiden. Außerdem sollte eine Akzeptanz für die Erkrankung vorhanden sein (vgl. DDG, 2018).

Folgende Komponenten sind für das Therapiekonzept für den Typ-1-Diabetes vorgesehen: Insulintherapie, Glukoseselbstkontrolle, Ernährungswissen, Schulung und psychosoziale Betreuung. Beim Typ-1-Diabetes besteht immer die Notwendigkeit einer Insulintherapie (vgl. DDG, 2018).

Hierbei gibt es verschiedene Möglichkeiten der Therapien, auf die kurz eingegangen wird, da die Teilnehmer dieser Untersuchung unterschiedliche Methoden nutzen. Dies beinhaltet zum einen die konventionelle Insulintherapie, bei dem sich der Diabetiker mithilfe eines Pens mehrmals am Tag Insulin injiziert (vgl. Schmeisl, 2001), zum anderen handelt es sich um die Insulinpumpentherapie, welche sich besonders bei sportlichen Aktivitäten als sehr gut erweist, da damit der Insulinverlauf noch detaillierter angepasst werden kann. In der Pumpe befindet sich das sogenannte Kurzzeitinsulin, welches über einen Katheter in das Unterhautfettgewebe abgegeben wird. Da das Insulin kontinuierlich abgegeben wird, ist es wichtig, die Pumpe kontinuierlich zu tragen, da es sonst zu einem Insulinmangel kommt. Die Basalrate lässt sich für die körperliche Aktivität kurzfristig reduzieren, um zu verhindern, dass durch die Bewegung der Blutzuckerzu stark sinkt. Damit kann das Risiko für eine Unterzuckerung durch den Sport deutlich gesenkt werden. Dies ist bei der Therapie mittels eines Pens nicht möglich (vgl. Schmeisl, 2001).

Zusätzlich zum Insulin sollte körperliche Aktivität nicht vernachlässigt werden, denn dadurch kann es unter anderem zu positiven metabolischen Effekten kommen (vgl. DDG, 2019). Die Auswirkungen körperlicher Aktivität werden in Kapitel 3.8 genauer erläutert.

Die Glukosekontrolle kann zum einen mittels eines Bluttropfens (durch einen Stich in die Fingerbeere) erfolgen oder durch verschiedene Sensoren, dessen Messsystem im Folgenden kurz vorgestellt wird.

Mittels der kontinuierlichen Glukosemessung (CGM), können die Blutzuckerwerte kontinuierlich abgelesen werden. Die aktuellen Glukoseverläufe werden auf einem zugehörigen Display dargestellt. Die CGM-Systeme können die Auswirkungen von Mahlzeiten, körperlicher Aktivität sowie Insulingaben anzeigen. Trendpfeile weisen auf die Richtung und Stärke der Änderung der Blutzuckerwerte hin und können Alarme geben, die vor bevorstehenden oder auftretenden Hypo- oder Hyperglykämieereignissen warnen. Infolgedessen können schnell ansteigende oder abnehmende Glukosespiegel festgestellt und diesen anschließend entgegengewirkt werden. CGM-Geräte bestehen aus drei Teilen: einem Glukosesensor, einem Sender und einem Empfängermonitor (siehe Abb. 5). Der Glukosesensor wird vom Patienten selbst mittels eines speziellen Geräts subkutan eingeführt (vgl. Freckmann, 2020).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Funktion eines CGM-Systems (Freckmann, 2020, S. 72)

Biopsychosozialer Therapieansatz

Abbildung 6 zeigt, wie Typ-1-Diabetes die Adoleszenz weiter verkompliziert, da die Krankheit eine zyklische, mehrdimensionale Interaktion zwischen biologischen, psychologischen, Verhaltens- und soziokulturellen Faktoren erfordert. Zu den psychischen und verhaltensbezogenen Bedenken, die die Fähigkeit von Patienten und Familien beeinträchtigen können, den Typ-1-Diabetes effektiv zu behandeln, gehören Depressionen, Stress, absichtliche gesundheitsschädigende Verhaltensweisen und Essstörungen. Gruppenzwang und familiäre Interaktion sind Beispiele für soziokulturelle Kontexte, in denen die Diabetesversorgung gestaltet und verwaltet wird. Neue Forschungsergebnisse unterstreichen die Bedeutung eines integrativen Ansatzes zur Behandlung von Typ-1-Diabetes bei Jugendlichen. Während der Adoleszenz der Patienten müssen die Gesundheitsdienstleister alle wichtigen Bereiche berücksichtigen — den biologischen, psychologischen, verhaltensbezogenen und soziokulturellen (vgl. Jack, 2003).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6: Zyklische Auswirkungen biopsychosozialer Faktoren auf die Stoffwechselkontrolle bei Typ-1-Diabetikern (Jack, 2003, S. 157)

3.2.2 Therapie bei Diabetes-Typ-2

Einen der wichtigsten Therapiebausteine beim Typ-2-Diabetes stellt die körperliche Bewegung dar. Durch diese kann die Wirkung des Insulins verbessert werden und somit der Blutzuckerspiegel gesenkt werden. Die Grundlage der Therapie bei Typ-2-Diabetikern besteht jedoch aus mehreren Faktoren, was meist einer Lebensstiländerung mit Ernährungsumstellung, mehr Bewegung und Reduktion des Übergewichts meint. Außerdem sollte das Rauchen vermieden werden. Diese Indikationen reichen bei manchen Patienten aus, um den Blutzuckerspiegel zu senken. Gelingt das nicht, können zusätzlich Medikamente (orale Antidiabetika) und/oder Insulin eingenommen werden (vgl. Marin- Penalver et al., 2016).

Allgemein lässt sich sagen, dass der Ausgangspunkt für ein gutes Leben mit Diabetes eine frühzeitige Diagnose ist — je länger eine Person mit nicht diagnostiziertem und unbehandeltem Diabetes lebt, desto schlechter sind ihre gesundheitlichen Ergebnisse. Patienten benötigen eine regelmäßige fachärztliche Untersuchung oder Behandlung bei Komplikationen.

Eine Reihe kostengünstiger Interventionen kann die Patientenergebnisse verbessern, unabhängig davon, welche Art von Diabetes sie haben. Diese Interventionen umfassen die Blutzuckerkontrolle durch eine Kombination aus Ernährung, körperlicher Aktivität und erforderlichenfalls Medikamenten sowie die Kontrolle des Blutdrucks und der Lipide zur Verringerung des kardiovaskulären Risikos (vgl. WHO, 2020).

3.3 Epidemiologie

Deutschland liegt mit einer Anzahl von 7,5 Mio. Diabetikern an zweiter Stelle in Europa und an neunter Stelle des internationalen Vergleichs, so die International Diabetes Federation aus dem Jahr 2017. Weltweit begann die Inzidenz von Typ- 1-Diabetes in den 1950er Jahren mit einem durchschnittlichen jährlichen Anstieg von 3-4% in den letzten drei Jahrzehnten zuzunehmen (Abbildung 7) (vgl. Norris et al„ 2020).

Die meisten Betroffenen (> 95 %) leiden an einem Typ-2-Diabetes. Auch wenn Vorstufen des Diabetes-Typ-2, wie eine gestörte Glukosetoleranz bei Jugendlichen nachweisbar ist, ist die Diagnose in Deutschland mit einer Prävalenz von 0,035 % bis zum 19. Lebensjahr eher selten. Nach der Nationalen Diabetes- Surveillance am Robert Koch-Institut, sind deutschlandweit etwa 950 Jugendliche im Altervon 11 bis 18 Jahren vom Typ-2-Diabetes betroffen (vgl. DDG, 2019). Häufiger erkranken Kinder und Jugendliche an Typ-1-Diabetes, dabei ist die Inzidenz bei Jungen tendenziell höher als bei Mädchen (vgl. Norris et al., 2020). Keine andere chronische Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen schreitet mit so einer Dynamik fort wie der Typ-1-Diabetes. In Deutschland steigt die Rate neuer Fälle jährlich um 4 %, was bedeutet, dass sie sich in den letzten 25 Jahren verdoppelt hat. DieserTrend hält an (vgl. DDG, 2020).

Momentan sind am Typ-1-Diabetes etwa 32.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren erkrankt. Die Inzidenz von Typ-1-Diabetes steigt mit dem Alter bis zu einem Höchstwert zwischen 10 und 14 Jahren (vgl. Norris et al., 2020).

Dies ergibt eine Inzidenzrate für Typ-1-Diabetes von 23,6 pro 100.000 Personen, was ca. 3.200 Neuerkrankungen pro Jahr entspricht und damit höher als in vielen anderen europäischen Ländern ist (vgl. DDG, 2020).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 7:Zeitverlaufderlnzidenz von Typ-1-Diabetes (Norriset al., 2020, S. 221)

3.4 Pathophysiologie

Da bei Typ-1-Diabetikern die pankreatische Insulinsekretion fehlt, muss diese exogen subsituiert werden, was bedeutet, dass es mit jeder Insulininjektion zu einem relativen Überschuss des Hormons kommt. Dies steigert die muskuläre Glukoseaufnahme, gleichzeitig wird aber die hepatische Glukosefreisetzung blockiert. Infolgedessen kommt es zum Abfall des Blutglukosespiegels, welcher zwar bei erhöhtem Ausgangsserumwert erwünscht ist, bei längerer Dauer der körperlichen Aktivität und bereits bei Beginn der Muskelarbeit jedoch rasch zu unerwünschten Hypoglykämien führen kann. Aufgrund dessen muss die Insulindosis im Zusammenhang mit der Bewegung genau abgestimmt werden. Von zentraler Bedeutung ist die Basisinsulinversorgung, ohne die eine Aufnahme von Glukose in die periphere Muskulatur nur sehr eingeschränkt ist. Wird die Insulininjektion weggelassen, kann es zu einem absoluten Insulinmangel kommen. Dieser bewirkt eine Steigerung der hepatischen Glukosefreisetzung. Als Folge dessen, steigt der Serumglukosespiegel an, da die Glukoseaufnahme in die Muskulatur eingeschränkt ist. Der Energiebedarf der arbeitenden Muskulatur muss nun primär durch freie Fettsäuren gedeckt werden, da die intramuskuläre Glukose kaum verfügbar ist. Dies begünstigt die Entstehung einer Ketoazidose bei Insulinmangel während der Muskelarbeit (vgl. Esefeld et al., 2017).

3.5 Die Rolle der körperlichen Aktivität

Bereits zu Beginn des vorherigen Jahrhunderts erkannte der amerikanische Diabetologe Elliot Joslin (1870- 1962), dass sportliche Aktivität im Rahmen der Diabetes-Therapie sinnvoll und wichtig ist (vgl. Kriegei & Roschinsky, 2009). Bezüglich der Rolle der körperlichen Aktivität gab es in der Diabetesgeschichte verschiedene Auffassungen. Allen et al. (1919) konnten bereits vor der Einführung des Insulins nachweisen, dass körperliche Aktivität die Blutzuckerwerte senkt und die Glukosetoleranz vorübergehend verbessert wird. Ebenfalls zeigte Lawrence (1962) einen blutzuckersenkenden Effekt, kurz nach dem das Insulin eingeführt wurde und war somit auch bei Patienten mit Insulinbehandlung von positiver Wirksamkeit. Demgegenüber zeigten frühere Untersuchungen auch, dass es durch körperliche Aktivität zu einer enormen Verschlechterung der Diabeteseinstellung kommen kann, weshalb in zurückliegender Zeit Diabetikern von körperlicher Aktivität abgeraten wurde (vgl. Müller, 2006).

Heutzutage wird zwar die Empfehlung zur körperlichen Aktivität für Menschen mit Diabetes häufig beim Typ-2-Diabetes thematisiert, dabei ist regelmäßige Bewegung gerade auch für Menschen mit einem Typ-1-Diabetes von essentieller Bedeutung. Immer mehr Patienten mit Typ-1-Diabetes vernachlässigen die Chancen einer gesunden Ernährung, regelmäßiger Bewegung und Gewichtskontrolle. Die Folgen sind eine Gewichtszunahme und Insulinresistenz mit deutlichen zusätzlichen Gefahren für die Gesundheit (vgl. DDG, 2019).

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Ende der Leseprobe aus 130 Seiten

Details

Titel
Biopsychosoziale Barrieren der körperlichen Aktivität bei Jugendlichen mit Diabetes-Typ-1. Eine biografische Analyse
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Institut für Sportwissenschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
130
Katalognummer
V1008165
ISBN (eBook)
9783346395702
ISBN (Buch)
9783346395719
Sprache
Deutsch
Schlagworte
biopsychosoziale, barrieren, aktivität, jugendlichen, diabetes-typ-1, eine, analyse
Arbeit zitieren
Patricia Schöll (Autor:in), 2021, Biopsychosoziale Barrieren der körperlichen Aktivität bei Jugendlichen mit Diabetes-Typ-1. Eine biografische Analyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1008165

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