Das Absurde und die Revolte im Roman "La Peste" von Albert Camus


Hausarbeit, 2020

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Die Philosophie des Absurden

Die Philosophie der Revolte

Das Absurde und die Revolte in La peste
Erzählperspektive
Das Absurde
Die Revolte

Fazit

Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Sekundärliteratur

Einleitung

Das Jahr 2020 ist kein gewöhnliches Jahr. Das neuartige Coronavirus wird zur globalen Pandemie erklärt und verändert schlagartig das Leben aller Bürgerinnen. Es folgt ein Lockdown in vielen Ländern dieser Welt. Das öffentliche Leben bricht zusammen. Schulen, Läden und öffentliche Institutionen müssen schließen und viele Menschen bangen um ihre Existenz. Woher das Virus kommt, wieso es ausgerechnet in diesem Jahr auftaucht und wer verantwortlich dafür sein könnte, ist eine Frage, die die Menschen beschäftigt. Es werden verschiedene Theorien und Überlegungen verbreitet, aber zu einer eindeutigen Erklärung, die alle Bürgerinnen befriedigt, kommt man nicht. Die Menschen wollen begreifen, woher das Virus stammt, müssen aber die Grenzen ihrer Erkenntnisfähigkeit erkennen und akzeptieren. Die Gesellschaft beginnt sich zu spalten. Einige Bürgerinnen arrangieren sich mit der Situation, bilden diverse Hilfsgruppen und setzen auf Zusammenhalt und Unterstützung. Andere hingegen protestieren dagegen, sie scheinen die Pandemie nicht akzeptieren zu wollen. Die Reaktionen auf das Nicht-Wissen der Menschen ist also sehr verschieden.

Eine vergleichbare Situation ist in Albert Camus' Roman La peste zu finden. Die Pest befällt unerwartet die algerische Stadt Oran und stellt die Bürgerinnen vor große Herausforderungen. Sie wollen verstehen, was es mit der Pest auf sich hat. Aber auch hier stellt sich schnell heraus, dass sie nicht fähig sind zu begreifen, vor was für einer Herausforderung sie stehen. Den Konflikt zwischen dem Suchen nach einer Erklärung und der Unfähigkeit der Menschen eine Erklärung zu finden, nennt Albert Camus „das Absurde" (frz.: l'absurde). Die Philosophie des Absurden zieht sich durch den ganzen Roman. Als eine Möglichkeit, auf das Absurde in der Welt zu reagieren, sieht Albert Camus „die Revolte" (frz.: la révolte).

In dieser Arbeit soll zunächst im Allgemeinen erläutert werden, was Camus unter dem Absurden und der Revolte versteht. Bevor untersucht wird, inwiefern sich das Absurde in dem Roman La peste auswirkt und welche Personen hierfür stellvertretend sind, wird zuvor die Erzählperspektive betrachtet. Auch für die Revolte werden Untersuchungen angestellt, wie sie sich im Roman widerspiegelt und welche Personen bzw. Personengruppen hier eine Wandlung erfahren und für die Revolte stehen.

Die Philosophie des Absurden „Le sentiment de l'absurdité au détour de n'importe quelle rue peut frapper a la face de n'importe quel homme"1. So heißt es in Camus' Werk Le mythe de sisyphe, in dem er über seine Philosophie des Absurden schreibt. Mit ihr versucht Camus eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens und unserer Existenz zu finden. In Le mythe de sisyphe will er zeigen, dass es uns Menschen nicht möglich ist, den Sinn hinter unserer Existenz zu erschließen und auf alles eine Erklärung zu finden. Die Unvereinbarkeit zwischen dem Bedürfnis der Menschen Klarheit zu gewinnen und der Undurchdringlichkeit unserer Welt nennt Albert Camus das Absurde.2 Die Welt und unsere Natur liefern uns keine Erklärung auf all unsere Fragen und so sind wir Menschen in dem Absurden gefangen und es kann uns zu jeder Zeit an jedem Ort „befallen".

Camus versucht anhand des Mythos des Sisyphos das Absurde zu erklären. Sisyphos wurde von den Göttern zu der unnützen Arbeit verdammt, ohne Unterbrechung einen Stein einen Berg hinauf zu wälzen, der beim Erreichen des Gipfels sofort wieder runterrollt. Als er den Berg hinunterläuft, um den Stein zu holen, wird er sich bewusst, dass er eine unnütze Arbeit verrichtet. Das Bewusstsein Sisyphos' über seine aussichtlose Lage und sein sinnloses Dasein macht ihn für Camus zum Helden des Absurden. Camus zieht einen Vergleich zwischen der sinnlosen Arbeit Sisyphos' und der scheinbar sinnlosen Existenz der Menschen.3

Wenn wir Menschen uns dieser Sinnlosigkeit unseres Lebens bewusst werden, sieht Albert Camus drei Haltungen, die der Mensch einnehmen kann, um mit dem Absurden zu leben. Als erste Möglichkeit sieht er den Selbstmord. Wenn wir erkennen, dass das Leben sinnlos ist, erscheint uns jede Anstrengung und jede Mühe, die uns unser Leben kostet, überflüssig und sinnentleert, was die logische Konsequenz nach sich zieht, dass wir es beenden wollen. Als zweite Möglichkeit sieht er den Sprung in den Glauben. Durch den Glauben holt der Mensch sich einen Sinn zurück und verlässt sich auf das Allwissen und die Allmacht eines Gottes, der den Sinn seines Lebens zu kennen scheint. Die plausibelste Haltung, die dritte Option, ist für Camus allerdings, das Absurde auszuhalten und leben zu lassen. Man solle dem Absurden ins Auge sehen, sich damit auseinandersetzen und ihm nicht ausweichen. Glaube und Selbstmord sind für Camus leidglich ein Ausweichen des Absurden, nicht aber eine Lösung. Das Auseinandersetzen mit dem Absurden sieht er als Auflehnung und diese Auflehnung ist es, die dem Leben einen Sinn verleiht.4 Er fordert Aufrichtigkeit (frz.: honnëteté) gegenüber dem Absurden, das er als erkannte Wahrheit sieht.5

Die Philosophie der Revolte

Die Auflehnung gegen das Absurde nennt Camus „die Revolte". Camus' Philosophie zufolge ist es die Revolte, die das Leben aller Menschen lebenswert macht, ihm Sinn verleiht. Es ist die Aufgabe von uns Menschen durch die Revolte für ein menschenwürdiges Leben zu kämpfen. Hierbei ist es nicht von Bedeutung, ob der Kampf gegen das Absurde gewonnen wird. Es geht lediglich darum, die Auseinandersetzung bzw. den Kampf zu führen.6 So lautet der letzte Satz in Camus Le mythe de sisyphe: „Il faut imaginer Sisyphe heureux"7. Man müsse sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen, da er die Sinnlosigkeit seines Daseins erkannt hat, sich mit dieser auseinandersetzt und ihr nicht zu entfliehen versucht. Sisyphos ist für Camus ein Beispiel für den „homme revolté". In seinem gleichnamigen Werk schreibt Camus über die „Realisierung der Revolte in der Geschichte"8. Er schreibt unter anderem darüber, dass das Absurde kein individuelles Leid ist.

„Le premier progrès d'un esprit saisi d'étrangeté est done reconnoitre qu'ilpartage cette étrangeté avee tous les hommes et que la réalité humaine, dans sa totalité, souffre de cette distance par rapport â soi et au monde. Le mal qui éprouvait un seul homme devient peste collective"9

Früher oder später erkennt der Mensch in der Revolte, dass sein Leiden ein kollektives ist und so kann eine gemeinsame Auflehnung der Menschen gegen das Absurde entstehen.10

Camus selbst hält seine Philosophie der Revolte für nicht realistisch.11 Dennoch beschreibt er in L'homme révolté detailliert seine Vorstellung eines Menschen in der Revolte. In seinem Roman La peste spielt neben der Philosophie des Absurden auch die Philosophie der Revolte eine entscheidende Rolle. Diese kommt vor allem bei der Entwicklung einiger Charaktere zum Vorschein.

Das Absurde und die Revolte in La peste

Erzählperspektive

Um die philosophischen Ideen Camus' und deren Bezug zu den Charakteren in seinem Werk La peste zu untersuchen, liegt es nahe sich zuerst einen kurzen Überblick über die Fokalisierung (frz.: focalisation), die Erzählinstanz und die Erzählebene zu verschaffen.

Die Erzählinstanz des Romans bleibt für die Leser*Innen zunächst unklar. Der Erzähler spricht oft von „nos concitoyens"12, was von Beginn an zeigt, dass er ein Teil der erzählten Welt ist. Allerdings wird nicht aus der Ich-Perspektive erzählt, was die Leser*innen zunächst im Glauben lässt, es handle sich um einen homodiegetischen Erzähler. Zwar nimmt der Erzähler, durch das Unterbrechen und Erörtern seiner Erzählung, öfter eine „selbstreflexive Haltung"13 ein, aber erst am Ende des Romans wird eindeutig klar, dass der Erzähler auch der Protagonist Rieux selbst ist.14 So „gesteht" der Erzähler: „Il est temps que le docteur Bernard Rieux avoue qu'il en est l'auteur"15. Erst hier wird den Leser*Innen klar gemacht, dass es sich um einen autodiegetischen Erzähler (frz.: narrateur autodiégétique) handelt. Zudem tritt an manchen Stellen des Romans Tarrou als „zweiter Erzähler" auf. Es werden mehrere Absätze aus seinen Tagebüchern zitiert und somit wird seine Sichtweise auf die Ereignisse eingenommen.16

Der Erzähler baut in seine Erzählungen des Öfteren Metalepsen ein, es findet also ein Bruch zwischen den verschiedenen Erzählebenen statt. Er verlässt einige Male die Binnenerzählung und entschuldigt sich beispielsweise bei den Leser*Innen für sein Erzählen. Als er über die Beerdigungsmaßnahmen berichtet, schriebt Rieux: „il faut bien parler des enterrements et le narrateur s'en excuse".17

In dem Roman La peste liegt eine interne Fokalisierung (frz.: focalisation interne) vor. Auch das wird den Leser*Innen erst mit der Erkenntnis bewusst, dass Rieux der Erzähler ist. Davor wird nicht eindeutig klar, dass Figur und Erzähler das gleiche Wissen haben.

Der Chronist schreibt am Ende des Romans, dass er erst am Ende „gestand", dass er selbst Rieux ist, weil er die Chroniken möglichst neutral verfassen wollte, um somit eine Scheinobjektivität herzustellen. Die Abschnitte, in denen Tarrous Aufschriebe zitiert werden, dienen dazu, nicht nur die „Rieux'schen" Ansichten darzustellen.18

Das Absurde

Camus' Roman erzählt von einem unerwarteten Ausbruch der Pest, Mitte des 20. Jahrhunderts in Oran. Betrachtet man La peste unter dem philosophischen Aspekt, so steht die Pest symbolisch für das Absurde. Die Pest überfällt unerwartet die Menschheit, wie es auch das Absurde jederzeit tun kann.19 Die Charaktere des Romans sehen sich selbst im „Schnittpunkt der beiden Pole: Natur (Welt) und Bewusstsein"20. Das Bewusstsein der Charaktere strebt nach der Klarheit und einer Erklärung für die Pest, aber die Natur verschließt sich vor diesem Erkenntnisstreben.21 So werden die Einwohner Orans zu „les prisonniers de la peste"22 und damit auch zu Gefangenen des Absurden.

[...]


1 S. Camus, Albert: Le mythe de sisyphe, Essai sur l'absurde, Paris, 1942, S. 24.

2 Vgl. Firges, Jean: Albert Camus: Das Absurde und die Revolte, Die Suche nach einem neuen Mythos, Annweiler, 2000, S 34 ff.

3 Vgl. Camus, A., 1942, S. 98-99.

4 Vgl. Firges, J., 2000, S. 37.

5 Vgl. Rutkowski, Rainer: Zwischen Absurdität und Illusion, Widersprüche und Kontinuität im Werk von Albert Camus, Frankfurt/Main, 1986, S. 22.

6 Vgl. Luckner, Andreas: Albert Camus und die Ethik des Absurden, in: agora 24, Ausgabe 03/2019.

7 S. Camus, A., 1942, S. 166.

8 S. Rutkowski, R., 1986, S. 34.

9 S. Camus, Albert: L'homme revolté, Paris, 1951, S.36.

10 Vgl. Rutkowski, R., 1986, S.36.

11 Vgl. Camus, A., 1951, S.30.

12 Vgl. Camus, Albert: la peste, Paris, 1947, S 41.

13 S. Lowsky, Martin: Textanalyse und Interpretation zu Albert Camus la peste, Königserläuterungen Band 165, Hollfeld, 2017, S. 52.

14 Vgl. Lowsky, M., 2017, S. 52 ff.

15 S. Camus, A., 1947, S. 273.

16 Vgl. Lowsky, M., 2017, S. 53 ff.

17 Vgl. Lowsky, M., 2017, S. 52 + Vgl. Camus, A., 1947, S. 159.

18 Vgl. Lowsky, M., 2017, S. 52.

19 Vgl. Rutkowski, R., 1986, S. 29

20 S. Firges, J., 2000, S. 35.

21 Vgl. Firges, J., 2000, S. 35.

22 S. Lowsky, M., 2017, S. 109.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das Absurde und die Revolte im Roman "La Peste" von Albert Camus
Hochschule
Universität Konstanz
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
15
Katalognummer
V1008290
ISBN (eBook)
9783346399281
ISBN (Buch)
9783346399298
Sprache
Deutsch
Schlagworte
absurde, revolte, roman, peste, albert, camus
Arbeit zitieren
Carolin Schäfer (Autor:in), 2020, Das Absurde und die Revolte im Roman "La Peste" von Albert Camus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1008290

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