Diese Arbeit untersucht die Zeitlichkeit in Merleau-Pontys "Phänomenologie der Wahrnehmung" in Bezug auf Husserls Zeitphänomenologie. Zunächst wird auf die berühmten Vorlesungen zur Phänomenologie des inneren Zeitbewusstseins eingegangen. In diesen nimmt sich Husserl der Frage an, wie eine adäquate Konzeptualisierung der Wahrnehmung von Dauer vorgenommen werden kann. Der Versuch dessen mündet in einer theoretischen Fundierung der Zeitlichkeit der Bewusstseinsvollzüge.
In diesem Kontext wird auf die triadische Struktur 'Urimpression - Retention - Protention' eingegangen, mithilfe dessen Husserl zeigt, dass Erfahrungen nicht punktuell gemacht werden, sondern dass jeder punktuellen Jetzt-Wahrnehmung vorausschauende und erinnernde Bezüge eingeschrieben sind. Im nächsten Teil wird dann kurz auf die Zeitlichkeit und die zeitlichen Ekstasen bei Heidegger eingegangen, dessen Terminologie tiefe Spuren im Werk Merleau-Pontys hinterlassen hat. Anschließend widmet sich diese Arbeit den Ausführungen zur Zeitlichkeit in Merleau-Pontys "Phänomenologie der Wahrnehmung".
In der Geschichte der Philosophie wurde das Rätsel der Zeit vor allem auf zwei Wegen angegangen: Der eine Weg, welchen beispielsweise Aristoteles gegangen ist, beschreibt die Zeit als Maß der Bewegung, indem es sich am Phänomen der Bewegung von Körpern im Raum orientiert und ist damit in der Welt der Objekte verankert. Der zweite Weg führt in das Bewusstsein des Menschen und bezeichnet die Zeit als eine Eigenschaft der menschlichen Seele und deren Vorstellungsvermögen, nachvollziehbar beispielsweise im XI. Buch der "Confessiones" des Augustinus.
Weder Husserl noch Merleau-Ponty lassen sich eindeutig einem der beiden Wege zuordnen. Zwar ist auch bei Husserl das Problem der Zeit in der Innerlichkeit des Bewusstseins beheimatet, aber der Gegenstand, welcher sich innerhalb eines raumzeitlichen Systems bewegt, ist mit seiner empirischen Zeitdimension essenziell für das 'Zeitfeld', mit welchem sich diese Arbeit beschäftigen wird. Merleau-Ponty schließt gleich zu Beginn seiner Betrachtungen zur Zeitlichkeit eine Zuordnung zu einem der beiden oben genannten Wege aus.
Inhaltsverzeichnis
- 1 Einführung
- 2 Husserls Zeitphänomenologie
- 2.1 Die Zeit als Prozess
- 2.2 Das Zeitfeld
- 2.3 Die phänomenologische Bestimmung des Seins des Wahrnehmungsgegenstandes
- 3 Heidegger und die „Ek-stase“
- 4 Zeitlichkeit bei Merleau-Ponty
- 4.1 Verortung der Zeit
- 4.1.1 Die Zeit ist nicht in den Dingen
- 4.1.2 Die Zeit ist nicht in den Bewusstseinszuständen
- 4.2 Das Präsenzfeld
- 4.3 Merleau-Pontys „Sein zur Welt“
- 4.4 Subjekt als Zeit
- 4.1 Verortung der Zeit
- 5 Gegenüberstellung
- 6 Fazit
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Diese Arbeit befasst sich mit der Frage der Zeitlichkeit in Merleau-Pontys „Phänomenologie der Wahrnehmung“ und analysiert die Beziehung zu Husserls Zeitphänomenologie. Die Arbeit verfolgt das Ziel, die Konzepte der Zeitlichkeit bei beiden Philosophen zu verstehen, zu vergleichen und Unterschiede aufzuzeigen, insbesondere in Bezug auf die Beziehung zwischen Subjekt und Objekt.
- Die Zeit als Prozess und das Zeitfeld bei Husserl
- Heideggers Einfluss auf die Zeitlichkeit bei Merleau-Ponty
- Die Verortung der Zeit bei Merleau-Ponty und die Beziehung zwischen Subjekt und Objekt
- Der Begriff des Präsenzfelds und Merleau-Pontys „Sein zur Welt“
- Die zentrale These „Subjekt ist Zeit, Zeit ist Subjekt“ bei Merleau-Ponty
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung
Die Einleitung stellt die beiden gängigen Ansätze zur Zeitlichkeit in der Geschichte der Philosophie vor, wobei sich der Fokus auf die Bewusstseinsperspektive richtet. Sie führt in die Konzepte von Husserl und Merleau-Ponty ein und skizziert die Struktur der Arbeit.
2 Husserls Zeitphänomenologie
Dieses Kapitel behandelt Husserls Zeitphänomenologie, insbesondere die Vorlesungen zur Phänomenologie des inneren Zeitbewusstseins. Es werden zentrale Konzepte wie die Zeit als Prozess, das Zeitfeld und die triadische Struktur Urimpression-Retention-Protention erläutert.
3 Heidegger und die „Ek-stase“
Dieses Kapitel bietet einen kurzen Überblick über Heideggers Konzepte der Zeitlichkeit und der zeitlichen Ekstasen, welche wichtige Einflüsse auf Merleau-Pontys Werk haben.
4 Zeitlichkeit bei Merleau-Ponty
Dieser Abschnitt widmet sich der Zeitlichkeit in Merleau-Pontys „Phänomenologie der Wahrnehmung“. Er untersucht das Verhältnis von Subjekt und Objekt, das Präsenzfeld, Merleau-Pontys „Sein zur Welt“ und die zentrale These „Subjekt ist Zeit, Zeit ist Subjekt“.
Schlüsselwörter
Diese Arbeit befasst sich mit den zentralen Konzepten der Zeitlichkeit in der Phänomenologie, insbesondere bei Husserl und Merleau-Ponty. Wichtige Begriffe sind: Zeit als Prozess, Zeitfeld, Urimpression, Retention, Protention, Ek-stase, Präsenzfeld, „Sein zur Welt“, Subjekt-Objekt-Beziehung.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das „Präsenzfeld“ bei Merleau-Ponty?
Das Präsenzfeld beschreibt den Bereich, in dem das Subjekt mit der Welt verbunden ist. Es umfasst die unmittelbare Gegenwart sowie die darin enthaltenen Bezüge zur Vergangenheit und Zukunft.
Wie hängen Subjekt und Zeit laut Merleau-Ponty zusammen?
Seine zentrale These lautet: „Das Subjekt ist Zeit, die Zeit ist Subjekt“. Zeit ist kein äußeres Maß, sondern die Art und Weise, wie das menschliche Bewusstsein existiert und die Welt wahrnimmt.
Was bedeutet Husserls triadische Struktur der Zeit?
Husserl beschreibt das Zeitbewusstsein durch Urimpression (das Jetzt), Retention (das unmittelbare Festhalten des Vergangenen) und Protention (die Erwartung des Kommenden).
Wo verorten Aristoteles und Augustinus die Zeit?
Aristoteles sieht Zeit als Maß der Bewegung in der Welt der Objekte. Augustinus verortet sie in der Seele des Menschen als Ausdehnung des Geistes.
Was bedeutet Merleau-Pontys Begriff „Sein zur Welt“?
Er beschreibt die unauflösliche Verbindung zwischen dem wahrnehmenden Subjekt und der Welt. Wir sind nicht getrennt von der Welt, sondern existieren immer schon in ihr.
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- Christian Rudloff (Author), 2020, Zeitlichkeit in Merleau Pontys "Phänomenologie der Wahrnehmung". Bezug zu Husserls Zeitphänomenologie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1008292