Wie gelangt Saul Kripke zu seiner Theorie von Eigennamen?


Hausarbeit, 2020

14 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Frege-Russell-Ansatz

3. Kripkes Kritik
3.1 Begriffsklärungen
3.2 Mögliche Welten
3.3 Kritik an den Kennzeichnungstheorien

4. KripkesVorschlag

5. Kritik an Kripke und Ausblick

6. Fazit

1. Einleitung

Saul Kripkes Buch „Name und Notwendigkeit“ {Naming and Necessity), beziehungsweise die drei Vorträge, aus denen das Buch besteht, stellten in den siebziger Jahren einen wichtigen Wendepunkt in der Sprachphilosophie dar, der noch heute von großer Relevanz ist.

In den Vorträgen befasst sich Kripke vor allem mit der Bedeutung von (Eigen)Namen, wobei er die bis dahin stark verbreiteten Kennzeichnungstheorien von Gottlob Frege und Bertrand Russell, sowie die „Bündeltheorie“, wie sie unter anderem John R. Searle vertreten hat, stark kritisiert. Als Alternative schlägt Kripke eine kausal-historische Theorie von Eigennamen vor, die jedoch vorrangig die Referenzfestlegung und weniger die Bedeutung von Eigennamen erklären soll.

Kripke selbst hat angemerkt, dass seine Theorie keine wirklich ausgearbeitete Theorie darstellt und sie, würde man sie weiter präzisieren, vermutlich scheitern würde. Allerdings erhebt er in den Vorträgen auch nicht den Anspruch, eine vollständige Theorie aufgestellt zu haben, sondern vielmehr ein besseres Bild der Referenzfestlegung gezeichnet zu haben, als es seine Vorgänger getan hatten (Kripke, 1972, S. 108/109).

Ich werde im Folgenden versuchen zu zeigen, dass Kripkes Theorie mit vielen Problemen potentiell umgehen kann. Dazu werde ich zunächst Freges und Russells Ansatz und die Probleme, die sie lösen wollten, erläutern. Um Kripkes Kritik an diesen Theorien verständlich zu machen, werde ich anschließend verschiedene Begriffe und Unterscheidungen einführen, auf denen Kripkes Argumentation aufbaut. Dann werde ich seine Kritikpunkte erläutern und zeigen, wie er letztlich zu seiner eigenen Theorie gelangt. Im Anschluss werde ich mögliche Probleme der Theorie aufzeigen und schließlich versuchen, seine Theorie gegen dieselben zu verteidigen.

2. Der Frege-Russell-Ansatz

Kripke argumentiert in „Name und Notwendigkeit“ unter anderem gegen die Bedeutungstheorie von Eigennamen von Frege und Russell und jenen, die in ihrer Tradition stehen. Laut diesen Theorien sind Eigennamen nichts anderes als „abgekürzte oder verkleidete Kennzeichnungen“ (Kripke, 1972, S. 36). Diese klassische Tradition versucht verschiedene Probleme zu lösen, die sich ergeben, wenn man die Bedeutung von sprachlichen Ausdrücken (speziell von Eigennamen) nur auf ihre Referenz reduziert, wie es bei Mill beispielsweise der Fall ist (vgl. Kripke, 1972, S. 35). Ich möchte mich auf die folgenden drei Probleme einer rein referentiellen Theorie konzentrieren:

(1) Identitätssätze: Das klassische Beispiel für dieses Problem ist wohl der Satz „Der Abendstem ist der Morgenstern.“, der schon vor fünfzig Jahren als „abgedroschenes Beispiel“ (Kripke 1972, S. 38) galt. Dieser Satz ist informativ und kann nicht a pirori gewusst werden, sondern beschreibt vielmehr eine wissenschaftliche Entdeckung, nämlich dass es sich bei Stern A, der am Abend der hellste am Himmel ist, und Stern B, der am Morgen der hellste am Himmel ist, um ein und denselben Stern, nämlich die Venus, handelt. Eine Theorie, die nur die Referenz eines Namens als dessen Bedeutung setzt, kann nicht erklären, warum dem so ist. Laut einer solchen Theorie müssten „Der Abendstern ist der Morgenstern.“ und „Der Abendstern ist der Abendstern.“ den selben informativen Gehalt haben, da beide Namen dasselbe bedeuten und somit austauschbar wären, ohne dass sich etwas an dem Inhalt des Satzes ändert.
(2) Leere Ausdrücke: Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten
(3) Negative Existenzsätze: Der Satz „Gandalf existiert nicht.“ ist wahr und bedeutungsvoll. Nach einer referentiellen Theorie müsste er jedoch entweder wahr und bedeutungslos, oder falsch und bedeutungsvoll sein.

Frege und Russell versuchen mit ihren Theorien diese Probleme zu umgehen, indem sie neben dem Bezug noch eine deskriptiven Gehalt von Eigennamen zulassen. Sie tun dies, indem sie Namen als verkürzte Kennzeichnungen versteht, die letztlich die Bedeutung des Namens ausmachen. Der Name „Aristoteles“ könnte zum Beispiel einfach eine Abkürzung für „der Philosoph, der der Lehrer Alexanders dem Großen war“ sein. Diese Kennzeichnung ist sowohl deskriptiv, also sagt etwas über Aristoteles aus, als auch referenzfestlegend, denn wir können anhand dieser Informationen Aristoteles aus der Menge aller Menschen herausgreifen.

Die Bedeutung von „Abendstem“ würde sich nach Frege und Russell also in zwei Teile gliedern: Einmal die Referenz (die Venus) und dann die Kennzeichnung (der „Sinn“ bei Frege), nämlich jener Stern zu sein, der am Abend der hellste am Himmel ist. Damit würde sich der Abendstem vom Morgenstern in seiner Kennzeichnung unterscheiden und Problem (1) wäre gelöst (Kripke, 1972, S. 37/38).

Ich möchte im Folgenden nicht weiter zeigen, wie Frege und Russell die zuvor genannten Problem lösen wollen, sondern einfach davon ausgehen, dass es ihnen weitestgehend gelingt. Allerdings werde ich auf die Probleme noch einmal zurückkommen, wenn es um Kripkes Vorschlag einer Bedeutungstheorie von Namen geht und prüfen, ob seine Theorie mit den genannten Problemen umgehen kann.

3. Kripkes Kritik

3.1 Begriffsklärungen

Um Kripkes Kritik an der Kennzeichnungstheorie zu verstehen, ist es zunächst notwendig, verschiedene Begriffsverwendungen und Unterscheidungen Kripkes darzulegen.

Zunächst zu Kripkes Definition von Namen: „Unter einem Namen werde ich hier einen Eigennamen verstehen, das heißt den Namen einer Person einer Stadt, eines Landes usw.“ (Kripke, 1972, S. 33). Das schließt Kennzeichnung („der x, so dass <p x“) aus, wie „der Mann, der mir immer die Zeitung klaut“. Als Überbegriff für Namen und Kennzeichnungen führt Kripke den Begriff des „Bezeichnungsausdruck“ (designator) ein (vgl. Kripke, 1972, S. 34).

Eine Zentrale Rolle spielen außerdem die Begriffe a priori und Notwendigkeit. Kripke kritisiert, dass der Begriff der Apriorität und der Notwendigkeit (zur Zeit, da er die Vorträge gehalten hat) häufig synonym verwendet werden. Laut Kripke ist etwas a priori, wenn es apriorisch erkannt wurde. Damit möchte er der Modalität von „kann a priori erkannt werden“ entgehen, die er für problematisch hält: „Und möglich für wen? Für Gott? Für die Marsbewohner?“ (Kripke, 1972, S. 44). Somit hält er Apriorität für einen erkenntnistheoretischen Begriff. Den Begriff der Notwendigkeit schreibt er hingegen der Metaphysik zu. Er gibt an, dass etwas nicht anders hätte sein können, sprich, Aist notwendig, wenn es keine mögliche (vorstellbare) Welt gibt, in der Anicht gilt (vgl. Kripke, 1972, S. 44-45). Das würde etwa für den Satz „3 ist kleiner als 4“ gelten. Kripke gelangt zu dem Schluss, dass es Dinge geben kann, die sowohl apirori erkannt, als auch kontingent, sowie a posteriori erkannt, aber notwendig sind (vgl. Kripke, 1972, S. 48). Kripke liefert dafür als Beispiel den Urmeter. Es kann apr/'or/' erkannt werden, dass er einen Meter lang ist, da der Meter (lange Zeit) durch ihn definiert wurde. Jedoch hätte der Urmeter auch nicht einen Meter lang sein können. Wir beschreiben mit „Meter“ in jeder möglichen Welt eine bestimmte, unveränderliche Länge, sowie mit „Urmeter“ einen bestimmten Gegenstand. Doch dieser Gegenstand hätte auch eine andere Länge haben können, ohne dass sich die Länge eines Meters verändert.

Um dieses Beispiel richtig zu verstehen, ist eine weitere wichtige Unterscheidung einzuführen, nämlich zwischen Definitionen die per Referenz festgelegt werden, und Definitionen, die die Bedeutung festlegen. Kripke hält die Meterdefmition durch den Urmeter für rein referenziell, da er, selbst wenn man den Meter als die Länge vom Urmeter zum Zeitpunkt t festlegt, der Urmeter zu diesem Zeitpunkt auch nicht ein Meter hätte lang sein können, zum Beispiel auf Grund von Wärmeeinwirkung (vgl. Kripke, 1972, S. 65-66). Diese Unterscheidung wird auch noch einmal wichtig, wenn es um die Auslegung der Bündeltheorie geht. Auch sie kann einmal bedeutungsfestlegend oder referentiell verstanden werden.

Eine kleine Anmerkung zu dem Beispiel: Kripkes Begriff der Notwendigkeit bringt ihn dazu, sich sehr auf Intuitionen zu stützen. Daher basieren viele seiner Argumente auf der Annahme, dass man seine Intuitionen, die er versucht zu plausibilisieren, teilt. Man müsste hier zum Beispiel die Intuition teilen, dass ein Meter immer dieselbe Länge bezeichnet und der Urmeter nur als Referent dient, sich also die Länge eines Meters nicht verändert, wenn der Urmeter seine Länge verändert.

Eine weitere wichtige Unterscheidung ist die zwischen starren und akzidentellen Bezeichnungsausdrücken. Ein Bezeichnungsausdruck ist starr, wenn er „in jeder möglichen Welt denselben Gegenstand bezeichnet“ (Kripke, 1972, S. 59) und akzidentell, wenn er das eben nicht tut. Man könnte sagen, dass ein starrer Bezeichnungsausdruck notwendigerweise den Gegenstand bezeichnet, den er bezeichnet. Das wäre zum Beispiel bei „Meter“ der Fall, da er, wenn man Kripkes Intuitionen teilt, injeder möglichen Welt dieselbe Länge beschreibt.

3.2 Mögliche Welten

Laut Kripke fallen Namen in die Kategorie der starren Bezeichnungsausdrücke (vgl. Kripke, 1972, S. 59). Das begründet er über die Funktionsweise von möglichen Welten. Wenn wir beispielsweise fragen, ob Aristoteles auch nicht der Lehrer von Alexander dem Großen hätte sein können, dann setzten wir Aristoteles in der möglichen Welt schon fest, sprich, wir müssen nicht erst in der möglichen Welt nach Aristoteles suchen, sondern nehmen ,unseren‘ Aristoteles, ,packen‘ ihn in die mögliche Welt und schauen, ob er dort unbedingt Lehrer von Alexander sein muss (was offensichtlich nicht der Fall ist). Aristoteles ist in einer entsprechenden kontrafaktischen Situation bereits „ein Bestandteil der Beschreibung der Welt“ (Kripke, 1972, S. 54). Damit spricht er sich gegen die Vorstellung von mögliche Welten als „fernes Land“ (ebd.) aus, die er überspitzt so darstellt, dass man erst mit einem Fernrohr in die mögliche Welt schauen müsste und dann anhand von Identitätskriterien nach dem Mann sucht, auf den der Name Aristoteles zutrifft (vgl. Kripke, 1972, S. 60/61). Er lehnt diese Vorstellung unter anderem ab, da er glaubt, dass sich selten (oder fast nie) notwendige und hinreichende Identitätskriterien aufstellen lassen, die nicht zirkulär wären (vgl. Kripke, 1972, S. 52/53).

Eine weitere Anmerkung an dieser Stelle: Wenn wir über mögliche Welten reden, so Kripke, dann behalten wir dennoch unser Vokabular bei, sprich, wir meinen mit Aristoteles den Mann, den wir in unserer Welt mit Aristoteles bezeichnen. Wenn wir fragen, ob Aristoteles auch nicht dieses oder jenes hätte sein oder tun können, fragen wir das in Bezug auf denjenigen, den wir mit Aristoteles meinen und fragen nicht, ob es nicht eine Welt geben könnte, in der jemand anders Aristoteles heißen könnte, der dieses oder jenes getan oder nicht getan hat oder in der Aristoteles nicht ,Aristoteles‘ heißt und es deshalb keinen ,Aristoteles‘ gab, der dies oder jenes getan haben könnte (vgl. Kripke, 1972, S. 91/92).

Wenn wir also den Referenten des Namens bereits in der möglichen Welt festsetzen, dann trifft der Name in jeder möglichen Welt denselben Referenten, da wir sowohl Name, als auch Referent in die kontrafaktische Situation ,mitnehmen‘. Das ist bei Kennzeichnungen anders: Wenn wir beispielsweise über „die Frau, die mich 2002 verlassen hat“ sprechen, dann ist es gut möglich, dass auch eine andere Frau mich 2002 hätte verlassen können. Man könnte also sagen: „Eine andere, als die Frau, die mich 2002 verlassen hat, hätte die Frau sein können, die mich 2002 verlassen hat.“, ohne dabei in Widersprüche zu geraten. Es ist jedoch nicht möglich zu sagen, dass Aristoteles nicht hätte Aristoteles sein können (auch wenn er anders hätte heißen können) (vgl. Kripke, 1972, S. 59-61).

Kripke führt außerdem die Unterscheidung von notwendigen/essentiellen und kontingenten Eigenschaften ein. Dass man sich gegen eine solche Unterscheidung wehren könnte, begründet Kripke damit, dass man der „Fernes-Land-Vorstellung“ zum Opfer gefallen sei und glaube, die Notwendigkeit von Eigenschaften hinge mit der Art der Identifikation zusammen. Wenn ich zum Beispiel auf Kant referiere, indem ich ihn als „der Autor der Kritik der reinen Vernunft (KrV)“ beschreibe, dann wird diese Autorenschaft in dem Moment zu einer notwendigen Eigenschaft Kants, da ich ihn anhand dieser Eigenschaft in anderen möglichen Welten identifiziere. Allerdings bemerkt Kripke, dass es dennoch intuitiv ist zu sagen, dass Kant auch nicht der Verfasser der KrV hätte sein können. Es hätte genauso gut ein anderer, oder niemand die KrV verfassen können, und Kant wäre immer noch Kant. Dass Kant die KrV verfasst hat, wäre also eine kontingente Eigenschaftvon ihm (vgl. Kripke, 1972, S. 52/53).

Kripkes Kritik baut nun auf Grundlage dieses Entwurfs von möglichen Welten auf, in der Eigennamen starre Bezeichnungsausdrücke sind und eine Unterscheidung zwischen notwendigen und kontingenten Eigenschaften möglich ist.

3.3 Kritik an den Kennzeichnungstheorien

Kripkes Kritik konzentriert sich auf den Frege-Russell-Ansatz, sowie die „Bündeltheorie“, wobei er jeweils gegen eine starke Variante der Theorien (die Kennzeichnungen sind Teil der Bedeutung von Eigennamen) und eine referentielle Theorie (die Kennzeichnungen dienen nur der Iden- tifikation/dem Herausgreifen des Namens) argumentiert.

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Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Wie gelangt Saul Kripke zu seiner Theorie von Eigennamen?
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
2,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
14
Katalognummer
V1008390
ISBN (eBook)
9783346397881
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kripke, Russell, Frege, Analytische Philosophie, Name und Notwendigkeit
Arbeit zitieren
Felix Haus (Autor), 2020, Wie gelangt Saul Kripke zu seiner Theorie von Eigennamen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1008390

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