Grundzüge der Befreiungspädagogik Paulo Freire


Seminararbeit, 2003

13 Seiten


Leseprobe

Paulo Freire – zur Person

Hier beziehe ich mich auf Stöger Peter (1996): Paulo Freire. In: Kontakte XIV (1996, Heft 1),

S. 24 – 50 und

Stöger Peter (1997): Paulo Freire – ein Nachruf. In: Kontakte XV (1997, Heft 1), S. 69 – 74

- 1921 als Sohn eines Militärpolizeibeamten in Recife geboren (Recife ist Mittelpunkt einer Elendsprovinz in Brasilien).
- Sein Vater war sein erster Lehrer. Von ihm lernte er den Grundsatz des gegenseitigen Respekts zwischen Lehrer und Schüler.
- 1929: Die Weltwirtschaftskrise bringt die Familie in große Bedrängnis. Er muss erfahren was Hunger ist, was der Hunger der Entwicklungs- und Lernfähigkeit antut.
- Der Elfjährige legt ein Gelübde ab, "sein Leben dem Kampf gegen den Hunger zu widmen."[1]
- Freire studierte Jura, gab seine Tätigkeit als Rechtsanwalt aber auf als er entdeckte, "daß das Recht das er studiert hatte, das Recht der Eigentümer gegen die Habenichtse war."[2] Er wird Sekundarschullehrer und sammelt wertvolle Erfahrungen mit Kindern und Eltern. Die Erkenntnis der sozialen Lage "schärften sein Bewußtsein der Umwelt und vertieften die Einsicht, daß der Lehrer in erster Linie vom Volk lernen müsse."[3] Er erkannte die Notwendigkeit der Anschaulichkeit, immer vom praktischen Beispiel auszugehen und abstrakte Begriffe induktiv zu erarbeiten. (Leitfaden für sein beginnendes Alphabetisierungsprogramm)
- 1944: Er heiratet die Volksschullehrerin Elza María Costa. Aus dieser Ehe sind fünf Kinder hervorgegangen.
- 1946 – 1954: Vorstand der Abteilung für Erziehung und Kultur der SESI (Servico Social da Industria von Pernambuco); verschleiertes, domestizierendes Ziel: Den Arbeitern helfen, aber nicht an den Strukturen rütteln.
- ab 1947: Alphabetisierungskurse in Slums und Landarbeitersiedlungen; >Bewegung für Volkserziehung<: auf die unmittelbaren Lebensbedürfnisse abgestimmten Materialien ersetzen die bislang entfremdeten Unterlagen;
- 1955: Lehrtätigkeit an der Escola de Belas Artes (Uni Recife); Intensive Zusammenarbeit mit der Katholischen Universitätsjugend, die sich für die Rechte der Bewohner der favelas (Slum; Elendsviertel) einsetzten.
- 1959: Doktorat – Dissertation über das Unterrichten von Erwachsenen und Analphabeten;
- Ende der 50er Jahre: Regierungsprogramm: "Allianz für den Fortschritt""Die Annahme von Entwicklungshilfegeldern war mit der Auflage von Reformen verbunden."[4] Dieses Konzept war ohne tiefgreifende Absichten für eine Umwandlung zu einem Mehr an sozialer Gerechtigkeit. Grundlegendste Bildungsfragen wurden nicht gelöst – Analphabetentum und große Quote von Schulabbrechern blieb bestehen. "Nur zu oft wurde vergessen, daß die lateinamerikanischen Länder junge Nationen mit einer uralten Kultur sind."[5] Die systematische Ausbeutungspolitik hatte den Menschen koloniale Sprach- und Denkweisen aufgezwungen. Mit Paulo Freire sind Konzepte entstanden, die die traditionellen Bildungsvorstellungen nicht mehr weitertragen wollten. Die >Kultur des Schweigens< sollte ein Ende haben.
- 1960 – 1963: Gründung von Kulturzirkeln zur Alphabetisierung; Nationale Alphabetisierungskampagnen wurden von kirchlichen Kreisen unterstützt. Im Erzbischof von Recife, Dom Helder Camara, fand Freire einen kongenialen Partner. Im Jahre 1962 genehmigte der Bürgermeister von Recife ein Erwachsenenalphabetisierungsprogramm unter der Leitung von Paulo Freire. Damit begann die erste große Kampagne.
- 1964 wurden die Alphabetisierungskampagnen durch den Militärputsch gestoppt. Wäre dies nicht passiert hätte man in den rund 20.000 Kulturzirkeln an die 2 Millionen Menschen alphabetisiert – dies wären 2 Mio. zusätzliche Wähler gewesen! Freire blieb vorerst in Brasilia. Als er nach Recife zurückkehrte wurde er verhaftet (75 Tage Arrest). Nach seiner Entlassung wurde er für weitere Verhöre nach Rio geschickt. Schließlich suchte er in Bolivien um Asyl an, dort gab es jedoch einen Monat später einen Putsch. Freire emigrierte nach Chile. Unter Eduardo Frei und Salvador Allende wurde er UNESCO Beauftragter.
- 1969/70: Gastdozentur in Harvard
- 1970: Berater für Bildungsfragen beim Ökumenischen Weltrat der Kirchen in Genf; Weiters leitete Freire ein Institut (Institut d'Action Culturelle), das sozial- und kulturpolitische Entwicklungsmodelle ausarbeitete. Freire wurde Mitglied des UNESCO Konsultativkomitees für Alphabetisierung.
- 1975: Ehrendoktorat an der Uni Löwen
- Mitte der siebziger Jahre wirkte Freire in ehemals portugiesischen Kolonien, wie in Sao Tome und Guinea Bissau.
- Im Jahre 1979 kehrte Freire nach Brasilien zurück. Lehrtätigkeit an zwei Universitäten in Sao Paulo; Mitarbeit in der Erzdiözese Sao Paulo;
- 1980: Kulturminister der Arbeiterpartei im Bundesstaat Sao Paulo
- 1986 erhielt Freire den UNESCO-Preis für Friedenserziehung.
- Bis zu seinem Tod, am 2. Mai 1997, war Freire als Professor an der Katholischen Universität von Sao Paulo tätig.

Allgemein

Im folgenden Abschnitt beziehe ich mich auf Freire Paulo (1998): Pädagogik der Unterdrückten. Bildung als Praxis der Freiheit. Reinbek bei Hamburg (Rowohlt Taschenbuch Verlag), S. 9 – 104

Am Anfang seiner Pädagogik steht ein Schock und zwar die Entdeckung der Kultur des Schweigens.

- Viele gleiten nach dem >westlichen< Schulbesuch wieder in den Analphabetismus zurück.
- Alphabetisierungskampagnen sind nicht zielführend.
- Die Lernhemmung ist unbestreitbar.

Warum diese Apathie der Unterdrückten? Für Paulo Freire ist diese >Kultur des Schweigens< immer schon eine Folge des Unterdrückung. Die Herrschaft der Eliten macht die Masse apathisch und nicht umgekehrt. Die sogenannte >natürliche< Unterlegenheit der Unterdrückten ist eine Zwecklüge der Unterdrücker. Dieser Mythos hilft mit Kolonial- und Klassenherrschaft aufrecht zu erhalten. Die Unterdrückten verinnerlichen diesen Mythos – ihr Bewusstsein ist unterworfen, besetzt. Gefährlich ist die Herrschaft der Wissenden deshalb, weil sie der unterworfenen Mehrheit das befreiende Wissen – sogar die Fähigkeit Freiheitswissen anzueignen – vorenthalten. Die Sprache des Volkes wird von der Sprache der Gebildeten verdrängt. Dadurch bleibt die Erfahrung sprachlos, die Sprache wird sinnlos. Die Mitsprache der Unterdrückten, z.B. bei Entscheidungsprozessen der Gesellschaft, wird verhindert. Sie können sich dagegen nicht wehren, da ihnen die Sprache der Freiheit fehlt.

"Die Macht der einen braucht die Dummheit der anderen."[6] Der Eindruck der Machtentfaltung raubt dem Menschen seine innere Selbstständigkeit, dieser verzichtet – mehr oder weniger unbewusst – auf Eigeninitiative.

Paulo Freire führt die Entdeckung der Kultur des Schweigens zu dem Grundsatz, dass Erziehung niemals neutral sein kann. Erziehung kann

- ein Instrument zur Befreiung oder
- ein Instrument zur Domestizierung (Abrichtung für die Unterdrückung) des Menschen sein. Dies entscheidet sich im pädagogischen Verfahren.

Freire spricht von >depositärer Erziehung<, damit bezeichnet er einen Fütterungsvorgang: Der Schüler, die Schülerin wird mit Wörtern, Vorstellungen u.s.w. >gefüttert< und umso widerstandsloser dieser Prozess vor sich geht, desto besser erscheint der Bildungsvorgang. Entzieht sich der Zögling diesem >Fütterungsvorgang< bleibt er ungebildet. Das bedeutet: "Bildung und Unterwerfung sind identisch."[7] Man ist bloß erfolgreich, wenn man sich der Fremdbestimmung überlässt. "Der Gebildete ist der Entfremdete."[8] Hierbei muss man jedoch folgenden Unterschied berücksichtigen: Die depositäre Erziehung ist keine Entfremdung, wenn die Gesellschaft aus ihrer eigenen kulturellen Tradition heraus erzieht.

[...]


[1] Stöger Peter (1997): Paulo Freire – ein Nachruf. In: Kontakte XV (1997, Heft 1), S. 69

[2] Ebd. S. 69

[3] Ebd. S. 69

[4] Stöger Peter (1996): Paulo Freire. In: Kontakte XIV (1996, Heft 1), S. 27

[5] Ebd. S. 27

[6] Freire Paulo (1998): Pädagogik der Unterdrückten. Bildung als Praxis der Freiheit. Reinbek bei Hamburg (Rowohlt Taschenbuch Verlag), S. 13

[7] Freire Paulo (1998): Pädagogik der Unterdrückten. Bildung als Praxis der Freiheit. Reinbek bei Hamburg (Rowohlt Taschenbuch Verlag), S. 14

[8] Ebd. S. 14

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Details

Titel
Grundzüge der Befreiungspädagogik Paulo Freire
Autor
Jahr
2003
Seiten
13
Katalognummer
V10084
ISBN (eBook)
9783638166218
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Grundzüge, Befreiungspädagogik, Paulo, Freire
Arbeit zitieren
Claudia Ladner (Autor:in), 2003, Grundzüge der Befreiungspädagogik Paulo Freire, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/10084

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