Aufbauend auf poststrukturalistischen beziehungsweise feministisch-postkolonialen Ansätzen wird in dieser Arbeit herausgearbeitet, inwiefern Diskurse mit Macht zusammenhängen und wie eine Intervention der Machtlosen, hier konkret der Afrodeutschen, aussehen kann. Diesbezüglich stellt sich die Frage, ob oder inwieweit diese in der Lage sein können, Gegendiskurse und ein Umdenken innerhalb der Gesellschaft anzustoßen und somit Partizipation an strukturellen Gegebenheiten erleben zu können.
May Ayim, Schwarze Aktivistin und Mitgründerin des Vereins 'Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland' hat mit ihrer Lyrik diesen Versuch unternommen. Anhand einer Gedichtauswahl wird untersucht, mit welchen sprachlichen und rhetorischen Mitteln Lyrik zu einem Instrument der Politisierung werden kann.
Im postkolonialen Deutschland existieren in Bezug auf Schwarz gelesene Menschen bis heute kolonialistisch geprägte Sprach- und Denkmuster, die zu fortwährenden rassistischen Strukturen führen. Solche dienen der Konstituierung gegebener Hegemonien, die vom Großteil der Dominanzkultur nicht ausreichend hinterfragt oder nur oberflächlich betrachtet werden, denn geführte Diskurse blenden diese Problematik weitestgehend aus. Wissen wird aus weißer Perspektive produziert und reproduziert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Postkolonialer Rassismus gegenüber Schwarzen Deutschen
2.1 Kolonialrassistische Strukturen und Diskurse
2.2 Kolonialistische Stereotypisierung und Sprache
3. Diskurse als Mittel für hegemoniale Konstituierungen
3.1 Verknüpfung von Diskurs und Macht – Epistemische Gewalt
3.2 Zu feministischer postkolonialer Theorie: Stimme und Intervention der ›Subalterne‹
4. May Ayims Gedichte als Dekonstruktion und Gegendiskurs – Verknüpfung von Literatur und Aktivismus
4.1 Interpretation einer Lyrikauswahl Ayims hinsichtlich Sprachaneignung und Selbstermächtigung
5. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht May Ayims politische Lyrik als ein Instrument zur Dekonstruktion rassistischer Sprachmuster und als Impuls für die Etablierung eines Schwarzen Gegendiskurses innerhalb der kolonialistisch geprägten deutschen Gesellschaft.
- Analyse rassistischer Strukturen und deren Reproduktion durch Sprache
- Untersuchung der Machtverhältnisse in gesellschaftlichen Diskursen
- Anwendung postkolonialer und feministischer Theorieansätze (Foucault, Spivak)
- Dekonstruktion fremdbestimmter Stereotype durch May Ayims literarisches Werk
- Verbindung von aktivistischer Praxis und literarischer Selbstermächtigung
Auszug aus dem Buch
4.2 ANALYSE EINER LYRIKAUSWAHL AYIMS HINSICHTLICH SPRACHANEIGNUNG UND SELBSTERMÄCHTIGUNG
Der einzige zu Ayims Lebzeiten veröffentlichte Gedichtband blues in schwarz-weiss erschien 1995. Bereits im Titel der ersten Auflagen ist ihre vorherige tiefe Auseinandersetzung mit Sprache und eine dekonstruktivistische Herangehensweise an diese zu erkennen.80 Dies zeigt einerseits die durchgängige Kleinschreibung, und andererseits, dass „weiss“ hier mit „ss“ geschrieben wird. Dies wird ebenso im gleichnamigen Gedichttitel im Buch, allerdings innerhalb des Gedichts beibehalten und ist somit bewusste Entscheidung bezüglich des Layouts zu deuten. Dennoch fällt es im Titel sofort auf und wirkt evtl. störend. Mit „ß“ geschrieben könnte es auch die in Indikativ der dritten Person Singular konjugierte Form von „wissen“ sein. Hier wird Ayims Intention deutlich, Wissen von Weißsein zu trennen. Die Schreibweise kann dann schon als Kritik an der epistemischen Macht gelesen werden, die von Weißen ausgeht und die von ihnen für sich beansprucht wird. Auch eine Assoziation mit der nationalsozialistischen ›SS‹ ist bei der Schreibweise denkbar, die gedanklich zu einer schnellen Verknüpfung von Weißsein und Rassismus führt.
Die Kleinschreibung wird in den meisten Gedichten beibehalten, ebenso fehlt zumeist die Zeichensetzung. Sprachliche Regeln werden somit als überwindbar angesehen bzw. gezeigt. Und bereits das zweite Gedicht – am anfang war das wort – befasst sich mit genau dieser Überwindbarkeit von Normen innerhalb der Sprache: „am anfang war das wort / geistreich / jedoch vorschnell ausgesprochen / prompt / kam ein widerwort“81. In dieser ersten Strophe verbindet Ayim mit dem „Widerwort“ schon eine der Normative nicht zustimmende Haltung mit der Möglichkeit zu widersprechen. Dieser Widerspruch führt zu einem Bloßlegen der Sprache und schließlich sogar zu ihrer Auflösung, wie die nächste Strophe zeigt: „es ward licht / doch durch den widerspruch / gab’s einen kurzschluß / wodurch / sowohl das wort / als auch das widerwort / zerplatzte“82.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die postkoloniale Thematik ein und erläutert die Bedeutung von Sprache als kulturellem Produkt und Instrument zur Dekonstruktion rassistischer Machtstrukturen.
2. Postkolonialer Rassismus gegenüber Schwarzen Deutschen: Dieses Kapitel definiert Rassismus als historisch spezifisches und strukturelles Machtinstrument, das weit über individuelle Handlungen hinausgeht und in institutionellen Gefügen verwurzelt ist.
2.1 Kolonialrassistische Strukturen und Diskurse: Es wird untersucht, wie durch „Othering“ ein binäres System erzeugt wird, das Schwarze Menschen systematisch aus der deutschen Mehrheitsgesellschaft ausschließt.
2.2 Kolonialistische Stereotypisierung und Sprache: Der Fokus liegt hier auf der Etymologie und der pejorativen Wirkung kolonialistischer Fremdbezeichnungen sowie deren Rolle bei der Aufrechterhaltung rassistischer Vorurteile.
3. Diskurse als Mittel für hegemoniale Konstituierungen: Das Kapitel erläutert, wie Wissensproduktion und Diskurskontrolle zur Stabilisierung von Machtverhältnissen und zur Ausgrenzung Schwarzer Perspektiven beitragen.
3.1 Verknüpfung von Diskurs und Macht – Epistemische Gewalt: Anhand des Beispiels der Schulbuchanalyse wird aufgezeigt, wie Wissen institutionalisiert wird, um dominante Machtverhältnisse zu legitimieren.
3.2 Zu feministischer postkolonialer Theorie: Stimme und Intervention der ›Subalterne‹: Hier wird Spivaks Konzept des „strategischen Essentialismus“ eingeführt, um zu erklären, wie marginalisierte Gruppen diskursive Interventionen ermöglichen können.
4. May Ayims Gedichte als Dekonstruktion und Gegendiskurs – Verknüpfung von Literatur und Aktivismus: Das Kapitel verortet Ayims Schaffen in ihrem aktivistischen Kontext und zeigt die Verbindung zwischen dem Aufbau der Schwarzen Bewegung in Deutschland und ihrer Lyrik auf.
4.1 Interpretation einer Lyrikauswahl Ayims hinsichtlich Sprachaneignung und Selbstermächtigung: Eine detaillierte Analyse spezifischer Gedichte zeigt, wie Ayim durch Sprachbruch, Kleinschreibung und inhaltliche Kritik die hegemoniale Sprache dekonstruiert.
5. Fazit und Ausblick: Die Arbeit resümiert, dass Ayims Lyrik einen wesentlichen Beitrag zur Sichtbarmachung weißer Privilegien leistet und als wirkungsvolles Instrument der Selbstermächtigung innerhalb einer rassistischen Gesellschaft dient.
Schlüsselwörter
Postkolonialismus, Rassismus, May Ayim, Schwarze Deutsche, Sprache, Dekonstruktion, Othering, Machtverhältnisse, Epistemische Gewalt, Aktivismus, Selbstermächtigung, Literatur, Identität, Diskurs, Hegemonie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die politische Lyrik von May Ayim als ein Mittel zur Dekonstruktion rassistischer Sprachstrukturen und zur Etablierung eines Schwarzen Gegendiskurses in Deutschland.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind postkolonialer Rassismus, die Macht von Sprache bei der Konstruktion von Identitäten, institutionelle Diskriminierung sowie die Verbindung zwischen literarischem Schaffen und politischem Aktivismus.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie May Ayim durch ihre Gedichte rassistische Fremdzuschreibungen demaskiert und den Sprachraum für die Bedürfnisse und Selbstdefinitionen Schwarzer Menschen zurückerobert.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt einen diskursanalytischen Ansatz und stützt sich auf postkoloniale sowie feministische Theorien, insbesondere die von Michel Foucault und Gayatri Spivak.
Welche Schwerpunkte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen zu Rassismus und Machtstrukturen sowie eine konkrete lyrische Textanalyse von Ayims Werk blues in schwarz-weiss.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Die Arbeit ist stark durch Begriffe wie „Dekonstruktion“, „Epistemische Gewalt“, „Andere“ (Othering), „Sprachaneignung“ und „Strategischer Essentialismus“ geprägt.
Wie genau nutzt May Ayim ihre Lyrik, um Sprachnormen zu kritisieren?
Ayim verzichtet in ihren Gedichten bewusst auf traditionelle Zeichensetzung und Großschreibung, verwendet Neologismen und „zerbricht“ die Sprache, um deren normativen und ausschließenden Charakter sichtbar zu machen.
Welche Bedeutung kommt dem Begriff „Subalterne“ in dieser Arbeit zu?
Der Begriff wird im Kontext von Spivaks Theorie verwendet, um die Herausforderung zu beschreiben, als Schwarze Frau in einer von weißen Diskursen dominierten Gesellschaft eine eigene, nicht-verfälschte Repräsentanz zu finden.
- Quote paper
- Sarah Manowski (Author), 2021, May Ayims politische Lyrik als Unterminierung rassistischer Sprache. Impuls für einen Schwarzen Gegendiskurs in einer kolonialistisch geprägten deutschen Gesellschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1008434