Roth, Joseph - Die Grenzschenke


Referat / Aufsatz (Schule), 2001

21 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

Einführung

1. Anselm Eibenschütz vom untergeordneten, redlichen Soldaten zum unzufriedenen Eichmeister und Ehemann
1.1 Die Grenzschenke in Szwaby ein Ort, an dem zunächst alles möglich scheint
1.2 Euphemia und das leise Klingeln ihrer Ohrringe
1.3 Das Ende der Liebe
1.4 Eibenschütz als skrupelloser Eichmeister und Trinker

2. Schluß

3. Bibliographie
1. Autorin Seite
2. Vorgeschichte / Familiengeschichte
3. Inhalt

4. Mitglieder der Weißen Rose

5. Gerichtsverfahren

6. Flugblätter

7. Ziele der Weißen Rose / Aussage

8. Quellenverzeichnis

Einführung

„Joseph Roth ist als Schriftsteller ein ausgesprochen visueller Typ. Er sieht vor allem anderen. Sein Auge wird schöpferisch. Ob es ein Mensch, ein Bergwerk, eine Zivilisation ist, zuerst gewahrt er das äußere Bild, die Form, das offen Sichtliche. Er sieht so lange und von soviel Seiten auf sein Objekt, bis er hineinsieht und es durchschaut.“1 Sehr treffend schätzt Hermann Kesten den Autor Joseph Roth ein, der ebenso beeindruckende wie tiefgründige Romane schrieb. Einfach und klar ist Roths Stil, sehr anschaulich und detailiert seine Menschenbeschreibung. Der Schriftsteller schafft es, einer leblosen Sache solchen Ausdruck zu verleihen, dass der Leser gewisse Dinge mit diesem Gegenstand assoziiert.

Am Beispiel der Grenzschenke in Joseph Roths Roman „Das falsche Gewicht“ soll in dieser Arbeit gezeigt werden, dass der Autor bestimmte Objekte auswählt, um diese als Symbol für etwas geltend zu machen. So steht eben die Schenke in seinem 19372 geschriebenen Roman nicht nur für eine ganz normale Kneipe, in der getrunken und gespielt wird. Die Grenzschenke stellt eher einen Zufluchtsort dar, nicht nur für Deserteure, sondern auch für den Romanhelden Anselm Eibenschütz. Mühevoll versucht dieser aus seiner ihm trist erscheinenden Welt auszubrechen und eine neue Heimat zu finden. Dass genau der Ort, von dem Eibenschütz sich Wärme und Geborgenheit versprach, ihn ins Verderben stürzte, war vom Autor beabsichtigt.

Roth, der selber immer auf der Suche nach der Heimat war, beschreibt Schicksale von Menschen, die sich mit ihrem Umfeld nicht identifizieren können und daran langsam zu Grunde gehen. In einer Gesellschaft leben zu müssen, mit deren Zielen man sich nicht im geringsten solidarisch fühlt, war für den Mensch Joseph Roth wohl eine prägende Erfahrung, die er dann in seinen Romanen weiter verarbeitet hat.3

In der vorliegenden Arbeit werden zunächst die zwei verschiedenen Welten des Helden Anselm Eibenschütz voneinander unterschieden. Es soll folgend bewiesen werden, dass die Grenzschenke als Symbol für Anfang und Neubeginn des menschlichen Lebens steht, dass sie die Grenzen der menschlichen Psyche ebenso darstellt wie die Grenzen der Liebe, gerade in Bezug auf die Hauptfigur Eibenschütz. Weiterhin soll deutlich gemacht werden, dass die Schenke eine Art Vergänglichkeit alles Irdischen beinhaltet, aber zugleich eine Chance auf Neubeginn für den in sich birgt, der zielstrebig seinen Lebensweg zu meistern sucht.

1. Anselm Eibenschütz - vom untergeordneten, redlichen Soldaten zum unzufriedenen Eichmeister und Ehemann

Anselm Eibenschütz wird zunächst als disziplinierter Soldat vorgestellt, der immer treu seine Pflichten erfüllt. Schließlich gibt er dieses Leben auf, um das zu tun, was die anderen Soldaten früher oder später auch taten: heiraten. „Er hatte, wie man zu sagen pflegt, von der Pike auf gedient. Er war ein redlicher Soldat gewesen. [...] Er hatte geheiratet, wie es fast alle längerdienenden Unteroffiziere zu tun pflegen.“4

Der Romanheld wird also als einfacher Mitläufer geschildert, der nicht gewohnt ist, Verantwortung für sich noch für andere zu tragen. Gleichzeitig gibt der Autor zu erkennen, dass es Eibenschütz sehr schwer fällt aus diesem geregelten Leben auszubrechen und einen völlig neuen Weg einzuschlagen: „Es tat ihm so leid, seine Uniform zu verlassen. [...] Aber kurz und gut, Eibenschütz verließ die Armee. Er zog die Uniform aus, die geliebte Uniform; verließ die Kaserne, die geliebte Kaserne.“5. Durch die Hervorhebung der Uniform und der Kaserne macht Roth deutlich, dass Eibenschütz noch gar nicht bereit ist, aus seinem Soldatendasein auszubrechen und mit einer Frau das Leben zu teilen. Der Leser ahnt schon ab diesen Zeilen, dass Anselm nicht glücklich in dieser Beziehung sein wird. Er fühlt sich auch sehr bedrückt, denn um sich und seine Gattin ernähren zu können, muß er den Posten eines Eichmeisters in Zlotogrod annehmen. Das heißt für Eibenschütz Abschied nehmen von den Freunden, der Heimat, dem Vertrauten: „Er rüstete ab. Er verließ die Kaserne, die Uniform, die Kameraden und die Freunde. Er fuhr nach Zlotogrod.“6. Dort fühlt sich Anselm Eibenschütz sehr allein; die Frau ist ihm völlig fremd geworden und die neue Umgebung erscheint ihm unheimlich: „Und das Land redete fürchterlich: es redete Schnee, Finsternis, Kälte und Eiszapfen, obwohl der Kalender den Frühling zählte [...] Hier aber in Zlotogrod, krächzten die Krähen in den kahlen Weiden und Kastanien.“7. „Er entdeckte plötzlich, dass er seine Frau nicht liebte. Denn nun, da er allein und einsam war, in der Stadt, im Bezirk, im Amt, unter den Menschen, verlangte er Liebe und Zutraulichkeit zu Hause, und da sah er, dass nichts davon vorhanden war. [...] Er war sehr einsam, der Eichmeister Anselm Eibenschütz. Bei Tag und bei Nacht war er einsam.“8

Auch die Tatsache, die Verantwortung für das eigene Tun und Handeln zu tragen, macht dem Eichmeister schwer zu schaffen.

Immerhin hat er in seinem Beruf andere Menschen zu kontrollieren, zu maßregeln und im Notfall sogar anzuzeigen, wenn sie mit falschen Gewichten pokern. In diesem neuen Leben aber ist Anselm auf sich selbst gestellt und er sehnt sich leidenschaftlich nach der früheren Zeit zurück: „In der Kaserne hätte er bleiben müssen, ja, in der Kaserne. Bei den Soldaten war alles geregelt. [...] Die Verantwortung eines jeden Soldaten für alles, was er tat, und für alles, was er unterließ, lag irgendwo hoch über ihm, er wußte selber gar nicht wo. Wie leicht und frei war das Leben in der Kaserne gewesen!“9.

Anselm Eibenschütz sieht sich also mit einem Dasein konfrontiert, das ihn langsam zu zermürben droht. Er fühlt sich eingeengt von Menschen, die ihn nicht verstehen und er möchte am liebsten in die Vergangenheit fliehen. Die Frau, den neuen fremden Ort und den verantwortungsvollen Beruf des Eichmeisters wünscht er sich fort. Daher ist es vielleicht nicht verwunderlich, wenn aus Roths Helden, der einst ein beherrschter, ordentlicher österreichischer Unteroffizier war, ein unberechenbar verliebter und toll saufender Mann wird. Schließlich entflieht er nämlich dieser ihn anödenden Welt und findet Zuflucht in der Grenzschenke, einem Ort an der österreichischen- russischen Grenze. Dort soll Eibenschütz all die Dinge kennenlernen, die ihm bis dahin fremd waren: die wahre Liebe, zumindest von seiner Seite her, die freie Lust am Leben, das unbändige Vergnügen, der Genuß am Alkohol. Und auch wenn gerade diese neue, anfangs ihm exotisch scheinende Welt Anselm Eibenschütz in den Abgrund zu zerren droht, so fühlt er sich dort weitaus wohler und vor allem heimischer.

1.1 Die Grenzschenke in Szwaby - ein Ort, an dem zunächst alles möglich scheint

Eibenschütz, der erfahren hatte, dass seine Frau das Kind eines anderen erwartet, hält es nicht mehr in seinem Haus aus und flüchtet sich in die Grenzschenke. „’Du weißt also alles?’ -‘Ja’, sagte er. ‘Du bist von ihm schwanger. Ich werde meine Maßregeln treffen’. Er stand sofort auf, zog den Mantel an und ging hinaus. Er spannte das Wägelchen ein und fuhr los, nach Szwaby [...]“.10 Diese Textstelle zeigt doch sehr deutlich, wie sehr sich Eibenschütz schon am Anfang mit dieser Schenke verbunden fühlt. Sobald sich Probleme auftun, flüchtet er, anstatt sich diesen zu stellen. Es ist auch mit Sicherheit kein Zufall, dass ausgerechnet die Grenzschenke das Ziel seiner Flucht ist. Vermutlich hätte der Eichmeister auch einen längeren Weg in Kauf genommen, um zu dem Ort zu kommen, von dem er sich Freiheit und Hoffnung verspricht. Denn die Schenke verkörpert für den biederen Anselm eine gewisse Weltoffenheit, etwas Exotisches: „Immer wenn der Eichmeister Eibenschütz das Wirtshaus in Szwaby betrat, gab es Wurst und Rettich und Met und Schnaps und gesalzene Erbsen. Der neunziggrädige Schnaps war gesetzlich verboten, dennoch trank ihn der Wachtmeister mit emsigem Genuß.“

11. Besonders die Anspielung auf den Wachtmeister, der sich doch gerade an die staatlichen Regeln zu halten hat und den Gesetzesverstoß zur Anzeige bringen müßte, verstärkt noch einmal den Eindruck, dass es in der Grenzschenke keine Grenzen zu geben scheint. Alles scheint hier möglich, die Menschen haben Spaß am Leben, es ist ein Ort zum Wohlfühlen - zunächst.

Auch wird ein starker Kontrast zu den Menschen in Zlotogrod deutlich, die nicht einmal von Herzen fröhlich sein können. An der Stelle, als nämlich der Frühling in das Land zieht und das Eis über dem Fluß zu tauen beginnt, wird nicht eine ausgelassene, von innen kommende Freude bei den Bürgern in Zlotogrod beschrieben, sondern: „Alle benahmen sich ausgelassen und töricht.“12. Verständlich also, dass Anselm Eibenschütz sich bei diesen Leuten nicht heimisch fühlen kann und nach einem Ort sucht, an dem Menschen verkehren, die ähnlich fühlen wie er. In der Schenke finden gerade Taugenichtse und Verbrecher Unterschlupf, ebenso Deserteure und andere nach der Heimat suchende Menschen. Wahrscheinlich ist auch genau das der Grund, warum Eibenschütz anfangs diesen Ort immer wieder aufsucht. Er trifft dort auf Individuen, die ebenso Suchende, ebenso Heimatlose sind, wie Anselm selbst: „Obwohl sie ungeheuerliche Mengen Tee und Schnaps tranken und große Handtücher um die Schultern gehängt bekommen hatten, um sich den Schweiß abzuwischen, machten sie dennoch den Eindruck von Frierenden - so heimatlos fühlten sie sich bereits, kaum eine Stunde entfernt von der Grenze ihrer Heimat.“13.

An dieser Stelle kann man schon die erste Grenze bestimmen, die das Haus in Szwaby in sich birgt: Sicherlich scheint die Schenke oberflächlich betrachtet für alles offen zu sein und für sämtliche Freiheiten zu stehen, doch eines ersetzt sie nicht, die Heimat. Es werden zwar dort an die Fremden Handtücher verteilt, und es gibt Tee und sicherlich ist es gemütlich warm. Aber dennoch machen die dort Verkehrenden den Eindruck von Frierenden, was wieder die eigentlichen Grenzen der Schenke verdeutlicht.

Zunächst fühlt sich der Fremde, wie auch der Eichmeister

Eibenschütz dort sicher und geborgen. Doch ist das Gefühl des Behütetseins nur von kurzer Dauer. Schon bald wird auch der Romanheld die bittere Erfahrung machen, dass die Grenzschenke nicht der Ort der unbegrenzten Möglichkeiten sein kann. Doch im Taumel der Liebe ist er zunächst blind und verwechselt daher wirkliche Heimatgefühle mit schmeichelnden Phantasien.

1.2 Euphemia und das leise Klingeln ihrer Ohrringe

Roths Held Anselm Eibenschütz erfährt in der Grenzschenke zum ersten Mal, was die wirkliche und wahre Liebe ist; er beginnt eine Frau derart zu begehren, dass ihm alles andere langsam egal wird. Euphemia, die Freundin Leibusch Jadlowkers, dem Besitzer der Schenke, läßt in Eibenschütz Phantasien aufkommen, wie er sie vorher nicht kannte. „Als sie auf ihn zutrat, war es ihm, als erführe er zum erstenmal, was ein Weib sei. Ihre tiefblauen Augen erinnerten ihn, der niemals das Meer gesehen hatte, an das Meer. [...] und ihr dunkelblaues, schwarzes Haar ließ ihn an südliche Nächte denken, die er niemals gesehen, von denen er vielleicht einmal gelesen oder gehört hatte.“14

Der sonst so beherrschte und monotone Eichmeister wirkt nun plötzlich farbig; er assoziiert mit Euphemia Dinge, die er noch nicht einmal erlebt hat. Auch längst verdrängte Begebenheiten drängen sich ihm durch ihre Erscheinung wieder auf: „[...], sagte sie - und es war wie die Stimme einer Nachtigall. In jungen Jahren, in den Wäldern rings um Nikolsburg hatte er sie manchmal gehört.“15. Der einst gezügelt wirkende Eibenschütz benimmt sich in Euphemias Nähe wie ein sich in der Pubertät befindender Knabe: „[...] und er wurde rot dabei, und er zwirbelte mit beiden Händen den Schnurrbart, als könnte er auf diese Weise seine plötzliche, lächerliche Röte verbergen.“16.

Das alles weist daraufhin, wie sehr sich Eibenschütz zu dieser Frau hingezogen fühlt, und der Leser ahnt bereits, dass der Eichmeister in einen Strudel gerät, aus dem er nicht mehr herausfinden kann und will: „Der Eichmeister war auch nur ein Mensch. Das leise Klingeln der Ohrringe Euphemias konnte er nicht loswerden. Manchmal hielt er sich die Ohren zu. Aber es klingelte ja drinnen, nicht draußen. Es war kaum noch auszuhalten.“17.

Die Kälte und das Unverständnis seiner Frau Regina vergißt der Eichmeister, wenn er bei Euphemia ist; überhaupt lebt er nur noch für sie. „Solang der Sommer dauerte, war Eibenschütz glücklich. Er erfuhr die Liebe und alle seligen Veränderungen, die sie einem Manne bereitet. Bieder und einfach, wie er war, mit etwas schwerfälligem Gemüt, erlebte er die erste Leidenschaft seines Lebens gründlich, ehrlich, mit allen Schauern, Schaudern, Seligkeiten. Nicht nur nachsichtig, auch nachlässig übte er in dieser Zeit seinen Dienst aus. [...] Was man bei Tage, ohne Euphemia tat, war ohne Belang.“18 Hier steht die Grenzschenke ganz eindeutig für den Beginn eines neuen Lebensabschnittes des Anselm Eibenschütz’. Er blüht auf, hat Freude und Genuß am Leben, wie er es vorher nicht kannte. Jedoch spielt sich wirklich alles in der Schenke ab, Eibenschütz ist nicht etwa in der Stadt oder einem anderen Ort mit Euphemia anzutreffen. Nicht weiter verwunderlich ist es daher, dass diese Romanze in dem Haus, in welchem sie begonnen hatte, auch ein Ende nehmen muß. Wie nachfolgend gezeigt wird, steht das Lokal in Szwaby auch hier wieder für eine Grenze im Leben des Eibenschütz’, nämlich für das Ende jener schönen Romanze mit Euphemia.

Die Grenzen der Schenke, in Bezug auf Eibenschütz’ Leben zeichnen sich immer deutlicher ab.

1.3 Das Ende der Liebe

Eibenschütz hat sich so sehr in die Liebe zu Euphemia gesteigert, dass er nicht akzeptieren kann, dass auf einmal alles vorbei sein soll: „Ja, damals begann das große Leiden des Eichmeisters Anselm Eibenschütz. ‘Du kannst nicht mehr hier wohnen bleiben’, sagte ihm eines Nachts Euphemia, ‘Sameschkin ist gekommen, du weißt!’ [...] ‘Sameschkin’, sagte sie, ’kommt jeden Winter. Ihm gehöre ich eigentlich.’“19. Dieses abrupte Ende der Liebe verkraftet Eibenschütz nicht. Zu groß ist der Schmerz, als der Eichmeister erkennt, dass die begehrte Euphemia ihn nur benutzt hat, um sich die Zeit zu vertreiben. Nun, da ein anderer des Weges kommt, dessen Geliebte sie schon länger war, läßt sie Anselm einfach fallen: „Sie wandte sich von ihm ab. Sie schlief sofort ein. Es war, als sei sie weit weggefahren, ohne Abschied.“20.

Sein Leben erscheint dem Eichmeister plötzlich völlig öde, er begreift nicht, wie alles so schnell vorbeigehen kann; er, der zum ersten Mal so tief und innig geliebt hat, sieht nun keinen Sinn mehr in der eigenen Existenz. „Er lag lange wach und sah den Mond durch die Luke und kam sich sinnlos und töricht vor. Sein ganzes Leben war sinnlos. Welch ein böser Gott hatte ihn zu Euphemia gebracht?“21 An dieser Stelle ist es angebracht, die Grenzschenke als einen Ort zu betrachten, an dem das, was irdisch und menschlich ist, irgendwann einmal vergeht beziehungsweise endet; so wie es ein Platz sein kann, an dem sämtliche Geschehnisse erst ihren Anfang nehmen. Das ist der normale Lauf der Welt, dieses Haus steht demnach für alles, was auf der Erde passiert und verkörpert damit Ende und Neubeginn in einem.

Die Schenke bietet dem Flüchtenden zunächst Halt und ein Gefühl der Geborgenheit. Sogar neue Entdeckungen hält sie für den bereit, der gierig nach Erfahrungen lechzt. Aber ebenso unmißverständlich offenbart sie dem ihre Grenzen, der sich zu tief in etwas hereinsteigert und nach dem Ewigen sucht. So Anselm Eibenschütz, der, hätte er sich eher von Euphemia getrennt, wahrscheinlich ein ganz anderes Dasein weiter führen würde. Nicht mehr der biedere und gehemmte Eichmeister wäre er gewesen. Viel weltoffener und abenteuerlicher hätte sein neuer Lebensweg sein können.

Eibenschütz aber, der wohl schon zu festgefahren war und auch eine sehr konservative Haltung hatte, läßt sich antriebslos in die Tiefe fallen, unfähig, dagegen anzukämpfen. Damit zerstört er sich schließlich restlos.

1.4 Eibenschütz als skrupelloser Eichmeister und Trinker

Aus dem einst so ehrgeizigen Anselm Eibenschütz ist ein verantwortungsloser Mensch geworden, der lieber trinkt und Karten spielt. Ebenso stört es ihn gar nicht, bei den Leuten zu verkehren, die mit falschen Gewichten handeln: „Sie hatten in Bloty nur einen Laden zu besuchen, den Milchhändler und Gastwirt Broczyner, aber sie blieben den ganzen Tag dort. Man fand bei Broczyner im ganzen fünf falsche Pfundgewichte. Man zeigte den Broczyner an. Man ging dann in das Wirtshaus, zum gleichen Broczyner.“22.

Eine tiefe Stumpfsinnigkeit macht sich bei Eibenschütz breit. Anselm verlor nicht nur die geliebte Euphemia, sondern auch seine Frau Regina, die an der Cholera starb. Ihr Tod ging ihm schon ziemlich nah, obwohl er diese Frau eher haßte denn liebte. So aber hat Eibenschütz gar niemanden mehr und ist noch einsamer als je zufuhr. Zwar hält er sich jeden Tag in der Grenzschenke auf, in der nach wie vor viele Menschen verkehren.

Doch mit der Gegenwart wird er nicht fertig und entwickelt sich zum heruntergekommenen Alkoholiker. „Er übertraf alle Trinker. Er wohnte wieder in der Grenzschenke in Szwaby, sein Haus in Zlotogrod verwaltete nur die Magd, und er kümmerte sich nicht darum, wie sie es verwaltete. Er konnte sich überhaupt um nichts mehr kümmern. Er trank.“23

Als Soldat war Anselm gewohnt, sich immer ordentlich zu reinigen, jetzt aber läßt er sich gehen: „Er, der zeit seines Lebens so fleißig darauf bedacht gewesen war, sein Aussehen zu pflegen, aus dienstlichen Gründen, die eigentlich bereits Gebote seiner Natur geworden waren, begann jetzt nachlässig zu werden, in der Haltung, im Gang, im Angesicht. [...] Es war ein ganz neuer, ein ganz veränderter Anselm Eibenschütz.“24.

Seinen tragischen Höhepunkt erreicht der Roman, als der Eichmeister von Leibusch Jadlowker, den er einst verhaftet hatte, ermordet wird. Hier steht die Grenzschenke speziell für das Ende von Eibenschütz: In diesem Haus entwickelt er sich zum starken Alkoholiker, und er wird von dem Mann umgebracht, dem die Schenke gehört, Jadlowker. Hier wage ich zu behaupten, dass Roth seinen Roman so konzipiert hat, dass die Grenzschenke nicht generell und für jeden den Abgrund bedeutet.

Für Sameschkin nämlich, der im Winter dahin kommt und ebenfalls der Geliebte Euphemias ist, stellt die Grenzschenke einen Neubeginn dar. Sameschkin spürt wohl, dass dieser Ort Unheilbringendes in sich birgt, und so geht er weg mit dem Ziel, nicht mehr zurückzukommen. „Vor seiner Abfahrt sagte er noch zu Euphemia: ‘Es ist eine wüste Sache, diese Grenze. Willst du mit mir fort für immer?’

[...] Es war ein großartiger Frühlingstag, an dem er wegzog. [...] Nie

mehr komme ich hierher, sagte er sich. Und es schien ihm, dass ihm die Lerchen und Frösche recht gaben.“25

2. Schluß

Die Symbolhaftigkeit der Grenzschenke in Roths Roman ist nicht als rein zufällig zu betrachten. Vielmehr sollte man davon ausgehen, dass der Autor bewußt den Ort an der österreichischen-russischen Grenze als Mittelpunkt für das Geschehen rund um die Figur Anselm Eibenschütz auswählte.

Es lassen sich drei bestimmte Grenzen definieren, welche die Schenke in Szwaby verkörpert:

1. Der Eichmeister hätte nicht weiter weg flüchten können, da hinter dem Haus ein anderes Land begann. So suchte sich Eibenschütz den Platz aus, der am weitesten von seiner eigenen Wohnung entfernt lag und fand dort vorerst das befriedigende Gefühl von Freiheit und Vergnügen.
2. Anselm lernte innerhalb dieser Schenke zum ersten Mal kennen, was es heißt, tief und innig zu lieben; damit begann ein neuer Lebensabschnitt für ihn - hier steht das Haus in Szwaby also nicht für das Ende, sondern für den Beginn. Das einstige Leben des Eibenschütz’ war vorbei, ein anderes fing an. Auch hier zeichnet sich die Grenze deutlich ab.
3. Außerdem wird die Endbarkeit des Individuums an sich gezeigt. Alles, was irdisch ist, geht einmal vorbei, egal ob das die Liebe ist oder das menschliche Leben selbst. Ewige Beständigkeit hat niemand und nichts.

Dagegen ist der Roman an der Stelle sehr beeindruckend und vielleicht auch etwas unglaubwürdig, als die Grenzschenke sogar der Cholera die Stirn bietet.

An diesem Ort, wo so viele Menschen verkehren und die hygienischen Bedingungen vermutlich nicht unbedingt zum Besten stehen, hätte die Cholera gerade wüten müssen. Dem ist aber nicht so: „Die Cholera verbreitete sich mit der Schnelligkeit eines Feuers. Von Hütte zu Hütte, von Dorf zum Marktflecken, von da ins nächste Dorf. [...] Unversehrt blieb auch die Grenzschenke in Szwaby, obwohl so viele Menschen dort ein- und ausgingen.“26.

Diese Schenke steht als Symbol für sämtliche Grenzen, an die jeder Mensch im Laufe seines Lebens stößt, um genau die dann zu überwinden.

3. Bibliographie

Primärliteratur

Roth, Joseph: Das falsche Gewicht. Die Geschichte eines Eichmeisters. Köln,1999.

Sekundärliteratur

Eggers, Frank Joachim: „ Ich bin ein Katholik mit jüdischem Gehirn. “

Modernitätskritik und Religion bei Joseph Roth und Franz Werfel. Beiträge zur Literatur und Literaturwissenschaft des 20. Jahrhunderts; Bd.13. Frankfurt am Main, 1996.

Dittberner, Hugo: Ü ber Joseph Roth. In: Arnold, Heinz Ludwig (Hrsg.): Joseph Roth. Sonderband ‘ Text und Kritik ’ . München, 1982. S. 23-31.

Kesten, Hermann: Der Schriftsteller Joseph Roth. In: Arnold,

Heinz Ludwig (Hrsg.): Joseph Roth. Sonderband ‘ Text und Kritik ’ . München, 1982. S. 7-9.

Zatons’kyj, Dmytro: Joseph Roth oder Das Problem der literarischen Heimat. In: Kraus, Wolfgang; Zatons’kyj, Dmytro (Hrsg.): Von Taras Sevcenko bis Joseph Roth. New Yorker Beiträge zur Österreichischen Literaturgeschichte; Bd. 4. Bern, 1995. S.115-125.

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1 Kesten, Hermann: Der Schriftsteller Joseph Roth. In: Arnold, Heinz Ludwig (Hrsg.): Joseph Roth. Sonderband ‘Text und Kritik’; München, 1982. S. 8.

2 Zatons’kyj, Dmytro: Joseph Roth oder Das Problem der literarischen Heimat. In: Kraus, Wolfgang; Zatons’kyj Dmytro (Hrsg.): Von Taras Sevcenko bis Joseph Roth. New Yorker Beiträge zur österreichischen Literaturgeschichte, Bd.4; Berlin, 1995. S. 116.

3 Dittberner, Hugo: Über Joseph Roth. In: Arnold, Heinz Ludwig (Hrsg.): Joseph Roth. Sonderband ‘Text und Kritik’. S. 28.

4 Roth, Joseph: Das falsche Gewicht. Köln, 1999. S. 10.

5 Ebenda.

6 Roth, Joseph: S. 11.

7 Roth, Joseph: S. 13.

8 Roth, Joseph: S. 15.

9 Roth, Joseph: S. 17.

10 Roth, Joseph: S. 27.

11 Roth, Joseph: S. 21.

12 Roth, Joseph: S. 13.

13 Roth, Joseph: S. 27.

14 Roth, Joseph: S. 29.

15 Roth, Joseph: S. 30.

16 Ebenda.

17 Roth, Joseph: S. 41.

18 Roth, Joseph: S. 63.

19 Roth, Joseph: S. 66.

20 Roth, Joseph: S. 67.

21 Ebenda.

22 Roth, Joseph: S. 69.

23 Roth, Joseph: S. 82.

24 Roth, Joseph: S. 82 und S. 83.

25 Roth, Joseph: S. 103.

26 Roth, Joseph: S. 74.

21 von 21 Seiten

Details

Titel
Roth, Joseph - Die Grenzschenke
Autor
Jahr
2001
Seiten
21
Katalognummer
V100847
Dateigröße
366 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Roth, Joseph, Grenzschenke
Arbeit zitieren
Edgar Frances (Autor), 2001, Roth, Joseph - Die Grenzschenke, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/100847

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