Untersuchung zum Zusammenhang von Kreativität und Schizotypie bei Jugendlichen


Seminararbeit, 2000

10 Seiten


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Zusammenfassung

Die vorliegende Untersuchung soll den Zusammenhang zwischen Kreativität und Schizotypie bei 16- bis 18jährigen Jugendlichen untersuchen. Dazu wurde eine Fragebogenerhebung an 92 Probanden durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen, dass der angenommene positive Zusammenhang zwischen beiden Konstrukten nicht bestätigt werden konnte.

Einleitung

Der Zusammenhang zwischen Kreativität und Schizotypie bei Jugendlichen

In der psychologischen Forschung dient der Begriff `Kreativität` vorwiegend zur Erfassung von spezifischen Persönlichkeitseigenschaften. Die Kreativitätsforschung blickt bereits auf eine recht beachtliche Tradition zurück und nahm ihren Anfang mit den Untersuchungen Galtons (1869, 1874, zit. nach Asanger und Wenninger, 1999), wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts fortgeführt und etablierte sich nach dem 2. Weltkrieg als eigenständige psychologische Kreativitätsforschung, zu der Guilfords klassischer Vortrag (1950) entscheidend beitrug. Es bildeten sich mehrere Forschungsansätze heraus, die nach Mooney (1954) und Rhodes (1961, zit. nach Asanger und Wenninger, 1999) vier Aspekte der Kreativität thematisieren (die sog. 4 "P"): das kreative Produkt, den kreativen Prozess, die kreative Persönlichkeit und die Umweltbedingungen für die Entstehung von Kreativität (Ulmann, 1968, 1973, zit. nach Asanger und Wenninger, 1999; Preiser, 1976, zit. nach Asanger und Wenninger, 1999). Es existiert keine genaue Definition der Kreativität, die Üblichste und den meisten Tests zur Erfassung zu Grunde liegende, lautet jedoch: " Die Kreativität ist das Auftreten ungewöhnlicher oder ungebräuchlicher, aber angemessener Reaktionen. Ein Hauptfaktor der Kreativität ist Originalität, obwohl die Angemessenheit des Handelns nicht immer erkannt wird. Dennoch liefert dieAngemessenheit das Kriterium, welches zwischen kreativen und unsinnigen Handlungen unterscheidet. In diesem Zusammenhang sollte auch der Begriff " Synthese " erwähnt werden, der die Fähigkeit beschreibt, Verbindungen zu knüpfen, welche die Beobachtungen und Vorstellungen auf neue Art und Weise zusammenbringen.

Der Begriff `Schizotypie` hat bereits eine längere Geschichte und geht auf Rado (1953) zurück. Er bezeichnete Schizotypie als schizophrenen Genotyp, und nach seiner Auffassung müssen Menschen mit diesem Genotyp im späteren Leben nicht zwingend an einer klinisch bedeutsamen Schizophrenie erkranken, aber können dennoch psychodynamisch auffällige Persönlichkeitsmerkmale zeigen. Ein Hauptmerkmal der schizotypischen Persönlichkeitsstörung ist ein tiefgreifendes Muster sozialer und zwischenmenschlicher Defizite, das durch akutes Unbehagen in und mangelnde Fähigkeit zu engen Beziehungen sowie durch Verzerrungen des Denkens und Wahrnehmens und eigentümliches Verhalten gekennzeichnet ist. Die Störung beginnt im frühen Erwachsenenalter (Adoleszenz). Nach dem DSMIV gibt es neun diagnostische Kriterien, von denen mindestens fünf auftreten müssen, um Schizotypie festzustellen. Ein prominenter Ansatz der Kreativitätsforschung ist der Assoziationsansatz von Mednick (1962). Danach verfügen kreative Menschen über flachere Assoziationshierarchien und können weiter auseinander liegende Assoziationen herstellen- ebenfalls ein Merkmal der Schizotypie.

Ziel unserer Studie war es deshalb, unsere Hypothese, daß Kreativität und Schizotypie in einem positiven Zusammenhang stehen, zu überprüfen.

Methode

Untersuchungsstichprobe und Durchführung

An der Untersuchung nahmen insgesamt 92 Probanden (67 Frauen, 25 Männer) im Durchschnittsalter von 16.5 Jahren (SD = .69, 15 bis 19 Jahre) teil. Die Datenerhebung fand in der Landesschule Pforta in Schulpforte, Sachsen-Anhalt statt. Die Probanden wurden durch Lehrkräfte angesprochen, ein Fragebogen wurde ausgehändigt. Der ausgefüllte Fragebogen wurde dann von selbigen eingesammelt; die Rücklaufquote betrug ca. 65%.

Untersuchungsinstrument

Der verwendete Fragebogen enthielt demographische Fragen, wie nach dem Alter, Geschlecht, besuchtem Schultyp sowie nach ausgeübten Hobbys, den Schizotypal Personality Questionnaire- Brief (SPQ-B; Raine und Benishay, 1995), den Schizotypal Traits Questionnaire for Young Adolescents (JSS; DiDuca und Joseph, 1999), die Creative Personality Scale (CPS; Gough, 1979) und Verfahren zur Kreativitätseinschätzung basierend auf der Consensual Assessment Technique (CAT; Amabile, 1988).

Der SPQ- B (22 Items) ist die Kurzform des Schizotypal Personality Questionnaire mit 74 Items (SPQ; Raine, 1991). Dieser ist geeignet zur Diagnose einer schizotypischen Persönlichkeitsstörung im klinischen Bereich sowie zur Erfassung schizotypischer Merkmale in der Gesamtpopulation und besteht aus drei Subskalen. Die interne Konsistenz der Gesamtskala bträgt a= .82. Die drei Subskalen repräsentieren die Hauptmerkmale einer schizotypischen Persönlichkeitsstörung . Dies sind zum einen Desorganisation mit sechs Items (ungewöhnliche Sprechweise und ungewöhnliches Verhalten; interne Konsistenz: a= .69), interpersonelle Defizite mit acht Items (paranoides Denken, soziale Ängstlichkeit und keine engen Freundschaften; interne Konsistenz: a= .80), sowie kognitiv- perzeptive Defizite mit acht Items (magisches Denken und ungewöhnliche Wahrnehmungen; interne Konsistenz: a= .62).

Auf Grund einer besseren Faktorenstruktur nutzten wir den revidierten JSS mit 50 Items von DiDuca und Joseph (1999) (interne Konsistenz der Gesamtskala: a= .72), welcher sich aus dem von Rawlings und McFarlane (1994) entwickelten Verfahren zur Messung schizotypischer Merkmale bei Jugendlichen ableitete. Die 50 Items setzten sich aus fünf Subskalen a zehn Items zusammen: kognitive Merkmale der Schizotypie (interne Konsistenz: a= .59), Wahrnehmungsmerkmale der Schizotypie (interne Konsistenz: a= .74), soziale Merkmale der Schizotypie (interne Konsistenz: a= .61), impulsive Nonkonformität (interne Konsistenz: a= .52) und physische Anhedonie (interne Konsistenz: a= .59).

Zur Messung des kreativen Potentials wird die CPS genutzt, welche Bestandteil der Adjective Check List (ACL; Gough und Heilbrun, 1965) ist (interne Konsistenz: a= .64). Signifikant hohe Werte dieser Skala deuten auf begabte, unternehmungslustige und zu schnellen Reaktionen fähige, interessierte, kognitiv begabte und ideenreiche Personen hin. Niedrige Werte dagegen deuten auf Eigenschaften hin wie weniger expressiv, konservativ, eher ruhig und weniger daran interessiert, in schwierigen und komplexen Situationen in Aktion zu treten .

Zur Erfassung des Ausmaßes der Kreativität der einzelnen Probanden wurde das selbstentwickelte Verfahren, welches sich stark an die Consensual Assessment Technique (CAT; Amabile, 1982) anlehnt, genutzt. Das Konstrukt Kreativität wurde dann als kreativ eingeschätzt, wenn die Beobachter in ihrer Einschätzung diesbezüglich übereinstimmten. In unserer Studie sollten dazu die Gymnasiasten zu zwei Cartoons Bilduntertitel erstellen, ähnlich wie bei Amabile (1983) und Werlen (1996). Die Anweisung für die Probanden lautete wie folgt: " Bitte denke Dir zu den untenstehenden Zeichnungen jeweils eine kurze, kreative und witzige Unterschrift aus. Es stehen Dir hierzu einige freie Linien zur Verfügung.

Lasse Deiner Phantasie und Kreativität freien Lauf, und bitte schreibe die Texte ohne Hilfe anderer. " Die Cartoons entnahmen wir der Zeitschrift "Eulenspiegel, das Monatsmagazin für Satire und Humor". Die Einschätzung des kreativen Produktes erfolgte durch sieben Psychologiestudenten im Grundstudium. Die Interraterreliabilität beträgt bei Bildunterschrift A a= .68, bei Bildunterschrift B a= .71. Die Bewertungen zu Bild A und B korrelieren mit r = .62.

Ergebnisse

Zusammenhang Kreativitätsmaße/ JSS

Es wurden Korrelationen zwischen den Kreativitätsmaßen (CPS, CAT) und dem Schizotypal Traits Questionnaire for Young Adolescents (JSS; DiDuca und Joseph, 1999) mit den fünf Subskalen berechnet. Wie Tabelle 1 zu entnehmen ist, zeigt sich lediglich ein signifikant negativer Zusammenhang zwischen der Subskala ´soziale Merkmale der Schizotypie´ und der CPS.

Tabelle 1: Korrelationen Kreativitätsmaße und JSS

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anmerkungen:

p < .05

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Zusammenhang Kreativitätsmaße/ SPQ-B

Es wurden Korrelationen zwischen den Kreativitätsmaßen (CPS, CAT) und dem Schizotypal Personality Questionnaire- Brief (SPQ-B; Raine und Benishay, 1995) mit den drei Subskalen berechnet. Wie Tabelle 2 zu entnehmen ist, zeigt sich lediglich ein signifikant negativer Zusammenhang zwischen der Subskala ´interpersonelle Defizite´ und der CPS.

Tabelle 2: Korrelationen Kreativitätsmaße und SPQ-B

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anmerkungen:

p < .05

** p < .01

*** p < .001

Diskussion

Die vorliegende Untersuchung setzte sich zum Ziel, den angenommenen Zusammenhang zwischen Kreativität und Schizotypie bei Jugendlichen anhand einer Stichprobe von 16- 18jährigen Gymnasiasten der Landesschule Pforta zu überprüfen. Hierzu wurde eine Erhebung mittels Fragebogen durchgeführt. Insgesamt verfügen die verwendeten Instrumente über zufriedenstellende psychometrische Kennwerte. Kritisch ist hierbei allerdings der äußerst geringe Zusammenhang zwischen den Kreativiätsmaßen CAT und CPS zu bewerten.

Die aufgestellten Hypothesen, daß Kreativität und Schizotypie positiv zusammenhängen, konnten durch die Stichprobe nicht bestätigt werden. Im Gegenteil zeigte sich konsistent ein signifikant negativer Zusammenhang zwischen den Subskalen ´soziale Merkmale der Schizotypie´ des SPQ-B und interpersonelle Defizite des JSS mit der CPS.

Die Ergebnisse der Untersuchung lassen sich darauf zurückführen, daß die Probanden den vorliegenden Fragebogen unter Umständen weniger sorgfältig bearbeiten konnten, da zum Zeitpunkt der Untersuchung in der Landesschule Pforta ein mehrtägiges Schulfest stattfand, welches einen Großteil der freien Zeit der Schüler beanspruchte. Der Untersuchungszeitpunkt war daher ungünstig.

Aufgrund des Internatslebens ist anzuzweifeln, dass die Probanden den Fragebogen eigenständig, ohne Austausch mit ihren Internatsfreunden, ausgefüllt haben.

Ein weiterer entscheidender Kritikpunkt für die Ergebnisse der Studie ist die Stichprobengröße mit 92 Probanden und deren unausgewogenes Geschlechterverhältnis.

Insgesamt leistet die vorliegende Studie einen Beitrag dergestalt, daß eine bisher noch nicht zum Zusammenhang zwischen Kreatinität und Schizotypie untersuchte Altersgruppe von Probanden rekrutiert werden konnte.

Literatur

Amabile, T. M. (1982). Social psychology of creativity: A consensual assessment technique.Journal of Personality and Social Psychology, 43,997-1013.

Asanger, R. & Wenninger, G. (1999). Handwörterbuch Psychologie. Weinheim: Beltz PVU.

Claridge, G. (1997).Schizotypy Implications for illness and health.Oxford: Oxford University Press

DiDuca, D. & Joseph, S. (1999). Assessing schizotypal traits in 13-18 year olds: revising the JSS.Personality and Individual Differences, 27,673-682.

American Psychiatric Association APA (1994).Diagnostic and statistical manual ofmental disorders, DSM-IV .Washington: American Psychiatric Association.

Eysenck, H. J. (1993). Creativity and personality: Suggestions for a theory.Psychological Inquiry, 4,147-178.

Fiedler, P. (1995).Persönlichkeitsstörungen. Weinheim: Beltz PVU.

Formann, A. K. & Piswanger, K. (1979).Wiener Matrizen-Test. Weinheim: Beltz Test Gesellschaft.

Gough, H. G. (1979). A Creative Personality Scale for the Adjective Check List.Journal of Personality and Social Psychology, 37,1398-1405.

Guilford, J. P. (1950). Creativity.American Psychologist,5, 444-454.

Mednick, S. A. (1962). The associative basis of the creative process.PsychologicalReview, 69,220-232.

Mooney, R. L. (1954). Groundwork for creative research. American Psychologist, 9, 544-548.

Rado, S. (1953). Dynamics and classification of disordered behavior.American Journal of Psychiatry, 110, 406-426.

Raine, A. & Benishay, D. (1995). The SPQ-B: A brief screening instrument for schizotypal personality disorder.Journal of Personality Disorders, 9, 355-356.

Schuldberg, D. (1990). Schizotypal and Hypomanic Traits, Creativity, and Psychological Health.Creativity Research Journal, 3,218-230.

Zimbardo, P. G. (1992).Psychologie.Berlin: Springer.

10 von 10 Seiten

Details

Titel
Untersuchung zum Zusammenhang von Kreativität und Schizotypie bei Jugendlichen
Autor
Jahr
2000
Seiten
10
Katalognummer
V100875
Dateigröße
363 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Untersuchung, Zusammenhang, Kreativität, Schizotypie, Jugendlichen
Arbeit zitieren
Paul Sebastian Hesse (Autor), 2000, Untersuchung zum Zusammenhang von Kreativität und Schizotypie bei Jugendlichen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/100875

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