Die aktuelle Bedeutung der dialogischen Ethik am Beispiel des Falls Nestlé


Seminararbeit, 2002
19 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Gliederung

1. Einführung

2. Ethikbewusste Unternehmensführung
2.1. Stakeholder statt Shareholder
2.2. Moderne Unternehmensethik
2.3. Ethikmaßnahmen

3. Der Fall Nestlé
3.1. Hintergrund
3.2. Rekonstruktion des Falles
3.2.1. Der Konflikt als erste Phase
3.2.2. Der Kompromiss als zweite Phase
3.2.3. Der Konsens als dritte Phase
3.3. Die Strategien des Managements

4. Welche Bedeutung hat heute die dialogische Ethik im Konzern Nestlé?

5. Schlussbetrachtung

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einführung

In Zeiten der Globalisierung werden Unternehmen Tag für Tag mit mehr oder weniger wichtigen Problemen konfrontiert, um ihre Position am Markt zu festigen bzw. zu verbessern. Dabei stehen „unternehmenspolitische Entscheidungen immer öfter im Brennpunkt öffentlicher Wert- und Interessenkonflikte“.[1] Ethische Aspekte werden in vielen Unternehmen berücksichtigt, ob es nun Umweltmaßnahmen betrifft oder es um die Sicherheit am Arbeitsplatz geht. Gerade weil der Öffentlichkeit in der heutigen Zeit kaum eine Tatsache entgeht, die der Gesellschaft schadet, ist es auch die Aufgabe des Managements, die Entscheidungen mit den betreffenden Gruppen abzustimmen und sich mit ihnen zu verständigen. Findet ein Dialog zwischen beiden Seiten nicht statt und ignoriert eine Seite die andere, bilden sich schnell gegnerische Gruppen, die mit Hilfe der Presse Aufmerksamkeit erlangen. Denken wir nur an die Atomtransporte nach Gorleben: Dann haben wir alle die Bilder der Bauern mit ihren Traktoren vor den Augen, die mobilisierten Massen, die sich mit der Polizei auseinander setzen oder wer kennt nicht die Jugendlichen, die sich mit Hilfe der Aktivistengruppe Robin Wood ins Gleisbett einbetonierten. Damals sind Politiker in das Gebiet gefahren und haben das Gespräch mit den Protestierenden gesucht. Noch sensibler reagiert die Öffentlichkeit, wenn es um schnellen Profit im Nahrungsmittelbereich geht. Landwirte, die ihrem Vieh unerlaubte Präparate für besseres Fleisch geben, stehen bei Aufdeckung sofort im Mittelpunkt der Kritik.

Ein modernes Management beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Wertfragen und

sieht ihr Handeln nicht nur rein betriebswirtschaftlich.[2] Folglich muß sich vor dem Abschied einer Unternehmensstrategie selbstkritisch gefragt werden, ob das Ziel neben dem Prinzip der Gewinnmaximierung auch unter Beachtung ethischer Grundsätze erfolgen kann. Auf dem Weltwirtschaftsforum am 28.1.2001 in Davos, Schweiz, formulierte Kofi Annan treffend: „Companies are learning that as markets have gone global, so, too, must the concept and practise of corporate social responsibility. And they are discovering that doing the right thing at the end of the day, is actually good for business.”[3]

Anhand eines Global Players wie dem Konzern Nestlé ist aber zu erkennen, wie schwierig eine ethikbewusste Unternehmensführung ist. Der Konzern trifft Entscheidungen und wendet Strategien an, die dann gleichzeitig auch für alle Tochtergesellschaften egal an welchem Standort der Welt gelten. Die Frage, die sich stellt, ist, ob die getroffenen Maßnahmen mehr die Interessen des Konzerns als irgendwelche nationalen Interessen verfolgen? Pierre Harrisson spricht von einer „Supra-Nationalität“ oder auch einer „Transnationalität“, die sich die großen Unternehmen geschaffen haben. Die daraus resultierende „größere Mobilität des Kapitals, die Verhandlungsmacht und die vielfachen Ansiedlungen ermöglichen es den Konzernen, den engen Rahmen eines Nationalstaates zu sprengen.“[4] Seit Anfang der 70er Jahre stand Nestlé bezüglich seiner Unternehmensaktivitäten in der Dritten Welt in den Schlagzeilen. Anfangs wurden die Kritiker ignoriert, später mit machtpolitischen Instrumenten bekämpft. Doch Strafprozesse, manipulierte Berichte in der Tagespresse oder andere Ablenkungsmanöver brachten keinen Erfolg. Erst durch den Dialog beider Seiten entspannte sich der Konflikt.

Bevor ich auf den Fall Nestlé und den schwierigen Weg zum Dialog eingehe, möchte ich auf die Beiträge des Instituts für Wirtschaftsethik der Universität St.Gallen unter der Leitung von Prof. Dr. Ulrich eingehen. Zunächst möchte ich eine These aufnehmen, wie er Unternehmensethik verstehen will. Anschließend möchte ich nach den Schwächen dieser Sicht suchen, um im dritten Teil Maßnahmen zur Umsetzung zu beschreiben.

Am Ende meiner Ausführungen sollen dann die Zusammenhänge zwischen den Beiträgen Ulrichs und dem Fall Nestlé zu dem Ergebnis führen, ob und in wie weit die aktuelle dialogische Ethik von Bedeutung ist für den Konzern.

2.Ethikbewusste Unternehmensführung

2.1. Stakeholder statt Shareholder

Anhand einer von fünf Thesen beschreibt Ulrich, wie Unternehmensethik zu verstehen ist: „Unternehmerische Verantwortung ist dialogisch wahrzunehmen und bedeutet, allen vom unternehmerischen Handeln Betroffenen Rede und Antwort zu stehen“.[5] Dies beinhaltet, dass der Unternehmer bereit sein muß, sich im Vorfeld kritisch mit seinen Vorhaben auseinander zu setzen. Die Folgen seiner Entscheidung haben Auswirkungen für die Öffentlichkeit. Folglich trägt er Verantwortung. Er muß in der Lage sein, Fragen zu beantworten und sein Handeln zu rechtfertigen. Es führt zu einer Kommunikation zwischen verschiedenen Interessengruppen und dem Unternehmen. Die unterschiedlichen Gesichtspunkte werden bei den unternehmenspolitischen Entscheidungen berücksichtigt. Dafür steht neudeutsch der Begriff des Stakeholder Ansatzes: Es ist ein „Konzept, nach dem die Unternehmensführung nicht nur die Interessen der Anteilseigner (Shareholder), sondern aller Anspruchsgruppen, ohne deren Unterstützung das Unternehmen nicht überlebensfähig wäre, zu berücksichtigen hat.“ Weiter heißt es:“ Aufgabe der Unternehmensleitung ist es, zwischen den unterschiedlichen Gruppen zu vermitteln, [...]“[6] Aus ethischer Sicht ist es daher wichtig, seine unternehmerischen Maßnahmen so auszurichten, dass alle Gruppen zufriedenstellend berücksichtigt werden. Sicherlich führt dies allerdings auch zu Problemen bei der Durchsetzbarkeit. In der heutigen Gesellschaft kann nicht jeder allen Ansprüchen gerecht werden. Es wird immer jemanden geben, der sich in einer Form benachteiligt fühlt. Es wird immer Gruppen geben, deren Vorstellungen nicht genüge getan werden kann. Radikale Gruppen, die ewig auf ihrem Standpunkt beharren, werden es schwer haben, an einem Dialog teilzunehmen. Es ist wichtig, die Kommunikation mit solchen Gruppen aufzunehmen, die der anderen Seite eine faire Chance geben. Umgekehrt bedeutet es für einen Unternehmer, den vermeintlich kapitalistisch schwächeren Gegenüber zu akzeptieren und ihn als gleichwertig anzusehen. Kommunikative Unternehmensethik heißt also das Stichwort. Hierzu stellt Ulrich zusammenfassend fest, dass „sich der aus öffentlich relevanten unternehmerischen Handlung resultierenden, ebenso öffentlichen Ver- antwort -ungspflicht im wörtlichen Sinne zu stellen und gute Gründe für die unternehmerischen Pläne vorzubringen.“[7] Eine Unternehmenspolitik, die nicht die Akzeptanz in der Öffentlichkeit besitzt, wird folglich scheitern.

2.2. Moderne Unternehmensethik

Blicken wir einmal in die Vergangenheit, so werden wir feststellen, dass es ethische Grundsätze wie sie heute existieren im Unternehmen nicht gegeben hat. Milton Friedman, der Nobelpreisträger der Ökonomik, drückte es 1973 so aus:“ The social responsibility of business is to increase its profits.“[8] Von einer Verantwortungspflicht gegenüber öffentlichen Interessen war nicht die Rede. Fragt sich nur, warum sich irgendwann der Wandel vollzogen hat? Wollte keiner den Anfang machen oder hatten die Entscheidungsträger einfach kein Moralverständnis? Skeptische Stimmen sind durchaus anzuerkennen. Tätigt ein Unternehmen z.B. Investitionen zum Schutz der Umwelt, so wird es in dem Fall einen Wettbewerbsnachteil erfahren, wenn der Konkurrent nicht mitzieht und sein Kapital ausschließlich in den Produktionsbereich steckt und in technische Fortschritte investiert. Jedes Management hat seine eigenen Wertvorstellungen. Sie spiegeln nur nicht einen geeigneten Ansatzpunkt einer allgemein anerkannten Unternehmensethik wieder. In dem täglichen Wirtschaftsleben kann niemand genau die Folgen seiner Unternehmenspolitik voraussagen. Sie sind schließlich abhängig von mehreren Wirtschaftssubjekten. Wovon es letztendlich abhängt, moralisch einwandfrei zu handeln, ist schwer zu sagen. Betrachtet man einmal den spieltheoretischen Ansatz, dann besitzt in Situationen wechselseitiger strategischer Abhängigkeiten ein bad guy die Möglichkeit, durch unmoralisches Handeln sich Vorteile gegenüber den good guys zu verschaffen.[9] Unmoralisches Handeln wird folglich prämiert, während moralisches Handeln bestraft wird. Der Moralische ist auch der Dumme. Wer sich aber im harten Wettbewerb profilieren will, kann sich so etwas nicht erlauben. Wie oft hört man von Bestechungsaffären, Schwarzen Koffern oder netten Präsenten. Diese skeptischen Stimmen sollen durch das Verständnis einer modernen Unternehmensethik eingeschränkt werden. Neben der Tugendethik untersucht die moderne Unternehmensethik die Gestaltung der Anreiz- und Kontrollmechanismen moralischen Verhaltens. Derjenige, der moralisch handeln will, soll dazu die Möglichkeit auch besitzen, ohne am Ende der Dumme zu sein. Wie lässt sich so etwas regeln? Grundsätzlich legt der Staat mit der Gesetzgebung die Rahmenbedingungen fest. Hierin spiegeln sich die allgemeinen Interessen der Gesellschaft wieder. Ebenso strukturiert der Markt die Möglichkeiten der Unternehmenspolitik. Es kommt entscheidend auf die Konjunktur an, wie die Akteure der Wirtschaft die moralischen Grundsätze verstehen.[10] In unsicheren Zeiten wird bedeutender sein, die Mittel so einzusetzen, dass dem Wettbewerb stand gehalten werden kann, während bei guter Auftragslage Investitionen getätigt werden können, die nicht unbedingt dem Prinzip der Gewinnmaximierung folgen. Letztendlich trägt aber das Unternehmen selber die Verantwortung ihres Wirtschaftens unter den genannten Umwelteinflüssen. Aufgrund der entstehenden Konflikte zwischen der reinen Verfolgung des Gewinnsziels und den moralischen Aufgaben, beschäftigen sich heute Unternehmen mit dem Thema Ethik.

2.3. Ethikmaßnahmen

Wie beziehen Unternehmen das Thema Ethik in ihre Geschäftspolitik mit ein? Sie treffen verschiedene Ethikmaßnahmen, die grundsätzlich das unternehmerische Entscheiden und Handeln auf allen Ebenen und in allen Situationen berücksichtigen. Andersherum schließen Ethikmaßnahmen im Vorfeld aber auch schon Vorhaben aus. Diese selber von der Geschäftsleitung festgelegten ethischen Grundsätze signalisieren, dass das Gewinnstreben nur unter Einhaltung der selbst vorgegeben Grenzen erfolgt.

Ulrich/Lumann/Weber erläutern Ethikmaßnahmen so: Sie „dienen sowohl der kommunikativen Einschränkung und argumentativen Verflüssigung bestimmter Entscheidungsprozesse in ethischer Absicht als auch der Erarbeitung und Umsetzung von Grundsätzen für die ethisch begründete Handlungsorientierung aller Unternehmensangehörigen.“[11] Am häufigsten eingesetzt in Unternehmen ist ein Ethik-Kodex. In diesem sind die unternehmensspezifischen Grundsätze festgelegt. Er beschreibt die Unternehmensphilosophie. Bevor ein Mitarbeiter eingestellt wird, wird er mit seiner Unterschrift bestätigen müssen, sich an diese Grundsätze zu halten. Es handelt sich hier um eine Selbstbindung des Unternehmens. Hält man sich nicht an diesen Kodex, wird es von staatlicher Seite, sofern es gleichzeitig nicht ein Verstoß gegen geltendes Gesetz ist, keine Strafe erwarten müssen. Es wird aber bestimmt zu Unmutsäußerungen aus den eigenen Reihen oder aus der Öffentlichkeit kommen, denen sich die Entscheidungsträger nicht entziehen können. Es wird folglich zu einem Dialog kommen, in dem die ethisch relevanten Fragen geklärt werden müssen. Diese kritische Reflexion ist es, die den Ethik-Kodex als eine geeignete Ethikmaßnahme ausmacht. Vergleichbar zu einem Ethik-Kodex einer Unternehmung ist der Branchenkodex, eine als allgemein anerkannte Selbstbindung einer ganzen Branchenvereinigung. Teilweise werden zusätzlich zu den Ethik-Kodizes eigene Ethik-Kommissionen gebildet. Solch ein Gremium hat die Aufgabe, sich mit ethisch zu bedenkenden Plänen auseinander zu setzen und das Management zu beraten. Es stellt somit eine Art Dialogforum dar.[12] Es nimmt an der Entscheidungsplanung teil, so dass nicht Entscheidungen einsam getroffen werden können.

[...]


[1] Ulrich, P. und Wieland, J., Unternehmensethik in der Praxis: Impulse aus den USA, Deutschland und der Schweiz, 1998, S.15.

[2] Vgl. Ulrich, P. und Wieland, J., (FN 1).

[3] Homepage der IBFAN: Breaking the Rules Stretching the Rules, S.5

www.ibfan.org/english/codewatch/btr01/MAIN-en.HTM (8.Mär.2002).

[4] Harrisson, P., Das Imperium Nestlé, 1988, S.17.

[5] Ulrich, P. und Wieland, J., Unternehmensethik in der Praxis: Impulse aus den USA, Deutschland und der Schweiz, 1998, S.25.

[6] „Stakeholder-Ansatz“, Gablers Wirtschaftslexikon (Bd.7; 15.Auflage), Wiesbaden 2000 (Gabler), S. 2878.

[7] Ulrich, P. und Wieland, J., Unternehmensethik in der Praxis: Impulse aus den USA, Deutschland

und der Schweiz, 1998, S.26.

[8] Ulrich, P. und Wieland, J., Unternehmensethik in der Praxis: Impulse aus den USA, Deutschland und der Schweiz, 1998, S.30.

[9] Vgl. Ulrich, P. und Wieland, J., Unternehmensethik in der Praxis: Impulse aus den USA, Deutschland und der Schweiz, 1998, S.32.

[10] Vgl. Ulrich, P. und Wieland, J., Unternehmensethik in der Praxis: Impulse aus den USA, Deutschland und der Schweiz, 1998, S.33.

[11] Vgl. Ulrich, P. und Wieland, J., Unternehmensethik in der Praxis: Impulse aus den USA, Deutschland und der Schweiz, 1998, S.139.

[12] Vgl. Ulrich, P. und Wieland, J., Unternehmensethik in der Praxis: Impulse aus den USA, Deutschland und der Schweiz, 1998, S.144.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die aktuelle Bedeutung der dialogischen Ethik am Beispiel des Falls Nestlé
Hochschule
Universität Osnabrück  (Internationale Wirtschaft und Globales Management)
Veranstaltung
Wirtschaftsethik
Note
2,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
19
Katalognummer
V10093
ISBN (eBook)
9783638166270
ISBN (Buch)
9783638787314
Dateigröße
399 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bedeutung, Ethik, Beispiel, Falls, Nestlé, Wirtschaftsethik
Arbeit zitieren
Torben Plogmann (Autor), 2002, Die aktuelle Bedeutung der dialogischen Ethik am Beispiel des Falls Nestlé, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/10093

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