Die systemische Therapie beschäftigt sich schon länger mit der Frage, ob sich bei Essstörungen um einen „Austragungsort“ für Schwierigkeiten in der Familie handeln könnte. Handelt es sich bei der Binge Eating Störung um Sehnsucht nach mehr Liebe und Anerkennung? Was sind weitere Risikofaktoren für die BES aus systemischer Sicht und wie ist die Verteilung dieser Risikofaktoren in der Bevölkerung? Neben der Magersucht und der Ess-Brech-Sucht wird immer mehr die Binge Eating Störung (BES) diagnostiziert. Während Magersüchtige nur noch wenig essen und bei der Ess-Brech-Sucht die Betroffenen unter Essanfällen und anschließendem Erbrechen oder Abführen leiden, werden von der Binge Eating Störung betroffene Personen von akuten „Fressanfällen“ gequält. Das englische Verb „binge“ bedeutet unter anderem „sich vollstopfen“. Korreliert diese Übersetzung stärker mit der Ursache der Störung als viele annehmen? Möchten Betroffene mit den „Essanfällen“ nur ein „inneres Loch“ stopfen?
Entweder zu dick oder zu dünn – noch nie gab es so viel Probleme mit dem Gewicht wie heutzutage, obwohl wir ein Überangebot an Nahrungsmitteln haben und über ein erforderliches Grundwissen gesunder Ernährung verfügen. Dass Essstörungen mit einem übertriebenen Schönheitsideal zusammenhängen würden, hören und sehen wir oft. Doch liegt das Problem eventuell tiefer?
Essstörungen zählen zu den häufigsten chronischen psychischen Störungen im Erwachsenenalter und die Zahl der daran leidenden Menschen wächst stetig. Mädchen beziehungsweise Frauen sind dabei über alle Essstörungen hinweg häufiger betroffen als Jungen beziehungsweise Männer. Meist erkranken junge Menschen an Essstörungen. Aber auch Menschen im mittleren oder höheren Lebensalter können an einer Essstörung erkranken. Oftmals tritt eine Essstörung nicht allein, sondern vielmehr als Mischform auf. Die Einflüsse, die zur Entstehung beitragen und auch die daraus resultierenden Folgen sind vielfältig. Überdies kann beobachtet werden, dass Essstörungen kulturabhängig sind. Ein Lebensmittelüberschuss und eine intensive Auseinandersetzung mit Essen scheinen eine Voraussetzung zu sein.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Hinführung zur Thematik und Forschungsfrage
1.2 Aufbau und Ziel der Arbeit
2. Grundlagen und Definitionen
2.1 Binge Eating Störung
2.2 Störungsbild und Klassifikation
2.3 Epidemiologie
2.3.1 Prävalenz
2.3.2 Verlauf
2.4 Ätiologie der Binge Eating Störung aus systemischer Sicht
2.4.1 Systemische Therapie
2.4.2 Beziehungsmuster
3. Methodischer Teil
3.1 Strukturbaum
3.1.1 Dimension Eins: Familie
3.1.2 Dimension Zwei: andere soziale Systeme
3.2 Halbstrukturiertes Interview
3.3 Untersuchung in der Praxis
3.3.1 Vorbereitung
3.3.2 Kontaktaufnahme
3.3.3 Durchführung
3.3.4 Analyse
3.3.5 Auswertung
4. Diskussion
4.1 Herausforderungen wissenschaftlicher Erhebungen
4.1.1 Objektivität
4.1.2 Reliabilität
4.1.3 Validität
4.2 Systemische Konzepte in Bezug auf die BES
4.2.1 Problemsystem
4.2.2 Lebensproblem
4.3 Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Binge Eating Störung (BES) aus einer systemischen Perspektive, um die Risikofaktoren im sozialen Kontext besser zu verstehen. Das primäre Ziel ist es, ein besseres Verständnis für die familiären und sozialen Beziehungsmuster zu erlangen, die zur Entstehung der Störung beitragen, um daraus mögliche Präventionsansätze abzuleiten.
- Epidemiologie und Klassifikation der Binge Eating Störung
- Systemische Ätiologie und Einfluss von Beziehungsmustern
- Entwicklung eines Strukturbaums zur Identifikation von Risikofaktoren
- Konzeption eines halbstrukturierten Interviewleitfadens
- Reflektion systemischer Konzepte wie "Problemsystem" und "Lebensproblem"
Auszug aus dem Buch
2.4.2 Beziehungsmuster
Diverse klinische Beobachtungen belegen verschiedenartige familiäre und soziale Einflüsse auf das Essverhalten und die Einstellung zum eigenen Körper. Interessante Befunde sind beispielsweise „eine gestörte Einstellung zum Essen in der Generation der Mütter. Diese wird anscheinend oft an die Töchter weitergegeben und korreliert deutlich miteinander.“ Überdies wurde festgestellt, dass „die Differenz zwischen der Selbsteinschätzung von Töchtern hinsichtlich ihrer Attraktivität und der diesbezüglichen Einschätzung der Mütter bei Essgestörten signifikant höher ist.“ Wird von den Müttern Essen als Mittel gegen Langeweile und negative Gefühle eingesetzt, wird die Störung gefördert. Ebenso die Überzeugung, dass sich die Lebensqualität durch einen schlanken Körper verbessern würde.
Zum Einfluss familiärer Beziehungen auf die Entwicklung von BES kann gesagt werden, dass Familien Essgestörter oft schlechter organisiert sind und der Zusammenhalt beeinträchtigt ist. Nicht selten kommt es vor, dass die Eltern die Probleme ihrer Kinder in ihrer Bedeutung herabsetzen oder unwillig sind, diese wahrzunehmen und dadurch der Gefühlsausdruck oft gestört ist. Des Weiteren beleuchten Beobachtungen, dass Situationen die Störung auslösen, in denen Betroffene unter Bewährungsdruck sind und sich dabei geringwertig fühlen.
Weitere klinische Beobachtungen zur Familien- und Beziehungsdynamik bei BES-Patienten zeigen unter anderem häufig offene und heftig ausgetragene Familienkonflikte. Spannungen werden nicht angesprochen und es bestehen sehr paradoxe Kommunikationsmuster. Schwierigkeiten mit der Emotionsregulierung, welche die Betroffene auch in späteren Partnerschaften oder Freundschaften wahrnehmen, sind somit keine Seltenheit. Alle Familienangehörige verfügen über eine sehr geringe Resilienz und es herrscht wenig Akzeptanz und Trost.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Verbreitung und Relevanz von Essstörungen und stellt die Forschungsfrage zur systemischen Perspektive der Binge Eating Störung.
2. Grundlagen und Definitionen: Dieses Kapitel erläutert das Störungsbild der BES, deren Klassifikation und epidemiologische Daten sowie die theoretische Basis der systemischen Therapie.
3. Methodischer Teil: Hier wird der methodische Ansatz der Arbeit dargelegt, insbesondere die Entwicklung eines Strukturbaums zur Erfassung von Risikofaktoren und die Erstellung eines Interviewleitfadens.
4. Diskussion: Das letzte Kapitel reflektiert die wissenschaftlichen Gütekriterien, diskutiert systemische Konzepte im Kontext der BES und gibt einen Ausblick auf künftige Präventionsmaßnahmen.
Schlüsselwörter
Binge Eating Störung, Systemische Therapie, Essstörungen, Beziehungsmuster, Familiendynamik, Prävention, Risikofaktoren, Qualitative Befragung, Problemsystem, Lebensproblem, Essanfälle, Sozialsysteme, Emotionsregulierung, Psychische Störungen, Gesundheitspsychologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Hausarbeit?
Die Arbeit untersucht die Binge Eating Störung (BES) mit dem Fokus auf systemische Einflüsse und Beziehungsmuster.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentral sind die theoretischen Grundlagen der BES, die systemische Ätiologie, die Erstellung eines Risikofaktoren-Strukturbaums und die Konzeption einer qualitativen Befragung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, durch eine systemische Analyse der Risikofaktoren Erkenntnisse zu gewinnen, um Präventionsmaßnahmen für Betroffene in sozialen Systemen entwickeln zu können.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt die Literaturanalyse zur Theoriebildung sowie die methodische Entwicklung eines qualitativen, halbstrukturierten Interviews.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden sowohl theoretische Definitionen und epidemiologische Daten als auch die methodische Herleitung des Strukturbaums für die Praxis untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Binge Eating Störung, systemische Therapie, Beziehungsmuster, Familiendynamik und Präventionsmaßnahmen.
Warum spielt die Familiendynamik eine solch zentrale Rolle bei der BES?
Die Arbeit zeigt, dass oft gestörte Kommunikationsmuster und mangelnde emotionale Unterstützung in der Familie als "Austragungsorte" für die Probleme dienen, die sich in Essanfällen manifestieren.
Was unterscheidet ein "Problemsystem" von einem "Lebensproblem" nach Ludewig?
Ein Lebensproblem ist ein störendes, klinisch relevantes Phänomen des Einzelnen, während ein Problemsystem entsteht, wenn dieses Problem in einem sozialen System problematisiert und kommuniziert wird.
Wie trägt das pragmatische Auswertungsverfahren zur Arbeit bei?
Es ermöglicht das Herausarbeiten von überindividuell Gemeinsamem aus den qualitativen Interviews, um die Daten nachvollziehbar und praxisnah aufzubereiten.
- Arbeit zitieren
- Isabel Bauhofer (Autor:in), 2021, Die Binge-Eating-Störung aus systemischer Perspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1009495