Aus der Varietät der Störungen in der deutschen Literatur sticht vor allem ein Autor heraus, der gerade in seinen Erzählungen wie kein anderer das Prinzip des Störens in der Literatur für sich zu nutzen weiß: Heinrich von Kleist. In "Der Findling" entfalten sich diese Potentiale nahezu ungehindert.
Um das Störpotential der Zufälle im Findling näher zu erschließen, wird zuerst eine genaue Analyse der Struktur, Konsistenz und Wirkung der wiederkehrenden und sich einem stringenten, teleologischen Handlungsverlauf widerstrebenden Zufälle vorgenommen. Mithilfe einer genauen Definition des Störungsbegriffes sollen diese Zufälle dann genauer auf ihr kollektives Störungspotential untersucht werden.
Spätestens durch die Corona Pandemie ist das Phänomen „Störung“ wieder allgegenwärtig und beweist im größtmöglichen Maßstab, welche Auswirkungen Störungen auf allen Ebenen der Gesellschaft haben können. Auch im deutschen Literaturkanon sind allerlei Störungen ausfindig zu machen. Der Störungsbegriff an sich ist dabei nur schwer zu definieren, da das Aussehen von Störungen, ihre Wirkungsweise und ihr Einfluss auf verschiedenste Instanzen wie Handlung und „discours“ vor allem auf der Ebene der Rezeption variabel sind. Störungen können nicht nur einen zu untersuchenden Text entscheidend beeinflussen, sie können auch bei unterschiedlichen Lesern verschiedene Störungspotentiale entfalten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zufälle im Findling
3. Vorgefallene Zufälle
4. Störende Zufälle
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die disruptive Funktion von Zufallskonstruktionen in Heinrich von Kleists Erzählung Der Findling. Ziel ist es zu analysieren, wie wiederkehrende, scheinbar zufällige Ereignisse die Handlungsstruktur stören, Leerstellen erzeugen und durch den unzuverlässigen Erzähler als narratives Mittel eingesetzt werden, um die Destruktivität der Figuren freizulegen.
- Die Differenzierung zwischen Zufall und Vorfall bei Kleist
- Die Analyse der strukturbildenden Funktion von Zufällen
- Die Untersuchung der narrativen Rolle des unzuverlässigen Erzählers
- Die theoretische Einordnung von Störungen als Noise Source
- Die Dekonstruktion religiöser und teleologischer Deutungsmuster
Auszug aus dem Buch
4. Störende Zufälle
ür das Erkennen und die anschließende Einordnung und Zuordnung der Zufälle im Findling, gilt es zuerst festzustellen, welche Dimensionen der Begriff der Störung überhaupt umfasst. Einen Meilenstein und Ausgangspunkt für viele Abhandlungen über das Prinzip von Störungungen entspringt dem Feld der Mathematik und wurde von Claude E. Shannon im Jahre 1948 veröffentlicht. Hier beschreibt Shannon eine Störung der Kommunikation zwischen Transmitter und Receiver als ,Noise Source‘. Gansel versucht, das Prinzip der Störung weiterzuführen und für die Literaturwissenschaft fruchtbar zu machen. Dieses werde gerade in den Naturwissenschaften immer noch primär „als Gegenbegriff zu Ungestörtheit, Ordnung, Harmonie, Gleichgewicht genutzt.“ Im Bezug auf Literatur schreibt Gansel über Störungen: „Im Symbolsystem, also den Texten selbst, betreffen Störungen das ,Was’ und ,Wie’ der literarischen Darstellung.“ Riniker konkretisiert diese Definition Gansels in ihrer Dissertation über Störungen bei Kracht: „Diesbezüglich hebt Gansel die sprachlichen Elemente hervor, die als unerwartet und ungewöhnlich auffallen und denen das Potential zukommt, Lesende zu irritieren“. Diese irritierende Potential scheint bei Kleist fast unerschöpflich zu sein.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Phänomen der Störung ein und verortet Heinrich von Kleist als Autor, der dieses Prinzip in seinen Erzählungen meisterhaft nutzt.
2. Zufälle im Findling: Dieses Kapitel arbeitet die Semantik von Zufall und Vorfall bei Kleist heraus und kritisiert bisherige unpräzise Definitionen in der Forschung.
3. Vorgefallene Zufälle: Hier wird analysiert, wie in der Erzählung Zufallskonstruktionen retrospektiv als Vorfälle deklariert werden, um Lücken in der Kausalität zu füllen.
4. Störende Zufälle: Dieses Kapitel verknüpft literaturwissenschaftliche Störungstheorien mit den konkreten Zufallsereignissen im Text und untersucht deren irritierende Wirkung.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass der Zufall im Findling als neutrale, produktive Instanz fungiert, die die Handlung vorantreibt und die moralische Doppelmoral der Figuren entlarvt.
Schlüsselwörter
Heinrich von Kleist, Der Findling, Zufall, Vorfall, Störung, Erzählstruktur, Unzuverlässiger Erzähler, Leerstellen, Noise Source, Handlungslogik, Literaturwissenschaft, Narratologie, Kausalität, Symbolsystem, Aufstörung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie Heinrich von Kleist in seiner Erzählung Der Findling das Mittel des Zufalls einsetzt, um die Handlung zu strukturieren und gleichzeitig als störendes Element zu verwenden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Abgrenzung von Begriffen wie Zufall und Vorfall, die Rolle der literarischen Störungstheorie sowie die Analyse des unzuverlässigen Erzählers.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu klären, wie die im Text omnipotenten Zufallskonstruktionen als Störimpulse fungieren und inwiefern sie die erzählerische Logik des Werkes bestimmen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine textnahe, literaturnanalytische Untersuchung, die moderne Störungstheorien (u.a. nach Shannon und Gansel) auf die kleistsche Erzählstruktur anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Begrifflichkeiten von Zufall und Vorfall, die detaillierte Analyse der Zufallssequenzen und die Einordnung dieser Ereignisse in Kategorien narrativer Störungen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Zufall, Störung, Handlungsstruktur, Unzuverlässigkeit, Leerstellen und das Erzählkonzept der Noise Source charakterisiert.
Wie bewertet der Autor die Rolle des unzuverlässigen Erzählers in diesem Kontext?
Der Erzähler wird als "hypokritisch" eingestuft, dessen Außenansicht und moralische Wertung selbst als Störfaktor wirken, der den Leser zur aktiven hermeneutischen Interpretation zwingt.
Inwiefern beeinflussen die Zufälle die theologische Deutung des Werkes?
Die Arbeit argumentiert, dass die Häufung von Zufällen eine gottgeleitete oder teleologische Interpretation der Erzählung erschwert und stattdessen die menschliche Destruktivität in den Vordergrund rückt.
Welche Bedeutung kommt dem Logogriphen-Rätsel zu?
Es fungiert als zentrales Schlüsselereignis, das durch die Zufälligkeit der Buchstabenkombination die Begierde der Figur Nicolo auslöst und somit die nachfolgende Katastrophe in Gang setzt.
Was unterscheidet die "kleinen" Zufälle von den großen Ereignissen?
Während große Ereignisse wie die Pest oder der Tod von Figuren das Geschehen rahmen, sind es die vielen "kleinen" Zufälle, die den Plot erst in Bewegung halten und die Lücken füllen, für die der Erzähler keine Kausalbegründung liefert.
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- Jonas Labudda (Author), 2020, Die disruptive Funktion der Zufallskonstellationen in "Der Findling" von Heinrich von Kleist, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1009534