Die Figur des Verführers in der deutschsprachigen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts

Hettore Gonzaga in Lessings "Emilia Galotti" (1772), Läuffer in Lenz‘ "Der Hofmeister" (1774) und Fontanes "Schach von Wuthenow" (1882)


Bachelorarbeit, 2016

23 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Wann ist ein Mann ein Mann? Don Juan als Prototyp des sexuellen Verführers

2. Verführer in der deutschsprachigen Literatur
2.1 Emilia Galotti
2.2 Der Hofmeister
2.3 Schach von Wuthenow
2.4 Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Verführerfiguren

3. Zusammenfassung

Literaturangaben

Einleitung

Wann wird aus einem Mann ein Verführer? Welche Eigenschaften benötigt er dafür? Und gibt es in der deutschsprachigen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts überhaupt solche Verführer? Mit diesen Fragen beschäftigt sich diese Bachelorarbeit. Im Mittelpunkt steht hierbei die sexuelle Verführung von Frauen. Die Frage, wie man es als Mann schafft, möglichst attraktiv auf Frauen zu wirken, scheint nie wirklich aus der Mode gekommen zu sein und wirkt aktueller denn je. In Zeiten, in denen Flirtcoaches ihre Dienste für viel Geld feilbieten und sich selbsternannte Pick-Up-Artists (zu Deutsch etwa: „Aufreißkünstler“) im Internet über die besten Methoden und Techniken austauschen, wie man möglichst effizient Frauen für sich einnehmen kann, lag die Bearbeitung dieser Fragestellung nahezu auf der Hand.

Um einen Verführer überhaupt definieren zu können, muss ein Vorbild herausgearbeitet werden. Denkt man an große Verführer, so geht es vor allem um zwei Namen: Giacomo Casanova und Don Juan. Ersterer lebte jedoch selbst im 18. Jahrhundert und während seine Bekanntschaft erst im langen 19. Jahrhundert zunahm, wirkte der Mythos um Don Juan bereits wesentlich früher. Es erscheint somit sinnvoll, den Spanier dem Venezianer vorzuziehen. Da es jedoch unzählige Bearbeitungen des Don-Juan-Stoffes gibt, kann es im ersten Teil dieser Arbeit nur darum gehen, eine Art Prototypen zu erstellen, an dem sich die drei untersuchten Charaktere im zweiten und umfangreichsten Teil dieser Abschlussarbeit messen müssen. Eine Rezeptionsgeschichte des Don-Juan-Mythos‘ erscheint zu umfassend, deshalb widmet sich diese Arbeit dem Werk von Tirso de Molina.

Im zweiten Teil werden der Reihe nach Hettore Gonzaga aus Lessings Emilia Galotti, Läuffer aus Lenz‘ Der Hofmeister und schließlich Schach von Wuthenow aus Fontanes gleichnamiger Erzählung auf ihre Verführerqualitäten hin untersucht, immer wieder rekurrierend auf Molinas Don Juan – Der Verführer von Sevilla und der steinerne Gast. Was unterscheidet die Figuren der deutschsprachigen Literatur von dem Hidalgo und was haben sie gemeinsam?

Im dritten und letzten Teil werden die drei Verführerfiguren noch einmal abschließend miteinander verglichen. Lassen sich gleichbleibende Muster, trotz der gänzlich unterschiedlichen Herkunft der Charaktere, festhalten?

Die Ergebnisse werden zum Abschluss der Bachelorarbeit noch einmal zusammengefasst.

1. Wann ist ein Mann ein Mann? Don Juan als Prototyp des sexuellen Verführers

Kaum ein Stoff wurde so intensiv und so vielzählig rezipiert und adaptiert wie der des Don Juan. Einzig der Mythos um Doktor Faustus erfuhr möglicherweise eine ähnlich starke Wirkung in der Literaturgeschichte. Je nach Zählweise kommt man in den knapp vierhundert Jahren Wirkungsgeschichte auf über fünfhundert1 Bearbeitungen des Don Juan, manche Literaturwissenschaftler gehen sogar von über tausend2 aus. Diese Tatsache macht es ausgesprochen schwierig, einen richtigen Don Juan herauszuarbeiten. Die erste uns bekannte und relevante Niederschrift stammt aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts von Tirso de Molina.3 Sein El burlador de Sevilla y convidado de piedra verknüpfte wohl auch erstmals den Handlungsstrang des rücksichtslosen Verführers mit dem des Frevlers, welcher durch eine Statue aus Stein die Verdammnis erfährt. Als kanonische Fassungen werden jedoch zumeist Molières Dom Juan ou le Festin de Pierre (1665) und der Don Giovanni (1787) von Mozart und Da Ponte wahrgenommen.4

Neben diesen haben sich noch weitere Schriftsteller und Künstler am Mythos des spanischen Schelmen bedient, unter anderem Carlo Goldini (1736), Christian Dietrich Grabbe (1822), Honoré de Balzac (1830), Nikolaus Lenau (1844), George Bernhard Shaw (1903), Ödön von Horváth (1933) und Bertolt Brecht (1952) um nur einige zu nennen.5 Hieran wird deutlich, dass es keinen Zeitraum gab, in dem Don Juan nicht rezipiert wurde, wenngleich vom Originalstoff, so es denn einen geben mag, stellenweise nur wenig übrig geblieben ist. Bei George Gordon Byrons Versepos (zwischen 1819 und 1824)6 ist beispielsweise nur noch wenig vom großen Verführer vorzufinden:

Bei Byron, der den Stoff sehr frei und satirisch aufgreift, wird der Verführer Don Juan zum Verführten. Byron schildert die Kindheit Don Juans und zeigt somit seine Entwicklung auf. Erstmals liebt Don Juan, doch nach einer Trauerzeit um Haidée findet er bei anderen Frauen Trost. Der schöne

Don Juan verführt, nicht um Verführung bemüht, en passant, durch seine Körperlichkeit. Er wird nicht zum Außenseiter der Gesellschaft, sondern ist bestrebt zu gefallen. Byrons Don Juan ist ein der Eitelkeit verfallener Arrivist.7

Tendenziell lässt sich jedoch feststellen, dass sich im Laufe der Jahrhunderte der Fokus in den Don-Juan-Bearbeitungen weg vom banalen Verführer (burlador) hin zum phantastischen Aspekt der rächenden Statue aus Stein (convidado de piedra) bewegt hat. Man kann festhalten, dass „das exzessive Interesse am Erotischen also gegen das exzessive Interesse an der Erkenntnis ausgespielt wird […].“8 Aus diesem Grund scheint es für das Thema dieser Arbeit sinnvoll, sich an den ‚frühen‘ Don Juan zu halten und angesichts der schier unendlich wirkenden Fülle an Bearbeitungen ebenso eine Notwendigkeit nur eine einzige Version näher zu durchleuchten, um einen prototypischen Verführer herauszuarbeiten. Doch Molières Dom Juan, auch wenn man ihn zweifellos zu den älteren und ebenso bekannteren Don-Juan- Umsetzungen zählen muss, ist für das Thema der Verführung wenig geeignet, denn „[d]er Dom Juan Molières hat […] an sinnlicher Leidenschaft verloren. Er ist nicht mehr nur der Schürzenjäger, der seine soziale Situation skrupellos ausnützt, sondern ein Dämon, Ketzer und Epikureer, der jede Moral leugnet und Reue heuchelt, um so ungestörter seinen schändlichen Neigungen nachzugehen.“9

Grundlage für diese Arbeit wird daher Molinas Burlador (Erstaufführung 1613, Druck 1630) sein, auch wenn es sich möglicherweise nicht um das bekannteste Stück mit Bezug auf den Don-Juan-Mythos handelt.

Die Handlung ist dabei schnell erklärt und leichtverständlich. Don Juan ist ein junger Adliger aus dem in Sevilla einflussreichen Geschlecht der Tenorios. Das Stück geht direkt in medias res und beginnt mit der ersten Verführung Don Juans. Es handelt sich dabei um die Herzogin Isabella, welche Don Juan überlistet, indem er sich als ihr Verlobter Octavio ausgibt und sie so entehrt. Als Isabella den Schwindel bemerkt, gelingt es Don Juan mit Hilfe seines Onkels Don Pedro zu fliehen. Ein erster wichtiger Aspekt der Handlung kommt damit schon zum Tragen: Don Juan gelingt es immer wieder durch List und vor allem durch Machtmissbrauch nahezu unbeschadet aus seinen burlas graciosas, seinen Streichen, zu entkommen. Seine zweite Verführungsepisode beginnt mit dem Schiffbruch Don Juans und seines treuen Dieners

Verführer, Schurken, Magier. St. Gallen 2001. S. 197.

Catalinón, welcher allzu oft das gute Gewissen des Protagonisten darstellt und ebenso oft von diesem überhört wird. Die beiden werden von der Fischerin Tisbea gerettet. Für Don Juan stellt sie eine leichte Beute dar, er verspricht der jungen Frau, welche deutlich unter seinem Stande steht, die Ehe und verführt sie, besitzt dabei aber noch das Kalkül dem mahnenden Catalinón aufzutragen, die Pferde bereit zu machen. Tisbea stürzt sich nach dieser Entehrung in suizidaler Absicht ins Meer, überlebt jedoch. Zurück in Sevilla versucht der Verführer mittels einer erneuten List Doña Ana zu einem Schäferstündchen zu bewegen. An Dreistigkeit kaum zu überbieten, leiht sich Don Juan zuvor den Mantel des eigentlichen Liebhaber Anas, des Marqués de la Mota, aus und gibt sich, ähnlich zur erfolgreichen Verführung Isabellas, als eben jener aus. Die Verführung scheitert jedoch, der Akt wird nicht vollzogen, da Ana den Betrug bemerkt und um Hilfe ruft. Ihr Vater, der Komtur, eilt herbei und wird in einem Duell mit Don Juan von diesem getötet. Bevor er stirbt, verflucht er den Protagonisten. Der Burlador kommt anschließend wieder einmal (vermeintlich) unbeschadet davon. Die letzte Verführungssequenz spielt auf dem Lande. Don Juan entzweit ein Hochzeitspaar, die bäuerliche Braut Aminta erliegt ebenso wie die Fischerin Tisbea dem Charme des Adligen und seinen Versprechungen auf eine Eheschließung und damit den Aussichten auf sozialen Aufstieg. Die Handlung schwenkt mit der letzten Verführung langsam um und der Fokus verlagert sich auf den schon im Titel des Stücks benannten steinernen Gast. Bei einer Kirche verspottet Don Juan die Statue des Komturs, welchen er selbst beim Duell tötete. Er zupft am steinernen Bart und lädt die Steinfigur anschließend übermütig zum Abendessen ein. Diese erscheint zum Erschrecken aller tatsächlich zum Essen und lädt den Schürzenjäger im Gegenzug ebenfalls zum Essen ein. Als Don Juan der Einladung auf dem Friedhof nachkommt und der Statue die Hand reicht, verbrennt dieser und wandert zusammen mit dem steinernen Gastgeber geradewegs in die Hölle. Zurück bleibt der verdutzte Catalinón und komödientypisch heiraten abschließend die von Don Juan zu Lebzeiten entzweiten Paare.

Der egozentrische Charakter Don Juans wird fortwährend in nahezu jeder Szene deutlich. Stets befindet er sich auf der Suche nach fleischlicher Liebe. Er verhält sich oft wüst, hinterlässt verbrannte Erde und schert sich nicht um soziale, religiöse oder ethische Normen. Wohlwissend, dass er aufgrund seiner adligen Herkunft offenbar aus nahezu jeder misslichen Lage durch Missbrauch seines familiären Einflusses unbeschadet entkommen kann, nutzt der jugendliche Verführungskünstler jede Möglichkeit zum Beischlaf. Die Männer verspottet er, die Frauen entehrt und entwürdigt er. Am Ende führen ihn seine Ungläubigkeit und seine fehlende Demut jedoch ins Grab. Und dennoch sympathisiert der Leser mit diesem Anti- Helden, welcher doch offenbar so vieles verkörpert, was nicht nur dem barocken Publikum als

liebens- und erstrebenswert erscheint. Es ist wohl vor allem sein Leben für den Augenblick, die Unfähigkeit (oder der Unwillen) Konsequenzen seiner Ausschweifungen zu erkennen und diese zu bereuen.10

Claudia BORK nennt Don Juan ein „Sinnbild für freien erotischen Genuß und damit [einen] Rebell[en] gegen die göttliche Ordnung.“11 Das Geheimnis seines Erfolges im Hinblick auf die Frauen macht sie in seinem guten Aussehen, seiner adligen Herkunft und seinem Auftreten fest. Mittels Kalkül, Täuschung und Intrige führe er die Frauen ins Verderben und raube ihnen die Ehre. Ihren Widerstand bricht er mittels seines rhetorischen Talents, deutlich wird dieses in der Tisbea-Verführung. Die Fischerin wird von ihm mit sehr bildreicher Sprache geblendet und schließlich verführt. Seine Sprache, besonders in Form von Lügen, ist es letztlich auch, die ihm die Türen zu den Herzen der Frauenwelt öffnet. So verspricht er den Frauen die Ehe, nur um sie dann wieder zu verlassen. Er bricht damit die Regeln von Aufrichtigkeit und Anstand, ist doch im gegenreformatorischen Spanien die Ehe der einzige Ort, an dem die Erfüllung der Sinneslust gestattet ist. Don Juan schwört Meineide auf seine Ehre und sein Leben und zieht so nur gerechterweise Gottes Zorn auf sich.12

Interessant ist jedoch bei allen Verführungskünsten, dass Don Juan nur ihm in Rang und Intellekt unterlegenen Frauen (Tisbea, Aminta) durch reine Rhetorik nahekommen kann. Doch sowohl Isabella als auch Doña Ana kann sich der Scharlatan nur durch eine List nähern. Don Juan, so wie ihn Tirso de Molina kreiert hat, ist zusammenfassend egozentrisch und rücksichtslos, er verführt und verspottet. Die Entehrung von gutgläubigen, vielleicht auch etwas naiven Frauen, nennt er Streiche. Doch in dieser tugendlosen Figur stecken auch Intellekt und ein enormes rhetorisches Talent. Das Ergebnis seiner Ausschweifungen interessiert ihn dabei jedoch nicht. Furcht vor Gottes Zorn kennt dieser junge Edelmann nicht, wenn er etwas fürchtet, dann die dauerhafte Bindung an nur eine einzige Frau. So stellt dieser Don Juan den Prototypen eines cleveren Verführers dar, der genau weiß, was er tut und sich nimmt, was er will.

2. Verführer in der deutschsprachigen Literatur

2.1 Emilia Galotti

Im bürgerlichen Trauerspiel Emilia Galotti sind Verführung, Versuchung, aber auch Besessenheit und (falsche) Moral wichtige Eckpunkte der Handlung. 1772 von Gotthold Ephraim Lessing veröffentlicht und im selben Jahr uraufgeführt, wurde die Tragödie schnell zu einem der wichtigsten deutschsprachigen Dramen aller Zeiten. Die Liste der Rezeptionen reicht von Goethes Werther bis zu modernen Spielfilmen.

Als Verführer tritt in diesem Werk Hettore Gonzaga, im Stück meist nur als der Prinz bezeichnet, auf. Er weist stellenweise stark donjuaneske Charakterzüge auf, doch es gibt auch eklatante Unterschiede. Während Don Juan an amourösen Abenteuern mit möglichst vielen Frauen interessiert ist, gilt das Interesse des Prinzen einzig und allein der jungen bürgerlichen Emilia Galotti. Während Don Juan also vor allem quantitativ in Liebesdingen Bestätigung sucht, will der Prinz nur die eine, die vollkommene Emilia. Seine Besessenheit von ihr wird bereits in der ersten Szene des ersten Aktes deutlich. Dort erregt alleine der Name Emilia schon sein Gemüt dergestalt, dass er kaum zu Regierungsgeschäften befähigt ist, auch, wenn es sich um eine andere Frau handelt. Der Prinz ist ebenso leidenschaftlich, wie theatralisch und temperamentvoll. Als er von Emilias bevorstehender Hochzeit noch am selben Tage hört, wird er aufbrausend, möchte ohne sie nicht weiterleben (I, 6). Das Kalkül und die Gelassenheit des Don Juans von Molina findet man hier nicht.

Eine weitere interessante Besonderheit stellt sich durch die Gegenüberstellung der beiden wichtigsten Diener heraus. Während Catalinóns Rolle vor allem die des guten Gewissens ist, welches immer und immer wieder unaufhörlich den skrupellosen Verführer an die Konsequenzen seines Handelns erinnert, stellt Marinelli den genauen Gegenpart dar. Er versucht mit aller Gerissenheit das perfide Spiel um Emilia Galotti weiterzutreiben, ein Gewissen und Moral scheinen ihm nicht innezuwohnen. In dieser Hinsicht ist der Prinz schwächer als Don Juan. Während letzterer seinen Diener und Berater bei jeder passenden Gelegenheit ignoriert, ist der Prinz ausgesprochen beeinflussbar. Er überlässt Marinelli freie Hand (I, 6), wohlwissend, dass seine Raffinesse bezüglich der Verhinderung der Hochzeit an ihre Grenzen stößt. Zwischenzeitlich wirkt es fast so, als dominiere der Kammerherr Marinelli den Prinzen (IV, 1 u. 2), als dieser sich bewusst wird, dass das Gelingen des Plans längst nicht mehr in seiner Hand liegt.

Eine sich nahezu aufdrängende Gemeinsamkeit des spanischen und norditalienischen Verführers ist jedoch der Machtmissbrauch. Sowohl Don Juan, als auch der Prinz profitieren von ihrer adeligen Stellung. Der Prinz herrscht mit großer Willkür und Beliebigkeit. So unterzeichnet er beinahe ohne zu zögern aus einer Laune heraus ein Todesurteil (I, 8), lediglich sein Rat Camillo Rota verhindert Schlimmeres. Zwar ist Don Juan in Molinas Fassung im Gegensatz zum Prinzen kein (Willkür-)Herrscher, dennoch profitieren beide von ihrem Stand, denn für beide haben ihre durchtriebenen Streiche und Listen keine direkten Konsequenzen. Don Juan kommt durch seine guten Verbindungen und dem angesehenen Geschlecht, aus dem er stammt, immer wieder unbeschadet davon. In Lessings Werk taucht keinerlei höhere Instanz auf, die den Prinzen zur Rechenschaft ziehen könnte. Gemein ist Gonzaga und Don Juan jedoch, dass sie am Ende doch beide für ihre Taten büßen. Der eine verliert sein Objekt des Begehrens, der andere sein Leben.

Auch in anderen Charakterzügen sind sich beide Protagonisten sehr ähnlich. Sie wirken stellenweise lausbubenhaft und zeigen wenig Fähigkeit zur Antizipation. Der Prinz ahnt nicht, dass seine Übergriffigkeit in der Kirche (II, 6) für das Gelingen des Plans von Marinelli unvorteilhaft sein wird, erst viel später wird er dessen gewahr (IV, 1). Als wider der Zielsetzung Appiani bei der Entführung Emilias stirbt, weist er alle Schuld von sich (IV, 1):

Bei Gott! bei dem allgerechten Gott! ich bin unschuldig an diesem Blute. – Wenn Sie mir vorher gesagt hätten, dass es dem Grafen das Leben kosten werde – Nein, nein! und wenn es mir selbst das Leben gekostet hätte!13

Auch in der Schlussszene lädt der Prinz schließlich alle Schuld auf Marinelli als er ihn verbannt (V, 8).

Ebenso wie Don Juan hat der Prinz einen Gegenspieler, auch hier in Form eines strafenden Vaters. Die Rivalität zwischen Odoardo und Hettore Gonzaga wird schnell deutlich, sagt der Prinz doch über den Vater seiner Angebeteten (I, 4): „Auch kenn ich ihren Vater. Er ist mein Freund nicht. Er war es, der sich meinen Ansprüchen auf Sabionetta am meisten widersetzte. – Ein alter Degen; stolz und rau; sonst bieder und gut!“14

Ob der Prinz, ganz donjuanesk, auch ein Schürzenjäger ist, bleibt unklar. Er hat kein Interesse mehr an seiner Mätresse Orsina, die Liebe zu ihr ist erkaltet (I, 6). Die Frage, ob seine Obsession für Emilia aber tatsächlich auch nach Erreichen des Ziels noch bestand hätte, muss unbeantwortet bleiben. Dass ihn das Unerreichbare ausgesprochen reizt, wird immer wieder deutlich. Da es ihm letztlich aber durch die Tötung Emilias nicht mehr gelingt, sie zu verführen, muss offenbleiben, ob Gonzaga wie Don Juan ein Sammler von Frauenherzen ist oder ob er Emilia wirklich liebt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Figur des Verführers in der deutschsprachigen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts
Untertitel
Hettore Gonzaga in Lessings "Emilia Galotti" (1772), Läuffer in Lenz‘ "Der Hofmeister" (1774) und Fontanes "Schach von Wuthenow" (1882)
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für deutsche und niederländische Philologie)
Note
1,5
Autor
Jahr
2016
Seiten
23
Katalognummer
V1009654
ISBN (eBook)
9783346397515
ISBN (Buch)
9783346397522
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verführung, Liebe, Lenz, Lessing, Fontane, Don Juan, Tirso de Molina, 18. Jahrhundert, 19. Jahrhundert
Arbeit zitieren
Markus Trautwein (Autor), 2016, Die Figur des Verführers in der deutschsprachigen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1009654

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Figur des Verführers in der deutschsprachigen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden