Betrachtung der globalen Klimagerechtigkeit auf Basis der Theorie der Gerechtigkeit von John Rawls


Akademische Arbeit, 2020

27 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. John Rawls und die Theorie der Gerechtigkeit
2.1 John Rawls - Biographischer Überblick
2.2 Die Herleitung von Rawls’ Theorie der Gerechtigkeit
2.2.1 Vernunft und Fairness im Urzustand
2.2.1.1 Schleier des Nichtwissens als Eröffnung der Fairness und Freiheit
2.2.1.2 Vernunft der Menschen im Urzustand
2.2.2 Grundsätze der Gerechtigkeit nach Rawls
2.2.2.1 Erstes Gerechtigkeitsprinzip
2.2.2.2 Zweites Gerechtigkeitsprinzip
2.2.2.3 Die lexikalische Ordnung der Gerechtigkeitsprinzipien
2.3 Zwischenfazit

3. Klimagerechtigkeit
3.1 Der Ursprung der Klimagerechtigkeit
3.2 Definitionen von Klimagerechtigkeit
3.3 Definition und Position von Klimagerechtigkeit nach Dietz und Brunnengräber

4. Gerechtigkeit der Klimagerechtigkeit

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

Die vorliegende Arbeit verwendet aufgrund der besseren Lesbarkeit das generische Maskulinum. Weibliche und anderweitige Geschlechteridentitäten werden dabei ausdrücklich mitgemeint, insofern dies für die Aussage erforderlich ist

1. Einleitung

Climate change is happening now and to all of us. [...] No country or community is immune. And, as is always the case, the poor and vulnerable are the first to suffer and the worst hit. (Guterres, 2019)

Die Nationen im globalen Süden erleiden zunehmend Armut, was nicht zuletzt aufgrund von Klimaveränderungen zustande kommt, welche durch den Ressourcenverbrauch insbesondere der Industrieländer im globalen Norden ausgelöst werden. Zudem haben Krisen und Konflikte kriegerischer Natur auf globaler Ebene in den letzten Jahren stark zugenommen. Die Zahlen der Menschen, die weltweit auf der Flucht waren, lag Ende 2019 bei 79,5 Millionen Menschen. Im Vorjahr waren es noch neun Millionen Menschen weniger (UNO-Flüchtlingshilfe, 2020). Bei Betrachtung des globalen Klimas lassen sich daraus ebenfalls deutliche Prognosen für Klimafluchtbewegungen ableiten. So ist die Anzahl der Naturkatastrophen seit den 1990er Jahren auf circa 350 pro Jahr verdoppelt worden, was insbesondere auf die steigende Zahl von Wirbelstürmen, Dürren und anderer extremer Wetterereignisse zurückzuführen ist (Caritas, 2018). Die Weltbank geht in einem Bericht aus dem Jahr 2018 davon aus, dass bis zum Jahr 2050 143 Millionen Menschen aufgrund der Klimawandelfolgen gezwungen sein werden, aus ihrer Heimat zu flüchten (World Bank, 2018). Die Ursachen und die Folgen des Klimawandels sind ungleich über die Erde verteilt. Das Resultat: Menschenrechte werden nicht geachtet und der Fortschritt von Entwicklungsländern wird gehemmt.

Auf Fridays for Future-Demonstrationen, bei Klimacamps oder Protesten gegen den Kohleabbau fordern Aktivist*innen eine Welt, in der die sogenannte Climate Justice, also Klimagerechtigkeit, gegeben ist. Der Begriff der Klimagerechtigkeit soll in dieser Arbeit daher genauer beleuchtet werden. Die zentrale Frage lautet dabei: Wie gerecht ist Klimagerechtigkeit? Hierbei wird im ersten theoretischen Teil der Abhandlung der Gerechtigkeitsbegriff näher betrachtet (Kapitel 2). Dazu dient die Theorie der Gerechtigkeit von John Rawls als Ausgangspunkt. Im zweiten theoretischen Teil ist zudem der Begriff der Klimagerechtigkeit genauer definiert (Kapitel 3). Hierbei werden mehrere Definitionen genannt. Um den Rahmen der Arbeit nicht zu sprengen, wird sich hierbei vor allem auf den Klimagerechtigkeitsbegriff nach Brunnengräber und Dietz (2016) konzentriert. Anschließend münden die Ausführungen des Theorieteils in einer Analyse, welche die Forschungsfrage nach der Gerechtigkeit der Klimagerechtigkeit versucht zu beantworten (Kapitel 4). Die Arbeit wird in einem Fazit zusammenfassend abgeschlossen (Kapitel 5).

2. John Rawls und die Theorie der Gerechtigkeit

Dieses Kapitel, welches sich mit der Theorie der Gerechtigkeit von John Rawls auseinandersetzt, betrachtet zunächst dessen Biographie (2.1). Um auf die Forschungsfrage nach der Gerechtigkeit innerhalb der Klimagerechtigkeit einzugehen, ist es zudem notwendig, die Gerechtigkeitstheorien von John Rawls zu betrachten (2.2). Hierbei werden die wichtigsten Ausführungen markiert. Diese bestehen zunächst aus der Herleitung der Theorie der Gerechtigkeit, wobei dabei das Konzept des Urzustandes erläutert wird, mit dem besonderen Fokus auf die Vernunft und Fairness innerhalb jenes Modells. Erläutert wird dabei der Schleier des Nichtwissens, welcher die Fairness und Freiheit eröffnet. Außerdem wird die Vernunft des Menschen im Urzustand beschrieben. Im darauffolgenden Kapitel werden die Grundsätze der Gerechtigkeit dargelegt. Nachdem das erste und zweite Gerechtigkeitsprinzip erörtert wurde, werden die Gerechtigkeitsprinzipien in eine lexikalische Ordnung gebracht. Das Kapitel wird mit einem Zwischenfazit abgeschlossen und resümiert (2.3).

2.1 John Rawls - Biographischer Überblick

John Bordley Rawls wurde am 21. Februar 1921 in Baltimore, im Bundestaat Maryland geboren. Er war der zweite von fünf Söhnen von Anna Abel und William Lee Rawls. Bereits in seiner Kindheit wurde John Rawls für das Thema der Gerechtigkeit sensibilisiert, da sich seine Mutter für die Rechte der Frauen einsetzte und engagierte. Auch sein Vater war politisch aktiv und hat für einige Zeit als möglicher Kandidat für den US-amerikanischen Senat gegolten. Außerdem war er Rechtsanwalt in einer angesehenen Kanzlei. Die akademische Laufbahn hat John Rawls ebenfalls aufgegriffen, nachdem er seinen Abschluss an einem Internat gemacht hat. John Rawls ging 1939 an das Princeton College, an welchem sein Interesse für die Philosophie erstmals geweckt wurde. Nachdem er seinen dreijährigen Kriegsdienst absolvierte, machte er 1946 den Abschluss in Philosophie. Vier Jahre später schloss er jenes Studium mit seiner Promotion, über die moralische Beurteilung menschlicher Charakterzüge ab. Einer seiner wichtigsten akademischen Lehrer war der Wittgenstein-Schüler Norman Malcom. Als Lehrprofessor war John Rawls an verschieden Universitäten tätig. Dazu gehören die Cornell Universität, das MIT in Cambridge sowie die Harvard Universität. John Rawls starb am 24. November 2002 in Lexington, Massachusetts (Hinsch, 2004, S. 139).

John Rawls hat als einer der bedeutendsten politischen Philosophen des 20. Jahrhunderts zahlreiche Schriften herausgebracht, wovon die drei bedeutendsten Bücher an dieser Stelle kurz aufgeführt werden sollen. Allen voran seine Konzeption von Gerechtigkeit als Fairness, welche er 1971 im Buch A Theory of Justice vorgestellt hat. Jene hat er in unterschiedlichen Arbeiten weiterentwickelt und zählt bis heute zu einer der einflussreichsten politischen Theorien der Gegenwart. Da dieses Werk im folgenden Kapitel ausführlicher betrachtet wird, soll an dieser Stelle nicht weiter auf jenes eingegangen werden. John Rawls’ zweites Hauptwerk, Political Liberalism, behandelt die Rechtfertigung liberaler politischer Institutionen unter der Bedingung eines vernünftigen Pluralismus. Dieses wurde 1993 veröffentlicht und diente nach dessen Erscheinung als Bezugspunkt eines energetischen Diskurses über normative Grundlagen von Verfassungsstaaten in einem demokratischen System. Sein drittes Hauptwerk The Law of People, welches 1999 erschien, behandelt die vertragstheoretischen Gerechtigkeitsvorstellung von John Rawls. Allerdings gehen jene über den Nationalstaat heraus und widmen sich vielmehr der Frage, wie Rawls sich die Gesellschaft der Völker vorstellt (Hinsch, 2004, S. 139). Nachdem nun die wichtigsten biographischen Daten zu John Rawls erfasst wurden, werden im nächsten Kapitel die theoretischen Grundlagen zu Rawls’ Gerechtigkeitstheorie erörtert.

2.2 Die Herleitung von Rawls’ Theorie der Gerechtigkeit

In der politischen Philosophie sowie der Ethik wurde sich in den letzten Jahrzehnten bereits intensiv mit der Theorie der Gerechtigkeit von John Rawls befasst. Dabei gehen die Beiträge nicht nur in die Hunderte, sondern sogar Tausende. Der Philosoph Otfried Höffe schätz dabei, dass die Schriften zu Rawls Werk mittlerweile sogar die fünftausend Marke überstiegen hat (Höffe, 2013, S. IX). Es wird demnach deutlich, dass dieses Kapitel nicht den Anspruch erhebt, auf Rawls Ausführungen in voller Gänze einzugehen. Vielmehr vermag es einen allgemeinen Überblick zu geben, um später auf die Gerechtigkeitsfrage der Klimagerechtigkeit einzugehen. Hierbei soll der Fokus auf die folgenden Grundsätze gelegt werden: Im ersten Schritt wird der Urzustand, welches Rawls beschreibt, charakterisiert. Darauf aufbauen wird der sogenannten Schleier des Nichtwissens, der über dem im Urzustand lebenden Menschen liegt, erklärt. Gefolgt ist dies von der Funktionsbeschreibung der im Urzustand lebenden Personen. Das darauffolgende Kapitel widmet sich den Gerechtigkeitsprinzipien. Hierbei wird vor allem auf das erste und auf das zweite Gerechtigkeitsprinzip eingegangen. Abschließend folgt die lexikalische Ordnung jener zwei Gerechtigkeitsprinzipien.

2.2.1 Vernunft und Fairness im Urzustand

Die Theorie der Gerechtigkeit betrachtet eine Gesellschaft, bei der politische Auseinandersetzungen ausgetragen werden. Die Gerechtigkeit wird dabei als Fairness beschrieben. Jene Konflikte sollen gelöst, bzw. gemildert werden, sodass eine Zusammenarbeit auf politischer Ebene respektvoll in einer Gesellschaft realisiert werden kann. In diesem Zusammenspiel agieren die Personen vernünftig und frei. Es soll hierbei eine Gerechtigkeit entstehen, auf welche sich diese vernunftbasierten und freien Personen einigen (Niedringhaus, 2014, S. 92). John Rawls erschafft in seiner Theorie der Gerechtigkeit eine Utopie, welche er dem Begriff Urzustand zuschreibt. Hierbei sind die Mitgliederansprüche einer Gesellschaft, die sich auf das Recht von Freiheit und Gleichheit beziehen, konkurrenzbildend. Aufgrund jenes Zustands der Dispute erschafft Rawls den Urzustand, welcher in diesem Kapitel weiter beschrieben wird (ebd.).

Das Gedankenexperiment des Urzustands von Rawls erinnert augenscheinlich an den Naturzustand aus der politischen Ideengeschichte. Diese Ähnlichkeit ist laut Rawls nicht unbeabsichtigt: Er stellt jene Beziehung her, indem er seinen Versuch einer Theorie der Gerechtigkeit mit den Überlegungen von Locke, Rousseau und Kant ergänzt und jenen Kontraktualismus auf eine höhere Abstraktionsstufe hebt (Maus, 2013, S. 65). Laut Rawls spielt also „die ursprüngliche Situation der Freiheit und Gleichheit [...] dieselbe Rolle wie der Naturzustand in der herkömmlichen Theorie des Gesellschaftsvertrags“ (Rawls, 1975, S. 28). Das abstrakte Gebilde des Urzustands ist ein Gedankenexperiment, welches keinem real existierenden Staat oder einer realen Gesellschaft gleicht und somit als Utopie zu beschreiben ist (Niedringhaus, 2014, S. 93). Jener Urzustand ist simplifiziert - jede vernunftbegabte Person hat dabei verschiedene Handungslmöglichkeiten, welche zu eroieren sind. Dabei haben die Personen einen Bezug zueinander und verfolgen fixe Ziele. Daraus folgt eine Ableitung der Handlungen aus den eigenen Überzeugungen und Zielen. Aus diesen Bedingungen soll weiter in jenem Urzustand ein Vertrag geschlossen werden, welcher einen fairen Charakter aufweisen soll (Kersting, 1994, S. 269). Dabei ist Fairness für Rawls vorhanden, wenn in einem gesellschaftlichen Konstrukt persönliche Beschränkungen und Gesamtvorteile gleichermaßen für die gesamte Gesellschaft bestehen (Rawls, 1975, S. 133). Die fiktiv angelegte Vertragssituation des Rawlsschen Urzustandes, innerhalb welcher sich die Individuen aus einem ebenfalls fiktiven Naturzustand herausbegeben, damit sie sich als gleiche, freie und politisch institutionalisierte Gesellschaft konstruieren, bezeichnet ebenso den Ort einer Abstraktion von jedwedem metaphysisch bzw. weltlich Gegebenem (Maus, 2013, S. 67). Der Aspekt, welcher die Frage nach den fairen Bedingungen stellt, wird im folgenden Kapitel beantwortet.

2.2.1.1 Schleier des Nichtwissens als Eröffnung der Fairness und Freiheit

Um faire Bedingungen für die Personen im Urzustand zu erlangen, bedarf es laut Rawls den „Schleier des Nichtwissens“ (Rawls, 1975, S. 141). Hinter jener Begrifflichkeit verbirgt sich ein Konstrukt, welches den Vertragsparteien ihre Kenntnis über die gesellschaftlichen Positionen nimmt und somit die gegenseitige Interessenlage unbekannt ist. Die eigene Nutzenmaximierung der Vertragsparteien muss somit unter die Direktive von Grundsätzen gestellt werden, damit die Grundinteressen jeder einzelnen Vertragspartei vertreten werden. Als Beispiel sei hier die soziale Stellung der Geschlechter genannt. Es wäre somit weder bekannt, ob das eigene Geschlecht das eines Mannes oder das einer Frau ist. Somit würde beispielsweise bei der Verteilung von Hausarbeit für die Gleichverteilung gestimmt werden (Maus, 2013, S. 70). Es soll also verhindert werden, dass ein persönlicher Vorteil bei einer Person entsteht (Hinsch, 2002, S. 56). Die Personen im Urzustand wissen nichts über ihre moralischen und gesellschaftlichen Positionen, sind dennoch trotzdem gezwungen, Gerechtigkeitsprinzipien zu wählen. Hierbei werden mehrere Funktionen erfüllt, wie die gleiche Ausgangsposition aller Personen, welche somit symmetrisch zu einander stehen. Damit ist ausgeschlossen, dass eine bestimmte Person höhere Privilegien besitzt, als eine andere. Das Ergebnis ist die Gleichheit aller Personen. An dieser Stelle sei erneut erwähnt, dass es sich um ein Gedankenspiel handelt. Dennoch ist es essentiell für die Theorie der Gerechtigkeit von Rawls, da mittels des Schleiers des Nichtwissens die Personen im Urzustand rationale Entscheidungen treffen können, ohne, dass jene durch die eigenen Ziele gestört werden (Hinsch, 2002, S. 56 f.).

Die Menschen, die im Urzustand ihre Entscheidungen treffen, sind demnach frei und gleich, was durch den Schleier des Nichtwissens garantiert wird. Jener schafft faire Bedingungen für alle, in ihrer Wahl der Grundsätze. Der Schleier des Nichtwissens (veil of ignorance) zwingt die Personen, ihre Gesellschaft insofern zu gestalten, dass sie aus jeder folgenden sozialen Rolle ihre eigene Position als gerecht bewerten würden. Hierbei wird der Anspruch auf Selbstachtung und der Wunsch nach einem würdevollen Leben vorausgesetzt. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit der Sicherung eines Mindeststandards an Grundgütern (Heidenreich, 2011, S. 118). Jene Grundgüter (primary goods) beschreibt Rawls als „Dinge, von denen man annehmen kann, daß [sic!] sie jeder vernünftige Mensch haben will" (Rawls, 1975, S. 83). Gemeint sind hierbei beispielsweise Rechte, Freiheiten und Chancen sowie materielle Güter wie Vermögen und Einkommen (Heidenreich, 2011, S. 118). Nachdem in diesem Kapitel die Beschreibung des Schleiers des Nichtwissens vollzogen wurde, geht das nächste Kapitel auf den Charakterzug der Vernunft innerhalb des Urzustandes ein.

2.2.1.2 Vernunft der Menschen im Urzustand

Bevor in den folgenden Kapiteln auf die Prinzipien von Gerechtigkeit nach Rawls’ Theorie der Gerechtigkeit eingegangen wird, dient das vorliegende Kapitel der Beschreibung der Vernünftigkeit der Vertragspartner im Urzustand. Voraussetzung für ebenjene Vernunft ist eine gemäßigte Güterknappheit. Die subjektiven Bedingungen sind gezeichnet von Konkurrenzgedanken und Interessensgegensätzen, begründet durch unterschiedliche Vorstellung der eigenen Ziele (Rawls, 1975, S. 151). Hierbei sind die Vertragspartner zweckrational vernünftig, woraus sich ergibt, dass die Individuen versuchen ihre eigenen Ziele optimal zu erreichen. Der Blick auf die anderen Individuen kann dabei völlig ausgeblendet werden - es gilt dabei gegenseitiges Desinteresse der nutzenmaximierenden Personen. Dadurch wird die Voraussetzung für die Evaluierung der Gerechtigkeitsgrundsätze geschaffen, welche sämtlichen Individuen zugleichermaßen zugutekommen sowie die Verpflichtung enthalten, die gegenseitigen Rechte zu achten. Diese Desinteressiertheit ist weiterhin gefärbt mit einer Neidlosigkeit (Maus, 2013, S. 67 f.). Die Grundgüter haben den gleichen Wert, sodass zwar ein Individuum mehr Grundgüter besitzen kann als das andere, dennoch ist die Vernunft dabei soweit ausgeprägt, dass die geringere Anzahl nicht den Grundgutwert verringert - mit der Ausnahme, jene Differenz resultiert aus einem ungerechten Akt (Schaber, 1991, S. 27 f.). Ein weiterer Charakterzug der vernunftbasierten Individuen im Urzustand ist es, dass jene sich Bewusst sind, dass es die höchste Priorität ist, dass die Freiheit bewahrt werden muss (Rawls, 1975, S. 166). Nachdem nun der Urzustand samt den Charakterzügen der Individuen beschrieben wurde, wird im folgenden Kapitel auf die Gerechtigkeitsgrundsätze nach der Theorie der Gerechtigkeit von John Rawls eingegangen. Die Beschreibung des Urzustandes war dabei essenziell, da sein vollständiges Arrangement der Herleitung der beiden Gerechtigkeitsgrundsätze dient (Maus, 2013, S. 71).

2.2.2 Grundsätze der Gerechtigkeit nach Rawls

In diesem Kapitel werden die Gerechtigkeitsgrundsätze von Rawls beschrieben und analysiert, um auf die Ausgangsfrage dieser Arbeit im späteren Verlauf dieser Arbeit eingehen zu können. Aus dem Urzustand ergeben sich laut Rawls zwei Konsequenzen, bzw. zwei Grundsätze der Gerechtigkeit, welche wie folgt lauten:

1. Jedermann soll gleiches Recht auf das umfangreichste System gleicher Grundfreiheiten haben, das mit dem gleichen System für alle anderen verträglich ist.
2. Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten sind so zu gestalten, daß [sic!] (a) vernünftigerweise zu erwarten ist, daß [sic!] sie zu jedermanns Vorteil dienen und (b) sie mit Positionen und Ämtern verbunden sind, die jedem offen stehen. (Rawls, 1975, S. 81)

In den beiden folgenden Kapiteln wird auf jene Gerechtigkeitsprinzipien einzeln genauer eingegangen.

2.2.2.1 Erstes Gerechtigkeitsprinzip

Das erste Gerechtigkeitsprinzip, welches im vorangegangenen Kapitel genannt wurde, wird in diesem Kapitel genauer betrachtet. Zunächst ist festzustellen, dass der Grundsatz zwei Punkte beschreibt. Einerseits ist es das Ziel des Grundsatzes, die Grundfreiheiten abzusichern. Anderseits sollen ebenso politische Rechte gewährleistet werden. Zusammenfügend lässt sich dabei sagen, dass jede Person politische Freiheit genießen soll. Dies hat zur Folge, dass bei politischen Entscheidungen von jeder Person Einfluss ausgehen kann und Partizipation möglich ist (Hinsch, 2002, S. 3). Somit geht weiter hervor, dass eine gerechte Gesellschaft nicht nur die Grundrechte zu schützen hat sowie Beteiligungsrechte anbieten soll, sondern vielmehr auch die effektive Versinnbildlichung der Grundfreiheiten materiell ermöglichen muss. Dies geschieht mittels der sozialen Umverteilung, wodurch unerträgliches Leid und Elend für sämtliche Bürger ausgeschlossen wird (Heidenreich, 2011, S. 119). Wie bereits im Kapitel 2.2.2.1 beschrieben, folgt dies vor allem durch bloßes Selbstinteresse der Bürger im Urzustand. Sie müssen damit rechnen, dass sie zu den an den schlechtesten gestellten Personen innerhalb ihrer Gesellschaft gehören. Daher werden sie die Struktur insofern mitlenken, dass auch die Armen der Gesellschaft menschenwürdig leben (ebd.).

Darüber hinaus beinhaltet das erste Prinzip der Gerechtigkeit weitere Aspekte der Freiheit. So soll es die Rede-, Versammlungs-, Gedanken-, und Gewissensfreiheit garantieren (Rawls, 1975, S. 82). Ferner werden dabei weitere Grundrechte des Menschen tangiert. So beispielsweise das Recht auf die Unversehrtheit des Körpers oder das Recht von Sicherheit und dem Freisein von geistiger oder körperlicher Unterdrückung bzw. Misshandlung. Schlussendlich ist das Recht auf Eigentum und privaten Besitz ebenfalls beinhaltet. Wie bereits beschrieben, sollen jene Rechte für alle Bürger identisch sein (Kersting, 1994, S. 72; Rawls, 1975, S. 82).

Soll jedoch tatsächlich die Verteilung der Gleichheit für alle gerecht sein, so ist dies mit dem genannten ersten Gerechtigkeitsprinzip noch nicht vollzogen. Dies kann nur erfüllt werden, wenn die Gesellschaft und ihr System das Ziel hat, dass alle Individuen ihre Freiheit bis zur Maxime ausüben können. Es darf dabei keine Beschränkung des Freiheitssystems stattfinden, wie es beispielsweise in totalitären Regimen zu beobachten ist (Kersting, 1994, S. 72 f.). Es kann ferner lediglich eine Ausnahme vollzogen werden, wenn Freiheit eingegrenzt wird, um sie zu schützen, ähnlich wie es beim Gesetzesvorrang im Grundgesetz der BRD der Fall ist. Aus diesem Grund muss am Schluss des vorliegenden Kapitels der erste Gerechtigkeitsgrundsatz noch einmal vorgelegt werden und im Sinne von Rawls neu formuliert werden: „Jedermann hat das gleiche Recht auf das umfangreiche Gesamtsystem von gleichen Grundfreiheiten, das für alle möglich ist" (Rawls, 1975, S. 282).

Nachdem nun auf das erste Gerechtigkeitsprinzip eingegangen wurde, wird im folgenden Kapitel ebenso auf das zweite Gerechtigkeitsprinzip genauer eingegangen.

2.2.2.2 Zweites Gerechtigkeitsprinzip

Dieses Kapitel legt den Fokus auf das zweite Gerechtigkeitsprinzip. Jenes will den Zustand garantieren, dass zwar nicht alle Grundgüter in einer Gesellschaft gleichmäßig verteilt werden müssen, allerdings soll dennoch für jedes Individuum ein Vorteil entstehen. Unter den Begriff der Grundgüter fallen dabei physische Besitztümer sowie das Einkommen und die Organisationsstruktur der Personen, welche die meiste Macht besitzen. Hierbei soll es für jedes Individuum möglich sein, an eine solche Machtposition innerhalb der gesellschaftlichen Organisationsstruktur zu kommen (Koller, 2013, S. 45). Ferner splittet Rawls die Möglichkeit des jedermanns Vorteil in zwei Interpretationsweisen auf. Zum einen das Prinzip der Pareto-Optimalität und zum anderen das difference principle (Differenzprinzip). Die Pareto-Optimalität beschreibt (Koller, 2013) nach Rawls wie folgt:

Die Zuweisung von Rechten und Pflichten durch die Grundstruktur ist dann optimal, wenn es unmöglich ist, diese Rechte und Pflichten so zu verändern, daß [sic!] sich die Aussichten mindestens einer Person verbessern, ohne daß [sic!] sich die Aussichten irgendeiner anderen Person verschlechtern. (S. 46)

[...]

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Betrachtung der globalen Klimagerechtigkeit auf Basis der Theorie der Gerechtigkeit von John Rawls
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
27
Katalognummer
V1009698
ISBN (eBook)
9783346397119
Sprache
Deutsch
Schlagworte
betrachtung, klimagerechtigkeit, basis, theorie, gerechtigkeit, john, rawls, Klima
Arbeit zitieren
Jonas Dahmen (Autor), 2020, Betrachtung der globalen Klimagerechtigkeit auf Basis der Theorie der Gerechtigkeit von John Rawls, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1009698

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