Lessing, G. E. - Emilia Galotti - Der Prinz - eine Marionette Marinellis oder triebhafter Bösewicht?


Referat / Aufsatz (Schule), 2001

11 Seiten


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Gliederung

A. DEFINITION DER BEGRIFFE „TRIEBE/TRIEBHAFT“ UND „MARIONETTE“

B. ERÖRTERUNG DER EINSCHÄTZUNG DES PRINZEN ALS „MARIONETTE MARINELLIS“ ODER ALS „TRIEBHAFTEN BÖSEWICHT“
I. Gründe für die Einschätzung des Prinzen als „Marionette Marinellis“
1. Manipulation des Prinzen durch Marinelli
1.1 Überzeugung, bzw. „Überrumpelung“ des Prinzen durch geschickte Argumentation und Unterschlagung, bzw. Verfälschung diverser Informationen
1.2 Nutzung der politischen Macht des Prinzen zur Regelung privater Angelegenheiten
2. Enstehung einer Torheit des Prinzen
2.1 Vorkommen der Einfallslosigkeit, bzw. Ausweglosigkeit des Prinzen
2.2 Übertragung der Ausführungsgewalt auf Marinelli
II. Gründe für die Einschätzung des Prinzen als „triebhaften Bösewicht“
1. Gesellschaftliche Aspekte
1.1 Hinwegsetzen über Gesetze und Machtmissbrauch
1.2 Despotischer Umgang mit Untertanen
1.3 Nutzbarmachung eines höheren Bildungsstandes und eines höheren Ansehens
1.4 Ausübung einer Gewissen- und Verantwortungslosigkeit in politischen Belangen
2. Persönliche Aspekte
2.1 Hochgradige Begierde nach Emilia und dadurch bedingte Skrupellosigkeit des Prinzen
2.1.1 Ausnutzen von Emilias Frömmigkeit
2.1.2 Empörung über Graf Appianis Tod nur im Hinblick auf die eigenen Konsequenzen
2.2 Sinnbild Emilias als reines Lustobjekt für den Prinzen
2.3 Kaltherzigkeit gegenüber Gräfin Orsina
III. Abwägen der Argumente für die Einschätzung des Prinzen als „triebhaften Bösewicht“ oder „Marionette Marinellis“ bzw. Rückgriff auf die Einleitung

C. Bezug zur Entwicklung vom Absolutismus zur Aufklärung

Um das von mir ausgewählte Thema, ob der Prinz als eine Marionette Marinellis oder einen triebhaften Bösewicht dargestellt wird, besser beantworten zu können, erscheint es sinnvoll, eine Definition der Begriffe „Triebe/triebhaft“ und „Marionette“ voran zu stellen. Der Begriff „Triebe“ wird Folgendermaßen definiert: „Seelische oder körperliche Antriebe, die ohne Vermittlung des Bewusstseins entstehen, gefühlsmäßig als Drang erlebt werden und das Bewusstsein (Denken, Wahrnehmen) einschränken können. Sie lösen Reizsuche und gerichtete Handlungen aus, die eine (lustbetonte) Triebbefriedigung zum Ziel haben,. I. e.S. werden zu den Trieben die angeborenen, körperlich begründeten Bedürfnisse gerechnet (z.B. Nahrungs- und Sexualtrieb); sie weisen Parallelen zum Instinkt und Appetenzverhalten beim Tier auf; im weiteren, z.T. übertragenen Sinn werden auch Motivationen, Bedürfnisse und Interessen als Triebe bezeichnet, die jedoch stark von geistig – psychischen Momenten geprägt sind. Auch Affektreaktionen werden z.T. als Triebhandlungen bezeichnet. Prinzipiell ist das menschliche Triebleben [im Unterschied zum tierischen] stark bildbar (Ablenkung auf andere Gegenstände, Aufschiebung der Triebbefriedigung, Sublimierung, Triebverzicht). [...]

Der Begriff „Marionette“ ist wie folgt erklärt: „Bewegliche Theaterfigur, die an Fäden, Stangen oder Drähten geführt wird. [...] Hier hat der Begriff eine übertragene Bedeutung und ist mit „willenloser Abhängiger“ gleichzusetzen.1

Im Folgenden werde ich darauf eingehen, inwiefern die obigen Definitionen auf die Handlungen der angesprochenen Punkte zutreffen.

Ich beginne mit den Argumenten, die den Prinzen Hettore Gonzaga von Guastalla als Marionette Marinellis darstellen, was sich in einer Manipulation des Prinzen durch seinen Kammerherrn Marinelli ausdrückt. Marinelli schafft es durch geschickte Überzeugungsarbeit und teilweise auch durch „Überrumpelungstaktiken“, den Prinzen von seinen Plänen und Vorhaben zu überzeugen, bzw. sie ihm schmackhaft zu machen. Diese Fähigkeiten kamen ihm offensichtlich bei seinem Aufstieg am Hofe zu Gute.

Auch erreichte er dadurch blindes Vertrauen des Prinzen. Deutlich wird auch seine rhetorische Begabung und seine List, als er die Auseinandersetzung mit dem Bräutigam von Emilia und Rivalen des Prinzen – Graf Appiani – Folgendermaßen schildert: „Daß ich noch mein Leben darüber in die Schanze schlagen wollte. - Als ich sahe, daß weder Ernst noch Spott den Grafen bewegen konnte, seine Liebe der Ehre nachzusetzen, versucht' ich es, ihn in Harnisch zu jagen. Ich sagte ihm Dinge, über die er sich vergaß. Er stieß Beleidigungen gegen mich aus, und ich forderte Genugtuung - und forderte sie gleich auf der Stelle. - Ich dachte so: entweder er mich oder ich ihn. Ich ihn: so ist das Feld ganz unser. Oder er mich: nun, wenn auch; so muß er fliehen, und der Prinz gewinnt wenigstens Zeit.“ (S.36,Z.16ff.) Er verfälscht die Situation jedoch grundlegend und stellt sich als tapferer Retter dar. Marinelli ging zum Schein auf das Duell ein, wusste aber, dass es überhaupt nicht stattfinden würde, weil er einen tödlichen Überfall auf die Hochzeitskutsche arrangiert hatte. Marinelli meint nämlich , als jener das Duell sofort stattfinden lassen will: „Nur Geduld, Graf, nur Geduld!“ (S.34,Z.39f.) Außerdem verheimlicht er dem Prinzen zunächst das Verbrechen mit dem geplanten tödlichen Ausgang und setzt Hettore erst nach und nach von seinen Plänen in Kenntnis. Dieser, von den Geschehnissen überrascht, stellt Marinelli zur Rede mit: „Was ist das ? was gibt’s ?“, worauf Marinelli antwortet: „Wie, wann ich tätiger wäre, als Sie glauben?“ (S.38,Z.7ff.) Einerseits vollzieht Marinelli von sich aus Verschiedene taktische Manöver, andererseits bietet der Prinz ihm durch sein törichtes Verhalten mehrfach Gelegenheit, ihn zu beeinflussen. Da der Prinz durch seine Begierde nach Emilia Galotti verblendet ist und keinen klaren Gedanken mehr fassen kann, verlässt er sich vollkommen auf die Handlungsfähigkeit seines treuen Marchese Marinelli, um seine Angebetete zu erobern. Dabei wirbt er nicht wie ein gewöhnlicher Sterblicher um seine Angebetete, sondern spielt seine absolutistische Position aus, was jedoch auf keine für ihn positive Resonanz stösst. Er verstrickt sich zunehmend in die Geschehnisse und vertraut Marinelli immer mehr. Die Hilflosigkeit des Prinzen und das blinde Vertrauen zu Marinelli kommt durch folgende Aussage Hettores zum Ausdruck: „ Sprach ich sie - Oh, ich komme von Sinnen! Und ich soll Ihnen noch lange erzählen? - Sie sehen mich einen Raub der Wellen: was fragen Sie viel, wie ich es geworden? Retten Sie mich, wenn Sie können: und fragen Sie dann.“ (S.16,Z.6ff.)

Der Prinz liefert sich Marinelli fast völlig aus, indem er ihm seine komplette Ausführungsgewalt erteilt. Hier fragt Marinelli den Prinzen: „Wollen Sie mir freie Hand lassen, Prinz? Wollen Sie alles genehmigen, was ich tue?“ Er bekommt darauf folgende Antwort: „Alles, Marinelli, alles, was diesen Streich abwenden kann.“ (S.16,Z.33ff.)

Diesen Argumenten stehen jene entgegen, die den Prinzen als triebhaften Bösewicht hinstellen. Hier ist zu erkennen, dass der Prinz seinen gesellschaftlichen Status stark ausreizt bzw. noch über seine Befugnisse hinaus Handlungen vollzieht. Dies ist an diversen Fakten und Handlungen des Prinzen zu konstatieren, die ich aufzählen und verdeutlichen werde. Hier ist zu nennen, dass der Prinz sich an keine Gesetze hält und seine Macht stark dazu missbraucht, um Emilia zu besitzen. Dies wird anhand von mehreren Szenen deutlich. Am Anfang des Buches taucht eine Schlüsselszene auf, die bereits in einem anderen Zusammenhang ausgeführt wurde und den Fortlaufe der Handlung weitgehend prägt. Hier fragt Marinelli den Prinzen: „Wollen Sie mir freie Hand lassen, Prinz? Wollen Sie alles genehmigen, was ich tue?“ Er bekommt darauf folgende Antwort: „Alles, Marinelli, alles, was diesen Streich abwenden kann.“ (S.16,Z.33ff.) Mit dem Wort „alles“ gibt Hettore Gonzaga, der Prinz, Marinelli faktisch die Vollmacht, zu Handlungen auch außerhalb der Legalität. Desweiteren taucht in einem Gespräch mit Marinelli folgender Ausspruch des Prinzen auf: „Nur, guter Freund, muss es ein kleines Verbrechen, ein kleines stilles, heilsames Verbrechen sein.“ (S.51,Z.20f.) Dieser Ausspruch des Prinzen zeigt seine geistige Einstellung gegenüber Moral und den Gesetzen. Er versucht, durch kleine unbemerkte Verbrechen seine Ziele zu erreichen, bzw. unliebsame „Steine“ aus dem Weg zu räumen. Kurz vor dem von Marinelli geplanten Überfall auf die Hochzeitskutsche erwähnt der Prinz, „dass es seine [meine] Art sei, dass er [ich] Leute Dinge verantworten lasse, wofür sie nicht können!“ (S.38,Z.1ff.) Dies zeigt ganz eindeutig, dass der Prinz lieber andere für seine Fehler einstehen lässt und welchen Umgang er mit seinem Untertanen pflegt, was zudem noch an anderen Textstellen zu erkennen ist. Der nahezu despotische Umgang mit seinen Volk offenbart sich nicht nur bei Handlungen gegenüber Außenstehenden, sondern auch gegenüber seinem treuen „Weggefährten“ Marinelli, der oftmals auch die Einstellung seines Herrn am eigenen Leibe zu spüren bekommt: „Ich habe zu fragen, nicht Er [Marinelli].“ (S.14,Z.24) Eine weitere Szene bekräftigt dies noch, als Odoardo seine Tochter Emilia vom Lustschloss Dosalo wieder mitnehmen will, Marinelli ihm jedoch entgegnet, dass „der Prinz es am besten zu beurteilen weiß [wissen]. Der Prinz entscheide.“ (S.69,Z.37f) Zum Ersten ist auch hier eine Übertragung der herrschaftlichen Verhaltensweise auf den Hofstaat zu spüren und zweitens kann man ganz deutlich eine Bevormundung Odoardos erkennen, dem nicht einmal erlaubt wird, seine Tochter nach Hause mit zunehmen, was sich nach so einem Vorfall normalerweise von selbst verstünde. Das charakteristischste Merkmal für den despotischen Umgang mit seinen Volk liefert der Prinz am Schluss des Trauerspiels, indem er seinen treuesten Berater, Marinelli, mit den Worten: „Geh, dich auf ewig zu verbergen! – Geh!“ (S.79,Z.21f) seines Hofes verweist. Somit verändert sich die Einstellung des Prinzen gegenüber Marinelli abrupt. Am Anfang wusste der Prinz noch keinen Ausweg aus „seinem Desaster“ und war Marinelli sehr dankbar für dessen Hilfe, doch jetzt stuft er Marinelli als den eigentlichen „Schurken“ dieser Misere ein und sieht in seiner Person keinen persönlichen Nutzen mehr. Es liegt der Verdacht nahe, dass der Prinz für die Öffentlichkeit einen Sündenbock für die Missetat gefunden hat.

Bezeichnend ist auch folgende Szene, in der Claudia Galotti, die Mutter Emilias, nach einem erbitterten Gespräch mit Marinelli, nachdem er den Prinzen erblickt hatte, wieder „guter Dinge“ ist. Der Prinz streitet dies zwar vehement ab, doch ist es offensichtlich, dass die noch teilweise dem Absolutismusgedanken zugeneigte Claudia Galotti von der Aura bzw. von der gesellschaftlichen Stellung des Prinzen geblendet ist. Marinelli fasst dies in folgende Worte: „Wenn Sie gesehen hätten, Prinz, wie toll sich hier, hier im Saale, die Mutter gebärdete - Sie hörten sie ja wohl schreien! - und wie zahm sie auf einmal ward, bei dem ersten Anblicke von Ihnen - - Ha! ha! - Das weiß ich ja wohl, dass keine Mutter einem Prinzen die Augen auskratzt, weil er ihre Tochter schön findet.“ (S.49,Z.10ff.) Marinelli verinnerlicht die damalige Denkweise der ihm höher Gestellten sehr überzeugend: „Ha! man sollt' es voraus wissen, wenn man so töricht bereit ist, sich für die Großen aufzuopfern - man sollt' es voraus wissen, wie erkenntlich sie sein würden.“ (S.36,Z.27ff.) Des Weiteren legt der Prinz eine große Vernachlässigung seiner politischen Amtspflichten zu Tage. Er frönt seinen Liebschaften, die ihm teilweise um einiges wichtiger und angenehmer als seine „traurigen Geschäfte“ (S.5,Z.6f) sind. Auch sind seine politischen Entscheidungen sehr willkürlich und triebgesteuert. Hier ist eine prägnante Szene zu erwähnen, die sich unmittelbar am Anfang der Handlung ereignet. Der Prinz sitzt vor einem Schreibtisch voller Bittschriften, die er eher ungern durchsieht, und stößt auf ein Bittgesuch einer gewissen Emilia Bruneschi, dem er nur aus dem einen Grund stattgibt, weil der Vorname identisch ist mit dem einer entzückenden Dame namens Emilia Galotti.

Lessing eröffnet das Stück mit den Worten des Prinzen: „Klagen, nichts als Klagen! Bittschriften, nichts als Bittschriften! - Die traurigen Geschäfte; und man beneidet uns noch! - Das glaub ich; wenn wir allen helfen könnten: dann wären wir zu beneiden. - Emilia? Eine Emilia? - Aber eine Emilia Bruneschi - nicht Galotti. Nicht Emilia Galotti! - Was will sie, diese Emilia Bruneschi? Viel gefordert, sehr viel. - Doch sie heißt Emilia. Gewährt!“ (S.5,Z.4ff.)

In einer weiteren Szene kommt es zu einem Aufeinandertreffen des Prinzen mit Camillo Rota, einem Ratgeber des Prinzen, der ihm ein Todesurteil unterbreitet. Der Prinz ist jedoch nur damit beschäftigt, möglichst schnell zu Emilia Galottis Andacht in der Kirche zu gelangen und will das Todesurteil, ohne es weiter zu prüfen, „recht gern“ (S.18,Z.18) signieren. Rota erkennt die Torheit des Prinzen und weiß mit einem geschickten Schachzug, Herr der Situation zu werden.

Von den gesellschaftlichen Aspekten zu den persönlichen, die insbesondere von einem starken Egoismus geprägt sind. Hier ist zu nennen, dass das Ziel der vom Prinzen vollzogenen bzw. in Auftrag gegebenen Maßnahmen eindeutig auf die „Eroberung“ Emilia Galottis gerichtet ist. Der Prinz führt diverse teilweise auch sehr unmoralische Schritte. Er weiß zum Beispiel, dass „seine“ Emilia Galotti sehr fromm ist und sogar vor der Trauung noch eine Andacht vollzieht. Selbst ins Gotteshaus folgt er ihr. Der Prinz rechnet damit, dass Emilia Galotti ihm bei einer Begegnung an diesem Ort nichts zu entgegnen wagt. Diese Handlung erzählt Emilia daraufhin ihrer Mutter: „Eben hatt' ich mich - weiter von dem Altare, als ich sonst pflege - denn ich kam zu spät -, auf meine Knie gelassen. Eben fing ich an, mein Herz zu erheben: als dicht hinter mir etwas seinen Platz nahm. So dicht hinter mir! [...] Aber es währte nicht lange, so hört' ich, ganz nah an meinem Ohre - nach einem tiefen Seufzer - nicht den Namen einer Heiligen - den Namen - zürnen Sie nicht, meine Mutter - den Namen Ihrer Tochter! - Meinen Namen! – [...] Es sprach von Schönheit, von Liebe – [..] Ich zitterte, ihn zu erblicken, der sich den Frevel erlauben dürfen. Und da ich mich umwandte, da ich ihn erblickte.“ (S.25,Z.26ff.) Die Skrupellosigkeit des Grafen wird auch deutlich, als der Prinz sich nur über den Tod Graf Appianis aufregt, weil er selbst als Täter infrage kommen könnte und dadurch die Chancen bei seiner Angebeteten schlagartig sinken würden. Er will deshalb auf keinen Fall, dass es öffentlich wird, da er ja durch den Kirchengang sich selbst als Täter in Verdacht gebracht hat. Seine Befürchtungen äußern sich Folgendermaßen: „Sie überraschen mich auf eine sonderbare Art. – Und eine Bangigkeit überfällt mich – Wornach sehen Sie?“ (S.38,Z.28ff.)

Sein starker Egoismus spiegelt sich größtenteils darin wider, dass Emilia für den Prinzen ein reines Lustobjekt darstellt. Allein schon die Tatsache, dass er kurz vor seiner Vermählung – einer reinen Vernunftehe, wie sie damals aus politischen Gründen oft eingegangen wurde – mit der Gräfin von Massa steht und dennoch eine weitere Geliebte gewinnen will, belegt dies. Deswegen denkt er auch niemals über eine Heirat – wie Graf Appiani – mit Emilia nach, da er ja sonst seine Stellung, seinen Einfluss und seine Geltung verlieren würde, da Emilia einer bürgerlichen Familie entstammt. Am Schluss wird deutlich, dass der Prinz nur den persönlichen Verlust seines Lustobjekts, nicht jedoch den Tod eines Menschen bedauert, da er nicht lange trauert und einen angeblichen Hauptschuldigen – Marinelli – benennt und des Landes verweist. (S.79,Z.16ff.) Auch aus seiner Kaltherzigkeit gegenüber seiner ehemaligen Geliebten Orsina, wird deutlich, dass der Prinz auch Emilia nur besitzen will und nach einiger Zeit wahrscheinlich ebenso fallen lassen würde. Sein Missfallen gegenüber Orsina äußert er wie folgt: „Desto schlimmer - besser, wollt' ich sagen. So braucht der Läufer umso weniger zu warten.“ (S.5/6,Z.34/1) Diese Reaktion des Prinzen wurde durch das Eintreffen der Gräfin Orsina in der Stadt hervorgerufen. Dass er sie auch später am Tag nicht empfangen will, bekräftigt die Einstellung und Haltung des Prinzen.

Bei Abwägung der verschiedenen aufgeführten Aspekte ist zu erkennen, dass der Prinz nur vordergründig als Marionette Marinellis bezeichnet werden kann, „bohrt“ man jedoch tiefer und analysiert die Handlungen beider Personen, kommt man zu dem Schluss, dass Marinelli zwar geschickt die Schwächen und Verblendungen des Prinzen, hervorgerufen durch seine Triebhaftigkeit, für seine persönlichen Zwecke ausnutzt, doch scheint er nicht an staatspolitischen Inhalten interessiert zu sein. Er handelt mehrfach im Interesse des Prinzen, wohl wissend, dass er dadurch gegen diverse Gesetze verstösst. Aber im Grunde genommen ist es der Prinz, der Marinelli teilweise benutzt, um seine Triebhaftigkeit zu stillen. Verweist Hettore Gonzaga von Guastalla Marinelli am Ende des Buches doch mit den Worten: „Nun? Du bedenkst dich? - Elender! - Nein, dein Blut soll mit diesem Blute sich nicht mischen. - Geh, dich auf ewig zu verbergen! - Geh! sag ich. - Gott! Gott! - Ist es, zum Unglücke so mancher, nicht genug, daß Fürsten Menschen sind: müssen sich auch noch Teufel in ihren Freund verstellen?“ (S.79,Z.18-

24) In dieser äußerst kritischen Situation kann man erkennen, dass der Prinz trotz der eingetretenen Katastrophe noch zu politischen Handlungen fähig ist. Wenn der Prinz ein willenloses Instrument Marinellis gewesen wäre, hätte er ihn auf gar keinen Fall entlassen und hätte wahrscheinlich resigniert. Zum Schluss behalten jedoch sein Selbsterhaltungstrieb und sein politisches Kalkül die Oberhand. Vielmehr kann man den Prinzen alstriebhaftenBösewicht einstufen. Es hat den Anschein, dass er nicht von Grund auf bösartig ist, doch vergisst er in seiner außerordentlichen Begierde und seines hochgradigen Triebes seine politische Verantwortung und nutzt seine Stellung gezielt aus, um persönliche egoistische Ziele zu erreichen. Dabei nimmt er billigend in Kauf, dass nicht nur seine Staatsgeschäfte darunter leiden, sondern auch Menschenleben zu Schaden kommen. Die Triebhaftigkeit des Prinzen überdeckt möglicherweise rationalere Verhaltensstrukturen des Prinzen. Somit trifft die in der Einleitung angesprochene Definition der „Triebe“ vielmehr auf das Handeln und Verhalten zu als das der Marionette.

Das Stück „Emilia Galotti“ ist im Spätabsolutismus entstanden, was die Tatsache erklärt, dass Lessing sein Werk in Italien spielen lässt, da es wohl kaum die Chance hätte, zur damaligen Zeit in seiner Heimat aufgeführt zu werden, wenn es in Deutschland spielen würde. Es kann meines Erachtens eindeutig als Anstoss Lessings verstanden werden, dem absoluten Herrschaftsanspruch des Adels nicht mehr zu folgen und bürgerlichen Werten, Tugenden und Vorstellungen, wie persönlicher Ehre, autonomem Denken, Reinheit, Toleranz, Gleichheit, Bescheidenheit, moralisches Verhalten, Naturverbundenheit und Bildung nachzugehen.2

Literaturverzeichnis

A) Primärliteratur

Lessing, Gotthold Ephrahim: Emilia Galotti. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 1994

B) Sekundärliteratur

- Frenzel, Herbert A. und Elisabeth: Daten deutscher Dichtung. Chronologischer Abriss der deutschen Literaturgeschichte von den Anfängen bis zum Jungen Deutschland. Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch 1953.

- dtv Lexikon. Mannheim: Verlag F.A. Brockhaus 1997.

- Diverse Deutschunterrichtsstunden bei Frau Seidenspinner

- Diverse Internetseiten (keine wörtliche Übernahme, nur Anstösse), u.a.: http://www.bboxbbs.net/home/sparta/Galotti.htm http://www.thunder-2000.de/know/referate/galot01.htm

[...]


1 dtv Lexikon. München: Verlag F.A. Brockhaus 1997.

2 Deutschunterrichtsstunde im Oktober 2000

10 von 11 Seiten

Details

Titel
Lessing, G. E. - Emilia Galotti - Der Prinz - eine Marionette Marinellis oder triebhafter Bösewicht?
Autor
Jahr
2001
Seiten
11
Katalognummer
V100975
Dateigröße
360 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lessing, Emilia, Galotti, Prinz, Marionette, Marinellis, Bösewicht
Arbeit zitieren
Markus Funk (Autor), 2001, Lessing, G. E. - Emilia Galotti - Der Prinz - eine Marionette Marinellis oder triebhafter Bösewicht?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/100975

Kommentare

  • Gast am 15.1.2002

    hausaufsatz.

    genau s gleiche thema wie main hausaufsatz!wortwörtlich! THX

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