Formen und Bedeutung des Erzählens in Walter Moers' "Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär"

Von Seemannsgarn und anderen Geschichten


Hausarbeit, 2020

33 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Figur des Erzählers
2.1 Käpt’n Blaubär als bekannte erzählende Figur
2.2 Blaubär als autodiegetischer Erzähler
2.3 Blaubärs Weg zum berühmten Erzähler
2.4 Blaubär als unzuverlässiger Erzähler

3. Formen und Funktionen von Erzählen
3.1 Erzählen als Überlieferung und Wissensvermittlung
3.2 Erzählen als Unterhaltung
3.3 Erzählen als Kunst
3.4 Erzählen als Beruf

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit befasst sich mit der Thematik des Erzählens in Walter Moers’ Roman Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär.1 Erstmals 1999 erschienen bildet der Roman des Zeichners den Auftakt zu einer Reihe mehrerer im selben Raum angesiedelter Werke, den Zamonien-Romanen. Ohne auf eine spätere inhaltliche Fortsetzung der erzählten Geschichte abzuzielen dient Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär vielmehr der Einführung des Lesers in den fiktiven Kontinent Zamonien, der ebenfalls Handlungsort der nachfolgenden Romane ist.

Blaubär, der Protagonist des ersten Bandes der Reihe, ist keine von Moers eigens für den Roman konzipierte Figur; vielmehr handelt es sich um eine Adaption aus einem anderen Medium: Einem breiteren Publikum bekannt ist er bereits als Käpt’n Blaubär, einer Figur des Kinderfernsehens, die regelmäßig in kurzen Episoden in der Sendung mit der Maus auftritt.

In diesen Kurzfilmen lebt Käpt’n Blaubär gemeinsam mit seinen drei Enkeln und seinem Leichtmatrosen in seinem auf einer Klippe gestrandeten Schiff. Im Zentrum der einzelnen Episoden stehen die Geschichten, die der blaue Bär seinen Enkeln erzählt, deren Ausgangspunkt jeweils ein nahezu unglaubliches Erlebnis seiner eigenen bewegten Vergangenheit als aktiver Seemann darstellt. Die Wahrhaftigkeit des Erzählten wird durch die drei Bärchen hierbei regelmäßig angezweifelt, die Glaubwürdigkeit des Großvaters in Frage gestellt und seine Geschichten als bloßes Seemannsgarn abgetan.

In seinen Roman übernimmt Walter Moers lediglich Blaubär als Protagonisten; erzählt wird die erste Hälfte von dessen Lebensgeschichte. Wenngleich sich Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär eher an eine jugendliche beziehungsweise erwachsene Leserschaft als an Kinder richtet und sich in struktureller Hinsicht deutlich vom bekannten Fernsehformat unterscheidet, so ist dennoch auch dort das Erzählen in den unterschiedlichsten Formen von zentraler Bedeutung für die Handlung. Diese verschiedenen Formen des Erzählens sowie die Funktionen davon, die innerhalb des Romans eine Rolle spielen, sollen im Folgenden betrachtet werden.

Die Untersuchung gliedert sich in zwei Teile: Der erste Teil widmet sich der Figur des Erzählers selbst, der zweite Teil dagegen befasst sich mit dem Motiv des Erzählens und dessen Gestaltung im Roman.

Da es sich beim Ich-Erzähler um Blaubär selbst handelt, soll im ersten Abschnitt dieser als Figur und in seinen Eigenschaften als Erzähler ins Auge gefasst werden. Hierbei werden verschiedene Aspekte untersucht.

Zunächst wird der veränderte Kontext betrachtet: Vor welchem Hintergrund ist die Figur des Blaubären bekannt; welche Charakteristika zeichnen ihn aus? Wie wird eine Überführung in den Rahmen eines anderen Mediums vorgenommen und in welcher Form wird seine Geschichte nun präsentiert? An dieser Stelle wird auch Blaubärs Position als autodiegetischer Erzähler des Romans betrachtet.

Anschließend wird untersucht, welche Stationen seines Lebens den Bären besonders prägen im Hinblick auf seine Erzählkunst und ihn auf den Weg bringen zu seiner als Geschichtenerzähler schlechthin bekannten Persönlichkeit und dahingehend formen.

Daran anknüpfend stellt sich – sowohl vor dem Hintergrund der aus seiner Fernsehkarriere bekannten Vorliebe des Seebären für das Erzählen fantastischer Geschichten als auch seinem im Roman dargestellten Bildungsweg zum Meister des Erzählens – die Frage nach der Glaubwürdigkeit beziehungsweise Zuverlässigkeit der Erzählinstanz. In diesem Rahmen sollen einige Beispiele aus dem Roman untersucht werden, an denen die Unzuverlässigkeit des Erzählers deutlich wird und die das spätere Image des Charakters als Lügenbär somit zu bestätigen scheinen. Die theoretische Grundlage für die Untersuchung der Glaubwürdigkeit bildet Ansgar Nünnings Ausführung zur unreliable narration und den Merkmalen, an denen sie kenntlich wird.

Im zweiten Abschnitt soll das Erzählen im Hinblick auf die verschiedenen Funktionen, die ihm im Roman zuteilwerden, untersucht werden: Erzählen kann in unterschiedlichen Formen in Erscheinung treten und dabei verschiedene Funktionen – unter Umständen auch mehrere zugleich – erfüllen. Näher betrachtet werden sollen die in Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär bildenden beziehungsweise belehrenden Intentionen des Erzählens sowie die Funktion der Unterhaltung. Zudem werden die Darstellungen des Erzählens als Kunst und als Beruf ins Auge gefasst. Von besonderer Bedeutung soll hierbei der Abschnitt über Blaubärs Zeit als Lügengladiator beziehungsweise –könig sein.

Abschließend werden die Ergebnisse zusammengefasst, aufeinander bezogen und ein Gesamtfazit bezüglich der Darstellung und Bedeutung des Erzählens sowie den damit verbundenen Aspekten im Roman gezogen.

2. Die Figur des Erzählers

Er gehört zur Familie der Buntbären, etwa zwei Meter großen Säugetieren mit Sprachbegabung […]. Einst lebten die Bären, von denen nicht zwei dieselbe Fellfarbe aufwiesen, friedlich im Großen Wald, nun aber scheint der dunkelmarine Bär ihr letzter Vertreter.2

Dieser Bär, der seinen Namen seinem blauen Pelz verdankt, ist stark anthropomorphisiert: Obgleich er als Lebewesen unzweifelhaft dem Tierreich zuzuordnen ist, weist er charakteristische menschliche Eigenschaften auf; so ist er beispielsweise in der Lage zu sprechen, trägt Kleidung und hat einen festen, dem häuslichen Leben der Menschen ähnelnden, Wohnsitz auf seinem gestrandeten Schiff.

Blaubär ist Erzähler des Romans sowie Haupt- und Titelfigur zugleich; zudem ist er zum Zeitpunkt des Erscheinens des Romans bereits als Charakter bekannt und hat als Erzähler einen gewissen Ruf, der mit bestimmten Erwartungen verbunden ist. Diese Faktoren machen ihn zu einer vielschichtigen Figur, die im folgenden Abschnitt, beginnend mit dem bekannten Hintergrund des Bären, genauer betrachtet werden soll.

2.1 Käpt’n Blaubär als bekannte erzählende Figur

Seinen ersten Auftritt hat der blaue Bär bereits Anfang der 1990er Jahre im Kinderprogramm des Fernsehens: „Moers’ Geschichten waren ursprünglich für Das Sandmännchen geschrieben; später spannen sie andere Autoren […] für Die Sendung mit der Maus weiter“.3 In kurzen, nur wenigen Minuten dauernden Episoden, die nach einem stets ähnlichen Schema ablaufen, gibt Käpt’n Blaubär dort so manche unglaubliche Geschichte zum Besten.

In Erscheinung tritt er als Seemann im Ruhestand, der seinen Lebensabend auf seinem Kutter Elvira, der nun auf einer Klippe oberhalb des Meeres liegt, verbringt. Gemeinsam mit ihm leben dort auch seine Enkel, drei junge Bären in den Farben Grün, Gelb und Rosa. Zusätzliche Gesellschaft kommt von seinem ehemaligen Leichtmatrosen, einer geistig minder bemittelten Wasserratte mit dem sprechenden Namen Hein Blöd. Zunächst nur ein mehr oder weniger regelmäßiger Besucher auf dem gestrandeten Schiff lässt auch dieser sich dort schließlich dauerhaft nieder und wird fester Bestandteil der häuslichen Gemeinschaft. Zuweilen treten auch verschiedene andere Figuren auf, den Kern des Personals aber bildet das fünfköpfige Gespann um den blauen Seebären. Dieses den Rahmen des Formats bildende Gefüge wird in Form eines Puppentrickfilms dargestellt.

In Form von comicähnlichen Einblendungen wird der stets wiederkehrende Kernpunkt der einzelnen Episoden präsentiert: die Geschichten, die Käpt’n Blaubär seinen Enkeln und seinem Matrosen auftischt und die mutmaßliche Geschehnisse seiner eigenen Vergangenheit als aktiver Seebär zum Inhalt haben.

Seine Erzählungen sind handwerklich solides Seemannsgarn, das die Kinder aufgrund der Abenteuerlichkeit und Farbenprächtigkeit aller Geschichten fasziniert, der Zweifelhaftigkeit des Erzählten wegen aber auch skeptisch und belustigt verfolgen. Die Geschichten Blaubärs sind bramarbasierende Lügengeschichten.4

Die Geschichten des weit gereisten Kapitäns berichten von zuweilen nahezu unfassbaren Erlebnissen des Bären und erscheinen so fantastisch, dass bereits die jungen Bären Zweifel an deren Glaubwürdigkeit und Wahrheitsgehalt hegen; regelmäßig bezichtigen sie ihren Großvater der Lüge. Als Reaktion auf diesen Vorwurf sieht der Beschuldigte sich wiederholt gezwungen, einen schlagkräftigen Beweis für die Wahrhaftigkeit seiner Erzählung zu erbringen. Zu diesem Zweck werden die unterschiedlichsten Objekte oder Argumente, die scheinbar jeden Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Geschichte auslöschen, vorgebracht, die die Bärchen mal mehr, mal weniger überzeugen. Hein Blöd, der als Figur häufig selbst in die Erzählungen des Käpt’n involviert ist, scheint – so er sich denn zu den Schilderungen äußert – als zuverlässiger Zeuge keinerlei oder nur sehr wenig Geltung zu besitzen, möglicherweise aufgrund seiner beschränkten geistigen Fähigkeiten.

Das Image, das den auf diese Weise einem breiten Publikum bekannt gewordenen blauen Bären auszeichnet, ist somit geprägt von seiner Vorliebe für das Spinnen von Seemannsgarn sowie seiner Neigung, die Wahrheit hier und da etwas auszuschmücken: „Käpt’n Blaubär ist als Kultfigur einer Zeichentrickserie (nicht nur) für Kinder aus der Sendung mit der Maus zum sprichwörtlichen Lügenbär geworden.“5

Diese Kultfigur erfährt nun mit dem Erscheinen von Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär „eine besondere Form des Medienwechsels, in der zwar Bezüge zwischen dem Ausgangsmedium und der fremdmedialen Adaption hergestellt werden, in der aber ganz unterschiedliche Inhalte vermittelt werden.“6 Übernommen wird lediglich die Figur des Blaubären selbst – da der Roman in der ersten Hälfte von dessen Leben spielt in deutlich jüngeren Jahren und noch ohne Kapitänspatent –, andere aus der Fernsehserie bekannte Charaktere spielen keine Rolle. Der erzählerische Rahmen hat sich somit verändert: An die Stelle von kurzen, in sich geschlossenen Geschichten über (angebliche) vergangene Erlebnisse tritt die Schilderung der ersten Lebenshälfte des Protagonisten, die sich zwar in einzelne Episoden gliedern lässt – die bereits im Titel erwähnten „13½ Leben“ –, die allerdings chronologisch aufeinander aufbauen und somit gemeinsam einen größeren Zusammenhang bilden.

Unverändert bleibt dabei der Ruf Blaubärs als fabulierender Seebär im Hintergrund bestehen:

Im Kern bleibt der Blaubär dennoch als lügenhafte Figur konnotiert: ein Seebär, der munter sein Seemannsgarn spinnt. Moers spielt […] konsequent mit dieser Zuschreibung und konstruiert so ein Netz aus fabulierenden Lügen und fantastischen Geschichten um die Lebensgeschichte des Blaubären.7

Diese Lebensgeschichte, beziehungsweise die erste Hälfte davon, wird nun in Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär erzählt und zwar von niemand anderem als dem bekannten Seebären selbst: Walter Moers inszeniert Blaubär als Autor seiner eigenen (fiktiven) Autobiografie.

2.2 Blaubär als autodiegetischer Erzähler

Der vollständige Titel des Romans lautet: Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär. Die halben Lebenserinnerungen eines Seebären; mit zahlreichen Illustrationen und unter Benutzung des „Lexikons der erklärungsgebedürftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomene Zamoniens und Umgebung“ von Prof. Dr. Abdul Nachtigaller (S.3). Bereits durch die Erwähnung der „Lebenserinnerungen“ im Untertitel wird auf den biografischen Charakter der Geschichte hingewiesen. Aus dem der eigentlichen Erzählung vorangestellten Vorwort wird zusätzlich ersichtlich, dass es sich um eine Autobiografie handelt; Blaubär als Protagonist des Romans tritt zugleich als dessen Erzähler und fingierter Autor in Erscheinung: „die Hauptfigur [erzählt] als autodiegetischer Erzähler über sich selbst“.8

Das kurze Vorwort liefert einen Einblick in die Intention des Ich-Erzählers, nämlich die ersten dreizehneinhalb von den insgesamt 27 Leben, die ein Blaubär hat, schriftlich festzuhalten (S.6), da er diesen offenbar eine große Bedeutung auch für künftige Generationen beimisst: „Meine Lebenserinnerungen müssen der Nachwelt erhalten bleiben.“ (S.7). Die Unterschrift am Ende des Vorworts, die den Erzähler als „Käpt’n Blaubär“ (ebd.) präsentiert, verdeutlicht zusätzlich, dass es sich um ein retrospektives Erzählen handelt; der gealterte Protagonist blickt zurück auf sein jüngeres Ich, das – während des gesamten Handlungsverlaufs nur als „Blaubär“ bezeichnet – am Beginn seines Lebens steht und von der gegenwärtigen Position des Erzählers noch ebenso weit entfernt ist wie von dessen Status als Kapitän. „Blaubär erzählt […] aus einer nachzeitigen Position […] die erste Hälfte seiner 27 Leben und erwähnt explizit die autobiographisch motivierte Rückblick-Situation.“9 Das vorangestellte Vorwort sowie die dieses abschließende Unterschrift als Gattungsmerkmale zeichnen das Werk somit als Autobiografie beziehungsweise als Fiktion einer solchen aus.10

Im Anschluss an das programmatische Vorwort beginnt der Erzähler mit der angekündigten Schilderung seiner ersten dreizehneinhalb Leben:

Jedes Leben des Seebären erhält hier ein eigenes Kapitel, wobei ‚Leben’ nicht anders zu verstehen ist als ein erfolgreich absolviertes, ortsgebundenes Abenteuer. […] Die Aneinanderreihung der Leben ergibt dabei eine große Reise über weite Teile des Kontinents Zamonien.11

In chronologischer Reihenfolge berichtet Blaubär von seinen Erlebnissen, beginnend bei dem ersten, woran er sich erinnert, bis hin zum vorläufigen Happy End, das in der Mitte seines gesamten Lebens steht. Der am Anfang des ersten Lebens stehende Verweis auf „[s]eine erste Erinnerung“ (S.15) rückt den Erzähler in die Nähe des „Erinnerung reflektierenden Autobiographen des 20. Jahrhundert[s]“12 und betont somit erneut den autobiografischen Status der Geschichte.

Der Leser, der häufig direkt angesprochen wird, begleitet den Bären nun auf seinem Weg durch die einzelnen Episoden seines Lebens, die von unterschiedlicher Länge sind, wie der Erzähler am Ende des Werkes selbst rückblickend reflektiert: „Das Leben ist kurz, behauptet man. Ansichtssage, sage ich. Die einen sind kurz, die anderen sind lang, und manche sind mittel.“ (S.703). Gestützt wird die Schilderung dieser verschiedenen Abenteuer, die der Protagonist durchlebt, durch einen zusätzlichen, ebenfalls bereits im Untertitel angeführten Text – dem „Lexikon der erklärungsbedürftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomene Zamoniens und Umgebung“ von Professor Nachtigaller, einem Lehrer Blaubärs. Immer wieder wird die Erzählung durch den Einschub einzelner Lexikoneinträge unterbrochen, die die Erlebnisse des Erzählers wissenschaftlich untermauern oder zusätzliche Erläuterungen zu beschriebenen Ereignissen und Phänomenen bieten sollen.

Neben den Parallelen zur Autobiografie besteht durch die Grundsituation eines Ich-Erzählers, der in chronologischer Reihenfolge unterschiedliche Lebensabschnitte schildert, auch eine Ähnlichkeit mit der Gattung des Schelmenromans:

Schelmenromane, die sich durch einen ‚unzuverlässigen Erzähler’, durch episodische Reihung und durch ein para-enzyklopädisches Weltpanorama auszeichnen, sind Autobiographiefiktionen. In dieser Untergattung des Romans […] erzählt ein Schelm als autodiegetischer Erzähler eine episodische Lebensgeschichte, die ihn vertikal durch alle gesellschaftlichen Schichten und horizontal durch die Weite der Welt führt.13

Von einer solchen Reise, die ihn durch die Welt bis hin zum Kontinent Zamonien und quer durch diesen hindurch führt und in deren Verlauf er die verschiedensten gesellschaftlichen Positionen einnimmt, weiß auch der autodiegetische Erzähler Blaubär zu berichten.

Während der geschilderten dreizehneinhalb Leben macht der Ich-Erzähler zahlreiche Erfahrungen, die ihn eingehend prägen und meistert „immer neue, meist nur durch Gewitztheit und List halbwegs bewältigbare Lagen.“14 Vor allem aber lernt er eines: das Erzählen von Geschichten. Das erzählende Ich Käpt’n Blaubär, das bereits einen Ruf als bekannter Geschichtenerzähler genießt, lässt seine Leserschaft nicht nur an seinem abenteuerlichen Lebensweg vom Findelkind bis hin zum erwachsenen Buntbären teilhaben; zugleich vermittelt er den ganz besonderen Bildungsweg, den er in jungen Jahren beschreitet, auf dem das Erzählen in allen Facetten perfektioniert und zur Kunstform erhoben wird und der ihn schließlich in die Position dessen führt, der nun in seiner Kajüte sitzt und die Geschichte niederschreibt: eines Großmeisters der Unterhaltungs- und Erzählkunst.

2.3 Blaubärs Weg zum berühmten Erzähler

Zu Beginn des Romans trennt Blaubär noch ein weiter Weg von seinem Image als Erzähler fantastischer Geschichten – beim Einsetzen der Handlung kann er selbst noch nicht einmal sprechen (S.59). So sind seine ersten Erfahrungen mit Erzählungen in Form mündlicher Kommunikation rein passiver, aber dennoch intensiver Natur: Bei den Zwergpiraten, die das verlassene Bärenkind aus dem Ozean fischen (S.19), wird in einem fort gesungen, gegröhlt und wild geprahlt (S.24). Bereits in seinem zarten Alter zeigt das blaue Bärchen sich beeindruckt:

Oft habe ich damals […] den grandiosen Aufschneidereien der Zwergpiraten gelauscht. Ich gebe allerdings gerne zu, daß diese Art von blümeranter Ausschmückung und üppiger Phantasie Wirkung auf mich hatte. Was ich von ihnen lernte, war, daß eine gute Notlüge oft wesentlich aufregender ist als die Wahrheit. Es ist so, als würde man der Wirklichkeit ein schöneres Kleid geben. (S.23)

So erkennt Blaubär bereits in dem Umfeld, das ihn im ersten seiner Leben umgibt und durch bloßes Zuhören die Bedeutung der Fantasie sowie die Wirkungen, die man mit ihr und kleinen, kreativen Anpassungen der Wahrheit erzielen kann.

Weitere für sein späteres Erzählen zentrale Fertigkeiten erwirbt er in seinem zweiten Leben, welches er auf der Klabauterinsel verbringt, nachdem die Zwergpiraten ihn auf dieser – aufgrund seiner zunehmenden Körpergröße – aussetzen. Die dort lebenden Klabautergeister haben ein ausgeprägtes „Interesse an unangenehmen Gefühlen wie Angst, Verzweiflung und Trauer“ und „[e]in Weinkrampf […] ist für [sie] das Allergrößte“ (S.39). Nachdem die Geister das verlassene und verängstigte Bärchen zu ihrem Entzücken beim Weinen ertappt haben (S.34f.), lechzen sie geradezu nach einer Wiederholung der Vorstellung und lassen Blaubär fortan regelmäßig vor Publikum weinen. Nach kurzen Startschwierigkeiten gelingt ihm schließlich „ein Weinkrampf der Sonderklasse“ (S.43) und er merkt rasch, dass er selbst zunehmend Gefallen an seinen Vorstellungen findet. Sehr schnell zeigen sich sein schauspielerisches Talent sowie seine Fähigkeit, die Emotionen des Publikums zu steuern und dessen Begeisterung zu erwecken:

Ich baute dramatische Steigerungen und wirkungsvolle Schluchzpausen in mein Programm ein. Ich beherrschte die ganze Palette, vom leichten Seufzen über das verzweifelte Schluchzen bis hin zum kreischenden Tobsuchtsanfall. Ich lernte, den Rhythmus meines Schluchzens mit der Melodie meines Heulens so perfekt abzustimmen, daß kleine Symphonien daraus entstanden. Ich konnte mein Kreischen in hysterische Höhen schrauben, um es gleich darauf wieder in tiefe Jammertäler des Schniefens abstürzen zu lassen. Manchmal sabberte ich minutenlang fast tonlos vor mich hin, um das Publikum in unerträgliche Spannung zu versetzen, und dann brüllte ich auf einmal los wie ein heimatloser Seehund. (S.44f.)

Bereits diese frühen Auftritte verdeutlichen, wie Blaubär sich auf Aufbau, Steigerung und Erhalt von Spannung versteht; ein Talent, das auch beim Erzählen einer gelungenen Geschichte von zentraler Bedeutung ist und ihm an späterer Stelle noch von Nutzen sein wird:

[Hier] wird bei Blaubär der Grundstein für sein dramaturgisches und schauspielerisches Können gelegt. Die Vorstellungen bei den Klabautergeistern sind eine frühe Variante seiner umjubelten Auftritte als Lügengladiator […].15

Der junge Bär übt sich an dieser Stelle in nonverbalen Techniken der Unterhaltung und trainiert die Fähigkeit, ein Publikum auch ohne verbale Kommunikation im eigentlichen Sinne für sich einzunehmen. Wie er selbst an späterer Stelle erkennt, zeigt sich hier bereits seine „gewisse Befähigung zum Unterhaltungstalent“ (S.524).

Durch das zur Beschreibung von Blaubärs Auftritten verwendete Vokabular, die Nennung von Begriffen wie „Rhythmus“, „Melodie“ oder „Symphonien“, wird zudem eine gewisse Nähe zum Medium der Musik erzeugt, die Assoziation zu Unterhaltungsevents im musikalischen Sektor wachgerufen. Durch die Verbindung mit einem anderen Medium wird bereits hier die Vielfältigkeit von Blaubärs Unterhaltungstalent angedeutet, die sich später noch weiter ausdifferenzieren soll.

Die fürs Erzählen grundlegende Fertigkeit, das Sprechen, erwirbt Blaubär schließlich in seinem dritten Leben, in dem er unter anderem auf die sogenannten „Tratschwellen“ trifft (S.56ff.). Diese nahezu unterbrochen redenden Wasserwesen zeigen sich schockiert angesichts der Tatsache, dass Blaubär der Sprache (noch) nicht mächtig ist und beschließen, ihm das Sprechen beizubringen (S.60). Sogleich machen sich die selbsternannten Lehrer ans Werk und machen aus Blaubär einen „Meister des gesprochenen Wortes“ (S.62):

[...]


1 Der Arbeit zugrunde liegend ist folgende Textausgabe: Moers, Walter: Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär. München: Goldmann 2002 (30. Auflage). Verweise auf den untersuchten Primärtext werden im Folgenden in Klammern in den Fließtext integriert.

2 Dollinger, Anja/Moers,Walter: Zamonien – Entdeckungsreise durch einen phantastischen Kontinent. Von A wie Anagrom Ataf bis Z wie Zamonien. München: Knaus 2012, S.28.

3 Friedrich, Hans-Erwin: Erzählen als Lügen: Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär von Walter Moers. In: Mitteilungen des DGV. Göttingen: V & R unipress 2010. Heft 2, S.148-161 (hier: S.148).

4 Ebd. S.149.

5 Kormann, Eva: Seemannsgarn spinnen oder: im Malmstrom des lebensgeschichtlichen Fabulierens. Walter Moers’ Variante des Schelmenromans. In: Lembke, Gerrit (Hg.): Walter Moers’ Zamonien-Romane. Vermessungen eines fiktionalen Kontinents. Göttingen: V&R unipress 2014, S.157-171 (hier: S.161).

6 Hillenbach, Anne: Intermedialität in Walter Moers’ Zamonien-Romanen. In: Lembke, Gerrit (Hg.): Walter Moers’ Zamonien-Romane. Vermessungen eines fiktionalen Kontinents. Göttingen: V&R unipress 2014, S.73-86 (hier: S.75).

7 Stemmann, Anna: Zur Autobiographie eines Seebären. Medialität und Mediengrenzen in und um Zamonien. In: Lötscher, Christine et al. (Hg.): Übergänge und Entgrenzungen in der Fantastik. Wien/Berlin: Lit. Verlag 2014, S.551-564 (hier: S.551).

8 Korten, Lars: In 13 ½ Leben um die Welt. Walter Moers’ Zamonien global und regional betrachtet. In: Hellström, Martin/Platen, Edgar (Hg.): Zwischen Globalisierungen und Regionalisierungen. Zur Darstellung von Zeitgeschichte in deutschsprachiger Gegenwartsliteratur. München: Iudicum 2008, S.53-62 (hier: S.54).

9 Drywa, Magdalene: Wissen ist Nacht. Konzeptionen von Bildung und Wissen in Walter Moers’ Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär. In: Lembke, Gerrit (Hg.): Walter Moers’ Zamonien-Romane. Vermessungen eines fiktionalen Kontinents. Göttingen: V&R unipress 2014, S.173-190 (hier: S.183).

10 Vgl. Friedrich, S.159.

11 Korten, S.54.

12 Kormann, S.158.

13 Ebd. S.158f.

14 Ebd. S.159.

15 Wegner, Mareike: „Wissen ist Nacht!“ Parodistische Verfahren in Walter Moers’ Zamonien-Romanen und in Wilde Reise durch die Nacht. Bielefeld: Aisthesis 2016, S.41.

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Formen und Bedeutung des Erzählens in Walter Moers' "Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär"
Untertitel
Von Seemannsgarn und anderen Geschichten
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
33
Katalognummer
V1009844
ISBN (eBook)
9783346399137
ISBN (Buch)
9783346399144
Sprache
Deutsch
Schlagworte
seemannsgarn, geschichten, formen, bedeutung, erzählens, walter, moers, leben, käpt, blaubär
Arbeit zitieren
Mareike Heins (Autor:in), 2020, Formen und Bedeutung des Erzählens in Walter Moers' "Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1009844

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