Jules Verne - les 500 milllions de la bégum, Michel Tournier - le roi des aulnes


Hausarbeit (Hauptseminar), 1999
16 Seiten, Note: 2-3

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kurzer literaturhistorischer Überblick des Deutschenbildes

3. Jules Verne: les cinq cents millions de la Bégum
3.1. Zum Inhalt
3.2. Der Wissenschaftler Prof. Schultze

4. Michel Tourniers Le Roi des Aulnes
4.1. Zum Inhalt
4.2. Der Wissenschaftler Prof. Blättchen

5. Fazit

6. Bibliographie

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit soll die Präsentation des deutschen Wissenschaftlers in den Werken Jules Vernes und Michel Tourniers untersucht werden. In der französischen Literatur existieren bestimmte Deutschenbilder, die immer wieder zu beobachten sind, sei es in Romanen aus verschiedenen Epochen oder in Karikaturen, Zeitungstexten usw. Dabei ist auch der Wissenschaftler Gegenstand der Kritik, somit bietet sich eine genauere Untersuchung an, inwiefern sich in den beiden vorliegenden Werken typische Stereoptypen wiederfinden lassen.

Untersuchungsgegenstand sind dabei die folgenden Ausgaben der Originaltexte:

VERNE, JULES. Les cinq cents millions de la bégum. Lausanne, 1966 (éditions rencontre). TOURNIER, MICHEL. Le Roi des Aulnes. Paris, 1970 (édition Gallimard). Ich möchte zuerst einen kurzen literaturgeschichtlichen Überblick über den deutschen Wissenschaftler aus französischer Sicht geben, um dann nacheinander die beiden Werke zu untersuchen. Ich gebe zunächst einen kurzen Überblick über den Inhalt des jeweiligen Werkes und gehe dann zur Darstellung des Wissenschaftlers über.

Da die beiden Werke aus unterschiedlichen Epochen stammen, ist zu erwarten, daß sich die Darstellung des Wisssenschaftlers deutlich voneinander unterscheidet, daß jeweils andere Stereotypen verarbeitet werden. Die Untersuchung Professor Schultzes erstreckt sich über den gesamten Roman, da er eine der Hauptfiguren darstellt, Professor Blättchen tritt nur in den letzten beiden Kapiteln auf, seine Darstellung wird etwas kürzer ausfallen.

2. Kurzer literaturhistorischer Überblick des Deutschenbildes

Das jeweilige Deutschenbild der Franzosen wird in Romanen häufig in Form von konkreten Charakteren umgesetzt, die stellvertretend für die Deutschen stehen sollen. Wie auch im Verlauf des Seminars festgestellt wurde, tauchen hierbei immer wieder klassische literarische Figuren auf, wie etwa aus den Opern Wagners oder den Werken Goethes, ebenso aber auch Figuren aus der Deutschen Geschichte wie Friedrich der Große, Bismarck, Hitler und andere.

Der Wissenschaftler steht vor allem im 18. und 19. Jh. im Mittelpunkt, oft auch in der Form des Studenten, des angehenden Wissenschaftlers.

Im 17.Jh. ist sein Bild in der französischen Literatur im Vergleich zu den Gelehrten des eigenen Landes eher negativ geprägt. Er wird, so der Aufsatz von Fritz Nies, als Besserwisser beschrieben, wobei sein Wissen nur angelernt ist. Er ist auf sich selbst bezogen und schwerfällig, sowohl geistig als auch körperlich, so daß er von Natur aus eher für den Beruf des Handwerkers geschaffen ist.1

Ein Deutschenbild, das im 17.Jh. in der französischen Literatur häufig erscheint, ist das des unermüdlichen und gewissenhaften ‚Arbeiters‘, der sich zwar ein großes Wissen angeeignet hat, „dessen Geist jedoch wenig brillant ist“ und der daher kaum in der Lage ist, eigene Erkenntnisse zu entwickeln, sondern der nur Teile fremden Wissens zusammenfügen kann. Den Deutschen wird vorgeworfen, daß ihnen die Dicke ihrer Bücher wichtiger sei als die Qualität des Inhaltes. Ihnen mangelt es aus Sicht der Franzosen an Kreativität, durch ihren Fleiß und ihr penibles Arbeiten qualifizieren sie sich eher „für die Arbeit des Lexikographen und Kompilatoren.“ Auch wirft man ihnen vor, „Alltägliches zum Untersuchungsgegenstand zu machen.“

Auch das Bild des betrunkenen Deutschen taucht im 17.Jh. schon auf.

Im 18.Jh. ändert sich dieses Bild kaum. Immer noch sind Pedanterie und fehlender Esprit die Eigenschaften, die den Deutschen zugeschrieben werden. Seinen Höhepunkt erreicht das Negativbild der Deutschen in Voltaires Candide mit Pangloss, dem glühenden Verfechter der leibnizschen Philosophie.

Im 19.Jh. entsteht ein positiveres Bild. Zwar wirft man den deutschen Wissenschaftlern immer noch ihr Übermaß an System vor, und daß ihre spekulativen und realitätsfremden Untersuchungen ins Leere führen, gleichzeitig hegen die französischen Gelehrten jedoch große Bewunderung für die deutschen Philosophen. Der Ursprung hierfür ist sicherlich in der Aufklärung und der Freundschaft Voltaires zu Friedrich II. von Preußen, dem ‚roi philosophe‘ zu suchen. Philosophie und Geschichte wurden als die Wissenschaftsgebiete angesehen, auf denen die Deutschen Gelehrten den Franzosen überlegen waren. So beschäftigten Figuren wie Dr. Faust und Philosophen wie Kant, Hegel, Schopenhauer und Nietzsche die zeitgenössische französische Literatur. Besonderen Ausdruck findet diese Bewunderung für die deutsche Philosophie in Mme de Sta-ls Roman de l ’ Allemagne, wenn sie von Deutschland als der „patrie de la pensée“ spricht. Die französischen Intellektuellen sind überzeugt, daß Deutschland „la nation la plus pensante“ ist.

Für Mme de Sta-l äußert sich die enorme Bildung der Deutschen vor allem im Bereich der Philologie und im Polyglottismus, den sie den deutschen Gelehrten, vor allem sicherlich den deutschen Studenten, zuspricht.

Ein Vorwurf jedoch zieht sich durch das 19. und 20.Jh. Die deutschen Gelehrten, insbesondere auch die Philosophen, „stellten sich in den Dienst der politisch Mächtigen, sie seien der Obrigkeit gegenüber unterwürfig oder verkauften sogar ihre Seele an dieselbe.“ Ein derartiges Verhalten ist für die französische Gelehrte undenkbar, halten sie sich doch für ‚la nation revolutionnaire‘.

Ihre übermäßige Liebe zum Detail wird den deutschen Gelehrten zum Vorwurf gemacht. Sie recherchierten lediglich Details, ist die Ansicht der französischen Kollegen, die entweder nur zu Verallgemeinerungen führten, oder sie fügten nur Teile zusammen, ohne zu einem Gesamtbild zu gelangen. Einerseits spricht man ihnen die Fähigkeit völlig ab, sich von den Details lösen und zum Gesamten kommen zu können, andererseits kritisieren französische Wissenschaftler, daß deutsche Intellektuelle ohne Übergang direkt von eben diesen Details zu metaphysischen Betrachtungen springen.

An der universitéhumboldienne beklagt man, daß sie egoistische Professoren heranzüchtet, die kein soziales Bewußtsein und kein Gesellschaftsdenken haben, sondern ihr Wissen ausschließlich für sich selbst nutzen, anstatt es weiterzugeben.

Im 20.Jh. dann erlischt das Interesse der französischen Autoren am deutschen Gelehrten weitgehend. Die Autoren beschränken sich nach dem 2. Weltkrieg meist auf das Bild des „Vernichtungswissenschaftlers“, wie etwa auch in Michel Tourniers Roman Roi des Aulnes. Den Vernichtungswissenschaftler könnte man als grausam, obsessiv und völlig realitätsfern bezeichnen. Er führt genetische Experimente zur Züchtung einer neuen, überlegeneren Rasse durch und nimmt dazu die Ausrottung der übrigen, in seinen Augen minderwertigen Rassen in Kauf, meist nimmt er sogar aktiv Anteil an dieser.

Welche Eigenschaften den Wissenschaftler in Jules Vernes Roman les cinq millions des begums und im Roi des Aulnes von Tournier ausmachen, soll im weiteren Verlauf der Arbeit untersucht werden.

3. Jules Verne: les cinq cents millions de la Bégum

3.1. Zum Inhalt

Les cinq cents million de la Bégum erscheint 1879 und erzählt die Geschichte des französischen Arztes Dr. Sarrasin, der sich auf einem medizinischen Kongreß befindet, als ihm ein Anwalt mitteilt, daß er der Erbe des Vermögens der Begums sei. Er ist jedoch nicht der einzige Erbe. Sein Gegenspieler ist der deutsche Ingenieur Schultze. Beide beschließen, von dem Geld eine Zukunftsstadt zu errichten. Sarrasin gründet France-Ville, die Stadt, in der Hygiene oberstes Gebot ist. Sarrasins Interesse gilt der Senkung der Sterblichkeitsrate und dem sozialen Wohnungbau. Schultze errichtet die technokratische Stahlstadt, die hermetisch abgeriegelt und penibel überwacht wird. Schultze konstruiert unermüdlich Superwaffen, denn sein Ziel ist es, France-Ville zu zerstören und die Weltherrschaft zu übernehmen. Marcel Bruckmann, Elsässer und bester Freund des Sohnes von Dr. Sarrasin, unterstützt die Idee France-Villes und schleicht sich als Spitzel in Stahlstadt ein. Er dringt bis in das geheimste Zentrum vor und erfährt von einer gefährliche Superkanone und dem geplanten Angriff auf France-Ville, bei dem sämtliche Bewohner ums Leben kommen würden. Er eilt zurück, um die Bewohner zu warnen, Ingenieur Schultze hat sich jedoch verrechnet, die Superkanone schießt über die Stadt hinweg. Kurz darauf geht Stahlstadt bankrott, Schultze ist verschwunden. Marcel kehrt dorthin zurück, um zu erfahren, was geschehen ist. Schließlich findet er Schultze tot in seinem geheimen Laboratorium, in France-Ville kann wieder Frieden einkehren.

3.2. Der Wissenschaftler Prof. Schultze

In Jules Vernes Roman les cinq cents million de la bégum werden zwei Wissenschaftler einander direkt gegenübergestellt: der deutsche Professor Schultze aus Jena, Dozent für Chemie und vergleichende Physionomie und der französische Arzt Sarrasin. Hier ergibt sich also eine direkte Opposition des Deutschenbildes und des Selbstbildes aus französischer Sicht. Ich möchte mich in dieser Arbeit jedoch in erster Linie auf das Deutschenbild konzentrieren, da dieses das Thema des Seminars ist.

Professor Schultze wird schon durch sein Äußeres als unsympathisch beschrieben, er wirkt alt, gefühllos, sogar furchteinflößend:

C’était un homme de quarante-cinq ou six ans, d’assez forte-taille; ses épaules carrées indiquaient une condition robuste; son front était chauve, et le peu de cheveux qu’il avait gardés à l’occiput et aux tempes rappelait le blond filasse. Ses yeux étaient bleus, de ce bleu vague qui trahit jamais la pensée. Aucune lueur ne s’en échappe, et cependant on se sent comme gêné sitôt qu’ils vous regardent. La bouche du professeur était grande, garnie d’une de ces doubles rangées de dents formidables qui ne lâchent jamais leur proie, mais enfermées dans des lèvres minces, dont le principal emploi devait être de numoréter des paroles qui pouvaient en sortir. tout cela composait un ensemble inquiétant et desobligeant pour les autres, dont le professeur était visiblement très satisfait pour lui-même.2

Hier begegnet uns der schon aus anderen Romanen und aus im Seminar besprochenen Karikaturen bekannte dicke, ungehobelte, blonde (bzw. ehemals blonde) Deutsche mit den unangenehmen blauen Augen.

Die Häufung dieser negativen Attribute ist unübersehbar, dieser Mann mit dem undurchschaubaren kalten Blick, von dem sein Gegenüber sich beobachtet fühlt, den großen Zähnen und den dünnen Lippen wird durchweg negativ dargestellt. Besonderen Stellenwert bekommt dieses Deutschlandbild durch den dieser Beschreibung vorangestellten Satz:

Si haut placé que fût un tel personnage dans l’échelle des êtres, il ne présentait à première vue rien d’extraordinaire.3

Schultzes Lebensgewohnheiten werden von strengen Regeln bestimmt, von Ordnung und Pünktlichkeit, Werte, die, wie schon im Seminar festgestellt, üblicherweise den Deutschen zugeschrieben werden. So muß sich Schultzes Umgebung, insbesondere die Menschen, die für ihn arbeiten, minutiös an diese Regeln halten, um nicht seinen Zorn zu entfachen:

„Six heures cinquante-cinq! Mon courrier arrive à six trente, dernière heure. Vous le montez aujourd’hui avec vingt-cinq minutes de retard. La première fois qu’il ne sera pas sur ma table à six heures trente, vous qitterez mon service à huit.“ „Monsieur“, demanda le domestique avant de se retirer, „veut-il dîner maintenant?“

„Il est six heures cinquante-cinq et je d°ine à sept! Vous le savez depuis trois semaines que vous êtes chez moi! Retenez aussi que je ne change jamais une heure et que je ne répète jamais un ordre.“4

Schultzes Nahrung besteht hauptsächlich aus Sauerkraut und fetten Würsten, die von ihm bevorzugten Getränke sind Bier und Kaffee:

[...] le dîner, composé d’un grand plat de saucisses aux choux, flanqué d’un gigantesque moos de bière, avait été discrètement servi sur un guéridon au coin du feu. Le professeur posa sa plume pour prendre ce repas, qu’il savoura avec plus de complaisance qu’on n’en eût attendu d’un homme aussi sérieux. Puis il sonna pour avoir son café, alluma une grande pipe de porcelaine et se remit au travail.5

Prof. Schultzes Umgang mit seinen Mitmenschen ist gekennzeichnet durch Arroganz und Selbstherrlichkeit. Er hat, wie auch an den zuvor zitierten Passsagen zu sehen ist, keinerlei Geduld mit anderen, er verlangt unbedingten Gehorsam von seinen Untergebenen und reagiert mit cholerischen Wutausbrüchen, sobald eine seiner Anordnungen nicht befolgt wird. Der Aufsatz, an dem er arbeitet, macht seine Haltung anderen Nationalitäten gegenüber deutlich:

Pourqoi tous les Fran ç ais sont-ils atteints à des degrés différents de dégénérescence héréditaire?

Auch als Prof. Schultze seine Ansprüche auf das Erbe der Bégum nachweisen will, ist sein Verhalten das des überheblichen Deutschen. Nicht nur, daß er den britischen Anwälten gegenüber belehrend wird und ihnen einen endlosen Vortrag hält, er beleidigt sie und alle anderen Nationen auch, indem er ihnen die Vorzüge der germanischen Rasse erläutert.

Inutile de suivre le professeur Schultze dans les explications qu’il donna à Mr. Sharp. Il fut, contre ses habitudes, presque prolixe. Il est vrai que c’était le seul point où il était inépuisable. En effet, il s’agissait pour lui de démontrer à Mr. Sharp, Anglais, la nécessité de faire prédominer la race germanique sur toutes les autres.6

Als ihm schließlich sein Teil des Geldes zugebilligt wird, beschließt Schultze, nachdem er von den Plänen Dr. Sarrasins erfahren hat, diese um jeden Preis zu durchkreuzen. So undefiniert seine Interessengebiete im übrigen scheinen, sein Ziel an dieser Stelle wird sehr deutlich festgelegt:

Le professeur avait entendu parler du projet de son rival de fonder une ville française dans des conditions d’hygiène morale et physiquew propres à développer toutes les qualités de la race et à former de jeunes générations fortes et vaillantes. Cette entreprise lui paraissait absurde, et, à son sens, devait échouer, comme oposée à la loi de progrès qui décrßetait l’effondrement de la race latine, son asservissement à la race saxonne, et, dans la suite, sa diaparition totale de la surface du globe.7

An dieser Stelle möchte ich eine kurze Beschreibung der Darstellung Dr. Sarrasins im Kontrast zu Prof. Schultze geben. Dr.Sarrasins Äußeres wird nur über wenige Zeilen beschrieben. Er ist etwa im selben Alter wie Prof. Schultze, auch nicht schlank, allerdings erscheint er dabei als gutmütiger Mensch:

C’était un homme de cinquante ans, aux traits fins, aux yeux vifs et purs sous leurs lunettes d’acier, de physionomie à la fois grave et aimable, un de ces individus dont on se dit à première vue: voilà un brave homme.8

Dr. Sarrasin trägt eine Brille als Zeichen des gebildeten Menschen, er liest die englischen Zeitungen und lobt die britischen Journalisten in den höchsten Tönen. Er ist Frühaufsteher, frisch rasiert und gut angezogen, sein Frühstück besteht aus einem Kotelett, Tee und Toast mit Butter. Er widmet sich der Hygieneforschung und hat einen Apparat erfunden, der die Blutkörperchen im menschlichen Körper zählen soll und den er auf dem medizinischen Kongress, den er besucht, präsentieren will.

Dr. Sarrasin wird als bescheiden und höflich beschrieben. Ihm ist der plötzlich Reichtum unwichtig (er vergißt das Geld für kurze Zeit sogar), wenn nicht sogar unangenehm, da er sofort bereit ist, das Vermögen der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellt. Schultze dagegen konstruiert entsprechend seiner Ordnungsliebe Stahlstadt, einen totalitären Kleinstaat, durch hohe Mauern abgeschirmt und in mit Buchstaben und Zahlen gekennzeichnete Sektoren eingeteilt. Wachleute kontrollieren jede Bewegung der Arbeiter, denen jeweils Nummern zugeteilt werden und die ihre Sektoren nicht verlassen dürfen. Bei Zuwiderhandlungen droht die fristlose Entlassung. Die Organisation Stahlstadts spiegelt die unter anderem von Brigitte Sauzet beschriebene Unterwürfigkeit der Deutschen der Obrigkeit gegenüber und deren Liebe zu Ordnung und Regelhaftigkeit wieder. In der straffen Organisation ist jedem noch so kleinen, dennoch perfekt organisiertem Arbeitsschritt ein Vorarbeiter oder Aufseher zugeteilt:

Les procédés que Schwatz avait vu mettre en æuvre ailleurs étaient portés là à un degré singulier de perfection. Le moment venu d’opérer une coulée, un timbre avertisseur donnait le signal à tous les surveillants de fusion. Aussitôt, d’un pas égal et rigoureusement mesuré, des ouvriers de même taille, soutenant sur les épaules une barre de fer horizontale, venaient deux à deux se placer devant chaque four.[...] La précision était si extraordinaire, qu’au dixième de seconde fixé par le dernier mouvement, le dernier creuset était vide et précipité dans la cuve. Cette manævre parfaite semblait plutôt le résultat d’un mécanisme aveugle que celui de concours de cent volontés humaines. Une discipline inflexible, la force de l’habitude et la puissance d’une mesure musicale faisaient pourtant ce miracle.9

Die Arbeiter unter Schultzes Leitung haben das Handwerk perfektioniert, wenn sie auch willenlosen Maschinen gleichen. Allerdings sind sie vollkommen autoritätshörig, sie führen Arbeiten nur auf direkte Anweisung aus, Eigeninitiative ist mehr als unerwünscht. Doch genau diese Hörigkeit verursacht später den Zusammenbruch Stahlstadts, denn als Prof. Schultze als verschwunden gilt, wird die Post nicht mehr bearbeitet, da die Anordnung hierzu von ganz oben fehlt, dadurch werden Rechnungen nicht mehr beglichen, worauf die Banken alle Zahlungen einstellen.

Hier ist der Typus des Deutschen als geborener Arbeiter erkennbar, der die schwersten oder auch die monotonsten Arbeiten ausführt, ohne sich zu beklagen, und der nicht das Bedürfnis zu haben scheint, in Entscheidungsprozesse einzugreifen oder sich aus der sklavenähnlichen Arbeitssituation zu befreien. Die Bezeichnungen der Dienststufen in Stahlstadt sind militärischer Art, so gibt es beispielsweise Offiziere, Unteroffiziere und einfache Soldaten, möglicherweise die gedankliche Verbindung zum preußischen Begriff von Zucht und Ordnung, der auch in Prof. Schultzes Fabrik Gültigkeit besitzt.

Wie aber wohnt der Regent selbst? Schultzes Wohnhaus ist ein Turm, der sogenannte Tour du Taureau, der im Zentrum der Stadt steht, angemessen der Bedeutung, die Schultze sich selbst zubilligt. Der Turm ist dick gepanzert und streng bewacht, denn der Professor vertraut niemandem. Doch um seine Residenz herum hat er sich einen tropischen Garten anlegen lassen, der von einem benachbarten Kraftwerk geheizt wird. Ein Ausdruck der Harmonie und Perfektion, die die Deutschen nach Brigitte Sauzet in ihrem Innersten verspüren? Oder Anspielung auf die deutschen Romantiker?

Das Innere dieser Residenz besticht durch protzigen Luxus aus Gold und Marmor, in den Farben der deutschen Flagge dekoriert:

Marcel se nomma et fut aussitôt admis dans un vestibule qui était un véritable musée de sculpture. Sans avoir le temps de s’y arrêter, il traversa un slon rouge et or, puis un salon noir et or, at arriva à un salon jaune et or où le valet de pied le laissa seul cinq minutes. [...] Herr Schultze en personne, fumant une longue pipe de terre à côté d’une chope de bière, faisait au milieu de ce luxe l’effet d’une tache de boue sur une botte vernie.10

Schultze ist als Regent leicht zu durchschauen. Er läßt sich gern schmeicheln, freut sich, die leicht zu entdeckenden Fehler, die Marcel in seine Zeichnungen eingebaut hat, zu finden und Ideen, die Marcel ihm suggeriert, als seine eigenen zu entwickeln. Er erkennt falsche Schmeichler nicht, da schützen auch die hohen Mauern nicht. Schultze ist zwar einerseits gefährlich genial, denn er entwickelt eine höchst bedrohliche Superwaffe, die in Sekunden Hunderttausende von Menschen töten soll, indem sie Kohlensäure freigibt, andererseits wird er aber auch als dumm dargestellt, denn am Ende hat er sich schlichtweg verrechnet und die Kanone rauscht über France-Ville hinweg. Der Elsässer Marcel, noch Student, braucht nur wenige Minuten, um die Flugbahn der Kanone zu berechnen und Entwarnung zu geben. Dr. Sarrasin bringt Prof. Schultzes Versagen auf den Punkt:

Herr Schultze était parti d’une donée absolument erronée. En effet, le meilleur gouvernement n’est il pas celui dont le chef, après sa mort, peut être le plus facilement remplaçé, et qui continue de fonctionner précisément parce que ses rouages n’ont rien de secret?11

4. Michel Tourniers Le Roi des Aulnes

4.1. Zum Inhalt

Der 1970 erschienene Roman erzählt die Geschichte Abel Tiffauges, in Form von Tagebuchaufzeichnungen und Rückblenden auf seine Schulzeit in einem Internat. Abel Tiffauges bezeichnet sich selbst als ogre, als eine Art Monster. Tatsächlich entdeckt er die tiefe Freude und innere Erregung, die er empfindet, wenn er ein Kind auf den Armen trägt. Abel begegnet im Laufe seines Lebens noch weiteren ogres, so beispielsweise verschiedenen Nazis, als er im zweiten Weltkrieg in Kriegsgefangenschaft gerät, aber ebenfalls schon in seiner Internatszeit. Tiffauge ist auf der Suche nach dem ‚Zeichen‘. Es soll sein Leben und die Geschichte verändern, ersucht es in der Landschaft, in den Menschen, die ihm begegnen, in der Tatsache, daß er mit der linken Hand deutlich, jedoch in einer völlig anderen Handschrift schreiben kann. Schließlich arbeitet er als Gehilfe Professor Blättchens auf Burg Kaltenborn und unterstützt ihn bei der Auswahl geeigneter Kinder für Hitlers Armee. Bei den Kindern fühlt er sich wohl. Als Granaten auf Burg Kaltenborn fallen, flüchtet Tiffauge mit dem kleinen Ephraim und findet am Ende möglicherweise doch noch das Zeichen, das er gesucht hat.

4.2.Der Wissenschaftler Prof. Blättchen

In Tourniers le Roi des Aulnes tauchen verschiedene Wissenschaftler auf, so Professor Keil, Archäologe und Anthropologe, der die Moorleichen in der Nähe des Gefangenenlagers Moorhof untersucht und über ihr Alter spekuliert, dann Professor Heck, Direktor des Berliner Zoos, der sich mit der Nachzucht des ursprünglichen Auerochsen beschäftigt und Professor Essig, der ein umfangreiches System zur Bewertung von Hirschgeweihen entwickelt. Einer der Wissenschaftler, die am detailliertesten beschrieben werden und der sich damit für eine genauere Untersuchung eignet, ist Professor Doktor Otto Blättchen. Prof. Blättchen arbeitet auf Burg Kaltenborn. Dort werden Kinder aufgenommen und bekommen eine schulische und militärische Ausbildung, um dann als Jugendliche bzw. junge Erwachsene die Armee Hitlers unterstützen zu können. Prof. Blättchen hat die Aufgabe, unter den Kindern diejenigen auszuwählen, die sich zu Soldaten eignen werden. Wie schon eingangs dieser Arbeit erläutert, ist Prof. Blättchen dem sogenannten ‚Vernichtungswissenschaftler‘ zuzuordnen. Die Beschreibung seines Äußeren und sein Name wirken dazu stark konträr:

Avec sa barbiche noire effilée, ses grands yeux de velours audessus desquels ses sourcils dessinés à l’encre de Chine se tordaient comme des serpents, son crâne bistre, ce Méphisto au blouse blanche incarnait avec une rare pureté la variété des S.S. de laboratoire.12

Hier erscheint nicht der große blonde Deutsche mit den blauen Augen, sondern ein äußerlich gänzlich gegensätzlicher Menschentyp mit dunklen , sanften Augen und vermutlich dunklen Haaren. Anders als Professor Schultze ein äußerlich harmlos wirkender Mensch. Aber auch er ist der ehrgeizige deutsche Arbeiter, der auch eine scheinbar völlig aussichtslose Aufgabe angeht: er wurde damit beauftragt, nach einer gemeinsamen Ursprungsrasse der Juden und Bolschewisten zu forschen, genauer gesagt, er sollte in russischen Gefangenenlagern nach Israeliten suchen, die zugleich auch Komissare der KpdSU waren widersinnig deshalb, weil jeder KpdSU-Komissar von der Wehrmacht sofort erschossen wurde. Aber er löst die schwierige Aufgabe und macht Karriere:

Pendant tout un hiver, on n’avait plus entendu parler d’Otto Blättchen, mais à la veille de Pâques, les dirigeants de l’Ahnenerbe avaient réceptionné avec émerveillement cent cinquante bocaux de verre numérotés de un à cent cinquante et étiquetés Homo Judaeus Bolchevicus. Dans chacun d’eux, une tête humaine en parfait état de conservation flottait dans un bain d’aldéhyde formique.13

Prof. Blättchen züchtet in einem Becken Goldfische, die er für das Meisterwerk der chinesischen Biologie hält und die ihn daran erinnern sollen, daß, wenn es die Chinesen geschafft haben, durch Auswahl und Kreuzung den Goldfisch zu züchten, es ihm möglich sein muß, den allen anderen Rassen überlegenen Menschen zu züchten. Auch scheint der Professor zu diesen Tieren zumindest annäherungsweise Zuneigung zu zeigen, denn Tiffauge spricht von Liebe, mit der er die Fische züchtet, ein Wort, das im Umgang mit den Kindern nicht einmal fällt. Die Kinder scheinen für den Wissenschaftler Material zu sein, er freut sich darauf, neue Untersuchungen machen zu können:

Car le grand moment, pour Blättchen, c’était toujours l’arrivée à kaltenborn d’une fournée de nouvelles recrues qu’il attandait avec une impatience gourmande.14 In der Arbeit des Professors manifestiert sich die Beharrlichkeit, die Ordnungsliebe, die Akribie, die den deutschen Wissenschaftlern seit dem 16.Jh. zugeschrieben wurde. Blättchen entwickelt zu den ohnehin schon umfangreichen Bestimmungsgrößen des menschlichen Körpers noch weitere, eigene und ist fasziniert von den unendlichen Kombinationsmöglichkeiten der einzelnen Faktoren, die sich von Schädelformen über Fingerabdrücke, Beinlänge, Nasenformen und Blutgruppen erstrecken.

Doch er untersucht auch die ‚Makel‘ der jeweiligen Rassen, etwa die Hakennase der Semiten, der Greiffuß der Indianer, die Blutgruppe B, die hauptsächlich bei Nomadenvölkern, Zigeunern und Israeliten vorkomme usw.

Blättchens Rassismus begründet sich in erster Linie auf diese äußeren Merkmale, aus denen er Rückschlüsse auf weitere Eigenschaften der jeweiligen Rasse schließt.

Ein weiterer Vorwurf, der deutschen Wissenschaftlern gemacht wurde und den ich zu Beginn der Arbeit erläutert habe, ist seine spekulative Wissenschaft. Blättchen stellt haarsträubende Erkenntnisse auf und duldet keinerlei Zweifel an deren Richtigkeit.

Son -il noir scrutait la démarche des enfants, l’expression de leur visage, leur allure générale, et en tirait des conclusions toujours péremptoires. Mais son triomphe, c’était son flair raciologique, car il professait que chaque race a son odeur, et il se faisait fort d’identifier les yeux fermés un Noir, un Jaune, en Sémite ou un Nordique aux crapoates alcalins et aux acides gras volatils que sécrètent leurs glandes sudoripares et sébacées.15

Doch Prof. Blättchen hegt auch den überheblichen Ehrgeiz, geographische Namen und Familiennamen, die auch nur die leiseste Spur einen fremdländischen Ursprungs haben, ins rein Deutsche umzuformen. Glaubt er, fündig geworden zu sein, schreibt er sofort einen Bericht an den Reichsführer, um ihn auf diesen Mißstand aufmerksam zu machen. Selbst Abels Nachnamen Tiffauge übersetzt er mit Tiefauge, gelegentlich auch Triefauge, wenn er ihn tadelt.

Der Professor hat Vorurteile allen anderen Rassen gegenüber:

La courtoisie bien française, par exemple, que recrouve-t-elle dans la réalité, sinon une goujaterie invétérée qui se manifest en toute occasion, et singulièrement à l’endroit des femmes?16

Den Schweizern spricht er ihre Ehrlichkeit ab, die Spanier seien bestechliche Verräter, die Niederländer seien alles andere als reinlich, die Italiener alles andere als fröhlich. Aber er räumt ebenfalls ein, das auch die hochgelobte -unter anderem von Mme de StaÁl- Ratio der Deutschen ein Trugschluß sei, denn schließlich sei diese eine Erfindung der Griechen. Der deutschen Seele bestätigt er den Hang zum finsteren Innern, zum Chaos, sicherlich eine Vorstellung der Romantik.

Prof. Blättchen verteidigt den Nationalsozialismus vehement, er sei die Philosophie der Ackerbauern, der Seßhafte, während der Bolschewismus diejenige der Bastarde sei. Dieser deutsche Vernichtungswissenschaftler hat auf alles eine wissenschaftliche Erklärung, selbst auf das Blutbad, das die Nazis anrichten:

Pour nous, tout est dans le bagage héréditaire, transmis de génération en génération selon des lois connus et inflexibles. Le mauvais sang n’est ni amélirable ni éducable, le seul traitement dont il est justiciable est une destruction pure et simple.

[...] Le spectre sanguin, Tiefauge, le spectre sanguin, voilà le die qui nous hante! Aux vieilles armoiries de l’ancienne noblesse, nous avons substitué les visceères gorgés du sang, pulpeux et palpitants qui sont ce que nous avons de plus intime et de plus vital! C’est aussi pourqoi nous ne devons pas craindre de verser le sang. Comprenez-vous: Blut und Boden. Les deux se tiennent. Le sang vient de la terre, et y retourne. La terre doit être arrosée de sang, elle l’appelle, elle le veut. Il la bénit et la féconde.17

5. Fazit

Die Untersuchung der beiden Wissenschaftler in den Werken Jules Vernes und Michel Tourniers hat gezeigt, daß auch hier Vor-urteile und Stereoptypen verarbeitet worden sind, die bereits in anderen im Seminar besprochenen Romanen und Textauszügen aufgetaucht sind. Die beiden Wissenschaftler werden sehr unterschiedlich dargestellt. Jules Vernes Roman ist im 19.Jh. erschienen. Die romantische Sicht Mme de Sta-ls angesichts der deutschen Gelehrten fehlt hier völlig. Statt dessen kritisiert Jules Vernes sehr offen, häufig ironisch, den deutsche Wissenschaftler als arrogant, selbstherrlich, größtenwahnsinnig, er ist der dicke, übermäßig essende und trinkende Deutsche. Hier tauche einige der Kritikpunkte auf, die dem Deutschen vor allem im 17. und 18. Jh. gemacht wurden, die des Besserwissers, des stets Belehrenden, des Schulmeisters, dem der eigene Esprit fehlt.

Der Wissenschaftler in Michel Tourniers Roman ist der für das 20. Jh. seit dem zweiten Weltkrieg typische Vernichtungswissenschaftler. Er ist der wesentlich gefährlichere Wissenschaftler, sein Rassismus wird scheinbar durch Wissenschaft untermauert, er will nicht nur eventuelle Gegner vernichten, er will in die Natur eingreifen und den Über-Menschen züchten. Doch auch hier sind bekannte Stereotypen zu finden, etwa die Beharrlichkeit, die penible Genauigkeit, die übergroße Liebe zum Detail.

Doch leider konnte die Untersuchung dieser beiden Personen hier nur sehr kurz erfolgen. Es bleibt, zu untersuchen, ob sich das Bild des deutschen Wissenschaftlers möglicherweise im 21.Jh. verändern wird, bzw. ob es nach dem Vernichtungswissenschaftlers weitere Typen geben wird.

6. Bibliographie

VERNE, JULES. Les cinq cents millions de la bégum. Lausanne, 1966 (éditions rencontre)

TOURNIER, MICHEL. Le Roi des Aulnes. Paris, 1970 (édition Gallimard)

NIES, FRITZ , l ’é rudit allemand: un mythe fran ç ais en voie de disparition ? in:J.P.Barbe und G.Volz, (Hg) Melanges offerts à Jacques Granges ,

[...]


1 Die folgenden Zitate beziehen sich auf den folgenden Text: Nies, Fritz. L ’é rudit allemand: un mythe fran ç ais en voie de disparition? in: J.P. Barbe, G. Volz (Hg), melanges offerts à J â cques Grange, S. 231-247

2 Verne, Jules. Les cinq cents millions de la bégum. Lausanne, 1966 (éditions rencontre), S.40

3 ibd.,S.40

4 ibd. S. 41

5 ibd.

6 ibd. S.47

7 ibd. S.55f

8 ibd. S.2

9 ibd. S .75f

10 ibd. S. 107

11 ibd. S.232

12 Tournier, Michel. Le Roi des Aulnes, Paris, 1970 (édition Gallimard), S. 264

13 ibd.

14 ibd. S. 265

15 ibd. S.267

16 ibd. S. 287

17 ibd. S. 294

15 von 16 Seiten

Details

Titel
Jules Verne - les 500 milllions de la bégum, Michel Tournier - le roi des aulnes
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Veranstaltung
Hauptseminar Französisch (Stereotypie)
Note
2-3
Autor
Jahr
1999
Seiten
16
Katalognummer
V100985
Dateigröße
371 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
der Wissenschaftler als Handlanger der politisch Mächtigen
Schlagworte
Jules, Verne, Michel, Tournier, Hauptseminar, Französisch
Arbeit zitieren
Sandra Peters (Autor), 1999, Jules Verne - les 500 milllions de la bégum, Michel Tournier - le roi des aulnes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/100985

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