Sexueller Missbrauch an Jungen


Seminararbeit, 2000
19 Seiten

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Gliederung der Hausarbeit

1. Einleitung

2. Definition

3. Art und Häufigkeit des Mißbrauchs

4. Die Folgen des sexuellen Mißbrauchs

5. Fallbeispiel

6. Therapiemöglichkeiten

7. Schlußbemerkung

1. Einleitung:

In den letzten 2 Jahrzehnten wurde sehr viel Material zum Thema sexueller Mißbrauch veröffentlicht und auch der breiten Masse zugänglich gemacht. Hierbei handelt es sich jedoch größtenteils um Berichte über Art, Ausmaß und Häufigkeit sexueller Gewalt gegen Mädchen. Lange wurde angenommen, daß die Opfer sexuellen Mißbrauchs fast ausschließlich weiblich seien, und die Täterschaft wurde dabei meist Männern zugeschrieben. Dieses weit verbreitete Bild muß korrigiert werden, da sich der sexuelle Mißbrauch nicht nur auf Mädchen beschränkt, sondern auch häufig Jungen und Männer betrifft.

Diese irrtümliche Annahme konnte deshalb bestehen, weil über Jungen als Opfer weniger gesprochen wird und man ihnen nur minimale Risiken zugesteht zum Opfer zu werden. Da der sexuelle Mißbrauch an Jungen auch für diese zu negativen Folgen der Persönlichkeitsentwicklung führt, wird es Zeit sich diesem Phänomen zu widmen.

Warum Jungen als Opfer weniger an/-erkannt werden hat mit den Vorstellungen und Erwartungen unserer Gesellschaft an und über Männer und ihre Männlichkeit zu tun. Opfer zu sein erscheint als nicht männlich, da die allgemeinen Vorstellungen darin bestehen, daß Jungen beim Sex immer die Initiative ergreifen, daß sie nichts mit sich geschehen lassen, was sie nicht wollen und sich selbst zu schützen wissen. Außerdem wird von Männern erwartet, daß sie alles über Sexualität wissen, daß sie immer und überall Lust auf Sex und Liebe haben, daß jede Erektion gleichbedeutend mit der Lust auf Sex ist, und daß jede körperliche Berührung in Sex enden muß (Zilbergeld 1978).

Diese fast mythisch erscheinenden Annahmen beinhalten somit eine starke Last der Verantwortung auf Seiten der Männlichkeit und der Sexualität, wobei es sich bei dieser natürlich um Heterosexualität zu handeln hat. Folglich wird durch ihre Sozialisation - die Art, wie Jungen in unserer Gesellschaft großgezogen werden- die Offenbarung des Mißbrauchs und die mögliche Gesundung danach erschwert.

Jungen befürchten durch den Mißbrauch ihre Identität und Männlichkeit zu verlieren. Sie fühlen sich mitschuldig, schweigen oft über Jahre und fühlen sich allein mit ihrem Schicksal.

2. Definition

Da es zur Zeit keine allgemeingültige Definition des sexuellen Mißbrauch gibt und somit verschiedene Forschungsergebnisse unterschiedlich je nach Definition zu beurteilen sind, möchte ich hier einige Möglichkeiten aufzeigen und vergleichen.

Eine davon lautet: ,,Sexueller Mißbrauch bezieht sich auf sexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen und Kindern, weil hier eine ungleiche Beziehung vorliegt; die erwachsene Person eine einseitige Machtposition innehat; die Freiheit und die Wahlmöglichkeiten des Kindes eingeschränkt sind und die Realisierung der (subjektiven) sexuellen Sehnsüchte des Erwachsenen ein wichtiges Motiv darstellt."(Wolters, 1982)

Oudshoorn ersetzt in dieser Definition das Wort ,,weil" durch ,,wenn",wobei dadurch die aufgeführten Punkte nicht mehr kennzeichnend für sexuellen Mißbrauch, sondern Voraussetzungen sind.

Nach Draijer (1988b) liegt sexueller Mißbrauch vor, ,,wenn die sexuellen Kontakte gegen den Willen des Kindes stattfinden oder wenn es diese Kontakte infolge emotionalen Drucks, des selbstverständlichen Übergewichts oder aufgrund von Zwang seitens des Täters nicht verweigern kann. Auch muß ein körperlicher Kontakt vorliegen." Unter sexuellen Kontakten versteht sie ,,alle tatsächlichen sexuellen Berührungen(Berühren, sowie Berührenlassen der Brüste und des Genitalbereichs, Küssen mit sexuellen Absichten, einschließlich vaginaler, oraler und analer Geschlechtsgemeinschaft). Nicht hirunter zählt das Drängen auf Sexualkontakt oder das Zeigen oder sich Zeigenlassen von Genitalien." Diese Definition unterscheidet sich von den beiden ersten durch eine klare Beschreibung der ,,sexuellen Handlungen" und dadurch, daß sog. ,,Erfahrungen ohne Körperkontakt" nicht als sexueller Mißbrauch bezeichnet werden.

Obwohl sich die Definition von Draijer strenggenommen nur auf weibliche Opfer und Verwandte als Täterinnen bezieht, dient diese häufig als Modell für weitere Definitionen.

Durch die oben genannten Definitionen wird deutlich, daß bei sexuellem Mißbrauch ein deutliches Machtgefälle zwischen Erwachsenem und Kind vorhanden ist. Dies ermöglicht es dem Erwachsenen seine Bedürfnisse und somit seine sexuelle Befriedigung in den Vordergrund zu drängen, wobei die Bedürfnisse des Kindes vollkommen außer acht gelassen werden. Das Kind wird gezwungen sich mit einer Sexualität auseinanderzusetzen, die seinem Entwicklungsstadium und damit seinem Fassungsvermögen in keinem Maße entspricht. Hier noch weitere von den unzähligen Definitionen zu erwähnen würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Ich möchte jedoch noch eine Definition von Sarrel und Masters (1982) erwähnen, da diese sich auf den sexuellen Mißbrauch an Jungen und Männern bezieht. Sie unterscheiden bei ihrer Begriffsdefinition zwischen ,,sexueller Handlung" (sexual assault) und ,,sexuellem Mißbrauch" (sexual abuse). Sexuelle Mißhandlung liegt ihnen zufolge vor, wenn ein Junge oder Mann unter Androhung physischer Gewalt gezwungen wird, sich an einer ihm ungewollten sexuellen Aktivität zu beteiligen. Sexueller Mißbrauch liege vor, wenn der sexuell mißbrauchte Mann nicht offen bedroht, sondern vielmehr von psychosozialer Dominanz oder sexueller Überführung überwältigt worden sei.

In dieser Arbeit wird unter sexuellem Mißbrauch verstanden, wenn ein Kind zur Ausführung oder Hinnahme eine sexuellen Handlung gebracht wird, wobei das Kind dieses nicht wünscht bzw. nicht im stande ist über die Situation zu entscheiden oder sie zu kontrollieren. Dies ist möglich durch körperlichen oder psychischen Zwang, körperliche Gewalt, Irreführung, Betäubung durch Rauschmittel, Bestechung, emotionalen Druck und/oder durch Ausnutzung des ,,beziehungsbedingten Übergewichts". Unter sexuelle Handlungen fallen hier nur Handlungen, welche zu körperlichen Sexualkontakten führen (vaginale/anale Penetration, aktive und passive Masturbation, passiver und aktiver Oralsex, Betasten und Streicheln von Geschlechtsteilen.

Obwohl der Begriff ,,sexueller Mißbrauch" eigentlich den Mißbrauch selbst meint, wird in dieser Arbeit, wie auch in anderer Literatur eine Reihe von Ereignissen und ihre Folgen beschrieben.

3. Art und Häufigkeit des Mißbrauchs

Bevor ich über konkrete Zahlen berichte, will ich zuerst auf die Schwierigkeiten eingehen, die bei deren Ermittlung zu beachten sind.Dies weist auch darauf hin, wieso die Ergebnisse sich voneinander unterscheiden.

Wie oben schon erwähnt kann es zu deutlichen Unterschieden führen, wie man den sexuellen Mißbrauch definiert und mit welchen Methoden dieser operationalisiert wird. Außerdem liegt bei den meisten Studien ein nur geringer Zahlenumfang vor. Es handelt sich bei den Untersuchungen oft um spezifische gesellschaftliche Gruppen wie Studenten oder Menschen, die sich bei irgendeinem sozialen Dienst gemeldet haben, wobei sich die Frage stellt, ob diese Gruppen repräsentativ für die Bevölkerung sind.

Auch die retrospektive Perspektive stellt ein Problem dar, da strenggenommen nicht untersucht wird wie häufig sexueller Mißbrauch stattfindet, sondern wie viele Menschen zum Zeitpunkt der Untersuchung die sexuellen Erfahrungen aus ihrer Kindheit als sexuellen Mißbrauch bezeichnen.

Zusätzlich stellt die gesellschaftliche Struktur ein Problem dar, denn Sexualität und vor allem solche Übergriffe werden in unserer Gesellschaft immer noch tabuisiert. Man nimmt an, daß sexueller Mißbrauch von Jungen viel seltener aufgedeckt wird, da dieser, wie schon erwähnt einen enormen Eingriff in das männliche Identitätserleben darstellt. Selbstbeschuldigung, Stigmatisierung von außen durch das vorhanden stereotype Männerbild und vor allem Angst vor Homosexualität machen es oft für den mißbrauchten Jungen unmöglich von seinen Erfahrungen zu berichten. Die Selbstbeschuldigungen ergeben sich oft daraus, daß Jungen bei der Erduldung sexueller Handlungen, trotz des Gefühls diese nicht als angenehm zu empfinden, möglicherweise sexuelle Erregung verspüren, welche mit Erektionen verbunden sind. Der Junge weiß oft nicht mehr, ob er den Kontakt selbst gewollt hat oder nicht. Diese Verwirrung behindert für den Jungen oft den sexuellen Mißbrauch als solchen zu bezeichnen.

In einer Gruppe von 224 niederländischen männlichen Studenten gaben 13,8% sexuelle Erfahrungen mit Erwachsenen an, als sie selbst jünger als 16 waren, wobei nicht klar ist, wie viele dies als sexuellen Mißbrauch empfunden haben (Cortstjens, 1975).Vennix (1984) fand unter einer Stichprobe von 250 niederländischen Männern, daß 5% sexuellen Mißbrauch in ihrer Jugend erlebt hatten, wobei 4% von Männern und 1% von Frauen verübt wurde. Die älteste Studie auf diesem Gebiet ist die von Hamilton (1929), in der sich bei einer Stichprobe von 100 verheirateten Männern ergab, daß 22% davon ,,präpubertäre sexuelle Aggression" erlebt hatten.

Betrachtet man die Gesamtzahlen mißbrauchter Kinder, so schwankt der prozentuale Anteil der Jungen zwischen 10 und 39%, wobei die meisten Studien Zahlen um 20% nennen. Finkelhor und vander Mey (1988) fanden heraus, daß ab der Pubertät im Verhältnis viel mehr Mädchen als Jungen mißbraucht werden. Würde man nun die Altersgrenze, die derzeit bei den meisten Untersuchungen bei 16 Jahren liegt, auf 10 oder 12 Jahre senken, so würden sich die Zahlen sexuell mißbrauchter Jungen im Vergleich zu den sexuell mißbrauchten Mädchen möglicherweise kaum unterscheiden.

Das durchschnittliche Alter in dem Jungen mißbraucht werden schwankt zwischen den meisten Studien beträchtlich von etwa 4 Jahren bis zu 10 Jahren. Auch wenn dies Durchschnittswerte sind muß hier betont werden, daß sexueller Mißbrauch in jedem Alter stattfindet (Finkelhor, 1984). Auf das Zustandekommen dieser unterschiedlichen Durchschnittswerte will ich hier nicht näher eingehen, da dies den Umfang dieser Arbeit überschreiten würde.

Auffällig ist, daß viele unterschiedliche Studien die gleichen Hintergründe der männlichen Opfer des sexuellen Mißbrauchs beschreiben. Danach kommt sexueller Mißbrauch an Jungen beträchtlich häufiger in sozial und wirtschaftlich schwächeren Schichten und Problemfamilien vor (Familien mit: Alkohol/Drogen-Problematik, emotionaler Vernachlässigung, psychischen Erkrankungen, Prostitution, Erleben von sexuellem Mißbrauch eines Elternteils ect.). Auch außerhalb der Familie mißbrauchte Jungen kommen meist aus derartigen Familien. Anzunehmen ist, daß diese leichter zu Opfern werden, da sie in diesen Familien weniger soziale Kompetenz erwerben können, als Kinder aus anderen Familien. Man nimmt an, daß solche Kinder eine ,,leichtere Beute" darstellen, da sie leichter einzuschüchtern sind. Es scheint so, daß die Kinder, denen Wärme und Geborgenheit in ihrer Familie fehlt auf Täter erwartungsvoll und anhänglich reagieren.

Was Jungen von Mädchen häufig unterscheidet ist die Art des sexuellen Mißbrauchs. Bei männlichen Opfern kommen sexuelle Handlungen wie Analkoitus oder passiver und aktiver Oralkoitus häufig vor (Friedrich und Lücke, 1988). Jungen sind, mehr als Mädchen, häufig mehreren sexuellen Handlungen ausgesetzt (vander Mey, 1988). Auch häufiger als bei Mädchen sind sie mehreren TäterInnen ausgesetzt. Jungen werden nach Pierce und Pierce (1985) weniger gestreichelt als Mädchen. Der Mißbrauch scheint bei ihnen eindeutig stärker genital ausgerichtet zu sein.

Häufig werden Jungen zu aktivem Vaginalkoitus mit weiblichen Täterinnen gezwungen. An dieser Stelle muß nochmals die Annahme mancher Menschen, daß Jungen nur dann eine Erektion bekommen, wenn sie das selbst wollen, korrigiert werden. Diese Auffassungen sind eindeutig falsch, da viele Studien belegen, daß Jungen und Männer auch dann eine ungewollte Erektion bekommen können, wenn Situationen als ekelhaft empfunden werden, mit Angst behaftet sind oder sie sich machtlos fühlen.

Wie hier gerade aufgeführt sind nicht immer nur Männer die Täter der sexuellen Gewalt, wie bis vor ein paar Jahren noch angenommen wurde. Man muß sich langsam an den Gedanken gewöhnen, daß es auch weibliche Täter gibt. Dabei kann es sich um die Mutter, die Schwester die Cousine oder die Lehrerin handeln. Aufgrund eines Vergleichs vieler Studien fanden Finkelhor und Russel (1984), daß 20% der Opfer von einer Frau mißbraucht wurden. Obwohl durch alle Studien gezeigt wird, daß die Täter meist männlich sind, ist es jedoch denkbar, daß von Frauen mißbrauchte Jungen in den Untersuchungen unterrepräsentiert sind, da Jungen diese Erfahrung seltener als Mißbrauch bezeichnen. Dies kann als Folge des stereotypischen Männerbildes aufgefaßt werden, da es Männer meist als unmännlich empfinden von einer Frau ,,übermannt" worden zu sein.

Was die Beziehung zu den Tätern angeht kann man keine klare Aussage treffen, da die Täter überall zu finden sind. Eine Zeit lang nahm man an, daß Jungen häufiger als Mädchen außerhalb ihrer Familie mißbraucht werden. Problematisch erschien, was denn nun als Familie interpretiert wird (Kernfamilie/Verwandschaft).

Als Täter werden in den meisten Studien Personen erfaßt, die wenigstens 5 Jahre älter sind als das Opfer. Bei Risin und Koss (1987) war die Hälfte der TäterInnen zwischen 14 und 17 Jahre alt (Babysitter).

Das stereotype Bild, das meist vonTätern gemacht wird trifft nicht zu. Als TäterInnen sind Menschen definiert, die ,,Sexualkontakte mit Kindern initiieren, ohne dabei dem Kind die Möglichkeit zu geben, Einfluß auf die Art des Sexualkontaktes sowie auf dessen Verlauf und Beendigung zu nehmen." Es gibt kein bestimmtes Täterprofil, obwohl viele von ihnen selbst eine schwierige Jugend hatten und aus Problemfamilien kommen. Die meisten Täter wirken auf andere Menschen, wie ,,normale Leute", weshalb das Umfeld oft sehr überrascht reagiert, wenn ein sexueller Mißbrauch aufgedeckt wird. Auch die Tatsache, daß die meisten Männer, die Jungen mißbrauchen, sich nicht zu erwachsenen Männern hingezogen fühlen, ist für die meisten Menschen eine Überraschung.

4.Die Folgen des sexuellen Mißbrauchs

Da wie bereits erwähnt Jungen anders sozialisiert werden als Mädchen sind diese nach dem Mißbrauch auf andere Art und Weise verwirrt und somit besteht ein Unterschied darin, wie sich Jungen nach dem Mißbrauch erholen.

Dies kann man in folgenden drei Gebieten darstellen:

a) Macht und Kontrolle
b) Sexualität und sexuelle Orientierung
c) Umgang mit Beziehungen

a)Macht und Kontrolle:

Jungen lernen in unserer Gesellschaft durch ihre Erziehung, daß sie Probleme meistern müssen und auch kein großes Aufsehen um unangenehme Erfahrungen machen sollen. Männer sind bekannterweise das ,,starke Geschlecht". Dieses Bewußtsein Macht über die eigenen Gefühle und Handlungen zu haben macht es Jungen so schwer ihre Opferrolle gegenüber anderen zuzugeben. Sie müssen viel Energie darin investieren zu leugnen und zu minimalisieren/bagatellisieren, damit sie für sich selbst ihr Männerbild aufrecht erhalten können. Opfer zu sein macht Angst. Oft fühlen sie sich dumm und schwach, da es ihnen nicht gelungen ist den Mißbrauch zu verhindern. Sie fühlen sich machtlos. So entsteht ein negatives Selbstbild, welches unterschiedliche negative Folgen mit sich bringen kann. Zum einen kann dieses Gefühl so stark sein, daß der Junge sich ohnmächtig fühlt. Diese Jungen werden oft schüchtern und passiv und haben das Gefühl jegliche Kontrolle in ihrem Leben verloren zu haben. Dies führt oft zu einem Gefühl der Erfolglosigkeit. Oft ist Rückzug und Isolation die Folge, wobei das Opfer sich selbst die Schuld an den mangelnden sozialen Kontakten gibt. Dieses Verhalten wird in manchen Quellen als internalisierendes Verhalten beschrieben.

Zum anderen kann der Junge diesem Gefühl entkommen, indem er sich ständig als Junge bzw. Mann zu beweisen versucht. Dies kann zu einer Art Perfektionismus oder einem übersteigerten Ehrgeiz in Arbeit, Sport und auf sexuellem Gebiet führen, wobei es sich bei den Sexualkontakten oft um anonyme Kontakte handelt. Dieses Verhalten, welches Kontrolle zum Ziel hat, läßt jedoch keine große Intimität, insbesondere nicht mit anderen Jungen zu, da dies zu gefährlich erscheint. Diese Männlichkeitsbeweise können oft auf aggresive Art nach außen gebracht werden. Dieses Verhalten wird auch als externalisierendes Verhalten bezeichnet

b)Sexualität und sexuelle Orientierung:

Wie aus dem vorangegangenen ersichtlich führt sexueller Mißbrauch oft zu starken Problemen in der sexuellen Entwicklung. Sexualität kann durch den Mißbrauch als etwas sehr bedrohliches erlebt werden.

Es ist vor allen Dingen sehr verwirrend für Jungen, wenn sie bei dem Mißbrauch eine Erektion hatten oder sogar ejakulierten. Sie verstehen meist nicht die Ambivalenz in ihrem Körper. Auf der einen Seite wissen sie, daß etwas mit der erlebten Situation nicht stimmt, auf der anderen Seite sendet der Körper ihnen Signale die andeuten, daß etwas schön und angenehm empfunden wird. Oft resultiert daraus große Scham und die Opfer interpretieren ihre körperliche Reaktion als Zeichen dafür, daß sie das Erlebte selbst gewollt haben. Es wird schwierig für die Opfer ihre eigene Sexualität zu verstehen und als angenehm zu empfinden. Durch den Mißbrauch haben Opfer oft das Problem, daß sie denken jede Intimität und Nähe müsse zu einer sexuellen Handlung führen, Beziehungen mit Menschen werden oft sexualisiert.

Ein weiteres Problem ist, daß Heterosexualität immer noch als die erwünschte sexuelle Ausrichtung in unserer Kultur angesehen wird. Dies wird oft zum Problem für sexuell mißbrauchte Jungen, denn oft glauben sie den Mißbrauch nicht verhindert haben zu können, da sie eventuell selbst eine homosexuelle Veranlagung hätten. Dazu kommt noch, daß jede Erregung während des Mißbrauchs diese Angst noch verstärkt. Daraus resultiert auch für die männlichen Opfer, daß ihr Umgang mit anderen Jungen erschwert wird aus Angst bei zu viel vermittelter Nähe als Homosexueller ausgemacht zu werden. Oft vermeiden sie jeglichen Kontakt zu anderen Jungen/Männern insbesondere zu Homosexuellen, was bis zur Homophobie führen kann.

c)Umgang mit Beziehungen

Da Mißbrauchsopfer menschliche Beziehungen meist nur aus der Sicht kennengelernt haben für Bedürfnisse anderer benutzt zu werden, haben diese oft ein falsches Bild entwickelt, wie Menschen im allgemeinen Beziehungen führen. Sexueller Mißbrauch hat starken Einfluß auf die Fähigkeiten Beteiligung zu empfinden, anderen zu vertrauen und sich akzeptiert zu fühlen. Dies spiegelt sich oft in späteren Beziehungen wieder.

Bolton(1989) stieß bei männlichen Opfern auf folgende unterschiedlichen Lebenshaltungen:

Der Felsen: Der Mann hat zwar Beziehungen, jedoch nicht mit emotionaler Tiefe. Er hat Mühe anderen Personen zu vertrauen.

Komm nah aber nicht zu nah: Der Mann nimmt sich ständig in Schutz, läßt in geringen Dosen Intimität zu, fürchtet sich jedoch vor Folgen.

Sich festklammern: Verzweifelte Suche nach Liebe und Zuneigung und sich festklammern an andere. Er ist in Beziehungen sehr abhängig und hat unrealistische Erwartungen an seine Umgebung. Er benötigt Aufmerksamkeit und hat meist das Gefühl abgelehnt zu werden. Es nicht besser verdienen: Der Mann, der durch den Mißbrauch so starke Verwirrung erfahren hat, daß er glaubt ständig schuldig zu sein und es nicht besser verdient zu haben. Er glaubt nicht an die Möglichkeit einer guten Beziehung für sich

Hypersexualisierung: Der Mann, der Intimität und Sexualität verwechselt, so daß die Neigung besteht alle Beziehungen zu sexualisieren.

Macht und Kontrolle: Der Mann, der in Beziehungen Macht über andere haben will. Dies kann bis zu Mißhandlungen führen.

Auch wenn man feststellen kann, daß Täter früher oft selbst Mißbrauchserfahrungen hatten, muß vor dem Umkehrschluß gewarnt werden, daß männliche Opfer früher oder später zwangsläufig zu Tätern werden. Oft ist es sogar so, daß männliche Mißbrauchsopfer in versorgenden Berufen zu finden sind (Lehrer, Sozialarbeiter, Geistliche), da sie das Bedürfnis verspüren andere Menschen zu ,,schützen" und zu ,,behüten".

Diese verschiedenen Formen müssen nicht isoliert, sondern können auch gemischt auftreten.

Da Jungen sich nach dem sexuellen Mißbrauch seltener offenbaren und versuchen alles, was auf den Mißbrauch hindeutet zu tarnen, hat Sebold(1987) eine Liste aufgestellt in der er Störungen und Verhaltensweisen angibt die seiner Meinung nach auf sexuellen Mißbrauch hindeuten:

- Homophobie - der Junge wird alles tun, um zu beweisen, daß er kein Schwuler ist, indem er weder sich noch anderen Jungen unmännliches Verhalten erlaubt.
- Aggressives und kontrollierendes Verhalten - der Junge benimmt sich bedrohlich und
dominant, um sich davon zu überzeugen, daß er zukünftige sexuelle Annäherungen abwehren kann. Frauen, Mädchen und kleinen Kindern gegenüber ist er oft einschüchternd, doch sobald ihn jemand berührt erstarrt er.
- Kindhaftes Verhalten - der Umgang mit gleichaltrigen ist durch Angst und
Vermeidungsverhalten gekennzeichnet. Im Gegensatz zu sexuell mißbrauchten Mädchen, die den Umgang zu älteren Kindern suchen, pflegen mißbrauchte Jungen häufiger Umgang zu kleineren Kindern, was sich auf ihr eigenes Sprach- und Spielverhalten auswirkt.
- Sexuelle Äußerungen und Verhaltensweisen - Sexuell mißbrauchte Jungen sind manchmal von Sexualität und Nacktheit besessen, und zwar in Gedanken als auch in Worten und Benehmen(sexualisierte Sprache).
- Paranoides/phobisches Verhalten - Der mißbrauchte Junge reagiert ängstlich auf Berührung und Zwang. Oft verspürt er die Angst in Verbindung mit bestimmten Ereignissen oder Gegenständen, die in der Mißbrauchssituation eine Rolle spielten
- Körperliche Indizien - sexuell mißbrauchte Jungen haben die Neigung, sich sehr viel oder überhaupt nicht um ihr Äußeres zu kümmern. Bettnässen und Einkoten deutet besonders auf sexuellen Mißbrauch hin, wenn dies mit schweren Ängsten einhergeht.

Sebold führt noch weitere Punkte auf (z.B.:Jungen spielen mit Feuer), die jedoch auf fast alle Jungen zutreffen können, deshalb sind diese hier nicht erwähnt.

Als letztes möchte ich unter diesem Punkt auf die mögliche Beziehung zwischen Folgeschäden und Mißbrauchserfahrungen eingehen. Ein klarer Zusammenhang ist nicht festzustellen, jedoch wird in der Traumaforschung davon gesprochen, daß die Schwere des Traumas mitverantwortlich für die resultierende Störung ist. Mrazek und Mrazek (1981) haben durch ihre Forschungen 6 Faktoren ermittelt:

- Die Intensität des Sexualkontaktes: Je weitgehender der Sexualkontakt, desto schwerer das Trauma und die entstehende Störung.
- Das Alter und die Entwicklung des Kindes: Je jünger das Kind zur Zeit des Mißbrauchs, desto schwerer das Trauma.
- Die Beziehung zum Täter bzw. zur Täterin: Das Trauma ist schwerer, je enger die Beziehung ist.
- Die affektive Art der sexuellen Beziehung: Das Trauma ist desto schwerer, je weniger positive Gefühle es in der sexuellen Beziehung gibt.
- Der Altersunterschied zum Täter bzw. der Täterin: Das Trauma nimmt mit der Größe des Altersunterschiedes zu.
- Die Dauer der sexuellen Beziehung: Je länger die Beziehung andauert, desto größer wird das Trauma.

Finkelhor(1979) nennt noch Gewalt als einen eindeutig traumaverstärkenden Faktor.

Da die Folgeschäden sich bei Kindern trotz ähnlicher extrinsischer Faktoren unterscheiden, scheinen intrinsische Faktoren des Kindes, wie zum Beispiel Persönlichkeit, eine bedeutende Rolle zu spielen. Es scheint verständlich, daß die Persönlichkeit vor dem Trauma die Art und Weise bestimmt wie das Kind seine negativ erlebten Erfahrungen verarbeitet. So stellt sich die Frage, wie sich neben den erwähnten Faktoren andere, wie IQ, Gesundheit, Temperament ect. auf die Möglichkeit das Trauma zu bewältigen auswirken.

5.Fallbeispiel (Erwin)

Erwin ist 21 Jahre alt und kommt aus eine wohlsituierten Familie. Von seinem Vater ist er vom 7. Bis zum 13. Lebensjahr regelmäßig sexuell mißbraucht worden.

Solange er sich erinnern kann, wird Erwin von seinem Vater gehänselt. Seiner Meinung nach sei er kein ,,richtiger Kerl", sondern zu ,,mädchenhaft". Als Erwin 7 Jahre alt ist, legt sich sein Vater mitten in der Nacht zu ihm ins Bett. Erwin wacht davon auf, tut aber so, als schliefe er. Sein Vater fängt an, Erwins Penis zu streicheln, während er seine eigene Erektion gegen Erwins Hintern drückt und immer fester Stoßbewegungen macht. Sein Vater bemerkt, daß er wach ist und sich nicht wehrt: ,,Siehst du, daß dir das hier gefällt du bist ein Schwuler...ich werde es dir schön besorgen..."Als Erwin zu weinen beginnt und seinen Vater anfleht damit aufzuhören, sagt dieser: ,, Aber du willst das doch, das hier gefällt dir. Hör auf zu heulen, ich werde dich jetzt einmal verwöhnen." Es sind vor allem die Worte seines Vaters, die Erwin in große Verwirrung stürzen. Will er es wirklich, gefällt ihm das, ist er ein Schwuler? Warum kann er nichts gegen die Zudringlichkeiten ausrichten? Erwin fühlt sich zunehmend schuldig, schmutzig und machtlos, was noch dadurch verstärkt wird, daß er während des Mißbrauchs oft Erektionen und auch einen Orgasmus bekommt. Sein Vater bekräftigt dann wieder, daß es Erwin gefällt.

Der Mißbrauch dauert bis zu seinem 13. Lebensjahr an. Dann verläßt sein Vater die Familie, um mit einem Freund zusammenzuziehen. Ein Jahr zuvor ist er zum ersten Mal öffentlich damit an den Tag getreten, daß er homosexuell ist. Erwins Mutter will von dem Mißbrauch nichts wissen.

Erwin erbringt nach wie vor gute schulische Leistungen, doch sozial und emotional geht es ihm immer schlechter. Er hat nahezu überhaupt keine Freunde und ist in sich gekehrt und düster. Er zweifelt an sich und seiner sexuellen Identität. Er hat Angst, homosexuell zu sein oder dafür angesehen zu werden. Er entwickelt ein Magengeschwür und hat häufig Schmerzen im unteren Rückenbereich. Nach Abschluß der Oberschule macht er einen Selbstmordversuch und landet in einer psychiatrischen Klinik.

Er unternimmt einzelne Versuche in der Klinik über seine Mißbrauchserfahrungen zu sprechen, doch man glaubt ihm nicht. Dies verstärkt sein Schuldgefühl, vor allem, nachdem einige MitarbeiterInnen behaupteten, es hätten sich um freiwillige sexuelle Kontakte mit seinem Vater gehandelt. Daraufhin bestraft sich Erwin selbst, indem er sich mit Messern an Armen, Beinen und Brust verwundet. Zeitweise hört er Stimmen sagen: ,, Du hast es selbst so gewollt, du hast es eigentlich schön gefunden, du bist ein Schwuler:" Zeitweise glaubt er in diesen Stimmen seinen Vater zu erkennen.

Nach erneuten Selbstverletzungen, Anfällen von Hyperventilation bis zu einem erneuten Selbstmordversuch wird Erwin in eine geschlossene Krisenabteilung verlegt, in der er einige Monate bleibt, jedoch keine Unterstützung in seiner Mißbrauchsproblematik erfährt.

Nachdem Erwin fast nach anderthalb Jahren psychiatrischer Behandlung keine deutlichen Besserungen feststellt, meldet er sich bei einem Psychotherapeuten, bei dem er individuell, sowie in der Gruppe betreut wird. Das ausführliche Besprechen seiner Erfahrungen und der sich daraufhin entwickelnden Gedanken und Gefühle verhilft ihm zu mehr Einsicht in seine Probleme und damit zu besserem Umgang mit ihnen.

Eines seiner größten Probleme, nämlich das der Schuldfrage ( ,,Bin ich an dem Mißbrauch schuld?, Hätte ich mich zur Wehr setzen müssen?, Bin ich schwul, da ich Erektionen hatte?"), welches eine große Rolle spielt bei seinen depressiven und ängstlichen Stimmungen, konnte mit Hilfe von Psychodrama-Sitzungen deutlich gebessert werden. Er klagte seinen Vater in solchen Sitzungen an und interagierte mit seinen unterschiedlichen internen Rollen, was ihm auf dem Weg der Identitätsfindung starke Bedeutung hatte.

Seit dieser Zeit hat er sich nicht mehr selbst verletzt. Er schrieb seinem Vater einen anklagenden Brief und erstattet nachträglich Anzeige. Auf diese Anzeige hin kommt es nicht zum Prozeß, was für Erwin jedoch keine große Bedeutung hat. Auf seinen Brief erhält er Antwort von seinem Vater, in der er einen Teil seiner Schuld zugibt und um Vergebung bittet, was eine sehr positive Wirkung auf Erwin hat.

Nach weiterer Arbeit an seinem Selbstvertrauen und der Herstellung vertrauensvoller

Kontakte beginnt Erwin ein Studium. Er hat zwar noch einige Male ein Rückfall gehabt, doch konnte er sich ohne fremde Hilfe wieder stabilisieren.

6. Therapiemöglichkeiten

Bevor ich auf konkrete Therapieformen eingehe möchte ich an dieser Stelle auf Schwierigkeiten bzw. Vorbedingungen hinweisen, die professionelle Helfer bei männlichen Opfern sexuellen Mißbrauchs beachten sollten.

- Verharmlosen bzw. Bagatellisieren durch den mißbrauchten Jungen/Mann

Viele männliche Opfer neigen dazu den Mißbrauch zu beschönigen oder zu bagatellisieren. Oft geschieht dies aus Loyalitätsgründen, da zwischen dem Opfer und dem/der Täter/-in ein intimes Verhältnis bestand oder sogar immer noch besteht (Elternteil/Verwandte ect.). Ein anderer Grund dafür ist der als unkontrollierbar erscheinenden Wut den Grund ihrer Existenz zu entziehen, da man sich vor den Folgen dieser fürchtet.

In solchen Fällen sollte nicht von helfender Seite aus mit Beschuldigungen des Täters reagiert werden, da dies möglicherweise zu Abwehrhaltungen des Klienten führen könnte und dies die therapeutische Beziehung stören kann. Viel sinnvoller erscheint es zu diesem Zeitpunkt den Klienten in seiner Erinnerung zurückgehen zu lassen, damit er nach selbst bestimmter Dosis nochmals Kontakt zu dem aufnehmen kann, was er durchlebt hat. Zu diesem Zeitpunkt sollten Helfer auf den Grund der Bagatellisierung eingehen. Nun könnte versucht werden eine Neu-Strukturierung betreffend der Opfer-Täter-Beziehung zu erarbeiten. Auch ist dies ein möglicher Zeitpunkt die Haltung gegenüber der eigenen Wut zu überprüfen.

- Provokationen der Helfer/-innen

Da viele Opfer Probleme haben anderen Menschen zu vertrauen, ist ihre Haltung gegenüber anderen Menschen oft abwehrend und verteidigend. Es könnte möglich sein, daß sie deshalb versuchen die Vertrauenswürdigkeit des/der Helfers/-in zu überprüfen oder sich sogar zu beweisen, daß ihr Weltbild stimmt und sie niemandem vertrauen können.

Diese Provokationen können offen aber auch subtil stattfinden. Helfer/-innen müssen sich davor hüten auf solche Provokationen einzugehen. Wenn Helfer/-innen das Gefühl einer Gleichgültigkeit verspüren oder sogar empfinden zu irgend etwas verführt zu werden, sind dies Anzeichen für subtile Provokationen.

Da der Klient sich seines Verhaltens oft nicht bewußt ist, gilt es nun darüber zu sprechen und mehr darüber zu erfahren, wie er mit anderen Menschen umgeht, und was er selbst dafür tut das Mißtrauen gegenüber anderen aufrecht zu erhalten.

- Erotisierendes Verhalten des Betroffenen

Opfer sexuellen Mißbrauchs können übermäßig sexualisieren und haben gelernt durch solches Verhalten Aufmerksamkeit zu erlangen.

Helfer/-innen müssen darauf achten niemals auf solches Verhalten einzugehen, dieses Verhalten zu verstärken oder zu fördern. Auch dieses Verhalten sollte analysierend zur Sprache gebracht werden.

Für Helfer/-innen gilt es an dieser Stelle ihr/-e eigene sexuelle Verfügbarkeit zu überdenken.

- Dissoziative Reaktionen während der Behandlung

Wenn Klienten mit dissoziativen Störungen auch während der Therapie dissoziativ reagieren kann dies für Klient wie Therapeut sehr verwirrend sein. Dies ist möglich, wenn der Klient von Seiten des Therapeuten zuviel Druck verspürt oder auch wenn die Therapie sowie der Therapeut zu wenig Struktur bieten. Professionelle Helfer/-innen können diesem durch bieten von Unterstützung, Sicherheit und Struktur entgegenwirken. · Mit dem Mißbrauch zusammenhängende Ereignisse verschweigen oder faktisch verändern Der Klient kann wegen Gefühlen wie Scham und Schuld bestimmte Ereignisse, Erlebnisse oder Aspekte des Mißbrauchs verschweigen oder sie in Berichten verändert wiederspiegeln

Ein vertrauensvolles, offenes Verhältnis kann schon dazu beitragen, daß es für den Klienten nicht nötig erscheint seine Fassade aufrecht zu erhalten.

- Abhängigkeit/Symbiotische Beziehungen

Da manche Opfer sexuellen Mißbrauchs dazu neigen sich in symbiotischen Beziehungen zu verstricken, droht die Gefahr, daß sich der Klient ebenfalls abhängig dem Therapeuten gegenüber verhält. Dies kann zu einer Verstärkung der Opferidentität führen. Dies macht es für den Klienten unwahrscheinlicher seine eigenen Probleme selbst lösen zu können.

- Motivationsmangel

Gerade Kinder und Jugendliche, die ursprünglich wegen auffälligem Sozialverhalten zu Beratungsstellen gelangen, kommen nicht aus eigenem Antrieb. Aber auch Erwachsene sind am Anfang der Therapie oft nicht sehr motiviert. Deshalb ist es wichtig den Klienten frühzeitig zu motivieren um einem Abbruch entgegenzuwirken. Dies kann geschehen indem man Entwicklungsmöglichkeiten aufzeigt, aber auch zu hohe Erwartungen korrigiert. Der Klient muß am Anfang der Therapie schon informiert werden, was diese beinhaltet.

- Vorurteile der Helfer/-innen

Durch das schon erwähnte stereotype Männerbild kann es sein, daß die Möglichkeit eines sexuellen Mißbrauchs nicht in Betracht gezogen wird, oder als selbst gewollt dargestellt wird.

Es besteht auch die Gefahr, daß durch die häufig gestellte Annahme Opfer würden irgendwann zu Tätern werden durch Präventionsmaßnahmen der Klient eine implizite Stigmatisierung erfährt. Dies würde für den Klienten möglicherweise schlimme Folgen haben, da er wiedermals das Gefühl erhält, daß man ihm nicht glaubt oder er schuldig ist.

Deshalb ist es wichtig als Helfer/-in in Supervisionen auf solche Phänomene zu achten und auch kritisch gegenüber seinen eigenen Behandlungsweisen zu sein und gegebenenfalls seine Stereotype und Vorstellungen zu überprüfen.

- Mangelnde Impulskontrolle beim Klienten

Opfer, welche ihre Wut und Frustration aggressiv nach außen richten (externalisieren), haben oft große Schwierigkeiten mit der Kontrolle der eigenen Impulse und damit ihr eigenes Verhalten zu beherrschen. Eine ausschließlich verbale Therapie ist in solchen Fällen nicht ratsam. Hier sind verhaltenstherapeutische Techniken notwendig damit durch Förderung der Selbstkontrolle der therapeutische Prozeß weiter möglich gemacht wird.

- Problem eigene Grenzen zu erkennen auf Seiten des Opfers

Oft sind Mißbrauchsopfer wenig selbstbewußt und können eigene Grenzen, sowie auch Sehnsüchte und Wünsche nicht klar darstellen. Ängste, Frustration, aber auch Klagen über den Therapeuten werden oft nicht erwähnt bzw. auf Seiten des Therapeuten nicht wahrgenommen. Um dies und somit einen möglichen daraus resultierenden Therapieabbruch zu vermeiden, kann es ratsam sein die letzten Minuten einer jeden Sitzung damit zu verbringen den therapeutischen Prozeß der vergangenen Stunde zu evaluieren.

- Bagatellisieren und Verdrängen der Probleme seitens des Therapeuten

Vor allem unerfahrene Helfer/-innen versuchen den sexuell mißbrauchten Mann dadurch zu unterstützen, indem sie das negative Geschehen positiv benennen. Dies kann an einem zu frühen Zeitpunkt der Therapie zur Folge haben, daß der Klient das Gefühl hat nicht ernstgenommen zu werden. Das positive Benennen zum späteren Zeitpunkt kann den Klienten dazu anregen aus negativen Lebenserfahrungen positive Lernerfahrungen zu entwickeln.

Allgemein ist darauf hinzuweisen, daß eine regelmäßige Supervision der Therapeuten von großer Bedeutung ist, wenn Schwierigkeiten bzw. Unklarheiten im Umgang mit Klienten auftauchen. Außerdem sollte ein Mangel an Information über sexuellen Mißbrauch an Jungen und Männern behoben werden, damit Betreuer offen für Betroffene und deren Erfahrungen sein können.

Was die Therapieformen bezüglich sexuellem Mißbrauch an Jungen/Männern angeht besteht zur Zeit noch relativ wenig Erfahrung. Es gibt einige Behandlungsformen, die in der Fachliteratur häufiger erwähnt werden. Einige von diesen möchte ich nun kurz aufführen.

Die Hypnose-Therapie oder Hypnotherapie, welche erst in den letzten Jahren wieder Anwendung findet, ist eine der genannten Behandlungsformen bei männlichen Mißbrauchsopfern. Diese Methode eignet sich vor allem bei PTSD und Dissoziationsstörungen wie psychogener Amnesie, Dämmerzuständen, psychogener Fugue und multipler Persönlichkeit.( Es ist jedoch eine Fehlannahme, daß sexuell mißbrauchte Männer mehr oder weniger an solchen Symptomen leiden).

Hypnose kann ein geeignetes Mittel sein verdrängte oder dissoziierte Ereignisse und Gefühle ins Gedächtnis und Bewußtsein zurückzuholen, was für die Verarbeitung von enormer Wichtigkeit ist.

Hypnotische Suggestion kann ebenfalls für die Stärkung eines positiven Selbstbildes von Nutzen sein. Eine wichtige Einschränkung ist bei diesen Verfahren jedoch, daß nicht jede Person gleich gut hypnotisierbar ist. ( Es besteht jedoch auch die Möglichkeit, daß die Personen, die leichter hypnotisierbar sind, auch ein erhöhtes Risiko tragen, mit Dissoziation oder PTSD-Symptomen auf traumatische Ereignisse zu reagieren, da hypnotische Trance und erwähnte Störungen sich ähneln).

Eine kombinierte Therapie bei sexuellen Traumata, welche sich nicht nur auf

hypnotherapeutische Verfahren beschränkt und aus 4 Teilen besteht ist die von Oudshoorn (1989).

- Zuerst findet eine Begleitung der Familie statt
- Verarbeitung des Traumas durch das Kind (,,exposure"), dies kann mit Hilfe imaginativer oder hypnotische Verfahren von statten gehen.
- Wiederherstellung des geschädigten Selbstbildes und Selbstvertrauens des Opfers
- Problembearbeitung derer, die sich durch die traumatische Erfahrung verschärft haben

Eine weitere Behandlungsform ist die kognitive Therapie.

Ein großer Teil der Traumata infolge sexuellen Mißbrauchs befindet sich laut Finkelhor (!987) auf dem Gebiet des Denkens. Das Weltbild und das Bild von anderen Menschen sind seiner Meinung nach dadurch negativ gefärbt. Auch andere Denkmuster wie solche über Sexualität, den Umgang mit anderen Menschen und Problemlösungsstrategien seien negativ verändert. Deshalb erscheint die kognitive Therapie als Methode zur Behandlung von Mißbrauchsopfern sehr geeignet.

Van der Kolk (1988) nennt eine Kombination von drei Therapieformen, die seiner Meinung nach als sehr effektiv erscheint.

- Verbale Therapie

Welche therapeutische Methode hier verwendet wird spielt für van der Kolk keine große Rolle. Seiner Meinung nach ist nur wichtig, daß die traumatischen Ereignisse zur Sprache kommen, welche auf ikonischer und auf der motorischen Ebene gespeichert seien. Somit können die Ereignisse in bestehende Denkschemata integriert werden, und somit wird die Bedeutung des Traumas verändert .

- Medikamentöse Therapie

Beruhigungsmittel oder andere Psychopharmaka können laut van der Kolk nützlich sein die Aktivierung von Erinnerungen zu erleichtern. Zusätzlich helfen diese dem Klienten in der Zeit der Therapie das Leben erträglicher zu machen.

- Hypnose

Diese empfiehlt sich laut van der Kolk um das notwendige Wiedererleben des Traumas zu bewirken, damit die beabsichtigten Veränderungen bewirkt werden können.

Neben der individuellen Therapie wird in den meisten Literaturen auf die wirkungsvolle Behandlung von männlichen Mißbrauchsopfern durch Gruppentherapien hingewiesen. Vorteile solcher Gruppen sind, daß die Gruppe es ermöglicht, Vertrauen in andere zu vergrößern und das Selbstwertgefühl zu fördern. Da die Personen in der Gruppe ähnliches erlebt haben, wird das Gefühl der Isolation verringert bzw. aufgehoben, und eine mögliche Stigmatisierung wird durchbrochen. Zusätzlich wird es durch den Kontakt mit anderen Mißbrauchsopfern erleichtert seine Erfahrungen in Worte zu fassen und zu verstehen. Die Mitglieder der Gruppe können sich gegenseitig unterstützen und sogar außerhalb der Gruppe Gesprächspartner sein.

Man könnte hier noch zahlreiche Verfahren anführen, was jedoch aufgrund der nur erfolgreich publizierten Fälle unklar bleibt, ist wie effektiv die verschiedenen Methoden sind.

7. Schlußbemerkung

Nicht nur der sexuelle Mißbrauch an sich stellt ein Problem in unserer Gesellschaft dar, sondern vielmehr auch die Situation die es Jungen und Männer so schwierig macht mit ihren Erlebnissen an die Öffentlichkeit zu treten.

Auch wenn der sexuelle Mißbrauch an Jungen und Männern bagatellisiert wird und dieser ein Tabu berührt, ist er trotzdem vorhanden. Man muß den Opfern die Gelegenheit geben sich mitzuteilen und sich mit anderen Opfern auszutauschen. Das heißt nicht nur ,,Versorgung" der Opfer, sondern auch notwendige Ausbildung für Helfer. Diese sollen offen sein für die Möglichkeit, daß ihnen in ihrem Berufsalltag männliche Opfer sexuellen Mißbrauchs begegnen können.

Informationen zu diesem Thema sollten zusätzlich auch der breiten Masse zugänglich gemacht werden, damit diese nicht mit dem Irrglauben lebt Jungen wären keine Opfer sexuellen Mißbrauchs.

Außerdem ist es notwendig die konventinellen Denkstrukturen zu durchbrechen, welche die Opfer dazu bringen Jahre lang oder sogar ein ganzes Leben lang zu schweigen. Denkweisen, was Männer zu tun haben und wie sie ,,sexuell funktionieren" sollen, müssen aufgegeben werden. Dazu gehört auch das Bild, daß es sich bei einer funktionierenden Sexualität um Heterosexualität zu handeln hat.

Diese festen Strukturen müssen von ihren alten schon längst überholten Verkrustungen befreit werden, damit das allgemeine Denken freier wird, und somit das Offenbaren eines schmerzlichen Geheimnisses nicht zur Qual sondern zur Erlösung führt.

Literatur:

Ron van Outsem (1993) ,,Sexueller Mißbrauch an Jungen" Forschung, Praxis, Perspektiven; DONNA VITA Marion Mebes,Ruhnmark

Jos van den Broek (1993) ,, Verschwiegene Not: Sexueller Mißbrauch an Jungen"

1. Auflage-Zürich: Kreuz-Verlag, 1993

Mike Lew (1993) ,,Als Junge mißbraucht"; Kösel-Verlag GmbH&Co.,München

Lechmann C. (1988) ,, Sexueller Mißbrauch im Kindes-und Jugendalter-ein Ü berblick"

Braecker, S (1992) ,, Sexuelle Ausbeutung von Kindern: Gedanken zur Rolle der Mutter". Verhaltenstherapie und Psychosoziale Praxis, 24, 305-313.

Rutschky, K und ,, Handbuch sexueller Mißbrauch", 7-45, Ingrid Klein Verlag Wolff,R (1994) GmbH, Hamburg

19 von 19 Seiten

Details

Titel
Sexueller Missbrauch an Jungen
Hochschule
Universität des Saarlandes
Veranstaltung
Klinisches Kolloqium
Autor
Jahr
2000
Seiten
19
Katalognummer
V101011
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sexueller, Missbrauch, Jungen, Klinisches, Kolloqium
Arbeit zitieren
Udo Weber (Autor), 2000, Sexueller Missbrauch an Jungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/101011

Kommentare

  • Gast am 5.11.2001

    Missbrauch an Jungen.

    Was ist mit den Opfern, die später zu Tätern werden oder geworden sind, was für Möglichkeiten gibt es, sie wieder in positive Bahnen zu lenken?

    Ich wurde, als ich 12 Jahre alt von einem Nachbarn missbraucht. (Keine näheren Einzelheiten hierzu!!!).

    Später wurde ich leider selbst zum Täter, mein exualverhalten ist dermaßen gestört, dass ich mich manchmal deswegen umbringen möchte. Ich möchte kein Pädophiler sein!!! und doch fühle ich so!!!

    Ich mache im Moment eine Verhaltenstherapie, aber die bringt mich nur in soweit voran, dass ich mich kontrollieren kann.

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