Parapsychologie


Ausarbeitung, 2001
6 Seiten

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PARAPSYCHOLOGIE

Geschichte der Parapsychologie:

Die Geburtsstunde der Parapsychologie wird mit der Gründung der englischen Gesellschaft für psychische Forschung 1882 datiert. Man sichtete sogenannte spontane Erlebnisse, vor allem Erscheinungen Sterbender, und untersuchte experimentell die Übertragung seelischer Vorgänge von einem Menschen auf einen anderen, die der Cambridger Psychologe Myers Telepathie nannte. Auch der physikalische Mediumismus wurde in den Bereich der kritischen Untersuchungen einbezogen. Man wollte wissen, wie es mit den Wunderleistungen der Medien stehe, die im entrückten Zustand Tische außerhalb der Reichweite ihres Körpers zu bewegen schienen, Musikinstrumente aus der Ferne zum Spielen brachten oder Abdrücke von Knöpfen und Händen in Tonmasse erzeugten. Um die Jahrhundertwende beschäftigten sich zahlreiche Kommissionen mit den Medien Slade und Eusapia Paladino. In Amerika konstruierte sich ebenfalls eine Gesellschaft, die das berühmte Medium Mrs. Piper untersuchte. Mrs. Piper hat in Sitzungen mit Angehörigen von Verstorbenen sehr genaue Angaben über die Verstorbenen gemacht, über intimste Dinge, die sie unter keinen Umständen wissen konnte. Sie sprach auch in der Stimme des Verstorbenen, so daß sich der Eindruck aufdrängte, daß die Verstorben selbst durch sie sprechen.

Die offizielle Wissenschaft blieb für dieses neue Forschungsgebiet unzugänglich. Der berühmte Physiker Helmholtz soll geäußert haben, weder die Zeugnisse aller Mitglieder der Königlichen Akademie der Wissenschaften noch das Zeugnis seiner eigenen Sinne würden ihn auch nur von der Gedankenübertragung überzeugen. Es dauerte lange, bis Universitäten es wagten, dem parapsychologischen Forschungsgebiet ihre Pforten zu öffnen. Auf dem Kontinent war es Holland, das die Bresche schlug. In Groningen untersuchten 1920 Heymanns und Brugmanns einen Studenten auf telepathische Fähigkeiten und kamen zu einem positivem Ergebnis.

Die Methode:

Mit dem Okkultismus alter Prägung hat diese junge Wissenschaft nur noch den Ausgangspunkt gemeinsam. Der Okkultismus lebt natürlich wie alle anderen vorkritischen Strömungen und abergläubischen Lebenseinstellungen in manigfaltigem Gewand weiter. Er muß es sich aber gefallen lassen, von der Parapsychologie kritisch unter die Lupe genommen zu werden. Sie übernahm den Auftrag der allgemeinen Psychologie zur Ergründung des Seelisch - Geistigen im Menschen. Sie weitete ihn auf jene körperlichen und seelischen Vorgänge aus, die in die gültige wissenschaftliche Systematik der allgemeinen Psychologie nicht eingeordnet werden können. Sie beruht auf genauer Beobachtung der Phänomene, auf Vergegenwärtigung, angemessener Formulierung der Beobachtungen und auf dem Experiment, verbunden mit der Statistik. Das Experiment stellt hier nicht wie in der normalen Psychologie einen willkürlichen und planmäßigen Eingriff dar.

Es muß sich der einmaligen und meistens unwiederholbaren Situation anpassen, in der sich die außersinnlichen Erfahrungen darbieten. Als Erfahrungsquelle dienen Berichte und eigene Beobachtungen. Es ist nur selten möglich, ein Phänomen sachlich einwandfrei zu rekonstruieren. Weil im Bereich des Seelischen jeder Teilbereich von dem anderen und vom Ganzen mitbestimmt ist, muß immer in Hinblick auf den ganzen Menschen und die besondere Art des zu untersuchenden Phänomens vorgegangen werden. Die einzelnen Ergebnisse können dann allerdings statistisch miteinander verarbeitet werden.

Aber die wissenschaftliche Beschäftigung mit okkulten Erscheinungen setzt noch etwas anderes als nur kontrollierbare Methoden voraus. Das Verständnis für metaphysische Zusammenhänge und für Symbole, in der sich seelisches Geschehen zu kleiden liebt, bewahren sie vor einem Materialismus, der alles leugnet, was nicht den bekannten, klassischen Naturgesetzen entspricht. Wem es an Ehrfurcht vor dem Unerforschten fehlt, wird gerade in diesen Bereichen vor einem verworrenen Geschehen stehen und ihm keine sinnvollen Erkenntnisse abzugewinnen vermögen; denn vorausgesetzt wird hier ein einfühlendes Wissen, das man, wie bei jeder tiefen Wissenschaft, auch erleben muß, wenn nicht nur Formeln, Worte und Definitionen übrigbleiben soll. Quantität und Qualität, Zahl, Maß, Einfühlung und Intuition müssen sich ergänzen.

Die wichtigsten Phänomengruppen

Der Bereich der okkulten Erscheinungen umfaßt eine Reihe von Phänomengruppen. Wenn auch viele dieser Phänomene als unecht entlarvt oder zum Teil entlarvt worden sind und außerhalb der Parapsychologie als exakter Wissenschaft liegen, so sind sie hier und da doch mit allen Konsequenzen im Bewußtsein vieler Menschen lebendig. Sie spielen im Leben des einzelnen, bei der zwischenmenschlichen Begegnung, in Gemeinschaften und im Leben der Völker zuweilen eine große Rolle. Jedem sind derartige Erlebnisse bekannt.

Telepathie:

Im Volksmund versteht man darunter Gedankenlesen, also Gedankensenden und Gedankenempfangen. Im strengen Sinne betrachtet, handelt es sich um die Übertragung von Vorstellungs- und Gedankeninhalten auf eine andere Person ohne Benutzung der normalen Sinnesorgane. Die Entfernung spielt dabei keine Rolle. Es kann um Gedanken, Bilder, Gefühle oder Empfindungen bewußter, aber auch unbewußter Art gehen. Solche plötzlich eintretenden telepathischen Übertragungen scheinen den Zustand herabgesetzter Bewußtseinstätigkeit zu bevorzugen.

Wenn die Klarheit und Schärfe des Denkens und Urteilens nachlassen, wird das Bewußtsein für solche, die Ebene des Unbewußten beherrschenden Inhalte durchlässig. Sie vollziehen sich mit Vorliebe in Traumbildern, Visionen und plötzlich auftretenden Gewißheiten. Es ist nicht immer leicht, Telepathie vom Hellsehen zu unterscheiden. Sie gilt aber als direktes Kontaktmittel von Seele zu Seele als erwiesen. Es gibt telepathische Gespräche, telepathische Übertragungen, sinnliche Empfindungen und Todesankündigungen, telepathisch inspirierte Zeichnungen, Schlafzustände und suggestive Fernbeeinflussung schlafender Patienten.

Auch die psychometrische Telepathie muß erwähnt werden. Darunter ist die Fähigkeit zu verstehen, an Hand eines Gegenstandes Aussagen über den Besitzer zu machen. Darüber hinaus können auch Menschen geschildert werden, durch deren Hände der betreffende Gegenstand gegangen ist. Früher nahm man an, der Gegenstand würde die Erlebnisse speichern und das Medium brauche sie lediglich abzulesen. Bei der Psychometrie ist diese Speicherungstheorie aber unhaltbar.

Hellsehen:

Bei diesem Phänomen muß zwischen räumlichen und psychometrischen Hellsehen, dem zeitlichen Hellsehen oder der Vorschau und den Erlebnissen, unterschieden werden. Grundsätzlich ist zu sagen, daß unter Hellsehen im strengen Sinne nur außersinnliche Wahrnehmungen eines niemanden bekannten Gegenstandes oder Vorgangs zu verstehen sind. In der Praxis geht es dann unter anderem um das Lesen verschlossener Briefe und um Angaben über kommende Ereignisse.

Das räumliche Hellsehen bezieht sich einmal auf Gegenstände, die den Sinnen völlig entzogen sind, sich aber in der Umgebung der hellsehenden Person, des Mediums, befinden. In diesem Falle wird von Kryptoskopie gesprochen (Schauen). Die Gegenstände oder Vorgänge können vom hellsehenden Medium aber auch weiter entfernt sein. Dann handelt es sich um Teleskopie. Das zeitliche Hellsehen geht bereits in die Prophetie über. Es hat mit der zeitlichen Rückschau (Retroskopie) und mit der zeitlichen Vorschau (Prophetie) zu tun.

Hellsehversuche wurden wiederholt durchgeführt. Sie sind durch eine gewisse Verschwommenheit der Aussagen charakterisiert, als müßte das Medium sich erst durch einen Ozean fließender Bilder allmählich hindurchtasten. Die zeitliche Rückschau bewegt sich auf gleicher Ebene. Schwieriger verhält es sich mit der zeitlichen Vorschau und mit dem Zweiten Gesicht. Beide Phänomene hängen zusammen, in beiden Fällen werden Dinge geschaut, die zeitlich überhaupt noch nicht da sind. Zum Verständnis solcher Phänomene tragen viele Theorien und Erklärungsversuche bei, so diejenigen, die von einer Überzeit und von einem Überraum ausgehen, wo bereits alle Ereignisse der Zukunft vorgegeben sind.

Das Zweite Gesicht:

Diese Gabe ist an bestimmte Personen gebunden, und es wird angenommen, sie sei erblich. Jedenfalls wird das von den Spökenkiekern Westfalens und auch Schottlands berichtet. Inwieweit die Landschaft auf solche Befähigungen begünstigend einwirkt, konnte bislang noch nicht einwandfrei erforscht werden. Spökenkieker sind oft Urheber von Geistergeschichten und üben zuweilen die Hellseherei und Wahrsagerei als Beruf aus. Sie sehen ihre Visionen im Wachzustand und sehen vor allen Dingen Ereignisse voraus, die mit Sterbe- und Unglücksfällen zu tun haben, also eine Gefährdung biologischer Urschichten bedeuten. Solche Ereignisse können noch nach Jahren eintreffen. Die Seherkraft kann sich aber auch auf das Vorhersehen von Besuchen beschränken und tritt nicht nur wie im Falle der Prophetie einmalig oder selten auf. Die Gesichter erscheinen je nach dem Typus des Sehers im Wach- oder Dämmzustand des Bewußtseins. Sie sind oft so klar, daß Personen und Gegenstände unverwechselbar erkannt werden können. Es heißt auch, das Gesicht könne sich auf den übertragen, der den Seher berührt. Während die einen solche Fähigkeiten preisen, halten die anderen sie für ein Sinnbild des Unglücks.

Prophetie:

Die Prophetie oder Prekognition kennt die Zukunft oder Ausschnitte der Zukunft. Solche Sachverhalte können nicht erschlossen werden. Sie überkommen den zur Vorhersage befähigten Menschen plötzlich als Visionen, Ahnungen oder auch Wahrträume. Es handelt sich um das Vorauswissen eines zukünftigen Ereignisses, für das im Augenblick der Voraussage keine zureichenden Gründe bekannt sind.

Sie erscheint als Gabe aus einer sphärischen Höchststufe, die nur Menschen zuteil werden, deren Ethos im Einklang mit den ewigen Gesetzen der Natur steht. Die mit der Prophetie verbundene Inspiration kann aber auch einem negativen satanischen Prinzip verfallen. Die Menschen pflegen sich vor allem in Zeiten der Not und Ausweglosigkeit an Prophezeiungen zu klammern. Beliebt sind Prophezeihungen, die durch die Phantasie des einzelnen weiter ausgeschmückt werden können.

Wahrträume:

Auch im Traum können paranormale Erlebnisse wie Telepathie oder Prophetie verarbeitet werden. In prophetischen Träumen werden Ereignisse erlebt, die wirklich eintreten. Telepathische Träume vermitteln Inhalte, die sich gleichzeitig abspielen, ohne daß der Träumende davon wissen konnte. Es geht beim Wahrtraum um die seelische Fernwirkung, um die Kunde, um Voraussagen über Personen und Orte. Medial veranlagten Menschen soll es möglich sein, im Traum die Gedanken anderer zu erfahren. Selbstmord und Traum hängen zusammen. Der Tod wird häufig vorhergeträumt.

Ebenso häufig wie prophetische Träume treten telepathische Träume auf. Bei sensibel aufeinander abgestimmten Eheleuten kann es leicht zu gleichen Trauminhalten kommen; denn auf dem Boden gemeinsamer Konflikte, Sorgen und Bedürfnisse vermag das Unbewußte auch gleiche Träume zu produzieren.

Stigmatisation und Bilokation:

Stigmatisierte sind Träger der Wundmale Christi. Manche Forscher sprechen auch von Ideolplastik, das heißt von einem Wirklichkeit-werden von Ideen und Vorstellungsbildern. Zur Stigmatisation befähigte Menschen haben physiologisch gesehen ein überempfind-liches Nervensystem und reagieren auf seelische oder äußere Erregungen mit bestimmten Stigmen, wie Organveränderungen, Hautrötung oder Krampf. Sie neigen zu Ekstase und Bedürfnislosigkeit und erleiden im besonderen Falle die Kreuzigungsgeschichte mit ihren Begleiterscheinungen. Ihre Wunden an den Händen, an den Füßen und am Kopf schmerzen, eitern aber nicht und lassen sich durch Wundversorgung nicht heilen.

Bereits der heilige Franz von Assisi soll Wundmale besessen haben. Seit jener Zeit wurden im europäischen Bereich über 300 Fälle von Stigmatasition verzeichnet. Man darf annehmen, daß es sich hier um ein völlig unbestrittenes Phänomen handelt, das auch außerhalb religiöser und konfessioneller Situationen auftritt.

Besessenheit:

Wenn ein Dämon oder ein böser Geist vom Menschen Besitz ergreift, spricht die katholische Kirche von Besessenheit. Der Mensch wird Werkzeug einer überpersönlichen Macht. Die göttliche oder teuflische Macht nimmt ganz von ihm Besitz. Sie redet durch seinen Mund, schreibt mit seinen Händen und läßt den Körper sich in Schmerzen quälen. Der Gesichstausdruck verändert sich zur scheußlichen Fratze, die Stimme schlägt um, der Mensch verwandelt seine Bewußtseinsinhalte. Tobsuchtsanfälle, blindes Herumschlagen der Glieder und Zerstörungswut kommen hinzu.

In alten Zeiten vermochte man die wirklichen Besessenen noch nicht von den Kranken zu unterscheiden, die an Epilepsie und schweren hysterischen Anfällen litten. Die Schlangengrube war in beiden Fällen das unabwendbare Los. Impulsstörungen und Ichstörungen führen zu Sinnestäuschungen und zu leibhaftigen Halluzinationen. Die katholische Kirche hat eine eigene Methode zur Austreibung von Geistern aus Besessenen entwickelt, die nach bestimmten Überlieferungen und Vorschriften verfährt. Im Bereich der evangelischen Kirche wird die Kraft des Gebetes als Gegenmittel eingesetzt. So soll es dem Pfarrer Christoph Blumhardt gelungen sein, die in der Literatur wiederholt zitierte Frau Dittus zu heilen, so daß „ganze Horden von Teufeln, die einen stumm, die anderen unter Protest“, den Körper verließen.

Tischrücken, Telekinesen und Levitationen:

Beim Tischrücken wird das gewöhnliche Phänomen des Klopfens von den Telekinesen und von den höchst umstritten Levitationen unterschieden. Tische werden auch für den Verkehr mit Geistern benutzt, die das Alphabet klopfen und sich auf diese Weise verständlich machen. Dann wird von den Bewegungen des Tisches ohne physisch sichtbare Kraft berichtet, von sogenannten Tele-kinesen. Seltener sollen Levitationen, das heißt Erhebungen entgegen den Gesetzen der Schwerkraft, auftreten.

Man kann den Tisch durch Handauflegen oder aus der Ferne bewegen. Es zählt zu den harmlosen Gesellschaftsspielen okkultisch angehauchter Kreise, und es mag verwunderlich erscheinen, daß experimentelle Forscher die Echtheit solcher Erscheinungen für möglich halten. Wilhelm Moufang berichtet über eine Sitzung: „Während wir um den Tisch herumsaßen, kamen zwei Erscheinungen spontan vor: Ein schnelles Hochkippen des Tisches, und zwar fast immer an der Breitseite, an der ich saß, und außerdem ein plötzliches Rutschen des Tisches. Letzteres hatte ich Schlittenphänomen genannt. Die Bewegung war schußartig, und ich habe es mit dem plötzlichen Anziehen eines Stückes Eisen von einem Magneten verglichen. Mir war es unmöglich, mit aller Kraft den Tisch in seiner Schnelligkeit seitwärts zu schieben!“

Weiterhin ereigneten sich unter der Kontrolle mehrerer Herren Erhebungen des schweren Tisches. In einigen Fällen sollen die Beteiligten mehrere Meter vom Tisch entfernt gewesen sein. Ein Betrug soll ausgeschlossen gewesen sein.

Früher sprach man bei diesen Phänomenen vom Wirken des Teufels oder von Magie. Neuerdings wird auch von wissenschaftlicher Seite versucht, die Schwebephänomene aufzuklären. Der Energie- und Gewichtsaustausch soll eine wichtige Rolle spielen. Der Forscher Arsonval will festgestellt haben, daß die schon erwähnte Eusapia Paladino um das Gewicht des Tisches zunahm, den sie durch Fernwirkung zur Erhebung brachte. Es gibt mehrere Theorien über die Aufhebung der Schwerkraft, die der Kritik jedoch nicht standhalten.

Die Frau, die verschlossene Briefe lesen konnte

Bei seiner täglichen Visite im psychiatrischen Krankenhaus der russischen Stadt Tambow blieb Dr.A.N. Chowrin eines Tages stehen, um mit einer Patientin, der 34 Jahre alten Sophia Alexandrowna, zu plaudern. Sie war eine Frau von lebhafter Intelligenz und ehemalige Vorsteherin einer Mädchenschule. Ins Krankenhaus war sie wegen einer milden Form von Hystero-Epilepsie eingeliefert worden. An diesem Tag war sie ohne alle Beschwerden und bei guter Laune - bis ihr die Krankenschwester einen Brief brachte. Sie befühlte ihn kurz in Chowrins Gegenwart und begann zu weinen. Als er sie fragte, was sie bekümmere, antwortete sie: „Meine Schwester schreibt, sie habe soeben ihren kleinen Jungen verloren und sei selber sehr krank.“ Obgleich gegenüber wunderlichen Behauptungen ziemlich abgebrüht, bat der Psychiater, den Brief zu sehen, nachdem er geöffnet worden war - Sophia hatte in jeder Einzelheit recht! Chowrin wollte den Vorfall als eine ungewöhnliche Koinzidenz abzutun, aber Sophie sagte: „Ich weiß häufig, was in den Briefen meiner Verwandten steht, bevor ich sie öffne.“

Er entschloß sich, ihre anscheinend hellseherische Begabung einer Reihe von Tests zu unterziehen. Und so begann am 21. März 1892 eine Versuchsreihe, die seither in den Annalen der Parapsychologie unter dem Namen „der Fall Chowrin“ bekannt geworden ist. Während all dieser Tests und sogar danach bewahrte Chowrin gegenüber den verblüffenden Fähigkeiten Sophias eine distanzierte und skeptische Haltung. Ihre einzigartigen Begabung konnte er beobachten, aber er traute kaum seinen eigenen Augen und Ohren. Seine wissenschaftlichen Kollegen waren sogar noch weniger bereit, Sophias hellseherische Fähigkeiten glauben zu schenken.

Beim ersten, einfachen Versuch nahm Chowrin ein halbes Blatt Papier, schrieb einen Satz darauf, faltete es doppelt, verschloß es in einem gewöhnlichen Umschlag und bat die Patientin, zu lesen, was er geschrieben hatte. Zuerst weigerte sie sich, doch schließlich nahm sie den Brief und begann dich auf Chowrins Bitte darauf zu konzentrieren, indem sie den Umschlag mit ihren Fingern befühlte. Nach zwei oder drei Minuten sagte sie: „ Ich meine die Wörter Sophia Alexandrowna zu sehen und noch einige andere, aber ich bin zu müde, um weiterzumachen.“

Chowrin sah ein, daß es nicht ratsam sei, sie zu ermüden. Da sie die ersten zwei Wörter aber erraten hatte, überließ er ihr den Brief und sagte, daß sie ihm morgen mitteilen solle, ob sie den Rest lesen konnte. Nach einiger Zeit schickte sie den Brief zurück. Auf den Umschlag hatte sie mit Bleistift gekritzelt: „Sophia Alexandrowna, Sie sollten gesund werden“ - genau das, was er selbst geschrieben hatte. Mit einer Lupe versuchte er, Spuren zu entdecken, die darauf hingedeutet hätten, daß der Umschlag geöffnet worden war, aber er fand keine, und er konnte auch nicht durch den Umschlag durchsehen, wenn er ihn gegen das Licht hielt.

Als er die Patienten aufsuchte, sagt sie ihm, daß sie, als sie den Umschlag in Händen hielt, plötzlich den ganzen Satz vor sich gesehen habe, ohne einzelne Wörter zu unterscheiden. Auf jeden Fall verursachte ihr das Kopfweh, aber Ihr Interesse war genügend geweckt, so daß sie Chowrins Vorschlag, weitere Experimente durchzuführen, annahm.

Das nächste, unter strengeren Vorsichtsmaßnahmen durchgeführte Experiment lieferte nicht weniger überzeugende Resultate.

Diesen zwei erfolgreichen Leseversuchen schloß sich eine Reihe von Experimenten an, die so strikt kontrolliert waren, daß Chowrin zum Schluß kam: „Sophia Alexandrowna besitzt eine einzigartige Fähigkeit, nämlich eine außergewöhnliche Schärfe gewisser Sinnesorgane, die sie instand setzt, Sinneseindrücke aus Quellen zu erhalten, durch die normale Menschen nicht affiziert werden.“

Aber noch immer zögerte Chowrin, seine Experimente sogar seinen eigenen Kollegen bekanntzugeben, und zwar hauptsächlich deshalb, weil die Umschläge mitunter mehrere Stunden in Sophias Besitz waren. Deshalb bat er sie um ihre Einwilligung, die Versucher in Gegenwart anderer Forscher durchzuführen. Auch fragte er sie, warum sie es vorziehe, das lesen der Briefe in der Abgeschlossenheit ihres Zimmers vorzunehmen. Sophia antwortete mit einer schriftlichen Stellungnahme, die nicht nur für sie, sonder auch für viel andere Sensitive charakteristisch ist:

„Wenn ich einen solchen Umschlag erhalte und aufgefordert werde, den darin eingeschlossenen Brief zu lesen..., dann verspüre ich ein starkes Bedürfnis, allein zu sein, ohne Licht und ohne jedes Geräusch; ich ertrage dann die Gegenwart von Fremden nicht; ihre Bewegungen, sogar ihr Atem stört meine Konzentration.“

Obgleich Sophia anfänglich keine Versuche mit anderen Forschern durchführe wollte, konnte Chowrin sie doch dazu überreden, an einer Anzahl von Versuchen mit verschiedenen Medizinern teilzunehmen.

Indessen beobachtete Chowrin, daß Sophia allmählich einzelne Wörter des verschlossenen Textes nicht mehr erriet oder las, sondern die Fähigkeit entwickelte, Bilder, die sich auf ihn bezogen, zu sehen, und das häufig erstaunlich detailliert.

Nach einer langen Reihe erfolgreicher Versuche mit versiegelten Texten, die erst in ihrem eigenen Zimmer, später in Chowrins Büro durchgeführt wurden, begann er, Sophias psychometrische Fähigkeiten zu testen, dann ihre Fähigkeiten, Farben mittels des Tastsinns zu erkennen und schließlich die, verschiedene Geschmacks-eindrücke zu unterscheiden, aber nicht vermittels des Geschmacks-sinns, sondern indem man mit verschiedenen geruch - und farblosen Flüssigkeiten getränkte Watte auf die Haut ihrer rechten Hand oder zwischen die Finger legte. All diese Versuche ergaben in der Regel positive Ergebnisse; nur ein unbedeutender Prozentsatz fiel unbestimmt oder negativ aus.

Was übrigbleibt, ist die nackte Tatsache, daß Sophia Alexandrowna hellseherisch begabt war. Das ist eine physiologische oder psychologische Begabung oder beides zusammen oder keines von beiden - bis heute weiß das niemand, und wie lange man noch auf die richtige Antwort wird warten müssen.

6 von 6 Seiten

Details

Titel
Parapsychologie
Autor
Jahr
2001
Seiten
6
Katalognummer
V101012
Dateigröße
340 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Parapsychologie
Arbeit zitieren
Thomas Kaufmann (Autor), 2001, Parapsychologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/101012

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