Der Futurismus


Referat / Aufsatz (Schule), 2001

12 Seiten, Note: 1


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Der Futurismus

Die allgemeinen Grundlagen des Futurismus wurden im Mai 1909 von Filippo Tommaso Marinetti in seinem Manifest „Drahtlose Phantasie“ (Immaginazione senza fili) formuliert: „Der Futurismus beruht auf einer vollständigen Erneuerung der menschlichen Sensibilität, die eine Folge der großen wissenschaftlichen Entdeckung ist“. Nachdem Marinetti den Geburtstag des Futurismus mit Rücksicht auf seine Glückszahl auf den 11. Oktober 1909 angesagt hatte und auch später Manifeste nachträglich auf den 11. des Monats datiert wurden, veröffentlichte er, im Februar 1909, in 11 Punkten das Manifest des Futurismus im „Le Figaro“ in Paris.

Auszüge aus dem Manifest:

- Wir wollen die Liebe zur Gefahr besingen, die Ver- trautheit mit Energie und Verwegenheit.

- Mut, Kühnheit und Auflehnung werden die Wesenselemente unserer Dichtung sein.

- Wir wollen preisen die angriffslustige Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, den Laufschritt, den Salto mortale, die Ohrfeige und den Faustschlag.

- Wir erklären, dass sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen, dessen Karosserie gro-ße Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen ... ein aufheulendes Auto, das auf Kartät- schen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake.

- Schönheit gibt es nur noch im Kampf. Ein Werk ohne ag- gressiven Charakter kann kein Meisterwerk sein. Die Dichtung muss aufgefasst werden als ein heftiger An- griff auf die ungekannten Kräfte, um sie zu zwingen ,sich vor dem Menschen zu beugen.

- Wir wollen den Krieg verherrlichen - diese einzige Hy- giene der Welt-, den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen I- deen, für die man stirbt, und die Verachtung des Wei- bes.

- wir wollen die Museen, die Bibliotheken und die Akade- mien jeder Art zerstören und gegen den Moralismus, den Feminismus und gegen jede Feigheit kämpfen, die auf Zweckmäßigkeit und Eigennutz beruht.

- Wir wollen unerbittlich gegen den fanatischen, unver- antwortlichen und snobistischen Kult der Vergangenheit kämpfen, der sich aus der unheilvollen Existenz der Museen nährt. Wir lehnen uns gegen die blinde Bewunde- rung alter Bilder, alter Statuen und aller alten Ge- genstände auf und gegen die Begeisterung für alles, was wurmstichig, schmutzig und von der Zeit zerfressen ist; und wir halten die übliche Verachtung für alles, was jung, neu und voller Leben ist, für ungerecht und verbrecherisch.

- ... nur die Kunst ist lebensfähig, die ihre eigenen Ele- mente in der sie umgebenden Umwelt findet. Wie unsere Vorfahren Stoff für ihre Kunst aus der religiösen Atmo- sphäre zogen, die auf ihre Seelen drückte, so müssen wir uns an den greifbaren Wundern des zeitgenössischen Lebens inspirieren, an dem eisernen Netz der Geschwindigkeit, das die Erde umspannt, an den Überseedampfern, den Dread- noughts, [Schlachtschiffen], den wunderbaren Flügeln, die die Lüfte durchziehen, den von Finsternis umgebenen Un- terseebootfahren und dem angespannten Kampf um die Erobe- rung des Unbekannten. Und können wir unempfindlich blei- ben bei der frenetischen Aktivität der großen Städte, der völlig neuen Psychologie des Nachtlebens, der fiebernden Gestalten des Viveur, der Kokotte, des Apachen und des Trunkenboldes? Da auch wir zur notwendigen Erneuerung al- ler künstlerischen Ausdrucksmittel beitragen wollen, er- klären wir hiermit entschlossen allen Künstlern und allen Institutionen den Krieg, die sich zwar hinter einer fal- schen Modernität verstecken, aber an der Tradition, dem Akademismus und vor allem an einer widerwärtigen geisti- gen Trägheit festkleben.

(zitiert aus dem Internet)

„Ein aufheulendes Rennauto ist schöner als die Nike von Samathrake“.

Dieses Zitat, ebenfalls von Marinetti aus seinem futuristischen Manifest, kennzeichnet die Euphorie der Futuristen für das neue Zeitalter der Technik. In ihren Bildern verliehen die Künstler der Dynamik des modernen Lebens mit neuen Mitteln und Formen bewegten Ausdruck. Die Aktualität und Radikalität ihrer Ideen und Werke Wirken auf die künstlerischen Avantgardebewegungen des 20. Jahrhunderts und inspirieren vor allem die Kunst der Gegenwart.

In formaler Hinsicht inspiriert sich der Futurismus sowohl an der neoimpressionisti- schen Malerei, wie es die frühen Werke von Severini und Balla verdeutlichen, als auch am Kubismus, den Boccioni und Carrà anlässlich eines Parisaufenthaltes 1911 entdecken.

Vom Divisionismus übernehmen die italienischen Maler den gesteigerten Farbensinn, vom Kubismus die Zerlegung der Formen. Ihr wichtigster Beitrag sind aber ihre Studien zur Bewegung und deren Umsetzung mit Hilfe dynamischer Linien. Der Futurismus ist eine avantgardistische Kunstrichtung, wie es Marinetti in seinem futuristischen Manifest verdeutlicht..

Dieser Text stößt sogleich bei Balla, Boccioni, Carrà, Russolo und Severini auf ein positives Echo Schon zwei Monate später, am 11. April 1910 folgt das für die Entwicklung der bildenden Kunst grundlegende "Technische Manifest der futuristischen Malerei". Dort formulieren sie den "universellen Dynamismus", der zur Grundlage der Kunst des Futurismus wird.

Auszüge:

Alles bewegt sich, alles fließt, alles vollzieht sich mit größter Geschwin- digkeit. Eine Figur steht niemals unbeweglich vor uns, sondern sie erscheint und verschwindet unaufhörlich. Durch das Beharren des Bildes auf der Netz- haut vervielfältigen sich die in Bewegung befindlichen Dinge, ändern ihre Form und folgen aufeinander wie Schwingungen im Raum. So hat ein galoppie- rendes Pferd nicht vier, sondern zwanzig Beine und ihre Bewegungen sind dreieckig. in der Kunst ist alles Konvention, und die Wahrheiten von gestern sind für uns heute lauter Lügen Ihr haltet uns für verrückt. Wir sind aber die Primitiven einer neuen, völlig verwandelten Sensibilität. Außerhalb der Atmosphäre, in der wir leben, ist nur Finsternis. Wir Futuristen steigen zu den höchsten und leuchtendsten Gipfeln auf, und wir rufen uns als die Herren des Lichtes aus, denn wir trinken schon aus den Quellwassern der Son- ne.

In der Folge schließen sich zahlreiche Künstler der Bewegung an, darunter Sironi, Depero, Prampolini, Fillia, Dottori, Tato und Sartoris Der Futurismus ist eine Künstlerbewegung, die mit der Tradition aufräumt und eine neue auf dem Fortschritt, der Maschine und Geschwindigkeit basierende Ästhetik preist.

Er steht unter dem Einfluss der radikalen Veränderung des Stadtbildes in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts. Die Industrie entwickelt sich, die Architektur der Städte modernisiert sich und auch die Verkehrsmittel folgen dieser Entwicklung: Auto und Flugzeug, bisher nur wenig verbreitet, treten als neue Bestandteile einer Umgebung in Erscheinung, welche die futuristischen Maler stark beeinflusst. Der Futurismus ist eine Kunst, die auf der Originalität basiert und die mit allen abge- nutzten Themen aufräumt, um ihr bewegtes Leben voll Eisen, Stolz, Fieber und Ge- schwindigkeit auszudrücken. Es handelt sich um eine Kunst, die „die dynamische Empfindung“ einer Welt wiedergibt, in der sich alles bewegt, alles läuft und sich schnell verändert. Diese Kunst zeugt von der tiefgreifenden Veränderung des Rau- mes, dessen Bestandteile aufeinander zuprallen scheinen.

Im Futurismus wir die moderne Welt bejaht, was bedeutet Feierliches, Ernstes und alte Kunst müsse vernichtet werden. Die Themen sind zum Beispiel Technik, Men- schenmassen und Baustellen. Die Bildelemente wurden, wie schon gesagt vom Poin- tillismus, dann vom Kubismus übernommen. Zusätzlich dazu wird mit schrägen Li- nien, wirbelnden Kreisformen, Bewegungszeichen und hellen, kontrastreichen Far- ben gearbeitet. Die Kompositionen bestehen aus aufgesplitterten Umrissen, rhythmi- sche Wiederholung ähnlicher Elemente, Einschmelzen von Bewegungsströmen und das überlagern bzw. durchdringen von Flächen und Kuben. Die Bilder haben keine Zentralperspektive und durch diese ständige Verlegung der Perspektiven entseht ein Eindruck von Bewegung. Die Fluchtpunkte außerhalb des Bildes und die Aufsplitte- rung des Raumes beziehen den Betrachter mit ein.

Diese Zersplitterung bewirkt ein Auflösen der Kraftlinien und eine vieldimensionale und transparente Wirkung. Nichtsichtbares wird durch Rhythmik, Struktur und Zeichen vermittelt.

Der Futurismus hat auch eine zweite Phase, in der greift er auch auf andere Aus- drucksformen wie Bühnenbild, Illustration oder dekorative Kunst über. Er bricht somit aus dem strikten künstlerischen Rahmen aus, beschäftigt sich mit dem Alltäglichen und verwirklicht so eine seiner ersten Ambitionen.

Mario Sironi

Aereo, 1915

Tempera auf Papier (aufgezogen), 72,5 x 55 cm

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Städtische Szenen oder imaginäre Metropolen, die Kreisbewegung einer Mechanik in Aktion oder der Dreiecksgalopp eines Rennpferdes sind wiederkehrende Themen der futuristischen Ikonographie

Virgilio Marchi Edificio visto da un aeroplano virante, 1919-1920 Tempera auf Papier (aufgezogen), 132 x 136 cm Privatsammlung, Lugano

Nicolaj Diulgheroff

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

L'uomo razionale, 1928 Öl auf Leinwand, 113,5 x 99 cm Privatsammlung

„Futurismus“ im Lexikon:

Eine um 1910 in Italien aufgekommene künstlerische und politische Bewegung, die nach Russland, Deutschland und Frankreich ausstrahlte; beeinflusste unter anderem Expressionismus, Dadaismus und Surrealismus stark. Der Futurismus proklamierte die Sperrung der Traditionen und begeisterte sich für die Dynamik der modernen Technik. Problematisch, vor allem in Italien, war die Verherrlichung des Krieges und die faschistische Haltung.

Futuristische Künstler:

Der italienische Schriftsteller Filippo Tommaso Marinetti geboren 1876 in Alexand- ria und gestorben 1944 in Bellagio, Como, gelangt durch die Veröffentlichung des Manifests des Futurismus zu Berühmtheit. Durch die Mitarbeit bei einer Pariser Zei- tung, verschiedenen Gedichten, seinem utopischen Roman „La Conquête des Etoi- les“, sein Lyrikband „Destruktion“ und die Gründung des Theaterstückes „Roi Bom- bance“ verschafft er sich Anerkennung in literarischen Kreise und hatte damit großen Erfolg. Am 20. Februar 1909 veröffentlicht er auf der ersten Seite des „Figaro“ das Gründungsmanifest des Futurismus. Als eigentlicher Anführer der Futuristen stellt er die Theorie einer grundlegend modernen Ästhetik auf, die auf der Schnelllebigkeit und dem Krieg beruht. Sein Einfluss macht sich als erstes in der Literatur bemerkbar, deren Syntax, Zeichensetzung und Typographie er mit der Einführung des Konzepts des «freien Wortes» (parola libera) revolutioniert. Aber auch in der bildenden Kunst, im Theater, im Tanz und in der Musik bewirkt er tiefgreifende Veränderungen. Sein Schaffen in der zweiten Phase des Futurismus ist unvermindert, es entstehen zahl- reiche Manifeste, Schriften und Dichtungen, jedoch trüben seine Beziehungen zum italienischen Faschismus das Bild seines Wirkens.

Filippo Tommaso Marinetti

Irredentismo, 1914

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tusche, Pastell und Collage auf Papier, 21,8 x 27,8 cm Privatsammlung, Lugano

Giacomo Balla ist der älteste futuristische Maler. Er ist in Turin geboren und später nach Rom gezogen. Vorerst begeistert er sich für den Impressionismus und den Pointilillismus. Seine frühfuturistische Periode ist vom Divisionismus Seurats beein- flusst, und erst 1912 schließt er sich wirklich der neuen Kunstrichtung an und malt zu der Zeit einige seiner bekanntesten futuristischen. In seinen Bildern beschäftigt er sich vor allem mit der malerischen Darstellung von Geschwindigkeit und Bewegung, besonders der von Autos, denen er deutlich abstrakte Züge verleiht. In den zwanzi- ger Jahren wechselt sein Stil, der geometrische Formen bevorzugt, zwischen abs- trakten Konstruktionen und Gegenständlichkeit ab. Durch seine abstrakten, stark far- bigen Bilder beeinflusst er den sogenannten Zweiten Futurismus. Zuletzt werden sei- ne Bilder wieder naturalistisch und er wendet sich vom Futurismus ab.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Giacomo Balla

Automobile in corsa, 1913-1914

Öl auf Papier und Karton, 73 x 104 cm Privatsammlung

Carlo Carrà, geboren in Quargneto, Alessandria und gestorben 1966 in Mai- land, ist fünf Jahren lang eines der aktivsten Mitglieder der Gruppe und schreibt regelmäßig Artikel für die Zeitschrift Lacerba. Wie in seinem Bild Scomposizione di bicchiere zum Ausdruck kommt, ist sein Werk besonders vom Kubismus beeinflusst. Sein Engagement für den Futurismus ist von kur- zer Dauer, da er sich bereits 1916 Giorgio de Chirico anschließt und mit ihm zusammen die «metaphysische Malerei» begründet. 1924 beteiligt er sich an der gruppe Novecento, womit er wieder in die Malerei der Natur zurückkommt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Carlo Carrà

Scomposizione di bicchiere, 1913 Tusche auf Papier, 22,5 x 14,2 cm Privatsammlung

Umberto Boccioni, in Reggio di Calabria geboren, lässt in seine Bilder auch Anzei- chen des Dynamismus einfließen, von Mensch und Tier (Dinamismo di un cavallo - Dynamismus des Pferdes). Er ist wie Carrà stark vom Kubismus beeinflusst. Als Bildhauer unterzeichnet er 1912 das Technische Manifest der futuristischen Bildhau- erkunst. Ab 1913 schreibt er für Lacerba, und 1914 veröffentlicht er Pittura-Scultura futurista, den wichtigsten Beitrag der Bewegung. Nach seiner Rückkehr an die Front als Freiwilliger in den Bersaglieri, stirbt er 1916 an den Folgen eines Sturzes vom Pferd.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Umberto Boccioni Antigrazioso, 1912

Öl auf Leinwand, 80 x 80 cm Privatsammlung

Gino Severini, in Cortona geboren, lässt sich 1906 in Paris nieder. Er malt Bilder, die vom Divisionismus beeinflusst sind.1910 unterzeichnet er die beiden futuristischen Manifeste der Maler und wird zum Vermittler der italienischen Futuristen und den Pariser Künstlern, z.B. bei der Futurismus-Ausstellung der Galerie Bernheim Jeune. Ab 1916 orientiert er sich am Kubismus von Georges Braque und Juan Gris und schließlich wendet er sich dem Klassizismus zu.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Gino Severini

Natura morta, 1918

Öl auf Karton, 40 x 31,5 cm Privatsammlung Mailand

Luigi Russolo stammt aus einer musikalischen Familie. 1910 beginnt er unter dem Einfluss von Bonzagni und Romani zu malen und schließt sich dem Futurismus an. 1913 veröffentlicht er Die Kunst der GerÄusche und vernachlässigt die Malerei zu- gunsten der Musik. Ab 1923 beginnt er eine Serie «rumorarmoni» (eine Art Harmoni- um mit tiefen Tonlagen) zu bauen, auf denen er auch Konzerte gibt. Nach dem ers- ten Weltkrieg wendet er sich Ende der dreißiger Jahren wieder der Malerei zu.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Luigi Russolo

Aurora boreale, 1938

Öl auf Leinwand, 60 x 91 cm Privatsammlung, Lugano

Der Futurismus wirkte sich auf verschiedene Kunstrichtungen aus:

Malerei

Giacomo Balla: Mädchen rennt auf einem Balkon, 1912 Balla: Zwei Studien dazu Marey: Chronophotographische Studie: Sukzessive Ansichten e. rennenden Men- schen, 1886

Giacomo Balla: Abstrakte Geschwindigkeit, 1913 Marey: Mann, e. Karren schiebend, c.1891

Boccioni: Dynamismus e. Radfahrers, 1913 Boccioni: Dynamismus e. Fußballspielers, 1913

Kandinsky: Bild no. 199, 1914

La vita futurista, 1916: Tanz der geometrischen Schönheit Muybridge: Zoopraxiskop, (Replik), 1880

Eakins: Geschichte e. Sprunges, 1884-85 Eakins: Gehender Mann, Marey- Rad, 1884 Marcel Duchamp: Akt, eine Treppe hinabsteigend no.2, 1912

Paul Richer: Fgur, eine Treppe hinabsteigend, 1895 Marey: Englischer Boxer, 1880er

Fotografie

angeregt durch die Experimente von Muybridge, Marey und Eakins sowie der okkulten Fotografie übersinnlicher Erscheinungen experimentierten einige der Futuristen auch mit dem Medium der Fotografie:

Umberto Boccioni: Io -Noi-Boccioni, 1907-1910

Duchamp: Marcel Duchamp autour d' un table, 1917

Anton Giulio und Arturo Bragaglia: Un gesto di capo, fotodinamica, 1911

Anton Giulio Bragaglia: Hand in Bewegung, 1911 Anton Giulio/Arturo Bragaglia: Typist, 1911

Skulptur

Während die bisherig behandelte Skulptur des Expressionismus oder des Kubismus ihre stilistischen Neuerungen aufgrund der Kenntnis archaischer und außereuropäi- scher Skulptur entwickelte, hat die Skulptur des Futurismus einen anderen Ursprung (Reinhard Hohl). Sie versteht sich als Manifestation eines totalen Bruchs mit der Ver- gangenheit. Die Theorie des Manifestes geht auch hier den konkreten Formerfindun- gen voraus.

Umberto Boccioni in seinem Atelier,1914 Boccioni: Formen der Kontinuiät im Raum, 1913

Im Technischen Manifest der futuristischen Plastik ,1912 schreibt Boccioni am 11. Ap- ril 1912:

Die Skulptur muss den Körpern Leben geben, indem sie deren Fortsetzung in den Raum hinein fühlbar, sichtbar, greifbar macht, denn niemand kann heute länger behaupten, dass ein Gegenstand dort beginne, wo ein anderer aufhöre, da alle Dinge, die unseren Körper umgeben (Flasche, Automobil, Haus, Baum, Strasse), diesen durchschneiden und ihn mit Kurven und Geraden zerteilen. ...Weder in der Skulptur noch in der Malerei lässt sich Neues erzielen, falls man nicht Stilformen für die Bewegung sucht. Die Kodifizierung der Lichtschwingungen und der Körperdurchdringungen wird die futuristische Skulptur bringen. Durchsichtige Glas- und Zelluloidflächen, Metallstreifen, Drähte, innen oder außen angebrachte elektrische Lichtquellen werden die Bildebenen, die Haltung, die Töne und Halbtöne einer neuen Realität abgeben. Auch kann eine neuartige Farbigkeit die emotionelle Kraft der Tiefenschich- ten verstärken, und eine kolorierte Anordnung kann den abstrakten Gehalt einer plastischen Gestalt dramatisch verstärken. Man muss den behaupteten, gänzlich literarischen und traditionellen Vorrang von Marmor und Bronze be- kämpfen und entschieden verneinen, dass der Bildhauer sich für ein Skulptu- ren-ensemble nur eines einzigen Materials bedienen dürfe. Der Bildhauer kann im gleichen Werk zwanzig verschiedene Werkstoffe verwenden - Glas, Holz, Karton, Zement, Beton, Rosshaar, Leder, Stoffe, Spiegel - vorausgesetzt, dass der plastische Antrieb dies fordert. Wenn eine bildhauerische Komposi- tion einen speziellen Bewegungsrhythmus braucht, um die vorhandenen Form- rhythmen zu verstärken oder aufzuheben, dann kann man ihr einen kleinen Mo- tor beigeben, der dieser Schicht oder jener Linie eine angemessen schnelle Bewegung verleiht. Man muss laut verkünden, dass in der Durchdringung der Tiefenschichten einer Skulptur viel mehr Wichtigkeit liegt, als in allen Muskelspielen, in allen Busen, in allen Schenkeln von Helden und Göttinnen, die bis jetzt die unheilbare Dummheit der Bildhauer begeisterten.

Musik

Luigi Russolo (1885-1947) formuliert am11. April 1913 das futuristische Manifest "L' Arte dei Rumori", die Kunst der Geräusche. Wichtigstes Manifest für jede Art von Geräuschmusik des 20. Jahrhunderts

Auszüge:

Der begrenzte Kreis reiner Töne muss durchbrochen und die unendliche Viel- falt von "Geräusch-Tönen" erobert werden Wir finden wesentlich mehr Vergnügen in der geistigen Kombination von Straßenbahngeräuschen, knat- ternden Motoren, Karren und schreienden Massen als im wiederholten Hören, von z.B. der "Eroica" oder der "Pastorale" Jedes Geräusch hat einen Klang, und manchmal auch eine Harmonie, die in der Summe ihrer irregulären Vibrationen überwiegt Die Kunst der Geräusche muss nicht auf imitati- ve Reproduktion begrenzt bleiben Die rhythmischen Bewegungen eines Geräusches sind unendlich: wie beim Klang gibt es immer einen vorherr- schenden Rhythmus Wir werden in der Lage sein, zehn, zwanzig oder dreißigtausend verschiedene Geräusche voneinander zu unterscheiden, die wir nicht nur einfach imitieren, sondern imaginativ kombinieren.

Luigi Russolo: Risveglio di una Città, 1914, 4:07 min. Partitur von "Risveglio" Partitur Risveglio di una Città Foto "Intonarumori" Antonio Russolo: Serenata, 1924, 2:30 min Foto: Orchester und "Intonarumori"

Architektur

Die Architektur spielte im Futurismus eine eher nebensächliche Rolle. Fünf Jahre nach dem ersten futuristischen Manifest entwickelte sich das Bewusstsein einer Er- weiterung der futuristischen Ideologie auf den physikalischen Raum. Die Definition einer typisch futuristischen Architektur ist jedoch extrem vage. Das Manifest der fu- turistischen Architektur, von Boccioni zwischen 1913 und Anfang 1914 verfasst, wurde am 11. Juli 1914 publiziert und erst 1971 von Zeno Birolli wiederentdeckt an- lässlich der Edition der vollständigenßchriften von Umberto Boccioni.

Die architektonische Artikulation des Futurismus wurde durch den erst im Frühjahr 1914 zur Gruppe stoßenden Antonio Sant' Elia (1888-1916) geprägt. Außer der Villa Elisi in Como hatte Sant' Elia keine Bauten ausführen können und war lediglich durch seine Publikation "Le case populare e la città giardino" von 1911 und seinen utopischen Vorstellungen einer gezeichneten, neuen Stadt bekannt geworden.

Antonio Sant' Elia: Die neue Stadt: Wohngebäude mit Außenaufzügen, Galerie, ü- berdacher Passage über drei Ebenen ( Straßenbahnlinie, Autostraße, metallischer Fußgängerweg), 1914 Berlin, Baustelle Potsdamer Platz Fritz Lang: Metropolis, 1929

Die Architektur vollzieht jetzt einen Bruch mit der Tradition. Wir sind zu einem Neubeginn gezwungen Wir müssen die futuristische Stadt wie einen riesigen, lärmenden Bauplatz planen und bauen, beweglich und dynamisch in allen ihren Teilen und das futuristische Haus wie eine gigantische Maschine. die Aufzüge dürfen sich nicht wie einsame Würmer in die Treppenhäuser verkriechen , sondern die Treppen, die überflüssig geworden sind, müssen abgeschafft werden, und die Aufzüge müssen sich wie Schlangen aus Eisen und Glas an den Fassaden hin- aufwinden. dieses Haus ohne Zement, Glas und Eisen, ohne Malerei und ohne Skulpturen, das nur die angeborene Schönheit seiner Linien und Formen ziert, das außerordentlich hässlich in seiner mechanischen Einfachheit und so hoch und so breit wie erforderlich ist, nicht wie es die Vorschriften der Baubehörden befehlen, dieses Haus muss sich am Rande eines lärmenden Abgrundes erheben: der Strasse, die sich nicht mehr wie ein Fußteppich auf dem Niveau der Portierslogen dahinzieht, sondern die mehrere Geschosse tief in die Erde hinabreicht und diese Geschosse werden für die erforder- lichen Übergänge durch Metall-Laufgänge und sehr schnelle Rolltreppen ver- bunden sein

Das Dekorative muss zerstört werden

Ich behaupte: die neue Architektur ist eine Architektur von kühler Kalkulation, verwegener Kühnheit und Einfachheit; eine Architektur aus Stahlbeton, Eisen, Glas, Textilgeweben und all jenen Ersatzstoffen für Holz, Steine und Ziegelwerk, die zur Erreichung einer maximalen Elastizität und Leichtigkeit beitragen Der dekorative Wert futuristischer Architektur hängt nur vom Gebrauch und originellen Arrangement von rohen, entkleideten oder gewalttätig bemalten Materialien ab Das fundamentale Charakteristikum futuristischer Ar- chitektur wird ihre Unbeständigkeit und Vergänglichkeit sein. Die Dinge werden weniger lange als wir existieren. Jede Generation muss ihre eigene Stadt erbauen.

Antonio Sant' Elia:Flughafen und Bahnhof mit Aufzügen und Seilbahnen übe5 dreigeschossiger Strase, 1914

Sant'Elia: Wasserkraftwerk, 1914

Mario Chiattone: Apartmenthaus III, 1914

Kevin Roche/John Dinkeloo: Knights of Columbus Tower, New Haven, 1967-71

Chiattone: Konzerthalle, 1914 Carel Weeber (*1937): Gefängnis De Schie, Rotterdam.,1986-1989

Giacomo Matté Trucco: Fiat-Werke, Lingotto bei Turin, Luftaufnahme 1916-1922

Der russische Futurismus

"Alles Revolutionäre, alles Rebellische, alles beispiellos Kühne, Mutige und Wilde - alles das ist der Futurismus. Keine Macht, keine Autorität, kein Einfluss von nirgendwoher nirgendwo und niemals...

Der Futurismus ist das Lied der Anarchie. Nur in einer solchen revolutionären Form kommt unser wahrer Futurismus, die Revolte der Kunst, zur Geltung."

Die Ziele des Futurismus

Es ist schwierig, einzelne Ziele auf ganze Bevölkerungsgruppen über einen längeren Zeitraum für geltend zu erklären. Menschen entwickeln sich, verändern sich. Und mit ihnen auch ihre Wünsche und natürlich auch ihre Ziele. Dennoch gibt es einige grö-ßere Anliegen, die den Futurismus von seiner Entstehung bis zu seinem Ende begleiteten.

Zuallererst wäre die Missachtung der bildhaften und gesellschaftlichen Normen und das radikale Brechen mit allen Traditionen zu sehen. Dies zeigte sich schon im all- gemeinen Lebensstil der Künstler, wie auch in ihren Aktionen, aber vor allem in ihrer Kunst.

Sie lehnten die bisherigen Kunstformen in ihrer Gesamtheit ab, vor allem aber den Symbolismus. Ihre originellen Entwicklungen wurden anfangs belächelt, vereinzelt zensiert, teilweise nicht wahrgenommen. Das Streben nach Originalität und Abgren- zung um jeden Preis bewog die futuristischen Avantgardisten dazu, immer neuere Formen vordenkerischer Kunst zu entwickeln, teilweise sehr provokant in der Darstel- lung und in den Motiven, aber auch schon allein im Stil selbst. Michail Larionoff prägte verschiedene Stufen der anatomischen Verzerrung, z.B. in seinen Soldatenbildern, bei denen er die Füße und Hände überdimensional darstellte.

Weitere festzuhaltende Ziele sind die rationale Betrachtungsweise der Kunst, die Entwicklung wissenschaftlicher oder pseudowissenschaftlicher Theorien, sowie die enge Zusammenarbeit mit Literaturwissenschaftlern, die die theoretischen Grundlagen zur bildenden Kunst ergänzen sollten.

Dieser letzte Aspekt erfüllte sich fast von selbst, waren doch viele Künstler unter- schiedlicher Richtungen und Kunstarten in ständigem Kontakt oder auch gute Be- kannte. Die Kunst lebte nur von Kommunikation, Gesprächen und gegenseitigen Motivierungen.

An vielen gemeinsamen Abenden in den etablierten und bedeutungsvollen Treffpunkten, wie spezielle Cafeïs oder auch Privatwohnungen wurden bahnbrechende Ziele diskutiert, festgehalten oder verfaßt.

Weitere Merkmale der futuristischen Ziele waren ihr destruktiver, kulturkritischer Aspekt und die Bekämpfung des kulturellen Systems, das eng mit dem politisch- ö- konomischen System verbunden ist, aber während der vorrevolutionären Phase keine direkten politischen, ökonomischen oder sozialen Forderungen.

Vertreter der futuristischen Malerei in Russland Durch seine Derbheit der Darstellungen in seinen Werken von 1907 bis 1913 leitet Michail Larionoff, Sohn eines Militärarztes, die futuristische Bewegung ein. "Respekt- lose und zusammenhanglose Assoziationen, die Nachahmung der Kunst der Kinder und die Übernahme der Bildersprache und verschiedener Motive der Volkskunst"6 waren Larionoffs Mittel, die traditionelle russische Kunst zu attackieren und somit einen ersten Punkt russisch-futuristischer Ziele zu entwickeln. Larionoff besuchte 10 Jahre lang die Moskauer Schule der bildenden Künste, vollzog 1908 seinen 9- monatigen Militärdienst und verließ 1914 Russland. Larionoff verfolgte eine "unauffäl- lige innere Logik, welche die Intuition bewusst einer verstandesgemäßen Prüfung unterzieht"7. Von einer impressionistischen Phase entwickelte er sich hin zur kubo- futuristischen Phase.

Er war eng befreundet mit Natalia Gontscharowa, einer weiteren wichtigen Person der futuristischen Bewegung. Als Unterzeichnerin des futuristischen Manifests und durch verschiedene Werke auf den futuristischen Ausstellungen machte sie sich ei- nen Namen. Sie stammte von einer altadeligen Familie ab, ihre Großmutter war Tochter des Dichters Alexander Puschkin. Sie teilte "mit den italienischen Futuristen die instinktive Vorliebe für Maschinen; ihre Werke zwischen 1912-1914 spiegeln diese Stimmung wieder."8 1915 verlässt sie Russland. Ihre Arbeiten von 1910-1912 beeindruckten einen weiteren entscheidenden Vertreter des russischen Kubofuturis- mus - Kasimir Malewitsch, Sohn einer einfachen Familie mit geringer Schulbildung, aber hohem Fleiß und großem Auffassungsvermögen, der sich 1911 den Futuristen anschließt und seitdem an vielen Ausstellungen beteiligt war und sich ebenso an vie- len Publikationen und Aktionen aktiv beteiligte. Später dann schlägt er mit dem Sur- prematismus eine eigene Richtung ein. Malewitschs Thema war am Anfang der Mensch und dessen Beziehung zum Kosmos. Er befasst sich hauptsächlich mit den Menschen, der bezeichnend für die Menschheit steht. Als weiteres beeinflussendes Talent auf den Gebieten der Dichtung als auch der Malerei erwies sich David Burljuk, einer der Gebrüder Burljuk, auch in der futuristischen Bewegung bekannt als sehr aktiver Künstler. Ständig teilnehmend an Aktionen vertrat er sehr offen und stark die Interessen des Futurismus.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Kasimir Malevich - 1916-19

Textquellen: „Futurismus“ von Maurizio Calvesi und Internet Kathrin Hey

12 von 12 Seiten

Details

Titel
Der Futurismus
Veranstaltung
Pflichtreferat
Note
1
Autor
Jahr
2001
Seiten
12
Katalognummer
V101018
Dateigröße
682 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Futurismus ist ein scheiß Thema!
Schlagworte
Futurismus, Pflichtreferat
Arbeit zitieren
Kathrin Hey (Autor), 2001, Der Futurismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/101018

Kommentare

  • Gast am 25.2.2002

    Futurismus.

    Gutes Referat, aber wirklich ein scheiß Thema!

  • Gast am 4.9.2002

    prima gemacht....

    prima gemacht...endlich findet man mal was über diese sch**** thema im web!

  • Gast am 14.2.2003

    Sehr gut aus gearbeites Referat.

    Danke für diese Arbeit Kathrin. Endlich mal jemand der die wenigen Infos die man über Futurismus bekommt in einen sprachlich gut ausgearbeites Referat packt. Ich muss dich loben.

    MfG

    Martin Berk

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