Frisch, Max - Stiller


Referat / Aufsatz (Schule), 2001
3 Seiten, Note: 11 Punkte

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In dem 1954 erschienenen Roman „Stiller“ setzt sich der Schweizer Autor Max Frisch erneut wie auch in den Werken „Homo Faber“ (1957) und „Andorra“ (1961) mit der Problematik der Identität auseinander. Frisch zeigt in diesem Roman, wie sehr das Leben und Wesen jedes einzelnen durch Rollenverteilung und -erwartung geprägt wird und wie schwer es ist, diesen Anforderungen zu genügen. Oft wird die Persönlichkeit und das Bewusstsein des Menschen von der Umwelt zum Anderssein gezwungen, bis dieser diese Festschreibung annimmt und an diese Rolle glaubt. Es wird in „Stiller“ auch auf die Problematik hingewiesen, dass einem Menschen nicht die Möglichkeit gegeben wird, sich zu verändern. „Du sollst dir kein Bildnis machen“ - diese Worte sind nicht durch Frisch geprägt, jedoch in seinem Werk wieder aufgegriffen worden. Nicht dadurch, sich ein Bildnis zu machen sieht der Autor das Problem, sondern viel mehr darin, dieses „Bild“ nicht wieder verändern zu wollen, statt dessen den Menschen darin gefangen zu halten.

Bei der Einreise in die Schweiz wird der vermeintliche Amerikaner Mr. White festgenommen und wegen seines identischen Aussehens verdächtigt, der vor sieben Jahren verschwundene Anatol Ludwig Stiller, ein Bildhauer, zu sein. „White“ kommt ins Gefängnis, wo er von seinem Verteidiger dazu aufgefordert wird, sein Leben nieder zu schreiben. Der Leser erfährt auf diese Weise von Stillers Vergangenheit, die so Schritt für Schritt und von mehreren Perspektiven aufgedeckt wird.

An zahlreichen Nachmittagen, an denen er das Gefängnis verlassen darf, lernt „White“ Julika Stiller gut kennen und der Leser erfährt aus ihrer Perspektive viel von Stillers Vergangenheit: Stiller versagt als Bildhauer und als Freiwilliger beim Spanischen Bürgerkrieg. So sieht er die Ehe mit Julika, einer Balletttänzerin, als Bewährungsprobe an. Diese Ehe misslingt aber, da er ihre Verschlossenheit und ihren Narzissmus nicht erträgt und beide keine gemeinsame konstruktive Ebene für ihr Zusammenleben finden. Julika erkrankt an Tuberkulose und muss in ein Sanatorium in Davos. Sie schließt dort Bekanntschaft mit einem Sanatoriumsveteran, der später jedoch stirbt, was sie sehr berührt. Stiller- in ein anderes Verhältnis involviert- kümmert sich während dieser Zeit wenig um seine Frau, doch eines Tages im August besucht er sie dennoch. Es kommt zu einer ersten Begegnung, doch so plötzlich, wie er erscheint, verschwindet er auch nach einem Spaziergang mit der kranken Julika wieder. Als Julika es in dem Sanatorium nicht mehr auszuhalten glaubt, flieht sie, bricht jedoch in Landquart, einer Bahnstation, zusammen und wird so wieder zurück nach Davos gebracht. An einem trostlosen Novembertag begegnen sich die beiden ein letztes Mal, als Stiller Julika noch einen Besuch abstattet, mit der Absicht, ihre Beziehung zu beenden. Dieses letzte Gespräch vor Stillers Verschwinden ist zugleich auch der Schluss des zweiten Heftes.

Auch an dieser mir vorliegenden Textstelle zeigt sich ganz deutlich das Scheitern der Beziehung und die gegenseitige Rollenerwartung, sowie das ständige Gefühl des Versagens von Seiten Stillers. So sagt er schon zu Beginn der Textstelle: Ja, ich fragte mich manchmal, warum ich in all diesen Jahren nie aufgesprungen bin und dir kurzerhand eine Ohrfeige versetzt habe. Im Ernst, es ist ein Fehler, der nicht mehr nachzuholen ist; ein Fehler, davon bin ich überzeugt.“(S. 145) Wie schon so oft -er spricht zweimal von Schuld-, gibt er sich die Schuld, nicht versucht zu haben, Julikas Zurückgezogenheit und Passivität gewaltsam durchbrochen zu haben, sondern sich selbst zurückgezogen zu haben. Stiller sieht sich als Versager der Beziehung. Julikas Krankheit deutet er als Flucht aus der Beziehung, damit er sein schlechtes Gewissen bekommt- bewusst oder unbewusst. So spricht er hier auch von der Flucht aus dem Sanatorium, schließlich hätte sie gewusst, dass sie zusammenbrechen würde. Alles sei Inszenierung, um ihm ein schlechtes Gewissen zu machen und ihm die Schuld zu geben.

An der Krankheit allgemein schreibt sich Stiller dennoch die Schuld zu: „Und dabei ist es wieder das Fürchterliche: in einem ganz andern Sinn, siehst du, ist es wirklich mein Verschulden, dass du jetzt in diesem Sanatorium liegst.“ Von Anfang an deutet er ihre Beziehung als gescheitert und macht sich Vorwürfe. Er hat Julikas Erwartungen nicht entsprochen und sie umgekehrt genau so wenig seinen, so dass eine harmonische und am Ende beglückende Basis in ihrer Beziehung nie hat existieren können. So sagt er kurz darauf auch, dass, hätte sie einen anderen Mann kennen und lieben gelernt, sie vielleicht gesund wäre und auch bleiben würde. Für den Bildhauer Stiller sei die Beziehung sowieso immer nur eine „Bewährungsprobe“ (S. 145), wie er es nennt, gewesen. An dieser Bewährungsprobe sei er gescheitert, was ihn wieder -nach seinem Spanienerlebnis- als Versager dastehen lässt.

Doch auch Julika gibt er eine Teilschuld am Scheitern der Beziehung, denn sie habe ihm die ganze Zeit eine Rolle gegeben, aus der sie ihn nicht mehr entlassen habe. Sie hätte sich keinen Mann suchen sollen, der ihr unterliegt und dem sie ein schlechtes Gewissen aufzwingen kann, um ihn an sich zu binden, sondern einen Mann, „der nur durch natürliche Liebe zu gewinnen und zu halten ist“ (S. 145), welcher Rolle er nicht entspricht und somit nicht einhalten kann. Als nun Julika zu reden beginnt, macht sie ihrem Mann von vornherein wieder Vorwürfe, um sein schlechtes Gewissen zu wecken. Sie formuliert Frischs essentiellen Gedanken der Bildnisproblematik. Er -Stiller- dränge sie mit solchen Gedanken in eine Rolle, mache sich ein falsches Bild von ihr. Diesen Gedanken brachte ihr einst der Sanatoriumsveteran nahe. Dieser hoffte natürlich, Julika würde ich auf sich selber beziehen. Ihr Verhalten in diesem letzten Gespräch mit Stiller zeigt also, dass sie überhaupt nicht verstand. Sie stützt ihre Aussage noch mit einem „Nicht wahr?“(S. 145), um ihm noch deutlicher seine Schuld zu zeigen. Dieses „Nicht wahr?“ lässt keine andere Meinung zu als die ihre, womit Stiller wieder das Unrecht auf seiner Seite hat. Hier wird also ganz deutlich gemacht, dass Julika die stärkere Person in der Beziehung ist, die Stiller immer wieder zeigt, was für ein Versager er doch ist, der nichts kann und immer im Unrecht ist.

Auch macht sie ihm durch ihre Aussagen deutlich, dass es Stiller ist, der am Scheitern der Beziehung die Schuld zu tragen hat. Immer wieder macht sie ihm Vorwürfe. Schließlich mache er sich ein Bild von ihr, wie er es immer schon zuvor gemacht hat. „Du sollst dir kein Bildnis machen! Jedes Bildnis ist eine Sünde. Es ist genau das Gegenteil von Liebe, siehst du, was du jetzt machst mit solchen Reden.“ (S. 146) Gleich darauf gibt sie auch zu verstehen, dass Stiller nicht das Wesentliche versteht, von dem man redet. Sie sagt: „Ich weiß nicht, ob du’s verstehst“ (S. 146) und vermittelt ihrem Gegenüber das Gefühl, dass Stiller solche Gedanken nicht nachvollziehen kann.

Im gesamten Gesprächsverlauf merkt man, dass Julika ihrem Mann die Rolle des Versagers zuweist. Ihr selbst fällt nicht auf, dass sie sich längst ein Bild von Stiller gemacht hat. Genau dieses „Bildnis machen“ wirft sie ihm vor. Wenn sie auch davon spricht, dass man dem Partner immer die Möglichkeit geben sollte, sich zu verändern und aus der festgeschriebenen Rolle zu entschlüpfen, wenn man ihn liebt (S. 146), so ist hier bei der Betrachtung ihrer Beziehung zu sagen, dass nicht nur Stiller nicht liebt, sondern Julika genauso wenig. Das stellt Stiller daraufhin selbst fest: Man solle doch in ihrem Falle nicht von Liebe sprechen (S. 146).

„Reden wir doch offen!“ (S. 146)- zum ersten Mal in der Beziehung soll ein Thema wirklich offen behandelt werden, so, wie man es die ganze Zeit zuvor niemals geschafft hat. Stiller hat erkannt, vielleicht durch seine Beziehung mit Sibylle, wie falsch man in der Partnerschaft miteinander umgegangen ist, dass beide die Schuld am Scheitern tragen, da man nie offen zueinander gewesen ist. Nun redet Stiller nun auch auf eine Art offen mit Julika, da er sich selbst Eingeständnisse macht: “Unsere verhältnismäßige Treue war die Angst vor der Niederlage mit jedem anderen Partner, ..., nichts weiter.“ (S. 146)

Zum Schluss des Gesprächs sagt Stiller, dass er sich wegen Julikas Krankheit weder Vorwürfe macht noch großes Mitleid mit ihr hat: so sagt er, wäre es gut, wenn sie jetzt wüsste, „dass mir deine Krankheit keinen Eindruck mehr macht“ (S. 146). Das zeigt sich auch darin, dass er sagt: „Die Tränen in deinen Augen, Julika, sind eine Drohung, die nicht mehr wirkt.“ (S. 147)

Zum Ende der Beziehung ist er ihr zum ersten Male nicht böse. Stiller erkennt, dass er jetzt leben möchte, nicht ein Leben voll Vorwürfe und Rücksichtnahme, sondern ein freies Leben ohne ständig auferlegte Rollenerwartungen. Für ihn ist die ganze Beziehung beendet. Durch die Aussage „Nämlich sterben müssen wir alle“ (S. 147) drückt er nicht nur aus, dass er mit Julika abschließt, sondern auch mit seinem ganzen bisherigen Leben. Es ist für ihn der Beginn eines neuen Lebens und einer neuen Identität.

Zum Schluss ist zu sagen, dass die Problematik der Rollengebung und -erwartung sowie der Vorurteile, die man von einem Menschen, einer Menschengruppe oder Rasse hat, ein immerwährendes Problem ist, dem sich jeder Mensch zu stellen hat. Jeder Mensch macht sich ein Bild des Gegenüber, manchmal ohne sich einander die Chance zu geben, sich kennen zu lernen. Hat man sich dass einmal ein Bild des anderen gemacht, gibt man ihm nicht die Möglichkeit, diesem zu entfliehen, und das macht die ganze Problematik aus. Jedem Menschen sollte die Gelegenheit geboten werden, sich zu verändern, um neu entdeckt zu werden!

3 von 3 Seiten

Details

Titel
Frisch, Max - Stiller
Note
11 Punkte
Autor
Jahr
2001
Seiten
3
Katalognummer
V101061
Dateigröße
326 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frisch, Stiller
Arbeit zitieren
Stephanie Kuhn (Autor), 2001, Frisch, Max - Stiller, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/101061

Kommentare

  • Gast am 16.5.2001

    ------->.

    viel auswendig gelernt..., ist aber dadurch sehr präzise und strukturiert geschrieben. im schlusswort völlig versagt: "..., und das macht die ganze Problematik aus...", sowas schreibt man nicht! einseitiges vokabular in der formulierung, nicht aber in der fachsprache.
    hätte wegen dem schlusswort nur 10 punkte gegeben.

  • Gast am 15.4.2002

    Klausur? Interpretation!.

    Mir scheint das Werk eher eine Interpretation zu sein, allgemein, nicht auf Klausurfragen bezogen. (Was schreibt ihr für Klausuren???)
    Alles in alle gelungen. Jan gebe ich auch recht, aber ich verstehe nicht, warum er sich wegen dem 1 Punkt so anstellt. :)

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