Rilke, René Rainer Maria - Ein junger Prager Dichter / Entwicklungsphasen eines jungen Dichters


Facharbeit (Schule), 2001
27 Seiten, Note: 12 Punkte

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Inhalt

1. Einleitung

2. Kindheit und Jugend in Prag
2.1. Geschichtliche Entwicklung von Rilkes Geburtsort Prag
2.2. Rilkes Eltern
2.3. Die ersten Lebensjahre von René Maria Rilke
2.4. Rilkes Schullaufbahn
2.5. Erster akzeptierter Gedichtband: Die „Larenopfer“
2.6. Das Gedicht „Im alten Hause“
2.7. Rilke verlässt seine Geburtsstadt Prag

3. Rilke in München
3.1. Veränderungen in Rilkes Leben - Erscheinung von „Traumgekrönt“
3.2. Freundschaft mit Louise Andreas-Salomé

4. Rilke in Berlin
4.1. Neue Erkenntnisse durch Frau Andreas-Salomé
4.2. „Mir zur Feier“ - der erste Gedichtband, in dem Rilkes
Talent sichtbar wird
4.3. Das Gedicht „Ich fürchte mich so“

5. Ausblick auf Rilkes weiteres Leben

Anhang

Literaturverzeichnis

Bildnachweis

Erklärung

1. Einleitung

„Die vom Autor später unterdrückten Jugendgedichte [...] bleiben aus Qualitätsgründen unberücksichtigt.“1

Dieses Zitat aus der editorischen Notiz einer Ausgabe ausgewählter Gedichte Rainer Maria Rilkes, die im Reclam Verlag erschienen ist, steht nur als Exempel für ähnliche Anmerkungen in weiteren Gedichtbänden Rilkes. Nur zu oft werden heutzutage Rilkes frühe Werke außer Acht gelassen - „aus Qualitätsgründen“ - wie es hier heißt. Kaum vorstellbar, bedenkt man, dass Rainer Maria Rilke als einer der einflussreichsten deut- schen Lyriker der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts gilt. Er erlangte mit der für ihn charakteristischen Gedichtart, den Dinggedichten, großen Ruhm. Doch wie konnte er so eindrucksvolle Gedichte wie beispielsweise „Der Panther“ oder „Das Karussell“ schreiben, wenn seine frühen Gedichte angeblich so schlecht waren, dass sie nicht einmal abgedruckt werden? Sogar Rilke selbst „unterdrückte“ sie später, wie aus obigem Zitat hervorgeht. Dies verwundert umso mehr, da die Kunst des Dichtens nicht erlernbar ist; vielmehr handelt es sich hierbei um ein von der Natur gegebenes Talent, das sich im Laufe des Lebens weiterentwickeln muss. Im Folgenden soll der Weg zum großen Dichter am Beispiel des jungen Pragers René Maria Rilke, der später seinen Vornamen zu Rainer umwandelte, geschildert werden. Denn gerade an Rilke ist es interessant zu beobachten, wie er trotz unscheinbarer Anfänge in einer schweren Kind- heit zu einem Meister der Dichtkunst geworden ist.

2. Kindheit und Jugend in Prag

Während in den meisten Lebensläufen berühmter Personen die ersten Lebensjahre nur kurz ausgeführt werden, wird in Biografien über Rainer Maria Rilke bereits dieser Le- bensabschnitt sehr ausführlich dargestellt. Denn bei ihm war gerade die Kindheit ent- scheidend für seine spätere Entwicklung. Deshalb wird auch im Folgenden auf diesen Teil seines Lebens genauer eingegangen und auch die damalige Situation in seiner Heimatstadt Prag kurz geschildert. So sollen die Probleme, die ein deutscher Literat zur damaligen Zeit in dieser Stadt hatte, aufgezeigt werden. Denn nicht nur Rilke, sondern auch andere berühmte Schriftsteller wie beispielsweise Franz Kafka, litten unter dem Konflikt zwischen zwei Bevölkerungsgruppen, von dem Prag geprägt war.

2.1. Geschichtliche Entwicklung von Rilkes Geburtsort Prag

Schon seit ihrer Gründung im Jahr 973 n.Chr. war die tschechische Stadt Prag ein be- gehrter Zielort für Siedler aus dem Ausland. Die meisten von ihnen stammten aus Deutschland, und so kam es, dass die Stadt seit jeher von zwei Sprachen beherrscht wurde: Deutsch und Tschechisch. Durch viele Zuwanderer expandierte Prag rasch und wurde im Jahr 1346 zum Erzbistum. Sowohl kulturell als auch wirtschaftlich erlebte die Stadt von nun an einen Aufschwung, der allerdings im 19. Jahrhundert stagnierte. Denn nun traten erstmalig schwere Konflikte zwischen den deutschen Immigranten und den Tschechen auf, da die ursprüngliche Bevölkerung ihre Stadt wieder für sich haben wollte.

Von dieser Zeit an blieb Prag nur noch nach außen hin die schöne historische Stadt, im Inneren jedoch versuchten die Tschechen, sich Autonomie zu erkämpfen. Durch diese Unruhen bedroht, wanderten viele Deutsche aus. Der Anteil der deutschsprachigen Einwohner Prags schrumpfte: „[I]m Jahre 1880 sprach nur ein Fünftel deutsch“2. Durch diese Tatsache verlor die deutsche Sprache immer mehr an Bedeutung im öffentlichen Leben Prags. Deutsch schien langsam auszusterben oder vermischte sich mit der tsche- chischen Sprache, wodurch die deutschsprachigen Menschen, insbesondere die Schrift- steller, um ihre Muttersprache fürchteten.

2.2. Rilkes Eltern

Zur deutschsprachigen Minderheit in Prag zählte auch das Ehepaar Rilke. Josef Rilke war ein beruflich gescheiterter Mann. Aufgrund seiner Erziehung an Militärschulen hatte er davon geträumt, später Offizier zu werden. Nachdem er es schon bis zum Kom- mandanten gebracht hatte, platzte dieser Traum jedoch: er musste wegen chronischen Halsleidens das Militär verlassen. Sein ältester Bruder Jaroslav griff ihm nun unter die Arme. Durch dessen gute Beziehungen wurde Josef Rilke Beamter und arbeitete von diesem Zeitpunkt an bei der Prager Eisenbahngesellschaft. Da die von ihm angestrebte berufliche Karriere gescheitert war, versuchte Josef Rilke auf einem anderen Weg glücklich zu werden: nach der Arbeit ging er häufig in Cafés und umgarnte die Damen- welt. Gut gekleidet und mit eleganten Manieren imponierte er den Frauen - so auch Sophie Entz, genannt Phia.

Phia Entz war eine recht selbstbewusste und temperamentvolle junge Frau, die aus einer Familie stammte, die zu den höheren Kreisen Prags gehörte. Ihr Vater war Kaufmann und kaiserlicher Rat, und sie legte viel Wert auf das Ansehen ihrer Familie. So kam es auch, dass die Ehe, die sie am 24.5.1873 mit Josef Rilke einging, zum Scheitern verurteilt war. Denn trotz seines eleganten Äußeren überwog für Phia Entz, nun Phia Rilke, bald die Tatsache, dass ihr Mann im Grunde nur ein einfacher Bahnbeamter war, und sie fühlte sich deutlich unter ihrem Stande verheiratet.

Zunächst schien dem Ehepaar Rilke sein Kinderwunsch verwehrt zu bleiben. Phia Rilke brachte zwar ein Mädchen zur Welt, jedoch starb dieses sofort nach der Geburt. Doch auch wenn dieses Kind nur kurz lebte, hatte es seine Eltern stark geprägt, wie sich herausstellte, als Phia Rilke ihr zweites Baby zur Welt brachte.

2.3. Die ersten Lebensjahre von René Maria Rilke

Als am 4.12.1875 das zweite Kind des Ehepaars Rilke geboren wurde, hatte sich wohl besonders Frau Rilke wieder ein Mädchen als Ersatz für das verstorbene Kind gewünscht. Aber dieser Wunsch ging nicht in Erfüllung, denn es war ein Junge. In ihrer Fixierung auf eine Tochter behandelten die Rilkes ihren Sohn wie ein Mädchen und gaben ihm den Namen „René“, in Anklang an den Mädchennamen „Renée“. Im Gegensatz zu anderen Jungen spielte der kleine René nur mit Puppen, und bis zu seiner Einschulung trug er Mädchenkleidung und lange Haare.

Da seine Eltern fortwährend stritten und sein Vater daraufhin meist das Haus verließ, wurde Rilke größtenteils von seiner Mutter erzogen. Diese behandelte ihn zwar sehr liebevoll, jedoch ließ sie ihm absolut keine Freiheiten. So war der Junge ständig allein mit seiner Mutter in der Wohnung und bekam ihre schlechte Laune, die sie durch den Streit mit ihrem Mann oft hatte, deutlich zu spüren. Grundlos schlecht behandelt bekam Rilke Angst; doch er fand einen Ausweg, der Willkür seiner Mutter zu entkommen: die Fantasie. So zeichnete und dichtete der Junge viel; dies mag vielleicht ein erstes Zeichen für seine spätere Entwicklung gewesen sein.

2.4. Rilkes Schullaufbahn

Auch als Rilke in die Grundschule kam, änderte sich für ihn nichts. Durch die übertriebene Fürsorge seiner Mutter bot sich ihm keine Gelegenheit, Freundschaft mit anderen Kindern zu schließen.

Die Streitereien zwischen Rilkes Eltern nahmen zu. Das ging dem Jungen sehr nahe und so schrieb er, damals acht Jahre alt, seinen Eltern folgendes Gedicht:

Nun lebe wohl mit Gottes Segen,

er schütze Euch auf allen Wegen. Euer Leben sei nur Glück auf Unglück denket nie zurück nie! nie! nie!

Nun lebet wohl ich sag Ade

und hoffe Euch tut nichts mehr weh Ade Ade

Euer Euch innig liebender Sohn René3

Dieser erste dichterische Versuch ist durch Rilkes Alter stark geprägt, wie man bei- spielsweise an der Verwendung von einfachen Reimen wie „Glück - zurück“ (V.3f.) sieht. Zu dieser Zeit legte er sicher auch keinen Wert auf eine anspruchsvolle Sprache oder eine gelungene äußere Form des Gedichts, er versuchte damit lediglich, seine El- tern von dem Vorhaben abzuhalten, sich scheiden zu lassen. Diese Tatsache jedoch macht das Gedicht auffällig, da sie zeigt, dass es sich hierbei nicht um ein typisches Kindergedicht handelt. Kinder in diesem Alter dichten normalerweise aus dem einfa- chen Grund, dass es ihnen Spaß macht Wörter zu reimen, egal, welchen Inhalt ihr Ge- dicht hat. Ganz im Gegenteil zu diesem fröhlichem Spiel des Reimens steht in Rilkes Gedicht die Trauer des Jungen im Vordergrund, dass seine Eltern nicht mehr miteinan- der glücklich sind. Rilke verarbeitete also schon sehr früh seine Gefühle mit Hilfe der Dichtung.

Aber sein Flehen und selbst das Gedicht halfen nichts, Josef und Phia Rilke gingen von nun an getrennte Wege und wohnten nicht weiterhin zusammen.

Trotzdem gelang es Rilke, in der Schule gute Leistungen zu erzielen; er zählte sogar zu den Klassenbesten. Nachdem er ohne Schwierigkeiten vier Jahre Grundschule ab- solviert hatte, kam er durch Hilfe seines Onkels Jaroslav auf die Militärunterrealschule in St. Pölten.

Die strenge Erziehung in dieser Anstalt übte eine gewisse Faszination auf ihn aus und er beschloss sogar, einen Militärroman zu schreiben. Doch dies blieb nur ein Vorhaben, die Idee des Romans verwarf er schon kurze Zeit darauf wieder. Denn der Übertritt nach St. Pölten war ein einschneidendes Erlebnis für Rilke. Der sonst von seiner Mutter stän- dig umhätschelte Junge sah sich nun mit einer groben militärischen Aufsicht konfron- tiert und so kam er mit diesem harten Schulwesen absolut nicht zurecht. Seine guten Noten in wissenschaftlichen Fächern konnte Rilke zwar halten, die Grobheit seiner Mit- schüler und die körperliche Anstrengung hingegen stellten eine enorme Belastung für ihn dar.

Wie sehr Rilke an dieser Schule litt, wird deutlich an einer 1899 erschienene Erzählung namens „Die Turnstunde“. In sachlichem und nüchternem Stil schreibt Rilke über einen Jungen namens Gruber, der während des Schulsports in einer Militärschule stirbt, da er dem Druck, der auf ihm lastet, nicht standhalten kann. Auch an dieser Erzählung wird wieder deutlich, warum Rilke überhaupt schrieb: Er versuchte auf diese Weise das zu verarbeiten, womit er nicht klar kam. An dem Entstehungsdatum lässt sich erkennen, wie schlimm die damalige Situation für ihn war, da er sich selbst Jahre später noch da- mit befasste.

Im Herbst 1890 folgte der Übertritt an die Militäroberrealschule Mährisch-Weißkirchen. Die hier vorherrschende Strenge bedeutete für ihn, wie auch schon seine Zeit in St. Pölten, eine wahre Tortur. Denn der Gegensatz zwischen seiner bisherigen Erziehung und der rauen Art, auf welche er an Militärschulen behandelt wurde, blieb für ihn unüberwindbar. Darum brach der sensible Rilke schon nach den ersten Monaten die Ausbildung an der Oberrealschule wegen Krankheit ab. Er selbst schrieb später in einem Brief, er sei „mehr geistig vergrämt als körperlich krank“4gewesen.

Wiederum setzte sich nun Rilkes Onkel Jaroslav für ihn ein und verschaffte ihm einen Platz an der Handelsschule in Linz. Doch auch diese Möglichkeit nutzte der inzwischen Sechzehnjährige nicht und ging lieber ins Theater anstatt zur Schule. Wegen einer von seiner Familie verbotenen Liebesaffäre mit Valerie von David-Rhonfeld brannte er mit ihr nach Wien durch, wo erstmals eines seiner Gedicht in einer Zeitschrift veröffentlicht wurde. Hierbei handelte es sich um „[...] ein banales Gedicht zu einem Thema, das damals die Gemüter erregte.“5

Rilke hatte endlich seinen wahren Berufswunsch erkannt: Er wollte Dichter werden. Da ihm seine „Flucht“ aus Prag nicht helfen würde, dieses Ziel zu erreichen, kehrte er wieder in seine Heimatstadt zurück, um in den folgenden drei Jahren, von 1892 bis 1895, durch ein von seinem Onkel bezahltes Privatstudium sein Abitur nachzuholen. Während dieser Zeit wohnte Rilke bei seiner Tante und nutzte die Gelegenheit, heimlich seine Geliebte Valerie von David-Rhonfeld zu besuchen. Endlich von seiner Mutter getrennt, fand er in Valerie eine neue Stütze in seinem Leben. Zudem diente sie ihm auch als eine Art Muse, denn Rilke dichtete immer wenn er bei ihr war. So kam es, dass Ende 1894 sein erster Gedichtband „Leben und Lieder“ erschien. In diesem Werk wird sichtbar, dass der junge Rilke zwar die verschiedenen sprachlichen und stilistischen Mittel kannte, jedoch noch nicht in der Lage war, diese ihrer Wirkung gerecht zu verwenden. „Thematisch wechseln sich gefühlsselige Naturimpressionen ab mit altkluger Aphoristik und melodramatischen Balladen von Liebe, Leid und Tod. Eine eigene Perspektive des Dichters auf seine Themen lässt sich noch nicht erkennen [...]“6.

In „Leben und Lieder“ lässt sich jedoch ein einstrophiges Gedicht finden, das sehr wohl in direktem Bezug zum Dichter steht. Das Gedicht strotzt förmlich vor naivem Selbstbewusstsein, da er sich selbst mit dem „Genie“ (V.2) und damit auch den „großen Männern“ (V.3) gleichsetzt:

Splitter

Es sei, so klagen edle Menschenkenner,

oft ein Genie dem Untergang geweiht!

Nein! Schafft die Zeit sich keine großen Männer, so schafft der Mann sich eine große Zeit.7

Rilke ließ dieses Erstlingswerk später nicht mehr veröffentlichen.

Nachdem er sein Abitur „mit Auszeichnung“ bestanden hatte, schrieb er sich an der Prager Universität für die Fächer Literaturgeschichte, Philosophie und Kunstgeschichte ein. Da er jetzt neue Wege gehen wollte, trennte er sich kurz nach Semesterbeginn von Valerie. Auf Wunsch seiner Eltern musste Rilke schon nach dem ersten Semester seine Studienrichtung ändern, weil er später einmal die Anwaltskanzlei seines inzwischen verstorbenen Onkels Jaroslav übernehmen sollte. Statt der Fächer, für die er selbst Interesse zeigte, musste Rilke von nun an Rechtslehre studieren.

2.5. Erster akzeptierter Gedichtband: Die „Larenopfer“

Parallel zu diesem Studium beschäftigte er sich weiterhin privat mit Literatur, schrieb Gedichte und fertigte verschiedene Skizzen und Entwürfe an. Zu eben dieser Zeit, Ende des Jahres 1895, entstand „Die Larenopfer“. Später bezeichnete Rilke diesen Gedicht- band als seinen ersten8. Vorausgegangene Gedichte wie die in „Leben und Lieder“ tat er als missglückte Versuche ab. Die meisten der undatierten Gedichte, von denen man jedoch vermutet, dass sie im Herbst 1895 geschrieben wurden, beziehen sich auf Rilkes Heimatstadt Prag. Bereits der Titel signalisiert dies: Wie einst die alten Römer den La- ren, also Schutzgöttern, Opfer brachten, bringt Rilke diese seiner Heimat. In ihnen kommt eine sehr schwere und melancholische Stimmung zum Ausdruck, die meist durch bestimmte Bauten Prags hervorgerufen wird, wie beispielsweise durch den Dom in dem Gedicht „Bei St. Veit“ (siehe Anhang Nr. I). „Sprachlich und stilistisch stellt ›Larenopfer‹ eine entscheidende Weiterentwicklung dar.“9. Es gelang ihm nun häufi- ger, im Gegensatz zu den Gedichten in seinem ersten Band, flüssig lesbare Texte zu schreiben, indem er besonders auf die Endreime achtet und gezielt Enjambements ein- setzt. Die traurig-träumerische Stimmung in den Gedichten kann Rilke schon sehr gut mit Worten ausdrücken, die Melodie beim Lesen stimmt allerdings nicht immer mit ihr überein, da er zu streng auf die äußere Form achtet. Diese ist in „Die Larenopfer“ recht einheitlich. Die Gedichte bestehen meist aus drei Strophen zu je vier Versen und die umschließende Reimstruktur überwiegt gegenüber der eher seltenen Struktur des Kreuz- reims.

2.6. Das Gedicht „Im alten Hause“

Typisch für oben genannte Merkmale der „Larenopfer“ ist beispielsweise schon das erste Gedicht:

Im alten Hause

Im alten Hause; vor mir frei

seh ich ganz Prag in weiter Runde; tief unten geht die Dämmerstunde mit lautlos leisem Schritt vorbei.

Die Stadt verschwimmt wie hinter Glas.

Nur hoch, wie ein behelmter Hüne, ragt klar vor mir die grünspangrüne Turmkuppel von Sankt Nikolas.

Schon blinzelt da und dort ein Licht fern auf im schwülen Stadtgebrause. - Mir ist, daß in dem alten Hause Jetzt eine Stimme ›Amen‹ spricht.10

Das lyrische Ich blickt abends auf Prag und beobachtet, wie die Stadt langsam von der Abenddämmerung verschlungen wird. Das Ich befindet sich in einem „alten Hause“ (V.1), wie Rilke dem Leser ganz unvermittelt gleich zu Beginn mit einem Halbsatz mitteilt. Dieser ist nur dazu bestimmt, die körperliche Situation des lyrischen Ichs dar- zustellen. Das Haus steht vermutlich auf einer Anhöhe, da man von diesem Blickpunkt aus „ganz Prag“ (V.2) überblicken kann. Vom dritten Vers an sieht der Leser wie durch die Augen des lyrischen Ichs. Unbemerkt von den Menschen, „mit lautlos leisem Schritt“ (V.4), zieht die Dämmerung in die Stadt ein. An eben zitierten Ausdruck sieht man, dass Rilke nun bei der Verwendung von sprachlichen Mitteln schon geschickter geworden ist. Er personifiziert die „Dämmerstunde“ (V.3) und betont durch den „lautlos leise[n] Schritt“ (V.4) deren Unauffälligkeit. Diese beiden Wörter sehen nicht nur in der geschriebenen Form durch die Alliteration auf den Buchstaben „L“ gleich aus, sondern sie haben auch inhaltlich die gleiche Aussage. Nach und nach verwischen die Umrisse der Gebäude durch die zunehmende Dunkelheit; Rilke zeigt dies mit dem Vergleich „wie hinter Glas“ (V.5). Nur die hohen Bauwerke, wie die „Turmkuppel von Sankt Nikolas“ (V.8) sind noch zu erkennen. Doch mit zunehmender Dunkelheit gehen die Lichter in den Häusern an, worauf Rilke mit der Metapher der blinzelnden Lichter (vgl. V. 9) hinweist. Die letzten beiden Verse kehren mit Hilfe einer Rahmenstruktur wieder in das „alte Hause“ (vgl. V. 11) zurück. Dem lyrischen Ich, das nach den ersten beiden Versen nicht mehr namentlich erwähnt wurde, kommt es nun so vor, dass in eben jenem Haus jemand ›Amen‹ sagt. Die Nacht ist nun endgültig eingezogen und die Menschen lassen den Tag mit einem Abendgebet ausklingen, das wie jedes Gebet mit dem Schlusswort ›Amen‹ endet. Dieses Wort klingt wie ein Ausatmen, eine Erleichterung, dass der anstrengende Tag vorüber ist und die Menschen nun endlich im Kreise ihrer Familie Ruhe finden können.

Das Gedicht wird von einer etwas traurigen, sentimentalen Stimmung durchzogen, die durch die Häufung von dumpfklingenden Vokalen wie „a“ oder „u“ entsteht. Vielleicht will Rilke zeigen, wie düster das Alltagsleben in Prag sein kann und dass sich die Leute deshalb sehr auf den Abend freuen.

In seinem Schreibstil verfällt Rilke bei „Im alten Hause“ zu sehr dem bloßen Beschreiben. So kann der Leser die Situation des lyrischen Ichs zwar sehr gut nachempfinden, doch lässt sich diese reale Vorstellung nicht mit der Stimmung vereinen, die mit diesem Anblick verbunden ist.

Eine weitere Schwäche des Gedichts ist, dass Rilke zu schnell durch die einzelnen Ein- drücke hindurchhetzt. Manche Textstellen, die eigentlich sehr wichtig sind um die Stimmung des Gedichts nachempfinden zu können, werden nahezu übergangen und können nicht vom Leser aufgenommen werden, da sie zu schnell von neuen Eindrücken geschluckt werden. Der Ausdruck „[...] vor mir frei“ (V.1) zum Beispiel wird ohne seine volle Wirkung entfaltet zu haben augenblicklich abgelöst von dem Anblick Prags (vgl. V.2).

Da Rilke sich nicht vollkommen in das Gedicht und dessen Stimmung fallen lassen kann, hält er sich zu sehr an einem starren Formmuster fest. Rilke schwankt „[...] zwischen fester Bindung an die Gegenständlichkeit und einem subjektiven Formungswillen, der auf stimmungsvolle Wirkung zielt [...]“11. Dies könnte man zu- rückführen auf den Kontrast in seiner Erziehung: Zum Einen kann man die strenge Dis- ziplin, welche ihm an der Militärschule gelernt wurde, an der „feste[n] Bindung an die Gegenständlichkeit“12 wiedererkennen. Zum Anderen schimmert die übertrieben für- sorgliche Erziehung, welche er durch seine Mutter erfahren hatte, durch, wenn man seine Absicht berücksichtigt, „stimmungsvolle Wirkung [zu erzielen]“13. Auch die Harmonie des Gedichtes wird leicht gestört, da sich das lyrische Ich in den Versen, in denen es von sich selbst spricht, zu stark in den Vordergrund drängt (V.1; V.7; V.11).

Selbst die bereits erwähnte Rahmenstruktur, die Rilke dem Gedicht gab, verfehlte den eigentlich erhofften Zweck. Denn eine solchen Struktur sollte ein Gedicht in sich stim- mig wirken lassen. Doch die Art, auf die er jene anwendet, wirkt beinahe brutal und so scheitert sein Bemühen, einen Bezug zu den vorangehenden Verse herzustellen. Am Ende des zehnten Verses steht nur ein Gedankenstrich, auf den dann ohne direkten Zu- sammenhang das Ende folgt. Somit ist auch der Schluss des Gedichts nicht in der Lage, für ein abgerundetes Ende zu sorgen.

Als Vorlage für „Im alten Hause“ diente Rilke das Gedicht „Abseits.“ (siehe Anhang Nr. II) von Theodor Storm. Dies lässt sich beispielsweise gleich am ersten Satzteil er- kennen: bei Rilke lautet dieser „[i]m alten Hause;“ (V.1), bei Storm „[e]s ist so still;“ (vgl. Anhang Nr. II; V.1). Diese beiden Einstiege in die Gedichte sind unabhängig vom Folgenden und werden mit einem Strichpunkt von den übrigen Versen abgetrennt. Rilke sah in Storm ein Vorbild, da es diesem gelang, Züge der Spätromantik und des Realis- mus in seiner Lyrik zu vereinen. Das Schreiben durch Nachahmen eines anderen Autors war zu damaliger Zeit noch üblich, und so wurden auch die Grundelemente von Rilkes persönlichem Schreibstil „durch Anlehnung an fremde Formeinheit“14geprägt.

2.7. Rilke verlässt seine Geburtsstadt Prag

Rilke feierte mit „Die Larenopfer“ erste Erfolge und lernte innerhalb sehr kurzer Zeit den Kreis der Prager Künstler und Literaten kennen. Doch seine sich nun drastisch steigernde literarische Aktivität führte ihn zu starker Ruhelosigkeit. Rilke wollte, dass seine Gedichte nicht nur von der deutschsprachigen Minderheit in Prag gelesen werden, sondern auch von Deutschen im Ausland. Um diese Absicht zu verwirklichen, war Prag kein geeigneter Ausgangspunkt. Die Enge seiner Heimat schien ihn zu erdrücken, und er entwickelte eine Antipathie gegen deren Kulturleben. Um sich endlich frei entfalten zu können und dem Einfluss seitens seiner Familie ein Ende zu setzen, entschloss sich Rilke im September 1896, nach München zu gehen.

3. Rilke in München

3.1. Veränderungen in Rilkes Leben - Erscheinung von „Traumgekrönt“

Mit dem Weggehen von Prag hatte Rilke seine quälende Kindheit hinter sich gelassen. Er schrieb sich an der Universität München für das Fach Philosophie ein, doch dieses Studium diente ihm mehr als Alibi, denn „Studieren - das bedeutete für ihn ein unterschiedliches Aufnehmen von Anregungen aus verschiedenen Disziplinen [...]“15; das Lernen stand erst an zweiter Stelle. In seiner Freizeit ließ er sich vom bunten Treiben in München überwältigen. Ständig lernte er neue Menschen kennen, zumeist Künstler, wenn auch diese Bekanntschaften meist nur flüchtig waren.

Doch Rilkes Begeisterung für den Trubel in München standen „Depressionen und die Sehnsucht nach innerer Ruhe“16gegenüber. Diese Schattenseiten sind deutlich sichtbar in seinem dritten Gedichtband „Traumgekrönt“, der im Dezember 1896 erschienen ist. Im Gegensatz zu den vorangegangenen „Larenopfer[n]“ wandte sich Rilke in „Traumgekrönt“ von der Realität ab. Stattdessen flüchtete er in seinen Gedichten, wie bereits der Titel verrät, in die Welt der Träume. Das lyrische Ich bekommt eine beson- dere Stellung; so wird es beispielsweise im zehnten Gedicht des Bandes emporgehoben durch einen Vergleich mit Gott: „[...] möchte ich [...] wallen [...] ernst und einsam wie ein Gott.“ (siehe Anhang Nr. III; V.5). Mit diesem Werk machte Rilke einen weiteren Fortschritt, da es für damalige Verhältnisse sehr modern war. Modern insofern, dass es, anknüpfend an den späten Naturalismus, stark an das Innere, an das Seelenleben gebun- den war. Die bereits erwähnten narzisstischen Züge, die das lyrische Ich trägt, kommen in diesen Gedichten nur selten direkt zum Vorschein. Meist werden sie nur, wie bei- spielsweise im oben stehenden Gedicht, in Form von Vergleichen und Metaphern an- gedeutet. Nur im „Königslied“ (siehe Anhang Nr. IV), wie das dem Werk voran ste- hende Gedicht heißt, sieht man diese sehr deutlich. Nicht nur der Titel verrät die selbst- süchtige und selbstverherrlichende Anschauung, die hinter diesem Gedicht steht; auch der verwendete Wortschatz weist mit Ausdrücken wie „göttliches Schweigen“ (V.5) darauf hin.

3.2. Freundschaft mit Louise Andreas-Salomé

Eine der Bekanntschaften, die Rilke in München schloss, war die mit dem Literaten Jakob Wassermann, einem der später, in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, meistgele- sensten Autoren. Bei einem Besuch in dessen Haus lernte Rilke Lou, mit vollem Namen Louise Andreas-Salomé, kennen. Frau Andreas-Salomé war, als Tochter eines russischen Generals und einer jungen Deutschen, in Petersburg aufgewachsen. Für die damaligen Verhältnisse war sie ausgesprochen emanzipiert; sie zählte zu den ersten Frauen, die eine Universität besucht hatten. Mit mehreren Büchern, wie beispielsweise einer Biografie über ihren Ex-Geliebten Friedrich Nietzsche, hatte sie sich literarisch bereits fest etabliert. Als Rilke Frau Andreas-Salomé am 12.5.1897 zum ersten Mal traf, war sie schon seit etwa zehn Jahren mit dem Orientalisten Friedrich Karl Andreas ver- heiratet. Dennoch verliebte Rilke sich sofort in die hochintelligente und sehr attraktive Frau. Auch Frau Andreas-Salomé war, obwohl sie vierzehn Jahre älter war als Rilke, von dem Wesen des jungen Dichters angetan. Erst nach langem Umwerben gelang es ihm, dass „[...] Lou ihn akzeptiert[e]- als Mensch, als Dichter und als Liebhaber [...]“17. Hierdurch „[...] erlebt[e] er eine Glückseligkeit, wie er sie so nie wieder finden [sollte].“18. In Lou sah Rilke alles vereint: die Geliebte, die intellektuelle Lehrerin und den Ersatz für die Mutter; er selbst nannte sie „Mein Halt, mein Alles“19. Angeregt von ihrer Kritik begann er in den folgenden Jahren, sein Leben rundum zu verändern. Ein erstes Zeichen dafür war, dass Rilke seit dieser Zeit seine Werke nicht mehr mit seinem Taufnamen „René“, sondern von nun an mit „Rainer“ unterzeichnete. Seine Handschrift glich er der seiner Geliebten an, indem er viel sorgfältiger und klarer schrieb als zuvor. Seine gesamte Lebensweise änderte sich, da er durch Frau Andreas-Salomé die Ein- fachheit kennen und schätzen lernte. Er versuchte eine „[...] möglichst bescheidene, asketische Lebensführung [...]“20 anzunehmen; er wich von seiner bisherigen, leicht snobistischen Art ab und lebte statt dessen naturverbundener.

4. Rilke in Berlin

4.1. Neue Erkenntnisse durch Frau Andreas-Salomé

Als das Ehepaar Andreas-Salomé im Herbst 1897 seine Münchner Sommerwohnung verließ und nach Berlin ging, folgte Rilke ihm in die Hauptstadt Deutschlands. Zuerst mietete er sich nur ein Zimmer, doch dann suchte er die Nähe zu seiner Geliebten und nahm eine Wohnung in ihrer Nachbarschaft, in Berlin-Wilmersdorf. Wie in München lernte Rilke, der auch hier wieder als Philosophiestudent an der Universität eingeschrie- ben war, viele neue Menschen kennen, wie beispielsweise Stefan George, den bedeutendsten Lyriker der wilhelminischen Epoche21. Doch es blieb ihm nicht viel Zeit, seine Kontakte zu pflegen, denn „[d]ie Wintermonate in Berlin [standen] im Zeichen intensiver Arbeit.“22. Er lernte, unterstützt von Frau Andreas-Salomé, Italienisch und Russisch. Dies tat er nicht grundlos, denn die beiden hatten beschlossen, im folgenden Jahr sowohl eine Bildungsreise nach Italien zu unternehmen, als auch die Heimat von Frau Andreas-Salomé, Russland, zu besuchen.

4.2. „Mir zur Feier“ - der erste Gedichtband, in dem Rilkes Talent sichtbar wird

Neben dem Erlernen dieser zwei Sprachen ging Rilke weiterhin eifrig seiner Lieblings- beschäftigung nach: dem Dichten. Von Dezember 1897 bis Ende 1898 arbeitete er an seinem neuen Gedichtband „Mir zur Feier“, der zu Weihnachten 1899 erschien und später in einer zweiten Fassung unter dem Titel „Die frühen Gedichte“ veröffentlicht wurde. In „Mir zur Feier“ „[...] zeigt sich erstmals Rilkes einzigartige Fähigkeit, den Leser durch unvermittelt vorgestellte Bilder, die im Laufe des Gedichts variiert werden, in seine Gedankenwelt hineinzuziehen [...]“23. Somit wird ein großer Fortschritt sicht- bar, und die Art der Gedichte in diesem Band erinnert bereits sehr stark an die Dingge- dichte, für die Rilke später berühmt wurde. Diese Form von Gedichten versucht das Wesen eines Gegenstandes, Kunstwerks oder eines Tieres zu erfassen und nachvoll- ziehbar zu erläutern, wobei „das Ding“ an sich stets im Vordergrund steht. Durch das Umschreiben der Äußerlichkeiten dieser Dinge, die für ihn mehr sind als sachliche Gegenstände, versucht Rilke eine Verbindung zwischen ihnen und den Menschen herzustellen. Jedoch teilt nicht jeder Rilkes Ansicht der Dinge. Die meisten können nicht wie er eine Beziehung zu ihnen aufbauen, da sie die Dinge einfach in Worten ausdrücken und nicht fragen, was eigentlich dahintersteht.

4.3. Das Gedicht „Ich fürchte mich so“

In „Mir zur Feier“ wird die Bedeutung der Themen „Ding“ und „Wort“, mit denen sich Rilke später noch intensiver beschäftigen wird, besonders in zwei Gedichten deutlich, wie deren Titel bereits verraten: zum einen in „Die armen Worte, die im Alltag darben“ (siehe Anhang Nr. V) und zum anderen in „Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort“24:

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort. Sie sprechen alles so deutlich aus:

Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus, und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott, sie wissen alles, was wird und war;

kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;

ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern. Die Dinge singen hör ich so gern.

Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm. Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Das Hauptthema dieses dreistrophigen Gedichts, in dem jede Strophe aus vier Versen besteht, ist die Fremdheit zwischen Menschen und Dingen. Im Vordergrund steht die Angst des lyrischen Ichs davor, dass die Menschen durch das, was sie sagen, die Dinge zerstören. Diese Angst wird bereits im Titel angesprochen und gleich zu Beginn der ersten Strophe wiederholt. Das lyrische Ich spricht von der Tatsache, dass bei seinen Mitmenschen alles ganz engstirnig festgelegt ist, „[s]ie sprechen alles so deutlich aus“ (V.2). Niemand hinterfragt die Dinge, „dieses [...] und jenes [...]“ (V.3) hat seinen fes- ten Namen, seinen bestimmten Zweck und damit geben sich die Menschen zufrieden, mehr wollen sie gar nicht wissen. Genau wie sie Namen verteilen, bestimmen sie auch alles andere ganz genau, sie messen sogar Ereignisse mit festen Maßstäben wie „Beginn“ und „Ende“ (V.4).

Ebenso wie die erste Strophe fängt auch die zweite mit einem weiteren Verb an, das die Furcht des lyrischen Ichs ausdrückt, nämlich „bangen“ (vgl. V.5). Unterstrichen durch eine dreifache Alliteration auf „S“ zeigt Rilke die Sorge des lyrischen Ichs um den „Sinn“ (V.5) der Menschen, womit wohl ihre Gesinnung oder Einstellung gemeint ist. Denn sie ärgern sich nicht mehr, wenn sie verspottet werden, sondern sie betreiben ein „Spiel mit dem Spott“ (V.5), setzten ihn als Instrument gegen andere ein. Sie geben sich allwissend, wie der zweite Vers der zweiten Strophe zeigt: „sie wissen alles“ (V.6), und zwar nicht nur, was bereits geschehen ist, sondern auch, was sich in der Zukunft ereig- nen „wird“ (V.6). Dies wird wiederum durch eine Alliteration hervorgehoben, diesmal eine vierfache auf den Buchstaben „W“. Die hierauf folgenden Verse acht und neun gehören inhaltlich zusammen und handeln von der Selbstverherrlichung der Menschen. Früher sind sie noch auf Berge gestiegen, um die Nähe Gottes zu suchen, doch nun verzichten sie darauf, da sie denken, dass ihr eigener Garten schon bis hin zu Gott reicht und deshalb keine Berge mehr nötig sind (vgl. V.8). Somit stellen sie ihr Eigentum in den Vordergrund und verdrängen damit Gott; sie lassen keinen Platz mehr für das Ge- heimnisvolle, für den Bereich, der nicht von Menschen erforscht ist, weil dies nicht möglich ist. Auch hier findet man wieder eine Alliteration, nun wird der Buchstabe „G“ für den Anfang von ganzen fünf Wörtern benutzt. Vergleicht man nun die drei aufge- zeigten Alliterationen in der zweiten Strophe, so stellt man eine Steigerung fest. Waren es bei der ersten drei Wörter, die mit „S“ begonnen haben, so waren es bei der zweiten schon vier „W“ ‘s und schließlich sogar fünf Wörter mit dem Anfangsbuchstaben „G“. Diese Steigerung in der Sprache dient zur Unterstützung der Aussagekraft des Inhalts. Das lyrische Ich beginnt seine Aufzählung der Fehler der Menschen mit dem am wenigsten schlimmen Argument und endet mit dem Schwerwiegendsten, der Verdrängung des Geheimnisvollen aus dem Leben der Menschen.

Mit Beginn der dritten Strophe verändert sich das Gedicht: Statt des bisher benutzten umschließenden Reimschemas „abba“ verwendet Rilke nun den Paarreim „aabb“. Wäh- rend zwar der Beginn gleich bleibt, da auch hier „Ich“ (V.9) das erste Wort ist, werden nun erstmals die Menschen direkt angesprochen, nicht mehr wie in den vorangehenden zwei Strophen mit der unpersönlichen Anrede „sie“ (z.B. V.6). Das lyrische Ich spricht von seiner größten Angst, nämlich der, dass die Menschen mit ihrer sachlich- materialistischen Anschauung alle Dinge zerstören. Im Gegensatz zu ihnen hört das Ich die Dinge so gerne singen (vgl. V. 10), womit gemeint ist, dass es durch das Äußere, Gegenständliche, hindurchblickt und auf die Ausstrahlung, die im Inneren des Dinges seinen Ursprung hat, schaut. Wie wichtig die Metapher der „singenden Dinge“ (vgl. V.11) für das lyrische Ich ist, betont Rilke mit Hilfe eines Schlagreims auf die selben beiden Wörter, in denen auch eine Assonanz enthalten ist : Dinge- Singen. Im elften und zwölften Vers stehen nun die Mitmenschen im Mittelpunkt. Wie bereits erwähnt, werden sie hier zum ersten Mal persönlich angesprochen. Durch die Anapher „Ihr“ (V.11+12) am jeweiligen Versbeginn werden sie förmlich an den Pranger gestellt, wie wenn jemand mit dem Finger auf einen anderen zeigt. Wenn Menschen mit Dingen konfrontiert werden, bekommen sie nichts von dem „Singen“ (vgl.V.10) mit, der Spra- che der Dinge. Bei ihnen sind sie „starr und stumm“ (V. 11). Der Ausdruck „starr und stumm“ klingt durch den selben Beginn auf „St“ und die jeweilige Konsonantenver- dopplung am Ende besonders hart. Damit soll nochmals verdeutlicht werden, wie schlimm es ist, dass die Menschen die Dinge so oberflächlich sehen. Sie versuchen gar nicht erst, etwas von der Sprache und der Bewegung, die hinter den Dingen steckt, mitzubekommen. Wenn die Menschen ihre Einstellung den Dingen gegenüber nicht ändern, werden diese sterben, wie Rilke es im letzten Vers etwas dramatisch überzogen schreibt: „Ihr bringt mir alle die Dinge um.“ (V.12). Somit wäre für das lyrische Ich die Schönheit der Dinge zerstört.

Auffällig an diesem Gedicht ist, wie Rilke versucht, die Festgelegtheit der Menschen mit der äußeren Form von „Ich fürchte mich so“ nachzuahmen. Die drei Strophen haben immer die gleiche Anzahl von Versen und enden immer mit einem Punkt. Auch inner- halb der Strophen lassen sich keine Enjambements finden. Ebenfalls immer gleich ist die Kadenz des letzten Wortes von jedem Vers: männlich und einsilbig, wodurch die Sprache recht hart und stumpf wirkt. Auf diese Weise soll die Traurigkeit des lyrischen Ichs hinsichtlich der Entwicklung der Menschen in Bezug auf Dinge auf den Leser übertragen werden.

Wenn man nicht zu den Menschen gehört, die alles nur oberflächlich betrachten, und bei diesem Gedicht genauer hinsieht, es auf sich wirken lässt, bemerkt man doch einige Besonderheiten. Wie bereits erwähnt, werden einige Wörter durch Alliterationen ge- schickt in den Vordergrund gestellt. Auch die Metrik ist nicht genau festgelegt; zwar bleibt die Anzahl der Hebungen, nämlich jeweils vier, vom ersten bis zum letzten Vers gleich, doch werden diese in keine einheitliche Struktur eingebaut, sondern in eine Mischung aus Jambus und Anapäst.

Das lyrische Ich eines Gedichts darf im Normalfall nicht mit dem Autor des Gedichts gleichgesetzt werden, da es eine eigene Person darstellt, die vom Dichter lediglich kreiert wurde. Bei „Ich fürchte mich so“ könnte man jedoch die beiden als eine Person ansehen, da das lyrische Ich die selbe Auffassung hat wie Rilke selbst. Wie bereits er- wähnt, ist für Rilke ein Ding mehr als eine leblose Sache: er denkt, dass von ihm eine Art Bewegung ausgeht. Deshalb versucht er, über die Beschreibung des Äußeren das Innenleben sichtbar zu machen und durch das Gleichgewicht zwischen Innerem und Äußerem die wahre Schönheit der Dinge aufzuzeigen. Somit könnte man das vorlie- gende Gedicht als eine Art Programm für die späteren Dinggedichte sehen.

Auch lassen sich an diesem Werk entscheidende formale Änderungen erkennen, die Rilkes nun weiter ausgereiften eigenen Stil kennzeichnen. Das Gedicht erinnert nicht mehr an den Naturalismus, von dem Rilke zu Beginn leicht geprägt war, sondern es lässt sich eine Wendung zur Moderne erkennen, gekennzeichnet von einer neuen Welt- anschauung, die durch Kleinigkeiten, wie die Betrachtung einzelner Dinge, entsteht.

An diesem Gedicht wird sichtbar, dass Rilke nun schon einen ganz eigenen Stil entwickelt hatte, obwohl er zu diesem Zeitpunkt gerade erst dreiundzwanzig Jahre alt war.

5. Ausblick auf Rilkes weiteres Leben

Etwa ein Jahr nach der Entstehung dieses Gedichts, genauer gesagt im Frühjahr 1898, begann in Rilkes Leben die Zeit der Reisen. Nach einem Besuch seiner Heimatstadt Prag und einem kurzen Aufenthalt bei seiner Mutter am Gardasee gelangte er im April 1898 schließlich nach Florenz, wo er zufällig Stefan George wiedertraf. Seine Eindrücke von Italien hielt er im „Florenzer Tagebuch“ fest, das er nach seiner Rückkehr Lou Andreas-Salomé überreichte.

Schon ein Jahr später, im April 1899, reiste Rilke zusammen mit Frau Andreas-Salomé und deren Ehemann nach Russland. Hier besichtigten sie zahlreiche Museen und Rilke lernte wieder viele für ihn bisher unbekannte Künstler kennen. Die Bekanntschaft, die bei ihm die bleibendsten Eindrücke hinterließ, war die mit dem sehr viel älteren und erfahreneren russischen Dichter Leo Tolstoj. Diese Russlandreise war nicht die letzte, die Rilke unternahm, denn er war von Anfang an von diesem Land, besonders von des- sen Einwohnern, fasziniert gewesen.

„Ortswechsel bedeuteten in Rilkes Leben häufig, daß eine innere Veränderung im Gange war.“25, denn zu jeder neuen Stadt und zu jedem neuen Land versuchte Rilke eine Beziehung aufzubauen, die ihm für seine künstlerische Weiterentwicklung hilfreich sein sollte. Denn auch wenn Rilke es bereits mit dreiundzwanzig Jahren zu einem ihm eigenen Stil gebracht hatte, waren seine dichterischen Fortschritte nicht beendet. Denn wie jeder Dichter lernte auch Rilke bis zu seinem Lebensende durch neue Erfahrungen ständig hinzu und entwickelte sich dadurch immer weiter.

Anhang

Nr. I :

Bei St. Veit

Gern steh ich vor dem alten Dom; wie Moder weht es dort, wie Fäule, und jedes Fenster, jede Säule

spricht noch ihr eignes Idiom.

Da hockt ein reichgeschnörkelt Haus und lächelt Rokoko-Erotik,

und hart daneben streckt die Gotik die dürren Hände betend aus.

Jetzt wird mir klar der casus rei; ein Gleichnis ists aus alten Zeiten: der Herr Abbé hier - ihm zuseiten die Dame des roi soleil.

[von Rainer Maria Rilke]

Aus: Rilke, R. M.: Gedichte; Verlag Philipp Reclam jun.; Stuttgart; 1997; S.10

Anhang

Nr. II : [von Theodor Storm]

Abseits.

„Es ist so still; die Heide liegt

Im warmen Mittagssonnenstrahle, Ein rosenroter Schimmer fliegt Um ihre alten Gräbermale; Die Kräuter blühn; der Heideduft Steigt in die blaue Sommerluft.

Laufkäfer hasten durchs Gesträuch In ihren goldnen Panzerröckchen, Die Bienen hängen Zweig um Zweig Sich an der Edelheide Glöckchen, Die Vögel schwirren aus dem Kraut- Die Luft ist voller Lerchenlaut.

Ein halbverfallen niedrig Haus

Steht einsam hier und sonnbeschienen; Der Kätner lehnt zur Tür hinaus, Behaglich blinzelnd nach den Bienen; Sein Junge auf dem Stein davor Schnitzt Pfeifen sich aus Kälberrohr.

Kaum zittert durch die Mittagsruh

Ein Schlag der Dorfuhr, der entfernten; Dem Alten fällt die Wimper zu, Er träumt von seinen Honigernten.

- Kein Klang der aufgeregten Zeit Drang noch in diese Einsamkeit.“ (Köster 1, S.126.)

Aus: Berger; 1931; S.7

Anhang

Nr. III :

X

Wenn das Volk, das drohnenträge, trabt den altvertrauten Trott,

möchte ich weiße Wandelwege wallen durch das Duftgehege ernst und einsam wie ein Gott.

Wandeln nach den glanzdurchsprühten Fernen; lichten Lohns bewußt; -

um die Stirne kühle Blüten und von kinderkeuschen Mythen voll die sabbatstille Brust.

[von Rainer Maria Rilke]

Aus: Rilke, R. M.: Sämtliche Werke - Vierter Band; Insel-Verlag; Wiesbaden; 1955; S.79

Anhang

Nr. IV :

Königslied

Darfst das Leben mit Würde ertragen, nur die Kleinlichen macht es klein;

Bettler können dir Bruder sagen, und du kannst doch ein König sein.

Ob dir der Stirne göttliches Schweigen auch kein rotgoldener Reif unterbrach, - Kinder werden sich vor dir neigen,

selige Schwärmer staunen dir nach.

Tage weben aus leuchtender Sonne dir deinen Purpur und Hermelin,

und, in den Händen Wehmut und Wonne, liegen die Nächte vor dir auf den Knien ...

[von Rainer Maria Rilke]

Aus: Rilke, R. M.: Sämtliche Werke - Vierter Band; Insel-Verlag; Wiesbaden; 1955; S.73

Anhang

Nr. V : [Rainer Maria Rilke]

Die armen Worte, die im Alltag darben

Die armen Worte, die im Alltag darben,

die unscheinbaren Worte, lieb ich so.

Aus meinen Festen schenk ich ihnen Farben, da lächeln sie und werden langsam froh.

Ihr Wesen, das sie bang in sich bezwangen, erneut sich deutlich, daß es jeder sieht; sie sind noch niemals im Gesang gegangen und schaudernd schreiten sie in meinem Lied.

Aus: Rilke, R. M.: Sämtliche Werke - Vierter Band; Insel-Verlag; Wiesbaden; 1955; S.148f.

Literaturverzeichnis

Bauer, A.:

Berger, K.:

Meyers Lexikonredaktion:

Rilke, R. M.:

Rilke, R. M.:

Rilke, R. M.:

Rilke, R. M.:

Schank, S.:

Bildnachweis

Titelbild:

Rainer Maria Rilke; Colloquium Verlag Berlin; Berlin; 1970

Rainer Maria Rilkes frühe Lyrik - Entwicklungsgeschicht- liche Analyse der dichterischen Form; [=Beiträge zur deutschen Literaturwissenschaft Nr.40; Hrsg. Dr. Elster, E.; Johnson Reprint Corporation]; Marburg a. L.; 1931

Meyers großes Taschenlexikon; Band 8; B.I.- Taschenbuchverlag; Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich; 1995

Sämtliche Werke - Vierter Band; Insel-Verlag; Wies- baden; 1955

Werke in drei Bänden - Dritter Band; Insel-Verlag; Frankfurt a. M.,Leipzig; 1991

Gedichte; Verlag Philipp Reclam jun.; Stuttgart; 1997

Sämtliche Werke- Dritter Band; Insel-Verlag; Wiesbaden; 1959

Rainer Maria Rilke; Hrsg. Sulzer-Reichel, M.; Deutscher Taschenbuch Verlag; München; 1998

Rilke 1896, Karikatur seines Freundes Emil OrlikAus: Schank; 1998; S 29

Erklärung

Ich erkläre hiermit, dass ich die Facharbeit ohne fremde Hilfe angefertigt und nur die im Literaturverzeichnis angeführten Quellen und Hilfsmittel benutzt habe.

München, den 1.2.2001

[...]


1 Rilke, R.M.: Gedichte; Verlag Philipp Reclam jun.; Stuttgart; 1997; S.285

2 Bauer, A.: Rilke Maria Rilke; Colloquium Verlag Berlin; Berlin; 1970; S.7

3 Schank, S.: Rilke Maria Rilke; Hrsg. Sulzer-Reichel, M.; Deutscher Taschenbuch Verlag; München; 1998; S.15

4Schank; 1998; S.18

5 Schank; 1998; S.21

6Schank; 1998; S.24

7 Rilke, R.M.: Sämtliche Werke- Dritter Band; Insel-Verlag; Wiesbaden; 1959; S.30

8vgl. Berger, K.: Rilke Maria Rilkes frühe Lyrik- Entwicklungsgeschichtliche Analyse der dichterischen Form; [=Beiträge zur deutschen Literaturwissenschaft Nr.40; Hrsg. Dr. Elster, E.; Johnson Reprint Corporation]; Marburg a. L.; 1931; S.6

9 Schank; 1998; S.25

10 Rilke; 1997; S.9

11Berger; 1931; S.8f.

12Berger; 1931; S.8

13 Berger; 1931; S.9

14 Berger; 1931; S.6

15Bauer; 1970; S.20

16 Schank; 1998; S.38

17Schank; 1998; S.41

18Schank; 1998; S.41

19Bauer; 1970; S.21

20 Schank; 1998; S.42

21vgl. Meyers Lexikonredaktion: Meyers großes Taschenlexikon; Band 8; B.I.-Taschenbuchverlag; Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich; 1995; S.98

22Schank; 1998; S.44

23 Schank; 1998; S.46

24 Rilke; 1997; S.20

25 Schank; 1998; S.57

26 von 27 Seiten

Details

Titel
Rilke, René Rainer Maria - Ein junger Prager Dichter / Entwicklungsphasen eines jungen Dichters
Note
12 Punkte
Autor
Jahr
2001
Seiten
27
Katalognummer
V101091
Dateigröße
398 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Was noch fehlt (laut Lehrer): Zeitzeugnisse Rilkes, mehr über Prag
Schlagworte
Rilke, René, Rainer, Maria, Prager, Dichter, Entwicklungsphasen, Dichters
Arbeit zitieren
Katrin Engel (Autor), 2001, Rilke, René Rainer Maria - Ein junger Prager Dichter / Entwicklungsphasen eines jungen Dichters, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/101091

Kommentare

  • Gast am 17.10.2008

    !.

    Sau stark gemacht, wär ich Lehrer, würde ich dir eine 1 drauf geben =)

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