Exegese zu Lk 9,10b - 17 (Speisung der 5000)


Seminararbeit, 2000
18 Seiten, Note: 1

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Autor: Frank Zielinski

,,Einführung in die Methodik der neutestamentlichen Exegese"

1 Übersetzung zu Lk 9, 10b- 17: Die Speisung der Fünftausend:

10b und mitnehmend sie

10c zog er sich zurück zur Seite

10d in eine Stadt heißend Bethsaida.

11a Das Volk aber wissend folgte nach ihm; 11b und willkommen heißend sie

11c redete er ihnen über die Königsherrschaft Gottes, 11d und die Bedürfnis Habenden der Heilung heilte er. 12a Der Tag aber kam sich zu neigen;

12b herankommend aber die Zwölf sagten ihm: 12c ,,Lasse gehen die Volksmenge,

12d damit gehend sie

12e in die ringsum Dörfer und Höfe einkehren 12f und finden Nahrungsmittel,

12g weil hier in wüster Stelle wir sind." 13a Er sagte aber zu ihnen:

13b ,,Gebt ihnen ihr zu essen." 13c Die aber sagten:

13d ,,Nicht sind uns mehr als Brote fünf und Fische zwei 13e wenn nicht etwa gehend wir

13f kaufen für dieses ganze Volk Speisen."

14a Sie waren nämlich ungefähr Männer fünftausend. 14b Er sagte aber zu den Jüngern seinen:

14c ,,Laßt sich niederlegen sie

14d nach Tischgruppen ungefähr je fünfzig." 15a Und sie machten derart

15b und legten sich nieder alle.

16a Nehmend aber die fünf Brote und die zwei Fische 16b aufblickend in den Himmel

16c segnete er sie

16d und brach

16e und gab den Jüngern vorzulegen der Volksmenge. 17a Und sie aßen

17b und wurden satt alle,

17c und es wurde aufgehoben das übrig Seiende 17d allein Brocken Körbe zwölf.

2 Textkritik an Lk 9, 14

Bei den folgenden Untersuchungen zur Textkritik beziehe ich mich auf die 27. Auflage des Neuen Testaments von Nestle-Aland, da die vorliegende Synopse der 26. Auflage entspricht und somit veraltet ist.

In Vers 14 findet sich die erste Abweichung in Handschriften gegenüber des Textes von Nestle-Aland. Anstelle des zweiten Wortes ,,gar" findet sich bei einigen Zeugen die Verwendung des Wortes ,,de". Die Zeugen dieser alternativen Schreibweise sind N*² 01 (der Codex Sinaiticus in seiner ursprünglichen Lesart und beim 2. Korrektor), L 019 (Codex Leningradensis/ Petropolitanus), die Minuskel 0892 , wenigen altlateinischen und Vulgata- Handschriften, sowie in der bohairischen Überlieferung. N und L sind zwar gewichtige Zeugen, doch sind sie an dieser Stelle wohl nur Ausnahmen von der Regel. Zudem kann ein Einfluss durch Mt 14,21 vorliegen, der in dieser Parallelstelle ebenfalls ,,de" statt ,,gar" verwendet. Da das Matthäusevangelium lange Zeit bevorzugt behandelt wurde und auch lange als das älteste Evangelium überhaupt gewertet wurde, ist die Abweichung meiner Meinung nach aus dieser Matthäus-Priorität gut zu erklären.

Die zweite Abweichung liegt im zweiten Teilvers vor. ,,wsei" lassen folgende Zeugen aus: A 02 (Codex Alexandrinus), W 032, _ 038, _ 044, die Minuskel-Familien f 1 und f 13 , der Koine(Mehrheits-) text, altlateinische und Vulgata-Handschriften, die syrische Peschitta und ihre Bearbeitung durch Thomas von Harkel, sowie die bohairische Überlieferung. Die Textfassung bezeugen N 01, B 03 (Codex Vaticanus), C 04 (Codex Ephraemi rescriptus), D 05 (westlicher Text), L 019, _ 040, die Minuskel 070, die Maiuskeln 33 579 892 1241 und 2542, wenige altlateinische Handschriften, sowie die sahidische Überlieferung und ein Zitat des Kirchenvaters Origines. Da beide Fassungen sehr gut bezeugt sind, fällt ein textkritisches Urteil schwer. Auch die Herausgeber wollten sich nicht auf eine Fassung festlegen, weshalb sie ,,wsei" im Text mit eckigen Klammern versehen haben. Ein eigenes Urteil des Lesers ist hier also besonders erforderlich. Aufgrund der Bezeugung der Textfassung, speziell durch die Übereinstimmung des westlichen Textes D mit den hervorragenden Zeugen N, B und C halte ich diese für die ursprünglichere. Ein Paralleleinfluss durch das Matthäusevangelium lässt sich hier allerdings auch nicht völlig ausschließen, denn es verwendet in 14, 21 ebenfalls ,,wsei".

Die dritte Abweichung in Form einer Einfügung ,,ekaton kai ana" hinter ,,wsei ana" findet sich lediglich bei _ 038 und ist von daher zu vernachlässigen.

3 Literarkritik

3.1 Textabgrenzung

Bei der Übersetzung fällt als erstes auf, dass in 10b als Subjekt des Satzes nicht mehr explizit eine handelnde Person genannt wird. Das Subjekt ist in der Verbform ,,upecwrhsen" enthalten. Es findet keine Renominalisierung statt, wie sie für den Beginn einer völlig neuen Perikope häufig kennzeichnend ist. Ein Ortswechsel findet zwar statt, doch durch die fehlende Renominalisierung verweist der Beginn des Textes auf das Vorangegangene. Dort wird in 10a kurz die Rückkehr der Apostel berichtet. Der Name Jesu wird in diesem Teilvers ebenfalls nicht genannt, doch ist sie durch das Pronomen ,,autw" ausgedrückt. Die Rückkehr der Apostel und die folgende Erzählung stehen für den Evangelisten Lukas anscheinend in Zusammenhang. Trotzdem beginnt die eigentliche Perikope erst in 10b, was durch den Ortswechsel, die neuerliche Einleitung ,,kai paralabwn..." und eine völlig neue Thematik angezeigt wird.

Das Ende des Textes ist dahingegen klar mit Vers 17 erreicht, da ab Vers 18 neuerliche Orts- und Zeitangaben gemacht werden und auch die handelnden Personen durch Pronomen benannt werden.

3.2 Textanalyse

Der Text beginnt in Vers 10b mit dem Zurückziehen von Jesus und seinen Jüngern in eine Stadt namens Bethsaida. Jesus möchte mit seinen Jüngern allein sein, was durch ,,kat . idian" verstärkt zum Ausdruck gebracht wird. Das Volk gelangt davon allerdings Kenntnis und folgt ihm nach, woraufhin Jesus sie lehrt und heilt (V. 11). Als der Tag zu Ende geht (neuerliche Zeitangabe!) entwickelt sich ein Dialog zwischen Jesus und seinen Jüngern um die Problematik, dass keine Nahrung für das Volk zur Verfügung steht (V. 12-14a), weil man an wüster Stelle ist, obwohl vorher berichtet worden ist, dass sich Jesus mit den Jüngern in eine Stadt zurückzieht. Jesus weist die Jünger an, dass Volk lagern zu lassen und das Volk legt sich nieder (V14b-15). Er nimmt die allein vorhandenen fünf Brote und zwei Fische und teilt sie nachdem er sie gesegnet hat an die Jünger aus, um sie der Volksmenge vorzulegen. (V. 16). Das Volk isst und als die Reste eingesammelt werden, füllen sie sogar noch 12 Körbe. (V. 17)

Gliederung von Lk 10b-17: I. V. 10b-11a Überleitung II. V. 11b-d Jesus lehrt und heilt

III. V. 12-15 Dialog Jesus / Jünger

IV. V. 16 Segen und Austeilung

V. V. 17 Essen und Rest-Einsammlung

In der lukanischen Schilderung sind Aoristformen die bestimmende Zeitform. Sie werden häufig durch Partizipien im Aorist ergänzt. Der Aorist ist die Erzählzeit im Griechischen. Das von Lk im Proömium seines ersten Buches dargestellte Anliegen, eine gründliche Darstellung der Geschehnisse zu liefern, kommt durch diese Verbformen auch in dieser Perikope zum Ausdruck. Nur an drei Stellen verwendet der Evangelist in der erzählenden Darstellung das Imperfekt, statt des Aorist, und zwar bei ,,iato" (V. 11d), ,,hsan" (V. 14a) und ,,edidou" (V. 16e). In der wörtlichen Rede der Jünger und Jesu herrschen Imperative vor. Sie werden ebenfalls durch Aorist-Partizipien ergänzt, darüber hinaus noch durch Infinitive und Konjuktiv-Formen in den Erwiderungen der Jünger.

Der Text zeigt eine große innere Geschlossenheit. Es sind keine starken Brüche im Textaufbau und der syntaktischen Erzählstruktur erkennbar. Die Teilverse 11b-d unterbrechen nur geringfügig den Textaufbau, indem dort von Jesu Lehren und Heilen als Geschichte in der Geschichte erzählt wird.

3.3 Synoptischer Vergleich

- farblich markierte Synopse im Anhang -

Beim synoptischen Vergleich fällt als erstes auf, dass alle drei Synoptiker die gleiche Begebenheit in Grundzügen in ihren jeweiligen Evangelien übernommen haben. Eine literarische Abhängigkeit ist also sehr wahrscheinlich. Hierbei findet die Zweiquellentheorie Anwendung, die davon ausgeht, dass Markus als das älteste Evangelium in irgendeiner Form den Evangelisten Matthäus und Lukas vorgelegen hat, die darüber hinaus noch über eine weitere Quelle, die Logienquelle Q, verfügten und ebenso in ihre Evangelien übernommen haben. Im einzelnen soll nicht weiter auf diese Theorie eingegangen werden. Sie wird bei dem folgenden synoptischen Vergleich zu Grunde gelegt.

Es werden nun die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den einzelnen Synoptikern kenntlich gemacht, wobei gemäß dieser Hausarbeit auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede des lukanischen Textes besonders geachtet werden soll.

3.3.1 Vergleich Matthäus 14, 13-21 mit Markus 6, 32-44

zu Mt 14, 13a = Mk 6, 32:

Bei Markus steht die Perikope direkt nach der Rückkehr der Jünger Jesu von ihrer Aussendung (Mk 6, 30-31). Matthäus lässt diese Rückkehr aus und setzt die wundersame Speisung direkt nach seinen Bericht von der Tötung Johannes des Täufers (Mt 14, 3-12). Bei der Einleitung zu dieser Perikope schließt er sie direkt mit ,,Akousaj de" an den vorherigen Bericht an. Damit wird der Eindruck erweckt, dass Jesus sich aus Trauer über die Tötung des Täufers mit seinen Jüngern in die Einsamkeit zurückziehen will. Bei Markus geschieht dieser Rückzug aufgrund von Mk 6,31, wo Jesus die Jünger auffordert, wegen des Andrangs der Massen ein wenig auszuruhen. Gemeinsam ist beiden, dass der Ort des Rückzuges nicht benannt wird und dass der Rückzug mit einem Boot geschieht.

Zu Mt 14, 13b = Mk 6, 33:

Bei Markus sieht die Menge Jesus und seine Jünger abfahren. Die Nachricht verbreitet sich im Volk und die Volksmengen erwarten ihn bereits an dem Anlegepunkt. Matthäus lässt die Menge nur von Jesus Abfahrt hören, woraufhin sie ihm folgen, auch wie bei Markus ,,pezh apo twn polewn".

Den parataktischen Stil von Markus, der verschiedene Hauptsätze mit einem aramäisierenden kai aneinander setzt, glättet Matthäus durch Verwendung von Partizipien.

zu Mt 14, 14 = Mk 6, 34

Der erste Teilvers ist bei beiden Evangelisten exakt gleich überliefert, ein ganz deutliches Signal für eine literarische Abhängigkeit der beiden Texte. Der zweite Teilvers unterscheidet sich allerdings grundlegend. Während Matthäus nur anführt, dass Jesus heilt, berichtet Markus über der Grund der Ergriffenheit Jesu indem er ein alttestamentliches Zitat verwendet: ,,..., oti hsan wj probata mh econta poimena, ..." Jesu Gleichsetzung mit dem alttestamentlichen Hirtenmotiv entfällt bei Matthäus völlig. Darüber hinaus berichtet Markus auch nicht von Jesus als Heiler sondern als Lehrer.

zu Mt 14, 15a = Mk 6, 35:

Die umständliche Formulierung ,,kai hdh wraj pollhj genomenhj" bei Mk glättet Mt zu ,,oyiaj de genomenhj". Mk verwendet ,,proshlqontej" als Partizip und ,,elegon" als Hauptsatzprädikat während Mt genau umgekehrt ,,proshlqon" als Hauptsatzprädikat und ,,legontej" als Partizip verwendet. Durch diese Veränderung erreicht Mt eine Akzentverschiebung. Bei ihm liegt der Akzent auf dem Kommen der Jünger zu Jesus, wohingegen bei Mk das Sprechen im Vordergrund stand. Mt wandelt die markinische Begründung des Sprechens der Jünger in wörtliche Rede um, benutzt dabei aber nahezu das gleiche Vokabular wie Mk. Die Veränderung ergibt sich wieder aus einer sprachlichen Glättung.

zu Mt 14, 15b = Mk 6, 36:

Der zweite Satz in wörtlicher Rede bei Mt wird durch ,,oun" mit dem vorangegangenen verknüpft. Bei Markus ist dies natürlich nicht notwendig, da er die Begründung ja bereits vor der wörtlichen Rede gibt. Mt präzisiert das ,,autouj" bei Mk zu ,,touj oclouj". In der Begründung, warum Jesus die Volksmengen wegschicken soll, stimmen beide überein, doch glättet und verkürzt Mt wiederum den etwas umständlichen Stil von Mk.

zu Mt 14, 16 = Mk 6, 37a:

Mt präzisiert das ,,o" zu ,,o Ihsouj", lässt das Partizip ,,apokriqeij" aus und legt Jesus den zusätzlichen Satz ,,ou creian ecousin apelqein" in den Mund. In der Anweisung Jesu stimmen beide wörtlich überein, was entweder auf ein mündlich überliefertes Logion Jesu oder auf eine literarische Abhängigkeit zwischen Mt und Mk schließen lässt

zu Mt 14, 17 = Mk 6, 37b - 38:

Die Markus-Vorlage wird hier von Matthäus stark verändert und verkürzt. Die staunende und auf den materiellen Wert abzielende Frage der Jünger bei Mk wird von Mt komplett ausgelassen. Auch bedarf es keiner weiteren Anweisung Jesu, nachzuschauen wie viel Brot vorhanden ist. Die Jünger wissen es bereits. Die Angabe der vorhandenen Nahrungsmenge ist bei beiden fünf Brote und zwei Fische.

zu Mt 14, 18 = Mk 6, 39a:

Mt fügt eine Anweisung Jesu in wörtlicher Rede zum Holen der Speisen ein.

zu Mt 14, 19a = Mk 6, 39b - 40:

Beiden ist der Kern des Befehls Jesu, dass sich die Volksmenge hinlegt gemeinsam, obwohl Mt die Volksmenge explizit benennt und somit das ,,pantaj" von Mk präzisiert und den Zusatz ,,sumposia sumposia", sowie das Adjektiv ,,clwrw" ersatzlos streicht. Für Mk 6, 40 gibt es bei Mt keine Entsprechung.

Mk 6, 39b - 40 erinnert ein wenig an das alttestamentliche Schema ,,Auftrag - Ausführung". Gott befiehlt und der Angesprochene führt es umgehend aus.

zu Mt 14, 19b = Mk 6, 41:

Der erste Teil der zentralen Zeichenhandlung in dieser Perikope stimmt bei Mt und Mk exakt überein. Nach der Segnung gehen die Schilderungen allerdings nur sprachlich auseinander. Der Inhalt bleibt der gleiche. Den parataktischen Stil von Mk weicht Mt mit einer Partizipialkonstruktion auf. In der Verbform von ,,didwmi" fällt allerdings ein Unterschied ins Auge. Mt verwendet ,,edwken", also den Aorist, während bei Mk ,,edidou", das Imperfekt, steht. Der Aorist als Schilderung einer einmaligen Begebenheit steht hier im Gegensatz zu der Form des Imperfekts, die eine immer wiederkehrende Begebenheit zum Ausdruck bringen kann. Während also bei Mk Jesus immer wieder den Jüngern gibt, ist dies bei Mt eine einmalige Handlung. Mt vereinfacht im folgenden wiederum Mk, wenn er dessen Nebensatzkonstruktion über das Austeilen an das Volk durch ,,oi de maqhtai toij ocloij" ersetzt. Das Austeilen der Fische spielt bei Mt keine Rolle, er lässt es aus.

zu Mt 14, 20a = Mk 6, 42:

Der Wortlaut ist bei beiden Evangelisten identisch.

zu Mt 14, 20b = Mk 6, 43:

Mt nimmt sprachliche Verbesserungen vor, präzisiert mit ,,to perisseuon" und lässt wiederum die Fische völlig unbeachtet.

zu Mt 14, 21 = Mk 6, 44:

In dem Schlußvers dieser Perikope bei Matthäus und Markus wird das geschehene Wunder noch verstärkt. Nachdem im vorherigen Vers bereits berichtet wird, dass die Reste zwölf Körbe füllen, wird das Ganze nun durch die zahlenmäßige Angabe der Anwesenden noch wundersamer. Mt geht sogar über Mk hinaus, indem er zusätzlich hervorhebt, dass die Fünftausend Männer ohne Frauen und Kinder gezählt werden. In der Bezeichnung der Essenden verwendet Mk das Partizip Aorist ,,fagontej", während Mt das Partizip Präsens ,,esqiontej" benutzt. Diese Verwendung geschieht nun genau umgekehrt zu Mt 14, 19b, bzw.

Mk 6, 41.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Matthäus die Grundstruktur des Markustextes für sein eigenes Evangelium beibehält. Er nimmt überwiegend sprachliche Verbesserungen vor. Vor allem findet bei ihm das aramäisierende ,,kai" als Satzeinleitung kaum Verwendung. Theologisch wird nur wenig verändert. So entfällt bei ihm das Hirtenmotiv und Jesus wird vom Lehrer zum Heiler.

3.3.2 Vergleich Markus 6, 32-44 mit Lukas 10b-17

Bei dem folgenden Vergleich zwischen Mk und Lk orientiert sich die Teilverszählung nicht anhand der obigen Übersetzung, sondern die allgemein übliche Verszählung wird verwendet.

Zu Mk 6, 32 = Lk 9, 10b:

In diesem Vers gibt es kaum wörtliche Übereinstimmungen zwischen den beiden Evangelisten. Lk über nimmt das ,,kai" von Mk und stimmt mit ihm in der Verstärkung des sich Zurückziehens durch ,,kat , idian" überein. Ansonsten hat Lk einen völlig anderen Wortlaut. Wie schon bereits in 3.1 (Textabgrenzung) beschrieben, setzt Lk genauso wie Mk einen ,,Mini"-Bericht über die Rückkehr der Jünger vor die Perikope von der wundersamen Brotvermehrung (Lk 9, 10a). Er schließt mit 10b daran an, nennt aber keinen Grund für den Rückzug Jesu und seiner Jünger. Außerdem fehlt bei ihm das Boot, mit dem sie sich zurückziehen und er benennt den Ort des Rückzuges, die Stadt Bethsaida.

zu Mk 6, 33 = Lk 9, 11a:

Auch dieser Vers zeigt wenig wörtliche Übereinstimmung mit der Markus-Vorlage. Lk präzisiert genauso wie Mt das markinische ,,polloi" zu ,,oi ocloi", aber er lässt das Zusammenströmen ,,pezh" völlig unbeachtet, sowie die Tatsache, dass die Volksmenge wohl bereits vor der Ankunft Jesu am Zufluchtsort versammelt ist.

zu Mk 6, 34 = Lk 9, 11b:

Während Mk beschreibt, dass Jesus ergriffen ist über die Menge ,,oti hsan wj probata me econta poimena" fehlt diese Ergriffenheit bei Lk genauso wie das Hirtenmotiv. Er verwendet lediglich ,,apodexamenos", was lediglich ,,willkommen heißen" bedeutet. Jesus scheint also in keinster Weise über die Menschenmenge befremdet zu sein, im Gegenteil, er heißt sie willkommen. Von Mk übernimmt er als Grundmotiv das Lehren Jesu, erweitert dies allerdings zum reden (predigen) ,,peri ths basileaj tou qeou", einen zentralen Begriff in seiner

Theologie. Zudem wird Jesus bei ihm ebenfalls zum Heiler derjenigen, die der Heilung bedürfen. Dieses Motiv fehlt bei Mk, wie bereits oben gezeigt. Hierbei fällt auf, dass Lk ,,iato", also den Imperfekt verwendet. Die Heilung ist also kein einmaliger, sondern ein sich wiederholender Vorgang.

zu Mk 6, 35 = Lk 9, 12a:

Lk glättet die etwas holprige Formulierung von Mk mit dem eleganten ,,H de hmera hrxato klinein". Er verwendet zur Bezeichnung der Jünger ,,oi dwdeka" statt ,,oi maqetai". Außerdem erfolgt bei ihm die Bitte der Jünger nicht vor der Begründung, dass man ja an wüster Stelle ist. Die Hauptverbform ,,legein" steht bei Lk als Aorist und nicht wie bei Mk als Imperfekt.

zu Mk 6, 36 = Lk 9, 12b:

,,autouj" bei Mk wird bei Lk durch ,,oi ocloi" verdeutlicht. Das etwas negativ klingende ,,apelqontej" ersetzt er durch ,,poreuqentej" und nimmt eine Umstellung von ,,agrouj" und ,,kwmas" vor. Die Begründung, warum Jesus die Menschenmenge fortschicken soll, wird von Lk erst jetzt gegeben: ,,oti wde en erhmw topw esmen" Grundsätzlich ist die Formulierung sprachlich geschickter, da sie zwei Hauptsätze durch einen Haupt- und einen Nebensatz ersetzt. Trotzdem bleibt fraglich, warum man sich an einer einsamen Stelle befindet, weil Lk doch in 9, 10b noch von der Stadt Bethsaida spricht.

zu Mk 6, 37-38 = Lk 9, 13:

Der Beginn der Verse 37 bei Mk und 13 bei Lk stimmt nahezu wörtlich überein. Bei Lk entfällt lediglich das zusätzliche Partizip ,,apokriqeij" und er ersetzt ,,autoij" als Dativ durch die Präposition ,,proj" mit anschließendem Akkusativ ,,autouj". Er vermeidet ebenso die auf den materiellen Wert abzielende Frage der Jünger an dieser Stelle und verlegt sie in den Nebensatz als Begründung, warum nicht genug Brote und Fische für alle da sind. Die Nennung der 200 Denar entfällt bei ihm ebenso wie die Frage Jesu nach der zur Verfügung stehenden Nahrungsmenge.

zu Mk 6, 39 = Lk 9, 14:

Die Zahl der anwesenden Personen erfolgt bei Lk bereits an dieser Stelle. In der Angabe der Zahlen stimmt er mit Mk überein. Durch die Nennung an dieser Stelle in der Perikope erhöht Lk den Spannungsbogen, denn der Leser wird sich nun unweigerlich fragen, wie Jesus denn mit nur fünf Broten und zwei Fischen diese fünftausend Männer satt machen will. Das herrisch klingende ,,epetaxen" glättet er zu ,,eipen" und die Angabe ,,autoij" präzisiert er zu ,,proj touj maqetaj autou". Lk macht aus dem ,,sumposia sumposia" Tischgruppen zu je fünfzig Personen. Dieser Wert wird zwar auch in etwa bei Mk 6, 40 erwähnt, doch allein die Bezeichnung ,,klisiaj" weckt Interesse. Dieser Begriff könnte ähnlich wie die Zahl 50 auf die Praxis in den urkirchlichen Gemeinden hindeuten. Ein Hinweis, dem unter dem Aspekt der Redaktionskritik näher nachgegangen werden soll. dass sich an der Stelle Gras befindet, scheint bei Lk keinerlei Bedeutung gehabt zu haben. Im Gegenteil verstärkt die Nichterwähnung eher noch die Bezeichnung aus Lk 9, 12a als ,,erhmw topw" und dient dazu, das Hirtenmotiv weiter konsequent zu tilgen.

zu Mk 6, 40 = Lk 9, 15:

Auch bei Lk klingt das alttestamentliche Schema ,,Auftrag - Ausführung" an. Auf Jesu Geheiß hin legen sich die Menschen nieder. Eine Zahlenangabe ist bei Lk nicht mehr notwendig, sie erfolgte ja bereits im vorherigen Vers.

zu Mk 6, 41 = Lk 9, 16:

Im ersten Teil der Hauptzeichenhandlung in dieser Perikope stimmen Mk und Lk nahezu

wortwörtlich überein. Lk vermeidet lediglich das ,,kai" zu Beginn des Satzes. Auch verwendet er genauso wie Mk ,,edidou", also den Imperfekt und drückt somit das sich wiederholen der Handlung Jesu aus. Den Segen bezieht Lk auf die Elemente von Brot und Wein. Dies wird durch seine Einfügung ,,autouj" erkennbar. Nach der Handlung des Brotbrechens verändert Lk die Formulierung des Mk, um sie sprachlich fließender zu gestalten. Er benennt noch einmal die Volksmenge als Personen, denen das Zeichen zuteil wird. Lk benennt an dieser Stelle nicht noch einmal die Speisen, die verteilt werden. Dies geht für ihn anscheinend aus Vers 16a hervor.

zu Mk 6, 42 = Lk 9, 17a:

Diese Verse stimmen bei beiden Evangelisten wortwörtlich überein. Lk stellt lediglich ,,pantej" an das Ende des Satzes.

zu Mk 6, 43 = Lk 9, 17b:

An diesem Vers nimmt Lk nur stilistische Veränderungen vor. Das Hauptsatzprädikat setzt er ins Passiv und fügt ,,to perisseusan" als Subjekt ein. Eine weitere Erwähnung der Fische bleibt bei ihm an dieser Stelle aus.

Lk nimmt wie auch schon Matthäus weitgehend nur stilistische Verbesserungen vor, indem er das zuweilen etwas holprige Griechisch des Markus umformuliert. Lk scheint des Griechischen besser mächtig zu sein als Mk. Die Grundstruktur der Markus-Perikope bleibt auch bei ihm erhalten. Christologisch lässt er ebenfalls das Hirtenmotiv aus. Er stellt Jesus als Heiler und Verkündiger der ,,basileia tou qeou" dar.

3.3.3 Vergleich Matthäus 14, 13-21 mit Lukas 9, 10b-17

Beim Vergleich dieser beiden Textstellen fällt auf, dass es nur wenig Übereinstimmungen zwischen ihnen gibt. Sie lassen sich nicht auf eine zweite Quelle, wie zum Beispiel die Logienquelle Q, die der Evangelist Markus ja nicht gekannt hat, zurückführen. Man bezeichnet diese Übereinstimmungen deshalb eher als sog. ,,minor agreements". Wahrscheinlich hat Lk und Mt eine andere Fassung des Markusevangeliums vorgelegen. Aus dieser These heraus lassen sich die Gemeinsamkeiten dieser beiden Evangelisten in dieser Perikope am sinnvollsten erklären.

4 Redaktionskritik

Wie im obigen synoptischen Vergleich gezeigt, behält Lk das Grundraster der Perikope im Markusevangelium bei. Bei der Redaktionskritik soll nun auf die Veränderungen, die Lk gegenüber der Markusvorlage gemacht hat, näher eingegangen werden. Lk benennt als einziger der Evangelisten den Ort, an den sich Jesus mit den Jüngern zurückzieht, die Stadt Bethsaida am galiläischen See. Bei Markus wird lediglich beschrieben, dass sich Jesus in Galiläa aufhält und sich dann mit einem Boot an einen einsamen Ort zurückzieht. Das Boot weist also auf den See von Galiläa. Lk nun nimmt diese vage Ortsangabe des Mk auf und präzisiert sie, damit die Geschichte für den Leser auch genau nachvollziehbar wird. Wenn Lk im Proömium seines Evangeliums schreibt, dass er einen gründlichen und genauen Bericht über die Geschehnisse im Zusammenhang mit Jesus abgeben möchte, erreicht er das genau durch solche präzisierenden Angaben. Auch im nächsten Vers (11a) präzisiert Lk die Angabe des Markus, indem er ,,polloi" zu ,,oi ocloi" verändert. Darüber hinaus nimmt er durch Auslassungen Veränderungen an der Vorlage vor. Nach Lk hat Jesus keine Schwierigkeiten mit der Tatsache, dass das Volk ihm und seinen Jüngern folgt. Im Gegenteil, Jesus heißt die Menge, die ihm folgt willkommen (V. 11b ,,apodexamenouj autouj"). Aus diesem Grund tilgt Lk alle Angaben des ihm vorliegenden Markusevangeliums, die Mitleid beim Leser für das Volk erregen wollen, wie zum Beispiel die Aussage, das Volk würde ihm zu Fuß nachfolgen (,,pezh"). Jesus selber ist nicht ergriffen über die Massen. Nach der lukanischen Intention ist es quasi selbstverständlich, dass sich Jesus dem Volk zuwendet. Er flüchtet nicht. Lk erweitert das Lehren Jesu bei Mk zu einer Rede über die Königsherrschaft Gottes. Für ihn ist dieser Begriff zentral. Da der Verfasser des Evangelium vermutlich schon der dritten Christengeneration angehörte, konnte von einer baldigen Wiederkehr Christi, die bis dahin von den Urchristen erwartet wurde, nicht mehr unbedingt gesprochen werden. Die ausgesprochene Geschichtserzählung des lukanischen Doppelwerkes ist dafür ebenfalls ein Anzeichen, denn warum sollte man eine Geschichte genau aufschreiben, wenn die Wiederkehr doch kurz bevorstand. Lk also wollte einen Weg finden, dieses Problem zu lösen und verlegt daher die ,,,,basilea tou qeou" in die Gegenwart Christi hinein. Jesus predigt die Gottesherrschaft und in seinen Taten verwirklicht sie sich bereits, z. B. in der Heilung der Kranken und der anschließenden Schilderung der wundersamen Speisung. Lk stellt im Gegensatz zu Mk Jesus als Lehrer und Heiler vor. Er hat damit einen anderen christologischen Schwerpunkt gewählt. Aus diesem Grund tilgt er alle Hinweise aus dem Markusevangelium, die auf Jesus als guten Hirten hinweisen.

Nach Vers 11 beginnt ein neuer Teil dieser Geschichte. Ein Spannungsbogen wurde bis hierhin noch nicht aufgebaut. Jetzt aber entsteht auf einmal das Problem, dass es Abend wird und die Menschen keine Nahrung haben, um sich zu versorgen, da man sich an einer wüsten Stelle befindet. In Vers 12 also erst konstatiert sich das Disäquilibrium, welches bei Mk bereits durch die Anwesenheit der großen Volksmenge eingeleitet worden ist. Das Problem besteht für Lk also nicht in der Anwesenheit des Volkes und der späten Stunde, wie bereits oben ausgeführt, sondern in der Tatsache, dass man sich an einer einsamen Stelle befindet. Hier allerdings besteht scheinbar ein kleiner logischer Bruch in der Erzählung, da ja vorher berichtet worden ist, dass sich Jesus in die Stadt Bethsaida zurückgezogen hat. Eine mögliche Erklärung wäre, dass die Szene sich bereits auf dem Weg Jesu nach Bethsaida zuträgt, was durch die Nichterwähnung einer Bootsfahrt über das galiläische Meer unterstützt wird. Wie auch bei Mk machen die Jünger Jesus auf das Problem aufmerksam. Sie setzen sich also für das Volk ein. Jesus aber weist die Jünger an, der Menge zu essen zu geben. Nach der übereinstimmenden Aussage der Evangelisten Mk und Lk hält Jesus die Jünger also für fähig, den Menschen zu essen zu geben. Allerdings lässt Lk die Jünger anders auf diese Anweisung reagieren. Bei Mk wird ein recht negatives Bild von den Jüngern gezeichnet, wenn dort berichtet wird, dass sie sich in ihrer ersten Reaktion vor allen Dingen um den finanziellen Aufwand, den die Versorgung aller mit sich bringen würde, sorgen. Auch wissen sie überhaupt noch nicht, wie viel Nahrung denn bereits vorhanden ist. Jesus muss sie mit dieser Nachforschung erst noch beauftragen. Bei Lk erscheinen die Jünger in einem wesentlich besseren Licht. Sie wissen bereits, wie viel Brote und Fische vorhanden sind und fügen als Ergänzung lediglich an, dass diese Menge da ist, wenn sie nicht noch etwas für das Volk kaufen. Unterstützt wird das durch den mit ,,gar" an das vorherige angebundenen redaktionellen Einschub, dass es sich um fünftausend Männer handelt. Für den Leser ist völlig klar, dass fünf Brote und zwei Fische niemals für diese Menschenmenge reichen werden. Doch Jesus lässt sich dadurch nicht bekümmern. Er weist seine Jünger an, das Volk sich in Tischgruppen zu je 50, also insgesamt einhundert Gruppen, hinlegen zu lassen. Indem Lk ,,epetaxen" zu ,,eipen" verändert, nimmt er dem Wort Jesu einiges an Schärfe. Jesus befiehlt nicht, er spricht ganz ruhig mit seinen Jüngern. Jesus ist an dieser Stelle bei Lk also eher Dialogpartner statt befehlender Meister. Lk lässt die Jünger Tischgruppen zu je 50 formen. Welchen Sinn sollte dies machen, wenn er damit nicht auf eine ihm bekannte Praxis in der Urgemeinde abzielen wollte? Hier erhalten wir einen entscheidenden Hinweis darauf, unter welchem Aspekt Lk, aber wohl auch Mk, diese Perikope gelesen haben wollen. Die wundersame Speisung stellt eine Allegorie zur Abendmahlsfeier in den Urgemeinden dar. Durch die Vermittlung der Vorsteher der Urgemeinden (in dieser Perikope natürlich durch die Jünger dargestellt) schenkt Christus den Menschen das Brot, das sie zum Leben brauchen. Die Situation der Urgemeinde in der Verfolgung wird bei Lk durch die Aussage reflektiert, dass man sich an einer wüsten Stelle befindet. Rings um die Urgemeinden herum befindet sich nichts als ,,heidnische" Wüste. dass Lk auch das Gras nicht erwähnt, verstärkt den Eindruck der Wüstensituation. Wie bereits im synoptischen Vergleich (s.o.) erwähnt, klingt in V. 15 das Schema ,,Auftrag - Ausführung" mit an. Jesus wird hier als jemand beschrieben, dem das Volk quasi auf das Wort gehorcht. Dies erinnert an das Verhältnis des auserwählten Volkes Israel zu seinem Gott im Alten Testament. Indem Lk nun das Geschehen der wundersamen Brotvermehrung in (bei) Bethsaida auf der heidnischen Seite des Sees von Galiläa geschehen lässt, autorisiert er damit die Heidenmission. Dies ist nur natürlich, denn die Heidenchristen sind die Adressaten seines Werkes. Die Heiden befolgen gleichermaßen das alttestamentliche Schema. Sie sind von Christus zu Tisch geladen und erhalten Anteil am Brot des Lebens. Die obigen Ausführungen zu den Urgemeinden werden durch den folgenden Vers untermauert, in welchem Jesu Handlungen parallel zu seinen Taten beim letzten Abendmahl mit seinen Jüngern verlaufen. In dieser Kernhandlung der Perikope hält sich Lk relativ genau an die Markusvorlage. Jesus schaut wie bei Mk zum Himmel empor und holt sich damit göttlichen Beistand. Der Segen erfolgt bei ihm allerdings direkt über Brot und Wein und ist nicht einfach, wie bei Mk als Danksagung zu verstehen. Das Brot wird durch die Jünger immer wieder (durch das Imperfekt ,,edidou" zum Ausdruck gebracht) verteilt. Die Nichterwähnung der Fische bei Lk zeigt deutlicher als bei Mk, dass es sich bei diesem Geschehen nicht um ein einfaches Speisenwunder handelt. Das Brot steht im Mittelpunkt.

Übereinstimmend mit Mk schreibt Lk, dass alle aßen und gesättigt wurden. Das Brot, das Jesus schenkt, macht die Menschen satt. Jesus verteilt das Brot in solchem Maße, dass sogar noch zwölf Körbe mit den Brocken gefüllt werden können. Die Zahl ,,zwölf" ist ein Motiv, das Lk von Mk übernimmt. Meiner Meinung nach wird hiermit auf die zwölf Stämme Israels angespielt. Mk, der sein Evangelium ja ebenfalls für Heiden und Heidenchristen geschrieben hat, bringt hiermit zum Ausdruck, dass Christus soviel Brot des Lebens schenkt, dass es für Heiden und Juden gleichermaßen ausreicht. Allerdings wird das Brot zuerst den Heiden gegeben, während für Israel nur noch die Brocken (,,klasmata") übrigbleiben. Lk verstärkt also insgesamt die Allegorisierung mit der Urgemeinde-Praxis. Aus diesem Grund lässt er die Jünger auch in einem wesentlich besseren Licht stehen als dies Mk tut. Die Schilderung der wundersamen Brotvermehrung nimmt das Abendmahlsgeschehen bereits in gewisser Weise voraus.

5 Kompositionskritik

Diese Perikope steht im Lukasevangelium direkt hinter einer kurzen Bemerkung über die Rückkehr des ausgesendeten Apostel. Vorher wird über den Wunsch des Tetrarchen Herodes berichtet, Jesus einmal zu sehen. Dadurch das Lk die Rückkehr der Jünger nur so kurz berichtet, bindet er die wundersame Brotvermehrung stärker an das vorherige Urteil des Herodes über Jesus an. Wenn Herodes in Lk 9, 9 fragt ,,Wer ist dann dieser Mann, von dem man mir solche Dinge erzählt?", gibt Lk in der Geschichte von der Speisung der Fünftausend eine erste Antwort. Das Abendmahlsgeschehen wird bereits angedeutet, in dem Jesus sich als Gottes Sohn und Brot des Lebens selbst den Menschen schenkt. Zu dieser Interpretation passt, das nach der Perikope das Messiasbekenntnis des Petrus, die Verklärung und die beiden Ankündigungen von Leiden und Auferstehung folgen. Der Leser wird also von Lk in die Frage des Herodes eingebunden. Genauso wie Herodes selber fragt sich der Leser, wer denn dieser Jesus sei und bekommt daraufhin die Antwort: Gottes Sohn, der aufersteht in Herrlichkeit und die Menschen mit dem Brot des Lebens sättigt.

Wenn man das gesamte Evangelium des Lukas betrachtet, so spielt sich die Speisung der Fünftausend im ersten Teil des Buches nach der Kindheitsgeschichte Jesu ab. In diesem ersten Teil wird Jesu Wirken beschrieben. Ab Lk 9, 51 folgt dann der Bericht über die Reise von Jesus und seinen Jüngern nach Jerusalem, dem Ort der Passion, die ab 19, 27 geschildert wird.

6 Form- und Gattungskritik

Die Erzählung von der Speisung der Fünftausend lässt sich am ehesten der Gattung eines Wunders zuordnen., was ja auch in der Bezeichnung von der ,,wundersamen Brotvermehrung" zum Ausdruck kommt. So treten der Wundertäter Jesus, sowie die Menge, die ihm folgt auf der Szene auf. Das Bitten der Jünger, dass Jesus die Menschen wegschicken soll ist allerdings nur eingeschränkt als Bitte um Hilfe zu interpretieren. Doch reagieren die Jünger mit Missverständnis, als Jesus sie anweist, der Menge zu essen zu geben. Doch Jesus reagiert darauf mit indirektem Zuspruch indem er die Menschen auffordert, sich niederzulegen. Die Wunderhandlung vollzieht sich im Segnen und Brechen des Brotes, die Konstituierung des Wunders im fortwährenden Austeilen (,,edidou") an die Jünger und der Sättigung der Menge. Jesus hat in dieser Perikope keine direkten Gegenspieler. Außerdem fehlt der ,,Chorschluss" oder eine sonstige Reaktion des Volkes auf das Wunder. Grundsätzlich aber folgt die Geschichte dem Schema eines biblischen Wunderberichts. Der Sitz im Leben ist wahrscheinlich einmal das Aufzeigen der Fähigkeiten Jesu durch das Wunder gewesen, um damit die Heiden von seiner göttlichen Vollmacht zu überzeugen. Auf der anderen Seite sollte diese Perikope wohl den urchristlichen Gemeinden Mut machen, dass sich Christus auch in der Verfolgung, d. h . wenn sich die Urgemeinden an einer ,,wüsten Stelle" in der Zeit zwischen dem Tag und der Nacht befinden, seines Volkes annimmt und es mit dem Brot des Lebens stellvertretend durch die Vorsteher der Gemeinden versorgt.

7 Traditionskritik

Die Traditionskritik befaßt sich mit den vom Autor eines Textes verarbeiteten Traditionen. Sie fragt also hinter den vorliegenden Text zurück. In dieser Perikope ist die Vorlage des Lk ganz eindeutig das Markusevangelium gewesen. Eine traditionskritische Analyse müßte nun hinter den Markustext nach den eingearbeiteten mündlichen Tradition fragen, die der Evangelist zur Vorlage hatte. Dies ist im Rahmen einer Hausarbeit, die die lukanische Textfassung zur Grundlage hat nicht notwendig.

8 Motivkritik

In der Fassung dieser Perikope wird bei allen drei Synoptikern das Motiv der wundersamen Speisung verarbeitet. Dieses Motiv hat seine Wurzeln im Alten Testament, z. B. in Ex 17, in Num 11 oder in 2 Kön 4, 42f. Dort wie jeweils berichtet, wie ein göttlich befähigter Vertreter des Volkes (Mose, Elischa) den Herrn um Speise bittet und auf wundersame Weise das Volk gesättigt wird. Besonders interessant im Zusammenhang mit der Speisung der Fünftausend ist 2 Kön 4, 43b: ,,Denn so spricht der Herr: Man wird essen und noch übrig lassen." Wenn die Evangelisten nun diese Berichte aufnehmen und auf Jesus beziehen, ist dies eine christologische Aussage. Jesus ist von Gott befähigt, genauso wie auch vor ihm Mose und Elischa. Er steht in ihrer Tradition und führt diese weiter.

9 Narrative Textanalyse nach K. Löning

Nach der Löning-Methode wird der Text zunächst einmal in verschiedene Textebenen unterteilt. Auf der 0. Textebene, die die metanarrative Kommunikation zwischen Autor und Leser wiedergibt, steht in der zu behandelnden Perikope lediglich Vers 14a. ,,Sie waren nämlich ungefähr Männer fünftausend.". Mit diesem Satz gibt der Autor dem Leser nämlich lediglich eine redaktionelle Anmerkung zum besseren Verständnis. Die Handlung wird dadurch nicht fortgeführt.

Auf der 1. Textebene stehen dann alle Sätze, die die Handlung der beteiligten Figuren schildern. Dies sind in dieser Perikope alle weiteren Verse mit Ausnahme der Sätze in wörtlicher Rede. Diese wörtliche Rede steht auf der 2. Textebene.

Eine grundlegende Beobachtung der Löning-Methode ergibt sich aus der Anordnung der Hauptsatzverben der 1. Textebene zu einzelnen Sequenzen, wobei dem eröffnenden Element der Sequenz, der Protasis, das schließende Element, die Apodosis, folgt. In der Perikope Lk 9, 10b-17 lassen sich folgende Sequenzen ausmachen: 1.) ,,upexwrhsen" - ,,hkolouqhsan"

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese fünf Sequenzen schildern den Handlungsablauf. Hinzu kommen noch die beiden Hauptsatzverben ,,elalei" und ,,iato" der Verse 11c und d. Diese bilden als Paar keine Sequenz, doch können sie als Apodosis auf eine mit ,,hkolouqesan" eröffnete Sequenz verstanden werden.

Bei der Untersuchung der so gegliederten Sequenzen fällt zunächst auf, dass die Mitte der Perikope durch Aoristformen des Verbs ,,legein" getragen wird. Ein Dialog zwischen Jesus und seinen Jüngern bestimmt also die Mitte dieser Textstelle.

Die doppelte Apodosis in der 4. Sequenz verstärkt die Eigenwirkung der Protasis. Auf das Gesagte Jesu erfolgt eine doppelte Ausführung. Jesu Wort hat also eine große Wirkung. Die dreifache Protasis in Sequenz 5 erhöht den aufgebauten Spannungsbogen. Der Leser wartet gespannt auf das Ergebnis der dreifachen Handlung Jesu. Die Klimax der Perikope ist nun erreicht. Aufgelöst wird diese Spannung durch ebenfalls drei Apodosites. Die drei Protasites haben eine weiter Auffälligkeit, denn sie bilden Jesu Handlungen beim letzten Abendmahl bereits im voraus ab.

Die nächsthöhere Ebene der Unterteilung ist die Szene. Die vorliegende Perikope, die in ihrer Gesamtheit die nächsthöhere Ebene als Episode bildet, ist unterteilt in zwei Sequenzen, die einmal durch eine Ortsangabe (,,...in eine Stadt heißend Bethsaida.") und eine Zeitangabe (,,Der Tag aber kam sich zu neigen;..." ) voneinander getrennt werden können. In der ersten Szene wird demzufolge Jesus als Lehrer und Heiler dargestellt, der sich des Volkes annimmt, welches ihm folgt. Die zweite Szene unterscheidet sich nicht von dieser Aussage. Auch hier nimmt sich Jesus des Volkes an, welches nichts zu essen hat. Aber bereits in diesem Unterschied, lehren und heilen auf der einen und mit Nahrung versorgen auf der anderen Seite, offenbart sich die Kernaussage dieses Textes. Jesus ist nicht nur einfach Prediger und Wunderheiler, sondern er ist in der Lage, die Menschen mit seinen Tat zu nähren.

10 Schlussbemerkungen

Die Arbeit an der obigen Perikope ist für mich sehr interessant gewesen. Durch die gute Vorbereitung im Proseminar konnte ich die exegetischen Methoden ohne Schwierigkeiten anwenden. Besonders interessant war für mich die Erkenntnis aus der Kompositionskritik. So hatte ich diese Erzählung vorher noch nicht verstanden.

Aus dem Proseminar und der Hausarbeit nehme ich auf jeden Fall ein gewachsenes Interesse an den Texten des Neuen Testamentes mit. Mir ist bewusst geworden, dass ich auch noch als relativer Anfänger im Studium der katholischen Theologie bereits mit Originaltexten arbeiten und zu eigenen Interpretationen durch die Anwendung der exegetischen Methode kommen kann. Besonders gut fand ich, dass Wert auf das ganz eigene Verständnis des Textes gelegt wurde und nicht auf Erarbeiten und Zitation von Sekundärliteratur.

Insgesamt komme ich für mich zu dem Ergebnis, dass ich für weitere exegetische Untersuchungen im Rahmen des Hauptstudiums gewappnet bin und ihnen mit Spannung entgegensehe.

Literaturverzeichnis:

Primärquelle:

Nestle-Aland, Novum Testamentum Graece (Stuttgart27 1993)

Hilfsmittel:

1. Kurt Aland, Synopsis quattuor evangeliorum (Stuttgart8 1973)

2. Erwin Preuschen, Griechisch-deutsches Taschenwörterbuch zum Neuen Testament (Berlin7 1996)
3. Fritz Rienecker, Sprachlicher Schlüssel zum Griechischen Neuen Testament (Gießen9 1956)

Bücher zur Methodenlehre:

1. Hans Conzelmann / Andreas Lindemann, Arbeitsbuch zum Neuen Testament (Tübingen9 1988)

2. Georg Strecker / Udo Schnelle, Einführung in die neutestamentliche Exegese (Göttingen4 1994)

3. Heinrich Zimmermann, Neutestamentliche Methodenlehre: Darstellung der historischkritischen Methode (Stuttgart3 1970)

18 von 18 Seiten

Details

Titel
Exegese zu Lk 9,10b - 17 (Speisung der 5000)
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Veranstaltung
Unterseminar (Proseminar)
Note
1
Autor
Jahr
2000
Seiten
18
Katalognummer
V101110
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Exegese, Unterseminar
Arbeit zitieren
Frank Zielinski (Autor), 2000, Exegese zu Lk 9,10b - 17 (Speisung der 5000), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/101110

Kommentare

  • Gast am 14.3.2002

    Exegese des lk. Speisungstextes.

    Arbeit kurz quer gelesen: Im wesentlichen ist Sie gut gelungen, doch hätten die Methoden, insbesondere die Redaktionskritik, intensiver ausgeführt werden müssen. Aufällig ist ferner, daß der katholische Student die Methoden der evangelischen Forschung noch nicht vollständig verinnerlicht hat, gleichwohl er diese im Literaturverzeichnis angibt: Das eigenständige Fragenstellen an den Text ist noch nicht ausgeprägt.
    Dennoch, als Proseminararbeit ist diese Arbeit gelungen; leider fehlt jeder hermeneutische Ansatz, die "Schlußbemerkungen" sollten wohl eher die Berwertung noch einmal anzuheben versuchen...

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