Norbert Elias, Heinrich Popitz, Hannah Arendt. Machttheorien und ihr Vergleich


Seminararbeit, 2020

14 Seiten, Note: 6.0 (äquivalent zu 1,0 in DE)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Theorievorstellung
2.1 Norbert Elias
2.2 Heinrich Popitz
2.3 Hannah Arendt

3 Theorievergleich
3.1 Der Machtbegriff
3.2 Gemeinsamkeiten
3.3 Unterschiede
3.4 Einordnung in die Machttheorienmatrix

4 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Machttheorienmatrix nach Brunkhorst (2017)

1 Einleitung

Macht ist ein Vermögen, welches großen Hindernissen überlegen ist. Eben dieselbe heißt eine Gewalt, wenn sie auch dem Widerstande dessen, was selbst Macht besitzt, überlegen ist“ (Kant, 1790 zit. in Weischedel, 1977, S. 184).

Dieses Zitat von Immanuel Kant stellt den Gewaltbegriff als Steigerung des Machtbegriffes dar, postuliert aber, dass Gewalt auch Macht sei. Ob Gewalt als Steigerung von Macht, als eine von vielen Machtquellen oder als Gegenteil von Macht zu verstehen ist, versucht diese Arbeit unter anderem zu erläutern. Der Machtbegriff wird seit Beginn der Zeitrechnung, von den berühmtesten Denkern1, Dichtern, Philosophen und Soziologen diskutiert. Macht scheint ein zentrales Element menschlichen Handelns, wenn nicht sogar Lebens zu sein und wirft daher immer wieder Fragen und Probleme auf. Die Ursache vieler Diskussionen und Verständnisprobleme liegt in einem nicht klar definierten Machtbegriff. Darauf aufbauend unterscheiden sich die Machttheorien der Soziologen in zentralen Elementen stark voneinander. Die vorliegende Arbeit fokussiert sich daher auf den Machtbegriff und dessen Verständnis von Norbert Elias, Heinrich Popitz und Hannah Arendt. Nach der Analyse versucht die Arbeit diese Machttheorien in Beziehung zu setzen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede deutlich zu machen und dem Leser auf wenigen Seiten die zentralen Elemente näher zu bringen.

Für diese Aufgabe werden zunächst in Kapitel zwei die Machttheorien von Elias, Popitz und Arendt vorgestellt und daraufhin in Kapitel drei miteinander verglichen. Abschließend folgt eine Einordnung in die Machttheorienmatrix von Brunkorst (2017), welche das vorher analysierte strukturieren und auf den Punkt bringen soll. Für diese Arbeit wird hauptsächlich Primärliteratur der Autoren verwendet. Ein besseres Verständnis wird durch die Hinzunahme ausgewählter Sekundärliteratur erzielt.

2 Theorievorstellung

Im vorliegenden Kapitel werden die Autoren der verschiedenen Machttheorien Norbert Elias, Heinrich Popitz und Hannah Arendt kurz vorgestellt. Folgend werden die Machttheorien ausführlich erläutert. Insbesondere wird der Machtbegriff der Autoren beschrieben, die dahinterliegenden Grundfragen aufgeführt und Grundannahmen der Machttheorien wiedergegeben.

2.1 Norbert Elias

Nobert Elias wurde 1897 in Breslau geboren und fing 1918 ein Studium der Philosophie und Medizin an. 1915 meldete sich Elias als freiwilliger Soldat, um im ersten Weltkrieg zu kämpfen. Dieses Erlebnis der Ohnmacht und der Zwänge im Gesellschaftsgefüge prägten ihn langfristig. Wegen seiner jüdischen Herkunft musste Elias viele Jahre im Exil leben. 1990 verstarb er, immer noch arbeitend, in Amsterdam. (Mennel, 2020; Treibel, 2008, S. 9-10)

Interdependenzen, Machtbalancen und Figurationen sind zentrale Begriffe in Elias Machtheorie. Damit stellt er die Beziehungen, Abhängigkeiten und Prozesse in den Vordergrund der Betrachtung. Interdependenz bezeichnet die wechselseitige Abhängigkeit von zwei oder mehreren Individuen, welche in komplexeren Konstellationen zu Interdependenzgeflechten werden, welche Elias Figurationen nennt. (Elias, 1996, S. 12) Macht ist für Elias eine Struktureigentümlichkeit aller menschlicher Beziehungen und muss als Balance oder relative Spielstärke, und nicht als Substanz oder unveränderliche Tatsache angesehen werden (Elias, 1996, S. 77). Damit wird deutlich, dass Macht allen Situationen zugrunde liegt, wo es „funktionale Interdependenzen zwischen Menschen“ (Elias, 1996, S. 77) gibt. Abhängigkeit bezieht sich meist auf die Verteilung der Machtbalance bzw. auf die relative Spielstärke der einzelnen Akteure. Laut Elias gibt es keine einseitigen, sondern nur wechselseitige Abhängigkeiten, weshalb der Begriff der Balance passend ist, auch wenn dieser nicht mit Ausgeglichenheit verwechselt werden darf. Je abhängiger der eine Akteur ist, desto mächtiger ist der Andere. (Elias, 1996, S. 97) Elias beschäftigt sich in seiner Theorie weniger mit dem Problem der zur Verfügung stehenden Machtquellen, da diese laut ihm polymorph sind, sondern fokussiert sich auf die Einzigartigkeit von Gesellschaften und deren spezifischer Ordnung. (Elias, 1996, S.75, 97)

Elias erläutert an mehreren Stellen in seinem Werk „Soziologie zur Einführung“, dass die Analyse und Untersuchung von Machtbalancen von Individuen allzu oft durch Emotionen und geschichtliche Erfahrungen oder Ereignisse verzerrt wird (vgl. Elias, 1992, S. 11, 12, 76, 97). Das hängt damit zusammen, dass Menschen mit hohen Machtchancen diese oft für ihre eigenen Zwecke gegen andere richten. Damit kategorisiert Elias Macht als Mittel zum Zweck, was für den späteren Vergleich wichtig sein wird. (Elias, 1996, S. 76, 97) Daher hält er fest, dass Machtbalancen weder gut noch schlecht seien, sondern zwingende, aber veränderbare Struktureigentümlichkeiten sind (Elias, 1996, S.97).

2.2 Heinrich Popitz

Popitz wurde 1925 in Berlin geboren und verlor beide Eltern in frühen Jahren. Popitz begann nach seiner Jugend ein Studium der Philosophie, Geschichte und Ökonomie in Heidelberg, Göttingen und Oxford. Popitz lehrte bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1992 in Freiburg und starb dort am 1. April 2002 im Alter von 76 Jahren. (H. Treiber, 2002, S. 349-350; Dreher, 2020a, S. 3)

Popitz stellt zu Beginn seiner Machttheorie drei Prämissen auf, welche er als „nahezu allgemein akzeptiert“ (Popitz, 1992, S. 12) betrachtet, um die Wahrnehmung der Machtphänomene zu ordnen. Die erste Prämisse ist die der Machbarkeit von Machtordnungen. Damit sind Machtordnungen Menschenwerke und nicht vorbestimmt, natürlich oder gottgegeben. Macht ermöglicht die Gestaltung und Veränderung sozialer Ordnungen und des menschlichen Zusammenlebens. (Popitz, 1992, S.12-15) Die zweite Prämisse beleuchtet die Gegenwart von Macht im alltäglichen Leben des Menschen. „Macht ist omnipräsent“ (Popitz, 1992, S. 17) und wandelte sich im Laufe der Zeit von der verstaatlichten und verdichteten Macht zur vergesellschafteten Macht. Macht ist daher in jeder Beziehung und zu jeder Zeit vorhanden, sie ist kontextunabhängig. (Popitz, 1992, S. 16-17) Popitz dritte Prämisse bezieht sich auf die Anwendung von Macht. Nach seiner Theorie ist jede Machtanwendung Freiheitsbegrenzung und daher rechtfertigungsbedürftig. Auch diese Prämisse ist Ergebnis eines geschichtlichen Prozesses, in dem ein neues Freiheitsbewusstsein entstanden ist. Das hat zur Folge, dass jede Fremdbestimmung bzw. Machtanwendung legitimiert und rechtfertigt werden muss. (Popitz, 1992, S. 17-20) Macht ist daher „universales Element menschlicher Vergesellschaftung“ (Popitz, 1992, S. 21) und tritt auf, sobald Menschen interagieren. Popitz anthropologische Definition von Macht ist das Vermögen des Menschen, sich gegen fremde Kräfte durchzusetzen. Er hält zwar fest, dass Macht als Fähigkeit des Veränderns angesehen werden kann, begründet aber dessen mangelnde Genauigkeit für seine Fragestellung. (Popitz, 1992, S. 22-23)

Popitz fragt daher grundlegend worauf die Macht von Menschen über Menschen beruht und welche Mittel und Methoden „andere zu überwältigen“ verfügbar sind (Popitz, 1992, S. 21). Dies fragt einerseits nach den Fähigkeiten, um Macht ausüben zu können und andererseits nach den Ursachen, weshalb Menschen Macht erleiden müssen (Popitz, 1992, S. 23). Um diese Fragen beantworten zu können formuliert Popitz vier „nicht weiter reduzierbare Grundformen der Macht“ (Popitz, 1992, S. 23). Mit solchen Modellen bzw. Typologien sollen die Prozesse der Machtbildung und die verschiedenen Erscheinungen besser analysiert und wahrgenommen werden können, denn für Popitz ist Macht nicht gleich Macht, sondern kann und muss differenziert betrachtet werden. (Anter, 2017, S. 80)

Die erste Grundform der Macht bezeichnet Popitz als „Aktionsmacht“ oder auch „Verletzungskraft“, da Menschen von Grund auf verletzlich sind. Weiter können drei Formen der Aktionsmacht unterschieden werden. Die Macht zur körperlichen Schädigung bis hin zur Tötung, zur materiellen Schädigung und zur Minderung der sozialen Teilhabe. Die Fähigkeit Aktionsmacht ausüben zu können ist ungleich verteilt. Erstens ist jeder Mensch mit unterschiedlichen angeborenen Fähigkeiten ausgestattet, zweitens aufgrund ungleicher Lerneffekte und drittens aufgrund unterschiedlichen Zugangs zu Ressourcen. (Popitz, 1992, S. 24-25)

Popitz bezeichnet die zweite Grundform als „instrumentelle Macht“ bzw. „Alltagsmacht“. Die instrumentelle Macht wirkt verhaltenssteuernd, verändert aber nicht die Einstellungen der Betroffenen. Die Basis dieser Machtform ist die glaubhafte „Verfügung über Belohnungen und Strafen“ (Popitz, 1992, S. 26). Nach Popitz bedürfen alle dauerhaften Machtstrukturen der instrumentellen Macht. (Popitz, 1992, S. 25-27)

Die dritte Grundform der Macht ist die „autoritative Macht“. Popitz verwendet zudem Begriffe wie „innere Macht“ und „maßgebende Macht“, um die Bedeutung verständlich zu machen. Das besondere dieser Machtform ist der Einfluss auf das Verhalten sowie auf die Einstellungen der Betroffenen. Daher wirkt sie über die Grenzen des Kontrollbereiches hinweg und basiert auf der Orientierungsbedürftigkeit des Menschen. Der Mensch sucht nach Anerkennung und ist bestrebt sein Selbstwertgefühl zu steigern. Dies erreicht er in einem zweifachen Anerkennungsprozess, indem er erstens die Überlegenheit des Machtsetzenden anerkennt und zweitens nach dessen Anerkennung strebt. (Popitz, 1992, S. 27-29)

Die „Datensetzende Macht“ ist die letzte Machtform. Entscheidend ist hier, dass die von Datensetzenden hergestellten Artefakte Macht auf Datenbetroffene ausüben und deren Lebensbedingungen verändern. Popitz erläutert den zweifachen Machtcharakter des technischen, „menschlichen“ Handelns, welcher erstens in der Macht über die Naturkräfte und zweitens in der objektvermittelten Macht über die Lebensbedingungen der Betroffenen liegt. (Popitz, 1992, S. 29-31)

Popitz zieht drei Schlüsse aus der Unterscheidung. Erstens kann jede Machtform Machtverhältnisse isoliert konstituieren, zweitens kann Machtakkumulation durch den internen Ausbau einer Machtform oder durch Ausbau in zusätzlichen Machtformen stattfinden und drittens kann die Koalition von mehreren Machtformen eine ausweglose Situation für den Betroffenen darstellen. (Popitz, 1992, S. 35-39)

2.3 Hannah Arendt

Hannah Arendt wurde 1906 in Hannover mit jüdischer Abstammung geboren. Sie studierte Philosophie, Theologie und Griechisch in Marburg. Nach ihrer Dissertation 1928 bei Karl Jaspers, emigrierte sie 1933 nach Paris und 1941 nach New York. Dort stirbt sie im Alter von 69 Jahren. (Dreher, 2020b, S. 3; Mönig, 2011)

Die hier vorgestellte Machttheorie von Hannah Arendt bezieht sich hauptsächlich auf das von ihr im Jahr 1970 publizierte Werk „Macht und Gewalt“. Hannah Arendts Machttheorie stellt grundsätzlich die Verschiedenheit von Macht und Gewalt in den Vordergrund. Ihre Grundfragen umkreisen dieses Thema und beziehen sich alle auf die Trennung von Macht und Gewalt sowie auf die Entstehung von Macht und dessen Bedingungen (Arendt, 1970, S. 37-40). Für Arendt entspricht Macht „der menschlichen Fähigkeit, nicht nur zu handeln oder etwas zu tun, sondern sich mit anderen zusammenzuschließen und im Einvernehmen mit ihnen zu handeln“ (Arendt, 1970, S. 45). Macht ist daher der Effekt eines gemeinsamen Handelns und bedarf der Unterstützung bzw. Zustimmung einer Gruppe (Meyer, 2016, S. 21). Diese Zustimmung bzw. der Konsens muss nicht explizit bejaht, sondern lediglich hingenommen bzw. akzeptiert werden. Die stumme oder implizite Unterstützung reicht aus, um der Gruppe Ermächtigung für eine gemeinsame Praxis zu geben (Meyer, 2016, S. 36). Aus diesem Grund ist Macht nicht omnipräsent, sondern bei Arendt ein Phänomen, welches erst im menschlichen Handeln entsteht. Darüber hinaus gründet Macht nicht auf einem Gehorsam, da jener sich erzwingen und mit Hilfe von Gewalt durchsetzen lässt. (Arendt, 1970, S. 42) Dort wo Gewalt herrscht, ist keine Macht vorhanden. Und dort wo Macht vorhanden ist, ist keine Gewalt nötig, um sie zu festigen. (Arendt, 1970, S. 43) Für Arendt ist Macht kein Mittel zum Zweck, sondern Selbstzweck und damit etwas Absolutes. Dagegen ist Gewalt instrumentell und nur durch Zweck und Ziel gerechtfertigt. Sie geht soweit, dass alles, was Rechtfertigung bedarf funktioneller und nicht essentieller Natur sei. Macht ist nicht an Rechtfertigung gebunden, weil sie zum Wesen staatlicher Organisationen und Gemeinschaften gehört. Einzig setzt sie Legitimität voraus. (Arendt, 1970, S. 52-53) Politische Macht kann bei Arendt als kommunikative Macht verstanden werden, da sie auf öffentliche Zustimmung und Unterstützung angewiesen ist. Die scheinbare individuelle Handlungsmacht der Regierenden stützt sich laut Arendt immer auf die Ermächtigung der vielen und liegt daher nicht bei der Person, sondern in der Gruppe. (Meyer, 2016, S. 24, 30)

[...]


1 In dieser Arbeit wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit das generische Maskulinum verwendet. Weibliche und anderweitige Geschlechteridentitäten werden dabei ausdrücklich mitgemeint, soweit es für die Aussage erforderlich ist.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Norbert Elias, Heinrich Popitz, Hannah Arendt. Machttheorien und ihr Vergleich
Hochschule
Universität St. Gallen
Note
6.0 (äquivalent zu 1,0 in DE)
Autor
Jahr
2020
Seiten
14
Katalognummer
V1011239
ISBN (eBook)
9783346401755
Sprache
Deutsch
Schlagworte
norbert, elias, heinrich, popitz, hannah, arendt, machttheorien, vergleich
Arbeit zitieren
Maximilian Rongen (Autor), 2020, Norbert Elias, Heinrich Popitz, Hannah Arendt. Machttheorien und ihr Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1011239

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