Die praktische Anwendung lernpsychologischer Theorien im Unterricht


Hausarbeit, 2002

18 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Definition des Lernens in der Lernpsychologie

3. Die klassische Konditionierung
3.1. Theoretische Grundlagen: Die Konditionierungsexperimente von Pawlow und Watson
3.2. Der Unterricht "Maschineschreiben"

4. Operantes Konditionieren
4.1. Die Skinner-Box
4.2. Der Kontingenzvertrag
4.3. Unterrichte mit und ohne Verstärkung

5. Kognitives Lernen

6. Das Lernen von Assoziationen
6.1. Theorie der Kettenbildung
6.2. Der Fachunterricht "Materialbewirtschaftung"

7. Beobachtungslernen
7.1. Banduras’ Theorie des Modellverhaltens
7.2. Praktische Handwaffenausbildung

8. Schlussteil

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Thema dieser Hausarbeit ist die Erkundung von lernpsychologischen Gesichtspunkten an einer (militärischen) Ausbildungseinrichtung. Es soll untersucht werden, welche Bedeutung lernpsychologische Theorien im Unterricht haben. Mit gezielter Unterrichtsanschauung, auf die ich im folgenden Kapitel genauer eingehen werde, versuchte ich, Parallelen zwischen Unterrichtsformen und lernpsychologischen Theorien zu finden. Ich erhoffte mir, anhand der von mir ausgewählten Lerntheorien konkrete Unterrichtssituationen erklären zu können.

Es wird hierbei von der Prämisse ausgegangen, daß die Formen des Lernens an einer Ausbildungseinrichtung von eindeutig festgelegten Lernzielen dominiert werden, welche sowohl inhaltlicher als auch erzieherischer Natur sein können. Die Berufsausbildung im militärischen Spektrum erfordert es in ganz besonderem Maße, neben dem Aspekt der Ausbildung auch den Aspekt der Erziehung in den Lernprozess mit einzubeziehen. Erziehung bedeutet dabei, neben der reinen Vermittlung inhaltlichen Wissens auch das Fundament für potente und verantwortungs-bewusste Menschen zu schaffen.

Um dieses Ziel zu erreichen, muß man sich insbesondere Gedanken machen über die Form, in der gelernt werden soll. Die Form, in der einem Individuum ein Unterrichtsstoff nähergebracht wird, ist entscheidend dafür, inwieweit dieser diesen internalisiert. Diese Vorstellungen beruhen nicht nur auf der Einzelmeinung des Verfassers dieses Berichtes, sondern sind für die Bundeswehr als Leitlinien niedergeschrieben in dem „Konzept für Innere Führung“. Dieses Konzept für Innere Führung fordert eine einfache, sinnvolle und überzeugende Erziehung, welche mit Geduld und Bestimmtheit verfolgt werden soll. Der Prozess des Erziehens soll dabei nicht nur in Worten, sondern vor allem in der Art seiner Aufgabenstellung wirksam werden. Für eine Schule der Bundeswehr bedeutet dies, geeignete Lernmethoden zu verwenden, um dieser Idee der Erziehung gerecht werden zu können.

Aus all diesen Gründen hielt ich es für interessant, einmal zu untersuchen, inwieweit dabei Lernmethoden verwendet werden, die der lernpsychologischen Theorie entstammen. Die Fragestellung lautet also:

Welchen Wert können lernpsychologische Theorien haben, wenn man ausgewählte Praxisphänomene militärischer Lernformen untersucht?

2. Die Definition des Lernens in der Lernpsychologie

Eine der Grundvorrausetzungen der Pädagogik ist es, daß sie es mit dem Menschen als lernendem Wesen zu tun hat. Nun handelt es sich beim Lernbegriff um ein so weitreichendes Feld, daß es bisher noch keine allgemeine, umfassende Lerntheorie gibt, die für alle Formen und Inhalte des Lernens zutreffen würde.

H. Skowronek umschreibt den Lernbegriff grob als "Veränderung des Verhaltens als Ergebnis von Erfahrung"[1]. Die Beobachtung einer Verhaltensveränderung allein reicht jedoch nicht aus, um ein Lernen festzustellen. Lernen liegt nur dann vor, wenn diese Verhaltensveränderung nicht einmalig als zufälliges Ereignis zustande kommt, sondern über einen bestimmten Zeitraum erhalten bleibt, d.h. ein relativ beständiger Lernerfolg erreicht wird. Diese nicht unmittelbar zu beobachtenden Veränderungen bezeichnet man auch als "Dispositionsveränderungen".

Lernen lässt sich so nach R. Bergius bezeichnen als ein "Sammelname für Vorgänge, Prozesse oder nicht unmittelbar zu beobachtende Veränderungen im Organismus, die durch Erfahrungen entstehen und zu Veränderungen des Verhaltens führen."[2]

Wesentlich bei dieser Definition des Lernens ist es also, daß das Gelernte nicht sogleich wieder verloren geht, sondern von dem jeweiligen Lernenden als Dispositionsveränderung internalisiert wird.

Die Definition des Lernbegriffs, die im vorangegangenen beschrieben wurde, ist, wie bereits erwähnt, nicht allumfassend und umgreift das Lernen nicht etwa in all seinen Erscheinungsweisen. Bei dieser Definition handelt es sich um eine in der Psychologie übliche wertneutrale Betrachtungsweise, die dabei auf eine Beurteilung des Verhaltens (z.B. verbessernde oder verschlechternde Veränderung) verzichtet. Die vorangestellte Begriffsbestimmung ist in diesem Zusammenhang als ein Arbeitsbegriff zu verstehen, der für die in der Lernpsychologie zu untersuchenden Prozesse des Lernens verwendet werden kann.

3. Die klassische Konditionierung

3.1. Theoretische Grundlagen: Die Konditionierungsexperimente von Pawlow und Watson

Die klassische Konditionierung basiert auf der Vorstellung von der Existenz bestimmter Reiz-Reaktionsverbindungen, die ein bestimmtes Verhalten erzeugen. Das vielleicht berühmteste Beispiel einer klassischen Konditionierung liefern uns die Untersuchungen des russischen Physiologen I.P. Pawlow:

"Einem Hund wird ein wenig Fleischpulver gegeben: seine Speicheldrüsen beginnen zu arbeiten, während er frisst. Das Fleischpulver ist ein sogenannter unkonditionierter Stimulus (US), und der einsetzende Speichelfluss ist eine sogenannte unkonditionierte Reaktion (UR). Das Auftreten dieser Reaktion auf die Darbietung des Reizes ist nicht erlernt, es erfolgt instinktiv.

Jetzt schalten wir in Gegenwart des Hundes ein Licht ein. Das Einschalten des Lichts hat keine oder nur eine minimale Wirkung auf den Speichelfluss des Hundes. Als nächstes schalten wir nun das Licht ein, kurz bevor wir dem Hund das Fleischpulver (US) geben. Wenn wir dies häufiger nacheinander tun, und dann, in einem bestimmten Versuchsdurchgang, nur noch den Lichtreiz darbieten, ohne gleichzeitig Fleischpulver zu verabreichen, werden wir dennoch die Speicheldrüsen-Reaktion bemerken. Das Licht, ein zu konditionierender Stimulus, kann, nach mehrmaliger nahezu gleichzeitiger Darbietung mit dem Fleischpulver, im Organismus eine Reaktion hervorrufen, die jener sehr ähnlich ist, die ursprünglich bei der Verabreichung des Fleischpulvers allein auftrat. Das Licht, zuvor ein neutraler Stimulus, ist so ein konditionierter Stimulus (CS) geworden, und die Reaktion, die er hervorruft, ist dementsprechend eine konditionierte Reaktion (CR)."[3]

Ausgehend von den Pawlowschen Tierversuchen entstand in der Psychologie die Bewegung des Behaviorismus (behaviour = Verhalten), welche bezüglich des Lernbegriffs die reflexologischen Ansätze von Pawlow weiterentwickelte zu einer Verhaltenstheorie, bei der das Lernen beschrieben wird als eine Stiftung von "Reiz-Reaktionsverbindungen". Durch gewisse Umweltereignisse (Reize) hervorgerufen, wird beim Organismus unter bestimmten Bedingungen ein gelerntes Antwortverhalten ausgelöst.[4]

Ein Hauptvertreter dieser Richtung ist J.B. Watson, der auf der Grundlage der Pawlowschen Konditionierungstheorie sein berühmtes Experiment mit der weißen Ratte und seinem Sohn Albert durchführte (Watson und Rayner, 1920).[5]

Ausgehend von der Überzeugung, daß dem Menschen gewisse emotionale Reaktionsweisen (Angst, Wut und Liebe) angeboren sind, konditionierte er seinen Sohn durch einen bestimmten Stimulus (lautes Geräusch) dahingehend, daß dieser eine künstliche Angstreaktion vor Ratten ausbildete. Danach gewöhnte er ihm diese Angst durch einen für Albert angenehmen Stimulus (Leibgericht) wieder ab (wodurch er ebenfalls nachweisen konnte, daß Verhaltensweisen auch rückkondi-tionierbar sind).

Während meines Praktikums kam ich mit dieser Lernmethode im Zusammenhang mit dem Unterricht im Schreibmaschineschreiben in Berührung. In diesem Unterricht waren durchaus Ansätze zu einer Form von klassischer Konditionierung zu erkennen. Ebenso erkennbar war aber auch, daß diese Art des Lernens sehr erfolgreich in Kombination zu anderen Lernarten genutzt werden kann.

Starke Zweifel kamen mir darüber hinaus hinsichtlich des Prinzips, daß ein natürlicher Reiz (UR) von einem künstlichen Reiz (CR) ersetzt werden müsse.

3.2. Der Unterricht "Maschineschreiben"

In diesem Unterrichtsfach geht es darum, auf einer Schreibmaschine im Zehnfingersystem eine höchstmögliche Anschlagzahl zu ereichen. Ich erwartete hier, einen Unterricht vorzufinden, der eindeutig auf der Form des klassischen Konditionierens beruhte. Ich wurde damit zum Teil bestätigt.

In der Regel beruhte der Unterricht darauf, daß der Auszubildende auf einen durch viele Übungsstunden trainierten visuellen Reiz (sprachliches Zeichen) automatisch mit einer konditionierten Reaktion (Tippen mit dem Finger auf eine bestimmte Taste der Schreibmaschine) verband. Prinzipiell lässt sich dieser Unterricht deshalb als ein Beispiel für die Verwendung der klassischen Konditionierung verwenden.

Wie bereits in den theoretischen Ausführungen erwähnt, kamen mir während der Beobachtung dieses Unterrichts starke Zweifel an dem von Pawlow beschriebenen "Ersetzungsprinzip".[6] Ohne nun ein endgültiges Urteil darüber abzugeben, kann zumindest bei dem von mir beobachteten Konditionierungsvorgang nicht von einem Ersetzen eines Reizes durch einen anderen gesprochen werden. Im Gegensatz zu dem 'Pawlowschen Tierversuch' war bei diesem Konditionierungsvorgang zum Beispiel kein "natürlicher" Reiz vorhanden, der durch einen "künstlichen" hätte ersetzt werden können. Es handelte sich bei dieser Konditionierung vielmehr um den Erwerb eines völlig neuen Reiz-Reaktionsmusters, eines einfachen Erlernens von motorischen Fähigkeiten. Erst das Erlernen dieses motorischen Aktes erzeugte die Reiz-Reaktionsverbindung beim "Maschineschreiben". Automatisch wäre sie nie zustande gekommen. Dies führte mich zu dem Schluss, anzunehmen, daß ein erfolgreicher Konditionierungsvorgang auch ohne natürliche Reizvorgabe zu erlernen ist.

In der wissenschaftlichen Literatur wird von den Lerntheoretikern mehrheitlich das Pawlowsche Ersetzungsprinzip unterstützt. Lediglich bei A. Neel fand ich eine in meine Richtung gehende Kritik dieses Prinzips.[7] Neel postuliert den Erwerb eines völlig neuen Reiz-Reaktionsmusters als den Regelfall der klassischen Konditionierung, während das Ersetzungsprinzip demnach nur ein Spezialfall dieser Lernmethode wäre. Aufgrund meiner Beobachtungen kann ich diese Sichtweise nur untermauern.

Ich konnte überdies die Feststellung machen, daß man die klassische Konditionierung durch Verknüpfung von Ketten verbessern kann. So war erkennbar, daß beim Tippen von "sinnlosen Silben" die Motivation und Leistungsbereitschaft der Auszubildenden nicht so hoch war wie beim Schreiben sinnvoller Buchstabenketten. Das Verwenden von richtigen Worten und Sätzen kann hier eine Leistungssteigerung verursachen und das Lernen erleichtern. Für den einzelnen war es durch die Kenntnis der Buchstabenfolge auch leichter, Fehler bereits beim Schreiben zu erkennen, welches beim unzusammenhängenden Aneinanderreihen von Buchstaben häufig erst beim späteren Durchlesen möglich war. Der Lernerfolg des klassischen Konditionierens lässt sich also offenbar auch durch eine sinnvolle Verbindung zu anderen Lernmethoden erhöhen.

Sehr stark beeinflusst wird das Lernen in diesem Unterricht durch die äußeren Störfaktoren. Für einen Ungeübten bedeutet das Lernen im Zehnfingersystem eine hohe Konzentration und Anstrengung. Zeigten die Auszubildenden bereits zu Beginn des Unterrichts einige Ermüdungserscheinungen, so waren die anschließenden Leistungen und die Motivation deutlich geringer. Zusammenfassend lässt sich feststellen, daß der Erfolg der klassischen Konditionierung entscheidend von den Rahmenbedingungen, in denen diese stattfinden, abhängt.

4. Operantes Konditionieren

4.1. Die Skinner-Box

Eine weitere Form des Lernens stellt die operante Konditionierung dar. In dieser Form wird Lernen verstanden als das Ergebnis von Verstärkung (reinforcement). Im Unterschied zur klassischen Konditionierung ist hierbei nicht das eigentliche Reiz-Reaktionsverhalten der entscheidende Moment, sondern vielmehr "der Zusammenhang zwischen einem spontan produzierten Verhalten und der Konsequenz dieses Verhaltens in der Form einer Verstärkung"[8] ausschlaggebend. Operantes Verhalten ist also im wesentlichen dadurch gekennzeichnet, daß es von einem Individuum spontan produziert ("emittiert") wird. Die auftretenden Emissionsreize sind hierbei unbekannt und für den Lernprozeß ohne Bedeutung.

[...]


[1] Skowronek 1969, S.10

[2] Bergius 1971, S.10f.

[3] Gage 1986, S.262

[4] vgl. Edelmann 1986, S.6f.

[5] vgl. Weinert 1976, S.6f.

[6] vgl. hierzu auch Kap. 3.1.

[7] vgl. Neel 1974, S.134

[8] Gage 1986, S.268

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die praktische Anwendung lernpsychologischer Theorien im Unterricht
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg  (Pädagogische Psychologie)
Veranstaltung
Unterrichtstheorie und Analyse von Lernprozessen
Note
2,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
18
Katalognummer
V10116
ISBN (eBook)
9783638166461
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schriftliche Hausarbeit im Hauptstudium.
Schlagworte
Anwendung, Theorien, Unterricht, Unterrichtstheorie, Analyse, Lernprozessen
Arbeit zitieren
Thorsten Lemmer (Autor), 2002, Die praktische Anwendung lernpsychologischer Theorien im Unterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/10116

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