Der russische Panslawismus nach Nikolai Jakowlewitsch Danilewskij. Danilewskijs Theorie als Pan-Theorie?


Bachelorarbeit, 2011

44 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung
1.1. Thematische Einführung
1.2. Zentrale Fragestellung und Vorgehensweise
1.3. Forschungsstand

2. Allgemeine Merkmale von Pan-Theorien

3. Der Panslawismus nach N.J. Danilewskij
3.1. Das Leben des N.J. Danilewskij
3.2. Das Werk „Russland und Europa“
3.2.1. Die Theorie der kulturhistorischen Typen
3.2.2. Nikolai Danilewskijs Definition von Europa
3.2.2.1. Was ist Europa?
3.2.2.2. Der germanisch-romanische Kulturtyp
3.2.3. Das Verhältnis zwischen der slawischen Welt und Europa
3.2.3.1. Die Slawen
3.2.3.2. Der allslawische Bund
3.2.3.3. Der Kampf mit Europa
3.2.4. Ein neuer kulturhistorischer Typ

4. Danilewskijs Theorie - eine Pan-Theorie?

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

Anlage

1.Einleitung

1.1. Thematische Einführung

Die politischen Theorien russischer Denker, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden, lassen sich größtenteils zwei Hauptströmungen zuordnen: dem Westlertum oder dem Slawophilismus. Während die sogenannten Westler eine Anbindung des russischen Reiches an die Staatenwelt Europas forderten, plädierten die Slawophilen dagegen für eine Abkehr von allem Europäischen und eine Rückbesinnung auf das urtümliche Russland, das Zarentum und die Orthodoxie. Der Panslawismus als eine Sammelbezeichnung für verschiedene Bestrebungen, alle Slawen in einem slawischen Großreich zu vereinen, ist eine Teilströmung dieses durch große Heterogenität geprägten Slawophilismus.

Im Verlauf der Geschichte entstanden zahlreiche Programme, die dem Panslawismus zugeordnet werden können. Sie lassen sich in kulturell und politisch orientierte unterteilen. Die kulturell geprägten panslawistischen Strömungen entstanden zu Beginn der 19. Jahrhunderts und basierten hauptsächlich auf der deutschen Romantik und den Schriften Johann Gottfried Herders. Panslawistische Programme, die auf politischen Forderungen und Zielen aufbauten entstanden erst ab den 1840er Jahren. Die bedeutendsten Schriften dieser Strömung des Panslawismus stammen von russischen Denkern wie Mikhail P. Pogodin, Jurij Samarin, Iwan Aksakov, Vladimir Lamanskij und Alexander Hilferding. Vor allem Pogodin war es, der die Forderung prägte, dass Russland eine Führungsrolle unter den slawischen Völkern zukommen sollte.

Nach dem Krimkrieg (1853 - 1856) und auch während des russisch-türkischen Krieges von 1877 bis 1878 weitete sich die panslawistische Theorie zu einem machtpolitischen Konzept aus und hatte viele Anhänger. Erst Ende des 19. Jahrhundert, als zunehmend liberalistische und sozialistische Strömungen an Bedeutung gewannen, rückte der Panslawismus in Russland in den Hintergrund. Jedoch trat zu Beginn der 1920er Jahre ein kleiner, elitärer Intellektuellenzirkel an die Öffentlichkeit, der unter dem Namen Eurasier bekannt wurde. Sie knüpften mit ihren Gedanken an die früheren Panslawisten an und hielten eine vollständige Loslösung Russlands von Europa für die einzige Möglichkeit, die vorherrschenden Probleme zu lösen. Ihr Ziel war es, ein riesiges, eurasisches Reich zu schaffen, mit Russland als Zentrum und Führungsmacht.

Gleichzeitig lehnte die politische Führung der Sowjetunion aber zunächst offiziell sämtliche panslawistische Ideen als ihrer weltanschaulichen Grundlage widersprechend ab. Erst der Ausbruch des Krieges zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und der Sowjetunion führte 1941 zur Gründung eines allslawischen Komitees in Moskau, was auch eine kurzzeitige Wiederbelebung der alten, panslawistischen Ideen zu Folge hatte.

Den vermutlich größten Beitrag zur Entwicklung des Panslawismus hat der Russe Nikolai Jakowlewitsch Danilewskij (1822 - 1885) geleistet. Sein Hauptwerk „Russland und Europa“, erstmals 1869 in der Zeitschrift „Zarja“ veröffentlicht, wird gemeinhin als „die Bibel des Panslawismus“ bezeichnet. Es wurde in den späten 1860er Jahren verfasst und erschien 1871 erstmals als Buch. Bereits 1890 ist es unter dem Titel „La Doctrine Panslaviste d’aprés N.J. Danilevskij“ stark gekürzt auf Französisch veröffentlicht worden. Wenig später lieferte Pitirim Sorokin eine ungekürzte, englische Übersetzung. Die deutsche Fassung, welche nur zehn der eigentlich 17 Kapitel umfasst, erschien 1920 und stammt von Karl Nötzel.

Danilewskijs Konzept, welches er in „Russland und Europa“ entwickelt, beruht auf der Idee, dass es zwei gegensätzliche Welten gibt: Europa und die slawische Welt. Hauptthema des Werkes sind die Unterschiede zwischen diesen beiden sowie der unausweichliche Kampf zwischen Europäern und Slawen, der laut Danilewskij unmittelbar bevorsteht. Darüber hinaus analysiert der Theoretiker in seinem Werk die Besonderheiten, durch welche sich Europäer und Slawen auszeichnen und untersucht die kulturellen und politischen Beziehungen zwischen diesen beiden Kulturen.

Das Programm, welches Danilewskij in Folge dieser Analysen entwickelt, ist stark praxisorientiert, nicht philosophisch. Seine Thesen sind präzise und genau.

1.2. Zentrale Fragestellung und Vorgehensweise

In der vorliegenden Bachelor-Arbeit soll überprüft werden, ob die Theorie Nikolai Danilewskijs den generellen Merkmalen einer Pan-Theorie entspricht und demnach tatsächlich als Panslawismus bezeichnet werden kann.

Zu Beginn der Arbeit sollen dafür die generelle Charakteristika von Pan-Theorien, auch Makronationalismustheorien genannt, erarbeitet und umfassend dargestellt werden. Dabei werde ich verschiedene Autoren einbeziehen. Insbesondere werde ich mich aber auf die Ausführungen von Louis Snyder stützen. In seiner Monographie „Macro-Nationalisms. A History of the Pan-Movements”1 2 3 stellt er die Wesensmerkmale, die allen Pan-Theorien gemein sind, systematisch dar. Darüber hinaus werde ich auch Hannah Arendts Analysen zu den Pan-Bewegungen heranziehen. Umfassend beschreibt Arendt diese in ihrem Werk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ .

Das dritte Kapitel bildet den Schwerpunkt der Arbeit. In diesem Teil sollen die Thesen Nikolai Danilewskijs ausführlich dargestellt werden. Im ersten Abschnitt des Kapitels werde ich kurz auf die Biografie Nikolai Danilewskijs eingehen. Dieser Schritt ist notwendig, um verstehen zu können, wie sich seine Ansichten entwickelt haben und wodurch sein Denken beeinflusst wurde. Ich werde mich dabei hauptsächlich auf die Arbeit von Robert MacMaster, „Danilevsky. A Russian Totalitarian Philosopher“ , stützen. Anschließend soll das Werk „Russland und Europa“ vorgestellt werden. Dabei wird anhand des Originaltextes Danilewskijs Theorie zur Entwicklung der verschiedenen Kulturtypen und ihre Bedeutung für die menschliche Zivilisation erläutert. Außerdem werde ich seine Gedanken zu den europäischen Völkern sowie zum Verhältnis zwischen Russland und Europa herausarbeiten. Schließlich sollen Danilewskijs Thesen zur Rolle, welche Russland und die Slawen zukünftig in der Welt spielen werden, umfassend dargestellt werden.

Im darauffolgenden vierten Kapitel werde ich schließlich die Aussagen Danilewskijs mit den Merkmalen der Pan-Theorien, welche im zweiten Kapitel systematisch dargestellt wurden, vergleichen. Am Ende dieses Kapitels wird die zentrale Frage der Arbeit geklärt, nämlich, ob Danilewskijs Theorie den Merkmalen von Pan-Theorien entspricht und somit tatsächlich als solche bezeichnet werden kann.

Eine Zusammenfassung der Ergebnisse dieser Arbeit sowie ein Ausblick auf mögliche weitere zu klärende Fragen bezüglich Nikolai Danilewskijs und seinem Werk bilden den Abschluss der Arbeit.

1.3. Forschungsstand

Die Literatur über Nikolai Danilewskij und sein Werk ist im deutschsprachigen Raum sehr begrenzt. Sein Hauptwerk „Russland und Europa“ liegt nur in einer stark gekürzten Übersetzung von 1920 vor. Größtenteils findet Danilewski nur in Überblickswerken Beachtung und wird selbst dann nur auf wenigen Seiten abgehandelt. Der wahrscheinlich umfassendste Beitrag über Nikolai Danilewskij findet sich in der Monographie „Der Mythos vom Krieg der Zivilisationen“4 des türkischstämmigen Geschichts- und Religionswissenschaftlers Gazi £aglar. Im englischen Sprachraum verhält es sich ähnlich. Meinen Recherchen zufolge ist der Amerikaner Robert MacMaster5 der einzige Forscher, der sich tiefgründig und umfassend mit Nikolai Danilewskij befasst hat. Vor allem seine überaus umfangreiche Biografie Danilewskijs verdient Beachtung.

Ganz anders verhält es sich im russischen Sprachraum. „Russland und Europa“ erscheint auf Russisch ungefähr alle zwei Jahre in einer neuen Auflage. Im Bereich der Sekundärliteratur wird Danilewskij ebenfalls umfassender behandelt als im deutschen oder englischen Sprachraum.

2. Allgemeine Merkmale von Pan-Theorien

Die Silbe ,pan’ stammt aus dem Griechischen und kann mit ,alle’, oder ,alles’ übersetzt werden. Pan-Theorien sind Makronationalismustheorien. Man versteht darunter national orientierte Bewegungen innerhalb eines etablierten Staates, die sich jedoch nicht nur auf diesen einen Staat beziehen, wie es beim Nationalismus der Fall ist, sondern supranationale Formen annehmen. Gemäß Hannah Arendt können diese Theorien auch als territoriale Expansionsprogramme bezeichnet werden. Sie unterscheiden sich jedoch vom Imperialismus, da sie keinerlei wirtschaftliche Interessen verfolgen.6 7

Pan-Theorien basieren stets auf einer politischen wie auch kulturellen Grundlage. Die Anhängerschaft setzt sich in der Regel aus Intellektuellen, Studenten, Lehrern, Beamten

7

sowie freien Berufstätigen und Personen aus dem gebildeten Mittelstand zusammen. Meist finden die Ideen ihren Ursprung im intellektuellen Bereich, wie zum Beispiel der Literatur. Sie propagieren Solidarität und Einheit unter Völkern, welche über bestimmte gemeinsame Merkmale verfügen. Auf Grund dieser Gemeinsamkeiten entsteht unter den Anhängern ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Es beruht ausschließlich auf dem emotionalen Glaube an die Gemeinsamkeiten und so gut wie nie auf wissenschaftlichen Fakten.8

Generell sind die Vertreter der Theorien in ihren Forderungen meist aggressiv und kompromisslos. Denn die Bewegung versucht, den Einfluss des eigenen Staates über ein anderes Territorium beziehungsweise über andere Völker auszudehnen. Alle, die über die gleichen Merkmale verfügen, sollen in einem großen Staat oder auch Großreich zusammengefasst werden. Das Ursprungsland der Bewegung soll später alle Gebiete, die es zu erobern beziehungsweise anzugliedern gilt, als Zentrum dominieren.9 Die Pan-Theorien verfolgen laut Arendt zwar immer das konkrete Ziel, ein Großreich zu schaffen, doch dahinter steht nie ein konkreter Plan, wie dies erreicht werden soll. Gerade dadurch bleibt die Anziehungskraft der Theorie für die Anhängerschaft aber auch bei konkreten Misserfolgen oder häufigen, einander widersprechenden Programmänderungen bestehen. „Was die Mitglieder der Panbewegung zusammenhielt und ihnen gemeinsam war, war sehr viel eher eine Art politischer Stimmung und gleichartiger Mentalität, als ein konkretes Ziel.“10

Von vornherein haben Pan-Theorien einen Absolutheitsanspruch. Alle Menschen, die entweder einer bestimmen Volksgruppe, Rasse, Kultur oder Religion angehören oder die in einem bestimmten Territorium leben, werden als Einheit betrachtet. Es gibt keinerlei Individualität, der Einzelne ist bedeutungslos. Was zählt und was die Zusammengehörigkeit definiert, sind die Eigenschaften, die der Gesamtheit zugesprochen werden. Aus diesem Grund brauchen Pan-Bewegungen auch keine Parteilichkeit.11 12 13 Charakteristisch für alle Pan-Theorien ist außerdem die Idee der Einzigartigkeit. Sie sehen sich und die Menschen beziehungsweise das Territorium, welches sie vereinen wollen, als ganz besonderen Teil der Menschheit beziehungsweise der Erde an. Eng damit verbunden ist auch das Gefühl der Überlegenheit gegenüber anderen, welches alle Pan-Theorien auszeichnet. Sie sehen sich als vom Schicksal dazu auserwählt, eine große Rolle zu spielen und einen besonderen Platz unter allen anderen Völkern beziehungsweise Staat einzunehmen. Auch Arendt schreibt den Pan-Theorien diesen Auserwähltheitsanspruch zu und leitet daraus pseudo-religiöse Tendenzen ab, welche Bewegungen, die dieser Vorstellung große Bedeutung zumessen, eigen sind. Dadurch isolieren diese Programme das eigene Volk beziehungsweise Territorium von anderen.

Die Anhänger der Pan-Theorie entscheiden sich immer bewusst für die Bereitschaft zum Kampf gegen Außenstehende. Hinter einer zumeist intellektuellen Fassade und verdeckt durch die Propagierung des Zusammengehörigkeitsgefühls sind alle Bewegungen bereit, auch aktiv und gewaltsam tätig zu werden, um ihre Ziele zu erreichen. Diese Kampfbereitschaft äußert sich vor allem im Willen zur territorialen Expansion des eigenen Staates beziehungsweise Volkes. Es soll schließlich ein Großreich geschaffen werden. Das führt zwangsläufig zu Konflikten mit anderen Staaten. Denn die Anhänger der Bewegung sind sich bewusst, dass die Gebietserweiterungen nur auf Kosten fremder Staaten geschehen können und scheuen sich nicht vor der offenen Auseinadersetzung.14 Wie Arendt darüber hinaus schreibt, sehen sie das eigene Volk oder den eigenen Staat immer als von Feinden umgeben und als bedroht an. Die Bewegung sieht das eigene Volk dabei entweder als Opfer, welches sich verteidigen muss oder als starke Macht, welche ihren Führungsanspruch gegen Rivalen durchsetzen muss.15

Durch diese charakteristischem Merkmale grenzen sich Pan-Theorien vom normalen Nationalismus ab. Klassifizieren lassen sich die Theorien anhand ihrer jeweiligen Orientierung, auf die nun anhand der Ausführungen von Louis Snyder näher eingegangen werden soll.

Es gibt weltweit eine Vielzahl an Pan-Theorien, die zu unterschiedlichen Zeiten entstanden sind und unterschiedlich viele Anhänger haben. Sie lassen sich anhand ihrer Ziele und Ausrichtung in fünf verschiedene Kategorien einteilen: Pan-Theorien, deren hauptsächliches Ziel es ist, territorial zu expandieren, lassen sich in der Gruppe der national orientierten Programme zusammenfassen. Außerdem gibt es rassisch orientierte Pan-Theorien. Deren Anhänger verfolgen das Ziel, alle Menschen einer vorher definierten Rasse in einem Staat zusammen zu bringen. Diese beiden Formen untermauern ihre Forderungen zumeist mit pseudowissenschaftlichen Fakten. Anders verhält es sich bei kulturell orientierten Pan-Theorien. Diese wollen alle Menschen vereinen, die gleiche oder ähnliche Traditionen und Rituale pflegen. Daraus leiten sie ab, dass die zu vereinenden Gruppen einen gemeinsamen geschichtlichen Ursprung haben und daher auch wieder zusammengeführt werden müssen. Ähnlich sehen das die Anhänger der religiös orientierten Bewegungen. Sie streben an, alle Menschen, die derselben Religion angehören, auf einem bestimmten Gebiet zusammen zuführen und in einem Staat zusammen zufassen. Die fünfte Form der Pan-Theorien ist die kontinental orientierte. Die Theoretiker, die hinter derartigen Konzepten stehen, fordern, dass alle Staatsgrenzen innerhalb eines Kontinentes abgeschafft werden und dadurch ein Riesenreich entsteht. Dies soll unabhängig von Politik, Sprache und Kultur geschehen und stattdessen ausschließlich von geografischen Begebenheiten bestimmt werden.16

Bekannte Pan-Theorien sind beispielweise der Pan-Islamismus, der Pan-Afrikanismus, der Pan-Germanismus sowie der in dieser Arbeit behandelte Pan-Slawismus. Diese Bewegungen sind kein Phänomen des 19. und 20. Jahrhunderts. Es gibt sie auch heute noch, obwohl sie nur von geringer Bedeutung für die Politik sind und auch in der Wissenschaft nicht im Zentrum des Forschungsinteresses stehen. Das mag sicherlich daran liegen, dass es bisher keiner der zahlreichen Bewegungen gelungen ist, ihre Ziele erfolgreich umzusetzen. Allerdings dienten einige Pan-Theorien als ideelle Grundlage für später entstandene, totalitäre Systeme. Dazu zählen zum Beispiel der Pan-Germanismus im Deutschen Reich unter Adolf Hitler oder auch der Pan-Slawismus in der Sowjetunion unter Josef Stalin.

3. Der Panslawismus nach N.J. Danilewskij

3.1. Das Leben des N.J. Danilewskij

Nikolai Jakowlewitsch Danilewskij wurde am 27. November 1822 in dem kleinen Dorf Oberets in der Provinz Orlov geboren. Sein Vater, Jakow Iwanowitsch, war Offizier bei der Armee und kommandierte ein Hussarenregiment. In seiner Freizeit beschäftigte er sich vorwiegend mit verschiedenen Wissenschaften und Literatur. Über Danilewskijs Mutter sind keinerlei Informationen auffindbar und es gibt darüber hinaus auch nahezu keine Quellen, die Auskunft über Danilewskijs früheste Kindheit geben. Fest steht nur, dass er noch einen älteren Bruder hatte. Erst mit Danilewskijs Eintritt in die Schule werden die historischen Dokumente, die Auskunft über sein Leben geben, zahlreicher.

Nikolai J. Danilewskij besuchte ab 1833 verschiedene private Internate in Russland. Eines davon befand sich in Livland, zwei weitere in Moskau. Diese Einrichtungen haben den Jungen auf den Besuch des Lyceums in Tsarskoje Selo, unweit von St. Petersburg, vorbereitet, welches er von 1837 bis 1842 besuchte. Das Lyceum konnte nur von den Kindern der russischen Elite besucht werden. In der Regel waren die Schüler die Söhne von bessergestellten Beamten oder dem niederen Adel. Am Lyceum erhielten sie eine Ausbildung, die sie auf den Dienst in der Verwaltung des Zarenreiches vorbereitete. Die Schulen waren streng orthodox und monarchietreu ausgerichtet. Unterrichtet wurden die Fächer Russisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Latein, Mathematik, Physik, Chemie, Staatskunde, Recht, politische Ökonomie, Diplomatie, Statistik und Geografie. Danilewskij galt als begabter und wissbegieriger Schüler und interessierte sich schon als Junge sehr für die naturwissenschaftlichen Fächer.17 18 19

Nach dem Besuch des Lyceums wechselte Nikolai Danilewskij an die Universität in St. Petersburg, wo er von 1843 bis 1849 Mathematik und Biologie studierte. „There having been no fixed curriculum as at the Lyceum, one cannot see so many aspects of his university education. But looking at the courses offered as the time in the Physico- Mathematical-Faculty, considering the disciplines used by Danilevskij later [...] it is possible to identify some of the more important aspects. He undoubtedly studied statistics [...]. There was also extensive study of biology: botany, zoology, comparative anatomy and paleontology [.. ,].”20 21

Im Winter 1848, gegen Ende seines Studiums, trat Danilewskij der neu gegründeten ‘Russischen Geografischen Gesellschaft’ bei. Es ist anzunehmen, dass es sein Ziel gewesen ist, bei einer privaten wissenschaftlichen Institution beschäftigt zu sein, anstatt in der Behörde des russischen Verwaltungsapparates. Ebenfalls gegen Ende seiner Zeit an der Universität schloss er sich als Anhänger des französischen Gesellschaftstheoretikers Charles Fourier dem Petraschewskij-Kreis an. Dieser Zirkel bestand aus einigen intellektuellen Russen, die sich regelmäßig in der Wohnung von Michail W.B. Petraschewskij, dem Begründer des Zirkels, trafen. Gegründet wurde der Zirkel bereits Mitte der 1840er Jahre. Die Mitglieder vertraten unterschiedliche politische Ansichten. Sie alle lehnten die zaristische Herrschaft jedoch ab und diskutierten verschiedene Möglichkeiten, mit denen in Russland demokratisiert werden konnte und durch welche die leibeigenen Bauern befreit werden konnten. Bereits wenige Jahre nach der Gründung kamen innerhalb des Petraschewskij-Kreises immer radikalere Ideen auf. Auch Nikolai Danilewskij beteiligte sich an den Diskussionen und galt bereits nach kurzer Zeit als Experte für die Theorien Fouriers. In dem Zirkel fand er viele junge Männer, die ihm ähnlich waren. Sie alle waren gebildet und zwischen der russischen Orthodoxie sowie Volkstümlichkeit einerseits und der zunehmenden Verwestlichung des Lebensstils in den Städten andererseits hin- und hergerissen. 1849 wurde der Petraschewskij-Kreis als radikale Vereinigung verboten und die Mitglieder auf Befehl des Zaren verhaftet. Auch Nikolai Danilewskij wurde festgenommen und war von Juni 1849 bis zum November desselben Jahres in der Peter-und-Paul-Festung in St. Petersburg inhaftiert.

Danilewskij musste in der Angelegenheit Petraschewskij vor einer Untersuchungskommission aussagen. Robert MacMaster fasst die Protokolle von Danilewskijs Vernehmung in seiner Biografie zusammen: Danilewskij gab an, absolut unpolitisch zu sein, wie Charles Fourier es selbst gewesen ist. Der Fourierismus sei für ihn eine wissenschaftliche Doktrin, kein politisches Programm. Fouriers Thesen hätten schon sein Interesse geweckt, bevor er sich dem Zirkel angeschlossen hat, denn bereits kurz nachdem er das Lyceum verlies, habe er ein Buch über Fourier gelesen. Dadurch inspiriert habe er sich später auch mit den Gedanken von den Frühsozialisten Robert Owen und Henri de Saint-Simon auseinandergesetzt. Mit den Mitgliedern des Petraschewskij-Kreises habe er über diese Denker sprechen wollen. Er beteuerte, dass seine einzige Schuld seiner Meinung nach darin bestünde, sich mit Leuten umgeben zu haben, die gemeinhin als Freidenker bezeichnet wurden und dass er es nicht geschafft habe, zu verhindern, dass diese aus Fouriers Gedanken ein politisches Programm entwickelt haben und den französischen Theoretiker nicht wie Danilewskij nur von der wissenschaftlichen Seite her betrachtet haben.22 23

MacMaster schätzt diese Aussagen als glaubwürdig ein. „On the hole, this testimony is credible“, schreibt er. „Danilevsky was undoubtedly mainly attracted by what he regarded as the scientific quality of Fourierism. His writings and the more intellectual part of his testimony indicate beyond that he thought the doctrin’s relationship to nature, to history and to empirical science to be such that the realization of its promise was highly likely if not inevitable. Though he may at times have spoken with Petrashevsky, Spehnev, or others about the desirability of propaganda ort even of giving nature, history and science a little revolutionary push, he seems to have believed, in the main, that the doctrine’s scientific validity was the chief guarantee of its being practical and realizable.”

Die Untersuchungskommission sah Nikolai Danilewskij als unschuldig an und entschied, ihn aus der Haft in der Festung zu entlassen. Zar Nikolaus I. befahl jedoch, ihn ins Exil zu schicken. So musste er im Winter 1849 St. Petersburg verlassen und in der Provinz Vologda unter der Aufsicht des dortigen Gouverneurs Verwaltungsarbeiten am Provinzgericht erledigen. Sein Exil dauerte von 1849 bis zum Juni 1853. In Vologda war er allerdings nur bis zum November des Jahres 1852, danach wurde er nach Samara, einer

Stadt an der Wolga, versetzt. Über Danilewskijs Zeit im Exil ist wenig bekannt. Fest steht nur, dass er Anfang der 1850er Jahre eine Reihe von wissenschaftlichen Artikeln über die Bevölkerungsentwicklung in der Provinz Vologda sowie über das Klima in dieser Region veröffentlichte.

Im Juni des gleichen Jahres erreichte ihn der Befehl aus dem Ministerium für Staatsangelegenheiten, als Statistiker mit offiziellem Auftrag der Regierung an einer Expedition teilzunehmen, um die Fischbestände in der unteren Wolga und im Kaspischen Meer zu analysieren. Diese Expedition wurde von der zaristischen Regierung und der ,Russischen Geografischen Gesellschaft’ gleichermaßen getragen. Jedoch unterschieden sich die Ziele beider Institutionen. Der Regierung ging es darum, zu erkunden, wo große Mengen an Fisch gefangen werden können. Die Geografische Gesellschaft hingegen war an statistischen und naturwissenschaftlichen Daten interessiert. Leiter dieser Expedition war der Deutschbalte Karl Ernst von Baer, zur damaligen Zeit einer der führenden Naturwissenschaftler zu diesem Thema in Europa. Diese Expedition war ein entscheidender Punkt in Danilewskijs Leben, denn Karl Ernst von Bear war von dem jungen Russen beeindruckt und ebnete ihm den Weg zum Beginn einer wissenschaftlichen Karriere.24 25 26 27 In den folgenden Jahren folgte eine Reihe weiterer Expeditionen, in denen Danilewskij Analysen über die Fischbestände zahlreicher Gewässer in West- und Zentralrussland anfertigte. Seine größte Expedition dauerte vier Jahre und führte ihn ans Schwarze Meer, wo er im Auftrag der Regierung die Fischbestände erfasste und für die Geografische Gesellschaft eine Übersicht über die physische Geografie der Region erstellte. Danilewskij arbeitet also über Jahre hinweg sowohl mit der Regierung, als auch einer privaten Institution zusammen. Beide waren an seiner Kompetenz und seinem großen Erfahrungsschatz als Statistiker und Naturwissenschaftler interessiert. Im Oktober 1857 erhielt er schließlich eine Festanstellung in der Landwirtschaftsabteilung des Ministeriums für Staatsangelegenheiten und ging damit letztendlich doch in den Staatsdienst, obwohl er das während seines Studiums abgelehnt hatte.

[...]


1 Snyder, Louis: Macro-Nationalisms. A History of the Pan-Movements, Westport 1984, S. 3 - 34.

2 Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, Totale Herrschaft, 4. Auflage, München 1995, S. 358 - 421.

3 MacMaster, Robert: Danilevsky. A Russian Totalitarian Philosopher, Massachusetts 1967, S. 35 - 174.

4 Qaglar, Gazi: Der Mythos vom Krieg der Zivilisationen. Der Westen gegen den Rest der Welt, Eine Replik auf Samuel P. Huntingtons Kampf der Kulturen, 2. Auflage, Münster 2002.

5 MacMaster, Robert: Danilevsky. A Russian Totalitarian Philosopher, Massachusetts 1967.

6 Vgl.: Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, Totale Herrschaft, 4. Auflage, München 1995, S. 358f.

7 Vgl.: Ebenda.

8 Vgl.: Snyder, Louis: Macro-Nationalisms. A History of the Pan-Movements, Westport 1984, S. 4f.

9 Vgl.: Ebenda.

10 Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, Totale Herrschaft, 4. Auflage, München 1995, S. 363.

11 Vgl.: Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, Totale Herrschaft, 4. Auflage, München 1995, S. 390 - 400.

12 Vgl.: Snyder, Louis: Macro-Nationalisms. A History of the Pan-Movements, Westport 1984, S. 5f.

13 Vgl.: Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, Totale Herrschaft, 4. Auflage, München 1995, S. 378.

14 Vgl.: Snyder, Louis: Macro-Nationalisms. A History of the Pan-Movements, Westport 1984, S. 5f.

15 Vgl.: Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, Totale Herrschaft, 4. Auflage, München 1995, S. 366.

16 Vgl.: Snyder, Louis: Macro-Nationalisms. A History of the Pan-Movements, Westport 1984, S. 6 - 8.

17 Vgl.: MacMaster, Robert: Danilevsky. A Russian Totalitarian Philosopher, Massachusetts 1967, S. 35.

18 Vgl.: Ebenda, S. 37.

19 Vgl.: Nötzel, Karl: Biographische Einleitung. in: Danilewskij, Nikolai: Russland und Europa, herausgegeben von Otto Zelle und übersetzt von Karl Nötzel 2. Auflage, Osnabrück 1965, S. 11 - 13.

20 MacMaster, Robert: Danilevsky. A Russian Totalitarian Philosopher, Massachusetts 1967, S. 40.

21 Vgl.: Ebenda, S. 41f.

22 Vgl.: MacMaster, Robert. Danilevsky. A Russian Totalitarian Philosopher, Massachusetts 1967, S. 57ff.

23 Ebenda.

24 Vgl.: MacMaster, Robert. Danilevsky. A Russian Totalitarian Philosopher, Massachusetts 1967, S. 98ff.

25 Vgl.: Ebenda.

26 Vgl.: Nötzel, Karl: Biographische Einleitung. in: Danilewskij, Nikolai: Russland und Europa, herausgegeben von Otto Zelle und übersetzt von Karl Nötzel, 2. Auflage, Osnabrück 1965, S. 11 - 13.

27 Vgl.: MacMaster, Robert: Danilevsky. A Russian Totalitarian Philosopher, Massachusetts 1967, S. 109.

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Der russische Panslawismus nach Nikolai Jakowlewitsch Danilewskij. Danilewskijs Theorie als Pan-Theorie?
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Institut für Politikwissenschaft)
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
44
Katalognummer
V1011878
ISBN (eBook)
9783346408174
ISBN (Buch)
9783346408181
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Panslawismus, Panrussismus, Russland, Slawistik, Russisch, Slawisch, Pantheorie, Pan, Slawen, Russen, Nationalismus, Panbewegung, Kulturtheorie, Sozialtheorie, Gesellschaftstheorie
Arbeit zitieren
Franziska Pester (Autor), 2011, Der russische Panslawismus nach Nikolai Jakowlewitsch Danilewskij. Danilewskijs Theorie als Pan-Theorie?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1011878

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der russische Panslawismus nach Nikolai Jakowlewitsch Danilewskij. Danilewskijs Theorie als Pan-Theorie?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden