Intertextualität zwischen dem Buch Jona und "Pinocchios Abenteuer" von Carlo Collodi

Eine Untersuchung nach dem Konzept von Gérard Genette


Hausarbeit, 2020

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Intertextualität nach Gérard Genette
1.2 Parodie als intertextuelles Phänomen nach Genette

2. Das Buch Jona
2.1 Literarische Struktur
2.2 Deutungsansätze

3. Intertextualität zwischen Dem Buch Jona und die Abenteuer des Pinocchio
3.1 Architextualität: Gattungszugehörigkeit
3.2 Die Verschlingungsszene als Schnittstelle
3.2.1 Das Motiv des Verschlingens
3.2.2 Die Verschlingungsszene im Jonabuch
3.2.3 Die Verschlingungsszene in Pinocchio
3.3 Pinocchio als Jona-Parodie

4. Fazit

5. Quellen

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Buch Jona und dessen intertextueller Bezie-hung zu Carlo Collodis ,Pinocchio'. Wir wollen im Folgenden aufzeigen, welche intertextu-ellen Elemente diese zwei Texte verbinden und auf welche Weise in ,Pinocchio' Elemente aus dem Jonabuch verarbeitet werden. Grundlage für unsere Untersuchung ist Gérard Ge-nettes Konzept der Intertextualität, welches wir im folgenden Absatz kurz erläutern werden. Im zweiten Teil sollen das Buch Jona zusammengefasst und Deutungsansätze vorgestellt werden. Dies soll als Grundlage für den Hauptteil, also die Untersuchung der Intertextualität, dienen. Wir wollen uns dabei zuerst mit der Architextualität beschäftigen und dabei unter-suchen, ob beide Texte als der selben Gattung zugehörig verstanden werden können. Ebenso soll die Verschlingungsszene, welche als Schnittstelle zwischen den zwei Erzählungen gelten kann, genauer untersucht werden. Daneben wollen wir uns noch mit der Frage beschäftigen, ob ,Pinocchio' eine Parodie auf das Jonabuch darstellt. Im letzten Teil dieser Hausarbeit werden wir die im Hauptteil erarbeiteten intertextuellen Elemente kurz zusammenfassen.

1.2 Intertextualität nach Gérard Genette

Genette (1993, S. 9) bezeichnet allgemein die Beziehung zwischen Texten als Transtextualität, die er in fünf Typen gliedert.1 Intertextualität ist bei Genette nur eine dieser fünf Unterkategorien. Genette definiert Intertextualität als „effektive Präsenz eines Textes in einem anderen Text." (ebd., S. 10). Intertextualität kann nach dieser Definition in einfachster Form als Zitat, Plagiat oder Anspielung auftreten. Während das Zitat und das Plagiat eine „wörtliche Entlehnung" (ebd., S. 10) darstellen, ist die Anspielung weniger wörtlich und setzt das Verstehen und Erkennen einer Beziehung zwischen zwei Aussagen voraus. Wir wollen bei unserer Untersuchung nicht mit diesem engen Begriff der Intertextualität, sondern mit dem, was Genette Transtextualität nennt, arbeiten. Dieser Begriff umfasst nicht nur ,aktive' Intertextualität (wie das Zitat oder die Anspielung) sondern auch intertextuelle Beziehungen durch Gattungszugehörigkeit (Architextualität), kritische Auseinandersetzung mit Texten (Metatextualität), den Haupttext begleitende oder ergänzende Elemente (Paratextualität) und die Ableitung oder Nachahmung eines Textes von einem früheren Text (Hypertextua- lität). Diese fünf Typen dürfen nicht „als voneinander getrennte Klassen betrachtet werden. [...] Sie sind im Gegenteil eng [...] miteinander verbunden." (ebd. , S. 18). Genette beschäftigt sich in Palimpseste vor Allem mit der Hypertextualität. Als Hypertext definiert er „jeden Text, der von einem früheren Text durch eine einfache Transformation [...] oder durch eine indirekte Transformation (durch Nachahmung) abgeleitet wurde." (ebd., S. 18).

Wir halten fest, dass es nach Genette verschiedene Formen der intertextuellen Beziehungen gibt, die nicht immer klar von einander getrennt werden können. Intertextualität kann offensichtlich - z.B. durch Zitate oder Anspielungen - oder weniger offensichtlich sein. Laut Genette (1992, S. 20) gibt es „kein literarisches Werk, das nicht, in einem bestimmten Maß und je nach Lektüre, an ein anderes erinnert; in diesem Sinn sind alle Werke Hypertexte." Ob eine Intertextualität vorliegt oder nicht kann demnach von der „Interpretationsentscheidung" (ebd., S. 20) des Lesers abhängen. Dieses Konzept von Intertextualität soll als literaturwissenschaftliche Grundlage für unsere Untersuchung der intertextuellen Bezüge zwischen dem Buch Jona und Collodis Pinocchio dienen.

1.2 Parodie als intertextuelles Phänomen nach Genette

Genette beschreibt die Parodie als ein wichtiges hypertextuelles Verfahren. Wir werden im Verlauf dieser Arbeit Pinocchio als Parodie auf das Jonabuch untersuchen und wollen daher kurz erläutern, wie Genette die Parodie im Sinne von Intertextualität definiert. Die ursprüng-liche Definition einer Parodie ist laut Genette (1993, S. 26) die mehr oder weniger wörtliche Wiederholung eines Textes, dessen Bedeutung auf eine humoristische Weise verdreht oder umgelenkt wird. Nach einem Exkurs über die historische Entwicklung der Definition der Parodie schlägt Genette (1993, S. 40) vor, die Parodie als „die Bedeutungsänderung durch minimale Transformation eines Textes zu bezeichnen [...]". Eine Parodie stellt also eine Transformation eines ursprünglichen Textes dar. Als einfache oder direkte Transformation beschreibt er die Transformation von der Odyssee zu Ulysses. Die Transformation der Odyssee zur Aeneis ist hingegen eher als Nachahmung zu verstehen (vgl. ebd., S. 15f.).

2. Das Buch Jona

Das Jonabuch gehört zum sogenannten Zwölfprophetenbuch oder den ,kleinen' Propheten. Es erzählt die Geschichte des Propheten Jona, der von Gott berufen wird, der Stadt Ninive den Untergang zu predigen. Gott hat letztendlich Mitleid mit den Buße tuenden Niniviten und verschont diese. Jona wird daraufhin zornig mit Gott und die Erzählung endet mit der Belehrung Jonas durch Gott mit der rhetorischen Frage „Dich jammert die Staude, um die du dich nicht gemüht hast, hast sie auch nicht aufgezogen, die in einer Nacht ward und in einer Nacht verdarb, und mich sollte nicht jammern Ninive, eine so große Stadt, in der mehr als hundertundzwanzigtausend Menschen sind, die nicht wissen, was rechts oder links ist, dazu auch viele Tiere?" (Jona 4,10 f.).

2.1 Literarische Struktur

Das Buch Jona weist einige auffällige strukturelle Besonderheiten auf, auf die hier kurz eingegangen werden soll.

Das auffälligste Strukturmerkmal des Jonabuches ist laut Gerhards (2006, S. 11) die Wiederholung von Jona 1,1-3 in Jona 3,1-3. Damit wird das Jonabuch in zwei in Äquivalenz zueinander stehende Episoden geteilt. Die erste Episode führt von Jonas Berufung über die Seesturmszene bis zur Verschlingungsszene und Jonas Gebet aus dem Bauch des Fisches. Die zweite Episode beinhaltet die zweite Berufung Jonas, die Predigt in Ninive und schließlich Gottes Mitleid mit Ninive und Jonas Belehrung durch die Staude. Eine weitere literarische Auffälligkeit sind temporale Brüche in der Erzählfolge: In Jona 1,10 erfahren wir erst im Nachhinein, dass Jona den Seeleuten bereits erzählt hat, dass er vor Gott flieht und verantwortlich für den Sturm ist. In Jona 3,6-8 wird beschrieben, wie der König von Ninive von Jonas Predigt und dem bevorstehenden Untergang Ninives erfährt und die allgemeine Buße für sein Volk ausruft, obwohl das Volk bereits zuvor in Jona 3,5 mit der Buße begonnen hatte. Die wohl markanteste temporale Diskrepanz findet sich in Jona 4,5: Wir erfahren bereits in Jona 3,10, dass Gott Ninive verschont; auch Jona, wie sich an seiner Reaktion in 4, 1-3 erkennen lässt, hat dies bereits zur Kenntnis genommen. Trotzdem wartet Jona nun noch vor der Stadt „bis er sähe, was der Stadt widerfahren würde." (Jona 4, 5).

Ein weiteres wichtiges literarisches Merkmal ist der Wechsel der Gottesbezeichnungen. Zum einen wird unterschieden zwischen Herr (was dem hebräischen JHWH entspricht), welches immer dann benutzt wird, wenn explizit der Gott Israels gemeint ist (z.B. Jona 1,3 oder Jona 2,1) und Gott. Gott wird immer im Zusammenhang mit den heidnischen Göttern der ,Ungläubigen' verwendet. In Jona 4,6 ist es dann Gott der Herr, der Jona mit der Staude belehrt. Diese Gottesbezeichnung verweist auf das Paradies, da Gott in der Bibel fast ausschließlich dort so genannt wird (vgl. dazu Elata-Alster u. Salmon 1989, S. 52)2.

2.2 Deutungsansätze

Nachdem nun die literarische Struktur zusammengefasst wurde, sollen jetzt noch kurz Deutungsansätze des Jonabuches vorgestellt werden.

Die Heute allgemein akzeptierte Meinung in der Forschung ist, dass es sich beim Jonabuch um eine Lehrerzählung oder Parabel handelt. Laut Gerhards (2006, S. 71) macht „der offene Schluss [.] das didaktische Anliegen der Erzählung unübersehbar." Es geht also grundlegend um die Frage nach Recht, Gerechtigkeit und Gnade. Gerhards (2006, S. 73 f.) betont, dass es nicht eine einzige Auslegung des Jonabuches gebe, sondern dass es gerade darauf abziele, unterschiedliche Deutungen anzubieten. So können z.B. Jona und Ninive für unterschiedliche Größen stehen: Jona für den Sünder und Aufbegehrer; für den Repräsentanten Israels; oder stellvertretend für Propheten als ,Berufsgruppe'. Ninive für den sündigen, aber zur Buße bereiten Menschen oder für nicht-israelitische Völker. Schwierigkeiten der Auslegung birgt die Frage, warum Jona eigentlich unzufrieden mit Gottes Gnade ist. Gerhards (2006, S. 107) hat dazu vier alternative Antwortmöglichkeiten der Forschung zusammengefasst: (1) Jona erträgt keine Gnade für nicht-Israeliten (2) Jona will nicht als falscher' Prophet dastehen (da er von Gottes Gnade ausgeht) (3) Gottes Gnade entspricht nicht Jonas Gerechtigkeitsemp-finden; er erträgt keine Gnade für Sünder (4) Jona befürchtet, dass von Ninive Gefahr für Israel ausgehen wird.

Gerhards (2006, S.131) schlägt im Sinner einer rekonstruktiven Hermeneutik trotz der Vielzahl an Interpretationsmöglichkeiten eine grundlegende Frage vor, auf die das Jonabuch die Antwort sein soll: Wie kann es sein, dass Gott den Niniviten, welche stellvertretend für die Israeliten unterdrückende Großmächte stehen, Gnade gewährt anstatt sie zu vernichten?

3. Intertextualität zwischen Jona und Pinocchio

Auf den folgenden Seiten sollen nun die intertextuellen Elemente, die das Jonabuch mit Pinocchio verbinden, untersucht werden. Ziel ist es herauszufinden, welche intertextuellen Elemente diese zwei Werke verbinden und auf welche Weise Carlo Collodi Elemente aus dem Jonabuch verarbeitet.

3.1 Architextualität: Gattungszugehörigkeit

Das erste intertextuelle Phänomen, mit dem wir uns beschäftigen wollen, ist die Architextualität. Architextualität ist laut Genette (1989, S. 13) der „abstrakteste und impliziteste Typus" der intertextuellen Phänomene. Intertextuelle Beziehungen werden dabei durch Gattungszugehörigkeit hergestellt. Texte, die der selben Gattung angehören (implizit oder explizit), weisen in der Regel ähnliche Charakteristika auf.

Wir haben das Jonabuch bereits als eine Erzählung mit didaktischem Anliegen bezeichnet, welches sich vor allem in der rhetorischen Frage am Schluss zeigt. Wolff (1975, S. 33 ff.) kommt bei seiner Gattungsbestimmung des Jonabuches zu dem Ergebnis, dass es sich um eine Novelle handelt. Er argumentiert dabei vor allem mit der geschlossenen, geradlinigen Handlung und der „Neigung zur Typisierung." (ebd., S. 48). Wir wollen uns aus ökonomischen Gründen nicht allzu intensiv mit der Gattungsbestimmung aufhalten und uns damit begnügen, das Jonabuch als Lehrerzählung oder Parabel zu bezeichnen3.

[...]


1 Neben Intertextualität sind das Paratextualität, Metatextualität, Hypertextualität und Architextualität.

2 Elata-Alster u. Salmon schlagen diese Gottesbezeichnung als Ausgangspunkt für ihre Dekonstruktion des Jonabuches vor. Demnach versetzt Gott Jona in einen paradiesischen Zustand, „placing Jonah in a position to reexperience the moment in the Garden of Eden in which the unity of justice and mercy was severed." (ebd., S. 53).

3 Die Unterschiede zwischen den Kurzprosagattungen wie Erzählung, Novelle oder Kurzgeschichte sind nicht immer eindeutig zu definieren und eine Gattungsbestimmung würde hier zu weit führen.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Intertextualität zwischen dem Buch Jona und "Pinocchios Abenteuer" von Carlo Collodi
Untertitel
Eine Untersuchung nach dem Konzept von Gérard Genette
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
13
Katalognummer
V1011967
ISBN (eBook)
9783346404688
ISBN (Buch)
9783346404695
Sprache
Deutsch
Schlagworte
intertextualität, buch, jona, pinocchios, abenteuer, carlo, collodi, eine, untersuchung, konzept, gérard, genette
Arbeit zitieren
Cedric Sell (Autor), 2020, Intertextualität zwischen dem Buch Jona und "Pinocchios Abenteuer" von Carlo Collodi, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1011967

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