Der Hostile-Media-Effekt im Sportkontext

Forschungsstand und Konzeption potenzieller Anwendungsmöglichkeiten


Bachelorarbeit, 2018

52 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Ziel der Arbeit und Forschungsfragen
1.2 Methodik
1.3 Aufbau der Arbeit
1.4 Relevanz des Themas

2. Begriffliche Erläuterungen
2.1 Hostile-Media-Effekt
2.2 Relativer Hostile-Media-Effekt
2.2 Third-Person-Effekt

3. Forschungsstand
3.1 Der Einfluss des Involvements auf den HME
3.2 Der Einfluss des Themas auf den HME
3.3 Der Einfluss der Quelle auf den HME
3.4 Der Einfluss der empfundenen Reichweite auf den HME
3.5 Der Einfluss von Gruppenidentifikation auf den HME
3.6 Psychologische Mechanismen hinter dem HME
3.7 Der HME im Sportkontext

4. Potenzielle Anwendungsfelder und Forschungsansätze des HME im Sport
4.1 Sportjournalismus
4.1.1 Printmedien
4.1.2 Auditive Medien
4.1.3 Audiovisuelle Medien
4.1.4 Onlinemedien
4.1.5 Crossmediale Ansätze
4.2 Sportmarketing
4.2.1 Unternehmen im Sport
4.2.2 Sportorganisationen

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Abstract

Since its discovery, the hostile media effect has been a thoroughly investigated phenomenon of media impact research. However, very little research on the hostile media effect has been conducted in the context of sport. In order to advance hostile media research in this area, this bachelor thesis evaluates possible options for hostile media studies in various areas of the sports media landscape. On this basis, the current state of research on the hostile media effect in general and in the field of sports, will be reviewed comprehensively. Taking this into consideration, it can be shown that there are a variety of approaches for future studies regarding the hostile media effect in many areas of sports journalism as well as in some areas of sports marketing. These approaches have the potential to offer a better understanding of the general sports media landscape along with a better understanding of the hostile media effect as a theory in its entirety.

Abkürzungsverzeichnis

ESPN Entertainment and Sports Programming Network

HME Hostile-Media-Effekt

RHME relativer Hostile-Media-Effekt

TPE Third-Person-Effekt

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Wahrnehmung der Medienberichterstattung zum

Beirut-Massaker8

1. Einleitung

Im Jahr 1985 nahm eine Forschergruppe der Universität Stanford die Ereignisse des libanesischen Bürgerkriegs rund um das Massaker von Sabra und Schatila (auch bekannt als „Beirut-Massaker“) im Jahre 1982 (Friedman, 1982) und die darauf folgenden kontroversen Diskussionen um die Medienberichterstattung über den Libanonkrieg zum Anlass, eine Studie über den Einfluss einer stark ausgeprägten Voreinstellung auf die Wahrnehmung von Medienberichterstattung zu machen (Vallone, Ross & Lepper, 1985). Ihren bahnbrechenden Befund, nämlich dass die Befürworter1 einer Position eines polarisierenden Themas die Medienberichterstattung zu selbigem meist als unausgewogen entgegen ihrer eigenen Meinung wahrnehmen, selbst wenn dies gar nicht der Fall ist, bezeichneten sie als „hostile media phenomenon“ (Vallone et al., 1985). Die Entdeckung dieses Phänomens, welches heute in der Wissenschaft überwiegend als Hostile-Media-Effekt (HME) bezeichnet wird, hatte, und hat noch heute, eine Vielzahl von Folgestudien und -untersuchungen rund um das Konzept des HME zur Folge, welche sich über eine erstaunliche Breite an Forschungs- und Themenfelder, wie z. B. politische Kommunikation, Massenkommunikation und Sozialpsychologie erstrecken (Perloff, 2015). Der durch den HME subjektiv wahrgenommene Meinungskonflikt des Medienrezipienten mit dem berichterstattenden Medium kann dazu führen, dass das Medium aus Sicht des Rezipienten an Authentizität und Glaubwürdigkeit einbüßt (Arpan & Raney, 2003; Tsfati & Cohen, 2005). Ein Vertrauensverlust in das Vertrauensgut Journalismus (Meier, 2013) wäre vor allem für demokratische Staaten als problematisch zu betrachten, da Journalismus durch Themenselektion, -aufbereitung und -darstellung für eine öffentliche Meinungsbildung sorgt und Personen und Institutionen mit einflussreichen Stellungen in der Gesellschaft besonders aufmerksam beobachtet. Diese Informations- und Kontrollfunktionen des Journalismus sind unabdingbar für das Funktionieren der staatlichen Grundordnung in demokratischen Systemen (Meier, 2013; Schneider & Raue, 2012). Auch wenn der HME an sich nicht als Ursache für potenzielle Vertrauensverluste in den Journalismus als Ganzes gelten kann, so ist es doch vielleicht mit dieser gesellschaftlichen Relevanz zu erklären, dass der HME bisher vor allem im politischen Kontext in der Forschung eine große Anwendung fand. Bei Betrachtung der bisher existierenden Forschung fällt jedoch auf, dass noch längst nicht in allen Bereichen eine so intensive Anwendung des HME stattgefunden hat wie in der politischen Kommunikation. Im Bereich des Sports wurde dem HME bisher, bis auf wenige Ausnahmen, kaum Beachtung geschenkt. Das ist insofern erstaunlich, als dass gerade im Sport die zentrale Voraussetzung für die Entstehung des HME, nämlich die starke Einstellung des Rezipienten zu einem Konfliktthema (Ariyanto, Hornsey & Gallois, 2007), sehr häufig, z. B. in Form verschiedener Fangruppen und deren entsprechend divergierenden Ansichten, zu beobachten ist. Diese Arbeit beschäftigt sich deshalb damit, wie der Stand der HME-Forschung im Allgemeinen, und im Sportkontext im Speziellen ist. Darüber hinaus werden potenzielle Anwendungsmöglichkeiten für zukünftige HME-Forschungen im Bereich des Sports aufgezeigt.

1.1 Ziel der Arbeit und Forschungsfragen

Ziel dieser Bachelorarbeit ist es, den aktuellen Forschungsstand zum HME, und speziell zum HME im Sportkontext, detailliert darzulegen, um anschließend neue Forschungs- und Anwendungsmöglichkeiten des HME in diesem Kontext aufzeigen zu können. Aus dieser Zielstellung heraus ergeben sich folgende Forschungsfragen:

Forschungsfrage a: Wie ist der aktuelle Stand der HME-Forschung im Allgemeinen?

Forschungsfrage b: Wie ist der aktuelle Stand der HME-Forschung im Sportkontext?

Forschungsfrage c: Wie könnten neue HME-Forschungsansätze im Sportkontext aussehen?

1.2 Methodik

Diese Bachelorarbeit ist eine theoretische Arbeit. Die in Abschnitt 1.1 genannten Forschungsfragen a und b werden anhand einer Literaturrecherche und dessen kritischer Betrachtung beantwortet. Die so gewonnenen Informationen werden dann in der Folge genutzt, um durch die Verknüpfung der Literaturrecherche mit den verschiedenen Forschungsfeldern und -ansätzen im Bereich des Sports mögliche Forschungsansätze zum HME im Sportkontext zu konzipieren und so Forschungsfrage c zu beantworten.

1.3 Aufbau der Arbeit

Die vorliegende Arbeit ist in fünf Kapitel unterteilt, welche wiederum (mit Ausnahme von Kapitel fünf) mehrere Unterkapitel beinhalten. Die Einleitung gibt einen ersten Einblick in das Forschungsfeld des HME und beinhaltet außerdem die Erläuterung der Ziele, der Relevanz und der Methodik der Arbeit. Das zweite Kapitel gibt einen kurzen Überblick über einige zentrale Begriffe, die für das Verständnis dieser Arbeit unabdingbar sind. Anschließend wird der aktuelle Forschungsstand zum HME und zum HME im Sportkontext in Kapitel drei ausführlich beschrieben, um so die Forschungsfragen a und b beantworten zu können. Im vierten Kapitel wird Forschungsfrage c beantwortet, indem neue potenzielle Forschungsansätze und Anwendungsfelder des HME im Sportkontext aufgezeigt werden. Dabei stehen unterschiedliche Bereiche des Sportjournalismus und des Sportmarketing im Fokus der Überlegungen. Abschließend fasst das fünfte Kapitel die Ergebnisse der Arbeit nochmals zusammen.

1.4 Relevanz des Themas

Das Feld der Medienwirkungsforschung ist nicht erst seit dem Aufkommen des heute allgegenwärtigen Begriffs „Fake News“ ein wichtiger Bereich der Kommunikationswissenschaft. Menschen sind in der heutigen Zeit durch verschiedenste Nachrichtenmedien ständig Informationen über fast alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens ausgesetzt. Während diese Informationen einerseits die Meinung eines Individuums über die Welt prägen, entwickelt sich dabei auch zwangsläufig eine Einstellung zu den Medien selbst. Wie Menschen Medien wahrnehmen wird neben anderen Faktoren auch vom HME entscheidend mit beeinflusst (Tsfati & Cohen, 2013). Dementsprechend lässt sich aus einer Arbeit, die zum besseren Gesamtverständnis des HME beitragen kann, auch immer eine aktuelle Relevanz für das Gesamtkonstrukt der Nachrichtenmedien und allen daran beteiligten Akteuren ableiten. Der Fokus auf den Sportkontext ergibt sich zunächst aus der geringen Beachtung, welche die Forschung dem HME in diesem Bereich bisher hat zukommen lassen. Dabei würden, neben der Wissenschaft selbst, auch viele andere Bereiche von einer intensiveren Beschäftigung mit dem HME im Sportkontext profitieren. Ein besseres Verständnis der Wirkung des HME im Kontext des Sports könnte nicht nur für Sportjournalisten, sondern auch für andere Themen- und Forschungsfelder wie z. B. der internen und externen Fankommunikation von Vereinen und Verbänden, Marketingabteilungen und anderen Stakeholdern der verschiedenen Sportakteure relevant sein, indem aufgezeigt wird, wie der HME die Wahrnehmung von Medien in diesem Bereich beeinflusst. Diese Arbeit widmet sich deshalb genau dieser Lücke in der Anwendung des HME.

2. Begriffliche Erläuterungen

2.1 Hostile-Media-Effekt

Der HME, manchmal auch feindliche Medienwahrnehmung (hostile media perception) oder feindseliges Medienphänomen (hostile media phenomenon) genannt, ist eine Theorie der Medienwirkungsforschung. Der HME ist in der Wissenschaft seit seiner Entdeckung 1985 durch Vallone et al. schon häufig definiert worden. Auch wenn es bis heute keine komplett einheitliche Definition des HME gibt (Perloff, 2015), so lässt sich doch aus der Vielzahl der Beschreibungen für das Konzept des HME eine allgemeingültige Grundannahme formulieren: Wenn Befürworter und Gegner eines Nachrichtenthemas, welches in der Medienberichterstattung verhältnismäßig ausgewogen dargestellt worden ist, dieses tendenziell als voreingenommen oder verzerrt entgegen ihrer eigenen Position wahrnehmen, wird vom HME gesprochen (vgl. Giner-Sorolla & Chaiken, 1994; Gunther, 2008; Vallone et al., 1985). Rezipienten ohne starke Voreinstellung zum Nachrichtenthema empfinden den Inhalt meist eher als unvoreingenommen (Vallone et al., 1985).

2.2 Relativer Hostile-Media-Effekt

Während beim HME davon ausgegangen wird, dass die Berichterstattung ausgewogen sein muss damit der HME erkennbar wird, schlugen Gunther, Christen, Liebhart und Chia (2001) vor, das Konzept des HME zu erweitern. In einer experimentellen Studie wiesen sie mit Hilfe von einseitigen Nachrichten zur Nutzung von Primaten in Laborversuchen nach, dass der HME auch auftreten kann, wenn zwei Personengruppen mit konträren Positionen zu dem Thema die Berichterstattung in eine einheitliche Richtung als voreingenommen wahrnehmen, beide Gruppen jedoch die Berichterstattung als signifikant schlechter für die eigene Position im Vergleich zu der Position der anderen Gruppe wahrnehmen. Es muss also nicht zwingend eine Ausgewogenheit in der Medienberichterstattung vorhanden sein, um den HME nachzuweisen. Diese Erweiterung der Definition des HME wird seitdem als relativer Hostile-Media-Effekt (RHME) bezeichnet. Folgestudien (z. B. Coe et al., 2008; Gunther & Christen, 2002) konnten den RHME ebenfalls nachweisen.

2.2 Third-Person-Effekt

Der Third-Person-Effekt (TPE) ist, wie der HME auch, eine Art von verzerrter Wahrnehmung und eine Theorie der Medienwirkungsforschung (Bonfadelli & Friemel, 2017). Das Phänomen wurde erstmals von W. Phillips Davison im Jahr 1983 aufgezeigt. Der TPE besagt, dass eine Person, welche überzeugender massenmedialer Kommunikation ausgesetzt ist, darin häufig eine viel größere Wirkung auf andere sieht als auf sich selbst (Davison, 1983). Die Person geht also davon aus, dass sie von einer gerade rezipierten Nachricht nicht beeinflusst wird, dass Dritte von dieser Nachricht aber durchaus beeinflusst werden könnten. Dies kann sogar dazu führen, dass eine Nachricht nicht etwa durch ihre Wirkung auf ihr vermeintliches Zielpublikum zu einer Reaktion führt, sondern lediglich weil Dritte glauben, dass diese Nachricht Auswirkungen auf andere Rezipienten haben wird und aus dieser Annahme heraus Maßnahmen ergreifen (Davison, 1983).

3. Forschungsstand

3.1 Der Einfluss des Involvements auf den HME

Vallone et al. (1985) beschreiben in ihrer Studie zum HME eine Vorstudie aus dem Jahr 1981, die sich mit der Wahrnehmung der medialen Berichterstattung zum US-Präsidentschaftswahlkampf von 1980 zwischen Jimmy Carter und Ronald Reagan beschäftigte. Sie befragten per Telefonumfrage eine Stichprobe von 160 registrierten Wählern kurz vor der Wahl, ob sie die Wahlberichterstattung der Medien als fair betrachten würden. Das Ergebnis war, dass 66 % der Befragten die Berichterstattung als fair ansahen. Diejenigen Befragten, welche die Berichterstattung nicht als fair betrachteten, waren jedoch erstaunlich häufig der Ansicht, dass die Medien gegen ihren Wunschkandidaten voreingenommen seien. Unter den Anhängern von Carter waren 83 % der Meinung, die Medien hätten Reagan bevorzugt, während 96 % der Reagan-Anhänger der Überzeugung waren, dass die Medien sich für Carter eingesetzt hätten. Diese Vorstudie zeigte zwar keine allgemeine Tendenz der Befragten für eine feindlich wahrgenommene Voreingenommenheit der Medien, jedoch konnten Vallone et al. deutlich erkennen, dass diese wohl etwas mit den starken persönlichen Voreinstellungen zu dem Thema zu tun hat. Auch wenn die Ergebnisse dieser Studie nicht direkt mit dem HME in Verbindung gebracht werden können, da sich die Probanden ihre Nachrichtenquellen selbst ausgewählt haben und deshalb verschiedene Selektionsmechanismen eine wichtige Rolle gespielt haben könnten, so nahmen Vallone et al. die Ergebnisse zum Anlass, sich mehr auf Personengruppen zu fokussieren, die spezifische Interessen zu einem Thema, und damit eine starke Parteinahme, aufweisen. Eine solche Parteinahme setzt eine gewisse persönliche Relevanz (Petty, Cacioppo, & Goldman, 1981) und eine emotionale Beteiligung an einem Thema voraus. Diese Involviertheit wird in der Forschung, und speziell in der HME-Forschung, mit dem englischen Begriff „Involvement“ beschrieben. Die Forschergruppe wählte deshalb für ihre wegweisende Studie zum HME Probanden aus, die deutliche pro-israelische und pro-arabische Positionen hatten. Sie zeigten ihnen eine Auswahl an Nachrichtenausschnitten, welche die Ereignisse vor dem Beirut-Massaker an Palästinensern durch libanesische Milizen im Jahre 1982 behandelten und darüber diskutierten, wie die Rolle Israels dabei einzuschätzen ist. Daraufhin fragten sie die Probanden mithilfe von sieben Items nach der wahrgenommenen Neutralität der Berichterstattung. Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Wahrnehmung der Medienberichterstattung zum Beirut-Massaker (Vallone et al., 1985, S. 581)

Die Ergebnisse lieferten den ersten empirischen Nachweis des HME: Pro-israelische Probanden sahen die Nachrichten als voreingenommen gegen Israel, während pro-arabische Studenten sie als voreingenommen zugunsten Israels betrachteten. Eine Kontrollgruppe aus neutralen Zuschauern empfand die Berichterstattung eher als ausgewogen (Vallone et al., 1985). Perloff (1989) konnte die Ergebnisse von Vallone et al. dann das erste Mal replizieren. Er nutzte dabei ebenfalls das Thema des Israel-Palästina-Konflikts. Die Probanden wurden von Studentenorganisationen mit entsprechenden politischen Voreinstellungen rekrutiert und dazu noch in einem Pretest auf ihr hohes Involvement zu dem Thema hin überprüft. Neben den Ergebnissen zum HME, welche sich mit denen von Vallone et al. (1985) decken, entdeckte Perloff auch einen Zusammenhang des HME mit dem TPE. Die Probanden nahmen also nicht nur an, dass die Berichterstattung voreingenommen gegenüber ihren jeweiligen Gruppen ist, sondern waren auch der Meinung, dass diese feindliche Berichterstattung ein neutrales Publikum von der Position des Gegners überzeugen könnte. Auch Giner-Sorolla und Chaiken (1994) versuchten die Ergebnisse von Vallone et al. (1985) zu replizieren. Im Gegensatz zu Vallone et al. und Perloff (1989) wurden die Probanden hier aber nicht aus Studentenorganisationen rekrutiert, sondern direkt aus den Universitäten. Die Aufteilung in zwei parteiische Gruppen erfolgte dann durch einen Pretest, in dem die Einstellung der Probanden zum Nahostkonflikt gemessen wurde. Auch hier konnte der HME beobachtet werden, jedoch nicht in dem Maße, wie es die vorherigen Studien aufzeigen konnten. Die Autoren vermuteten, dass dieses Ergebnis mit der Art der Probandenauswahl zusammenhängt. Da die Probanden von Vallone et al. (1985) und Perloff (1989) eine Zugehörigkeit zu äußerst voreingenommenen politischen Organisationen aufwiesen, die Probanden von Giner-Sorolla und Chaiken (1994) aber nur aufgrund ihrer im Pretest gemessenen Einstellung in die Testgruppen aufgeteilt wurden, wiesen die Probanden aus den Organisationen womöglich ein wesentlich höheres Involvement auf. Dies würde die stärkere Ausprägung des HME in diesen Studien erklären. Auch aktuellere Experimente (z. B. D‘Alessio, 2003) bestätigen die Annahme, dass ein geringeres Involvement mit einem geringeren HME einhergeht. Weitere Studien (mit unterschiedlichen Themenbereichen) konnten ebenfalls einen Zusammenhang des Involvements mit dem HME aufzeigen (z. B. Arpan & Raney, 2003; Dalton, Beck, & Huckfeldt, 1998; Duck, Terry & Hogg, 1998). Eine Meta-Analyse von 34 Studien (Hansen & Kim, 2011) weist den moderierenden Effekt des Involvements auf den HME nochmals nach und bestätigt, dass ein stärkeres Involvement einen stärkeren HME zur Folge hat. Auffällig ist dabei, dass selbst bei einem sehr geringen Involvement noch ein signifikanter HME feststellbar ist (Hansen & Kim, 2011). Die Verwendung des Involvement-Begriffes im Zusammenhang mit der HME-Forschung ist jedoch nicht ganz unumstritten. Perloff (2015) merkt in diesem Zusammenhang an, dass es keine klare und beständige Definiton und damit auch keine einheitliche Verwendung des Involvement-Begriffes gäbe. Auch Matthes (2013) kritisiert, dass die Messung und Nutzung von Involvement als HME-Moderator zu unpräzise gehandhabt wird. Er führt dabei zahlreiche Beispiele an, auf wie viele unterschiedliche Art und Weisen Involvement definiert und gemessen wurde:

„Some HME studies used attitude measures, defining highly involved individuals as those who hold strong or extreme attitudes (e.g., Hwang et al., 2008). Others used indicators such as fanship (Arpan & Raney, 2003), ideology or ideology strength (Hwang et al., 2008), issue opinion (Chia, Yong, Wong, & Koh, 2007; Gunther & Chia, 2001), personal importance (Gunther & Christen, 2002), engagement in political activities (Eveland & Shah, 2003), group membership (Ariyanto et al., 2007; Gunther et al., 2009; Vallone et al., 1985), group identification (e.g., Matheson & Dursun, 2001), party identification (Dalton, Beck, & Huckfeldt, 1998; Eveland & Shah, 2003; Huge & Glynn, 2010), or knowledge (Vallone et al., 1985).“ (Matthes, 2013, S. 363)

Einige Wissenschaftler, darunter auch Matthes selbst, haben deshalb versucht, das Involvement in der HME-Forschung zu präzisieren und zu kategorisieren. Matthes (2013) untersuchte das affektive Involvement, welches die emotionale Erregung als Bezugspunkt verwendet, und verglich es mit kognitivem Involvement. Als Ergebnis konnte er eine signifikante Korrelation von affektivem Involvement mit dem HME feststellen. Choi, Yang und Chang (2009) unterscheiden in ihrer Arbeit zwischen werterelevantem Involvement (value-relevant involvement) und ergebnisrelevantem Involvement (outcome-relevant involvement). Sie fanden heraus, dass lediglich das Erstgenannte, also Involvement, welches auf persönlichen Einstellungen aufgrund von spezifischen Wertvorstellungen beruht, einen verlässlichen Zusammenhang mit der Stärke des HME aufweist. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass das Involvement ein essentieller moderierender Faktor des HME ist. Die Betrachtung der bisherigen Forschung legt nahe, dass die Empfänglichkeit für den HME steigt, je größer das Involvement des Rezipienten ist. Zudem ist zumindest ein geringes Involvement des Rezipienten mit dem Nachrichtenthema von Nöten, damit eine fundierte Meinung entstehen und der HME nachgewiesen werden kann. Der Involvement-Begriff sollte in der HME-Forschung allerdings in Zukunft noch präziser definiert bzw. untergliedert werden, um Forschungsergebnisse im Hinblick auf das Involvement besser vergleichen zu können.

3.2 Der Einfluss des Themas auf den HME

Während in Abschnitt 3.1 diskutiert wurde, wie sich das Involvement der Rezipienten mit der präsentierten Nachricht auf den HME auswirkt, soll nun untersucht werden, ob das Thema der Nachricht an sich schon ein Indikator für ein Auftreten des HME bei den Rezipienten sein kann. Bei Betrachtung der HME-Forschung lässt sich feststellen, dass zwar schon eine Vielzahl von verschiedenen Themen, z. B. Streiks von Kurierdienstmitarbeitern (Christen, Kannaovakun & Gunther, 2002), Sport (Kim, & Billings 2017), Abtreibung (Giner-Sorolla & Chaiken, 1994) oder Klimawandel (Kim, 2011), verwendet wurden, um den HME aufzuzeigen, einige Themen waren jedoch auffällig häufig Gegenstand von Untersuchungen. Darunter fallen vor allem politische Wahlen (z. B. Dalton et al., 1998; Huge & Glynn, 2010) und bewaffnete Konflikte (z. B. Matheson & Dursun, 2001; Vallone et al., 1985). Dass gerade diese Themen gerne als Untersuchungsgegenstand verwendet werden ist insofern nicht verwunderlich, als dass sowohl bei Wahlen als auch bei bewaffneten Konflikten fast zwangsläufig zwei mehr oder weniger diametral entgegengesetzte Positionen bei den Rezipienten vorhanden sind. Zudem erhalten diese Themen in der Regel eine sehr hohe mediale Aufmerksamkeit und dementsprechend bilden sich mehr Rezipienten eine Meinung zu diesen Themen und verstärken damit ihr Involvement. Allerdings scheint die Prävalenz eines Themas in den Medien und die Bildung zweier oppositioneller Rezipientengruppen nicht zwangsläufig dazu zu führen, dass sich bei diesem Thema auch ein starker HME nachweisen lässt. Doty (2005) bemerkt, dass zum Thema Abtreibung, welches ein polarisierendes und allgegenwärtiges Nachrichtenthema darstellt, weder ein besonders starker RHME (Giner-Sorolla & Chaiken, 1994) noch ein HME (Peffley, Glass, & Avery, 2001) festgestellt wurde. Dies würde der Annahme widersprechen, dass diese Nachrichtenattribute alleine verantwortlich sind für das Auftreten des HME. Doty merkt noch an, dass das Thema der Abtreibung unter den Probanden möglicherweise keine extremen Positionen hervorgerufen hat, da die Rezipienten bei diesem Thema häufig kompromissbereit seien. Es ist nicht nur das Thema an sich, sondern die Art und Weise, wie das Thema den Rezipienten präsentiert wird, von entscheidender Bedeutung für den HME. Die Betrachtung der Forschung legt nahe, dass es für das Auftreten des HME wichtig ist, dass sich die Rezipienten stark mit einer der Konfliktgruppen identifizieren können und sich die Konfliktgruppen untereinander deutlich voneinander abgrenzen. Wird ein Thema also so präsentiert, dass es die Uneinigkeiten, die Konflikte und den Widerspruch der Gruppen hervorhebt, sodass der Rezipient seine persönliche Einstellung mit dem Inhalt des Nachrichtenthemas in Verbindung bringen kann, dann wird in der Regel auch ein stärkerer HME feststellbar sein (Doty, 2005). Themen wie bewaffnete Konflikte und politische Wahlen sind dafür natürlich aufgrund der starken Identifikation mit den Konfliktgruppen prädestiniert. Prinzipiell kann aber jedes Thema, welches eine gewisse mediale Aufmerksamkeit erfährt und den Rezipienten durch eine entsprechende Präsentation die Möglichkeit zur emotionalen Identifikation mit einer der thematisierten Konfliktgruppen gibt, zum Auftreten des HME führen.

3.3 Der Einfluss der Quelle auf den HME

Gerade in der heutigen Zeit, in der der Begriff „Fake News“ allgegenwärtig ist, kann der Eindruck entstehen, dass das Misstrauen der Bevölkerung in die gängigen Nachrichtenquellen immer größer wird, obwohl dies bei genauerer Betrachtung von Langzeitdaten ein Trugschluss ist (Jackob, 2009; Reinemann & Fawzi, 2016). Klar ist aber, dass die Herkunft einer Nachricht meist unweigerlich mit einer gewissen Erwartungshaltung seitens der Rezipienten verknüpft ist. Dieser Umstand hat auch in der HME-Forschung zu einigen Untersuchungen geführt. Diese beschäftigen sich damit, wie die Erwartungen der Rezipienten an die Nachrichtenquelle oder an die Medien an sich, mit dem HME in Verbindung stehen. Arpan und Raney (2003) legten in ihrem Versuch den Probanden einen neutralen Zeitungsbericht über die Hochschul-Football-Mannschaft ihrer Heimatstadt vor. Sie variierten dabei allerdings die Zeitungen, in denen der Bericht zu lesen war. Der festgestellte HME der Probanden war höher, wenn sie den Artikel in einer Zeitung lasen, die in der mit der Hochschulmannschaft rivalisierenden Stadt oder einer neutralen Stadt erschien. Der Artikel aus der Zeitung der Heimatstadt wies bei den Probanden einen geringeren HME auf. Diese Ergebnisse legen die Vermutung nahe, dass die ortsansässige Zeitung von den Probanden als vertrauensvoller eingestuft wurde als die ortsfremden Zeitungen. Es konnte also ein deutlicher Einfluss der Quelle auf den HME nachgewiesen werden. Eine Studie, die diese Erkenntnis bestätigt, führten Ariyanto et al. (2007) durch. Sie legten indonesischen Studenten einen Zeitungsartikel vor, der sich mit einem interreligiösen Konflikt zwischen Christen und Muslimen beschäftigte. Der Artikel wurde dabei, ähnlich wie bei Arpan und Raney (2003), einer von drei verschiedenen Zeitungen zugeordnet: Einer muslimischen Zeitung, einer christlichen Zeitung und einer den Probanden unbekannten Zeitung. Die Probanden sahen den Artikel als voreingenommen zugunsten der Christen an, wenn der Artikel in der christlichen Zeitung rezipiert wurde, während der identische Artikel in der muslimischen Zeitung als voreingenommen zugunsten der Muslime wahrgenommen wurde. Die unbekannte Zeitung erzielte gemischte Ergebnisse. Neben der Bestätigung für einen Einfluss der Nachrichtenquelle auf den HME ist bei dieser Studie zudem noch erwähnenswert, dass sie einer der wenigen Studien ist, die in einem nicht-westlichen Kontext durchgeführt wurde. Eine völkerumfassende Diversität in der Forschung ist aber wichtig, um die Forschungsergebnisse auch im globalen und interkulturellen Kontext betrachten und vergleichen zu können. Weitere Studien, die den HME außerhalb des westlichen Kontextes betrachten, sind demnach erstrebenswert. Die Untersuchungen zum Einfluss der Nachrichtenquellen wurden nicht nur in den Printmedien untersucht. In einer Untersuchung der amerikanischen TV-Nachrichtensender wurde festgestellt, dass die zu erwartende politische Neigung der Sender dazu führt, dass die Rezipienten, welche eher auf der anderen Seite des politischen Spektrums stehen, die Berichterstattung als voreingenommen wahrnehmen. Eher konservativ eingestellte Rezipienten empfanden die Berichterstattung von CNN tendenziell als feindlicher, während sie den identischen Bericht auf Fox News als weniger feindlich wahrnahmen. Bei liberal eingestellten Rezipienten war es dementsprechend umgekehrt (Baum & Gussin, 2008). Ein Versuchsdesign von Chia et al. (2007) legt die Vermutung nahe, dass nicht nur Voreinstellungen zu ganz spezifischen Nachrichtenquellen, wie z. B. Zeitungen und TV, sondern auch Voreinstellungen zu den Medien als ganzes, einen Einfluss auf den HME haben könnten. Chia et al. untersuchten den HME in dem stark staatlich regulierten Mediensystem von Singapur. Rezipienten, die sich einer starken Regulierung der Medien durch den Staat bewusst waren und die Regierungsposition zum vorgelegten Nachrichtenthema als entgegen ihrer eigenen Position wahrnahmen, wiesen einen deutlichen HME auf. Dieses Ergebnis deckt sich gewissermaßen mit den Ergebnissen von Giner-Sorolla und Chaiken (1994), die bei ihren Untersuchungen zum israelisch-palästinensischen Konflikt und zur Abtreibung einen Einfluss von vorhergehenden Medienvorurteilen der Rezipienten auf den HME entdeckten. Es lässt sich also feststellen, dass die Quelle einer Nachricht für den HME eine wichtige Rolle spielt, sei es bei der Betrachtung von spezifischen Medien oder den Massenmedien als Gesamtkomplex.

[...]


1 Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit die Sprachform des generischen Maskulin bei personenbezogenen Substantiven und Pronomen verwendet. Dies soll keine Benachteiligung aufgrund des Geschlechts implizieren, sondern ist im Sinne der sprachlichen Vereinfachung als geschlechtsunabhängig zu verstehen.

Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Der Hostile-Media-Effekt im Sportkontext
Untertitel
Forschungsstand und Konzeption potenzieller Anwendungsmöglichkeiten
Hochschule
Deutsche Sporthochschule Köln
Note
1,3
Jahr
2018
Seiten
52
Katalognummer
V1012059
ISBN (eBook)
9783346403629
ISBN (Buch)
9783346403636
Sprache
Deutsch
Schlagworte
HME, Hostile Media Effek, Hostile-Media-Effekt, Sportjournalismus, Sportmarketing, Third-Person-Effekt, Sportkontext, Forschungsansätze, Relativer Hostile-Media-Effekt, Printmedien, Crossmedial, Wahrnehmung, Medienberichterstattung, Vallone et al., Sportmedien
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Anonym, 2018, Der Hostile-Media-Effekt im Sportkontext, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1012059

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