Das Laster als Wirtschaftskraft in der "Bienenfabel" von Bernard Mandeville

Eine Analyse


Essay, 2014

10 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Das Wunder des Lasters

Eine Analyse hinsichtlich der Auffassungen Mandevilles über das Laster als

Wirtschaftskraft

Bertrand Mandevilles Bienenfabel löste im 18. Jahrhundert eine hitzige Debatte zwischen führenden Köpfen, wie zum Beispiel George Berkeley, Francis Hutcheson, John Denis, Adam Smith, David Hume und Jean-Jacques Rousseau über Wirtschafts- und Sozialökonomie aus. Dies lässt sich zum Teil schon aus dem provozierenden Untertitel „Private Laster, öffentliche Vorteile“ herleiten. Dieser fasst das Programm der Fabel kurz zusammen und unterstreicht Mandevilles Thesen über die Wirtschaftsökonomie. Die Liste namhafter Kritiker aber auch Unterstützer der Fabel ist lang. In Frankreich wurde sein Buch Anfang des 18. Jahrhunderts verboten und sogar durch die absolutistische Staatsmacht verbrannt. Das Essay wird dabei auf den Urgrund des Lasters, als mögliche Wirtschaftskraft eingehen, seine Kritiker zu Wort kommen lassen und am Ende klären, welchen Einfluss Mandeville auf die Sicht der Ökonomie hatte.

In der Fabel wird der Staat England symbolisch durch einen Bienenstock dargestellt. Die wirtschaftliche Organisation des „Staates“ funktioniert sehr gut, trotzdem sind die Bienen unzufrieden. Sie glauben daran, dass sie eine viel tugendhaftere und gerechtere Gesellschaft hätten, wenn sie ihre negativen Eigenschaften ablegen könnten. Diese werden in der Fabel als Laster beschrieben und sind zum Beispiel Gier, Neid, Korruption und Bestechung, welche unter dem Deckmantel des blühenden Staates stehen. Mandeville geht in seiner Fabel davon aus, dass dieser Zustand der vollkommenen Gesellschaft niemals aus uns selbst heraus entstehen könnte, sondern nur durch göttliches Einlenken. In der Fabel bitten die Bienen Jupiter, der in der römischen Mythologie als höchster Gott gilt, ihr Laster zu beseitigen. Mandeville trifft diese Wahl nicht ohne Grund, weil sich zwischen dem römischen und englischen Reich viele Gemeinsamkeiten hinsichtlich Dekadenz und Macht finden lassen. In der Mythologie werden Jupiter die Eigenschaften Optimismus, Vertrauen in das Leben und der Glaube an Sinn und Idealen zugeschrieben. Die Verszeile in Mandevilles Fabel: „Merkur ergötzte dieser Streit“ ist insoweit hervorzuheben, dass Merkur, der als Gott des Handels und der Wirtschaft gilt, im Kontrast zu Jupiter steht. So grenzen sich Wirtschaftlichkeit und Sittlichkeit klar voneinander ab. Nun erfüllt Jupiter ihnen den Wunsch der vollkommenen tugendhaften Gesellschaft. Das Ziel, tugendhaft zu sein aus reinem Selbstzweck, zieht schwere wirtschaftliche Konsequenzen mit sich und den Bienen geht es schlechter als zuvor.

Viele Bienen verlieren ihre Arbeit. Zum Beispiel verliert die Justiz und der daran gebundene Straffvollzug seine eigentliche Aufgabe, weil die Bienen fortan keine Straftaten mehr begehen. Durch die Auslöschung von Luxus und Völlerei sinkt die wirtschaftliche Nachfrage. Das nun friedliebende Bienenvolk braucht zudem keine Armee mehr. Das unrühmliche Ende der Fabel ist, dass die meisten Bienen im Stock sterben und der kleine Rest von einem anderen Bienenvolk vertrieben wird. Er muss sein Dasein fortan in einem umgestürzten Baum fristen. Eine klassische Fabel enthält immer eine Moral:

,,[...]So klagt denn nicht: (X.) für Tugend hat's in großen Staaten nicht viel Platz.

(Y.) Mit möglichstem Komfort zu leben, im Krieg zu glänzen und doch zu streben,

Von Lastern frei zu sein, wird nie Was andres sein als Utopie.

Stolz, Luxus und Betrügerei

Muß sein, damit ein Volkgedeih'f...] ‘“

Die Idee, dass das Laster die treibende Kraft unserer Wirtschaft ist und die Gesellschaft zusammenhält, wurde schon weit vor Mandeville entwickelt. Eines der ältesten Beispiele stammt aus der klassischen Antike von dem Dichter Aristophanes: „Laut einer Legende aus alter Zeit werden all unsere törichten Pläne und eitlen Dünkel auf das Gemeinwohl hingeordnet“2 Schon er nahm an, dass die Einzelinteressen, welche zum großen Teil eher egoistische Ziele beinhalten, letzten Endes der gesamten Gesellschaft von Nutzen sein werden. Interessanterweise wurde diese These bereits 2000 Jahre vor Mandeville aufgeschrieben.

Auch im Christentum finden sich Anhaltspunkte für die Bedeutung des Lasters in der Gesellschaft. Die obersten Geistlichen glaubten, dass das Gute auf Erden nur bedingt seine Gerechtigkeit erfuhr, hingegen das Böse, also das Laster, meist wie die Made im Speck ungestraft ein genügsames Leben führen konnte. Um es mit anderen Worten zu sagen: Das Gute zahlte sich meist nicht aus, weil es als Tugend vorausgesetzt wurde und der Dank sich dementsprechend in Grenzen hielt. Hingegen derjenige, der andere Menschen betrog und durch ihre Arbeit ein angenehmes Leben führen konnte, meist verschont blieb und keine Rechenschaft ablegen musste vor dem Urteil des Volkes. Dem Bösen geht es besser, weil er sich Vorteile durch das Ausnutzen der Grundsätze wie zum Beispiel Ehrlichkeit verschafft. Mit dem Konzept des Himmels im Christentum sollte ein neuer Raum geschaffen werden, in dem nach dem irdischen Leben, die tugendhaften fleißigen Menschen ihre Belohnung bekamen und das Böse bestraft wurde. Das Gleichnis vom Unkraut und Weizen aus dem Matthäus-Evangelium unterstreicht diese Aussage:

„Und Jesus erzählt ihnen noch ein anderes Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte. Während nun die Leute schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging wieder weg. Als die Saat aufging und die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein. Da gingen die Knechte zu dem Gutsherrn und sagten: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut? Er antwortete: Das hat ein Feind von mir getan. Da sagten die Knechte: Sollen wir gehen und es ausreißen? Er entgegnete: Nein, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus. Lasst beides wachsen bis zur Ernte. Wenn dann die Zeit der Ernte da ist, werde ich den Arbeitern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune “3 Mit den Instanzen des Himmels und der Hölle sollte versucht werden, dass der Mensch sich wieder den Idealen des tugendhaften guten Verhaltens annähert und seine Bedeutung eher im Jenseits sieht. Dazu schreibt der Wirtschaftsökonom Tornas Sedlâcek in seinem Buch „Die Ökonomie von Gut und Böse“: „Aus diesem Blickwinkel betrachtet wirkt die Welt böse, ungerecht, vergänglich, unwichtig; wir sollten uns nicht mit der sogenannten Welt der platonischen Schatten befassen, uns nicht von ihnen fesseln oder hinabziehen lassen; es ist am besten, sie so weit wie möglich zu ignorieren“4

Es kann stimmen, wie Sedlâcek behauptet, dass der Hauptgrund warum sich die Kirche immer mehr von der irdischen Welt abgespalten hat, ein ökonomischer Aspekt war. Das Böse kann auch einen Platz einnehmen, damit wir etwas Gutes besonders hervorheben. Ähnlich setzen wir in einem Lied an bestimmten Stellen eine Pause ein, um etwas Schönes danach mehr zu betonen.

Ich komme zu dem Schluss, dass es das reine Böse nicht gibt. Es ist besser sein Augenmerk nicht auf die augenscheinlich böse Tat zu lenken, sondern sich mit der Motivationsstruktur und dem eigentlichen Zweck der Tat zu befassen, da letztendlich das Böse immer einen für1 2 sich gesehen, guten Zweck verfolgt. Die Nationalsozialisten, als Beispiel Adolf Eichmann, sahen in ihren Aufgaben der Massenhinrichtung von Juden auch keine böse Tat, sondern waren fest überzeugt, richtig und gut zu handeln.

Ein Grund, warum Mandeville mit der Fabel einen Skandal auslöste, war das Aufzeigen menschlicher schlechter Eigenschaften, wie die Heuchelei. Der allgemeine Trend der damaligen Zeit, war es zu glauben, dass eben jene Eigenschaften, die es bis dahin durch tugendhaftes Verhalten zu unterdrücken galt, keine förderliche Kraft der Gesellschaft sind. So ist es für jeden Einzelnen angenehmer, die aufsteigende Gesellschaft mit dem Gutmenschentum und der Tugend zu begründen und damit das eigene Gewissen zu verschonen. Der Politikwissenschaftler Walter Euchner führte dazu an: „Mandeville hat bereits das Phänomen der „Rationalisierungdes unbewussten Bemühens, die wahren Motive der menschlichen Wünsche und Bestrebungen, die Affekte durch das Vorschieben pseudorationaler Gründe zu verschleiern, erkannt und gehört insofern zu den Vorläufern der Erforscher menschlicher Motivationsstrukturen wie Freud und Pareto“3

Um das Laster besser zu verstehen, sollte auf dessen Urgrund näher eingegangen werden. So lässt sich hinter den lasterhaften Eigenschaften wie Gier, Betrug, Neid und Eitelkeit ein Ursprung dieser Entwicklung festmachen: Der Egoismus. Wir besitzen die Gier um etwas unbedingt für uns selbst, also aus einem egoistischen Motiv heraus, zu beanspruchen. Falls unsere Nachfrage nicht befriedigt wird, so weckt das in uns die Eigenschaft Neid. Genauso betrügen wir andere Menschen um dadurch einen Vorteil für uns selbst zu bekommen. Für diese Eigenschaften, die sich alle aus dem Egoismus herausbilden gibt es allerdings eine Voraussetzung: Die Selbsterkenntnis. Erst wenn ich mich selbst erkannt habe, kann ich mich anderen Individuen höher stellen und den Anspruch auf Besitz stellen. Interessant ist hierbei, der erneute Bezug zur Religion. Denn die Geschichte des Sündenfalls von Adam und Eva aus dem Christentum, erklärt die Entstehungsgeschichte des Selbsterkennens:

[...]


1 Fiedler, P. (2006): Matthäusevangelium. Stuttgart: Kohlhammer GmbH, 13, 24-30.

2 Sedlâcek, T. (2009): Die Ökonomie von Gut und Böse. München: Karl Hanser Verlag, S. 185.

3 Dr. Mandeville, B., Euchner, W. (1980): Die Bienenfabel oder Private Laster, öffentliche Vorteile; mit einer Einleitung von Walter Euchner, S. 20.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Das Laster als Wirtschaftskraft in der "Bienenfabel" von Bernard Mandeville
Untertitel
Eine Analyse
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Proseminar Moralphilosophie der Aufklärung
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
10
Katalognummer
V1012246
ISBN (eBook)
9783346404138
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bertrand, Mandeville, Bienenfabel, Laster, Aufklärung, Bienenstockfabel, öffentliche Vorteile, Private Laster, Ökonomie von Gut und Böse, Adam Smith, Sedlacek
Arbeit zitieren
Max Feltin (Autor), 2014, Das Laster als Wirtschaftskraft in der "Bienenfabel" von Bernard Mandeville, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1012246

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