Islamische Religion im 21. Jahrhundert. Wie leben Gläubige Ihren Glauben?


Forschungsarbeit, 2020

23 Seiten, Note: 1,6


Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition des Religionsbegriffs

3. Der Weg zur Religion
3.1 Äußere Schale (Scharia)
3.2 Wahrheitskern (haqiqah)
3.2.1 Offenbarungsebene
3.2.2 Menschliche Ebene

4. Religion in Zeit, Raum und Situation

5. Religiöse Pluralität

6. Schlussbetrachtung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Viel ist in den letzten Jahren hierzulande über den Islam geredet worden. Verfolgt man die vielen Fernsehsendungen, die sich in den letzten Jahren den islamischen Themen widmeten, fällt auf: Es fehlt in den Runden an muslimischen Repräsentanten, die über fundierte islamische Kenntnisse verfügen. Die fehlende Expertise der sogenannten Vertreter in jenen Talkshows sowie die Art und Weise, wie in den Medien über den Islam berichtet wird, sind zwei wesentliche Gründe, warum immer mehr Nichtmuslime Angst vor dem Islam haben und den Kontakt zu den Anhängern jener Religion scheuen. Sie sehen im Islam eine versteinerte Religion, die Gewalt, Unterdrückung und Feindschaft mit sich bringt.

Unterdessen häufen sich die Stimmen jener Muslime, die den Islam der heutigen Zeit anpassen wollen und angesichts der zunehmenden Agitation vieler Nichtmuslime von einer notwendigen Reform sprechen. Diese sogenannte Reformbewegung, die auch in Deutschland stärker wird, hat bei vielen Muslimen zu einer Abwehrreaktion geführt. Sie fühlen sich durch die „Reformer“ bedroht, unterstellen ihnen gar, sie würden sich durch ihre Vorstöße der bloß Mehrheitsgesellschaft anbiedern wollen. Außerdem würden sie mit ihren Änderungsvorschlägen die Botschaft des Islam verfälschen oder abändern, aus dem Islam eine neue Religion kreieren.

Zwischen diesen beiden Positionen steht die Mehrheit der Muslime in Deutschland, sich fragend, wie sie sich im Zeitalter der Moderne und des technischen Fortschritts positionieren sollen. Wie können sie ihren Glauben leben, ohne als rückständig und extrem abgestempelt zu werden? Wie flexibel ist der islamische Glaube in Anbetracht der rasanten Veränderungen? Und vor allem: Wie hat ein Muslim im 21. Jahrhundert zu sein, um dem Ideal des Islam am ehesten zu entsprechen. Dies alles sind Fragen, die vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Debatten und Diskussionen im muslimischen Bewusstsein vorhanden sind und die der argumentativen Auseinandersetzung bedürfen.

Die folgende Arbeit hat sich ebenjenes zum Ziel gesetzt. Es geht im Kern darum, den Islam im Kontext der Moderne zu betrachten. Dazu ist es notwendig, zunächst den Religionsbegriff zu bestimmen, um zu verstehen, was „Religion“ aus einer islamischen Perspektive bedeutet. Im Anschluss folgt die Behandlung mehrerer aufeinander aufbauender Aspekte aus einem islamischen Standpunkt. Dazu gehört zunächst die Herausarbeitung der festen und flexiblen Elemente der islamischen Religion im dritten Kapitel. In Schluss wird der islamische Glaube unter Berücksichtigung von Raum-, Zeit- und Situationsbedingung beleuchtet. Anders gesagt: Inwieweit spielen Raum, Zeit und Situation bei der islamischen Beurteilung eines Falles eine Rolle? Nicht weniger wichtig in einer Zeit der religiösen Pluralität ist die Frage nach der Akzeptanz und des Verhältnisses der islamischen Religionen zu anderen Religionen. Diese Frage ist Gegenstand des sechsten Kapitels. Zum Abschluss wird im letzten Kapitel der Rahmen wieder erweitert: Hier soll es nun darum gehen, darzulegen, welche zentrale Aufgabe die Religionen im Zeitalter der Moderne und des technischen Fortschritts, aber auch vor dem Hintergrund der wachsenden Areligiosität, hier in Deutschland haben.

2. Definition des Religionsbegriffs

Es gibt Dinge, die lassen sich leichter definieren und andere, die sind schwerer zu bestimmen. Die Religion gehört zur zweiten Gruppe. Die Religion (oder der Religionsbegriff) gehört zu den Phänomenen, dessen Wahrheit aufgrund der Vielzahl der Teile, aus denen sie besteht, schwer zu fassen ist. Heute umfasst die Religion zahlreiche Bereiche, wie zum Beispiel:

- die Überzeugung vom Eingottglauben (Monotheismus) und der Einheit Gottes
- der Glaube an magische Zauberkräfte
- der Glaube an die Heiligkeit bestimmter Tiere oder Gegenstände
- der Glaube an bestimmten Gesellschaftslehren wie dem Marxismus oder dem Humanismus.1

Für viele, im Westen lebende Menschen ist die Religion der Gegenpart zur Wissenschaft und der menschlichen Vernunft. Das, was man nicht weiß, schiebt man der Religion zu. Damit ist die Religion etwas, was mit Wissenschaft, Logik und Rationalität nichts zu tun hat. Die Religion wird dem Intellekt und dem logischen Denken gegenübergestellt, weil sie nach Meinung vieler Westler zum Gegenteil aufruft. Das ist eine sehr primitive Vorstellung von Religion.

Es gibt keine eindeutige Definition von Religion, sondern nur verschiedene Versuche derselben. In der Religionsphilosophie wird zwischen einer funktionalistischen und substantialistischen Definition von Religion unterschieden. Erstere versucht das Wesen einer Religion in ihrem Bezug zum Transzendenten, zum Absoluten und Heiligen zu bestimmen. Für viele Wissenschaftler, die sich der Thematik widmeten, stellt die Beziehung zu einer höheren, transzendenten Wahrheit der zentrale Unterschied zu nichtreligiösen Menschen da.2 Eine funktionalistische Sichtweise versucht, die Religion anhand ihrer gemeinschaftsstiftenden gesellschaftlichen Funktion zu bestimmen.

Aus islamischer Sicht unterteilt man Religionen in zwei Kategorien: in göttliche inspiriert bzw. geoffenbarte Religionen und solche, die menschlichen Ursprungs sind. Menschliche Religionen sind von Menschen selbst konstruierte Religionen, die sie deshalb entwarfen, weil ihre psychologischen oder soziologischen Bedürfnisse sie zur Befolgung bestimmter Glaubensinhalte und Riten verleiten. Dazu gehört die Götzenverehrung oder der Glaube an magische Gegenstände, Tiere etc. Göttlich geoffenbarte Religionen haben ihren Ursprung allein bei Gott, im tatsächlich Übersinnlichen. Sie basieren auf der Offenbarung und werden durch Propheten und Gesandten an die Menschen übermittelt. Der Mensch ist, in dieser zweiten Kategorie, also lediglich Empfänger der Botschaft, nicht ihr Schöpfer. Dabei ist es wichtig, bei der Definition zwischen den vielen ähnlich klingenden Begrifflichkeiten zu unterscheiden. Begriffe wie Glaube, Religiosität und Frömmigkeit sind Merkmale, die vom Menschen abgeleitet werden. Damit sind sie subjektiv, können variieren oder gänzlich verschwinden. Dagegen ist die Religion eine transzendente Wahrheit, die Gott dem Menschen offenbart. Sie existiert unabhängig von dem Befinden der Menschen.

Vorsichtig formuliert, können wir die geoffenbarten Religionen als eine Reihe von Glaubensinhalten, Gesetzen und Vorschriften verstehen, die, auf der Grundlage der spezifischen menschlichen Natur, die Neigungen des Menschen einkalkuliert und seine Wünsche zu erfüllen sucht. Religion setzt sich also aus Glaubensinhalten und Gesetzen zusammen. Das Ziel der Religion ist es, den Menschen im Einzelnen und die Gesellschaft im Ganzen mittels der Offenbarung und der Ratio in Gottes Richtung zu erziehen.3 Wir wollen, wenn im Folgenden von Religion gesprochen wird, von der zweiten Kategorie ausgehen.

3. Der Weg zur Religion

Nun, da wir den Religionsbegriff ausreichend definiert haben, wird es uns leichter fallen, die flexiblen Elemente der islamischen Religion von den unveränderbaren Grundsätzen zu trennen. Eine solche Unterscheidung wird uns helfen, die Religion, in diesem Fall die islamische, im Kontext der sich verändernden Umstände richtig zu verstehen und zu praktizieren.4

Zur Zeit des Propheten Muhammad (s.) wurden die Glaubensinhalte, Gesetze und Vorschriften des Islam allesamt als Bestandteile einer einzigen Wahrheit betrachtet. So glaubten und handelten die ersten Muslime, ohne einen Unterschied zu machen zwischen diesem und jenem Glaubensinhalt, zwischen dieser und jener Vorschrift. Die Religion wurde als ein einheitliches Ganzes betrachtet, bei der jedes Element ein Teil des Ganzen ausmacht, wobei der Islam erst vollständig ist, wenn alle Elemente des Islam gekannt und praktiziert werden. Anfangs standen neben dem Tauhid-Prinzip5 vor allem ethische Gebote im Vordergrund wie das Gebot den Eltern Güte zu erweisen und gerecht in der Aussage und im Verhalten zu sein. Demgegenüber steht das Verbot, die Waisen zu berauben, Ehebruch zu begehen, kein Menschenleben zu töten, dass Gott für unantastbar erklärt hat, auch nicht aus Armutsgründen.6

Hieran wird deutlich: Es waren vor allem ethische Gebote, die der Prophet zu Beginn der Botschaft seinem Volk überbrachte. Im Fokus stand der Mensch mit seinen Handlungen. Der Islam wollte und will bis heute in erster Linie den Menschen verändern, ihn moralisch erziehen, damit er wahrhaft und gerecht handelt. Die innere Läuterung des Menschen führt zur inneren Seelenruhe, wobei diese Seelenruhe des Einzelnen Auswirkungen hat auf die äußere Umgebung, letztlich auch auf die Gesellschaft als Ganzes. Der Islam wollte die Reinheit des Herzens bewirken, dadurch, dass die Menschen wieder zurückfinden zum wahren Glauben an den einen Gott, in dessen (spiritueller) Nähe der Mensch Reinheit erlangt. Andererseits führt die Abwendung von Gott und die Hinwendung zu falschen, selbstgebastelten Göttern letzend Endes zur Verderbtheit und Unmoral, und zwar deshalb, weil der Bezug zur Quelle alles Guten unterbrochen wird. Wer sich abwendet vom Einen Gott und seinen Geboten, rückt ab von seiner spezifischen menschlichen Natur, die freilich erhabener ist als jeder erschaffene Götze und wertvoller, als dass man sie für das Anhäufen von materiellem Besitz missbraucht.

Nach der Vollendung der Offenbarung und dem anschließenden Ableben des Propheten Muhammad (s.) entstanden Uneinigkeiten. Die vielen Gefährten des Propheten (s.) entwickelten in Bezug auf die korrekte Ausführung einer Handlung Unterschiede, weil jeder von sich behauptete, er hätte den Propheten Muhammad (s.) die Handlung so ausführen sehen. Statt dem Charakter und der Läuterung des Herzens als wesentlichste Aufgabe eines Muslims zu erachten, gerieten die minimalen Unterschiede in den äußeren und formalen Abläufen immer mehr in den Vordergrund. Die Ausdehnung des islamischen Reiches sorgte zusätzlich dafür, dass viele Araber immer mehr Macht und Vermögen gelangten, wobei die schlichte prophetische Lebensweise fast vollkommen verschwand.

Aus dieser Not heraus begannen einzelne Muslime sich völlig zurückzuziehen, zu isolieren, um nicht in die Fänge des Materialismus zu gelangen. Sie lebten ein asketisches Leben, trugen arme und schlichte Kleidung und verzichteten auf materiellen Besitz. Damit wollten sie die Menschen an den Propheten Muhammad (s.) erinnern. Vor allem aber legten sie ihr Augenmerk auf die Läuterung des Herzens. Sie zeigten den Menschen, dass die Absichten, Gedanken, Charakterzüge, kurz der Zustand des Herzens, wichtiger ist, als die äußerlichen Riten wie Gebet und Fasten. Letztere sollen uns überhaupt zu dem Ersteren hinführen. Bekannt wurden diese ersten muslimischen Asketen als Sufis. Im Laufe der Jahrhunderte haben jene Sufis eigene Schulen und Orden gegründet. Trotz ihrer Diversität haben sie alle gemeinsam, dass sie den Hauptfokus auf die ethische Läuterung des Herzens legen. Denn nur ein gereinigtes Herz kann Gott erkennen mit und im sufistischen Sinne mit ihm verschmelzen.

Diese Tatsache, und der Umstand, dass sich die Gesellschaft immer weiter veränderte, führte dazu, dass sich auch immer Theologen Gedanken darüber machten, was der Wesenskern der islamischen Religion darstellt, und welche Elemente mit der Veränderung mitgehen. So kam es letztlich dazu, dass man die äußere Schale vom Wahrheitskern der islamischen Religion unterschied.7

3.1 Äußere Schale (Scharia)

Was ist die äußere Schale des Islam? Wir können die äußere Schale gleichsetzen mit der Scharia des Islam. Dieser Begriff, der in den letzten Jahren so kontrovers diskutiert wurde, und sich negativ in das kollektive Gedächtnis vieler Nichtmuslime eingebrannt hat, steht ursprünglich für den Weg zu Gott. Wir können ihn übersetzen als den Weg zur Tränke. 8 Dieser Weg bezieht sich auf einen Dürstenden, der in der trockenen Wüste auf eine Wasserquelle stößt, wobei die Wasserquelle für den Pfad Gottes steht und der Dürstende den Gott brauchenden Menschen an sich symbolisiert. In dieser allgemeinen Bedeutung umfasst die Scharia die beiden Hauptquellen des Islam, den Koran und die Prophetentradition, aus denen alle Glaubensinhalte, Gesetze und ethischen Gebote abgeleitet werden. Die Scharia in dieser allgemeinen Bedeutung ist äquivalent mit dem Islam an sich, der auf diese zwei Hauptpfeiler aufgebaut ist. Die Scharia führt also durch den Koran und die Prophetentradition, wobei der Einzelne sich zeit seines Lebens bemühen muss, nicht von diesem geraden Weg abzuweichen.

Dieser ursprünglichen und allgemeinen Bedeutung des Schariabegriffs stehen mehrere spezifische Definitionen gegenüber, wobei die Definitionen abhängig sind von der jeweiligen islamischen Fachrichtung. Konkret heißt das: Der islamische Philosoph wird eine andere Definition der Scharia haben wie der islamische Theologe oder Mystiker. Wir wollen uns auf die Definition der Rechtsgelehrten (Fuqaha) beschränken; auf jene Definition also, die gerne von Islamkritikern herangezogen sind, um den Islam zu diffamieren und als böse und gewalttätig darzustellen. Aus einer islamisch-rechtswissenschaftlichen Perspektive umfasst die Scharia die gesamte islamische Pflichtenlehre, „in der die Regelung aller Bereiche des menschlichen Daseins integriert sind…Sie umfasst sowohl moralische als auch juristische Komponenten wie auch beispielsweise die religiösen Verpflichtungen [wadschib], religionsrechtliche Abgaben, Definitionen von Begriffen wie auch das Strafrecht; kurz die Gesamtheit aller Normen.“9 Grundlage der Bestimmunen dieser Normen sind die sogenannten Quellen der Erkenntnis, worunter neben den bereits erwähnten Koran und der Prophetentradition auch der Verstand und die Übereinstimmung der Gelehrten.10

Unter diesen Normen, auf die sich der Rechtsgelehrte (Faqih) konzentriert, gibt es welche, die bis zum Tag des Jüngsten Gerichts unverändert bleiben. Hierzu zählt das Gebet, Fasten, die Pilgerfahrt und Almosenabgabe.

Die Gültigkeit dieser Normen bedeutet nicht, dass sie sich unter keinen Umständen verändern (wie das bspw. Beim Gebet der Fall ist, das beim Antreten einer Reise gekürzt werden muss) sondern, dass sie nicht an sich aufgehoben werden können. Rechtsgelehrte fassen diese o.g. Normen als Ibadat, also gottesdienstliche Handlungen zusammen, wobei sich diese gottesdienstlichen Handlungen auf das Individuum beziehen. Demgegenüber stehen die muamalat, also die zwischenmenschlichen Normen bzw. Handlungen, die sich auf das Miteinander innerhalb der Gesellschaft beziehen. Diese muamalat erstrecken sich in erster Linie auf Fragen zum Erb-, Familien-, Ehe-, Scheidungs- und Vormundschaftsrecht. Auch das von vielen Islamkritikern und Nichtmuslimen gefürchtete Strafrecht fällt unter dieser Kategorie.

Den Muamalat ist gemeinsam, dass sie in einer gewissen Hinsicht der Veränderung unterworfen sind und damit der ständigen erneuten Auslegung bedürfen, die Zeit und Ort berücksichtigen. So ist es bspw. Gar nicht möglich, Verse aus dem Koran, die das Strafrecht betreffen, herauszupicken, und ohne Verständnis, Auslegung und Kontextualisierung auf die heutige Zeit anzuwenden. Vielmehr bedarf es einer ständigen Reflexion mit dem Bewusstsein darüber, unter welchen Bedingungen, aus welchem Grund und mit welchem Ziel jene Verse offenbart wurden. Nur dadurch wird es möglich zu erkennen, ob und inwieweit das beabsichtigte Ziel einer geoffenbarten Regelung realisiert werden kann oder ob nicht das beabsichtigte Ziel verfehlt wird, wenn eine 1 zu 1 Übertragung auf die heute Zeit erfolgt.

Hier sind wir am Kern des wissenschaftlichen Idschtihad angelegt, jener Anstrengung also, die ein Gelehrter auf sich nehmen muss, wenn er die zwischenmenschlichen Regelungen adäquat auf die heutige Zeit übertragen möchte.

Die Tatsache, dass es innerhalb der gottesdienstlichen und zwischenmenschlichen Handlungen Unterschiede in der Praxis gibt, sowie die Tatsache, dass so manche Regeln sich Zeit, Raum und Situation anpassen können, zeigt, dass sie nicht das Wesen der Religion ausmachen können. Sie bilden nicht den Kern, da sie von Natur aus flexibel sind und sich verändern können, sogar bisweilen verändern müssen. Deshalb haben einige islamische Gelehrten die Scharia als die äußere Schale (oder Hülle) der islamischen Religion bezeichnet. Die äußere Schale umfasst die äußeren und offensichtlichen Scharia-Normen, die teilweise der Veränderung unterworfen sind.

Wer großen Wert legt auf die Scharia, also der äußeren Schale, der würde bspw. großen Wert darauflegen, viel und lange zu beten, viel zu fasten, Almosen zu geben und den Verboten aus dem Weg zu gehen. Ein solcher Mensch würde nach außen hin ein gutes islamisches Bild abgeben, insofern er die vielen äußeren Gebote und Pflichten kennt und streng beachtet. Diese äußeren Gebote und Pflichten, die wir als Scharia bezeichnen, haben aus einer mystisch-philosophischen Sicht eine wichtige Funktion: Sie dienen dem Schutz des islamischen Wesens. So wie die äußere Hülle bei einer Walnuss dazu dient, den Kern zu schützen, so beschützen auch die äußeren Gebote und Pflichten den Wahrheitskern der islamischen Religion. Die Muslime sind zu jeder Zeit und an jedem Ort dazu verpflichtet, Gebote und Pflichten des Islam zu schützen und auszuführen, wobei ihre Ausführung, wie bereits erwähnt, je nach Zeit, Ort und Situation, unterschiedlich ausfallen kann. Falsch ist es aber, sich auf diese äußere Dimension der Religion zu beschränken und zu behaupten, das Gebet, das Fasten oder die Almosengabe wären ein Selbstzweck. Es ist von großer Bedeutung, die Scharia-Normen im Lichte der inneren Glaubensinhalte zu beleuchten.

Wir können im weiteren Sinne zu den äußeren Scharia-Normen auch die ethischen Gebote dazuzählen, die den Charakter des Einzelnen betreffen. Wir wissen, dass der Islam großen Wert darauflegt, den Einzelnen zu erziehen und seine moralischen Tugenden hervorzuheben, während die Lasten und sündhaften Eigenschaften beseitigt werden sollen. Das freundliche Sprechen, die Nächstenliebe, die Unterstützung der Schwachen und Bedürftigen: All das sind Gebote, die der Scharia entspringen und die der gläubige Muslim beachten sollte. Die Scharia im spezifischen rechtswissenschaftlichen Sinne des Islam enthält also auch Normen, die den Charakter des Menschen bestimmen.

Die äußere Hülle des Islam dient also dem Schutz der inneren Wesenheit der islamischen Religion. Ohne sie würde der islamische Kern dahinschmelzen und seine Bedeutung verlieren. Andererseits müssen die Gebote und Pflichten den Menschen zur inneren Wahrheit des Islams führen. Tun sie das nicht, führt das zu einer Aushöhlung der Religion, in der die äußeren Normen zum Selbstzweck werden oder gar wichtiger werden als der unveränderliche Wahrheitskern des Islams.

[...]


1 Ayatollah Amoli, Jawad. Was bedeutet Religion? S. 1-2.

2 https://de.wikipedia.org/wiki/Religion. (04.02.2017).

3 Vgl. Amoli, S. 4-5.

4 Es muss hinzugefügt werden, dass eine Unterteilung in flexible und feste Elemente eine Unterscheidung ist, die auf der intellektuellen Analyse islamischer Gelehrten beruht. Es ist keine Unterscheidung, die vom Propheten Muhammad (s.) selbst vorgenommen wurde, sondern später entstanden ist.

5 Vgl. http://www.eslam.de/begriffe/e/einheit.htm. Einheit. (Aufruf: 30.12.2019).

6 Bei den Arabern des 7. Jahrhunderts gab es die abscheuliche Sitte, neugeborene Mädchen lebendig zu begraben, weil man fürchtete, das Mädchen könne in die Hand eines anderen Stammes gelangen und dadurch Schande über die Familie bringen. Bisweilen kam es vor, dass die Mekkaner aus diesen Gründen ihre Kinder töteten. Mit dem Islam wurde diese verwerfliche Praktik für falsch, rückständig und unmenschlich erklärt. Der Prophet Muhammad (s.) schaffte sie ab, indem er jedes Leben für heilig erklärte.

7 Andere sprechen bloß von einer Schale und dem Kern oder von einer Hülle und dem Kern, wobei alle diese Sprachbilder jeweils dasselbe meinen.

8 Vgl. Schirrmacher, Christine. Die Scharia: Recht und Gesetz im Islam. Schirrmacher, Thomas (Hrsg.). 3. Auflage.SCM Hänssler im SCM-Verlag. Holzgerlingen, 2012. S.17.

9 http://www.eslam.de/begriffe/i/islamisches_recht.htm (31.12.2019).

10 Hinsichtlich des genauen Verständnisses der letzten drei Quellen gibt es zwischen der sunnitischen und schiitischen Rechtsschule(n) unterschiedliche Ansichten.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Islamische Religion im 21. Jahrhundert. Wie leben Gläubige Ihren Glauben?
Note
1,6
Autor
Jahr
2020
Seiten
23
Katalognummer
V1012431
ISBN (eBook)
9783346407559
ISBN (Buch)
9783346407566
Sprache
Deutsch
Schlagworte
islamische, religion, jahrhundert, gläubige, ihren, glauben
Arbeit zitieren
Ahmad Abbas (Autor:in), 2020, Islamische Religion im 21. Jahrhundert. Wie leben Gläubige Ihren Glauben?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1012431

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