Biopolitik. Die Veränderung des Staates im Umgang mit Krankheiten


Essay, 2016

7 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Biopolitik – Die Veränderung des Staates im Umgang mit Krankheiten

„Mir scheint, dass eines der grundlegenden Phänomene des 19. Jahrhunderts in dem bestand und noch besteht, was man die Vereinnahmung des Lebens durch Macht nennen könnte: wenn sie so wollen, eine Machtergreifung auf den Menschen als Lebewesen, eine Art Verstaatlichung des Biologischen oder zumindest eine gewisse Tendenz hin zu dem, was man die Verstaatlichung des Biologischen nennen könnte.“1

Bevor der Begriff der Biopolitik aber auch der Biomacht näher thematisiert wird, sollte zunächst auf das Staatsbild, wie es bis zum Ende des Mittelalters vorherrschte, eingegangen werden. Foucault nennt diese Epoche die klassische Theorie der Souveränität.2

Eines der charakteristischsten Merkmale der alten Form von Staatsmacht ist das Recht über Leben und Tod. Das bedeutet, dass ein Staat seiner Macht nur dadurch Ausdruck verleiht, indem er über Leben oder Tod entscheidet. Natürlich kann ein Souverän keine Macht, wie Foucault es nannte, durch „Leben machen“ erzeugen. Das Recht auf Leben und Tod bezieht sich also auf „Leben lassen beziehungsweise Sterben lassen“. Damit eine Gesellschaft überleben konnte, wurde aus ihr ein absoluter Souverän gewählt, welcher im Stande war, um das Fortleben zu sichern, eine Vielzahl seiner Untertanen in den Tod zu schicken. Dies ist also eine recht einseitige Form von Macht.3

In der Epoche des Spätmittelalters, die auf jeden Fall von der klassischen Theorie der Souveränität geprägt ist, führt Foucault das Beispiel der Leprakranken ein. Der Staat konnte zu der Zeit das Problem nur durch den systematischen Ausschluss eben jener Kranken lösen. Eine zielgerichtete Exklusion aller Betroffenen sollte das Überleben und Fortbestehen der restlichen Gesellschaft sichern. Der Staat konnte mit dem Recht auf Leben oder Tod nur entscheiden, ob eine Person augenscheinlich gesund war und damit Leben durfte oder zusammen mit den anderen Kranken ihrem Schicksal überlassen werden musste.4

Zweifellos fehlte es der damaligen Gesellschaft nicht nur an politischen Institutionen, wie wir sie von modernen Gesellschaften her kennen. Auf der Ebene der Wissenschaft fehlten dem Staat wichtige medizinische Errungenschaften, die einen anderen Umgang mit der Krankheit möglich gemacht hätten.

Das zweite Beispiel, welches Foucault in seiner Vorlesung anführt, ist die Pest. Bei dieser Krankheit lassen sich, im Bezug auf die Mittel, mit der sie bekämpft wird, erste Anzeichen einer Biopolitik erkennen. Im Gegensatz zu dem Problem der Lebrakrankheit, welches allein durch Exklusion gelöst wurde, schafft der Staat bei der Pest nun ein System der Kontrolle. Zunächst wurden mit dem Ausbruch der Krankheit die Pestverordnungen erlassen. Diese Ordnung stellte ganze Städte, in denen die Krankheit wütete, unter Quarantäne. Dabei wurden zahlreiche Regelungen festgelegt, die tiefgreifend das Leben der „Infizierten“ beeinflussten. So wurde den Menschen in den betroffenen Städten vorgeschrieben, welche Nahrung sie zu sich nehmen sollten, wie und wann sie das Haus verlassen durften und mit welchen Menschen sie Kontakt aufnehmen konnten. Neben der Institution, die diese Regelungen auf der Basis von Wissen und vorangegangener Erfahrung entwickelt hatte, gab es das System der Kontrolle, welches diese Verordnungen durchsetzen sollte. Ähnlich der heutigen Polizei, als Form der Exekutive gab es Inspektoren, die Hausbesuche machten und die Menschen zur Einhaltung der Regelungen anwiesen. Foucault bezeichnet diese zweite Form als „System disziplinarischen Typus.“5

Ab dem 18. Jahrhundert erscheint eine neue Form im Umgang mit Krankheiten. Foucault bezieht sich dabei auf das Beispiel der Pocken, beziehungsweise auf die damit einhergehenden Impfpraktiken. Neben dem Berufen und Durchsetzen von Disziplinen, wie es schon bei der Pest gemacht wurde, kommt ein weiteres analytisches Moment hinzu. Es steht nicht mehr allein die Behandlung einer Krankheit im Vordergrund, sondern auch die genaue Betrachtung und Untersuchung dieser. Es werden also Institutionen und Maßnahmen eingeführt, die statistisch untersuchen, wie viele Menschen von den Pocken betroffen sind, wie hoch die Sterblichkeitsrate ist und welche Langzeitfolgen die Krankheit für den einzelnen Menschen, aber auch für die Gesellschaft hat.6 Lange Zeit waren Ärzte machtlos gegen die großen Epidemien und Seuchen vergangener Zeit. Durch die wissenschaftliche Errungenschaft der Impfung konnte im 18. und 19. Jahrhundert erstmals eine Krankheit maßgeblich besiegt werden. Dabei wurde auch erfasst, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, nach einer Impfung geheilt zu sein oder zu sterben. All diese Maßnahmen, im Bezug auf die Entwicklung im Umgang mit einer Krankheit, lassen sich als Maßnahmen einer neuen Macht, der Macht der Biopolitik, manifestieren.

Zunächst haben wir die Entwicklung im 17. Jahrhundert von einer traditionellen souveränen Macht, hin zu einer Macht der Disziplinartechnik. Am Beispiel der Pest sieht man, wie dem individuellen Körper eines Menschen immer mehr Bedeutung im Hinblick auf die Machtprozeduren des Staates zukommt.

„All diese Prozeduren ermöglichten die räumliche Verteilung der individuellen Körper (ihre Trennung, ihre Ausrichtung, ihre Serialisierung und Überwachung) und die Organisation eines ganzen Feldes der Sichtbarkeit rund um diese individuellen Körper. Mit Hilfe dieser Techniken vereinnahmte man die Körper, versuchte ihre Nutzkraft durch Übung, Dressur usw. zu verbessern.“ 7

Foucault bezeichnet diese Entwicklung der modernen Macht, die Macht zum Leben. Er unterscheidet diese in zwei Pole:

Die „politische Anatomie des Körpers“ als erster Pol, eng verbunden mit der Disziplinartechnik, sieht seine Bedeutung in dem menschlichen Körper als Maschine. Dies ist zugleich eine ökonomische Angelegenheit, da in Form von Disziplinen versucht wird, die Leistung des individuellen Körpers maximal zu steigern.8 Bezogen auf die Pest, wird ökonomisch abgewogen, durch Einführen von Disziplinen, wie mit geringstem Aufwand, die größtmögliche Zahl an Menschen „gerettet“ werden kann. Es kann also behauptet werden, dass der Staat den einzelnen Menschen, ab dem Zeitpunkt, an dem sich der erste Pol entwickelte, als Kapital ansieht, von dem seine Macht ausgeht.

„Foucault diagnostiziert damit das Aufkommen einer Normalisierungsgesellschaft. Dies sei die Konzequenz einer Macht, die darauf bedacht ist, das Lebende in einem Bereich von Wert und Nutzen zu organisieren.“9

Im Gegenteil zur Disziplinartechnik, die den einzelnen Körper als Ziel ihrer Macht sieht, steht für den zweiten Pol, die Bio-Macht, die Bevölkerung als Gesamtprozess im Fokus.10

„Die neue Technologie, die sich installiert, richtet sich an eine Vielzahl der Menschen […] als eine, die eine Gesamtmasse bildet. Es handelt sich um eine die Masse der Bevölkerung regulierende Machttechnik, eine Machtergreifung über das Leben der Gesamtheit einer Bevölkerung, „die vermassend ist““.11

Wichtigstes Instrument der Biopolitik ist dabei die statistische Analyse gesamtheitlicher Probleme und Phänomene. Ihr geht es um die Kontrolle und gegebenenfalls um die Modifikation von Wahrscheinlichkeiten sowie um die Kompensation von deren Wirkungen.

„Operierte die souveräne Macht noch im Rahmen fester Grenzen und einem binären Code des Rechts (erlaubt vs. verboten), arbeitet die Biomacht mit Technologien der Normalisierung – sie misst, qualifiziert, schätzt ab usw. Sie richtet die Subjekte an der Norm aus, indem sie sie um diese herum anordnet.“12

Dabei liegt diese neue Macht, die Bio-Macht, auch neuen Funktionsprinzipien zu Grunde: „Diese Macht ist dazu bestimmt, Kräfte hervorzubringen, wachsen (zu) lassen und zu ordnen, anstatt sie zu hemmen, zu beugen oder zu vernichten.“13 und um "die Bevölkerung als Produktionsmaschine zur Erzeugung von Reichtum, Gütern und weiteren Individuen [zu] nutzen."14

Am Beispiel der Pocken ist ersichtlich, wie sehr die Bio-Macht auf die Bevölkerung als Gesamtheit Bezug nimmt.

„Mehr oder weniger schwer ausrottbare Krankheiten, die anders als die Epidemien nicht unter dem Blickwinkel zunehmender Todesursachen betrachtet werden, sondern als permanente Faktoren – so werden sie behandelt – des Entzugs von Kräften, der Verminderung der Arbeitszeit, des Energieverlustes und ökonomischer Kosten, und zwar ebensosehr [sic!] aufgrund des von ihnen produzierten Mangels wie der Pflege, die sie kosten können.“15

[...]


1 Foucault, 1976 S.1

2 Vgl. Ebd. S.1

3 Vgl. Ebd. S.2

4 Vgl. Foucault, 1978 S. 25

5 Vgl. ebd. S. 25

6 Vgl. ebd. S. 25

7 Foucault, 1976 S.3

8 Vasilache, 2004 S. 91

9 Ebd. S. 143

10 Ebd. S. 142

11 Foucault, 1993 S. 62

12 Vasilache, 2004 S. 143

13 Foucault, 1977 S. 163

14 Foucault, 2005 S. 230ff.

15 Foucault, 1976 S. 4

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Biopolitik. Die Veränderung des Staates im Umgang mit Krankheiten
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Seminar Foucault II
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
7
Katalognummer
V1012440
ISBN (eBook)
9783346404022
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Biopolitik, Umgang mit Krankheiten, Seuchen, Pest, Viren, Quarantäne, Einschluss, Veränderung, Staat, Foucault, Biomacht
Arbeit zitieren
Max Feltin (Autor), 2016, Biopolitik. Die Veränderung des Staates im Umgang mit Krankheiten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1012440

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