Anständige Gesellschaften und moralisch legitime Gruppen. Avishai Margalits "Politik der Würde"


Essay, 2016

10 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Was berechtigt eine anständige Gesellschaft, eine Gruppe als moralisch legitim zu bezeichnen?

Avishai Margalit untersucht in seinem Werk „Politik der Würde – Über Achtung und Verachtung“ verschiedene Gesellschaftsformen und versucht dabei diese, in Beziehung zu den menschlichen Gefühlen Schuld und Scham sowie zu den Begriffen Anerkennung und Demütigung eine Rangfolge hin zur gerechten Gesellschaft festzulegen. Deshalb unterscheidet er zunächst in „Scham- und Schuldgesellschaften“.

„In sogenannten Schuldgesellschaften haben die Bürger die gesellschaftlichen Normen in einem solchen Maße internalisiert, daß [sic!] sie ein schlechtes Gewissen haben, sobald sie dagegen verstoßen; in Schamgesellschaften hingegen lass sich die Menschen in ihren Handlungen in erster Linie von dem Motiv leiten, äußere Sanktionen und die damit verbunden Schamgefühle zu vermeiden, damit sie ihre Ehre oder ihren guten Ruf nicht verlieren.“1

Zunächst mag es positiv erscheinen, dass in einer Schamgesellschaft das Sanktionsinstrument funktioniert und die Menschen schlechte Handlungen unterlassen. Das Motiv ist allerdings ein egozentrisch falsches, weil es sich ausschließlich auf die eigene Person bezieht und in keiner Weise die Sicht des Opfers reflektiert wird.

In Schuldgesellschaften hat der Täter, unabhängig davon, ob er sanktioniert wurde oder nicht, Mitgefühl mit dem Opfer, kann sich dabei in seine Lage versetzen und verspürt dabei Reue. Deshalb setzt Margalit „Schuldgesellschaften“ mit „anständigen Gesellschaften gleich.

Auf den ersten Blick scheint es, als seien die Begriffe „Scham“ und „Schuld“ recht einfach voneinander trennbar. Diese Abgrenzung wird in der weitergehenden Betrachtung wesentlich schwieriger. Margalit erklärt dies an dem Beispiel des Knaben, der seine Freunde anlügt, dass er großen Erfolg bei Frauen hat, um seine Unberührbarkeit zu vertuschen.

Dabei fühlt er sich seinen Freunden gegenüber schuldig und schämt sich zugleich, noch nie mit einem Mädchen geschlafen zu haben.2

Es scheint so, als würden beide Gefühle in einigen Fällen kombiniert auftreten, dies stellt für den Sinngehalt und die eigentliche Unterscheidung von „Scham- und Schuldgesellschaften“ aber kein Problem dar.

Neben den Begriff von „Scham“ führt Margalit nun den Begriff der „Demütigung“ ein.

Er behauptet, dass „Scham Demütigung einschließt, während das umgekehrt nicht der Fall ist.“3 „Eine Person, die gedemütigt wird, schämt sich auch; aber umgekehrt ist nicht jeder, der sich schämt, auch gedemütigt worden.“ 4

Demütigung ist nach Margalit im Gegensatz zu „Scham“ kein Leistungsbegriff. Eine Person kann sich schämen, wenn diese eine schlechte Leistung in der Schule erbracht hat. Scham wird also aus der eigenen Verantwortung heraus produziert und kann für die Zukunft der sich schämenden Person etwas Positives bedeuten, nämlich dahingehend, dass er motiviert ist, bei der nächsten Gelegenheit seine Leistung zu verbessern.

Demütigung hingegen, kommt laut Avishai Margalit zu Stande, „wenn die Institutionen einer Gesellschaft bewirken, daß [sic!] sich die Menschen für ein identitätsstiftendes Merkmal schämen[...]“5 Dies schließt auch die Degradierung einer legitimen identitätsstiftenden Gruppe und damit auch alle ihre Mitglieder mit ein.6 Demütigung ist der Ausschluss aus der menschlichen Gemeinschaft.7

Zunächst sollte kurz geklärt werden, welche Merkmale eine identitätsstiftende Gruppe ausmachen. Das wichtigste und auch offensichtlichste Merkmal ist, dass diese Gruppen eine erkennbare Eigenkultur besitzen, die sich in den verschiedensten zahlreichen Formen, wie Bräuche, Sitten, Kleidung, Musik oder Ernährung intern aber auch öffentlich zeigt. Weiterhin ist es üblich, dass der Nachwuchs der Gruppe die Kultur erwirbt und anschließend praktiziert. Eine Mitgliedschaft in der Gruppe kann nur durch Anerkennung erworben werden, diese gilt anschließend als selbstverständlich und basiert für Margalit nicht auf Leistung. Die Zugehörigkeit zur Gruppe wird nach außen und intern durch verschiedene Symbole, Zeremonien und Ritualen gezeigt.8

Margalit trifft die Aussage, dass in einer anständigen Gesellschaft beziehungsweise in einer Schuldgesellschaft moralisch legitimierte identitätsstiftende Gruppen nicht gedemütigt und damit ausgeschlossen werden dürfen. Es stellt sich nun die Frage, welche Eigenschaften einer identitätsstiftenden Gruppe dazu führen können, dass diese von einer anständigen Gesellschaft als moralisch legitim anerkannt wird. Oder anders gesagt, was berechtigt eine anständige Gesellschaft eine Gruppe als moralisch illegitim zu bezeichnen und damit auszuschließen? Nach Margalit hat eine anständige Gesellschaft sogar die Pflicht moralisch illegitime Gruppen auszuschließen oder zu sanktionieren.9

„Eine Gesellschaft, die den Mitgliedern einer kriminellen Vereinigung oder den Anhängern eines Satankultes, der auf sadistischen Regeln beruht, Scham zu vermitteln versteht muss sich nicht vorwerfen lassen, nicht anständig zu sein. [...] Damit unterscheide ich also zwischen moralisch legitimen und moralisch illegitimen Aspekten unserer persönlichen Identität.“10

Obwohl Margalit selbst, die Notwendigkeit der Einführung eines Kriteriums, für die moralische Legitimität, von Gruppen sieht, geht er nur unzureichend auf diese Wertgröße ein.11 Es macht den Anschein, dass wir aus dem Bauch heraus entscheiden, ob etwas moralisch gut oder schlecht ist. Bezogen auf das Beispiel des Satankultes macht es zunächst einmal Sinn, diese Gruppe, ohne weitere Betrachtungsweise und Abwägen der realen Tatsachen, als moralisch illegitim zu verurteilen.

Beschäftigt man sich genauer mit dem Phänomen des Satanismus wird diese Einstufung schon weitaus schwieriger. Ina Schmied-Knittel und Michael Schetsche versuchen in ihrem Text „Erbfeinde aus dem Inneren – Satanisten in der christlichen Gesellschaft“ Eindrücke und Tatsachen zu vermitteln, weshalb wir so eine eingeschränkte Sichtweise auf die Gruppe haben. Zunächst einmal legen sie dar, dass unser Bild, welches wir von Satanismus haben, ein verzerrtes, durch Massenmedien gezeichnetes Bild ist. Dabei zeigen sie eine Reihe von Diskursstrategien auf, mit denen unsere Meinung über die Gruppe gezielt gelenkt wird.12

Auf einige Beispiele, mit denen Schmied-Knittel und Schetsche ihre Behauptung stützen, soll nun eingegangen werden.

Eine Möglichkeit, eine Gruppe als gefährlich für die Gesellschaft einzustufen ist die Dramatisierung durch Statistik.

„Die Verbreitung des Phänomens in Deutschland wird stark übertrieben, die Zahl der vermeintlichen Opfer künstlich in die Höhe getrieben. Typisch ist hier die Bezugnahme auf willkürlich ausgewählte Expertenschätzungen sowie auf völlig unbestimmte „Dunkelziffern“ die als gesichert dargestellt werden.“ 13

Anschließend wird auf eine Umfrage an einer Universität in Jena verwiesen, bei der ein Prozent von 1400 Schülern angaben, Satanist zu sein oder satanistische Praktiken auszuüben. Die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Hannover rechnete dieses eine Prozent auf die gesamte Schülerzahl in Deutschland (6 Millionen) hoch, wo nach 60.000 Schüler einen satanistischen Hintergrund haben müssten. Diese Zahl wird in den Medien ungeprüft an die Öffentlichkeit weitergegeben.14

„Aus interessengeleiteten Spekulationen wird so vermeintlich soziale Realität.“ 15

Des Weiteren kann der Eindruck, den man über eine Gruppe bekommt, durch verschiedene Mythen, Verschwörungstheorien und haltlose Klischees verändert werden. Im Fall der Satanisten wird ein Bild konstruiert, dass auf geheimen, verschwiegenen Kulten, Opferritualen, Gewalt und Sexualmagien sowie der strategischen Unterwanderung der Gesellschaft beruht. Bilder mit dunklen Gestalten in Kapuzen und Mänteln, Kreuze, Gräber, Särge, Pentagramme und andere vermeintlich satanistische Symbole verstärken diesen Eindruck.16

Ein weiteres Problem ist die schwierige Beweisbarkeit von Falschaussagen aus Tatsachenberichten selbsternannter Satanismusopfer. So werden zahlreiche dieser Schriften von den Medien zur weiteren Recherche über satanistische Sekten empfohlen und als wissenschaftliche Studien gehandelt, obwohl die Texte eher einem Roman gleichen und fiktioneller Natur sind. „In solchen Hybridformaten werden die Grenzen zwischen dem Fiktionalen und dem Realen bis zur Ununterscheidbarkeit verwischt.“17

[...]


1 Margalit, 2012 S. 160

2 Vgl. Ebd. S. 161

3 Ebd. S. 162

4 Ebd. S. 163

5 Ebd. S. 163

6 Vgl. Ebd. S. 168

7 Vgl. Ebd. S. 166

8 Vgl. ebd. S.169ff

9 Vgl. ebd. S. 173

10 Ebd. S. 163-164

11 Vgl. ebd. S. 172

12 Vgl. Klimke, 2008a S. 216

13 Ebd. S. 217

14 Vgl. ebd. S. 217

15 Ebd. S. 217

16 Vgl. ebd. S. 217-218

17 Ebd. S. 220

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Anständige Gesellschaften und moralisch legitime Gruppen. Avishai Margalits "Politik der Würde"
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Seminar Exklusion
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
10
Katalognummer
V1012441
ISBN (eBook)
9783346404169
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Exklusion, Inklusion, moralisch, legitim, Gruppe, Gesellschaft, Margalit, Avishai, Politik der Würde, Achtung, Verachtung
Arbeit zitieren
Max Feltin (Autor), 2016, Anständige Gesellschaften und moralisch legitime Gruppen. Avishai Margalits "Politik der Würde", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1012441

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