Gibt es eine Lösung für das Gettier-Problem?


Essay, 2016

8 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Die Elimination von falschen Annahmen

3. Die sicherheitsbasierende Lösung

4. Die kontextualistische Lösung

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einführung

Gettier veröffentlichte 1963 einen nur drei Seiten langen Aufsatz, in dem er die mindestens seit Platon akzeptierte klassische Analyse des Wissens als ungenügend entlarvte. Seit jeher wird versucht, entweder Gettiers Beispiele direkt anzugreifen um die Wissenstheorie zu retten, beziehungsweise diese zu modifizieren oder die Theorie gleich ganz zu verwerfen und von „Vorne“ anzufangen. Nachfolgend sollen drei Lösungsansätze diskutiert werden, die versuchen das Gettier-Problem zu lösen.

2. Die Elimination von falschen Annahmen

Bei genauerer analytischer Betrachtung der beiden Beispiele aus dem Essay von Edmund Gettier fällt auf, dass die gerechtfertigte wahre Meinung nur entsteht, weil sie auf der Aussage falscher Prämissen beruht. Ein Ansatz wäre zu behaupten, dass gerechtfertigte wahre Meinungen nur dann als Wissen zu deklarieren sind, wenn die Begründung nicht auf falschen Prämissen beruht. Eine Vorgehensweise wäre dies in die Standardanalyse des Wissens einzubauen.

S weiß, dass p, genau dann, wenn

(i) p wahr ist,
(ii) S davon überzeugt ist, dass p,
(iii) S gute Gründe hat, zu glauben, dass p
(iv) S Überzeugung, dass p nicht auf dem Schluss einer falschen Annahme beruht.

Feldman konzipiert 1974 ein weiteres „Gettier-Beispiel“ welches ohne falsche Prämisse auskommt, aber dennoch kein Wissen darstellt.1

Smith betritt einen Raum und sieht Jones. Aus dieser Beobachtung heraus bildet er sich die Überzeugung, dass Jones im Zimmer ist. Allerdings hat Smith Jones gar nicht gesehen sondern eine detaillierte Nachbildung. Zufälligerweise steht Jones trotzdem in der Ecke des Raumes obwohl in Smith nicht gesehen hat. Trotzdem hat Smith die gerechtfertigte Meinung das Jones im Zimmer ist. Dieses Beispiel zeigt, dass der Lösungsansatz als gescheitert betrachtet werden muss.

3. Die sicherheitsbasierende Lösung

Ein weiterer Lösungsansatz, der in den letzten Jahren oft diskutiert wurde, ist die sicherheitsbasierte Lösung. Sie beruht auf der Annahme, dass Wissen eine bestimmte Form des Zufalls ausschließen muss, um als solches Gültigkeit zu bewahren. Alle Beispiele, die in dem Essay von Edmund Gettier „Is Justified True Belief Knowledge?“ angeführt werden, beruhen darauf, dass der Protagonist aus glücklichen Umständen zu einer wahren Meinung gelangt, der wir aber Wissen absprechen würden. Um die klassische Definition des Wissens, die in ihrer Form bei den Gettier-Beispielen versagt zu retten, wurde die „Nicht-Zufälligkeitsbedeutung“ eingeführt.2 Diese sagt aus, dass: „S nicht zufällig zu einer wahren Meinung p gelangt ist“ Daraus folgt die Notwendigkeit, den Begriff des Zufalls näher zu konkretisieren, da es durchaus zufälliges Wissen gibt, welches wir als wahr ansehen würden.

Wenn zum Beispiel ein Polizist auf zufälligen Wege auf Indizien stößt, die zur Ergreifung eines Mörders führen, würden wir nicht behaupten, dass der Polizist nicht weiß wer der Mörder war, weil er rein zufällig auf dieses Wissen gestoßen ist. Pritchard hat diesen Bereich des Zufalls als evidentiell epistemischen Zufall definiert. Dieser ist mit der Wissensdefinition kompatibel. Der andere Teil des Zufalls, der eben nicht mit Wissen vereinbar ist, wird laut Pritchard als verdisch epistemischer Zufall deklariert.3

„Eine wahre Überzeugung ist verdisch epistemisch zufällig genau dann, wenn die Wahrheit der Überzeugung glücklichen Umständen zu verdanken ist.“4

Dies sagt aus, dass die Überzeugung p einer Person X, die als Wissen gelten soll sich nicht auf einfache Weise als falsch herausstellen darf. Hierfür führt Pritchard die epistemische Überzeugungssicherheit ein, die aussagt, dass eine wahre Überzeugung die sich Person X gebildet hat, in allen nahen Möglichen Welten, in denen sich die Person X die gleiche Überzeugung hätte bilden können als wahr herausstellt epistemisch sicher ist.5 Das Beispiel, bei dem Henry die einzige echte Scheune zwischen den Attrappen als eine Scheune definiert6, hätte hiermit keinen Bestand. Weiterhin lässt sich die sicherheitsbasierte Wissenstheorie auch als vierte Bedingung in die klassische Begriffsanalyse von Wissen einbauen:

S weiß, dass p, genau dann, wenn

(i) p wahr ist,
(ii) S davon überzeugt ist, dass p,
(iii) Ss Überzeugung epistemisch gerechtfertigt ist,
(iv) SS wahre Überzeugung, dass p, epistemisch sicher ist.7

Eine mögliche Welt in dem Scheunen-Beispiel wäre, dass Henry zu der Überzeugung kommt, dass am Horizont eine Scheune steht, welche sich aber als Attrappe rausstellt und somit Henrys Überzeugung falsifiziert. Diese sicherheitsbasierte Lösung mit ihrer vierten Bedingung scheint also Gettier-Probleme nicht zuzulassen. Kritisch zu sehen ist allerdings Pritchards Unterscheidung in evidentielle und verdisch epistemische Zufälle, welche sich bei genauerer Betrachtung, auf die Gültigkeit von Wissen bezogen, als schwierig herausstellt. So gibt es Überzeugungen, deren Wahrheit auf einem evidentiell epistemischen Zufall beruht. Es kann durchaus sein, dass eine Person S in einer bestimmten Situation zu einer wahren Überzeugung gelangt, die sich aber ohne die zufälligen Ereignisse als falsch herausgestellt hätte. Trotzdem scheinen diese Fälle mit der Definition von Wissen vereinbar. Für Wissen ist es unabdingbar, dass die Überzeugung des Subjekts in der vorgegebenen Situation, in der sich die Person S befindet, nicht leicht hätte falsch sein können. Das im Vorfeld glückliche Umstände überhaupt zu dieser sehr unwahrscheinlichen Situation geführt haben, reicht nicht aus, die Überzeugung als Nichtwissen zu deklarieren. Elke Brendel argumentiert dafür, dass bei sicherheitsbasierenden Wissenstheorien alle nahe möglichen Welten als solche dargestellt werden, in denen die Situation, in der die Person ihre Überzeugung gewinnt, bereits vorgegeben ist.8 So liefern Ram Neta und Guy Rohrbaugh ein Beispiel von epistemisch unsicheren Wissen, welches gegen die sicherheitsbasierte Wissenstheorie konzipiert ist.9 Ram kommt zu der Überzeugung, dass er ein Glas reines Wasser trinkt, während er genau dies tut. Guy will ihn aber vergiften, da er der einzige Erbe und in größter Geldnot ist. Die giftige Substanz würde das reine Wasser äußerlich nicht verändern. Kurz vor der Durchführung erfährt Guy, dass er im Lotto eine große Summe Geld gewonnen hat und bricht das Vorhaben ab. Rams Überzeugung, er trinke ein Glas Wasser, hätte sehr leicht falsch sein können, wenn Guy nicht im Lotto gewonnen hätte. Trotzdem handelt es sich für Neta und Rohrbaugh um Wissen, da Ram weiß, dass er ein Glas reines Wasser trinkt. Die Überzeugung ist also mit dem Wissensbegriff vereinbar, obwohl sie epistemisch sehr unsicher ist. Brendel argumentiert gegen die Notwendigkeit der epistemischen Sicherheit, da sich das Beispiel von Guy und Ram bei näherer Betrachtung, ihrer Meinung nach, als epistemisch sicher herausstellt. Sie kommt zu dem Schluss, dass Ram erst durch Guys Lotteriegewinn in die Situation gebracht wurde und erst in dieser die epistemisch sichere Überzeugung erlangt, dass er ein Glas reines Wasser vorfindet, welches geschuldet durch den Lotteriegewinn nicht vergiftet ist.

4. Die kontextualistische Lösung

Ein weiterer Lösungsansatz des Gettier-Problems wurde mit der kontextualistischen Wissenstheorie versucht. Sie geht davon aus, dass die Unterscheidung, ob eine Person Wissen besitzt oder nicht, vom Kontext abhängig ist. David Lewis hat mit dem Zuschreiberkontextualismus eine Form des Wissenkontextualismus vorgeschlagen, welcher in der Lage sein soll, die Gettier-Beispiele von Wissen auszuschließen.10 Vertreter des Wissenkontextualismus gehen davon aus, dass die Wissensstandards von Kontext zu Kontext variieren. Lewis bezieht sich dabei auf den Kontext des Wissenszuschreibers für die Wissensstandards und den damit verbundenen Wahrheitsbedingungen.

[...]


1 Feldman (1974)

2 Grajner (2011)

3 Pritchard (2005)

4 Pritchard (2005) S. 146

5 vgl. Pritchard (2005) S. 156, Pritchard (2007) S. 292

6 Goldman (1976)

7 Ernst, Marani (2013) S. 58

8 vgl. Ernst, Marani (2013), S. 59

9 vgl. Neta, Rohrbaugh (2005) S. 396ff.

10 Lewis (1996)

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Gibt es eine Lösung für das Gettier-Problem?
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Philosophie)
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
8
Katalognummer
V1012444
ISBN (eBook)
9783346404657
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Edmund, Gettier, Gettier-Problem, Logik, Is Justified True Belief Knowledge, Grainer, Wert des Wissens, Goldman Alvin, Ernst Marani
Arbeit zitieren
Max Feltin (Autor), 2016, Gibt es eine Lösung für das Gettier-Problem?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1012444

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