In dieser Hausarbeit soll der Fokus auf der Ausdrucksform, der Identität im Schreiben, liegen. Hierfür wird auf das lyrische Werk der Dichterin Rose Ausländer Bezug genommen. Als Tochter jüdisch-deutscher Eltern entstehen in den Jahren des zweiten Weltkriegs viele ihrer Schriften im Exil. Ein Leben zwischen Identität und Differenz, zwischen dem „Ich“ und dem „Anderen“, hinterlässt auch in ihrer Lyrik einige Spuren. So möchte ich den spannenden Versuch unternehmen, das dichterische Schreiben Rose Ausländers unter dem Licht der Identitätskonstruktionen näher zu untersuchen.
Die Identität des Menschen setzt sich aus einem komplexen Geflecht verschiedenster Faktoren zusammen. Unter dem Einfluss geschichtlicher, biografischer, kultureller, religiöser oder ebenso sozialer Zusammenhänge bilden sich unsere individuellen Identitätsmerkmale heraus. Der Frage nach der eigenen Identität kann man nur allzu schwer ausweichen. Der Eine sucht sie ein Leben lang, der Andere hat sie längst gefunden, dem Dritten ist sie schon wieder verloren gegangen. Sie, die Identität, kann sich dabei in unterschiedlichen Formen ausdrücken. So wählt der Musiker die Musik, der Maler das Gemälde, der Schriftsteller den Text, um das Innere nach Außen zu tragen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zur Modellierung des Identitätsbegriffs
2.1 Geschichte der Identitätskonzeption
2.2 Identität durch Sprache
2.3 Das „Ich“ und das „Andere“: (Über)Leben im Exil
2.3.1 Identität und Differenz
2.3.2 Sprache und Exil
3. Lyrisches Schreiben und Identität bei Rose Ausländer
3.1 Leben und Werk der Rose Ausländer: Ein biographischer Überblick
3.2 Was ist ein Gedicht?
3.3 Über die Notwendigkeit des Schreibens
3.4 Von Sprache und Heimat zur Sprachheimat
4. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht die Konstruktion von Identität im lyrischen Werk von Rose Ausländer. Dabei wird analysiert, wie biografische Brüche, insbesondere das Leben im Exil und der Verlust der Muttersprache, das Identitätsverständnis der Dichterin beeinflussen und wie sie das Schreiben als Medium der „Ichwerdung“ nutzt.
- Grundlagen des Identitätsbegriffs und dessen historische Entwicklung.
- Die Rolle der Sprache bei der Konstitution von Identität.
- Biografische Analyse des Lebens von Rose Ausländer.
- Das Verständnis von Lyrik und die existenzielle Notwendigkeit des Schreibens.
- Die Transformation von Identität im Spannungsfeld zwischen Exil, Muttersprache und „Sprachheimat“.
Auszug aus dem Buch
3.3 Über die Notwendigkeit des Schreibens
Das Schreiben ist Rose Ausländer zeitlebens ein treuer Weggefährte gewesen. Ihr bewegtes Leben hindert sie nie daran, Gedichte zu schreiben. Vielmehr stellt sie ihr gesamtes Dasein in den Dienst der Poesie:
„Ich schreibe aus einem inneren Drang, ja ich darf sagen: aus einem inneren Zwang, quasi für mich selber. Aber ich publiziere für meine Mitmenschen. Ich gehöre nicht mir selber. Ich gehöre den Worten, die zu mir kommen und meinen Mitmenschen“ (Ausländer, in: ebd., o.J., S. 63).
Rose Ausländer lebt, um zu schreiben. In Anbetracht ihrer tragischen Biografie ist das Schreiben die einzige Kraft, die sie am Leben hält. Während der Judenverfolgung 1940 bis 1942 entflieht sie der schrecklichen Wirklichkeit, indem sie sich in ihre geträumte Wortwirklichkeit begibt. So begründet sie die Notwendigkeit ihres lyrischen Schaffens folgendermaßen:
„In jenen Jahren trafen wir Freunde uns zuweilen heimlich, oft unter Lebensgefahr, um Gedichte zu lesen. Der unerträglichen Realität gegenüber gab es zwei Verhaltensweisen: entweder man gab sich der Verzweiflung preis, oder man übersiedelte in eine andere Wirklichkeit, die geistige. Wir zum Tode verurteilten Juden waren unsagbar trostbedürftig. Und während wir den Tod erwarteten, wohnten manche von uns in Traumworten – unser traumatisches Heim in der Heimatlosigkeit. Schreiben war Leben. Überleben“ (Ausländer, o.J., in: Gedichte, Teil 1, S. 10).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Identitätsproblematik ein und skizziert das Vorhaben, das Schreiben Rose Ausländers unter dem Aspekt der Identitätskonstruktion zu untersuchen.
2. Zur Modellierung des Identitätsbegriffs: Dieses Kapitel erörtert die historische Entwicklung des Identitätsbegriffs, die fundamentale Rolle der Sprache für das Selbstverständnis sowie die Problematik von Differenz und Ausgrenzung im Exil.
3. Lyrisches Schreiben und Identität bei Rose Ausländer: Hier wird der biographische Hintergrund Ausländers beleuchtet, ihr Verständnis des Gedichts analysiert und untersucht, wie sie durch das Schreiben ihre Identität im Exil und in der „Sprachheimat“ rekonstruiert.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Identität ein komplexer, dynamischer Prozess ist, den Ausländer treffend als „Menschmosaik“ beschreibt.
Schlüsselwörter
Identität, Sprache, Rose Ausländer, Exil, Lyrik, Identitätskonstruktion, Differenz, Sprachheimat, Autobiografie, Ichwerdung, Muttersprache, Poetische Wirklichkeit, Menschmosaik, Selbstbild.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der philosophischen und literaturwissenschaftlichen Untersuchung des Identitätsbegriffs am Beispiel des lyrischen Werks von Rose Ausländer.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung des Identitätsbegriffs, der Bedeutung der Muttersprache, den Erfahrungen von Exil und Verfolgung sowie der Funktion des Schreibens als identitätsstiftender Prozess.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es zu ergründen, welchen Stellenwert das Schreiben für Rose Ausländer bei der Konstruktion ihrer Identität einnimmt und wie sie diese im Kontext von Heimatverlust und Exil neu definiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin kombiniert eine theoretische Herleitung des Identitätsbegriffs (u.a. gestützt auf Sökefeld und Taylor) mit einer biografisch-analytischen Untersuchung der Lyrik von Rose Ausländer.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung des Identitäts- und Sprachbegriffs sowie eine spezifische Untersuchung von Ausländers Leben, ihrem dichterischen Selbstverständnis und ihrem Ringen um eine „Sprachheimat“.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die zentralen Charakteristika sind die Begriffe Identität, Exil, Sprache, Differenz, Sprachheimat und der Prozess der Ichwerdung.
Warum spielt die Beziehung zur Mutter eine so große Rolle für Rose Ausländer?
Die Mutter wird als zentrales Sinnbild der Heimat begriffen; ihr Tod in der Bukowina markiert für Ausländer nicht nur einen persönlichen Verlust, sondern den endgültigen Bruch mit der Herkunft und den Ausgangspunkt für ihre Sprachlosigkeit im Exil.
Was bedeutet für Rose Ausländer der Begriff „Menschmosaik“?
Der Begriff verdeutlicht ihre Auffassung, dass Identität kein fester, monolithischer Block ist, sondern ein dynamischer, aus vielen unterschiedlichen Erfahrungen und Differenzen zusammengesetzter Prozess.
- Arbeit zitieren
- Saphira Lopes (Autor:in), 2017, Das "Ich" und das "Andere". Identität im lyrischen Schreiben Rose Ausländers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1012503