Innerhalb dieser Hausarbeit soll das Männlichkeitsbild Türkeistämmiger anhand der rockerähnlichen Gruppe Osmanen Germania näher untersucht werden. Um einen Vergleichsrahmen zu schaffen, wird zunächst die geschlechtsspezifische Erziehung in der türkischen Gesellschaft und der Stellenwert des Mannes innerhalb der Familien betrachtet. Daraufhin werde ich das Rockermilieu in Deutschland darstellen und im Anschluss die rockerähnliche Gruppe Osmanen Germania näher beschreiben. Hierzu werden neben öffentlichen Statements des „Clubs“ auch einzelne Äußerungen der Mitglieder und Anhänger aufgeführt. Im nächsten Kapitel werden die Parallelen zwischen dem Männlichkeitsbild in der türkischen Gesellschaft und dem Männlichkeitsideal der Osmanen Germania aufgezeigt. Abschließend folgt ein dekonstruktiver Ansatz, bei dem Zuschreibungsmechanismen innerhalb der Gesellschaft näher untersucht werden sollen.
Das mediale sowie politische Interesse gegenüber den Osmanen Germania, fügt sich in den gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskurs zum Thema Migration ein, in dem die unterschiedliche Verkörperung und Wahrnehmung von Geschlecht verstärkt diskutiert wird. Bei den Osmanen Germania handelt es sich um eine rockerähnliche Gruppierung, welche 2015 von Türkeistämmigen gegründet wurde und aktuell innerhalb des deutschen Rockermilieus eine der am schnellsten wachsenden Gruppierungen ist. Die rockerähnliche Gruppe trat aufgrund gewalttätiger Auseinandersetzungen zu anderen Clubs, monetären Interessen im Rocker-Gewerbe und einer offen türkisch-nationalistischen gelebten Ideologie, bei der eine Nähe zur AKP vermutet wird, medial und politisch in Erscheinung. Die Osmanen Germania zeichnen sich wie Rockerclubs durch ein ausgeprägtes Gruppendenken, das Tragen einer Kutte sowie einer Hierarchie und der dazugehörenden Disziplin samt Regelwerk aus.
Auffallend ist, dass zwischen den beschriebenen homogenisierenden Zuschreibungen des türkischen Männlichkeitsbildes und dem Habitus Türkeistämmiger innerhalb der Osmanen Germania homologe Verflechtungen zu verzeichnen sind. Diese Analogien lassen sich beispielsweise in dem Zusammenhalt, der Hierarchie und dem Ehrgefühl innerhalb des Kollektivs sowie der Gewaltausübung und der männlichen Geschlechtsidentität beobachten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Geschlechtsspezifische Erziehung in der türkischen Gesellschaft
2.1 Der Stellenwert des Mannes in der Familie
2.2 Zum Thema Ehre und Gewalt in türkeistämmigen Familien
3. Zur Subkultur der Rocker und ihrem Männlichkeitsbild am Beispiel der Osmanen Germania
3.1 Zur Subkultur der Rocker
3.2 Zur Entstehung der Osmanen Germania
3.3 Zu den Analogien des tradierten Männlichkeitsbildes in türkischen Familien und dem im Rockerclub der Osmanen Germania
4. Zur Dekonstruktion des Männlichkeitsbildes: Distinktion und gesellschaftliche Zuschreibungen
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Konstruktion von Männlichkeit bei türkeistämmigen Männern unter besonderer Berücksichtigung der rockerähnlichen Gruppierung „Osmanen Germania“. Ziel ist es, Parallelen zwischen tradierten familiären Rollenbildern und dem Habitus dieser Gruppierung aufzuzeigen und diese im Kontext gesellschaftlicher Zuschreibungsmechanismen kritisch zu dekonstruieren.
- Analyse geschlechtsspezifischer Erziehung in türkischen Familien
- Untersuchung der Subkultur der Rocker und der Entstehung der Osmanen Germania
- Vergleich zwischen traditionellen Männlichkeitsidealen und dem Selbstverständnis der Gruppierung
- Kritische Reflexion über gesellschaftliche Stigmatisierung und Orientalisierung
- Dekonstruktion von Machtverhältnissen und Integrationsdiskursen
Auszug aus dem Buch
3.3 Zu den Analogien des tradierten Männlichkeitsbildes in türkischen Familien und dem im Rockerclub der Osmanen Germania
Im Auftreten nach außen beispielsweise in Videos oder Internetauftritten zeichnet sich die Vereinigung besonders durch “harte“ (Hip-Hop) Musik gepaart mit einer aggressiven Bildsprache aus. In diesen Abbildungen, in denen ausschließlich Männer in schwarzen Kutten gezeigt werden, bestehen Analogien zu dem bereits in Kapitel 2.1 beschriebenem Männlichkeitsideal innerhalb der türkischen Gesellschaft. Nach Dienstbühl et al. erfolgt die Darstellung von Stärke und Zusammenhalt in den Videos, auch um Gewaltbereitschaft und einen damit verbundenen Machtanspruch zu demonstrieren (vgl. Dienstbühl/ Chatschadorian S.9). Es lassen sich Ähnlichkeiten zu der nach außen gerichteten Rolle der Männer innerhalb des Familiensystems erkennen.
Diese Demonstration der Stärke wird beispielsweise auch in einer Ankündigung eines Hip-Hop Videos der Osmanen Germania deutlich. Anlehnend an den Namen Osmanen Germania sind in dem Video Krieger mit Schwertern zu sehen, die auf Pferden reiten. Das Video wird mit dem Kommentar eingeleitet: „Krieger, die keine Angst haben für ihre Brüder eine Kugel zu fangen. Wir stehen in diesem Kampf bis die ganze Welt unseren Namen kennt.“ (vgl. Remzi 2015). Somit finden sich die körperliche und psychische Stärke, die als entscheidende Merkmale der Männlichkeit in den Familien betrachtet werden, auch in der Selbstbeschreibung des OGBC wieder. Weiterhin lassen sich in diesen Aussagen Parallelen erkennen hinsichtlich der Bereitschaft, Gewalt einzusetzen und das Lebensumfeld zu verteidigen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in den Diskurs über Geschlechterrollen bei Männern mit türkischem Migrationshintergrund ein und stellt die Relevanz der Osmanen Germania als Untersuchungsobjekt vor.
2. Geschlechtsspezifische Erziehung in der türkischen Gesellschaft: Das Kapitel analysiert traditionelle Wertekodizes, den hohen Stellenwert des Mannes und die Bedeutung von Ehre und Gewalt als Disziplinierungsmittel.
3. Zur Subkultur der Rocker und ihrem Männlichkeitsbild am Beispiel der Osmanen Germania: Dieses Kapitel vergleicht die Strukturen von Rockergruppen mit der Gruppierung der Osmanen Germania und arbeitet Analogien zu traditionellen türkischen Männlichkeitsbildern heraus.
4. Zur Dekonstruktion des Männlichkeitsbildes: Distinktion und gesellschaftliche Zuschreibungen: Die Analyse hinterfragt hierbei orientalistische und kulturalisierende Mechanismen, die den „türkischen Mann“ als das „Andere“ konstruieren und stigmatisieren.
5. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, wonach gewalttätige Männlichkeitsinszenierungen als ein Versuch der Teilhabe an hegemonialer Männlichkeit unter Bedingungen sozialer Ausgrenzung zu verstehen sind.
Schlüsselwörter
Männlichkeit, Osmanen Germania, Migration, Türkei, Rockerkultur, Ehre, Gewalt, Patriarchat, Othering, Orientalismus, Integration, Geschlechterrollen, Identität, Diskurs, Machtstrukturen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Konstruktion von Männlichkeit unter türkeistämmigen Männern und zieht dabei eine Verbindung zwischen traditionellen Familienwerten und dem Auftreten der rockerähnlichen Gruppierung „Osmanen Germania“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind geschlechtsspezifische Sozialisation, das Konzept der Ehre, die Soziologie der Rocker-Subkultur und die Auswirkungen gesellschaftlicher Stigmatisierungsprozesse.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich traditionelle Männlichkeitsideale bei den Osmanen Germania widerspiegeln und welche Rolle gesellschaftliche Zuschreibungsprozesse bei der Ausbildung dieser Gruppenidentität spielen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer diskursanalytischen und kulturwissenschaftlichen Herangehensweise, die Literaturanalysen mit der Betrachtung von medialen Selbstdarstellungen der Gruppe verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Aufarbeitung der Erziehungspraktiken und Ehrkonzepte, eine detaillierte Betrachtung des Rockermilieus sowie einen Vergleich dieser Strukturen mit der Ideologie der Osmanen Germania.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Männlichkeitskonstruktion, Osmanen Germania, Ehre, Migration, Orientalismus, Othering und hegemoniale Männlichkeit.
Welche Rolle spielt der Begriff „namus“ in der Analyse?
„Namus“ wird als zentrales Element verstanden, das die Ehre des Mannes an die sexuelle Reinheit und das Verhalten der Frauen in der Familie bindet und bei den Osmanen Germania als kollektiver Ehrenkodex dient.
Warum wird die nationalistische Ausrichtung der Gruppe als ambivalent bezeichnet?
Die Ambivalenz ergibt sich aus dem Widerspruch zwischen der offiziellen Selbstdarstellung als fürsorglicher Box-Club und der in sozialen Medien zutage tretenden nationalistischen, gewaltorientierten Ideologie.
Wie bewertet der Autor die Gewaltanwendung?
Der Autor legitimiert Gewalt nicht, sondern interpretiert sie als einen reflexiven Versuch von Männern, sich in einem gesellschaftlichen Umfeld, das ihnen anerkannte Teilhabe erschwert, eine identitätsstiftende, virile Männlichkeit zu sichern.
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- Helge Schumacher (Author), 2018, Männlichkeitskonstruktionen Türkeistämmiger anhand der Rockergruppe "Osmanen Germania", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1012552