Nibelungischer Dietrich von Bern. Passiver Heros oder Feigling?


Hausarbeit, 2020

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1.Einleitung
1.1. Nibelungischer Dietrich von Bern-Feigling oder passiver Heros?
1.2. Vorgehensweise

2. Hauptteil
2.1. Wer ist ‚Dietrich von Bern‘?
2.2. Nibelungische Dietrichdichtung
2.3. Der mittelhochdeutsche Heros
2.4 Dietrich der pragmatische Held

3. Fazit

4. Anhang

1.Einleitung

1.1. Nibelungischer Dietrich von Bern-Feigling oder passiver Heros?

Dietrich von Bern scheint zu weich für die erbarmungslose Welt des Nibelungenliedes zu sein. Unter heroischen Helden wie Hagen oder Siegfried fällt er negativ auf, da eher einen für Helden eher untypischen Charakter besitzt, denn der vermeintliche Held meidet die Gewalt und das Kämpfen.1

Dementsprechend stellt sich die Frage, ob der ‚nibelungische‘ Dietrich von Bern ein ‚Feigling‘ oder ‚passiver Heros‘ sei.

Oft wirkt es so, als ob Dietrich sich schlichtweg nicht traut, gegen die anderen Helden zu kämpfen, wodurch sich durchaus sein Status als Heros anfechten lässt.2

Andererseits vermittelt Dietrich das Gefühl, dass er lediglich kein Interesse daran hat, sich in einen sinnlosen Kampf zu stürzen.3

In der Forschung der ‚aventiurehaften Dietrichepik‘4 wird Dietrich häufiger für sein untypisches Verhalten als Heros kritisiert. Besonders interessant ist dies im Kontext des Nibelungenliedes, da sich dieses untypische Verhalten hier besonders stark im Vergleich zu den Helden Hagen, Gunther, Dankwart und viele mehr zeigt.5

1.2. Vorgehensweise

Zu Beginn wird die Figur des ‚Dietrich von Bern‘ eingeführt, indem seine historische Entsprechung sowie die Sagenfigur vorgestellt werden.

Anschließend wird beschrieben, wie das Nibelungenlied entstanden ist und wovon es inhaltlich handelt.

Darauffolgend wird geklärt, ob das Nibelungenlied zur ‚historischen oder aventiurehaften Dietrichepik‘6 gehört.

Zudem werden Dietrichs Rollen im Nibelungenlied gedeutet sowie mit den Konventionen eines mittelalterlichen Heros verglichen und anhand dessen beurteilt, ob er ein ‚Feigling‘ oder ein ‚passiver Heros‘ sei.

Des Weiteren wird herausgearbeitet, dass Dietrich von Bern eine andere Art Held verkörpert und wie dies zu begründen ist.

Schlussendlich werden die erlangten Ergebnisse zusammengefasst und sodann die Forschungsfrage beantwortet. Außerdem werden die Ergebnisse in einen größeren Forschungskontext eingeordnet sowie Ausblicke für weitere Forschungsmöglichkeiten gegeben.

2. Hauptteil

2.1. Wer ist ‚Dietrich von Bern‘?

2.2.1. ‚Theoderich der Große‘-Dietrichs historische Entsprechung

‚Theoderich der Große‘7 (451-526) bildet die historische Entsprechung der Figur des Dietrichs von Bern. Zwar leben die beiden Charaktere in verschiedenen Welten, jedoch lassen sich trotzdem Parallelen ausfindig machen.

In seiner Jugend wurde Theoderich, Sohn des Ostgotenkönigs, für ein Jahrzehnt nach Byzanz verschleppt und als Geisel genommen (459-469).8

Im Jahre 474 übernahm Theoderich der Große das Königtum seines Vaters nach dessen Tod und strebte die Herrschaft Italiens an.9

Odoaker, damaliger Herrscher Italiens, wurde 493 von Theoderich erschlagen, wodurch Theoderich Italien eroberte. Italien profitierte von diesem Machtwechsel in Form von ‚politischer Stabilität, wirtschaftlicher Prosperität und kultureller Blüte‘.10

Mithilfe seiner ‚intensiven Bündnispolitik‘11 versuchte Theoderich Burgunden, Franker, Vandalen und Thüringer in seinen Bann zu ziehen.

Theoderich, der in Ravenna residierte, starb 526 nach Konflikten mit römischen Oppositionellen.12

2.1.2. Dietrich von Bern-Die Sagenfigur

2.1.2.1. ‚Die Thidrekssaga‘-Dietrichs Lebensgeschichte

Die ‚Thidrekssaga‘13 ist eine ‚altnordische Heldensagenkompilation‘14, die um das 13. Jahrhundert entstand. Den Fokus der ‚Heldensagensumme‘15 bietet das Lebensbild Thidreks, welcher stellvertretend für Dietrich steht.

Thidrek wird als Sohn Thetmars geboren und wird nach dem Tod seines Vaters zum Herrscher Berns ernannt.16

Zuflucht und Exil findet der vertriebene Berner bei Attila, dem Hunnenkönig, welchem er treu und hilfsbereit zur Seite steht.17

Attila heiratet erneut und wird Griemhilds Mann, welche ihre Brüder die Niflungen einlädt. Die Situation eskaliert und endet in Ermordung und Rache, obwohl Thidrek versucht hatte, die beteiligten Parteien zu warnen.18

Thidrek versucht nach den Kriegen seine Herrschaft zurückzuerlangen und das Exil zu verlassen.19

2.2. Nibelungische Dietrichdichtung

2.2.1. Entstehung des Nibelungenliedes

‚Das Nibelungenlied‘20 ist eins der bekanntesten und meistdiskutierten Werke der germanischen Heldenepik. Das Heldenepos ist in mehreren Fassungen der Nibelungenstrophen überliefert.21 Die ‚Nibelungen‘22 sind in diesem Fall die Burgunden, welche durch das Werk begleitet werden.

Typischerweise gibt es keinen Autor für das anonyme Heldenepos, jedoch wird davon ausgegangen, dass das Nibelungenlied um das zwölfte Jahrhundert in der Nähe von Passau verfasst wurde.23 Alle Handschriften des Werkes sind in 39 sogenannte ‚Aventiuren‘24 eingeteilt, welche eben Erzählabschnitte darstellen.

2.2.2. Was passiert im Nibelungenlied?

Die Fassung B des Nibelungenliedes ist in diesem Kontext die relevante Fassung.

Das Nibelungenlied ist inhaltlich in zwei Teile unterteilt, wobei im ersten Teil ‚Siegfrieds Tod‘25 (Aventiure 1-18/19) angesprochen wird und im zweiten Teil der ‚Burgundenuntergang‘26 (Aventiure 20-39) im Fokus steht. Zwischen dem ersten und dem zweiten Teil liegen 13 Jahre.

Der erste Teil des Nibelungenliedes beginnt mit Brautwerbungen (Aventiure 1-11), aber zunächst werden Kriemhild und Siegfried vorgestellt. Im weiteren Verlauf wird Siegfrieds Werbung um Kriemhild dargelegt.27

Anschließend wird Günthers betrügerische Werbung um Brünhild und die damit einhergehende Rolle Siegfrieds als Werbungshelfer ausgemalt. Darauf folgt die Hochzeit der beiden Paare.28

Weitergehend befasst sich der erste Teil des Nibelungenliedes mit der Ermordung Siegfrieds (Aventiure 12-18). Ein Konflikt zwischen den beiden Königinnen Kriemhild und Brünhild (Aventiure 12-14) löst aus, dass Siegfried im Wald von den Burgunden ermordet wird (Aventiure 15-18).29

Im Anschluss daran wird der ‚Nibelungenhort‘ 30 Kriemhilds von Hagen gestohlen (Aventiure 19).

Im zweiten Teil des Nibelungenliedes wird, wie bereits erwähnt, der Untergang der Burgunden angesprochen (Aventiure 20-39).31

Zunächst werden die Geschehnisse vor dem Untergang angeschnitten, denn Kriemhild heiratet den Hunnenkönig Etzel (Aventiure 20-22). Die Burgunden werden ins Hunnenreich eingeladen und bewältigen auf ihrer Reise einige Hindernisse (Aventiure 23-27).32

Schlussendlich wird der Untergang der Burgunden ausführlich thematisiert (Aventiure 28-39), wobei zu beachten ist, dass Dietrich von Bern, vor allem in dieser Passage, eine signifikante Rolle spielt, da er ein bedeutender Handlungsträger ist.33

2.2.3. ‚Aventiurehafte oder historische Dietrichdichtung‘?

Die ‚aventiurehafte Dietrichepik’34 erzählt von Dietrichs Abenteuern, also von seinen Aventiuren, denn als Held kämpft Dietrich von Bern mit ‚Riesen, Zwergen und anderen Helden‘.35

Dennoch sollte beachtet werden, dass diese Abenteuer und Überlieferungen keine historischen Hintergründe nachweisen.

Die ‚historische Dietrichepik‘36 hingegen modifiziert die Geschichte des historischen Vorbildes Theoderich. Die dreißigjährige Herrschaft des Königs Theoderich wird durch das dreißigjährige Exil beim Hunnenkönig Etzel ersetzt.37

Anhand dieser Erläuterungen ist demnach festzustellen, dass das Nibelungenlied eher zur aventiurehaften Dietrichepik gezählt werden kann, da nicht Dietrich von Berns Flucht und das damit einhergehende Exil thematisiert wird, sondern diese Motive bereits vorausgesetzt werden.38

Außerdem spricht die Tatsache, dass Dietrich gegen die ‚Burgundshelden‘ kämpft, ebenfalls für die Zuordnung zur aventiurehaften Dietrichepik, da diese eben von seinen Aventiuren als Held berichtet.39

2.2.4. Welche Rolle spielt Dietrich von Bern im Nibelungenlied?

2.2.4.1. Dietrich als vorbildlicher Vermittler

Dietrich beweist sich vor allem vor dem Untergang der Burgunden als vorbildlicher Vermittler zwischen den konfliktären Parteien.

Kriemhilds Plan, sich an den Burgunden zu rächen, indem sie die Burgunden ins Hunnenreich einlädt, zieht in Erwägung, Hilfe von Dietrich von Bern zu beanspruchen, dieser jedoch lehnt empört ab, da er kein Interesse an jeglichen Racheplänen hat. Außerdem warnt er die Burgunden bei ihrer Ankunft vor den Racheplänen Kriemhilds.40

Des Weiteren versucht der Held die eskalierende Situation im Festsaal der Hunnen aufzuhalten, indem er zur Vernunft aufruft, jedoch ohne Erfolg. Dennoch konnte er nach Verhandlungen mit Dankwart das hunnische Königspaar aus dem Saal retten und marschiert mit ihnen und seinen Gefolgsleuten aus dem Saal. Auch hier versucht Dietrich die Situation mit Worten statt mit Gewalt zu lösen, jedoch wird er in diesem Versuch allein gelassen.41

Wichtig zu erwähnen ist, dass Dietrich von Bern seinen Gefolgsleuten ausdrücklich verbietet zu kämpfen und sie darum bittet, sich von der eskalierenden Situation im Festsaal fernzuhalten.42

Ein weiteres Mal versucht Dietrich, das Gespräch mit den Burgunden zu suchen. Nach dem Tod seines treuen Gefährten Rüdigers sieht Dietrich sich dazu gezwungen, den Kampf mit den Burgunden einzugehen, dennoch bietet er ihnen vor der endgültigen Katastrophe an, sie zu schützen, wenn sie seine Geiseln werden. Doch erneut scheitert Dietrich von Bern daran, den heroisch determinierten Untergang aufzuhalten.43

‚Friedensliebe und Integrität‘44 waren Motive, die auch in Theoderichs Leben eine zentrale Rolle gespielt haben, denn nach der Eroberung Italiens versuchte er, wie bereits angeschnitten, Stabilität und Frieden herzustellen.45

Zusammenfassend lässt sich die Behauptung aufstellen, dass Dietrich eine Art Vorbildfunktion einnimmt, da er immer wieder versucht, alternative Lösungen durchzusetzen, um der Gewalt und dem ‚Gemetzel‘ ein Ende zu setzen.46

[...]


1 Vgl.Das Nibelungenlied. Nach der Handschrift B herausgegeben von Ursula Schulze. Ins Neuhochdeutsche übersetzt und kommentiert von Siegfried Grosse. Stuttgart 2019, Stph. 2324.

2 Vgl. ebd. Stph. 2326.

3 Vgl. ebd. Stph. 1898.

4 Lienert Elisabeth: Mittelhochdeutsche Heldenepik. Eine Einführung, Berlin 2015 (Grundlagen der Germanistik 58), S.117.

5 Vgl.Das Nibelungenlied. Nach der Handschrift B herausgegeben von Ursula Schulze. Ins Neuhochdeutsche übersetzt und kommentiert von Siegfried Grosse. Stuttgart 2019.

6 Ebd. S. 99-117.

7 Heinzle, Joachim: Einführung in die mittelhochdeutsche Dietrichepik, Berlin/New York 1999, S. 2ff.

8 Vgl. ebd. S. 3.

9 Vgl. ebd. S. 3f.

10 Ebd. S. 3f.

11 Ebd. S. 4.

12 Vgl. ebd. S. 4.

13 Lienert Elisabeth: Mittelhochdeutsche Heldenepik. Eine Einführung, Berlin 2015 (Grundlagen der Germanistik 58), S.97.

14 Ebd. S.97.

15 Ebd. S. 97.

16 Vgl. ebd. S. 97.

17 Vgl. ebd. S. 98.

18 Vgl. ebd. S. 98.

19 Vgl. ebd. S. 98.

20 Das Nibelungenlied. Nach der Handschrift B herausgegeben von Ursula Schulze. Ins Neuhochdeutsche übersetzt und kommentiert von Siegfried Grosse. Stuttgart 2019.

21 Vgl. Lienert Elisabeth: Mittelhochdeutsche Heldenepik. Eine Einführung, Berlin 2015 (Grundlagen der Germanistik 58), S.32.

22 Ebd. S. 32.

23 Vgl. ebd. S. 32.

24 Lienert Elisabeth: Mittelhochdeutsche Heldenepik. Eine Einführung, Berlin 2015 (Grundlagen der Germanistik 58), S.36.

25 Lienert Elisabeth: Mittelhochdeutsche Heldenepik. Eine Einführung, Berlin 2015 (Grundlagen der Germanistik 58), S.36.

26 Vgl. ebd. S. 36.

27 Vgl. ebd. S.36.

28 Vgl. ebd. S. 37.

29 Vgl. ebd. S.37.

30 Ebd. S. 42.

31 Vgl. ebd. S. 36.

32 Vgl. ebd. S. 36.

33 Vgl. ebd. S.45f.

34 Lienert Elisabeth: Mittelhochdeutsche Heldenepik. Eine Einführung, Berlin 2015 (Grundlagen der Germanistik 58), S.117.

35 Ebd. S.117.

36 Ebd. S. 99.

37 Vgl. ebd. S. 99.

38 Vgl. ebd. S. 98.

39 Vgl. ebd. S. 52.

40 Vgl. Das Nibelungenlied. Nach der Handschrift B herausgegeben von Ursula Schulze. Ins Neuhochdeutsche übersetzt und kommentiert von Siegfried Grosse. Stuttgart 2019, Stph. 1745.

41 Vgl. Das Nibelungenlied. Nach der Handschrift B herausgegeben von Ursula Schulze. Ins Neuhochdeutsche übersetzt und kommentiert von Siegfried Grosse. Stuttgart 2019, Stph. 1984.

42 Vgl. ebd. Stph. 1871.

43 Vgl. ebd. Stph. 2348.

44 Lienert Elisabeth: Die ‚Nibelungenklage‘ als Dietrichdichtung. In: 13. und 14. Pöchlarner Heldenliedgespräch. Die Nibelungenklage. Rüdiger von Bechelaren. Hg. von Johannes Keller/Florian Kragl/Stephan Müller, Wien 2019 (Philologica Germania 39), S.96.

45 Vgl. ebd. S. 96.

46 Vgl. Toepfer, Regina: Spielregeln für das Überleben. Dietrich von Bern im ‚Nibelungenlied‘ und in der ‚Nibelungenklage‘, In: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 141 (2012), S.316.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Nibelungischer Dietrich von Bern. Passiver Heros oder Feigling?
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
17
Katalognummer
V1012712
ISBN (eBook)
9783346409355
ISBN (Buch)
9783346409362
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dietrich von Bern, Mediävistik, Nibelungenlied, Heros, Mittelalter, passiv, Feigling, Zauderer, pragmatischer Held
Arbeit zitieren
Lania Ali (Autor), 2020, Nibelungischer Dietrich von Bern. Passiver Heros oder Feigling?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1012712

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