Fleisch und Diktatur. Warum war die fleischfreie Ernährung im NS von Bedeutung?


Hausarbeit, 2015

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Der Führer als Vorbild – Hitlers Vegetarismus
1.1 Gründe für und Ansichten über fleischfreie Ernährung
1.2 Hitlers Ernährung und die Folgen für das System

2. Fleischkonsum im Nationalsozialismus
2.2 Vegetarismus im Dritten Reich
2.3 Die Entwicklung des Fleischkonsums

3. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Hitler war ja schließlich auch Vegetarier!“

Dieses Argument gehört man gelegentlich in Diskussionen zwischen Vegetariern und Fleischessern, es gilt oft als eine Art Totschlagargument gegen fleischlose Ernährung, auch wenn es selten mit voller Ernsthaftigkeit vorgetragen wird. Doch die Frage nach Fleisch als Nahrungsmittel in der Zeit von 1933 bis 1945 ist durchaus eine interessante und berechtigte. In einer Zeit, in der nahezu jeder Lebensaspekt in der einen oder anderen Form ideologisiert wurde, erscheint die Frage nach Ernährungsgewohnheiten und -ansichten nicht abwegig. War Adolf Hitler denn, wie so oft postuliert wird, wirklich Vegetarier? Worin lag sein (vermeintlicher) Vegetarismus begründet und welche Folgen hatte dies für das politische System insgesamt? Und wie war es tatsächlich um den Fleischkonsum innerhalb der Bevölkerung bestellt?

Genau darum soll es in dieser Modularbeit gehen: Fleischessen in Deutschland zwischen 1933 und 1945. Zunächst wird dabei im ersten Teil ein Blick auf den obersten Führer geworfen. Dass Hitler mit fleischloser Ernährung kokettierte, ist hinreichend bekannt. Im Folgenden werden jedoch auch seine Gründe und Ansichten diesbezüglich näher erläutert. Hitler selbst gab einige interessante Einsichten in seine Vorstellungen von korrekter Ernährung preis.

Im zweiten und umfangreicheren Teil geht es vor allem um die Bevölkerung. Zunächst wird erläutert, wie die nationalsozialistische Führung versuchte, die Ernährungsgewohnheiten und den Konsum allgemein, selbstverständlich mit besonderem Blick auf den Fleischkonsum, zu lenken. Danach wird es um die Situation der organisierten Vegetarier im Dritten Reich gehen. Besonders hervorgehoben wird hier noch einmal die Stellung der sogenannten Lebensreformbewegung. Der zweite Teil endet mit einer Auswertung von Statistiken zum Fleischverbrauch und beantwortet damit die Frage, ob es der nationalsozialistischen Führung gelang, den Konsum in ihrem Interesse zu verändern und ob und inwiefern der Krieg den Verbrauch drosselte.

Die Modularbeit schließt mit einer Zusammenfassung der gewonnen Erkenntnisse.

1. Der Führer als Vorbild – Hitlers Vegetarismus

In einem so stark hierarchisch aufgebauten politischen System wie dem Nationalsozialismus fungieren für die durchschnittliche Bevölkerung die obersten Machthaber freilich als Vorbilder, an denen es sich zu orientieren galt. Das Bild Hitlers als asketisch lebender Mann, der allen Lastern dieser Welt entsagt, von Tabak über Alkohol, Fleisch, Frauen und Luxus, wurde größtenteils von Joseph Goebbels konstruiert und propagiert.1 Hitler wurde so als willensstarker Mann mit Blick für das Wesentliche im Leben dargestellt, eine Abgrenzung von und zugleich ein Vorbild für den Durchschnittsmann. Dass diese Darstellung des enthaltsam lebenden Führers nicht der Realität entsprach, ist relativ unbestritten.2 Während Hitlers Vorliebe für Süßspeisen keiner weiteren Klärung bedarf, bleibt die Frage nach seinem Fleischkonsum relativ offen. Hier existieren verschiedene Ansichten, welche von striktem Vegetarier bis gemäßigtem Fleischesser reichen. Doch welche Gründe gab es für Hitlers augenscheinlich eingeschränkten Fleischkonsum?

1.1 Gründe für und Ansichten über fleischfreie Ernährung

Laut Otto Wagener und der Haushälterin Anni Winter soll Hitler im September 1931 nach dem Tod seiner Nichte Geli Raubal beschlossen haben, Vegetarier zu werden. Jedoch schränkte er wohl bereits nach seiner Entlassung aus der Festungshaft in Landsberg 1924 seinen Fleischkonsum ein.3

Zu seinem Fleischkonsum sagte Hitler selbst:

Ich habe die Erfahrung gemacht, daß Fleisch und Alkohol meinem Körper schaden. Und ich bin entschlossen, die erforderliche Willenskraft aufzubringen, auf beides zu verzichten, so gern ich es auch genieße.4

Robert PAYNE, ein anderer Hitlerbiograf, betont jedoch dessen Vorliebe für bayrische Würste.5 Dokumentiert ist, dass Hitler auch in seiner ‚vegetarischen‘ Zeit weiterhin Leberknödel aß.6 Er war somit aus heutiger Sicht kaum als ‚echter‘, d.h. strikter Vegetarier anzusehen. Ebenso unterscheidet sich seine Motivation von der der heutigen Vegetarier, welche in überwiegender Zahl den Fleischkonsum aus moralischen Gründen ablehnen. Hitler dagegen lehnte den Fleischkonsum größtenteils aus (vermeintlich) gesundheitsfördernden Gründen ab.

Seine Gedanken zum Thema fleischlicher Ernährung tat er bei passenden Gelegenheiten immer wieder kund. Seine Aussagen und Ansichten dazu unterscheiden sich dabei seit Beginn der Machtergreifung bis zum Tod kaum voneinander. Laut Hitler sei der Mensch ursprünglich Vegetarier gewesen und habe wesentlich länger gelebt als in modernen Zeiten. Der Übergang zum gekochten Essen sei ein Rückschritt gewesen. Er verweist dabei darauf, dass kein anderes Lebewesen seine Nahrung durch Erhitzen sterilisiere. Nahezu sämtliche Kulturkrankheiten seien dabei auf das Fehlen von Rohkost zurückzuführen und Krebs nur eine logische Folge von entarteter Ernährung. Pflanzenfresser seien seiner Meinung nach den Fleischfressern immer überlegen, sowohl im Tier-, als auch im Menschenreich. Durch seine (nahezu) fleischfreie Ernährung fühle Hitler sich entschlackt und allgemein vitaler.7

Der Werdegang Hitlers zum Fleischverweigerer ist dabei durchaus einen Blick wert. Laut Jugendfreund Kubizek war Hitler als junger Mann zwar kein Vegetarier, habe jedoch Mehlspeisen stets fleischhaltiger Nahrung vorgezogen.8

Die wirkliche Wende hin zur nahezu fleischlosen Ernährung ist wohl auf die Entlassung aus der Landsberger Haft zu datieren. Als Hitler aus der Haft entlassen wurde, soll er Übergewicht gehabt haben, die Haft war für ihn zum ersten Mal eine Zeit im Leben, in der er Essen im Überfluss besaß. Um sein Übergewicht zu reduzieren, beschloss er auf Fleisch und Alkohol zu verzichten. Sein reduzierter Fleischkonsum war also zunächst auf rein pragmatischer Ebene begründet. Nach seinen positiven Erfahrungen mit fleischloser Ernährung wandelte sich seine pragmatische Einstellung zu einer dogmatischen, welche später in völkischen und sozialdarwinistischen Ansichten zum Tragen kam. Interessant ist hierbei jedoch, dass Hitler seinen Vertrauten keine Ernährungsvorschriften zu machen schien, wenngleich die eine oder andere spöttische Bemerkung nicht ausblieb. Seine vegetarische Kost ließ er, wenn möglich, der fleischhaltigen bei gesellschaftlichen Anlässen optisch anpassen. Hitler schränkte seine Ernährung im Laufe der Zeit immer weiter ein, Grund waren vermeintliche Unverträglichkeiten. Sein Speiseplan wurde zum Ende hin immer karger, was auch seine Mitmenschen registrierten.9

Insgesamt betrachtet war Hitler strenggenommen kein strikter Vegetarier, jedoch dennoch ein Extremist in Ernährungsfragen. Seine eigenen Ansichten waren ihm dabei stets wichtiger als ärztliche Ratschläge.10

Sein Ernährungszustand war jedoch insgesamt gut:

Abschließend geht das ärztliche Urteil dahin, daß die wirklich absonderlich gestaltete und nicht unwesentlich auf Hitlers Verlangen nach seiner jeweiligen Befindlichkeit ständig modifizierte vegetarische Diätkost, doch im Großen und Ganzen, wenn auch in größtem Maße einseitig, so doch ernährungsphysiologisch ausreichend war. Hitlers Ernährungszustand war bis Ende September 1944 als gut anzusprechen; seine schließliche Verschlechterung war Krankheitsfolge […].11

1.2 Hitlers Ernährung und die Folgen für das System

Vor dem Hintergrund, dass der oberste Herrscher als Identifikationsfigur und Vorbild eine extreme Linie bezüglich der eigenen Ernährung fuhr und zudem noch durch die Propaganda als asketisch lebender Mann mit Blick für die wichtigen Dinge stilisiert wurde, stellt sich die Frage, inwiefern dieses Auswirkungen auf die Bevölkerung hatte.

Zunächst einmal war sich Hitler des ‚Problems‘ bewusst, dass die Bevölkerung viel Fleisch aß und auf dieses nur ungern verzichten wollte. So musste er konstatieren, dass der Nationalsozialismus nicht durchsetzbar gewesen wäre, wenn er Fleischkost verboten hätte. Jedoch hatte er wohl Pläne diesen Missstand nach dem Krieg beheben zu wollen. Ebenfalls großer Anhänger von fleischfreier Ernährung war Heinrich Himmler, welcher fortwährend versuchte, die Männer der Waffen-SS zu Vegetariern, Nichtrauchern und Alkoholabstinenzlern zu machen.12

Doch wie sah es nun mit der Vorbildfunktion des Führers aus? Laut den Ernährungsämtern und ärztlichen Prüfungsstellen beanspruchten 1942 lediglich 30.000 Zivilpersonen die vegetarische Alternative zur Wochenration Fleisch. Es ist zwar der Führungsriege zu verdanken, dass überhaupt eine vegetarische Alternative angeboten wurde, dennoch rechnete man mit deutlich mehr Anträgen.13 Es drängt sich daher die Schlussfolgerung auf, dass Hitlers Vorbildfunktion zumindest in Ernährungsangelegenheit nicht die erhoffte Wirkung erzielte. Freiwillig bekannten sich jedenfalls nur wenige Bürgerinnen und Bürger in Kriegszeiten zum Vegetarismus.

2. Fleischkonsum im Nationalsozialismus

Doch wie war tatsächliche Ernährungssituation im Nationalsozialismus und welche Rolle spielte vor allem Fleisch dabei? Welche Unterschiede gab es innerhalb der zwölf Jahre? Welche Ansichten herrschten vor, welche Gesetze wurden erlassen und welche Statistiken können hierbei Aufschluss geben?

2.1 Die Eiweißlücke

Aufgrund der katastrophalen Ernährungssituation während des Ersten Weltkriegs wurde sehr bald nach der Machteroberung das Reichsnährstandgesetz am 13. September 1933 verabschiedet. Mit diesem Gesetz wurden nahezu die gesamte Lebensmittelproduktion und die Verteilung der Lebensmittel gleichgeschaltet.14

Mit der Idealisierung der sogenannten Volksgemeinschaft ging auch eine Ideologisierung der Ernährung als Teil der rassischen Gesundheitspolitik einher. Ernährung war nun, wie die Gesundheit allgemein, nicht mehr Angelegenheit des Individuums, sondern des gesamten Volkes. Ein einzelner Bürger, der seine Gesundheit leichtsinnig riskiere, schade damit nicht nur sich selbst, sondern auch dem deutschen Volk. Die Gleichschaltung der Lebensmittelwirtschaft war Teil der Autarkieplanung. Im Idealfall wollte man im Krieg unabhängig von Importen aus dem Ausland sein, sollte es zu Blockaden kommen. Um die Autarkiebestrebungen jedoch auch tatsächlich realisieren zu können, waren zweierlei Dinge notwendig: Erstens eine Umstellung der vorherrschenden Landwirtschaft, wofür die Gleichschaltung zwingend nötig war. Und zweitens eine Anpassung des Konsums an die Versorgungsmöglichkeiten, die die Agrarflächen des Deutschen Reiches zu dieser Zeit hergaben, die sogenannte Verbrauchslenkung.15

Staatliche Ernährungspolitik gestaltete sich jedoch, damals wie heute16, als schwieriges Unterfangen, was den führenden Politikern im Nationalsozialismus auch bewusst gewesen sein dürfte. Bestehende Ernährungsgewohnheiten und -traditionen innerhalb der Bevölkerung sind nur schwer veränderbar, zudem handelte es sich aufgrund der desaströsen Versorgungslage während des Ersten Weltkriegs um ein sensibles Thema. Einer Analyse von Hans Weiss, Leiter der Arbeitsgemeinschaft Wehrpsychologie der Deutschen Gesellschaft für Wehrpolitik und Wehrwissenschaften, zufolge, wäre das Reich in der Lage sich selbstständig mit Kohlenhydraten in ausreichender Menge zu versorgen, nicht jedoch mit Eiweiß und Fett bei gleichbleibendem Verbrauch. Um diese sogenannte Fett- und Eiweißlücke zu schließen, mussten also Maßnahmen im Konsum der Bevölkerung ergriffen werden. Das Defizit in der Fettversorgung sollte durch erhöhte Kohlenhydratzufuhr kompensiert werden, vor allem durch Zucker. Dafür sollte verstärkt Werbung für Marmelade statt Wurst gemacht werden. Als wesentlich schwieriger und zugleich für die Fragestellung dieser Arbeit relevanter stellt sich die Problematik der mangelnden Versorgung mit Protein heraus. Die Schließung der Eiweißlücke sollte vorrangig durch eine Verlagerung des Konsums von tierischen (Milch, Milchprodukte, Fleisch) zu pflanzlichen eiweißhaltigen Speisen erfolgen. Hier sah man enormes Einsparungspotenzial, wenn der Körper des Tieres umgangen und die pflanzliche Kost statt als Futtermittel direkt an den Menschen gelangen würde.17

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Fleisch und Diktatur. Warum war die fleischfreie Ernährung im NS von Bedeutung?
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Geschichte - Friedrich Meinecke-Institut)
Veranstaltung
Mensch-Tier-Beziehungen in der Zeitgeschichte
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
15
Katalognummer
V1012715
ISBN (eBook)
9783346409294
ISBN (Buch)
9783346409300
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nationalsozialismus, Hitler, Fleisch, Vegetarismus, Tiere, Propaganda, Nahrung, Drittes Reich
Arbeit zitieren
Markus Trautwein (Autor:in), 2015, Fleisch und Diktatur. Warum war die fleischfreie Ernährung im NS von Bedeutung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1012715

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