Medizinische Rehabilitation. Psychische Komorbidität bei somatischen Erkrankungen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2021

38 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Psychische Komorbidität bei somatisch chronischen Erkrankungen

3 Psychologische Diagnostik bei somatisch chronischen Erkrankungen
3.1 Methodische Grundlagen und Messverfahren
3.2 Strukturierte Umsetzung mit einem diagnostischen Stufenplan
3.3 Diagnostische Methoden zur Erfassung beruflicher Problemlagen
3.4 Gesundheitspsychologische Diagnostik

4 Psychologische Diagnostik und Indikationsstellung anhand eines Fallbeispiels in der orthopädischen Rehabilitation
4.1 Darstellung des Fallbeispiels
4.2 Diagnostik psychischer Belastungen und Störungen mit einem Stufenplan
4.3 Diagnostik beruflicher Problemlagen
4.4 Gesundheitspsychologische Diagnostik

5 Diskussion

6 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Online-Literaturverzeichnis

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

AHB Anschlussheilbehandlung

BMI Body Mass Index

DIPS Diagnostisches Interview bei psychischen Störungen

DSM Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders

FCE Functional Capacity Evaluation

FREM Fragebogen zur Erfassung rehabilitationsbezogener Erwartungen und Motivation

GHQ General Health Questionnaire

HADS-D Hospital Anxiety and Depression Scale

ICD International Statistical Classification of Diseases

ICF International Classification of Functioning, Disability and Health

LAST Lübecker Alkoholismus Screening Test

LTA Leistung zur Teilhabe am Arbeitsleben

MASK-P Multiaxiale Schmerzklassifikation – Psychosoziale Diagnosen

MBOR Medizinisch-beruflich orientierte Rehabilitation

PHQ Patient-Health-Questionnaire

POMS Profile of Mood States

SIBAR Screening-Instrument für Beruf und Arbeit in der

Rehabilitation

SIMBO Screening-Instrument zur Erkennung des Bedarfs an medizinisch-beruflich orientierter Rehabilitation

SOMS Screening für somatoforme Störungen

WCCL Ways of Coping Checklist

WHO World Health Organization

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Beispiele für Screeninginstrumente zur Diagnostik komorbider psychischer Belastungen bei somatisch Erkrankten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Schema des diagnostischen Stufenplans

1 Einleitung

Die medizinische Rehabilitation verfolgt zum einen das Ziel, die Progredienz einer Erkrankung und ihre Folgen zu vermeiden. Zum anderen engagiert sie sich dafür, das Empowerment der Rehabilitanden so zu gestalten, dass sie mit ihren eigenen individuellen Fähigkeiten eine bestmögliche Teilhabe und Integration sowohl in der Gesellschaft als auch im Erwerbsleben erreichen.

Es geht folglich nicht vorrangig um die Wiederherstellung von Gesundheit, sondern um die Art und Weise, wie mit Beeinträchtigungen umgegangen wird. Die Rolle der psychologischen Arbeit in diesem Fachbereich ist deshalb von großer Bedeutung, weil etwa jeder fünfte Patient der medizinischen Rehabilitation mindestens eine psychische Störung aufweist (Haaf, 2017, S. 3).

Ob Patienten eine solche komorbide Beeinträchtigung entwickeln, hängt von mehreren Faktoren ab. Neben den genetischen Dispositionen und soziodemografischen Variablen (z. B. das Geschlecht und der soziale Status) existieren Risikofaktoren, die besser zu beeinflussen sind. Hierzu gehören bspw. die Psychoedukation, die Selbstwirksamkeitserwartung des Patienten oder effektive Coping-Strategien. Um etwaige Schwachstellen zu erkennen, muss ihre Diagnostik durch sehr gut geschultes und spezialisiertes Personal durchgeführt werden. Auf diese Weise können auf die individuelle Situation abgestimmte Beratungs- und Therapiekonzepte konzipiert werden. Welche methodischen Grundlagen und Verfahren hierfür geeignet sind, wird im theoretischen Teil der Arbeit beschrieben. Anschließend findet eine Abgrenzung der unterschiedlichen Diagnostikbereiche statt. Dabei werden beispielhaft evidenzbasierte Screeninginstrumente benannt und erläutert.

Im praktischen Teil wird das Ziel der Arbeit, die Durchführung der psychologischen Diagnostik in der medizinischen Rehabilitation und die daraus resultierende Indikationsstellung, anhand eines Fallbeispiels demonstriert. Aufgrund der Vielfalt von Testmöglichkeiten wurden anhand des Fallbeispiels begründet Schwerpunkte gesetzt. Mit welchen besonderen Herausforderungen die psychologische Diagnostik bei somatisch erkrankten Patienten konfrontiert ist, wird anschließend erörtert, bevor eine kritische Reflexion des gezeigten Vorgehens stattfindet. Die Ergebnisse und ein kurzer Ausblick runden die Arbeit ab.

2 Psychische Komorbidität bei somatisch chronischen Erkrankungen

Unter Komorbidität versteht man zunächst das „Vorhandensein von mehr als einer Störung bei einer Person in einem definierten Zeitraum“ (Härter/Baumeister, 2007, S. 2). Die Komorbidität kann zwischen somatischen Erkrankungen (bspw. Diabetes mellitus und Arthrose) auftreten, sie kann zwischen zwei psychischen Erkrankungen (bspw. Angsterkrankung und Depression) in Erscheinung treten und sie kann zwischen einer somatischen und einer psychischen Erkrankung (bspw. Schmerzsyndrom und Depression) Ausdruck finden, wie es Gegenstand dieser Hausarbeit ist.

Im Zuge der besonderen Belastungen bei chronischen Erkrankungen und deren Folgen ist es naheliegend, dass sich die Stressoren auch psychisch niederschlagen können. So weist die genannte Patientengruppe ein ca. 1,5 bis 2fach erhöhtes Risiko gegenüber gesunden Personen auf, neben der somatischen Erkrankung gleichzeitig eine psychische Störung zu entwickeln (Baumeister/Jahed/Vogel/Härter/Barth/Bengel, 2014, S. 16). Liegen mehr als zwei körperliche Erkrankungen vor, steigt das Risiko für eine psychische Störung abermals an.

Prekär sind komorbide psychische Störungen v. a. deshalb, weil sie die Morbidität und die Mortalität erhöhen und zu einer Chronifizierung der Krankheit beitragen. Zudem reduzieren sie die Compliance und Adhärenz und senken aufgrund der langfristigen Verschlechterung des Gesundheitszustandes die Lebensqualität der Betroffenen. Neben den gesundheitlichen Interessen ist es auch im Sinne der Ökonomie, psychische Komorbidität festzustellen, denn sie verlängern die (stationäre) Behandlungsdauer und verursachen zusätzliche Kosten, die bei adäquater Behandlung reduziert werden könnten (Haaf, 2017, S. 4).

Speziell innerhalb der medizinischen Rehabilitation weisen etwa 38% der Patienten der orthopädischen, kardiologischen, onkologischen, endokrinologischen und pneumatischen Rehabilitation psychische Belastungen zu Rehabilitationsbeginn auf (Baumeister et al., 2014, S. 16). Weiterhin ist bei jedem fünften Rehabilitanden eine psychische Störung diagnostizierbar und bei 7,6% der Rehabilitanden liegt sogar mehr als eine psychische Störung vor. Am häufigsten treten affektive Störungen, Angststörungen, somatoforme und substanzbezogene Störungen auf.

Ob sich eine psychische Komorbidität entwickelt, hängt von mehreren Faktoren ab. Hierzu zählen z. B. der Schweregrad der Krankheit, ob es sich um eine sukzessiv fortschreitende Erkrankung handelt oder ob mit Hilfe einer Therapie weitgehend ein Stillstand erreicht werden kann. Die Behandlungsmöglichkeiten sowie Behandlungsarten und die damit einhergehenden Nebenwirkungen (bspw. bei einer Chemotherapie) beeinflussen ebenfalls die Herausbildung psychischer Störungen. Weiterhin gibt es eine Reihe von patientenbezogenen Faktoren wie die genetische Disposition, die Persönlichkeit oder die psychologische Vulnerabilität, die eine psychische Komorbidität begünstigen können. Ein letzter wichtiger Faktor sind die sozialen Rahmenbedingungen, unter denen eine Person lebt. Hierzu zählen der Arbeitsplatz, soziale Beziehungen und Unterstützung sowie die Schichtzugehörigkeit (Baumeister et al., 2014, S. 19).

Damit die psychische Komorbidität festgestellt werden kann, muss sie in logischer Konsequenz zunächst diagnostiziert werden. Doch genau hierin besteht nach Reuter und Härter (2007, S. 24) ein wesentliches Problem. Infolgedessen ist es umso wichtiger, sich mit den diagnostischen Methoden intensiv auseinanderzusetzen.

3 Psychologische Diagnostik bei somatisch chronischen Erkrankungen

Die psychologische Diagnostik umfasst mehrere Teilbereiche. Einen großen Umfang nimmt die Feststellung der psychischen Belastungen und Störungen ein. Aber auch die Herausarbeitung beruflicher Probleme gehört zur psychologischen Arbeit während einer medizinischen Rehabilitation. Die gesundheitspsychologische Diagnostik ist ebenfalls ein wichtiger Bestandteil, weil sie z. b. motivationale Gesichtspunkte des Patienten oder die Krankheitsverarbeitung fokussiert. Die sozialmedizinische Begutachtung liegt zwar in ärztlicher Hand, doch Psychologen tragen mit ihren Beobachtungen und Beurteilungen wesentlich dazu bei (Derra, 2020, S. 84). Insbesondere wenn die Rehabilitanden einen Antrag auf Erwerbsminderung stellen möchten, zeigt sich, wie wichtig die in den Berichten aufgenommenen Aussagen sind.

3.1 Methodische Grundlagen und Messverfahren

Zunächst erfolgt die Diagnostik kategorial und dimensional (Reuter/Härter, 2007, S. 18). Mit der kategorialen Diagnostik wird eruiert, ob eine psychische Belastung vorliegt oder nicht. Die gebräuchlichen Klassifikationssysteme sind das ICD-10 und das DSM-5, worin die Kriterien, ab wann eine Pathologie vorliegt, beschrieben sind (bspw. Dauer der Symptome). Vorteilhaft ist diese Methode deshalb, weil sie eine Vergleichbarkeit zulässt.

Die dimensionale Diagnostik zeichnet sich durch die Möglichkeit der Differenzierung des Ausprägungsgrades der untersuchten Dimension aus (bspw. bei Depression) (Reuter/Härter, 2007, S. 19). Anders als die kategoriale Diagnostik erfasst die dimensionale Sichtweise die psychischen Belastungen entlang eines Kontinuums, deshalb werden i. d. R. Syndromskalen verwendet, wie sie in Form des Health Quenstionnaire-9, einem Depressionsselbstbeurteilungsfragebogen, vorliegen (Baumeister, 2020, S. 49). Zu beachten ist, dass solche Einschätzungen von Patienten stets Momentaufnahmen sind und nicht eine adäquate Abbildung des Phänomens über größere Zeiträume oder eine Verlaufsbeschreibung ermöglichen.

Damit dimensionale Messverfahren gute Ergebnisse liefern, muss die Balance zwischen der Sensitivität des Tests und der Spezifität des Tests stimmig sein. Die Sensitivität beschreibt die Empfindlichkeit eines Tests, d. h., sie gibt die tatsächlich auffälligen Patienten an, die korrekt identifiziert werden (Richtig-Positiv-Rate). Die Spezifität eruiert die Genauigkeit, d. h., sie ermittelt die Patienten, die tatsächlich nicht auffällig sind und korrekterweise als „Richtig-Negative-Rate“ identifiziert werden (Baumeister, 2007, S. 50). Im Kontext der Rehabilitation ist dabei insbesondere der „Cut-off-Wert“ von Bedeutung. Er wird sowohl für die Sensitivität als auch für die Spezifität festgelegt. Die Kennwerte stehen in einem reziproken Verhältnis zueinander, d. h., je mehr der Cut-off-Wert eines Fragebogens gesenkt wird, desto eher identifiziert er „Richtig-Positive-Patienten“, weil die Sensibilität höher ist. In der Folge bedeutet dies, dass die Schwelle als „Richtig-Positiver-Patient“ identifiziert zu werden, niedriger ist und im Umkehrschluss die Genauigkeit sinkt. Folglich werden dabei tendenziell mehr Patienten zu der Gruppe der psychologisch Behandlungsbedürftigen gezählt als in der Realität gegeben.

Legt man den „Cut-off-Wert“ jedoch weiter nach oben, wird die Spezifität erhöht und folglich werden mehr „Richtig-Negative-Patienten“ eruiert. Diese Vorgehensweise ist für solche Patienten von Nachteil, bei denen dann eine bedeutsame psychische Belastung oder Störung unerkannt bleibt.

Zusammenfassend gilt deshalb die Faustregel, dass der „Cut-off-Wert“ tendenziell eher etwas niedriger ansetzen sollte, um Patienten mit Behandlungsbedarf nicht zu übersehen (Baumeister, 2020, S. 51).

Die Erfassung psychischer Belastungen erfolgt i. d. R. mit dimensionalen Messerverfahren. Es handelt sich dabei um Selbstbeurteilungsfragebögen oder Expertenratingverfahren, welche Aufschluss über den Ausprägungsgrad von Symptomen erlauben. Der Vorteil der Fragebögen liegt in ihrer ökonomischen Nutzung (zeitsparend für Patient und Diagnostiker). Sie sind häufig der erste Schritt im psychodiagnostischen Prozess und verfolgen das Ziel, die Rehabilitanden zu identifizieren, die mit hoher Wahrscheinlichkeit neben ihrer somatischen auch eine psychische Erkrankung aufweisen oder unmittelbar in der Gefahr stehen, eine solche zu entwickeln. Je nach Ausrichtung der Rehabilitationsklinik kann es angebracht sein, bestimmte Themenbereiche in den Vordergrund zu stellen. Die nachstehende Tabelle zeigt exemplarisch je ein oder zwei Screeninginstrumente für einen Schwerpunktbereich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Beispiele für Screeninginstrumente zur Diagnostik komorbider psychischer Belastungen bei somatisch Erkrankten

(Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Reuter/Härter, 2007, S. 19 und Baumeister, 2020, S. 51)

Um psychische Störungen zu diagnostizieren, bedarf es darüber hinaus kategorialer Verfahren, welche entlang der im ICD-10 oder DSM-5 festgelegten Kriterien die entsprechenden Merkmale für die Diagnoseerhebung zulassen. Als zuverlässig gelten hierfür Interviews zur Erfassung psychischer Störungen. Die gebräuchlichsten Instrumente sind die „Internationalen Diagnose Checklisten für ICD-10“ (IDCL), das „Strukturierte Klinische Interview“ und das „Diagnostische Interview bei psychischen Störungen“ (DIPS). Anzumerken bleibt, dass zwar nach Angabe von Baumeister (2020, S. 52) die Anwendung bei Patienten mit psychischen Störungen gute psychometrische Ergebnisse erzielen konnte, die Anwendung bei Rehabilitanden mit körperlichen Erkrankungen jedoch nicht ausreichend untersucht ist.

3.2 Strukturierte Umsetzung mit einem diagnostischen Stufenplan

Zur Erfassung komorbider psychischer Störungen empfiehlt die Deutsche Rentenversicherung (DRV) einen Stufenplan, der von Baumeister et al. (2011) erarbeitet wurde. Durch ihn wird insbesondere die Differentialdiagnostik verbessert und infolgedessen die Indikationsstellung optimiert. Der Stufenplan sieht ein routinemäßiges Eingangsscreening aller neu aufgenommenen Patienten einer Rehabilitationsklinik vor. So kann eine an den individuellen Bedürfnissen des Patienten ausgerichtete Behandlungskonzeption erarbeitet werden. Geeignet ist hierfür z. B. der PHQ-9 oder der HADS-D.

Liegen nach der Testung Auffälligkeiten vor, findet eine vertiefte Psychodiagnostik statt. Die Diagnosestellung ist qualifiziertem Fachpersonal, zu dem ärztliche oder psychologische Psychotherapeuten, Fachärzte für Psychiatrie und ggf. Psychologen in der Ausbildung zum psychologischen Psychotherapeuten gehören, vorbehalten. Diagnostische Verfahren, die im Vorfeld der Diagnosestellung durchgeführt werden, dürfen auch an nicht approbierten Psychologen mit einem Diplom oder einem Masterabschluss übertragen werden (Baumeister et al., 2014, S. 6).

Die Entscheidung, welche psychologische Intervention (z. B. Schmerzbewältigung in einer Gruppe, Entspannungstraining oder psychologische Einzelintervention) während der medizinischen Rehabilitation Anwendung findet, wird mit dem Reha-Team und dem behandelnden Arzt abgesprochen. Zeigt der Patient Anzeichen, dass den psychischen Symptomen eine somatische Grunderkrankung zugrunde liegt, ist eine fachärztliche Differentialdiagnostik verpflichtend. Weil die medizinische Rehabilitation i. d. R. lediglich eine Dauer von drei Wochen (maximal vier Wochen) beansprucht, ist eine abschließende psychologische Behandlung der psychischen Komorbidität nicht möglich. Demzufolge liegt die Hauptaufgabe der Psychologen in der Psychoedukation und der Motivierung für eine postrehabilitative Weiterbehandlung. Ggf. kann eine psychopharmakologische Begleitung angezeigt sein, die ohnehin auch einer ambulanten psychiatrischen Betreuung bedarf.

Der Stufenplan sieht zuletzt eine genaue und strukturierte Dokumentation vor. Darin finden alle erhobenen Daten wie die der Screenings, der vertieften Psychodiagnostik, Verdachtsdiagnosen, Indikationen und Behandlungsempfehlungen Eingang. Eine Zusammenfassung des psychologischen Berichts ist später Bestandteil des ärztlichen Entlassungsberichts.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Schema des diagnostischen Stufenplans

Quelle: Eigene Darstellung nach Baumeister et al. (2014)

3.3 Diagnostische Methoden zur Erfassung beruflicher Problemlagen

Über 40% der Rehabilitanden in der medizinischen Rehabilitation sind von beruflichen Problemen betroffen (Lukascik/Vogel, 2020, S. 60). Handelt es sich überwiegend um berufsbedingte Problemlagen, besteht die Möglichkeit, eine medizinisch-beruflich orientierte Rehabilitation (MBOR) in Anspruch zu nehmen. Doch auch in der rein medizinischen Rehabilitation wird diesem Themenfeld seit einigen Jahren wesentlich mehr Bedeutung beigemessen. Sinnvoll ist dieses Vorgehen deshalb, weil auf diese Weise die allgemeine Arbeitsfähigkeit sowie die Rückkehr an den früheren Arbeitsplatz bzw. in das Erwerbsleben mit höherer Wahrscheinlich gelingen können. Die Erhaltung der Erwerbsfähigkeit wirkt sich i. d. R. wiederum positiv auf den Gesundheitszustand des Patienten aus, weil er z. B. aus ökonomischer Sicht autonomer bleibt. Zudem fördert ein eigenständiger Lebensstil die Selbstwirksamkeit und eine grundsätzlich aktive und folglich gesundheitszuträgliche Haltung.

Deshalb ist es wichtig, auch innerhalb einer medizinischen Rehabilitation vorliegende berufliche Problemlagen zu identifizieren. Dabei wird eruiert, über welche arbeitsbezogene Leistungsfähigkeit der Rehabilitand verfügt, welche Anforderungen dessen Arbeitsplatz an ihn stellen und ob dabei Diskrepanzen auffallen (Lukasczik/Vogel, 2020, S. 61, 67).

Die Diagnostik beruflicher Problemlagen gelingt zum einen mit Hilfe von Screeninginstrumenten wie (Kurz-) Fragebögen und Selbstbeurteilungsinstrumenten. Das Würzburger Screening ist ein solcher Kurzfragebogen, der auch in medizinischen Rehabilitationseinrichtungen Verwendung findet. Die drei Itemgruppen erheben Daten zu den beruflichen Belastungen, der subjektiven Erwerbsprognose und dem Interesse an berufsbezogenen Therapieangeboten (Lukasczik/Vogel, 2020, S. 61).

Darüber hinaus bietet der SIMBO (Screening-Instrument zur Erkennung des Bedarfs an medizinisch-beruflich orientierter Rehabilitation) die Möglichkeit, Angaben zu sozialmedizinischen Parametern, zu gesundheitsbezogenen Beeinträchtigungen, zur subjektiven beruflichen Prognose, zur berufsbezogenen Therapiemotivation in Verbindung mit dem Alter des Rehabilitanden auszuwerten. Der SIBAR-Fragebogen (Screening-Instrument für Beruf und Arbeit in der Rehabilitation) konzentriert sich noch deutlicher auf sozialmedizinische Risikofaktoren wie das Frühberentungsrisiko, das berufliche Belastungserleben des Patienten und die Wahrnehmung des subjektiv berufsbezogenen Behandlungsbedarfs.

Zum anderen kommen FCE-Systeme (Functional Capacity Evaluation) zum Einsatz. Sie messen, inwiefern der Rehabilitand imstande ist, Anforderungen einer an ihn gestellten Arbeitstätigkeit nachzugehen (Lukasczik/Vogel, 2020, S. 63). Verwendung finden hierfür standardisierte körperlich orientierte Testaufgaben (z. B. Tragen, Heben). Ebenso gehören anamnestische Erhebungen, Interviews und Beobachtungen zu den diagnostischen Methoden. Ein in Deutschland häufig verwendetes Instrument ist die Testbatterie des EFL-Verfahrens (Evaluation der funktionellen Leistungsfähigkeit), das aus 29 Einzeltests besteht.

Trotz der Testmöglichkeiten dürfen zuletzt nicht die persönliche Wahrnehmung und das subjektive Erleben des Patienten unberücksichtigt bleiben. Die Rahmenbedingungen bietet diesbezüglich die Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit der WHO (ICF, International Classification of Functioning, Disability and Health).

3.4 Gesundheitspsychologische Diagnostik

Schon im Vorfeld einer Rehabilitationsleistung ist es ratsam, die Motivation des Patienten abzuklären, weil sie entscheidenden Einfluss auf den Verlauf und den Erfolg der Maßnahme hat. Als Instrument kommt bspw. der „Fragebogen zur Erfassung rehabilitationsbezogener Erwartungen und Motivation“ (FREM) zur Anwendung, der Fragen zu den Dimensionen Erholung, Gesundheit, Krankheitsbewältigung und Rente stellt (Romppel/Grande, 2020, S. 73).

Insbesondere chronische Erkrankungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie langfristig bestehen und nicht vollständig ausheilen. Betroffene erleben Belastungen auf mehreren Ebenen: Zunächst sind sie mit den körperlichen Einschränkungen und den damit einhergehenden medizinischen Interventionen konfrontiert. Je nach Erkrankung leiden viele Patienten unter Symptomen wie andauernden oder häufig wiederkehrenden Schmerzen, Atembeschwerden, Verdauungsproblemen, Bewegungseinschränkungen und einer Verschlechterung der körperlichen Leitungsfähigkeit. Weiterhin verändert eine chronische Erkrankung den Lebensalltag, wenn z. B. der bisherige Beruf nicht mehr ausgeübt werden kann, Spontanität verloren geht und das Zusammentreffen mit dem privaten Netzwerk sehr reduziert ist. Nicht selten können Betroffene Freizeitaktivitäten (bspw. Sportarten, Tanzen), welche zuvor ein fester Bestandteil ihres Lebensalltags waren, gar nicht mehr oder nur eingeschränkt ausüben. Zusätzlich treten Sorgen und Ängste auf, wie die Zukunft mit der Erkrankung gestaltet werden kann. Deshalb ist ein wichtiger Punkt der gesundheitspsychologischen Diagnostik die Beschäftigung damit, wie Patienten mit ihrer Krankheit und deren Beeinträchtigungen umgehen. Grundsätzlich beschreibt die Krankheitsbewältigung (Coping) die Art und Weise, wie eine Person mit ihrer Erkrankung und deren Folgen umgeht. Heim (1998, S. 9) definiert Coping als

„das Bemühen, bereits bestehende oder zu erwartende Belastungen durch die Krankheit innerpsychisch (emotional, kognitiv) oder durch zielgerichtetes Verhalten und Handeln zu reduzieren, auszugleichen oder zu verarbeiten.“

Das Wissen um Krankheitskonzepte und Krankheitsverarbeitung ist deshalb sinnvoll, weil sie Einfluss darauf haben, welche Belastungsfolgen entstehen. Unterschieden werden im Wesentlichen das „problemorientierte Coping“ (Ziel: konkrete Problemsituationen verändern) und das „emotionsorientierte Coping“ (Ziel: Kontrolle und Reduktion unangenehmer Emotionen) nach Folkman und Lazarus (1980, zit. nach Krämer/Bengel, 2020, S. 38). Widmen sich Patienten verstärkt dem Suchen und Verarbeiten krankheitsbezogener Informationen, so liegt tendenziell ein vigilantes Coping vor. Reagieren Erkrankte dauerhaft mit einer ablehnenden Haltung, spricht man von einem vermeidenden Coping. Um die bevorzugte Strategie eines Rehabilitanden festzustellen, kann z. B. der „Freiburger Fragebogen zur Krankheitsverarbeitung“ herangezogen werden, der sowohl in einer Lang- als auch in einer Kurzform existiert (Romppel/Grande, 2020, S. 75).

[...]

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Medizinische Rehabilitation. Psychische Komorbidität bei somatischen Erkrankungen
Hochschule
SRH Hochschule Riedlingen  (Psychologie)
Veranstaltung
Medizinische Rehabilitation
Note
1,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
38
Katalognummer
V1012791
ISBN (eBook)
9783346407207
ISBN (Buch)
9783346407214
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Psychische Komorbidität bei somatischen Erkrankungen, psychologische Diagnostik bei somatischen Erkrankungen, Fallbeispiel, Diagnostischer Stufenplan, Gesundheitspsychologische Diagnostik, Diagnostik beruflicher Problemlagen
Arbeit zitieren
Katharina Gross (Autor), 2021, Medizinische Rehabilitation. Psychische Komorbidität bei somatischen Erkrankungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1012791

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