Der kapitalistische Unternehmer in der protestantischen Ethik Max Webers


Vordiplomarbeit, 2000

14 Seiten, Note: 2,0


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Inhult

Einleitung

1. Grundüberlegungen der Analyse Webers
1.1 Der moderne okzidentale Kapitalismus
1.2 Die Frage der Konfession
1.3 Webers Methode

2. Protestantismus und Kapitalismus
2.1 Rationalisierter Lebensstil und Geist des Kapitalismus
2.2 Der Beruf im Ursprung der Entwicklung

3. Das Umfeld der Reformation
3.1 Mittelalterliche Erwerbsethik und katholische Moral
3.2 Calvin und die Folgen der Prädestinationslehre

4. Wahlverwandtschaft und Kausalverwandtschaft
4.1 Die Puritaner
4.2 Der Einfluss der Sekten auf den entstehenden Kapitalismus und die „Emanzipation des Kapitalismus“

Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit den Versuchen Webers, die protestantische Ethik in Zusammenhang mit dem modernen okzidentalen Kapitalismus zu bringen. Weber entwirft in seinen Schriften anhand von Idealtypen eine Argumentation, welche kausale Abfolgen, sowie deren entstehungsgeschichtliche Voraussetzungen in Verbindung mit nicht monokausalen historischen Erklärungsansätzen in Übereinkunft bringt. Dabei wird deutlich, welche Elemente der protestantischen Ethik und welche Elemente des aufkommenden Kapitalismus eine engere Beziehung miteinander eingegangen sind.

Der Unternehmer steht dabei, wenn auch nicht explizit, so doch implizit im Interesse Webers. Als dynamisches Element der Entwicklung stehen die ethischen Maßstäbe und psychologischen, sowie religiösen Antriebe der Handelnden im Vordergrund der Analyse. Dies betrifft in allen Beispielen, die sich mit den Folgen der calvinistischen Lehre beschäftigen, ökonomisches Handeln im Sinne von unternehmerischer Tätigkeit. Es wird im Folgenden versucht, den gesellschaftlichen Prozess der Entstehung des modernen Kapitalismus unter den Aspekten der religiös motivierten Handlungsweisen der Menschen nachzuvollziehen. Die Verdeutlichung dessen erfordert drei wichtige Überlegungen, in deren Zentrum der Berufsgedanke, die Prädestinationslehre, und die protestantischen Sekten stehen. Webers Methode der konstruierenden idealtypischen Argumentation wird in einem gesonderten Kapitel behandelt. Dies dient dazu, den Weg Webers , welcher durch seine idealtypische Natur viele Einzelheiten und Ausnahmefälle verschweigt, zu rechtfertigen.

So steht am Anfang die Frage nach dem Besonderen des okzidentalen Kapitalismus, um auf das Besondere der Menschen in ihm aufmerksam zu machen. Im folgenden Kapitel wird die Einzigartigkeit dieser Disposition zum Leben in einer rationalisierten Welt mit der reformistischen Religion in Zusammenhang gebracht, worauf das methodische Kapitel folgt.

Die mit dem Kapitalismus in Beziehung stehenden Züge der Reformation werden im Folgenden nach dem Grad ihrer Kausalität dargelegt. Das führt als Erstes zu einer Auseinandersetzung mit dem lutherischen Berufsgedanken, der mit der Prädestinationslehre Calvins in einer Art Wahlverwandtschaft beschrieben wird. Die kausalen Zusammenhänge zwischen Protestantismus und Kapitalismus werden in dem Kapitel über puritanische Ethik und die Sekten des Protestantismus erörtert.

Dabei muss klar sein, daß man den kapitalistischen Unternehmer nicht isolierend aus Webers Darstellungen beschreiben sollte. Nur im Zusammenhang mit seiner jeweiligen Entsprechung in Ethik und Moral seiner Zeit kann man wie Weber es macht den „Geist“1 des Kapitalismus (welchen man auch „Geist“ der kapitalistischen Unternehmung nennen könnte) komponieren.

Textgrundlage sind natürlich die im Literaturverzeichnis aufgeführten Schriften Webers zum Thema und eine Arbeit Friedhelm Guttandins2, welche neben der Darstellung der Thesen Webers auch andere Forschungsansätze darstellt, welche in das Thema dieser Arbeit allerdings nur am Rande einfließen.

1. Grundüberlegungen der Analyse Webers

1.1 Der moderne okzidentale Kapitalismus

Weber stellte sich die Frage, wie der moderne Kapitalismus in seiner damaligen Form entstehen konnte. Dabei ging es ihm nicht darum, zu klären, welchen Regeln und Gesetzmäßigkeiten diese Wirtschaftsordnung folgt, wenn sie, wie Weber Anfang des 20. Jahrhunderts konstatiert, bereits voll ausgeprägt ist. Er distanziert sich bei der Untersuchung von den zu dieser Zeit üblichen monokausalen Erklärungsansätzen ökonomischer Entwicklungen im Sinne Marx’. In diesem Zusammenhang deutet er im Vorwort zu seinen gesammelten Aufsätzen zur Religionssoziologie darauf hin, daß die Entwicklung des Kapitalismus nur im Okzident in dieser Form und Ausprägung zu finden sei, obwohl man in allen Kulturgesellschaften der Welt das kapitalistische Prinzip der friedlichen Ausnutzung von Tauschchancen3 finden könne.

Die Einzigartigkeit des modernen Kapitalismus in der westlichen Welt ist für Weber ein Indiz dafür, daß dem überall in der Welt zu findenden Kapitalismus keine inhärente Fähigkeit zur Genese des modernen Kapitalismus gegeben sei. Dieser Logik folgend hätte sich der Kapitalismus auch überall auf der Welt in gleicher Weise entwickeln müssen.

Weber stellt heraus, daß das , was man gemeinhin als die Indikatoren für das Vorhandensein einer kapitalistischen Wirtschaftsweise ansieht für die Tiefe seiner Untersuchung nicht ausreicht. So widerspricht er nicht, daß das Prinzip der Nutzenrechnung, das Streben nach Gewinn und Rentabilität, die Dauerunternehmung und das Banken- und Kreditwesen, überall und zu fast allen Zeiten als Praxis des Wirtschaftens zu finden waren. Doch seien diese Begriffe noch nicht in der Lage, einen Geist des Kapitalismus zu beschreiben, um den es ihm gehe. So kannte man schon immer „die kapitalistischen Abenteurer4, welche spekulativ durch Gewinne entweder auf legale oder illegale Weise, z.B. durch Raub oder Piraterie, motiviert waren oder deren Antriebskraft einer kolonialen Waghalsigkeit entsprang. Was jedoch die spezifische okzidentale Form des Kapitalismus ausmache, stellt Weber in einigen Punkten ebenfalls in seinem Vorwort zu den gesammelten Schriften zur Religionssoziologie heraus: Zuerst sei dies die Organisation freier Arbeit: Eine Organisation, die nicht auf dem System beruht, die Arbeiter auf gewaltsamem Weg für sich nutzbar zu machen, wie es Sklaven oder Fronarbeit darstellt. Zweitens sei dies die Trennung von Haushalt und Betrieb, welche nicht nur eine räumliche Trennung meine, sondern auch diejenige der finanziellen Separierung zwischen den häuslichen und den betrieblichen Finanzen, was eng mit der rationalen Buchführung zusammenhängt. Dazu komme die Arbeitsorganisation. Was diesen Prozess erst zu dem eigentlich spezifisch okzidentalen macht, ist laut Weber folgender Zusammenhang: Das speziell im Okzident erlangte Maß an Rationalität der Technik, des Rechts und der Verwaltung, deren Resultate sich die Ökonomie nutzbar mache. Die Dynamik dieses Prozesses beschreibt Friedhelm Guttandin im Folgenden:

„Es ist das Spezifische des modernen Kapitalismus, daß er jene anderen rationalen Prozesse sich dienstbar machte und deren Weiterentwicklung im Sinne seines eigenen Progresses durch ökonomische Prämien vorantrieb“5.

Daraus lässt sich schließen, daß ohne den Rationalismus der westlichen Kultur, ohne den rationalen (im Weberschen Sinne: berechenbaren) Anteil der Wissenschaft, des Rechts und auch der ökonomischen Buchführung , der Kapitalismus nicht die Form des modernen Kapitalismus hätte annehmen können. Dies liegt laut Weber in der Notwendigkeit der Berechenbarkeit der Produktionsfaktoren, die erst einen dauerhaft erfolgreichen Kapitalismus entstehen helfen:

„Denn der moderne rationale Betriebskapitalismus bedarf, wie der berechenbaren technischen Arbeitsmittel, so auch des berechenbaren Rechts und der Verwaltung nach formalen Regeln, ohne welche zwar Abenteurer- und spekulativer Händlerkapitalismus und alle möglichen Arten von politisch bedingtem Kapitalismus, aber kein rationaler privatwirtschaftlicher Betrieb mit stehendem Kapital und sicherer Kalkulation möglich ist.“6

Erst die rationale Buchführung mache zum Beispiel die Gründung von Kapitalgesellschaften möglich, weil mathematische, jederzeit überprüfbare Methoden, die gerechte Verteilung des Gewinns auf alle an der Gesellschaft teilhabenden Personen sichern könnten. Ebenso könnten Spekulationen und erwarteter Gewinn nur dann berechnet werden, wenn die Verlässlichkeit der technischen Faktoren prüfbar ist. Und nur auf der Basis eines allgemeinen Rechts könne die Bereitschaft zu langfristig geplanten Unternehmungen wachsen. Allerdings sei, so Weber, nicht nur der kausale Zusammenhang zwischen rationaler Wissenschaft und Sozialordnung hin zum Kapitalismus zu bedenken, sondern auch, daß die Menschen, die in einer solchen Gesellschaft leben und sie tragen, eine bestimmte Disposition oder Lebensweise haben müssen, die es dieser neuen Ordnung erst erlaubt, sich durchzusetzen. Weber gibt an dieser Stelle einen Ausblick auf seine Arbeit zur Religionssoziologie:

„Zu den wichtigsten formenden Elementen der Lebensführung nun gehörten in der Vergangenheit überall die magischen und die religiösen Mächte und die am Glauben an sie verankerten ethischen Pflichtvorstellungen. Von diesen ist in den nachstehen gesammelten und ergänzten Aufsätzen die Rede“7.

Es wird also im weiteren Verlauf zu klären sein, wie diese die kapitalistische Wirtschaftsweise fördernde protestantische Lebensführung im einzelnen erstens entstand, zweitens von den Menschen umgesetzt wurde, und drittens wie sie mit der Entwicklung des sich am Ende selbst tragenden Kapitalismus zusammenhängt.

1.2 Die Frage der Konfession

Weber beginnt seine Ausführungen zur protestantischen Ethik und dem Geist des Kapitalismus8 anhand der Habilitationsschrift von Martin Offenbacher, mit dem Titel „Konfession und soziale Schichtung - Eine Studie über die wirtschaftliche Lage der Katholiken und Protestanten in Baden“. Wie Offenbacher beobachtet er: „den ganz vorwiegend protestantischen Charakter des Kapitalbesitzes und Unternehmertums sowohl, wie der oberen gelehrten Schichten der Arbeiterschaft, namentlich aber des höheren technisch oder kaufmännisch vorgebildeten Personals der modernen Unternehmungen.“9

Weber hatte schon seit 1889 in seinen Vorlesungen über einen Zusammenhang dieser Art gesprochen, und ihm waren auch diesbezügliche Schriften seines Freundes Werner Sombart sowie Eberhard Gothein bekannt, welcher 1892 in seiner ‚Wirtschaftsgeschichte des Schwarzwaldes’ bemerkte:

„Gothein bezeichnet die calvinistische Diaspora mit Recht als «die Pflanzschule der Kapitalwirtschaft».“10

Weber selbst schreibt in seinem mit „Das Problem“ überschriebenen ersten Kapitel des Aufsatzes „Die protestantische Ethik und der ‚Geist’ des Kapitalismus“:

„Schon die Spanier wussten, daß die «Ketzerei» (d.h. der Calvinismus der Niederländer) «den Handelsgeist befördere»(...) “11

Weber sollte es also nicht zu seiner Aufgabe machen, eine Affinität zwischen Protestantismus und modernem Kapitalismus zu beweisen. Dennoch nutzte ihm Offenbachers Arbeit in Hinsicht auf seine Argumentation, weil sie ihm zu einer ersten Differenzierung des Problems verhalf: So setzt er sich im Folgenden mit gängigen Vorurteilen über die protestantische und die katholische Lebensweise auseinander. Er stellt heraus, daß das Bild, die vermeintlich weltfremden Katholiken ständen eher materialistischen lebensfrohen Protestanten gegenüber, in seiner gegenwärtigen Form möglicherweise eine Entsprechung habe, historisch aber einen Trugschluss darstellen müsse.

Was die Reformation und die protestantischen Sekten angehe, so könne man in keinerlei Hinsicht von einer Weltfreude der Menschen oder einem weltlichen Lebenswandel sprechen. Wohl aber von gesteigerter kaufmännischer Tätigkeit dieser Gruppen im Gegensatz zu den Katholiken. Weber spricht hier den Zusammenhang zwischen religiöser Lebensreglementierung und intensivster Entwicklung des geschäftlichen Sinnes gerade bei den Gruppen an, deren Lebensfremdheit ebenso sprichwörtlich geworden ist, wie ihr Reichtum.12 Gemeint sind die Quäker und die Mennoniten, also protestantische Sekten. Wenn man den Protestanten also etwas wie einen Geist der Arbeit oder des Fortschritts zuschreiben möchte, was man aufgrund der Betrachtung der Lebensführung der protestantischen Sekten sehr wohl tun könne, so dürfe man nicht in Versuchung geraten, diesen mit einer Weltfreude, oder gar Fortschrittsdenken im aufklärerischem Sinn zu verwechseln oder gar zusammenzudenken. Wie aber kann man dieses Problem isolieren? Dies könne, so Weber, nur geschehen, indem man sich in die Sphären religiösen Handelns (also der religiösen Ethik) begibt, um dort nach möglichen Ursachen für einen solchen Zusammenhang zu suchen. Mit den Worten Webers heißt das:

„Der alte Protestantismus der Luther, Calvin, Knox, Voët hatte mit dem, was man heute «Fortschritt» nennt, herzlich wenig zu schaffen. Zu ganzen Seiten des modernen Lebens, die heute der extremste Konfessionelle nicht mehr entbehren möchte, stand er direkt feindlich. Soll also überhaupt eine innere Verwandtschaft bestimmter Ausprägungen des altprotestantischen Geistes und moderner kapitalistischer Kultur gefunden werden, so müssen wir wohl oder übel versuchen, sie nicht in dessen (angeblicher) mehr oder minder materialistischer oder doch antiasketischer «Weltfreude» , sondern in seinen rein religi ö sen Zügen zu suchen.“13

1.3 Webers Methode

Es soll in diesem Kapitel keine umfassende Wiedergabe der Methodik Webers stattfinden, da dies zu weit führen würde. Es ist allerdings wichtig, wenigstens kurz darzustellen wie Weber bei der Untersuchung des Problems vorgeht. Der Begriff des Komponierens ist hierbei ebenso wichtig wie der des Idealtypus. Allerdings kann dieser Abschnitt nicht für sich genommen leisten, Webers Methodik vollständig zu erklären und nur dazu dienen das Vorgehen Webers einsichtiger zu machen.

Weber nähert sich seinem Material in ungewohnter Weise. In seinen Ausführungen in „Wirtschaft und Gesellschaft“, entwirft und arbeitet er immer mit präzisen Definitionen der Begriffe. Anders in seinem Kapitel über den Geist des Kapitalismus, welcher im Folgenden auch hier beschrieben werden soll. Dieser Geist muß, so Weber „aus seinen einzelnen, der geschichtlichen Wirklichkeit zu entnehmenden Bestandteilen allmählich komponiert werden.“14

Zu untersuchen sei ein Komplex von Zusammenhängen, welcher erst unter dem Gesichtspunkt seiner Bedeutung für die Kultur ein Ganzes bilde. Eine begriffliche Fassung dessen könne nicht am Anfang, sondern müsse am Ende der Untersuchung stehen.15 Friedhelm Guttandin sprich davon daß, die Prozeßhaftigkeit historisch-soziologischer Begriffsbildung als ein methodisches Prinzip verstanden werden kann.16

Am Ende dieses Prozesses steht ein idealtypischer Begriff. Es handelt sich bei der Suche nach einem Geist des Kapitalismus also um die Komposition eines Idealtypus. Die Vorteile der Operation mit Idealtypen geben Aufschluss über Webers Beweggründe, mit diesen zu arbeiten. Weber selbst sagt, daß es sich bei dem zu Untersuchenden um einen Komplex von Zusammenhängen handle. Gesellschaftliche Phänomene sind für Weber immer die Summe aus schier unendlich vielen kausalen Abläufen, einem „ungeheueren chaotischen Strom von Geschehnissen, der sich durch die Zeit dahinwälzt.“17 Um diese Phänomene gedanklich fassen zu können, müsse man Ordnung oder Form schaffen. Dabei ist nicht das möglichst nahe heranreichen an die Wirklichkeit nötig, sondern die Abstraktion der Vorgänge durch die geistige Beherrschung des empirisch gegebenen - mit Begriffen. Die menschliche Erkenntnisfähigkeit scheitert also an der Komplexität der Objekte. Die idealtypische Beschreibung abstrahiert von der Diversität des Objekts und schafft einen Begriff, der um der Schärfe wegen auf die für die Fragestellung unwichtigen Aspekte verzichtet.

„Der Idealtypus liefert also kein Abbild einer Wirklichkeit, sondern ergänzt sie als die schärfste gedanklich mögliche Ausprägung einer besonderen Seite einen Sachverhaltes.“18

Webers Untersuchungen wollen nicht das Entstehen des Bürgertums, des Kapitalismus oder des Prozesses der Entzauberung der Welt darstellen, was ihm seine Kritiker oft in den Mund legten, um ihn dann dafür zu kritisieren, daß er dies zu leisten nicht im Stande war. Felix Rachfahl kritisierte ihn daraufhin, daß er den Kapitalismus erklären wolle, aber sich nur mit einer Nuance dieser Problematik auseinandersetze. Weber sagt daraufhin, es ginge ihm um:

„Die protestantische Ethik und den Geist des Kapitalismus. Natürlich also doch nicht: die Totalit ä t beider, (...) - sondern eben die Relation zwischen beiden, woraus doch selbstredend folgt, daß nur das, was beiderseits als kausierend oder kausiert, in Betracht kommt, behandelt wird.“19 Was er damit habe beweisen wollen war, „daß nämlich die reformierte Berufsethik (...) die Bildung einer «Abart des kapitalistischen Geistes» maßgebend beeinflusst habe (...).“20

Was Schwierigkeiten bei der Verfahrensweise bereitet, ist der Umgang mit den von Weber im Zusammenhang mit dem kapitalistischen Geis t stehenden idealtypischen Begriffen: asketischer Protestantismus und kapitalistischer Geist, welche bei ihrer Überprüfung der Kausalität untereinander immer wieder im Vordergrund stehen oder eben in den Hintergrund gedrängt werden. So wird als nächstes vom

kapitalistischen Geist die Rede sein, der auf Luthers Berufsgedanken zurückzuführen ist. Dabei muss man von vielen anderen Inhalten der Lehre Luthers absehen, um das wesentliche der Bedeutung Luthers in den Kontext der Argumentation einzugliedern. Am Schluss stehen die Sekten, welche ihrerseits auch nur unter dem ökonomischen Aspekt in Bezug auf ihr entstehen aus der calvinistischen Tradition und ihre Wirkung auf das unchristliche Umfeld untersucht werden. Wenn es um eine Untersuchung der Gemeinsamkeiten zweier Prozesse geht, müssen Idealtypen die Eingrenzung der Begriffe leisten.

2. Protestantismus und Kapitalismus

2.1 Rationalisierter Lebensstil und Geist des Kapitalismus

Bei dem, was Weber als den Geist des Kapitalismus beschreibt, handelt es sich wie bereits gesagt, um einen nicht eindeutig definierbaren, sondern um einen zu komponierenden Begriff. Man könnte auch sagen, es ginge um einen Habitus, der die Umsetzung einer religiösen Idee in eine institutionalisierte Handlungsethik im innern der Menschen darstellt. Dabei kann es durchaus Kapitalismus ohne den Geist geben, und der Geist kann auch auftreten, ohne daß sich sofort Kapitalismus bildet.

Wesentlich für den Geist sind aber die im Folgenden beschriebenen Aspekte.

a) Arbeit ist in diesem Fall nicht mehr Mittel zum Erwerb von Geld und damit des Lebensunterhaltes - sei es auf der Ebene der Armutsgrenze oder des verschwenderischen Konsums. Arbeit ist ein Selbstzweck, der Wert der Arbeit ist nicht mehr der Wert des Produktes der Arbeit. Weber macht am Beispiel von Akkordlöhnen in der Landwirtschaft deutlich, wo ein wesentlicher Unterschied zwischen dem traditionellen Gedanken der Arbeit und dem neuen zu finden ist. Es ist der Unterschied zwischen Minimal- und Maximalprinzip, der hier Maßgebend ist. Minimal, wenn zur Erreichung eines Ziels (der Bedürfnisdeckung) minimaler Aufwand getrieben wird, und maximal wenn aus gegebenen Umständen (den Lohnverhältnissen), maximales herausgeholt wird. Wer, so in Webers Beispiel, zur Deckung seines Lebensunterhaltes 2,5 Mark benötigt und durchschnittlich für diesen Preis seiner Arbeit 2,5 Morgen Acker bewirtschaften muß, der wird nach dem traditionalistischen Minimalprinzip nicht mehr bewirtschaften, wenn er pro gemähter Fläche mehr Geld bekommt, denn der Mehrverdienst reizt ihn weniger als die Minderarbeit.21 Demgegenüber steht das Maximalprinzip, welches Weber durch ein Zitat von Benjamin Franklin verdeutlicht:

„Bedenke, daß Zeit Geld ist; wer täglich zehn Schillinge durch seine Arbeit erwerben könnte und den halben Tag spazieren geht, oder auf seinem Zimmer faulenzt, der darf, auch wenn er nur sechs Pence für sein Vergnügen ausgibt, nicht dies allein berechnen, er hat nebendem noch fünf Schillinge ausgegeben oder vielmehr wegegeworfen.“22

Warum aber handelt ein Mensch in dieser Art und Weise? Es sei, so Weber, doch geradezu unnatürlich, da der Mensch nicht um der Arbeit willen arbeite, sondern um zu leben. Hier allerdings wird Arbeit aber zum Selbstzweck. Dies schließe auch die unternehmerische Seite dieser Haltung ein.

b) Geld wird in dieser Ethik nicht verdient, um es auszugeben, sondern um damit mehr Geld zu schaffen. In dem bereits angeführten Zitat Franklins, spricht dieser davon daß derjenige, der

„ein Fünfschillingstück umbringt, [durch verschwenderische Ausgabe, die nicht der Kapitalakkumulation nutzt, R.K.] mordet (!) alles, was damit hätte produziert werden können: ganze Kolonnen von Pfunden Sterling.“23

In diesem Sinne ist der rücksichtslose Unternehmer, der sich durch Raub, Krieg oder Spekulation nicht an legale Spielregeln hält, seine Arbeiter ausbeutet, oder eben zuviel seines Gewinnes für die Zurschaustellung seines Vermögens ausgibt, ein nicht im Sinne des von Weber beschriebenen Geistes handelnder. Was dem Unternehmer, wie dem Arbeiter als höchstes zu erstrebendes Ziel gesetzt wird, oder besser, was ihm selber höchstes Ziel ist, das ist das Gefühl der guten Berufserfüllung. Dieses erreicht er nur, indem er emsig strebt, und nur auf die Erfüllung seiner Aufgabe Augenmerk legt. Das ist es, was beiden gemeinsam ist: Die Berufspflicht, eine dem traditionalistischem Handeln des Menschen völlig entgegengesetzte Vorstellung, die, wie sich im Folgenden zeigen wird, auf erheblichen Widerstand in der traditionellen, katholischen Welt gestoßen ist. Um der Berufspflicht so effizient wie möglich nachzukommen ist es nötig, sein Leben so weit wie möglich zu rationalisieren. Die konsequente Durchführung dieser Lebensweise bedeutet zum einen, daß man nicht aufhört zu arbeiten, oder weniger arbeitet, wenn man Reichtum angehäuft hat. Reichtum ist, wie wir sehen werden, in dieser Logik keine Berechtigung, diesen auch nur zur Schau zu stellen und sich dem Leben hinzugeben. Es ist nicht das Ziel, so gut wie möglich zu Leben, sondern gut zu arbeiten. Demnach gehört auch ein asketischer Lebensstil zur Erfüllung der Berufspflicht, denn nichts ist in diesem Sinne irrationaler als seine Zeit mit Luxus zu verschwenden. Es wird also im weiteren zu klären sein, woher dieser Berufsgedanke kam und wie er sich durchsetzte. Weiter muß geklärt werden, welche Ideologie und geistige Grundlage einem Verhalten zur Durchsetzung verhalf, also die geistige Stärke verlieh, um sich in einer traditionalistischen Gesellschaft durchzusetzen. Der Weg der Argumentation führt über Luthers dem Geist des Kapitalismus eigentlich entgegenstehenden Berufsbild, zu dem Reformator Calvin und den protestantischen Sekten. Aufzuzeigen ist die Entwicklung der Reformation, mit ihrer jeweiligen Ethik im Bezug auf ihr ökonomisches Wirken und Umfeld.

2.2 Der Beruf im Ursprung der Entwicklung

Es war Luther der, so Weber, den Begriff des Berufes und damit die Bedeutung des Wortes erst schuf. Nur in Protestantismus gebe es den Beruf als eine religiöse Lesart alltäglicher Lebensumstände. Weber stellt den Berufsgedanken ins Zentrum protestantischen Glaubens und vor allem religiöser Pflichterfüllung des einzelnen.

„Es kommt also in dem Begriff «Beruf» jenes Zentraldogma aller protestantischen Denominationen zum Ausdruck, welches die katholische Unterscheidung der christlichen Sittlichkeitsgebote in «praecepta» und «consiglia» verwirft und als das einzige Mittel, Gott wohlgefällig zu leben, nicht eine Überbietung der inner- weltlichen Sittlichkeit durch mönchische Askese, sondern ausschließlich die Erfüllung der innerweltlichen Pflichten kennt, wie sie sich aus der Lebensstellung des Einzelnen ergeben, die dadurch eben sein «Beruf» wird.“24

Gottgefälligkeit ist nicht durch mönchische Askese, sondern nur durch Erfüllung weltlicher Pflichten zu erreichen. Der pflichtbewusste Umgang mit seiner Stellung im alltäglichen Leben ist für den Gläubigen der gewissenhafte Umgang mit seinem Beruf. Dabei fällt ein noch immer sehr traditionalistisches Element auf, daß derjenige, dem seine Stellung bereits von Gott zugewiesen ist, nicht die Energie darauf verschwenden darf, diese zu ändern, „nach oben“ zu wollen oder ähnliches. Das Neue ist bei Luther also hauptsächlich darin zu finden, daß er weltliche Handlungen zum Indikator gottgefälligen religiösen Handelns machte.

„Unbedingt neu war jedenfalls zunächst eins: die Schätzung der Pflichterfüllung innerhalb der weltlichen Berufe als des höchsten Inhaltes , den die sittliche Selbstbestätigung überhaupt annehmen könne 25

Weber deutet, so denke ich, in dem Kapitel ‚Luthers Berufskonzeption’26 wichtige Überlegungen an. Erstens, daß mit der religiösen Bedeutung des Berufes mehr Religiosität in den Alltag des Menschen fließt, dieser aktiver an der Religion teilhat, und auch individueller in der Beziehung zu seiner Kirche dasteht. Dies wird im Zusammenhang mit der Prädestination noch zu klären sein.

Zweitens, daß man nicht sagen kann, daß Luthers Berufsbild bereits den Geist des Kapitalismus entfachte. Vielmehr schafft diese Vorstellung, die allein schon revolutionär war bestimmte Dispositionen, die spätere Reformatoren in ihren Lehren weiterentwickelten und zu einer den Kapitalismus viel eher forcierenden Lebensweise ausbauten.

Wie sich diese Entwicklung vollzog, vom neuen, und doch traditionalistischen Berufsmenschen Luthers über den rational aus Religiosität handelnden Calvinisten, bis hin zum Religiös handelnden (im Sinne wirtschaftlichen Handelns) Quäker, und Sektenmitglied soll im folgenden durch eine den Prozess der Reformation beschreibenden Darstellung deutlich gemacht werden.

3. Das Umfeld der Reformation

3.1 Mittelalterliche Erwerbsethik und katholische Moral

Die vorreformatorische Zeit ist hauptsächlich geprägt, durch die feudalistischen Machtverhältnisse. Diese wurden von der katholischen Kirche gehalten und ethisch - moralisch untermauert. Man könnte auch hier die Frage stellen, welches System welches erschaffen hat, oder der Ziehfaktor dieser Gesellschaft war, aber das würde natürlich zu weit führen. Ausgangspunk ist hier die mittelalterliche Erwerbsethik, die aufgrund der Indifferenz von Politik, Religion und Ökonomie27 nicht isoliert betrachtet werden kann. Wie schon beschrieben war die zentrale Vorstellung von Arbeit, daß sie dem Zweck der Lebenserhaltung diente. Arbeit „musste“ mühsam sein, denn sie galt als die Strafe Gottes für den Sündenfall.28 Die von der Kirche gesetzte soziale Ordnung ließ dem Bauern keinerlei Spielraum der Entwicklung seiner ökonomischen Möglichkeit. Je mehr er arbeitete, desto mehr musste er abgeben. Das System beruhte darauf, daß der in der gottgewollten Hierarchie ganz untenstehende die volle Gewalt der Erbsünde spüren musste, indem ihm nichts zum Leben übriglieb, als die Mittel zur Erhaltung seiner selbst. Alles, was darüber hinaus erwirtschaftet wurde, galt demjenigen, den Gott über ihn gesetzt hatte und somit war seine soziale Lage in keiner Weise anfechtbar. Hätte er sich über die sozialen Schranken hinausgewagt, wäre unerbittlich die Exkommunikation über ihn hereingebrochen, die im katholischen Glauben die Folge hätte, daß die Seele verlorengegangen wäre. Denn nur der Priester hat das Sakrament der Buße und des Heils. Ohne ihn, ohne die Kirche gab es keine Erlösung. So setzte nicht nur Gehorsam den Glauben voraus, sondern war gleichsam auch äußeres Zeichen des Glaubens.29 Wer glaubte, musste die Hierarchie anerkennen, und wer nicht gehorchte, schien auch nicht zu glauben. Allein das Streben nach mehr Luxus, Besitz oder Freiheit war Sünde. Jegliches ändern der persönlichen Lebensumstände war ein Verstoß gegen die Ordnung Gottes. Was heißt das? Es bedeutet , daß der Bettler nichts zu tun „braucht“, um zu arbeiten. Die laut Gottes Vorsehung reich geborenen geben stellvertretend für Gott den Armen was sie zum Leben brauchen.30 So braucht kein Adliger ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn er an einem Bettler vorbeigeht, darf aber auch nicht nach mehr streben. Friedhelm Guttandin beschreibt dies mit einem Satz:

„Also nicht das Reich-Sein, sondern das Reich-Werden wurde von der Kirche verurteilt.“31

Wirtschaftlich entsprach dies den gängigen Handlungsweisen der Ständegesellschaft. Die Zünfte regelten auf das genaueste, unter welchen Bedingungen Waren ge- und verkauft werden durften. Sie sollten das Entstehen von Wettbewerb und Konkurrenz verhindern, denn diese galten ja als unmoralisch. Im fünfzehnten Jahrhundert deuteten sich aber bereits Entwicklungen an, welche die starre Herrschaftsform allmählich zu durchbrechen schienen. Dabei ist ein zunehmender Verlust der Glaubwürdigkeit der Kirche beobachtbar. Dieser vollzog sich langsam aber stetig durch alle Schichten und erreichte seinen Höhepunkt im 16. Jahrhundert. Die zunehmende Verzahnung des Papsttums mit den reichen Bänker- und Kaufmannsfamilien, wie zum Beispiel den Fuggers und den Medici in Italien die teilweise auch Päpste stellten, um kirchlichen Einfluss zu erlangen, stellte die hohen christlich - moralischen Ansprüche der Kirche in Frage. Deutlich wird dies etwa auch daran, daß die Pariser Universität sich im Jahre 1456 weigerte die Kollekte zu zahlen, weil man dem Papst nicht glaubte, daß diese wirklich für den Kreuzzug verwand wurde. Ebenso nahm auch der niedere Klerus viele der Kirche gestellten moralischen Ansprüche nicht mehr so ernst. Klosterzucht und Zölibat wurden teilweise unter breiter Duldung der Öffentlichkeit vernachlässigt und selbst Papst Innozenz VIII. ehrte öffentlich seine Kinder.32

„Gerade [aber] das in breiten Kreisen akzeptierte Konkubinat und die vorbildliche Lebensführung verschiedener Geistlicher mit Frau und Kindern bereiteten eine der wesentlichen Neuerungen der Reformation vor. Nicht alles an der Kirche war zerfall.“33

Man sieht also, daß Luther nicht der Befreier der Menschen aus der feudalen Herrschaft war, oder bewusst den Grundstein für kapitalistisches Handel gelegt hätte. Die großen Kapitalisten dieser Zeit schienen ja geradezu die Kirche mit ihrem Ablasshandel, sowie die großen Bankiersfamilien dieser Zeit zu sein. Bedenkt man was Luthers grundsätzliche Forderungen waren scheint man sich nicht auf die Beschreibung einer Wahlverwandtschaft des Protestantismus mit dem Kapitalismus hinzubewegen, sondern das Gegenteil zu tun. Die wirklich revolutionären Auswirkungen auf das religiöse Leben der Menschen hatte der Calvinismus.

3.2 Calvin und die Folgen der Prädestinationslehre

In der Analyse der religiösen Ansichten Calvins werden nun die beiden Aspekte der Berufserfüllung und der rationalen Lebensführung, der Askese zusammengesehen. Laut Weber könne keines der beiden Akzente allein etwas wie den Geist des Kapitalismus ausmachen.

Johannes Calvins Gedanken unterschieden sich nun sehr vom Lutherischen. Während man sich bei Luther noch der Gnade Gottes sicher sein konnte und die Vorstellung der Sündenvergebung zumindest noch etwas Gewicht hatte, viel dies alles bei Calvin weg. Seiner Meinung nach war das Schicksal eines jeden Menschen bereits vor Urzeiten von Gott vorherbestimmt. Wer die Seligkeit erhalten werde ist für den Menschen weder einsehbar, noch in irgendeiner Form beeinflussbar. Die Menschen seien nur auf der Welt, um die Herrlichkeit Gottes zu preisen. Sein Schicksal bestimmen zu wollen hieße eine unglaubliche Anmaßung an die größe Gottes.

„Aus dem menschlich verständlichen «Vater im Himmel» des neuen Testaments, der sich über die Wiederkehr des Sünders freut, (...) , ist hier ein jedem menschlichen Verständnis entzogenes transzendentes Wesen geworden, welches von Ewigkeit her nach gänzlich unerforschlichen Ratschlüssen jedem Einzelnen sein Geschick zugeteilt und über alles Kleinste im Kosmos verfügt hat. Gottes Gnade ist, da seine Ratschlüsse unwandelbar feststehen, ebenso unverlierbar für die, welchen er sie zuwendet, wie unerreichbar für die, welchen er sie versagt.“34

Konsequenz einer Lehre wie dieser, die im absolutem Gegensatz zu der gnädigen, bußsakramentalen Glaubensauffassung katholischer Art stand konnte, wie Weber beschreibt nur die absolute innere Vereinsamung, Individualisierung sein. Niemand konnte dem Gläubigen helfen, kein Kirchenmann, der wie früher das „Ego te absolvo“35 sprach, kein Sakrament also, keine Kirche (außer natürlich in dem Maß, daß alle nicht zu der Kirche gehörigen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht zu den Erwählten, den „electi“ gehören) überhaupt und letztendlich nicht einmal Gott konnte den einmal zur Unseligkeit verdammten noch retten.

Einzig der Beruf und seine Stellung im Leben blieben sicher gottgefällige und soziale Aufgabe. So äußere sich die zum Beispiel die Nächstenliebe:

„(...) in erster Linie in der Erfüllung der (...) gegebenen Berufs aufgaben, und sie nimmt dabei einen eigentümlich sachlichen unpersönlichen Charakter an.“36

Der nächste Schritt in der Argumentation hat zweifellos mit einer von außen so bewertbaren Rücknahme der unerbittlichen Lehre zu tun. Die Trostlosigkeit und überdies Sinnlosigkeit des Lebens wurde abgeschwächt, indem die christliche Seelsorge dem Gläubigen sagte, es sei seine Pflicht, sich als bereits erwählt ansehen, alles andere ließe an seinem Glauben zweifeln. Zudem könne nur die Ausfüllung der rastlosen Berufsarbeit alle religiösen Zweifel verscheuchen.37 Gleichwohl sehr bedeutend ist die Auffassung, daß man an dem Erfolg der Unternehmung den Gnadenstand des einzelnen Ablesen könne. Weber hält dies für einen psychischen Trick der Flucht aus der Sinnlosigkeit des Lebens in Form eines abreagierens der religiösen Angstaffekte in Form des Berufs.

Das Selbstverständnis des Gläubigen wandelte sich also wieder - vom reuigen Sünder über den Verlorenen bis hin zum, wie Weber es nennt „selbstgewissen Heiligen“.38 Was für den Gläubigen im Zentrum seines Interesses lag, war die Frage, wie die nun einzige Aufgabe des Daseins so gut wie möglich zu erfüllen war. Das Leben des Gläubigen war kein religiöses Flickwerk mehr, bestehend aus Sünde und Vergebung. Eine schlechte Tat war mit Reue und Buße nicht wieder gut zu machen. Der Spielraum menschlichen Handelns zwischen gut und böse, betrug gleich null. Damit wurde von jedem eine konsequente Methode der Organisation des ganzen Lebensraumes verlangt. Strenge Rationalität und Überschauung des Nutzenverhältnisses einer jeden Tat wurden dem Calvinisten nun abverlangt. Auch die in allen Religionen verlangte sittlich einwandfreie Sexualmoral nahm im Protestantismus den rein rationalen Charakter der vollzogenen Ehe zum Zweck der Fortpflanzung an. Die Vorgabe nur zum Zweck des Nachwuchses sexuell aktiv zu werden gibt es zwar auch im Katholizismus, dem Judentum und dem Islam, aber der Akzent steht dort nicht so sehr auf der Rationalität, sondern auf dem Willen Gottes, Leben zu „erzeugen“, welchen der Mensch dann erfüllt.

Man sieht hier, daß auch Calvin die Menschen nicht „befreien“ wollte, ihr moralisches Handeln nicht ihren Lebensumständen anpassen wollte. 1553 wurde in Genf, unter seiner Verantwortung ein ihm feindlich gesinnter Theologe verbrannt und ein Gremium zur Überwachung der Sitten einberufen. Schließlich musste jeder exkommunizierte Genf verlassen.39.

Der Begriff für eine solche Lebensführung lautet bei Weber Askese und ist sehr verwandt mit der mönchischen Lebensführung der Katholiken. Auch hier heißt Askese, daß eine streng rationale Lebensführung geübt wird, die gleichzeitig alles was hierbei stören könnte versucht zu vermeiden. Die Konsequenz war nicht unbedingt neu: Auch die Klöster brachten es im Zuge eines durchrationalisierten Lebensstils oft zu mehr Reichtum, als eigentlich der Sache entsprechend war. Dabei entsprach im Grunde nur der Mönch dem Ideal des wahren Christen. Da man eine solche Lebensführung nicht von allen Menschen verlangen konnte, verbrachte der Mönch sein Leben stellvertretend für die normalen Christen mit dieser Aufgabe. Was bedeutet also asketischer Protestantismus? Jeder Gläubige sollte für sich nicht ein von Gott allenfalls geduldetes Leben führen, entsprechend der Religionsauffassung der Katholiken sondern wie ihr katholisches Äquivalent, in Figur des Mönchs ein in jeder Sekunde des Lebens 100%ig frommes Dasein pflegen. Jeder Christ musste sein Leben wie ein Mönch führen und sein Alltagsleben war geprägt von dieser alles bestimmenden Rationalität.

„Eine penetrante Christianisierung des ganzen Daseins war die Konsequenz dieser Methodik der ethischen Lebensführung , welche der Calvinismus im Gegensatz zum Luthertum erzwang.“40

Die Voraussetzungen für das Entstehen einer neuen Wirtschaftsethik waren geschaffen, denn was bedeuteten diese Veränderungen? Friedhelm Guttandin bemerkt, das die Entlastung von der Sünde und die Konzentration auf ein im weltlichen Bereich des Lebens, liegendes Ziel religiösen Handelns kombiniert mit der Totalität der rationalen Durchführung des Lebens unglaubliche ökonomische Energie freisetzte. In seiner Konsequenz legalisierte der Protestantismus nicht nur eine Art zu Leben und zu Wirtschaften, die in der traditionalistischen Gesellschaft, noch immer etwas unmoralisches, nur bedingt Gutzuheißendes hatte, sondern er Zwang den Menschen dazu41: Die Konzentration auf den Gewinn einer Unternehmung wird in ihrem Gelingen zur innersten persönlichen Aufgabe des Gläubigen. In einem längeren Zitat Webers wird noch einmal deutlich, was neu war und woher im einzelnen die Durchschlagkraft der Unternehmung kam und sich durchzusetzen vermochte:

„anstelle des Unternehmers, der sich in seinem «Chrematismus» [eine rein auf die Sachgüter bezogene Wirtschaftslehre, R.K.] von Gott h ö chstens «toleriert» fühlen konnte, (...) trat der Unternehmer mit dem ungebrochen guten Gewissen, von dem Bewußtsein erfüllt, daß die Vorsehung ihm nicht ohne bestimmte Absicht den Weg zum Gewinn zeige, damit er ihn zu Gottes Ruhm beschreite, daß Gott in der Vermehrung seines Gewinns und Besitzes ihn sichtbar segne, daß er vor allem am Erfolg in seinem Beruf, wenn dieser mit legalen Mitteln erreicht sei, seinen Wert nicht nur vor den Menschen, sondern vor Gott messen könne, daß Gott seine Absichten habe, indem er gerade ihn zum ökonomischen Aufstieg auserlesen und mit den Mitteln dazu ausgerüstet habe, - im Gegensatz zu anderen , die er aus guten, freilich unerforschlichen, Gründen zur Armut und zur harten Arbeit bestimmt habe, - der in «pharisäischer» Sicherheit seinen Weg geht in strenger formaler Legalität, die ihm die höchste und, da es eine «Zulänglichkeit» vor Gott überhaupt nicht gibt, auch die einzige in ihrer Bedeutung sicher greifbare Tugend ist“42

An dieser Stelle wird deutlich, wie sich die neue rationale Denkweise durchgesetzt hat. Die Widerstände gegen ein soziales und religiöses Verhalten seitens der Katholiken konnte den Protestanten im Grunde nichts ausgemacht haben. Der Glaube und damit verbunden die gesellschaftliche Ächtung unchristlichen Handelns, schaffte es im Mittelalter Gewinnstreben zu unterbinden, und war eben der mit neuem Inhalt gefüllte soziale Leitfaden, der auf der anderen Seite als treibende Kraft gegen den Traditionalismus sich durchzusetzen vermochte.

Damit wird die anfänglich gestellte Frage wieder aufgegriffen, wie die zum modernen Kapitalismus nötige Disposition des Menschen entstand und sich durchsetzte. Durch die von Calvin gegründete Genfer Akademie, auf die Schüler aus Frankreich, den Niederlanden, Schottland und Deutschland gingen war eine Internationale Verbreitung der Prädestinationslehre Calvins mit all ihren Folgen geradezu logisch.

Außerdem vermochte ein Teil der Durchschlagskraft des Calvinismus daher kommen, daß sich die militärischen Kräfte der Reformation weg vom Luthertum, und hin zum Calvinismus bewegten, der ab Mitte des 16. Jahrhunderts die Hauptströmung des Protestantismus darstellte.

Weber spricht noch einen weiteren Punkt an, der bei der Durchsetzung des neuen aus dem calvinistischen Geistes entstanden Ethos eine Rolle spielte. Nicht nur „(...) ein ungeheuer gutes (...) Gewissen beim Gelderwerb“43

bezeichnet das neue Selbstverständnis des Unternehmers, sondern auch ein neues Verhältnis der Gläubigen untereinander in der kirchlichen Vereinigung. Die deutet auf den ganz unübersehbaren elitären Charakter der protestantischen Bewegungen, speziell der Sekten nach Calvin an. Diese hätten, so Weber eine besondere Rolle in der Frage nach den Auswirkungen des asketischen Lebensstiels auf den Kapitalismus.

4. Wahlverwandtschaft und Kausalverwandtschaft

Unter Wahlverwandtschaft versteht Weber eine Affinität, die er im Bezug auf den Kapitalismus am deutlichsten beim Calvinismus ausmacht. Er beschreibt noch keinen direkten kausalen Zusammenhang zwischen calvinistischer protestantischer Lebensführung und Kapitalismus. Außerdem ist der Begriff Wahlverwandtschaft in mehr oder weniger Kategorien anzuwenden, was Weber bei der Einschätzung der calvinistischen Spielarten, wie dem Täufertum , dem Pietismus den Methodisten und deren Einfluss in Bezug auf den Kapitalismus auch tut. So haben Methodisten, Pietisten und täuferische Sekten durch einzelne Unterschiede in Ihren Lehren mehr und weniger Einfluss auf den entstehenden Kapitalismus.

4.1 Die Puritaner

Eine kausale Beziehung zwischen Protestantismus und dem Geist des Kapitalismus beschreibt Weber in dem Aufsatz, „Die protestantischen Sekten und der Geist des Kapitalismus“44 unter Anderem anhand der Puritaner und ihres Vertreters Richard Baxter. Die Puritaner stehen in Webers Interesse, weil er sie aufgrund ihrer konsequent fundierten Berufsideologie für die typischen Vertreter des asketischen Protestantismus hält.

„Sie [die Arbeit] ist namentlich das spezifische Präventiv gegen alle jene Anfechtungen, welche der Puritanismus unter dem Begriff «unclean life» zusammenfasst (...).“45

Weber umreißt die wichtigsten Charakteristika der Puritaner und ihrer Sekten folgendermaßen: Für den Puritaner sei Reichtum eine Gefahr. Er schaffe Versuchungen, denen die Menschen nicht immer widerstehen könnten. Das Streben nach Reichtum sei ebenfalls sittlich bedenklich und zudem vor Gottes Schönheit sinnlos. Es bedeutet das Gegenteil der mittelalterlichen Moralvorstellung, wenn man sagt, daß Reich sein, unmoralisch sei, das Reich werden aber erwünscht. Dies gilt natürlich nur solange, wie Reichtum nicht zu einer Ablenkung von den religiösen Pflichten führt. Aus diesem Umfeld stamme der Ausspruch, wer nicht arbeite, solle nicht essen. Dies gelte für den Vermögenden, wie auch für den Armen.

Wie bereits angedeutet, war der Gnadenstand des Menschen an seinen Gewinnchancen abzulesen. Gott segne den Menschen mit dem Glück, viel Profit zu erwirtschaften. Wer diese Chance nicht nutze, der vergeude Gottes Güte. Jede Art „unkontrollierten Erwerbstriebes“ oder unrechtlich auf Kosten anderer basierender Handel musste in den Augen der Glaubensbrüder als Erzwingung der Gnade Gottes erscheinen, auch dies galt natürlich als absolut unerwünscht.

Der erwirtschaftete Gewinn durfte nicht zur Erlangung weltlicher Güter, wie Luxus oder aufwendigen Konsumgütern verwandt werden. Bettlern gab man kein Geld, weil man ihre gottesunfürchtige Haltung damit unterstützt hätte. Was konnte also nur mit dem Geld passieren, außer , daß man es für die Erweiterung des Geschäfts benutzte, ganz der Logik folgend, daß Gott einem Gewinn beschere, um zu zeigen, daß man damit noch mehr Gewinn erzielen könne und so weiter. Dies war ein ganz neuer Aspekt, denn normalerweise wurde jeglicher Gewinn von den Kaufleuten zum Landerwerb zwecks Nobilitierung verwandt. Hier wurde jedoch das Kapital rein produktiv genutzt.

Der Arbeitende stand unter den gleichen ethischen Bedingungen. Seine Arbeit war Beruf, und sie musste losgelöst vom Geld, denn er konnte sowieso nichts investieren, absolut gewissenhaft erledigt werden. In einer Fußnote46 gibt Weber die Arbeitsmoral einer anderen protestantischen Sekte, den Quäkern wieder:

„(...) ein Träger, oder Fauler kann kein Christ sein und selig werden. Er ist bestimmt totgestochen und aus dem Bienenkorb herausgeworfen zu werden.“

4.2 Der Einfluss der Sekten auf den entstehenden Kapitalismus und die „Emanzipation“ des Kapitalismus

Weber zufolge konnte die volle ökonomische Wirkung der protestantischen Askese erst dann erreicht werden, nachdem der rein religiöse Enthusiasmus der Anfangszeit überwunden gewesen sei und „der Krampf des Suchens nach dem Gottesreich sich allmählich in nüchterne Berufstugend aufzulösen begann, die religiöse Wurzel langsam abstarb und utilitaristischer Diesseitigkeit Platz machte, (...)“47

Weber zitiert an anderer Stelle John Wesley, der sagt:

„Ich fürchte: wo immer der Reichtum sich vermehrt hat, da hat der Gehalt an Religion in gleichem Maße abgenommen.“48

Die Ausführungen zu den Puritanern beschreiben schon, wie eng der Zusammenhang zwischen christlicher Lehre und den wirtschaftlichen „Lehren“, in Form der Formulierung der auf gute Geschäfte zielenden Verhaltensweisen waren. Die reformierten Gemeinden, die in Sekten zusammengeschlossen waren, sind laut Weber die Träger der modernen kapitalistischen Entwicklung, weil sie nach außen elitäre, oder auch exklusive, nach innen aber radikal egalitäre, freiwillige Organisationen waren, in deren Umfeld die puritanische Ethik am besten umgesetzt werden konnte. Aufgrund ihrer Überschaubarkeit im Gegensatz zu den „universalen Gnadenanstalten“ (den Kirchen, insbesondere die katholische Kirche) waren ihre Mitglieder strengerer Kontrolle anderer ausgesetzt, was auch durch den bereits angesprochenen egalitären Geist der Sekten verstärkt wurde. Es gab in vielen Sekten nicht mehr die Person des Priesters, sondern jeder, der sich im Moment der spirituellen Zusammenkunft von Gott befähigt fühlte etwas zu sagen, übernahm diese Funktion. Damit wurden die einzelnen auch stärker in die religiösen Handlungen der Gemeinschaft eingebunden und auch befähigt, den anderen zu kontrollieren.

Kontrolle hieß in diesem Zusammenhang natürlich: Das Bewerten der Umsetzung einer asketischen Lebensform zum Zweck wirtschaftlichen Erfolges.

Ein Bild davon, was dies bedeutete, machte sich Weber bei einer Reise in die USA. In dem Aufsatz ‚Die Protestantischen Sekten und der Geist des Kapitalismus’ beschreibt er seine Erfahrungen in den Vereinigten Staaten. Die Aufnahme in eine Sekte war nicht einfach. Um dem hohen Anspruch der Sekte zu entsprechen, musste man einen perfekten Lebenslauf im Sinne der Vorstellungen der Gemeinschaft vorweisen. Jede Art von müßiger Lebensführung verhinderte die Aufnahme.

Im Grunde genommen sei dies gar nicht so revolutionär gewesen; der Ausschluss aus der Gemeinde war auch bei den Katholiken gängige Praxis, mit hartnäckigen „Sündern“ umzugehen. Die Unterschiede liegen in folgenden Punkten. Zunächsteinmal lag die Kirchenzucht in der Hand von Laien, und ihre Umsetzung erfolgte nicht mehr durch die Autorität eines zum Strafen befähigten Menschen, sondern die Zucht wurde „ das Mittel der (...) Selbstbehauptung49 eines jeden Einzelnen. Außerdem umfasste die Strafe nicht mehr die Sphäre einzelner Handlungen oder menschlicher Sünden, sondern bezog sich auf Qualitäten der Menschen, welche sich dauerhaft bewähren mussten.

„Ein stärkeres Anzüchtungsmittel als eine solche Notwendigkeit der sozialen Selbstbehauptung im Kreise der Genossen gibt es nach aller Erfahrung nicht, und die kontinuierliche und unauffällige ethische Zucht der Sekten verhielt sich deshalb zur autoritären Kirchenzucht wie rationale Züchtung und Auslese zu Befehl und Arrest.“50

Weber stellt die These auf, daß das Interesse der Sekten darauf beruhte, eine Auslese zu schaffen, die an kapitalistischer Wirtschaftsethik jenseits aller religiösen Aspekte alle anderen übersteige, um am ökonomischen Erfolg eines Sektenbruders das Prestige und die Propagandachancen der ganzen Gemeinschaft zu steigern.

Doch auch in anderer Richtung gibt es einen Zusammenhang. So wurden Sektenmitglieder als absolut zuverlässige Geschäftspartner gesehen. Man machte gerne mit ihnen Geschäfte, da sie nie zu illegalen Mitteln griffen, stets stabile Preise hatten, und man sich durch die Tatsache ihrer Mitgliedschaft in einer Sekte über ihre absolut musterhafte Lebensführung sicher sein konnte. Sekten nahmen nur nach eingehender Prüfung ihrer „Aspiranten“ diejenigen auf, in deren Leben sich keine sündenhaften Punkte befanden. Weber erhielt auf Anfragen bei einem nicht Sektenmitglied, warum die Sektenmitglieder wirtschaftlich so attraktiv waren, die Antwort, „daß die Rezeption in die dortige, noch streng an der religiösen Tradition haftende Baptistengemeinde, welche erst nach sorgsamerster «Erprobung» und nach peinlichsten, sich bis in die frühe Kindheit zurückerstreckenden Recherchen über den «Wandel» («disordley conduct»? Wirtshausbesuch? Tanz? Theater? Kartenspiel? unpünktliche Zahlung von Verbindlichkeiten?) erfolgte, als eine derart absolute Garantie der ethischen Qualitäten eines Gentleman, vor allem: der geschäftlichen, gelte, daß Betreffenden, die Depots der gesamten Umgebung und schrankenloser Kredit konkurrenzlos sicher seien. Er sei ein «gemachter Mann».“51

Diese „Ballot“ die Prüfung war somit für jeden ersichtlich, und begründete das Vertrauen aller mit ihnen im Kontakt stehenden. Ganz offensichtlich, steigerte die hohe Achtung der Sektenmitglieder auch bei den nicht „elitären“ Protestanten und auch Katholiken besonders in Amerika, die breit Akzeptanz der wirtschaftlichen Handlungsweisen der Sekten und trug so zum entstehen eines effizienten ökonomischen Alltagshandelns in allen Schichten der Gesellschaft bei. Friedhelm Guttandin schreibt hierzu: „ (...) das asketische Gepräge, sei das ‚Grundmotiv bürgerlichen Lebensstils.“52

Wie im einzelnen das Absterben der religiösen Wurzen geschah, und wie die bürgerlichen Moralvorstellungen, geprägt durch Aufklärung und Humanismus in die Entwicklung eingebunden werden können, ist allerdings eine andere Frage. Die Untersuchung schließt an der Stelle wo die Religiösität sich vom Erwerb wieder zu lösen beginnt.

Weber gibt zuletzt ein Bild dessen, was die Emanzipation des Kapitalismus bedeutet.

„Der Puritaner wollte Berufsmensch sein, - wir müssen es sein.“53

Denn die Sorge „um die äußeren Güter dieser Welt“ die sich laut Richard Baxter „wie ein dünner Mantel, den man jederzeit abwerfen könne, um die Schultern der heiligen lege“, ließ, so Weber, „das Verhängnis zu einem Stahlharten Gehäuse werden“, welches sich die Menschen seiner eigenen Regeln gefügig mache.

Schlussbetrachtung

Es wurde versucht das Bild eines Unternehmers zu entwerfen, welcher auf religiöser Grundlage, aus ethischen Vorstellung zum entstehen des modernen Kapitalismus beigetragen, oder ihn auf den Weg gebracht hat. Weitere Fragestellungen, zum Beispiel wie die Paradoxie, daß ein religiöser Lebensstil durch seinen Rationalismus eine gesellschaftliche Entwicklung einleitete, welche sich in ihrer Konsequenz von ihrem Ursprung entledigte, konnte nicht geleistet werden. Es sollte hier lediglich der Versuch unternommen

werden, Webers Argumentation folgend, den Zusammenhang zweier gesellschaftlicher Phänomene anhand von religiös motiviertem, menschlichem Verhalten zu erklären.

Ob also die „protestantische Ethik“, wie Friedrich Tenbruck zu bedenken gibt54, als der Schlussakt eines religionsgeschichtlichen Rationalisierungsprozesses, und damit als Spitze eines im Mittelpunkt von Webers Interesse stehenden gesamtgesellschaftlichen okzidentalen Rationalisierungsprozesses zu begreifen ist, ist für die Fragestellung unerheblich.

Hierbei ebenfalls zu vernachlässigen ist die Diskussion darüber, ob es sich bei Webers Arbeiten um eine Marxkritik handele und wenn ja, inwieweit. Es sei dazu nur soviel zu sagen, daß Weber im Gegensatz zu Marx keine einer inneren Zwangsläufigkeiten folgende Geschichtsauffassung hatte. Statt eines Monokausalzusammenhanges finde man bei Weber das heuristisch-methodische Prinzip der Faktorinterdependenz.55

Literaturverzeichnis

Max Weber, Vorbemerkung ( Zu seinen gesammelten Aufsätzen zur Religionssoziologie ), in:

Die protestantische Ethik I, Eine Aufsatzsammlung, Herausgegeben von Professor Dr. Johannes Winckelmann, 9.Auflage, Gütersloh 2000; S.9 - 26

Max Weber, Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus. Tübingen 1920 in: Die protestantische Ethik I, Eine Aufsatzsammlung, Herausgegeben von Professor Dr. Johannes Winckelmann, 9.Auflage, Gütersloh 2000 S.27 - 279

Max Weber, Antikritisches Schlusswort zum Geist des Kapitalismus, in: Die Protestantische Ethik II, Kritiken und Antikritiken, Herausgegeben von Professor Dr. Johannes Winckelmann, 5. unveränd. Auflage 1987

Friedhelm Guttandin, Einführung in die „ protestantische Ethik“ Max Webers Wiesbaden 1998

Friedrich Tenbruck, Das Werk Max Weber, Tübingen 1999

[...]


1 Es wird im Folgenden der Begriff „Geist“ nicht mehr in Anführungszeichen gesetzt. Der vorläufige Charakter des Begriffs in Webers Sinn, soll dadurch allerdings nicht verändert werden.

2 Friedhelm Guttandin, Einführung in die „ Protestantische Ethik“ Max Webers, Wiesbaden 1998

3 vergl.: Max Weber, Vorbemerkung zu seinen gesammelten Aufsätzen zur Religionssoziologie in: Die protestantische Ethik I, Eine Aufsatzsammlung, hrsg. von Johannes Winckelmann, 9.Auflage, Gütersloh 2000; S.9 - 26

4 In: Max Weber, Vorbemerkung zu seinen gesammelten Aufsätzen zur Religionssoziologie in: Die protestantische Ethik I, Eine Aufsatzsammlung, Herausgegeben von Johannes Winckelmann, 9.Auflage, Gütersloh 2000; S.9 - 26; S. 15

5 Friedhelm Guttandin, Einführung in die „ Protestantische Ethik“ Max Webers, Wiesbaden 1998, S. 25;

6 Max Weber, Vorbemerkung zu seinen gesammelten Aufsätzen zur Religionssoziologie in: Die protestantische Ethik I, Eine Aufsatzsammlung, Herausgegeben von Johannes Winckelmann, 9.Auflage, Gütersloh 2000; S.9 - 26, S.19

7 ebd. S.21

8 Max Weber, Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus, in: Max Weber, Die protestantische Ethik I, Eine Aufsatzsammlung, hrsg. Von Johannes Winkelmann, 9. Auflage, Gütersloh 2000 / S.27 - 277

9 ebd., S.29

10 ebd. S.36 Zitiert aus Eberhard Gothein, Wirtschaftsgeschichte des Schwarzwaldes und der angrenzenden Landschaften, 1892, Reprint New York 1970

11 Max Weber, Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus, in: Max Weber, Die protestantische Ethik I, Eine Aufsatzsammlung, hrsg. Von Johannes Winkelmann, 9. Auflage, Gütersloh 2000 / S.27 - 277 ; S.36

12 ebd. S.37

13 ebd. S.38

14 Max Weber, Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus, in: Max Weber, Die protestantische Ethik I, Eine Aufsatzsammlung, hrsg. Von Johannes Winkelmann, 9. Auflage, Gütersloh 2000 / S.27 - S.277; S.39

15 ebd. S.39

16 vergl.: Friedhelm Guttandin, Einführung in die „ Protestantische Ethik“ Max Webers, Wiesbaden 1998, S. 91

17 ebd. S. 96, Zitiert nach: Max Weber, Gesammelte Aufsätze der Wissenschaftslehre, Tübingen 1973, S. 214

18 ebd. S.117

19 Max Weber, Antikritisches Schlusswort zum Geist des Kapitalismus, in: Die Protestantische Ethik II, Kritiken und Antikritiken, Herausgegeben von Professor Dr. Johannes Winckelmann, 5. unveränd. Auflage 1987, S.302

20 ebd. S.303

21 Vergl. hierzu: Max Weber, Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus, in: Max Weber, Die protestantische Ethik I, Eine Aufsatzsammlung, hrsg. Von Johannes Winkelmann, 9. Auflage, Gütersloh 2000 / S.27 - 277, S.49f

22 ebd., S.40

23 ebd., S.41

24 Max Weber, Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus, in: Max Weber, Die protestantische Ethik I, Eine Aufsatzsammlung, hrsg. Von Johannes Winkelmann, 9. Auflage, Gütersloh 2000 / S.27 - 277, S.67

25 ebd.

26 ebd., S.66-77

27 Vergl. Friedhelm Guttandin, Einführung in die „ Protestantische Ethik“ Max Webers, Wiesbaden 1998, Kapitel II.1; S.40ff

28 17 [...] So ist verflucht der Ackerboden deinetwegen. / Unter Mühsal wirst du von ihm essen /alle Tage deines Lebens. 18 Dornen und Disteln lässt er dir wachsen, / und die Pflanzen des Feldes musst du essen. 19 Im Schweiße deines Angesichts / sollst du dein Brot essen, / bis du zurückkehrst zum Ackerboden; / von dem du ja genommen. Die Bibel, Mose 3, 17-19

29 Vergl. . Friedhelm Guttandin, Einführung in die „ Protestantische Ethik“ Max Webers, Wiesbaden 1998;S.46

30 ebd. S.54

31 ebd.

32 Vergl. mit den Ausführungen Guttandins in: ebd. S.65ff

33 ebd.

34 Max Weber, Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus, in: Max Weber, Die protestantische Ethik I, Eine Aufsatzsammlung, hrsg. Von Johannes Winkelmann, 9. Auflage, Gütersloh 2000 / S.27 - 277; S. 122; Weber benennt die Quelle des hier ersten Satzes mit: Hornbeeks Theologia practica ( Utrecht 1663 ), welche sich auf das erste Kapitel des Epheserbriefes beziehe.

35 Hierbei handelt es sich um den Ausspruch des Priesters bei der Erteilung der Absolution. Die durch menschliche Nähe überbrachte Erleichterung von den Sünden soll den Gegensatz zum im Calvinismus völligen Fehlen eines oft so menschlichen Bedürfnisses nach Gewissenserleichterung durch eine vom Menschen befähigte Person in ihrer Härte gegenüber dem Gläubigen verdeutlichen.

36 Max Weber, Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus, in: Max Weber, Die protestantische Ethik I, Eine Aufsatzsammlung, hrsg.Von Johannes Winkelmann, 9. Auflage, Gütersloh 2000 / S.27 - 277 S. 126

37 siehe dazu Webers Ausführungen in: ebd., S.126f

38 ebd.

39 Vergl. Friedhelm Guttandin, Einführung in die „ Protestantische Ethik“ Max Webers, Wiesbaden 1998 , S. 84f

40 Max Weber, Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus, in: Max Weber, Die protestantische Ethik I, Eine Aufsatzsammlung, hrsg.Von Johannes Winkelmann, 9. Auflage, Gütersloh 2000 / S.27 - 277, S.140

41 Besonders deutlich wird der Zwang noch einmal in der Erörterung über die Sekten.

42 Max Weber, Antikritisches Schlusswort zum Geist des Kapitalismus, in: Die Protestantische Ethik II, Kritiken und Antikritiken, Herausgegeben von Professor Dr. Johannes Winckelmann, 5. unveränd. Auflage 1987 S.318f

43 Max Weber, Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus, in: Max Weber, Die protestantische Ethik I, Eine Aufsatzsammlung, hrsg. Von Johannes Winkelmann, 9. Auflage, Gütersloh 2000 / S.27 - 277. S. 184

44 in: Max Weber, Die protestantische Ethik I, Eine Aufsatzsammlung, hrsg. Von Johannes Winkelmann, 9. Auflage, Gütersloh 2000, S. 279-376

45 Max Weber, Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus, in: Max Weber, Die protestantische Ethik I, Eine Aufsatzsammlung, hrsg. Von Johannes Winkelmann, 9. Auflage, Gütersloh 2000 / S.27 - 277 ;S.168 Auch hier nimmt Weber den Idealtypus für seine Argumentation, was er in der Fußnote 69 auf S.213 erklärt.

46 Max Weber, Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus, in: Max Weber, Die protestantische Ethik I, Eine Aufsatzsammlung, hrsg. Von Johannes Winkelmann, 9. Auflage, Gütersloh 2000 / S.27 - 277, S. 252, Bemerkung 219

47 ebd. S.183

48 ebd. S.182

49 Max Weber, Die protestantischen Sekten und der Geist des Kapitalismus, in : Max Weber, Die protestantische Ethik I, Eine Aufsatzsammlung, hrsg. Von Johannes Winkelmann, 9. Auflage, Gütersloh 2000 / S.279 - 376 , S.296

50 Max Weber, Die protestantischen Sekten und der Geist des Kapitalismus, in : Max Weber, Die protestantische Ethik I, Eine Aufsatzsammlung, hrsg. Von Johannes Winkelmann, 9. Auflage, Gütersloh 2000 / S.279 - 376 , S.296

51 ebd., S.282

52 Friedhelm Guttandin, Einführung in die „ Protestantische Ethik“ Max Webers, Wiesbaden 1998, S.165

53 Max Weber, Die protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus, in: Max Weber, Die protestantische Ethik I, Eine Aufsatzsammlung, hrsg. Von Johannes Winkelmann, 9. Auflage, Gütersloh 2000 / S.27 - 277, S. 188

54 Friedrich Tenbruck, Das Werk Max Webers: gesammelte Aufsätze zu Max Weber, Hrsg. Von Harald Homann, Tübingen: Mohr Siebeck, 1999 S.63ff

55 EPE, S.11 Vergl. auch Johannes Winkelmann, Die Herkunft von Max Webers „ Entzauberungskonzeption“, in : Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Nr. 32, 1980, S.12-54

14 von 14 Seiten

Details

Titel
Der kapitalistische Unternehmer in der protestantischen Ethik Max Webers
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
2,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
14
Katalognummer
V101300
Dateigröße
383 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Unternehmer, Ethik, Webers
Arbeit zitieren
Roland Krügler (Autor), 2000, Der kapitalistische Unternehmer in der protestantischen Ethik Max Webers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/101300

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