Georg Büchners Geschichtsphilosophie und der Fatalismusbrief. Eine historische Textanalyse und -interpretation


Hausarbeit, 2017

15 Seiten, Note: 1,7

Robert Samuel Langner (Autor:in)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Büchners Fatalismusbrief als historisch Quelle und seine kontextuelle Einordnung

2. Büchner war Fatalist

3. Büchner war kein Fatalist

Schlussbetrachtungen – Der Fatalismusbrief als Ausdruck Georg Büchners Geschichtsphilosophie

Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung

„Ich studiere die Geschichte der Revolution. Ich fühlte mich wie zernichtet unter dem Gräßlichen Fatalismus der Geschichte. Ich finde in der Menschennatur eine entsetzliche Gleichheit, in den menschlichen Verhältnissen eine unabwendbare Gewalt, Allen und Keinem verliehen. Der Einzelne nur Schaum auf der Welle der Welle, die Größe ein bloßer Zufall, die Herrschaft des Genies ein Puppenspiel, ein lächerliches Ringen gegen ein ehernes Gesetz, es zu erkennen das Höchste, es zu beherrschen unmöglich.“ 1

Dies sind die berühmten Sätze aus einem Brief Georg Büchners an seine damalige Verlobte Wilhelmine Jaeglé in das damals französische Straßburg. Das nachdenkliche Schreiben, das später als sogenannter Fatalismusbrief zu Bekanntheit kommen sollte und Stoff weitreichender Debatten unter Germanisten auf der ganzen Welt geworden ist, lässt augenscheinlich auf ein insgesamt fatalistisches Weltverständnis Büchners schließen. Jedenfalls handelt es sich um ein starkes Indiz, welches eine deterministische Auffassung Büchners zu Geschichtsphilosophie und Gesellschaftstheorie untermauern würde.

Im Folgenden dieser vorliegenden Seminararbeit soll die Frage nach der geschichtsphilosophischen Ausrichtung beziehungsweise Weltanschauung Georg Büchners nachgegangen werden. Im Zentrum der Überlegungen steht der vielzitierte und in der deutschen Literaturwissenschaft überaus kontrovers diskutierte Fatalismusbrief.

War Büchner ein sogenannter harter Determinist, der sich in einem historisch vorbestimmten Ablauf eines schicksalhaften Zeitstrahls der Geschichte wähnte, dem es sich nicht entziehen lässt? Oder sind die Äußerungen Georg Büchners bloß als ein Ausdruck einer Momentaufnahme seiner Psyche zu verstehen? Sind sie Ausdruck einer vorübergehenden persönlichen oder womöglich politischen Resignation, wenn nicht sogar einer psychopathologischen Depression?

Um sich diesen Fragestellungen differenziert, kritisch und wissenschaftlich fundiert nähern zu können, ist es notwendig den Brief nicht nur literaturwissenschaftlich zu betrachten. Man muss ihn quellenkritisch in seinen historischen Kontext einbetten sowie die Biografie und Persönlichkeit Georg Büchners einordnen.

Des Weiteren gilt es die verschiedenen Interpretationsansätze und Deutungen des Textes zu berücksichtigen, die nicht immer frei von politisch-weltanschaulicher Färbung sind. Dies fällt beispielsweise unweigerlich und in aller Deutlichkeit bei der Betrachtung der nationalsozialistischen Lesart durch die Reichsschrifttumskammer ins Auge. Auch die kommunistische Interpretation der offiziellen Diktion der SED-Diktatur in der DDR, die den frühen Radikaldemokraten Georg Büchner stilisiert, indem sie ihn als einen der ersten Protosozialisten auf deutschem Boden zeichnet und seinen politischen Aktivismus zu einem Kampf für die Befreiung der pauperisierten Arbeiterklasse von Reaktion, Kapital und Bourgeoisie umdeutet, funktioniert nur durch das massive Weglassen und krasse Umdeutungen seiner Schriften. Anders werden derartige ideologisch motivierte, bewusste Verzerrungen weder erklär- noch nachvollziehbar.

1. Büchners Fatalismusbrief als historisch Quelle und seine kontextuelle Einordnung

Der Fatalismusbrief wurde von Georg Büchner im Wintersemester 1833/34 verfasst. Dabei handelt es sich um eine Überlieferungsquelle, da der Originaltext des Verfassers nicht mehr nachweisbar ist und lediglich eine Abschrift seiner Verlobten existiert, welche der Schriftsteller Karl Gutzkow für eine Büchner-Biografie verwenden wollte, die allerdings nicht zur Fertigstellung kam.2 Adressiert war der Brief „An die Braut“, seine Verlobte Minna Jaeglé, die zu dieser Zeit in Straßburg lebte. Nicht geklärt ist hingegen der genaue Zeitpunkt, an dem Büchner den Brief verfasste. Es gibt jedoch einige schlüssige Vermutungen dahingehend. Der Brief ist außerdem emotional stark aufgeladen und enthält äußerst intime Informationen an seine Verlobte.3 Besondere Bedeutung kommt den Umständen des genauen Zeitpunkts deshalb zu, da Lebensumstände, psychische Konstitution und die Gedankenwelt des Verfassers wichtige Informationen für das Verständnis und die Interpretation des Textes sind.

Nach Büchners Tod überlieferte sein Bruder Ludwig den Brief in seinem Werk Nachgelassene Schriften und kategorisiert den Brief chronologisch als den ersten der Korrespondenz „An die Braut“, die zwischen Büchner und Minna Jaeglé stattfand.4 In der Folgezeit erfreute sich diese chronologische Einordnung großer rezeptioneller Kontinuität in den darauffolgenden Auflagen. Erst 1915 datiert Max Zobel von Zabelitz den Brief um und liefert dafür folgende Begründung:

„Büchner war 1833 erst seit Herbst in Gießen […] Brief 1 könnte noch am ehesten 1833 geschrieben sein, wenn die Erwähnung von Frühling und Veilchen sich vielleicht nicht wörtlich nehmen lassen kann […]“.5

Fritz Bergemann argumentiert 1922 mit dem Argument des „Veilchenstraußes“ und kommt zu der Annahme der Brief müsse im Frühjahr 1834 verfasst worden sein. 1940 ordnet er den Brief in den November 1833 ein, da er von den abfälligen Bemerkungen zu der Stadt Gießen auf eine kürzlich dort erfolgte Ankunft schließt. Werner R. Lehmann widerspricht der Korrektur Bergemanns und vertritt gleichfalls die Veilchen-These.6 Jan-Christoph Hauschild wiederum präzisiert diese Neudatierung und schreibt hierzu folgendes:

„Halten wir fest: im Herbst und Winter 1833/34 schlug das Wetter Kapriolen. Der Satz ‚Bei uns ist Frühling, ich kann deinen Veilchenstrauß immer ersetzen‘ rückt den ‚Fatalismusbrief‘ also keineswegs ins Frühjahr 1834, genausogut könnte er Ende Oktober 1833 [...] im November oder Anfang Januar geschrieben [worden] sein.“ 7

Die Genese des Fatalismusbriefes verschiebt Hauschild in den Zeitraum zwischen dem 10. bis zum 20. Januar 1834.8 Gestützt werden die Ausführungen von Hauschild durch Reinhardt Pabst und Thomas Michael Mayer durch das Argument, Büchner würde sich mit der Bemerkung „Lieb Kind, was macht denn die gute Stadt Straßburg? Es geht dort allerlei vor, und du sagst kein Wort davon.“ 9 auf politische Unruhen in Straßburg zu dieser Zeit beziehen.10

Hermann Kurzke schließt sich dieser Argumentation an und fügt hinzu, dass es sich beim Januar 1834 um einen sehr warmen Monat gehandelt haben muss und der Satz, den Georg Büchner schreibt, es sei bei ihm gerade Frühling11 auf diese Weise verständlich und erklärbar wird. Denn, falls es tatsächlich bereits Frühling gewesen wäre, hätte Büchner diese meteorologische Einschätzung nicht formulieren müssen. Sonst müsste man die folgerichtige Annahme treffen, Der Hessische Landbote sei zur gleichen Zeit wie der Fatalismusbrief entstanden, was im direkten und konkreten Vergleich stilistisch und semantisch sowie in Anbetracht der körperlichen und seelischen Verfassung Büchners, welche aus seinem Brief hervorgeht, unglaubwürdig erscheint.12 So lässt sich demnach festhalten, dass die zeitliche Einordnung des Bruders von Büchner, Ludwig, „[…] nach dem 10. März 1834“ wahrscheinlich unzutreffend ist. Dies stellt den gesicherten Kenntnisstand der aktuellen Büchnerforschung dar, weshalb im weiteren Verlauf der Arbeit von der Textgenese an einem bestimmten Datum innerhalb des genannten Zeitraums (10.-20. Januar 1834) ausgegangen wird.

Anfang März schreibt Büchner seiner Braut und Ende des Monats seinen Eltern jeweils einen Brief, in denen er seine depressiv-melancholische und demotivierte Stimmungslage schilderte. Er käme nicht voran und sei in tiefe Schwermut verfallen, schriebt er.13 Ende Oktober zog Büchner gezwungenermaßen aus Straßburg nach Gießen und ungefähr Anfang November soll seine exogene Depression eingetreten sein, so Kurzke. Mögliche Ursachen hierfür, die vermutlich keiner monokausalen Erklärung folgen, sind zum einen die Tatsache, dass er nun getrennt von seiner Braut Minna war und zum anderen die restriktive und repressive politische Situation im neoabsolutistisch und reaktionär regierten großherzoglichen Hessen-Darmstadt, dass ihm zutiefst verhasst war. Ganz anders als das liberalere Frankreich, wo seit der Julirevolution von 1830 der sogenannte Bürgerkönig Louis-Phillipe I. aus dem Haus Orléans, einer Nebenlinie der Bourbonendynastie, als König der Franzosen und auf Grundlage der Charte von 1830 eine Art konstitutioneller Monarch herrschte.

Hinzukommt eine schwere Erkrankung, bei der es sich vermutlich um eine Meningitis, also eine Hirnhautentzündung infolge einer Infektion oder das psychosomatische Ergebnis einer möglichen Depression handelte.14 Auf eine Krankheit verweisend schreibt er: Ich glühte, das Fieber bedeckte mich mit Küssen und umschlang mich wie der Arm der Geliebten.“ 15

Bei der Exegese des Textes bezüglich Büchners Geschichtsphilosophie kann ein einzelner Brief nicht Ausdruck oder Zeugnis einer persönlich ganzheitlichen philosophischen Auffassung sein. Er taugt allerdings zum Indiz. Es kann eine Tendenz aufzeigen oder lässt zumindest auf eine Stimmung schließen. Als Beleg sind dezidiert politische Schriften wie Der Hessische Landbote oder das Drama Dantons Tod sie darstellen, dagegen weitaus besser geeignet. Sie erlauben ein begründetes Werturteil über das Menschen- und Weltbild des Autors und haben weniger den Charakter einer leidlichen Momentaufnahme. Im Falle des Fatalismusbriefes ist ebenjene Momentaufnahme auch noch hochgradig emotionalisiert. Ob nun hauptursächlich durch Sehnsucht, Verzweiflung oder Melancholie bedingt, wird sich in Zukunft wahrscheinlich kaum klären lassen.

[...]


1 Siehe Büchner, Georg: Brief an Wilhelmine Jaeglé, Mitte/Ende Januar 1834. in: Georg Büchner. Schriften, Briefe, Dokumente. Poschmann, Henri (Hrsg,), Bd. 2. Frankfurt 1999 S. 377.

2 Vgl. Jan-Christoph Hauschild: Georg Büchner. Studien und neue Quellen zu Leben, Werk und Wirkung. Mit zwei unbekannten Büchner-Briefen. Königstein im Taunus 1985. S. 64–67.

3 Anm.: Der Verfasser betont, er könne den Veilchenstraß der Verlobten ständig erneuern und bezeichnet ihn als „unsterblich“. Damit drückt Büchner aus, dass er den Veilchenstrauß, das Geschenk der Geliebten und sozusagen Pfand ihrer Beziehung zueinander, frisch hält, damit ihr Bund ewig bestehen könne.

4 Vgl. Hauschild, Jan-Christoph: Neudatierung und Neubewertung von Georg Büchners Fatalismusbrief. In: Zeitschrift für deutsche Philologie 108 (1989) Heft 4. S. 513 f.

5 Siehe Zobel von Zabelitz, Max: Georg Büchner – Sein Leben und sein Schaffen. In: Bonner Forschungen 8 (1915) S. 125 f. Anm. 2.

6 Vgl. http://buechnerportal.de/aufsaetze/72-burghard-dedner-der-fatalismusbrief#fn1 (Letzter Zugriff: 15.05.2017, 22:23.).

7 Siehe Hauschild: Neudatierung und Neubewertung. S. 517.

8 Vgl. a.a.O. S. 526.

9 Siehe Büchner: Brief an Wilhelmine Jaeglé. S. 377.

10 Vgl. http://buechnerportal.de/aufsaetze/72-burghard-dedner-der-fatalismusbrief#fn1 (Letzter Zugriff: 15.05.2017, 22:23.).

11 Vgl. Büchner: Brief an Wilhelmine Jaeglé. S. 377.

12 Vgl. Kurzke, Hermann: Georg Büchner. Geschichte eines Genies. München 2013. S. 105. f.

13 Vgl. a.a.O. 105.

14 Vgl. a.a.O. S.106.

15 Siehe Büchner: Brief an Wilhelmine Jaeglé. S. 377.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Georg Büchners Geschichtsphilosophie und der Fatalismusbrief. Eine historische Textanalyse und -interpretation
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg  (Interdisziplinäre Studienanteile)
Veranstaltung
Georg Büchner (1813 - 1837): Dramen und Prosa
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V1013095
ISBN (eBook)
9783346403919
ISBN (Buch)
9783346403926
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Georg Büchner, Germanistik, Vormärz, Liberalismus, Revolution, Fatalismus, Determinismus, Anthropologie, Philosophie, Geschichtsphilosophie, Hegel, Bibel, Glaube, Depression, Liebe, Romantik, Literatur, Literaturwissenschaft, Geschichte, Frankreich, Hessen, Darmstadt, Gießen, Straßburg, Fatalismusbrief, Textanalayse, Textinterpretation, Anthropologische Konstante, Freiheitskampf, Biedermeier, Realismus, Dantons Tod, Der Hessische Landbote, Lenz
Arbeit zitieren
Robert Samuel Langner (Autor:in), 2017, Georg Büchners Geschichtsphilosophie und der Fatalismusbrief. Eine historische Textanalyse und -interpretation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1013095

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