Geniebegriff von Goethe am Sturm und Drang


Facharbeit (Schule), 1999

20 Seiten, Note: 11 Punkte


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Sturm und Drang als historische Epoche (1770/1785)
2.1 Goethes Stellung in der Epoche
2.2 Grundvoraussetzungen für die Epoche

3. Der Geniebegriff

4. Götz von Berlichingen
4.1 Der historische Götz
4.2 Goethes literarischer Götz
4.3 Schilderung der Handlung
4.4 Personen und ihre Stellung im Drama
4.5 Goethes Selbstinterpretation zum Götz

5. Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Schülererklärung

Portrait Goethe mit 24 Jahren,

Frankfurter Mansardenzimmer

Schaubild: Sturm und Drang

Rede zum Shakespeare Tag

Bilder aus dem Götz von Berlichingen

1. Einleitung

Das Thema der vorliegenden Facharbeit lautet: „ Die besondere Bedeutung Goethes für den Sturm und Drang anhand seines Werkes Götz v. Berlichingen unter Berücksichtigung des Geniegebriffs und seiner Geschichte.“ Sie ist entstanden im Zusammenhang des Semesterthemas „Goethe“ im Leistungskurs Deutsch unter Leitung von Herrn Michael Burger während des Schuljahres 1999/2000.

Das Ziel dieser Facharbeit ist es, näher zu beleuchten, wie Johann Wolfgang von Goethe die Epoche des ‚Sturm und Drang‘ geprägt hat, wieso man heute, wenn man von ‚Sturm und Drang‘ redet, von einer ‚Geniezeit‘ spricht und wie sein Werk ‚Götz von Berlichingen‘ in dieser Zeit zu verorten ist. War es allein Goethe, der diese Epoche geprägt hat und wenn ja, wodurch? Warum hat gerade das Werk ‚Götz v. Berlichingen‘ einen so großen Stellenwert für diese Zeit erhalten?

Auf den nachfolgenden Seiten wird versucht, diesen Fragen auf den Grund zu gehen. Nach einer kurzen Einleitung geht es zunächst um die Epoche des ‚Sturm und Drang‘. Dabei werden die Stellung Joh.Wolfgang v. Goethes unter Einbeziehung biografischer Informationen berücksichtigt und die Grundvoraussetzungen für die Epoche des ‚Sturm und Drang‘ skizziert. In einem weiteren Überlegungsschritt wird der Geniebegriff im allgemeinen näher beleuchtet und zu Goethe in Beziehung gesetzt. Sodann steht das Werk ‚Götz von Berlichingen‘ im besonderen im Zentrum der weiteren Überlegungen, wobei zum einen auf den historischen Götz abgehoben, zum anderen auf Goethes literarischen Götz eingegangen wird. Ferner werden die Handlung und die Personen sowie ihre Stellung im Drama betrachtet und schließlich fließt Goethes Selbstinterpretation in die Überlegungen ein. Mit der Zusammenfassung am Schluß der Arbeit und einigen Ausblicken wird ein vorläufiges Fazit gezogen.

Die Anmerkungen verweisen auf die zu Rate gezogene Literatur. Deren vollständige Titel befinden sich im Literaturverzeichnis. In den Anhang wurden ein Goethe-Portrait, das den Autor des Götz ungefähr zur Abfassungszeit zeigt sowie ein Schaubild zum ‚Sturm und Drang‘, die ‚Rede zum Shakespeare-Tag‘ und Bilder aus dem ‚Götz von Berlichingen‘ zur Illustration aufgenommen.

2. Der Sturm und Drang als historische Epoche ( 1770/1785)

Der Sturm und Drang als Epoche reichte vom Ende der 60-er bis Mitte der 80- er Jahre des 18. Jahrhunderts. Oft wird der Sturm und Drang als Geniezeit oder auch als Genieperiode betitelt, weil man das Original-Genie verehrte und als Urbild des wahren schöpferischen Künstlertums ansah. Der Name Sturm und Drang wurde der Epoche nach dem Drama von F.M. Klinger „Sturm und Drang“, das er 1776 geschrieben hatte, zugeordnet. Allerdings wurde auch der Name des Dramas von Ch. Kaufmann von „ Wirrwarr“ in Sturm und Drang geändert. Diese Bewegung entstand zum größten Teil dadurch, daß die Aufklärung mit ihrer rationalistischen Weltsicht mit ihren Regeln und Gesetzen die Künstler in ihrem Streben zu sehr einschränkte. 1

So entstanden die Ideen des Sturm und Drangs nicht einfach als Veröffentlichungen, sondern kündigten sich meist in den Schriften einzelner als Ideen an. Es war nicht Goethe, der die ersten Ideen zu Sturm und Drang an das Tageslicht brachte, sondern vielmehr der Königsberger Johann Georg Hamann, ( 1730-1788), der in seinen Schriften die Irrationalität des realen Lebens betonte. Dieser setzte sich mit dem Aufklärungsoptimismus in seinem Werk „Sokrat. Denkwürdigkeiten“ auseinander. Ein weiterer früherer Voranbringer des Sturm und Dranges war Joh. Gottfried Herder, der durch die Vergleiche von Lessings Literaturbriefen die Rückkehr zur natürlichen Sprache, nationaler Orginalität und der Natur fordert.2

Die Nachahmung des Shakespear’schen Dramas in Deutschland, eines Dramas, das nicht an die vorherigen Regeln der Zeit gebunden ist, läßt den Sturm und Drang allerdings auch seine Schwächen und seine Grenzen aufweisen. Zwar entstanden in dieser Epoche durchaus neue Ansichten und Einzelfragen über die Funktionen des Dramas als auch über Natur und Geschichte, doch war der Sturm und Drang eher eine Epoche, die in einer kleinen Schublade verschwand. Den Sturm und Drang nur als Übergangsepoche zu sehen, wäre auch unterklassifiziert. Viele Ansätze aus dieser Zeit sind für die weitergehenden Epochen, wie der Klassik, wichtig. Die Klassik ist eine Gegenbewegung zum Sturm und Drang. Besonders eingänglich wird dies bei den Liedern, die in dieser Zeit entstanden sind. In diesen Liedern geht es meistens um persönliche Gefühle und Erlebnisse und auch immer um den Bezug zur Natur, wie z.B. in Wanderliedern .

So wird im Sturm und Drang sowohl in der Lyrik als auch in der Prosa sehr viel mit Affekten und Emotionen gearbeitet. Als Beispiel dient auch der Götz v. Berlichingen, der für viele aggressiv, primitiv und vulgär in seiner Aussprache ist. „Er kann mich - - -“(Götz)3.

2.1 Goethes Stellung in der Epoche

Johann Wolfgang Goethe wurde am 28. August 1749 als Sohn des Doktors jur. Johann Caspar und seiner Frau Katharina Elisabeth geb. Textor, in Frankfurt a.M. geboren1 .

Peter Börner schreibt in seinem Buch, daß Goethe nach seiner Rückkehr aus Straßburg gerade 22 Jahre alt war und dann auf Wunsch des Vaters als Rechtsanwalt beim Frankfurter Schöffengericht zugelassen wurde. Die Erwartungen des Vaters, sich selbstständig zu machen und diesem Beruf nachzugehen, hielt er allerdings nicht stand. Er selbst führte nur 28 Prozesse in Frankfurt. Stattdessen wandte er sich der Dichtung zu. Vor allem Shakespeare beeindruckte ihn in dieser Zeit. So gehörten zu seinen frühesten poetischen Arbeiten die düsteren Gesänge von Selma, die er aus dem Ossian übersetzte und später mit in den Werther übernahm.

Durch die Beschäftigung mit Shakespeares Werken versuchte er zu höheren, freieren und ebenso wahren dichterischen Weltansichten zu kommen2.

Genau hier zeichnen sich schon die Grundsätze des Sturm und Dranges ab. Seine Vertreter entfernen sich vom rationalen Erkennungsprinzip der Aufklärung und richten sich gegen die herrschende Standesordnung. So standen, wie auch bei Shakespeare, jetzt auch bei Goethe im neuen deutschen Drama Emotionalität und Spontanität vor den bisherigen deutschen Normen.3

Goethe brachte Neigung zum Shakespeare-Drama in seiner Rede zum Shakespeare-Tag zum Ausdruck, die er selbst am 14. Okt. 1771 vortrug. Hierin bekennt er sich zu dem Dichter des Hamlet und formulierte die Definition des Sturm und Drang. So waren die Ziele Goethes und die seiner Anhänger eigentlich die Prinzipien, die Shakespeare in seinen Dramen als Grundstock sah. Dem Rokoko-Theater wurde der Rücken zugekehrt und das regelgebundene Drama der Franzosen wurde gebrochen. Es ging nun vielmehr darum, wie es Boerner ausdrückt , Mark in den Knochen‘ zu haben. Noch dazu kam der enge Bezug zur Natur. Sie bedeutete die Ganzheit des menschlichen Charakters ebenso wie die Einheit des Universums, hieß aber auch Aufhebung der dualistischen Begriffe von Gut und Böse, Preisgabe von Offenbarung und Heilversprechen, Einsicht in ein durch Untergang und Tod bezeichnetes Schicksal der Menschen. 4

Peter Börner, dem in seiner Interpretation hier gefolgt wird, meint nichts Anderes, als das der Herrschaft der Vernunft und des abstrahierenden und regelnden Verstandes nun die schöpferische Kraft des ursprünglichen, leidenschaftlichen, Natur- und sinnenhaften Gefühls und der Fantasie entgegengestellt wird. Dazu das klassizistisch gesehene Schöne, das Charakteristische und Wahre, das naturhaft oder moralisch Große. Dazu kommt die Aufhebung der Dreieinheiten im Drama, die Hinwendung zur Prosa und zu einem gefühlsbetonten expressivem Sprachstil. Dieser Irrationalismus , Subjektivismus und Individualismus des Sturm und Drang gipfelt in der Darstellung von Goethes Götz von Berlichingen, der nichts Anderes anerkennt, außer dem, was die Anlagen seiner Natur gestatten.1

Nach der Behandlung der Shakespeare-Rede wollte Goethe jetzt selbst den dramatischen Stoff behandeln. So wurde er einerseits durch den philosophischen Helden Sokrates als auch durch den fränkischen Raubritter Götz von Berlichingen anregt. Hierzu sagte Goethe selbst: „Mein ganzer

Genius liegt auf einem Unternehmen, worüber Homer und Shakespeare und alles vergessen worden. Ich dramatisiere die Geschichte eines der edelsten Deutschen, rette das Andenken eines braven Mannes, und die viele Arbeit, die mich‘s kostet, macht mir einen wahren Zeitvertreib, den ich hier so nötig habe, denn es ist traurig an einem Ort zu leben wo unsere ganze Wirksamkeit in sich selbst summen muß.“ 2

In weniger als 6 Wochen vollendete er die erste Fassung dieses Dramas im Jahre 1771.

Goethes freizügiger Lebensstil, der durch viele Reisen und Wanderungen weiter ausgebaut wurde, prägt sein Genie wesentlich. Engere Beziehungen zu dem Kreis der Empfindsamen in Darmstadt ( Gemeinschaft der Heiligen) brachten ihm die Bekanntschaft Heinrich Mercks, der sich im Laufe der Zeit als kritischer Mentor Goethes entwickeln sollte.

1772 ging Goethe nach Wetzlar, um durch eine Ortsveränderung seine innere Neigung zu befriedigen. Grund hierfür war der Wunsch des Vaters, seine juristischen Kenntnisse am Reichskammergericht zu erweitern. Diese Stadt hatte etwas Besonderes für Goethe, einen besonderen Stil, einen historischen Hintergrund, eine historische Epoche. Sie bot ihm die Möglichkeit, verschiedene historische Perspektiven als auch sozial kritische Perspektiven mit in seine Arbeit einzubauen.

Goethe befaßte sich in dieser Zeit sehr stark mit den Griechen. Durch Annäherung an Homer, Anakreon und Pindar weitete Joh. Wolfgang v. Goethe seinen Horizont. So gelangt er zu neuen Ansichten: „Ich möchte beten, wie Moses im Koran: „Herr, mach mir Raum in meiner engen Brust.!“ (Goethe)3 Man merkt Goethe an, daß er jetzt an einen Punkt angekommen ist, wo er eine neue Stufe betreten will. Er will etwas zum Anfassen haben und nicht nur ‚rumreisen‘. Goethe wörtlich: „Wenn ich nun aber überall herumspaziert bin, überall nur d‘ reingeguckt habe, nirgens zugegriffen. Dreingreifen, packen ist das Wesen jener Meisterschaft“( Goethe)4

Goethe kam nach Frankfurt zurück, weil er das Verhältnis zwischen Charlotte Buff , Johann Christian Kestner und ihm nicht mehr ertragen konnte und unter den schweren Spannungen litt. So wurden wieder neue Konflikte geschaffen, wie z.B. der, daß seine Schwester heiratete und nach Emmendingen in Baden zog. Auch Lotte Buff ließ sich nach kurzer Zeit mit Kestner, dem engen Freund Goethes, zur Wetzlarer Zeit trauen. Zu allem Unglück verstarb ein Bekannter mit Namen Karl-Wilhelm aus unglücklicher Liebe zu seiner Angebeteten in Jerusalem. Das reichte für Goethe an Stoff für ein neues Werk aus. So wurden die Leiden des jungen Werthers Anfang des Jahres 1774 konzipiert1.

Dies ist ein gutes Beispiel, um hervorzuheben, wie sehr Goethe durch seine Verhältnisse geleitet wurde. Diese emotionalen schweren Schicksalsschläge kann Goethe anscheinend nur auf dem Papier verarbeiten.

Im Herbst 1774 erschien das Buch im Druck. Es folgte ein unerwartetes Echo auf die Veröffentlichung. Auch die sentimental-pessimistische Strömung aus England, wie z.B. von Edward Youngs, war für Goethes Schriftstil im Werther ausschlaggebend.2

Man kann Goethe in dieser Prägephase des 18. Jahrhunderts als das Wasser und die fruchtbare Substanz sehen, die ein Baum braucht, um groß und stark zu werden.

So sind die letzten Frankfurter Jahre, wie kaum eine andere Zeit in Goethes Leben, geprägt durch dichterische Entwürfe. „ Gewöhnlich schrieb ich alles zur frühesten Tageszeit; aber auch abends, ja tief in die Nacht, wenn Wein und Geselligkeit die Lebensgeister erhöhten, konnte man von mir fordern, was man wollte; es kam nur auf eine Gelegenheit an, die einigen Charakter hatte, so war ich bereit und fertig.“ (Goethe) 3

An diesem Ausspruch Goethes wird klar, was seine Stilfertigkeit ausmachte. Neben der Produktivität in den frühen Morgenstunden waren es sicher auch der Wein und die Geselligkeit, die ihm die manchmal plump erscheinende Redensweise im Götz v. Berlichingen näher brachte.

Auch Goethes Stellung zur Kirche in dieser Zeit war kritisch. Das konservative Konzept der Kirche paßte nicht in den Sturm und Drang-Gedanken hinein. Ein Beispiel sind die Kindesmörderinnen in diesem Jahrhundert. Mütter, die uneheliche Kinder zur Welt brachten mußten diese töten, um nicht vor Schande zu vergehen. Dieser Druck der Ständeschranken von außerhalb auf das sich innerhalb befindende Bürgertum war ein großer Reibungspunkt Goethes.

Daher steht der Götz in seinem Drama auch mit der Kirche in kritischem Konflikt.

2. 2 Grundvoraussetzungen für die Epoche

Goethes auslösende Faktoren für den Beginn der Sturm und Drangzeit liegen in Straßburg. Durch die Elsässische Landschaft und die Inspiration durch die mittelalterliche Baukunst sowie die Liebe zur Sesenheimer Pfarrerstochter Friederike Brion ist sowohl der Beginn des Sturm und Drangs als auch die erste Phase der Goethezeit eingeläutet. Durch die Trennung von Friederike Brion mit einem Schuldgefühl im August 1771 verarbeitet Goethe diese Trennung später in seinen Lebenszeugnissen und Dichtungen.

[...]


1 Brockhaus „Sturm und Drang“ S. 273

2 DTV-Atlas, Dt. Lit. , S. 153

3 Goetz von Berlichingen, Goethe S.73, Z.2

1 Reclam, Joh. Wolfg. Goethe, S. 5

2 Börner, Peter, S. 37

3 Microsoft Encarta 98 „Sturm und Drang“

4 Boerner, Peter, S. 37

1 Brockhaus in 24 Bänden „Sturm und Drang“ S. 273, 274

2 Börner, Peter, S.39 Z.9-15

3 Börner, Peter, S. 41

4 Börner, Peter, S. 41

1 Börner, Peter, S. 42,43

2 Börner, Peter, S. 44

3 Börner, Peter, S. 46

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Geniebegriff von Goethe am Sturm und Drang
Note
11 Punkte
Autor
Jahr
1999
Seiten
20
Katalognummer
V101330
ISBN (eBook)
9783638997478
Dateigröße
401 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geniebegriff, Goethe, Sturm, Drang
Arbeit zitieren
Tobias Koch (Autor), 1999, Geniebegriff von Goethe am Sturm und Drang, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/101330

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