Frisch, Max - Homo Faber


Referat / Aufsatz (Schule), 2001

6 Seiten, Note: 14 Punkte


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1. Der Autor

Max Frisch, geboren am 15. Mai 1911 in Zürich, gehört zu den bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Nach seinem Abitur 1931 studierte er zunächst Germanistik bis 1933, arbeitete als Reporter in der Tschechoslowakei und in den Balkanländern, ab 1936 Studium der Architektur (Abschluss 1941). Danach lebte er als Schriftsteller und Architekt, bis er sich ganz und gar der Literatur zuwandte. Durch seinen Roman „Stiller“ (1954) erringt er endgültigen literarischen Weltruhm. 1958 erhielt er den bedeutenden Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Zu seinen bedeutendsten Werken gehören u.a. die Prosaveröffentlichungen „Tagebuch 1946-1949“ (1950); „Stiller“ (1954); „Homo faber“ (1957); „Mantauk“ (1976); „Blaubart“ (1982) und die Dramen „Biedermann und die Brandstifter“ (1958); „Andorra“ (1961); „Biographie:Ein Spiel“ (1967); „Triptychon. Drei szenische Bilder“ (1978).

Charakteristisch für Frisch ist die literarische Form des Tagebuchs, in der er viele Themen, die er in seinen fiktiven Prosaveröffentlichungen verarbeitete, vorwegnahm. Seine epischen und dramatischen Werke machen deutlich: der Mensch ist sich selbst entfremdet; sein eigentliches Ich wird verstellt durch Bilder, die er und andere von ihm haben. „Wie soll einer denn beweisen, wer er in Wirklichkeit ist? Ich kann’s nicht. Weiß ich denn selbst wer ich bin?“ - so heißt es in dem Roman „Stiller“.

2. Der Roman

Die erste Buchausgabe des Romans erschien am 30.09.1957, vier Tage vor dem Start des ersten Weltraumsatelliten „Sputnik“ in der UdSSR, mit dem die Ära der Weltraumflüge begann. Diese Paralellität macht deutlich, dass Frisch mit der Wahl der Thematik seines Werkes nicht nur zeitgemäß, sondern seiner Zeit sogar voraus war. Aufgrund dieser Thematik fand der Roman eine riesige Verbreitung, auch im Ausland. Mehr als eine Million Exemplare wurden bis jetzt im deutschsprachigen Raum verkauft.

3. Inhalt

3.1 Thematik

„Homo faber“ ist ein Roman in Berichtform. Schon der Titel deutet auf die Schlüsselfigur und den Ich-Erzähler hin. Der Bericht, den der Autor dem UNESCO-Ingenieur Walter Faber in den Mund legt, handelt von einem rationalitätsgläubigen, diesseitsorientierten, modernen Menschen, dessen technologisch-mathemathisches Weltverständnis ihn blind macht für die Erkenntnis, dass das Leben mit all seinen Unwägbarkeiten und schicksalhaften Zufällen sich den Gesetzen der Logik entzieht.

Erst der Rechenschaftsbericht über seine eigene Vergangenheit, die Liebe eines Mädchens, das, wie sich herausstellt, seine eigene Tochter ist, lassen den überzeugten Rationalismus des Walter Faber zusammenbrechen.

3.2 Der Handlungsaufbau & Inhaltsangabe

Ordnet man die im Roman geschilderten Ereignisse chronologisch, so lassen sich eine Vorgeschichte und eine Haupthandlung unterscheiden.

Die Vorgeschichte spielt in der Zeit von 1933-1956 und lässt sich durch diverse Einschübe in die Haupthandlung rekonstruieren. Sie enthält die entscheidenden „Schlüssel“ zum Verhalten des Hauptcharakters, des 50jährigen Schweizer Ingenieurs Walter Faber, während des Hauptgeschehens im Jahre 1957.

Walter Faber lernt in den Jahren 1933-1935 die Kunststudentin Hanna Landsberg kennen. Als Faber 1936 erfährt, dass Hanna ein Kind erwartet, reagiert er äußerst zurückhaltend, lehnt eine Heirat grundsätzlich ab. Beide vereinbaren einen Schwangerschaftsabbruch und Faber reist 1936 berufsbedingt allein nach Bagdad.

Hanna allerdings heiratet daraufhin Fabers Jugendfreund Joachim und gebärt trotz der Vereinbarung ihre Tochter Elisabeth. Diese Ehe wird ca. 1937 geschieden, Hanna heiratet nach dem 2. Weltkrieg erneut, lässt sich 1953 jedoch ein zweites Mal scheiden und geht mit ihrer Tochter nach Athen, wo sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an einem archäologischen Institut wird.

Der Leser erfährt nichts über das Leben Fabers in dieser Zeit, außer, dass er als Ingenieur für die UNESCO tätig ist und in New York lebt.

Diese Informationen der Vorgeschichte sind durch diverse Rückblenden in die eigentliche Haupthandlung eingeschoben.

Die Haupthandlung, die formal in zwei „Stationen“ gegliedert ist, wird an bestimmten Stellen immer wieder durch diverse Rückblenden und Vorausdeutungen unterbrochen. Bei der Haupthandlung handelt es sich um eine Ich-Erzählung:

Walter Faber berichtet und kommentiert in einer rationalitätsgläubigen und technischen Art und Weise zurückblickend die merkwürdige Verkettung von Ereignissen im Jahre 1957. Herausragende Ereignisse sind die Begegnung Fabers mit dem Bruder seinen Freundes Joachim während einer Notlandung in der Wüste. Von ihm erfährt er von der Hochzeit Hannas und Joachims. Walter Faber unternimmt mit Joachims Bruder eine Suchexpedition nach dem im Dschungel verschollenen Joachim und findet dessen Leiche. Nach seiner Rückreise in die USA begibt er sich auf eine Schiffsreise nach Europa, auf der er die Studentin Sabeth kennenlernt. Sie erinnert ihn stark an Hanna und er verliebt sich in sie. Schließlich begleitet er sie auf ihrer Heimreise nach Athen. Diese enge Beziehung wird mit einem tödlichen Unfall, bei dem Sabeth einen Schädelbasisbruch erleidet, beendet. Sabeth ist, wie sich schrittweise aufklärt, Walter Fabers Tochter. Dieses erfährt er von Hanna, die er in Athen ebenfalls wiedertrifft.

All diese Ereignisse und Erfahrungen verändern das Lebens- und Weltverständnis des Walter Faber radikal.

Die Tagebucheintragungen in der zweiten „Station“ , die von Reisen Fabers geprägt ist, enden mit den Worten „Sie kommen“, die auf den Tod Fabers hindeuten.

4. Die Figur „Walter Faber“

4.1 Vorbemerkung

Max Frisch bezeichnet das Rollenbild, das der Mensch von sich selbst macht, und das den Zugang zu seinem eigentlichen Selbst verstellt, als „Bildnis“. Die eigentliche, wahre Identität des Menschen verbirgt sich hinter diesem „Bildnis“. Dieses „Bildnis“ des Menschen von sich selbst, ist gesellschaftlich stark geprägt: Er lässt sich in ein bestimmtes Muster, in ein „Klischee“ zwingen, in dem die Gesellschaft ihn sehen möchte.

4.2. Walter Faber und sein „Bildnis“

Walter Faber lebt im Zwang des von Max Frisch beschriebenen „Bildnis“. Faber bekennt sich zur Rolle des Technikers. Er fragt sich,„was die Leute eigentlich meinen, wenn sie von Erlebnis reden. Ich bin Techniker und gewohnt, die Dinge zu sehen, wie sie sind“(vgl. Seite 24). Zum Techniker gehören also Realitätsbezug, rationales Erfassen und damit die völlige Beherrschung der Umwelt. Als Ausdruck dieses technikbestimmten Lebens führt er grundsätzlich Gegenstände mit sich, die fast zu seinem Leben gehören: Kamera, Schreibmaschine und Schachspiel. Diese sind Zeichen technischer Macht, die es ihm ermöglichen, die Unmittelbarkeit des Lebens und der Natur von sich fernzuhalten.

Faber sieht sich neben der Rolle als Technikers desweiteren in einer anderen, der er ebenfalls voll zu entsprechen glaubt: der des Mannes: „Ich lebe wie jeder wirkliche Mann, in meiner Arbeit“ (vgl. Seite 90). Überhaupt sei der Beruf des Technikers „der einzigmännliche überhaupt“ (vgl. S. 77). Faber möchte die Rolle des „wirklichen, harten Mannes“ spielen, derer seines Erachtens auch voll entspricht. Er sei„ein Mann in den besten Jahre“, wird dem Image des „richtigen Mannes“ also voll gerecht.

Faber zeichnet von sich das Bild des modernen, erfolgreichen Technikers und Mannes, der jede Lebenssituation geherrscht und kontrolliert:„Ich bin nun einmal ein der Typ, der mitbeiden Füßen auf der Erde steht“(vgl. S. 47).

Damit ist auch die Bedeutung des Titel „Homo faber“ geklärt. Diese lateinische Bezeichnung bedeutet wörtlich übersetzt „der Mensch als Schmied“. Gemeint ist also der Mensch, der von der technischen Welt geprägt ist und deren Facetten auf sich und seine Umwelt anwendet und dabei das Wesentliche im Leben außer Acht lässt: das Emotionale.

Faber ist desweiteren stark narzißtisch eingestellt, er kann und will sich nicht mit anderen Menschen abgeben bzw. sich mit ihnen beschäftigen. Sie gehen ihm„auf die Nerven“(vgl. S. 8), sind sogar anstrengend für ihn (vgl. S. 92). Er ist schlicht und einfach„froh, allein zusein“(vgl. S. 7).

Faber macht sich nicht nur von sich selbst und seinen Mitmenschen ein Bildnis, sondern von der Welt überhaupt. Alles was ihm begegnet bewertet er als „üblich“, womit er sich einreden möchte, dass die Geschehnisse nicht neu, einmalig, sondern schon vorgekommen, schon dagewesen sind. Es handelt sich bloß um Wiederholungen, die sein technisches Weltbild, das er sich zu seinem eigenen Schutz aufgebaut hat, perfekt ist. Der Leser erkennt, dass Faber sich dieses Weltbild aus Angst vor dem Erleben-Müssen geschaffen hat und es damit verfälscht. Er stellt seine Weltansicht die der „Leute“ gegenüber, die im Gegensatz zu ihm emotionaler leben, Dinge erleben und nicht alles erklären können oder wollen. Faber denkt in gegensätzlichen Oppositionen. Sein Leben wird von dieser Differenzierung geprägt, bei dem auf der einen Seite die technisch bestimmte, rationale Welt steht, die positiv von ihm bewertet wird. Auf der anderen Seite steht die „andere“, irrationale Welt, die von ihm negativ bewertet wird.

Er reduziert dadurch seine Wahrnehmungen auf ein Minimum, sieht die Komplexität des Lebens nicht, sieht die „Dinge“ nicht so, „wie sie sind“, sondern so, wie er sie als Techniker sehen will. Er verzehrt damit die Wirklichkeit und lebt schlichtweg an ihr vorbei. Der Leser allerdings bemerkt: Das Selbstbild des „Homo faber“ wird an vielen Stellen gesprengt. Er merkt, dass der Mann sich verunsichert fühlt, sich dieses aber nicht eingesteht, obwohl er sich bis in die Identitätskrise steigert. Zwar bleibt er fast immer seinen Prinzipien die in sein selbst geschaffenes „Bildnis“ passen, treu, allerdings wird in er Darstellung der Mondfinsternis in Avignon deutlich, dass Faber sich immer mehr seinen Eindrücken und Gefühlen hingibt, obwohl er das Ereignis einfach physisch begründen könnte. Auch seine immer stärker werdenden Gefühle für Sabeth während der Europa-Reise bewirken, dass er die Rolle des Techniker zeitweise ablegt. Er spricht erstmals ausdrücklich von seinen Gefühlen:„Ich kann nur sagen, dass ich glücklich gewesen bin...“(vgl. S. 107).

Diese Gefühle passen nicht in Fabers Weltbild, prägen sich allerdings immer stärker aus. Ganz deutlich wird die Identitätskrise in den Aufzeichnungen der „zweiten Station“. Geprägt ist diese Station durch mehrere Reisen Fabers, u.a. auch nach Cuba. Dort versucht Faber sich neu zu orientieren. Allein die Aussage„Vier Tage nichts als Schauen“(vgl. S. 172) ist eine mehr als ungewöhnliche Verhaltensweise Fabers.

Nie vorher konnte er reine Untätigkeit ertragen, doch jetzt gibt er sich vier Tage lang seinen Eindrücken hin. Zum ersten Mal kann und will Faber bewusst erleben. Er sieht endlich das, was er wirklich sieht. Er akzeptiert dieses Gefühl des Erlebens und verzichtet sogar auf seine Kamera. Er verläßt die Rolle des Technikers komplett, er bewundert die Lebenslust anderer Menschen und ist fasziniert von ihrer Lebensbejahung, die er vermittelt bekommt. Er kostet das Leben sinnhaft aus:„Wie ich schaukle und schaue“(vgl. S. 174).

Faber ist nun in der Lage die Schönheit, die Komplexität und die Intensität des Lebens zu erfassen und zu begreifen. Er ist nicht mehr „blind“, gefangen in seinem „Bildnis“, sondern kann das Leben „erfassen“, es begreifen. Allerdings ist zu beachten, dass Faber alles Neue, ihm vorher verborgene in dieses Cuba-Erlebnis hineinprojiziert, und sich dadurch vielleicht sogar ein neues „Bildnis“ erstellt, das Bildnis des „wahren“ und „wirklichen“ Lebens, welches eher eine Traum- und Wunschvorstellung darstellt.

5. Wirkung des Buches

5.1 Erzählperspektive

Im Roman „Homo faber“ finden sich sowohl die auktoriale als auch die personale IchErzählsituation - je nachdem, ob der Erzähler auf vergangenes Geschehen zurückblickt oder in der Situation schreibt. Dieses bewirkt eine große Nähe des Lesers zum Geschehen. Viel wichtiger im Roman erscheinen mir allerdings die Zeitverhältnisse und die Erzählweise:

5.2 Zeitverhältnisse und Erzählweise

Der Bericht Fabers in der „ersten Station“ wird immer wieder an bestimmten Stellen von Rückblenden und Vorausdeutungen unterbrochen. Die Rückblenden vermitteln dem Leser ein relativ geschlossenes Geschehen und liefern wichtige Informationen aus der älteren Vergangenheit. Sie sind meist monologisch verfasst, in einzelnen Fällen auch dialogisch als Gespräch Fabers mit anderen Personen.

Die Vorausdeutungen nehmen das zukünftige Geschehen nicht ganz vorweg, sondern deuten es nur in seinen wesentlichen Punkten an. Sie stehen mit den Rückblenden in einem Spannungsverhältnis: Die Vergangenheit wird mit den Hinweisen Fabers, der die Zukunft kennt, konfrontiert.

5.3 Sprache

Da es sich bei dem Erzähler im einen Techniker handelt, verwundert es nicht, dass er einen ziemlich nüchternen Ton verwendet. Fabers verkürztes, rationales Weltbild wirkt sich auch auf seine Sprache aus. Er verwendet einen stark verkürzten Satzbau, das Verb fällt weg und der Satz wird auf das Wesentliche reduziert. Dieses führt zu einer Anreihung von Ellipsen, die stark an einen Telegrammstil erinnern. Faber legt viel Wert auf genaueste Angaben von Ort, Zeit und Gegenständen. Ausschmückende Adjektive wie Farben und Formen erwähnt er nie. Oft nennt er Dinge mit der genauen Markenbezeichnung(„ein Heftlein, rororo“; Seite 9). Diese Genauigkeit spielt für Faber eine übergroße Rolle und erscheinen dem Leser zumeist als unnötige und unwichtige Angaben.

Desweiteren spricht Faber von sich in der Ich-Form. Wenn es jedoch um Probleme und den Gefühlsbereich geht, wechselt er zu den unpersönlichen Formen wie „man“ oder den Plural aus:„Manchmal wird man weich[...]Man macht schlapp“(vgl. S. 92).

Eine bildhafte Sprache macht sich erst bei der Europareise mit Sabeth und noch viel stärker bei seinem Cuba-Aufenthalt bemerkbar. Die Sprache Fabers entwickelt sich weg von der des Technikers. Sogar poetische Vergleiche kommen zustande:„Spritzerüber dem Pflaster: wieein plötzliches Beet von Narzissen“(vgl. S. 174).

5.4 Leitmotive

Das Wort „üblich“ ist das auffälligste Leitwort im Roman. Faber verwendet es immer wieder, um zu demonstrieren wie groß seine Standfestigkeit im Leben ist. Allerdings erzeugt der übermäßige Gebrauch des Wort eher das Gegenteil: der Leser erkennt, wie unsicher Faber auf unverhoffte Ereignisse reagiert, indem er dieses Wort übermäßig betont, und alles als Wiederholung darstellt.

Ein weiteres Leitmotiv des Buches ist das Fotografieren. Faber hat den Zwang alles zu fotografieren bzw. zu filmen. Dieses macht deutlich, dass alles von ihm erlebte gefiltert werden muss und durch die Technik auf die phänotypische Gestalt reduziert wird.

6 von 6 Seiten

Details

Titel
Frisch, Max - Homo Faber
Note
14 Punkte
Autor
Jahr
2001
Seiten
6
Katalognummer
V101342
Dateigröße
338 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Max Frisch, Bildnis
Arbeit zitieren
S. Björn (Autor), 2001, Frisch, Max - Homo Faber, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/101342

Kommentare

  • Gast am 30.6.2002

    Grandios!.

    Fantastisch! Danke!

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Titel: Frisch, Max - Homo Faber



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