Thomas Manns Felix Krull - ein gebildeter Schelm? Parodie auf Schelmen- und Bildungsroman


Hausarbeit, 2000

13 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

1. Vorbemerkung

2. Einleitung

3. Wege der Entwicklung
3.1. Die Nähe zum Bildungsroman
3.2. Pikareske Elemente

4. Schlußbetrachtung

5. Bibliografie
5.1. Primärliteratur
5.2. Sekundärliteratur

1. Vorbemerkung

Das Thema dieser Arbeit entstand schon während der Arbeiten zu meinem Referat, welches den Bildungsroman im Allgemeinen zum Thema hatte. Angesichts der Nähe zum Schelmenroman und der breiten wissenschaftlichen Diskussion der Bekenntnisse im Spannungsfeld zwischen Schelmen- und Bildungsroman, erschien mir eine Fragestellung vor diesem Hintergrund als reizvoll. Hierfür konzentriert sich die Textarbeit hauptsächlich auf einige Stellen aus der Kindheit und Jugend.

2. Einleitung

Um den "Banden der Knechtschaft und Furcht"1, nämlich der Schule zu entkommen, fälscht der Lebenskünstler Felix Krull die Unterschrift seines Vaters, täuscht einen Migräneanfall vor und unternimmt auch sonst alles um diesem "feindseligen Institut"2 zu entkommen. An einer bürgerlichen Bildung also nicht sehr interessiert, schlägt er sich auf dubiose Weise durch sein Leben und nennt seine Autobiografie aber selbst ein "Bildungswerk".3 Dies legt die Frage nahe, welche Art von Bildung damit wohl gemeint sein kann.

In den Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull finden sich Elemente aus der Gattung des Bildungsromans4 wie aus dem Pikaro- oder Schelmenroman5 zweifelsohne zur Genüge, ob aber eine vollständige Einordnung in eine dieser Gattungen möglich oder überhaupt sinnvoll ist, soll hier die Grundlage für eine Untersuchung der Individualität Felix Krulls sein. Dazu werden verschiedene zentrale Merkmale der beiden Gattungstypen vorgestellt und unter obiger Fragestellung analysiert. Da in beiden Romantypen die Entwicklung des Protagonisten im Vordergrund steht, wird der Entwicklung, des Menschen Felix Krull das Hauptaugenmerk gelten. Ziel der Untersuchung ist es festzustellen, ob eine Entwicklung zu einer wirklichen Individualität stattfindet, oder welche Daseins- bzw. Existenzform(en) der Protagonist während seiner Geschichte erreicht.

3. Wege der Entwicklung

3.1. Die Nähe zum Bildungsroman

Nach verschiedenen religiös wie gesellschaftlich bedingten Änderungen in der Definition des Bildungsbegriffes, setzte sich Mitte des 18. Jahrhunderts eine neue individualistische Bildungsidee durch:

"Bildung" als Individualitäts- und Entwicklungsbegriff setzt sich [...] ab von der Staatserziehung als Normentradierung zur Einpassung in eine eben ständisch vorgegebene Gesellschaft, sondern zielt auf die Instandsetzung des Individuums unter Gewährleistung eines persönlichen Spielraums, freilich mit dem Risiko, das Ende des Bildungsprozesses nicht mehr exakt vorherbestimmen zu können.6

Während bisher die Vorläufer des Bildungsromans hauptsächlich Wert auf die äußeren Umstände legen, die ausschlaggebend für den Lebensweg des Protagonisten sind,7 oder damit erzieherische Absichten verfolgen,8 ist jetzt der Weg frei für die individuelle Entwicklung einer komplexen und psychologisch zu deutenden Figur.

Das Paradigma der Gattung läßt nicht lange auf sich warten, 1796 erscheinen Wilhelm Meisters Lehrjahre: "Goethes Roman war schon bei seinem Erscheinen [...] zum Bildungsroman schlechthin erklärt worden."9 Mit dessen bekenntnishaftem Charakter einer (fiktiven) Autobiografie ist bereits eine erste wichtige Übereinstimmung in einem zentralen Gattungsmerkmal mit den Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull gefunden. Allerdings parodiert der Autor gerade diesen Stil sehr häufig.10 Ob es sich hier eventuell um eine gezielte Parodie des Bildungsromans handelt, wird eine Prüfung auf weitere Elemente der Grundstruktur von Bildungsromanen zeigen:

Die erfolgreiche Suche eines jugendlichen Protagonisten nach existenzsichernden Orientierungsmustern, nach Bestimmung seines gesellschaftlichen Standortes. Diese Suche stellt sich als eine meist nicht krisenfreie innere Progression dar, die in der Regel mit dem Eintritt in die Welt der Erwachsenen, mit der Selbstfindung ihren vorläufigen Abschluß findet. [...] Der zielgerichtete Prozess des sich selbst suchenden Helden endet in der Regel in der subjektiven Erfahrung gewonnener Ich-Identität. Der Protagonist erlebt sich nun als unverwechselbaren, konsistenten Charakter [...]. Der Held hat sich ein individuell bestimmtes Werteverhältnis erarbeitet, das aus der Erkenntnis der eigenen Möglichkeiten und Grenzen sowie der Einsicht in die notwendigen Widersprüche zwischen Ich und Gesellschaft resultiert.11

An dieser Lebensabschnittsgeschichte orientiert sich in der Regel die Handlung des Bildungsromans und legt eine weitgehend einsträngige Handlung nahe. Felix Krulls Memoiren sind ausschließlich auf seine Person zugeschnitten. Die Handlung beginnt mit der Kindheit und beschreibt den Werdegang bis ins junge Erwachsenenalter. Wie auch Wilhelm Meister verlässt der junge Protagonist sein Elternhaus und lernt die Welt kennen.

Wenn man versucht seine Entwicklung zu strukturieren, dann hat zunächst Felix Vater Engelbert Krull einen wichtigen Einfluß. Der Vorstand aus "feinbürgerlichem wenn auch liederlichem Hause"12 ist Schaumweinproduzent. Die Qualität dieses Produktes ist jedoch äußerst dürftig, denn dem schönen Schein von Silberdraht, vergoldetem Bindfaden, purpurrotem Lack und feierlichem Rundsiegel kann, so sagt Felix selbst, "die Beschaffenheit des Weines [...] nicht vollkommen [entsprechen]."13 Der schöne Schein ist Grundlage einer gewissen materiellen Existenz der Familie, was der Vater auf die Anschuldigung von Felix Paten Schimmelpreester, eine Giftmischerei zu betreiben, auch freimütig zugibt: "Ich muß billig produzieren [...]. Außerdem sitzt mir die Konkurrenz im Nacken [...] kurz, ich gebe dem Publikum woran es glaubt.14

Nicht dass dies die einzige fragwürdige Tugend bliebe, die Felix von seinen Eltern, die sich "bis zur Erbitterung miteinander langweilten"15 mit auf den Weg bekommen hat. Sexuelle Ausschweifungen, Völlerei, Trunksucht und Prasserei sind an der Tagesordnung. Ob dieses Lotterlebens im Hause Krull verbieten die Eltern möglicher Kameraden Krulls ihnen den Umgang mit ihm. Seine sozialen Kontakte beschränken sich auf seine Familie und vor allem die gemeinschaftlichen Beschäftigungen mit seinem Paten, einem Maler mit falschen Professortitel, bereiten ihm große Freude.

Ein Initiationserlebnis stellt der Theaterbesuch, wo er hinter die Kulissen des Geschäfts mit dem schönen Schein schaut dar:

Dies also, [...] dies verschmierte und aussätzige Individuum ist der Herzensdieb, zu dem soeben die graue Menge emporträumte! Dieser unappetitliche Erdenwurm ist die wahre Gestalt des seligen Falters, in welchem eben noch tausend betrogene Augen die Verwirklichung ihres heimlichen Traumes von Schönheit, Leichtigkeit und Schönheit zu erblicken glaubten!16

Diese Erfahrung ist keine desillusionierende, da Krull vielmehr den Nutzen erkennt, der aus solcher Maskerade zu ziehen ist: Die von "Müller-Rosé verbreitete Lebensfreude"17, selbst durch Täuschung zu spenden, die "Menge das Ideal ihres Herzens in seiner Person erblicken zu lassen und sie dadurch unendlich zu erbauen und zu beleben."18

Um sich in der Welt, die für Krull "eine große und unendlich verlockende Erscheinung [...], welche die süßesten Seligkeiten zu vergeben hat"19, zurechtzufinden, ist der zentrale Lebensinhalt das Hochstaplertum, denn "nur der Betrug hat Aussicht auf Erfolg und lebensvolle Wirkung unter den Menschen."20 Der Anspruch auf individuelle Substanz wird hiermit völlig aufgegeben, die bereits immer wiederkehrende Sehnsucht zur Ich-Losigkeit etwa in Krulls ungewöhnlicher Schlaflust veranlagt, oder die mangelnde Identifikation innerhalb einer Gruppe gleichaltriger Individuen, "träumerische Experimente und Spekulationen"21 und Verkleidungen sind jetzt die Grundlage täglicher Existenz. Die "rückblickende kritsche Prüfung des Wesens und Werden eines Ichs"22 als Beleg für einen wirklichen Entwicklungsvorgang des Protagonisten ist nicht nachweisbar. Felix ist sein Talent zum Rollenspiel schon in die Wiege gelegt worden.

Die schon erwähnte Erfahrung von Ich-Identität als zentrales Merkmal eines Bildungsromans bestätigt sich nicht. Es liegt das Gegenteil dessen vor, denn Felix findet seinen Platz unter den Menschen auch nicht durch Einsicht der Widersprüche zwischen sich und der Gesellschaft, sondern nutzt die Widersprüche innerhalb ihr als Grundlage für seine illusionäre Existenz.23 Hierin finden sich auch Ansätze für eine gesellschaftskritische Lesart.24 Die Bezeichnung als Bildungsromanparodie ist ferner gerechtfertigt dadurch, dass die Übereinstimmung des Helden mit der Welt auf höchst bedenkliche Weise herstellt wird: die Harmonie ist nämlich das Resultat virtuoser Anpassung, perfekter Erfüllung von Erwartungen, das heißt vollkommenen Aufgehens in einer vorentworfenen Rolle. Auf die Frage des Hoteldirektors ob er etwa Sozialist sei, antwortet Krull: "Ich finde die Gesellschaft reizend so wie sie ist, und brenne darauf, ihre Gunst zu gewinnen."25 Der Hochstapler erweist sich damit als paradoxe Erfüllung der fundamentalen Bildungsaufgabe, den Helden in Einklang mit seiner Umwelt zu setzen.26

Welche Bildungserfahrungen macht Felix Krull denn überhaupt? Nach dem Selbstmord des Vaters gelten die glänzenden Schaufenster der Frankfurter Luxusgeschäfte, die noblen Restaurants und Theaterfoyers "seinem begierigen Studium."27 Er bereitet sich mit einem oberflächlichen Wissen der (zumindest materiell) Eingeweihten für seine baldige Rolle des Lebens als Adliger vor. Dieser Bildungsprozess könnte mit einem Schauspieler verglichen werden, der seinen Text für das nächste aufzuführende Theaterstück auswendig lernt. Über die wichtigste Voraussetzung zum ästhetischen Schein, der Schönheit sagt Krull: "Wer die Welt recht liebt, der bildet sich ihr gefällig."28 Nicht nur die Schönheit wird ihm, der "aus feinerem Holz geschnitzt"29 ist, mit auf den Weg gegeben, auch für seine Bildung muß er nicht aktiv weden:

Bildung wird nicht in stumpfer Fron und Plackerei gewonnen, sondern ist Geschenk der

Freiheit und des äußeren Müßigganges; man erringt sie nicht, man atmet sie ein; verborgene Werkzeuge sind ihretwegen tätig, ein geheimer Fleiß der Sinne und des Geistes, welcher sich mit scheinbar völliger Tagedieberei gar wohl verträgt, wirbt stündlich um ihre Güter, und man kann sagen, dass sie dem Erwählten im Schlafe anfliegt.30

Es bleibt zu rekapitulieren, dass man von der Ausbildung einer Individualität hier nicht mehr gut sprechen kann. "Krull ist von Anfang an ,,fertig", auf seine Weise vollkommen. Es gibt keine Distanz des Alters zur Jugend."31 Die verschiedenen Episoden und darin gewonnene Erfahrungen und Kenntnisse sind nicht kausal aufeinander aufgebaut, da es in Krulls Lebensgeschichte auch kein ausgemachtes Ziel gibt, stellt bloß der Protagonist selbst die Konsistenz der Textteile her.

Der offene Schluss der Fabel, die beliebig fortsetzbar erscheint, sowie Krulls häufige Rollenund Ortswechsel, die seine Substanzlose Existenz spiegeln, entsprechen der Form des Schelmenromans.32

Eine Untersuchung der Merkmale des Schelmenromans in den Bekenntnissen erscheint also aussichtsreich.

3.2. Pikareske Elemente

Schelmenromane haben in Europa eine lange Tradition, sie entstanden schon im 16.

Jahrhundert als zweite große Romangattung nach den bis dahin vorherrschenden Ritter- und Abenteuerromanen. In jenen, aus den großen Versromanen des Mittelalters hervorgegangenen Romanarten, steht ein Held, zumeist ein Adliger, im Mittelpunkt, der in der Regel einige schwierige Prüfungen, häufig kriegerischer Art, bestehen muß und am Ende als strahlender Sieger mit Ruhm und Ehre bedacht wird. Zur Realität standen diese Romane in einem nur allzu krassen Gegensatz, die großen Religionskriege nach der Reformation, die Pest, Hungersnöte und schreckliche Armut plagten den Großteil der Bevölkerung. Vor diesem Hintergrund entsteht der Schelmenroman, als negatives Spiegelbild des Ritterromans. Der Protagonist ist ein Antiheld, Betrüger und Landstreicher von niederer Herkunft. Er ist Produkt seiner schlimmen Umwelt. Ein Initiationserlebnis in jungen Jahren wirkt desillusionierend, der Protagonist erkennt die Schlechtigkeit der Gesellschaft, und auf sich allein gestellt kämpft er um das Überleben in einer Welt der Armmut und Lasters.33 Der Prototyp des Schelmenromans ist der 1554 anonym erschienene Lazarillo de Tormes. An ihm lassen sich die meisten inhaltlichen und formalen Merkmale der Gattung aufzeigen: er hat die Form einer Autobiografie, beginnt mit der Schilderung der niederen Herkunft des Protagonisten und seiner familiären Verhältnisse in der Kindheit. Nachdem er die Familie verlassen hat, muß sich der 'Held' durch das Leben schlagen. Die Handlung ist in lockere miteinander verbundene Episoden eingeteilt, zum Ende hin offen und erscheint beliebig fortsetzbar.

Diese groben Wesenszüge lassen sich auch die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull charakterisieren. Eine Nähe zum Schelmenroman ist somit unbestreitbar. Um dieses Verhältnis genauer zu beleuchten lohnt ein genauerer Vergleich mit dem Lazarillo.

Es finden sich bei beiden Elternhäusern frappierende Übereinstimmungen: Lazarillos Vater ist Müller, der, weil er Mehl für sich einbehält, verbannt wird und im Kampf gegen die Mauren fällt; Felix Vater verdient sein Geld, wie gesagt, mit billigem Fusel, die ausschweifende Lebensweise, "die kostbaren Feuerwerke und Diners [geben] ihm als Wirtschafter notwendig den Rest."34 Nach dem Tod beider Väter und Ernährer wählen auch die Frauen ein ähnliches Leben: Lazarillos Mutter geht nach Salamanca und eröffnet dort eine billige Kaschemme; Mutter Krull, "übrigens [...] eine unscheinbare Frau von wenig hervorragenden Geistesgaben"35, geht auf Anregung Schimmelpreeesters mit Felix nach Frankfurt, um dort eine windige Pension zu betreiben. Ab hier trennen sich aber die bisher scheinbar gleichen Wege der zwei Protagonisten. Während Lazarillo von seinen zukünftigen Herren auf das Brutalste ausgebeutet, geschlagen wird und förmlich verhungert: "Als ich drei Wochen bei ihm [seinem zweiten Herrn] war, fühlte ich mich so schwach, dass ich mich vor lauter Hunger kaum auf den Beinen halten konnte."36, hat Krull keine große Not und nennt schon bald so manch "willkommene [silberne] Batzen"37 sein eigen. Äußerst unterschiedlicher Art sind auch die Lehren, die beide von ihren jeweiligen 'Lehrmeistern' machen, denn Lazarillo lernt während seiner Zeit bei dem blinden Bettler vor allem eines: den Haß, den er letztendlich auf seinen Peiniger entlädt.38 Nachdem mit dem Bankrott Engelbert Krulls und seinem Ableben die materielle Grundlage der Familie verloren ist, kommen "die Hinterbliebenen mit [...] [Felix' Mentor] Schimmelpreester zu einer Beratung oder Familienkonferenz zusammen [...]."39 Für die in der Krise der bürgerlichen Existenz steckende Familie weiß er bezeichnenden Rat:

Denn die bunten und lustigen Möglichkeiten des Lebens beginnen so recht erst jenseits jener gründlich aufräumenden Katastrophe, die man treffend den bürgerlichen Tod bezeichnet, und eine der hoffnungsreichsten Lebenslagen ist die, wenn es uns so schlecht geht, dass es uns nicht mehr schlechter gehen kann.40

Die Perspektive für Felix zukünftiges Leben besteht in der Hotellaufbahn, denn die soll ihm, so sein Gönner Schimmelpreester, "das Leben [...] öffnen, zu dem die Oberen ihm mißverständlicherweise keinen ehrenvollen Zugang gewähren [...]."41 Dies wird ihm auch ohne viel Zutun gelingen. Hier liegt ein wichtiger Unterschied zum Lazarillo, denn dieser muß sich jeden noch so kleine Verbesserung seiner Situation hart erkämpfen. Dem Sonntagskind42 Felix fällt von Beginn an praktisch alles in den Schoß.

Dennoch gibt es im zweiten Buch eine wesentliche Veränderung: was Felix während seiner Kindheit und Jugend 'gelernt' oder vielmehr geübt hat, nämlich das Verkleiden und Aufgehen in vorgeprägten Rollen sowie den Diebstahl, kann er jetzt auf der Bühne der sich jetzt vor ihm auftuenden "großen Welt"43 anwenden, denn "er hat kein Geld um an den Freuden der Zivilisation [...] teilzunehmen."44 So kann er die "Szenen der schönen Welt"45 nur durch die Schaufenster genießen und erfährt auf "mühseligen Wanderungen durch die große und kaltherzige, der Armut feindselig gesinnte Stadt"46 eine ihm neue Seite der Realität. Der Gegensatz von Arm und Reich stellt sich angesichts dieser verschwenderischen Pracht besonders drastisch dar, man kann von einem durchaus pikaresken Element sprechen. Aber Krull hinterfragt diesen Gegensatz nicht kritisch, sondern möchte nur möglichst schnell selbst zu dem Kreis der privilegierten Geldaristokratie gehören "und da trennte denn nichts als eine gebrechliche Glasscheibe die Begierde eines frierenden Knaben von allen Schätzen des Märchenlandes."47 Wo Felix bisher weitgehend außerhalb der Gesellschaft lebte, akzeptiert er nun die Regeln der Diktatur des Geldes und verwendet sein Talent als Hochstapler, um sich Zutritt zu ihr zu verschaffen. Dazu nutzt er die offensichtlichen Schwächen dieser aus: er gibt, wie einst sein Vater der Gesellschaft, das woran sie glaubt, und das funktioniert vor allem deshalb so gut, weil der in der Krise befindliche Adel jeden bereitwillig akzeptiert, der die Höherrangigkeit dessen bestätigt. Etwa als er vor dem König von Portugal "die Notwendigkeit einer wohlgestuften Gesellschaftsordnung"48 betont. Hier liegt ein entscheidender Unterschied zum Schelmenroman, der die ungerechten Verhältnisse der Gesellschaft anprangert.

Felix Krull findet die Gesellschaft wie bereits gesagt reizvoll und hat keinerlei Intention daran etwas zu ändern. Weshalb auch, wenn sie ihm für seine Metamorphosen ein dankbares Publikum ist. Was ihm selber gar nicht bewußt ist, dass er trotzdem die Gesellschaft überwindet. Indem er mit List und Vernunft die Schleichwege und versteckten Pfade, die ihn ans Ziel bringen findet, zeigt er die brüchigen Stellen im maroden Bauwerk der Gesellschaft auf.

Wie Lazarillo ist Krull ein Dieb und Betrüger, kommt deshalb auch ins Gefängnis, aber während jener seine Verbrechen aus purer Not begeht, wird dieser vielmehr von den Verlockungen der Geldmacht verführt. Wenn er von Diane Houpflé zum Diebstahl angestiftet wird, hat dieser alles andere als kriminellen Charakter, sondern gehört zum individuellen Rollenspiel.

Felix geht weiter als der Pikaro, der nur frei von den Fesseln der Armut, des Hungers und der sozialen Deklassierung sein will, er ist Individualist aus Sehnsucht nach der Freiheit von allen Bindungen.

4.Schlußbetrachtung

Die Betrachtungen zum Bildungs- wie zum Schelmenroman mündeten jeweils in eine Diskussion der Situation Gesellschaft. Deshalb erscheint mir eine abschließende Betrachtung zum Verhältnis von Felix Krull zur Gesellschaft aufschlußreich. Ein Rückblick auf diese Entwicklung Krulls zeigt, dass er sich nicht wesentlich verändert hat, er bleibt derselbe talentierte "Kostümkopf"49 den ihn einst Schimmelpreester nannte, nur, indem er die wahren Betrüger seiner Zeit, nämlich die demokratiefeindlichen Aristokraten betrügt, gewinnt das Motiv der Hochstapelei einen positiven moralischen Zug. Letztendlich ist das erfolgreiche Leben des Felix Krull ein Sieg der Gerechtigkeit.

5. Bibliografie

5.1. Primärliteratur

Anonym: Das Leben des Lazarillo von Tormes. In: Baader, H.(Hg.): Spanische Schelmenromane. München 1964-1965.

Goethe, Johann Wolfgang von: Wilhelm Meisters Lehrjahre. Stuttgart 1982.

Mann, Thomas: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Frankfurt am Main 1999.

5.2. Sekundärliteratur

Anton, Herbert: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. In: Hansen, Volkmar (Hg.): Interpretationen Thomas Mann Romane und Erzählungen. Stuttgart 1993.

Jacobs, Jürgen: Wilhelm Meister und seine Brüder. Untersuchungen zum deutschen Bildungsroman. München 1983.

Koopmann, Helmut (Hg.): Thomas Mann. Wege der Forschung. Band 335. Darmstadt 1975.

Koopmann, Helmut: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. In: Koopmann, Helmut (Hg.): Thomas Mann Handbuch. Stuttgart 1990.

Kurzke, Hermann: Epoche-Werk-Wirkung. München 1991.

Mayer, Gerhart: Der deutsche Bildungsroman. Von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Stuttgart 1992.

Scharfschwerdt, Jürgen: Thomas Mann und der deutsche Bildungsroman.

Stuttgart 1967. Selbmann, Rolf: Der deutsche Bildungsroman. Stuttgart 1984.

Selbmann, Rolf (Hg.): Zur Geschichte des deutschen Bildungsromans. Wege der Forschung 640. Darmstadt 1988.

[...]


1 Thomas Mann: Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. S. 37. Alle Zitate sind aus der Fischer-Ausgabe 1999, siehe Bibliografie: Primärliteratur.

2 Ebd., S. 37.

3 Ebd., S. 89.

4 Helmut Koopmann: Thomas Mann Handbuch (1990). S. 529: "Dass Felix Krull in die Tradition des deutschen Bildungsromans gehöre ist [...] unumstritten[...]."

5 Hermann Kurzke: Thomas Mann. Epoche-Werk-Wirkung (1991). S.293: "Die [...] Struktur des Krull ist die des Schelmenromans[...]."

6 Rolf Selbmann: Der deutsche Bildungsroman (1984). S. 2.

7 Etwa im Simplicius Simplicissimus.

8 In der Jungen Knaben Spiel (1554) und der Goldtfaden (1557) von Jörg Wickram versteht sich die Lebensgeschichte der Protagonisten als Anschauungsbeispiel für junge Männer aus dem Mittelstand.

9 Rolf Selbmann: Der deutsche Bildungsroman (1984). S. 63f.

10 Helmut Koopmann: Thomas Mann Handbuch (1990). S. 529: "Schon der Zauberberg war [...] [eine] Parodie des Bildungsromans, Felix Krull ist es nicht weniger[...]."

11 Gerhart Mayer: Der deutsche Bildungsroman (1992). S. 19f.

nb Thomas Mann: Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. S. 7.

13 Ebd. S. 10.

14 Ebd.

15 Ebd. S. 19.

16 Ebd. S. 35.

17 Ebd. S. 31. Außerdem: Eine über dem Windfang der Villa der Krulls angebrachte Vorrichtung spielt bei geöffneter Tür das Lied: "Freut euch des Lebens".

18 Ebd. S. 36.

19 Ebd. S. 17.

20 Ebd. S. 39.

21 Ebd. S. 17.

22 Hermann Kurzke: Thomas Mann. Epoche-Werk-Wirkung (1991). S.292.

23 Vor allem die sich in der Auflösung befindliche aristokratische Gesellschaft kommt ihm hier entgegen. Vgl. Brief der Marquise de Venosta in dem sie an einer mittelalterlichen "Gottgewolltheit der Unterschiede zwischen Reich und Arm" festhält. Vgl. auch Kapitel 3.2. dieser Untersuchung.

24 Jürgen Jacobs: Wilhelm Meister und seine Brüder (1983). S. 231f: "Am hintergründigsten zeigt sich die Gesellschaftskritik des Krull wohl darin, dass die moralischen Prinzipien des Bürgertums zur Rechtfertigung einer dubiosen, allem Lebensernst ausweichenden Gaunerexistenz eingesetzt werden und dass deren Geschichte in der von reicher Traditions- Aura umgebenen Form des autobiographischen Bildungsromans dargestellt ist. Die Veräußerlichung der Lebensformen, der Substanzverlust kann kaum anschaulicher gestaltet werden."

25 Thomas Mann: Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. S. 157.

26 Jürgen Jacobs: Wilhelm Meister und seine Brüder (1983). S. 231.

27 Thomas Mann: Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. S. 82.

28 Ebd. S. 71.

29 Ebd. S. 15.

30 Ebd. S. 80.

31 Hermann Kurzke: Thomas Mann. Epoche-Werk-Wirkung (1991). S.292.

32 Gerhart Mayer: Der deutsche Bildungsroman (1992). S. 266f.

33 Vgl. Vorlesung: "Grundzüge der Gattungspoetik: Die erzählerischen Großformen: Epos und Roman" gehalten von Prof. Dr. Jochen Schmidt am 15.12.1999 an der Albert-Ludwigs- Universität Freiburg.

34 Thomas Mann: Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. S. 21.

35 Ebd. S. 18.

36 Anonym: Das Leben des Lazarillo de Tormes. In: H. Baader (Hg.): Spanische Schelmenromane (1964-1965). Zwei Bände, I.

37 Thomas Mann: Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. S. 88.

38 Lazarillo läßt seinen blinden Herrn, der ihn grausam quälte, unter dem Vorwand über einen Bach springen zu sollen, gegen eine Steinsäule springen, an der er sich den Kopf einschlägt.

39 Thomas Mann: Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. S. 71.

40 Ebd. S. 72.

41 Ebd. S. 74.

42 Thomas Mann: Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. S. 11: "ich [wurde] an [...] einem Sonntage [...] geboren."

43 Ebd. S. 75.

44 Ebd. S. 81.

45 Ebd. S. 85.

46 Ebd. S. 77.

47 Ebd. S. 83f.

48 Ebd. S. 348.

49 Ebd. S. 26.

13 von 13 Seiten

Details

Titel
Thomas Manns Felix Krull - ein gebildeter Schelm? Parodie auf Schelmen- und Bildungsroman
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Autor
Jahr
2000
Seiten
13
Katalognummer
V101383
Dateigröße
411 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thomas, Manns, Felix, Krull, Schelm, Parodie, Schelmen-, Bildungsroman
Arbeit zitieren
Thomas Armbruster (Autor), 2000, Thomas Manns Felix Krull - ein gebildeter Schelm? Parodie auf Schelmen- und Bildungsroman, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/101383

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